Kunst mit dem Telefonbuch? – Ein Kommentar zur Debatte um die von Kulturstaatsekretär Tim Renner geplante Neubesetzung der Berliner Volksbühne.

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Es gibt den Spruch unter Theaterleuten, dass gute Schauspieler auf der Bühne das Publikum fesseln können, selbst wenn sie aus dem Telefonbuch vorlesen würden. Ungefähr das muss Tim Renner, dem neuen Berliner Kulturstaatsekretär, vorgeschwebt haben, als er den Ex-HAU- und designierten Intendanten der Münchner Kammerspiele Matthias Lilienthal vom dicken Telefonbuch des Kuratoren der Tate Modern in London Chris Dercon sprechen hörte. Er will ihn nun mit der Leitung der Berliner Volksbühne betrauen. Deren bisheriger Kopf Frank Castorf wird nach 25 Jahren Intendanz 2017 von Renner in Rente geschickt. Nur gehören zu den Nummern in so einem Telefonbuch natürlich auch Personen und Gesichter. Diese zu nennen, ist Tim Renner bisher schuldig geblieben. Er wollte es am 30. April nachholen. Nun wird der Regierende Bürgermeister Michael Müller, dem die Querelen um Renner wohl langsam reichen, und da er eigentlich von Amts wegen auch Kultursenator ist, bereits morgen die Personalie bekanntgeben und über die Pläne für die Volksbühne informieren. Man darf also gespannt sein.

Streitfall Volksbühne - Foto: St. B.

Streitfall VolksbühneFoto: St. B.

Durchgesickert ist bisher nur, dass hinter den Nummern mit denen Dercon sich umgeben will, die Namen von international agierenden Choreografen wie Anne Teresa de Keersmaeker und Boris Charmatz stehen sollen. Deren Arbeiten sind in Berlin aus dem HAU und von den Foreign Affairs bestens bekannt. Sie sind sicher gut, aber so neu nun auch wieder nicht. Die Zeichen stehen also nicht nur auf Sturm sondern zeigen deutlich in Richtung Tanz. Alles nur reine Spekulationen rund um die Zukunft des traditionsreichen Hauses am Rosa-Luxemburg-Platz, wie andere behaupten, um damit den Kritikern an Renners Umbauplänen, die von diesen schon mal recht massiv als mit der Abrissbirne daherkommend bezeichnet werden, den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Tim Renner: Rudolf Simon (Wikipedia)

Stein des Anstoßes, Kulturstaatssekretär Tim RennerFoto (c) Rudolf Simon (Wikipedia)

Renner möchte das Schauspielensemble der Volksbühne zwar erhalten, nur würde das an einem reinen Tanztheater nicht mehr gebraucht werden. Fünf Millionen Euro zusätzlich soll es für Dercon geben. Diese werden mit Sicherheit allein für die geplante Bespielung des Flughafens Tempelhof drauf gehen. Geld, was die Freie Szene Berlins und das HAU viel dringender benötigt. Was am Haupthaus passieren soll, steht derweil noch in den Sternen. Der dringend ein Haus suchenden Sasha Waltz Compagnie wollte man keins geben und auch als Chefin des Berliner Staatsopernballetts war die international anerkannte Choreografin nicht gut genug. Kann sein, dass Tim Renner nun die verfehlte Kulturpolitik seiner Vorgänger in Sachen Tanz und Freie Szene aufarbeiten muss. Die Schnellschüsse an der momentan gut gehenden Volksbühne begründet das noch lange nicht. Da muss die Berliner Kulturpolitik morgen schon einen veritablen Hasen aus dem Zylinder zaubern.

Es tobt also ein regelrechter Kulturkampf in der Hauptstadt, die leider schon lange nicht mehr als die des Theaters bezeichnet werden kann. Fakt ist, weder das DT noch die Schaubühne und schon gleich gar nicht Claus Peymanns BE senden im Moment größere Impulse in Sachen innovative und relevante Theaterkunst aus. Natürlich lässt sich darüber immer trefflich streiten, nur würde niemand auf die Idee kommen, diese Häuser von Grund auf umzukrempeln. Streiten wollte sicher auch Claus Peymann, der nach Bekanntwerden von Teilen der Renner‘schen Pläne den Kulturstaatssekretär in einem offenen Brief zur „größten Fehlbesetzung des Jahrzehnts“ kürte. Offene Briefe sind etwas feines, man kann damit ziemlich wirksam die eigene Meinung zum Problem anderer Leute machen. Für Diskussionsstoff ist jedenfalls reichlich gesorgt. Dass nun mit Ulrich Khuon, Joachim Lux und Martin Kusej auch noch drei Intendanten großer deutscher Theaterhäuser einen Brief nachschieben und selbst Jürgen Flimm von der Staatsoper sich bemüßigt fühlt, einen Kommentar zum Thema Eventtheater beizusteuern, zeigt, dass ihnen der Umschwung doch sehr weitreichend für das herkömmliche Repertoire- und Ensembletheater erscheint.

Volksbühne - Foto: St. B.

Ist die Volksbühne ein Sanierungsfall?
Foto: St. B.

„Glauben die Leute wirklich, die Kulturverwaltung und der Renner könnten sich die Volksbühne als Diskothek vorstellen?“ hat Tim Renner in einem Interview mit der Berliner Zeitung erstaunt gefragt. Im Grunde genommen ja, zumindest befürchten das einige. Die Volksbühne ist nun mal eben kein hipper Plattenladen im angesagten Kreuzkölln, in dem man die Label einfach so nach Trend und Geschmack austauscht. Zumal das nicht Not tut, da das alte Theaterlabor Volksbühne im Moment seinen zweiten oder von mir aus auch dritten Frühling erlebt. Aber Tim Renner scheint gewillt, sein Ding durchzuziehen, gleich einem autistischen DJ, der die Wünsche aus dem Publikum ignoriert. Vermutlich auch deshalb, weil er schon aus Prinzip keine Schelllackplatten mehr auflegen will.

Die greisen Warner werden also nach Gusto Renner abserviert, mit dem Hinweis sich doch mal eine neue Hose zu kaufen. Das hat der Peymann nun davon. Wer den Schaden erkennt, braucht für den Spott nicht mehr zu sorgen. Oder wie hieß das noch gleich? Der Tagesspiegel schreibt zur larmoyanten Art dieser alten Männer, die noch jede Debatte an sich zu reißen versuchen und der Jugend außer der Zerstörung von Traditionen oder gleich der ganzen Welt nichts weiter zutrauen: „Wer einen Hammer hat, sieht überall Nägel.“ Aber ist es denn nicht eher so, dass, wer den Hammer nicht sieht, bald selbst am Nagel hängt? Wer die Augen vor den Problemen verschließt, dämmert weg, und es ist unwahrscheinlich, dass sie einem später vor Freude übergehen werden, wenn das Laborexperiment Renners in die schicke neue Hose gegangen ist. Der Schaden an der Volksbühne wäre in jedem Fall irreversibel. Ein wenig Vorsicht beim Renovieren scheint da durchaus angebracht.

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