Die „Clavigo“ – Stephan Kimmig gendert Goethe am Deutschen Theater Berlin

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Clavigo am DT Berlin - (C) Arno Declair

Susanne Wolff ist Clavigo am DT Berlin
(C) Arno Declair

Stephan Kimmig wollte nicht die hundertste Version einer Geschichte inszenieren, in der ein Mann eine Frau wegen der Karriere sitzen lässt, heißt es aus Kreisen der DT-Dramaturgie zu seiner im Juli bei den Salzburger Festspielen herausgekommenen Clavigo-Version nach Goethe. Kann man verstehen. Auch wenn sich die großen Stürmer und Dränger Goethe, Schiller und Co. das Sprengen der Konventionen sowie Gleichberechtigung und Menschenrechte gegen absolutistische Willkür auf die Fahnen geschrieben hatten, steht das vermeintlich schwächere Geschlecht in ihrer Dramen meist leidend, betrogen oder schmählich verlassen am Bühnenrand rum und hat zu sterben. Also warum in Zeiten fortschreitender Emanzipation und Genderswitching nicht mal die Rollen zumindest auf der Bühne vertauschen. Was in der heutigen grellbunten Show- und Medienwelt dann eigentlich auch kein wirklicher Aufreger mehr ist. Kunst und Gender sind im Mainstream angekommen. Ist das Pop, oder kann das weg?

Vom irisch-englischen Staatsmann der Aufklärung und Vordenker des parlamentarischen Konservatismus Edmund Burke (1729-1797) ist folgendes Bonmot zum Fortschritt der Gleichberechtigung der Männer in Amerika bekannt: „Wirbelstürme tragen jetzt auch männliche Namen!“ Das bedeutet in der Lesart von DT-Hausregisseur Stephan Kimmig: Männliche Vornamen können jetzt auch Frauen tragen und umgekehrt. Wenn schon metro, dann doch bitte geschlechterübergreifend. Ein Wirbelstürmer und -dränger kann aber auch leicht zum lauen Lüftchen verkommen. So ein gewendetes Sturmtief, wie man es heute in Europa nennt, fegte nun in gebremster und leicht verkürzter Form über die Bühne des Deutschen Theaters in Berlin.

Der nach Höhen-Luft ringende Journalist und aufstrebende Künstler-Genius Clavigo ist hier eine Frau in vielerlei Gewändern und wird von der recht vielseitigen Schauspielerin Susanne Wolff dargestellt. Dabei ist nicht eindeutig, welche Art von Kunst sie wirklich betreibt. Sängerin, Performerin, Entertainerin oder Anchorwoman – man möge sich etwas aus dem breiten Repertoire der Kunst- und Medienbranche aussuchen. Was sie performt, ist dann auch  fast schon egal, um nicht zu sagen beliebig austauschbar und mit elektronischer Dauerbeschallung der Musikerin Pollyester unterlegt. Um Eindeutigkeit geht es Kimmig nur insoweit, als hier alle Geschlechter gegen den im Stück vorgeschriebenen Rollenstrich besetzt sind. Das ist dann aber auch schon alles und wirkt dementsprechend arg auf diese Regieidee hin gedrechselt. Die Medienkritik, auf die das Stück auch abhebt, bleibt hier in Form eines schlaffen Heißluftballons auf dem Bühnenboden kleben. Eine pop-mediale Luftnummer eben.

 

Clavigo am DT Berlin - (C) Arno Declair

Clavigo am DT Berlin – (C) Arno Declair

 

Unsere Medien-Kunst-Frau – zumindest behauptet Clavigo mal alle möglichen Typen von Frau zu sein – hat nach erfolgtem Aufstieg („Mein Werk begeistert…“) ihren blassen Verlobten Marie (Marcel Kohler) und ehemaligen Quell der Inspiration abgelegt, um frei zu sein für Höheres („Mir geht in der Welt nichts über mich.“). Der Verschmähte schmachtet und sieht dabei ganz in schwarz mit dickem Kajal um die Augen wie ein depressiver Grufti aus. Er singt dabei düsteren Flower-Power-Pop von Kit Ream oder leidet mit „Jesus Blood Never Failed Me Yet“ von Gavin Bryars. Daraufhin ringt Maries Bruder/Schwester Beaumarchais (Kathleen Morgeneyer) wie ein wütender Sponti im Parka dem betrügerischen Lügenjournalisten ein Geständnis seiner schändlichen Tat vor laufender Kamera ab. Nebenbei muss Morgeneyer auch noch eine traurige Karikatur im Abendkleid mimen. Kimmig möchte nämlich die Salzburger Festspiele zusätzlich als medienrummelndes Charity-Unternehmen entlarven, das sich mit Künstlern schmückt, aber unbequeme Redner wie den Schweizer Globalisierungskritiker Jean Ziegler schnell wieder auslädt. Zitate aus seiner Rede sind hier nun nachträglich zu hören.

Regisseur Kimmig und seine Dramaturgin sind aber noch auf weiteres, ihnen passend erscheinendes Goethe-Material gestoßen und streuen dieses immer wieder lose in Zitaten und Spielszenen ein. So muss z.B. wieder Kathleen Morgeneyer einer Jugendsünde Goethes wegen im Würstchen-Röckchen á la Josephine Baker etwas aus dessen früher Farce Hanswursts Hochzeit zum Besten geben. Eine Reflexion des damals selbst aufstrebenden Dichters bezüglich seiner gesellschaftlichen Stellung und Verlobung mit einer Dame aus vornehmem Hause. Also alles originaler Goethe, wie Moritz Grove als Clavigos Freund Carlos erklärt und als einziger sein angestammtes Rollengeschlecht behalten darf. Er sieht des königlichen Wuchses ersten Schuss in Gefahr und redet der von Zweifeln beladenen Kumpanin ins mitleidige Künstlerinnengewissen, die erbärmliche Leidenschaft zu Marie doch endlich abzulegen.

Ohne Susanne Wolffs darstellerisches Talent schmälern zu wollen, gerät Grove damit zum eigentlichen Star der Inszenierung, die zum Ego- und Karrieredurchbruch der Titelheldin dann doch die Hilfe eines recht skrupellos gezeichneten, männlichen Vordenkers braucht. So nimmt denn alles auch sein vorbestimmtes Ende, das sich bedeutungsschwanger in stummen Schwarz-Weiß-Videobildern ankündigt und von Marie mit Lippenstift auf einen Spiegel geschrieben wird. Auch wenn alle am Schluss noch ein wenig närrisch mit Clownsnasen um den Ballon tanzen, Kimmig kann Goethes Trauerspielrahmen nicht vollends abstreifen und stürzt seine Inszenierung doch wieder nur ins leidige Gendertroubling. Das Switchen der Geschlechter geht nicht wirklich zielführend in einen Erkenntnisgewinn über. Liebe oder Karriere – so oder so. Einer leidet immer, und wenn es am Ende das Publikum ist.

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Clavigo (Deutsches Theater, 17.11.2015)
nach Johann Wolfgang Goethe
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Eva-Maria Bauer, Kostüme: Johanna Pfau, Musik: Pollyester, Video: Julian Krubasik, Lambert Strehlke, Dramaturgie: Sonja Anders
Mit: Susanne Wolff, Moritz Grove, Kathleen Morgeneyer, Marcel Kohler, Franziska Machens
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
Eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen

Berlin-Premiere war am 13. November 2015

Termine: 23.11., 06. und 18.12.2015

Infos: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 19.11.2015 auf Kultura-Extra.

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