Willkommenskultur auf Hanseatisch – Wie an vielen Bühnen des Landes versucht man auch im Thalia Theater und Deutschen Schauspielhaus Hamburg das Thema „Flüchtlinge“ künstlerisch anzugehen

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Thalia Theater Hamburg_2015

Flüchtlings-Kampagne am Thalia Theater Hamburg – Foto: St. B.

„Flüchtlinge“ ist das Wort des Jahres 2015. Die Gesellschaft für deutsche Sprache berücksichtigt damit, dass eines der beherrschenden Themen des ausklingenden Jahres in den Mittelpunkt unseres Sprachgebrauchs gerückt ist. Der Suffix -ling klinge außerdem „für sprachsensible Ohren tendenziell abschätzig“. Platz zwei der Wahl belegt die sehr populäre und zudem eher positiv gemeinte Solidaritätsbekundung „Je suis Charlie“. Nach den neuerlichen Anschlägen des IS in Paris käme durchaus auch das Wort „Terroristen“ in Frage. Fakt ist, dass momentan selbst in den deutschen Theatern kaum jemand an den Themen Flucht und Asyl vorbeikommt. Das Herangehen an diese gesellschaftliche Herausforderung ist dabei äußerst vielgestaltig und reicht von Statements auf der Bühne mit Spendenaufrufen, über direkte Hilfe wie das Aufnehmen von Flüchtlingen und deren Versorgung, bis zur künstlerischen Verarbeitung in verschiedensten Formen wie dem Doku-Theater, der Gegenwartsdramatik oder Klassikerbearbeitung. Dabei wird zurzeit heiß debattiert, ob das Engagement der Theaterhäuser für die Flüchtlinge, die täglich in den Städten Europas angekommen, tatsächlich über eine rein künstlerische Beschäftigung mit dem Thema hinausgehen sollte.

Zwei bekannte Theaterregisseure haben sich nun mit ganz klaren Bekenntnissen hervorgetan und die verbissen geführte Debatte weiter befeuert. So bringt der lettische Regisseur Alvis Hermanis in seiner viel kommentierten Stellungnahme zur Aufkündigung der Zusammenarbeit mit dem Thalia Theater Hamburg sogar die Worte Flüchtlinge und Terroristen unmittelbar in einen Zusammenhang. Für ihn schließe sich eine gleichzeitige Unterstützung von Terroristen und den Pariser Opfern aus. „Zwar seien nicht alle Flüchtlinge Terroristen, aber alle Terroristen seien Flüchtlinge oder deren Kinder.“ wird Hermanis zitiert. Der Regisseur halte zudem die deutsche Begeisterung, die Grenzen für die Flüchtlinge zu öffnen, für extrem gefährlich für ganz Europa. Man sei im Krieg und müsse sich für eine Seite entscheiden. Leider verwechselt Hermanis dabei nicht nur ehrliches Engagement mit „political correctness“ sondern auch noch Opfer und Täter. Eine künstlerische Zukunft an deutschen Theatern wird so für Hermanis wohl derzeit eher fraglich sein.

 

Staatstheater Cottbus_Nov. 2015-2

Transparent am Staatstheater Cottbus – Foto: St. B.

 

Auch Michael Thalheimer geißelt in mehreren Interviews mit deutschen Zeitungen den zunehmend politischen Aktionismus der Regisseure, die sich damit einerseits dem Zeitgeist anbiedern und andererseits die Aufgaben des Theaters ignorieren. „Es ist Mode geworden, Aufgaben zu übernehmen, für die andere Institutionen zuständig sind. Wenn neue Intendanten ihr Programm vorstellen, habe ich häufig den Eindruck, dass Amnesty International, die Obdachlosenhilfe und das Flüchtlingshilfswerk einen gemeinsamen Zukunftsort kreiert haben.“ sagte Thalheimer im Wiesbadener Kurier. Auch im Interview mit dem Freitag sprach er davon, wie sich die Theater in diese sozialen Projekte verliebten, „die nichts anderes sind als eitle Pose“. Damit schaffe sich das Theater ab. Thalheimer plädiert für die Rückbesinnung auf „archetypische Aufgaben“ des Theaters wie auf Text, Ensemble, Schauspielkunst und: „Auf große Stoffe, die mit Öffentlichkeit nur in diesem Theatron stattfinden können, der damit zum großen Denk und Diskursraum wird.“ Selbst ist der Regisseur mit einer sehr pathetischen und künstlerisch strengen Inszenierung von Elfriede Jelineks Flüchtlingsstück Die Schutzbefohlenen am Wiener Burgtheater aufgefallen. Ab 2017 wird Thalheimer mit dem Intendanten Oliver Reese und dem Dramatiker Moritz Rinke die Nachfolge von Claus Peymann am Berliner Ensemble antreten. An der Schaubühne wird er im Mai 2016 Schillers Wallenstein inszenieren.

