Hühnerdreck und Visionen – Nurkan Erpulat inszeniert Anton Tschechows „Onkel Wanja“ als Fall von permanenter Arbeitsmigration.

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Nurkan Erpulat ist der Experte für das Abklopfen von klassischen Theaterstoffen auf postmigrantische Spuren. Das hat er schon bestens mit Kafkas Schloss am DT oder dem Kirschgarten von Anton Tschechow bewiesen. Mit letzterem eröffnete er das neue Gorki Theater unter der Intendanz von Shermin Langhoff. Nun greift er wieder auf den russischen Dramatiker zurück und unterzieht dessen Onkel Wanja einer genaueren Untersuchung. Dass er da fündig werden könnte, hätte man auf den ersten Blick nicht vermutet. Es ist dann auch eher der zweite, aber selbst dieser hat es dann durchaus in sich.

Maxim Gorki Theater Berlin - Foto: St. B.

Maxim Gorki Theater Berlin – Foto: St. B.

Zitat Programmzettel: „Wie oft endet der Aufbruch in ein vermeintlich besseres Leben mit unermüdlicher Arbeit, die der Natur des Aufgebrochenen widerspricht und ihn deshalb jeden Tag ein Stück mehr zerstört – nicht die Arbeit an sich widerstrebt der Natur, sondern die aus Zwang verrichtete Arbeit in einer Gesellschaft, die alle Türen zu mir selbst versperrt.“ (Deniz Utlu, Onkel Wanja lesend) – Eine Adaption  des Romans Die Ungehaltenen von freitext-Herausgeber Deniz Utlu wird Ende Mai im Gorki  Studio uraufgeführt werden.

Damit ist dann auch tatsächliche nicht nur der Migrant gemeint, der in Deutschland oder anderswo nicht in dem Beruf Fuß fassen kann, der seiner Berufung entspricht, sondern jeder, der außerhalb seiner kreativen Möglichkeiten auf einen Broterwerb angewiesen ist oder aus anderen Gründen nicht das Leben führt, zu dem es ihn eigentlich hinzieht. Also wann bin ich in ein Leben verstrickt, was nicht meins ist? Nun, wenn sich jeder diese Frage ehrlich beantworten würde, hätten wir vermutlich ein Land voller Arbeitsmigranten, die im Grunde nicht das tun, was sie eigentlich wollen. „Ein Beruf fern meiner Berufung“, wie es Deniz Utlu bezeichnet. Steile These, die man erstmal verdauen muss. Schaut und hört man dann aber bei Tschechows Onkel Wanja genau hin, kann man diese unfreiwillig Verstrickten überall finden.

Onkel Wanja - Foto © Esra Rotthoff

Foto © Esra Rotthoff

Es beginnt mit einem wortlosen Gartenfest an einer Tafel mit Lichterkette vor der Videoprojektion eines Waldes. Das Ensemble schaut irgendwann lange in den Zuschauerraum. Was dann meist auch bedeuten soll: Achtung, jetzt seid ihr gemeint. Dann aber geht es auch schon los mit den Klagen. Der Arzt Astrow (Dimitrij Schad) hat keinen Spaß mehr an seinem Beruf, fühlt sich abgestumpft und ergibt sich gelangweilt dem Suff. Seine Leidenschaft, die Erhaltung der Natur, interessiert niemanden, besonders nicht seinen einzigen Freund Wanja (Tim Porath), der ebenfalls säuft, seiner Jugend nachtrauert und bedauert nicht gelebt zu haben. Das Buch, das der verhinderte Dostojewskij bei Tschechow noch schreiben wollte, schleppt er hier irgendwann seitenweise an, ohne jegliches Interesse damit zu erwecken.

Als Katalysator und Hoffnungsträgerin, dass es da in der Tristesse des Alltags noch etwas geben könnte, was einem Mut zum Weitermachen gibt, fungiert die schöne Jelena (Anastasia Gubareva), die den Männern den Kopf verdreht, aber an den alten Professor Serebrjakow (Falilou Seck) gebunden ist. Jelena hat für den Professor ihre Gesangskarriere aufgegeben und übt sich nun im Müßiggang und Aushalten der Launen des alternden Mannes. Dass sie dabei wirklich glücklich ist, glaubt ihr eigentlich von Anfang an niemand.

Im Sich-etwas-Vormachen sind hier übrigens alle Meister, allen voran die alte Wojnizkaja (Ruth Reinecke), Mutter von Wanja, die den Professor und Mann ihrer verstorbenen Tochter noch immer verehrt. Wanja und sie haben alle seine Texte gelesen, abgeschrieben und jeden Rubel aus dem Landgut, auf das der Professor nun zurückgekehrt ist, weil er kein Geld für das Stadtleben hat, für ihn aufgespart. Falilou Seck spielt ihn als gescheiterten Menschen, der in der Nachtszene, in der er bei Tschechow über seine Schmerzen klagt, noch einen angstverzerrten Monolog eines alternden Schauspieler hält und verzweifelt nach der Tapetentür in der Rückwand sucht. Dazu fährt die Technik einen großen Scheinwerfer herunter wie zur Demonstration der Künstlichkeit dieses Lebens.

Sonja (Mareike Beykirch), die Tochter des Professors aus erster Ehe, hat es noch schwerer getroffen. Sie schleppt neben der unerfüllten Liebe zum Arzt Astrow auch das Trauma eines Kofferkindes mit sich rum. Diese Besonderheit vieler Kinder türkischer Arbeitsmigranten, die ihre Eltern nur im Sommer in den Ferien zu Gesicht bekamen, baut Regisseur Erpulat zusätzlich ein. Es hätte ihrer zur Beglaubigung der Eingangsthese nicht bedurft. Mareike Beykirch macht aus ihrer Rolle aber eine beeindruckende Performance.

Überhaupt liefern die Gorki-Schauspieler wieder eine gute, geschlossene Ensembleleistung ab, die noch von Sema Poyraz als alte Nanja und Marina Frenk als grün gekleideten, kauzigen Telegin am Klavier ergänzt wird. Zwischen den obligatorischen Wutausbrüchen Wanjas mit der Pistole in der Hand, wodkaseligen Schwüren und dem Schwadronieren über Visionen singt das Ensemble immer wieder schön-melancholisch russische und türkische Lieder. Und die Saufkumpane Wanja und Astrow suchen ihre verlorenen Visionen im Hühnerdreck bei echten Hühnern, die ihnen freundlich zugackern. Bei den langen Verabschiedungen und den elegischen Abschlussworten Sonjas fügt sich alles wieder in die Ablenkung der ungeliebten Arbeit wie in eine traurige „Liebkosung“ des Unvermeidbaren. Diese Inszenierung wirkt damit fast schon klassisch. Nurkan Erpulat scheint endgültig angekommen im bürgerlichen Stadttheater.

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Onkel Wanja
von Anton Tschechow
Übersetzung aus dem Russischen von Peter Urban
Regie: Nurkan Erpulat, Bühne: Alissa Kolbusch, Kostüme: Elke von Sivers, Musik: Sinem Altan, Lichtdesign: Hans Leser, Dramaturgie: Ludwig Haugk
Darsteller:
Alexandrowna (Sonja): Mareike Beykirch, Ilja Iljitsch Telegin: Marina Frenk, Jelena Andrejewna: Anastasia Gubareva, Iwan Petrowitsch Wojnizkij (Onkel Wanja): Tim Porath, Marina: Sema Poyraz, Maria Wassiljewna Wojnizkaja: Ruth Reinecke, Michail Lwowitsch Astrow: Dimitrij Schaad, Alexander Wladimirowitsch Serebrjakow: Falilou Seck

Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

Premiere war am 02.04.2015 am Maxim Gorki Theater Berlin

Termine: 10.05., 17.05., 26.06. und 30.06.2015

Infos: http://www.gorki.de/spielplan/onkel-wanja/1481/

Zuerst erschienen am 05.05.2015 auf Kultura-Extra.

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