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(Fellinis) Schiff der Träume – In der Regie von Intendantin Karin Beier legt sich der alte Dampfer Deutsches Schauspielhaus schräg und wird prompt multikulturell geentert.

Nicht verbissen, didaktisch oder mit großem Pathos, sondern eher heiter ironisch sollte es zum ernsten Thema Flüchtlinge auf dem alten Dampfer Deutsches Schauspielhaus Hamburg zugehen. Das größte Theater Deutschlands am Rande des multiethnischen Problemkiezes Sankt Georg bekennt sich wie das Thalia Theater in der Nähe der Binnenalster zu einer unterstützenden Willkommenskultur. So unterhält man vor dem benachbarten Hamburger Hauptbahnhof ein kleines Zeltlager, in dem die ankommenden Flüchtlinge von freiwilligen Helfern erstversorgt werden. Für den künstlerischen Output des Schauspielhauses hat sich Intendantin Karin Beier von Federico Fellinis 1983 gedrehtem Film E La Nave Va inspirieren lassen.

 

Schiff der Träume am Deutschen Schauspielhaus Hamburg - Foto: St. B.

Schiff der Träume am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto: St. B.

 

Ein ebenso passendes wie heiter ironisches Spätwerk des berühmten italienischen Regisseurs, in dem die alte dekadente Welt Europas kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit einem Vergnügungsdampfer zu einer Totenfahrt in der Ägäis aufbricht, um dort die Asche einer verstorbenen Operndiva ins Meer zu streuen. Unterwegs nimmt die illustre Gesellschaft schiffbrüchige Insassen aus serbischen Flüchtlingsbooten auf und muss sie später an ein österreichisches Kriegsschiff übergeben. Dabei kommt es zu einer Explosion in deren Folge das Kreuzfahrtschiff untergeht. Kurz: Ein Schiff aus der alten, westlichen Welt, zieht dahin wie in einem Traum, kollidierte kurz mit der Gegenwart und versinkt, als wäre nichts gewesen. Eine Metapher Fellinis für das untergehende Europa. Parallelen zur heutigen Zeit drängen sich da geradezu auf. Man muss dem nicht mehr allzu viel hinzufügen.

Dennoch hat Karin Beier den Plot entsprechend angepasst und unmittelbar in die Gegenwart geholt. Keine alte Operndiva sondern die Asche des Dirigenten Wolfgang fährt nun auf der CS Europa Cultural Cruising mit den versnobten Mitgliedern seines Orchesters ins Mittelmeer. Der ambitionierte stellvertretende Dirigent Karsten Schröder (Charly Hübner) übt mit ihnen beständig das letzte Werk des Meisters Human Rights Nr. 4. Das durchaus musikalisch versierte Ensemble setzt sich hier aus Teilen der Marthaler-Familie zusammen. Josef Ostendorf, Sasha Rau und Bettina Stucky stehen hier beispielhaft für den vorherrschend ironisch langsamen Ton der Inszenierung. Aber auch die anderen Ensemble-SchauspierInnen wie Yorck Dippe, Josefine Israel, Jan-Peter Kampwirth, Kathrin Wehlisch, Julia Wieninger, Michael Wittenborn sowie die Opernsängerin Rosemary Hardy glänzen hier mit musikalischem und komödiantischem Talent. Als weiterer schöner Running Gag tritt die Schauspielerin Lina Beckmann als sprachgehandicapte Servicekraft „Arschtritt“ auf.

Schiff der Träume am Deutschen Schauspielhaus Hamburg - Foto Schaukasten

Schaukasten am Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Foto: St. B.

Die verwendeten Texte speisen sich nicht mehr nur aus der filmischen Vorlage, das Team um Karin Beier hat sich auch von anderer Autoren wie Rainer Maria Rilke, David Foster Wallace oder Alexander Kluge inspirieren lassen und Fellinis subtil humorvolles Meisterwerk damit überschrieben. Wenn das illustre Orchesterpersonal nicht gerade moderne Musikvariationen im Stile von Edgar Varèse oder Luigi Nono intoniert, Witzchen übers vegane Essen macht, oder über den Sinn des Lebens ohne Musik sinniert, übt es sich in allerlei Überheblichkeiten, Schmähungen und persönlichen Sticheleien. Die melancholische bis depressive Gesellschaft ergötzt sich an romantischen Todesfantasien wie Rilkes Erster Elegie (Das Totsein ist mühsam…), zitiert aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 und diskutiert über den Zusammenhang von Kunst und Gesellschaftskritik. Michael Wittenborn hält einen abstrusen Forschungsvortrag über afrikanische Klick-Laute und Charly Hübner balsamiert sich zur Freude des Publikums in einem Slapstick mit der Asche des Meisters ein. Kurz: Der humanistische Bildungsbürger steckt in einer tiefen Sinnkrise.

Aus dieser Sackgasse kann er freilich nur durch etwas frischen Wind befreit werden. Der kommt dann kurz vor der Pause mit fünf afrikanischen Tänzern und Performern aus dem Umfeld der bekannten Choreografen Gintersdorfer/Klaßen. Das Rezept heißt hier Heilung durch permanenten Wandel. Und das leben nun Gotta Depri, Patrick Joseph, Ibrahima Sanogo, Michael Sengazi und Sayouba Sigué auf der Bühne aus und vor. Sie, die hier Fellinis Eindringlinge aus der Realität als afrikanische Flüchtlinge darstellen, entern das Schiff der halbtoten Träumer und mischen Insassen wie Schauspielhaus-Publikum kräftig auf. Eine frohgemute Zuwanderung inklusive kultureller Bereicherung als frontal verabreichte Frischzellenkur. Neue Gene für den schlaffen Volkskörper sozusagen. Die Deutschen werden hier als depressives, den Tod verdrängendes Volk dargestellt, das seine Alten in Heime abschiebt und dank Kinderlosigkeit zu den Aussterbenden Arten zählt. Das ist zunächst recht provokativ gemeint. Allerdings sind Hip Hop und Breakdance dann irgendwie auch nicht mehr das, was einen Hochkultur-Schlaffie wirklich noch aus dem Theatersessel stoßen könnte.

Die fünf Performer gehen dann durchaus noch einen Schritt weiter und prüfen das anwesende Publikum mit einem Multiple-Choice-Fragespiel auf multikulturelle Tauglichkeit und Kenntnis der aktuellen Flüchtlingspolitik. Schließlich drohen sie noch das deutsche Theatersystem zu übernehmen, um nur noch Klassiker ohne Nackte zu spielen. Ein fröhlich chaotischer Wirklichkeitsschub, der, wenn man so will, in ein umgekehrtes Integrationstraining für gelernte Abendländer mündet. Das „Requiem für ein realitätsblindes und daher zum Untergang verurteiltes Europa“ – laut Karin Beier – bekommt so noch einen realitätsbildenden Nachklang, der aber hin und wieder ruhig mal mehr in Richtung Utopia abdriften könnte. Es gäbe da sicher noch Platz im Möglichkeitsraum des alten Theatertankers. Karin Beiers Inszenierung greift hier auch nur einmal mehr auf das ironische Überhöhen der üblichen Stereotypen und Mentalitätsunterschiede zurück. Eine echte kulturelle Begegnung auf Augenhöhe bleibt weiterhin ein noch einzulösendes Versprechen auf die Zukunft. Noch gibt man die ungebetenen Eindringlinge dann doch lieber wieder bei einem isländischen Frontex-Patrouillenboot ab.

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Schiff der Träume
Ein europäisches Requiem nach Federico Fellini
Textfassung: Karin Beier, Stefanie Carp, Christian Tschirner
Regie: Karin Beier, Bühne und Kostüme: Johannes Schütz, Komposition und Musikalische Leitung: Jörg Gollasch, Choreographie 1. Teil: Valenti Rocamora i Tora, Choreographie 2. Teil: Gotta Depri, Sayouba Sigué, Licht: Annette ter Meulen, Video: Meika Dresenkamp, Dramaturgie: Stefanie Carp, Christian Tschirner
Mit: Lina Beckmann, Gotta Depri, Yorck Dippe, Rosemary Hardy, Charly Hübner, Josefine Israel, Patrick Joseph, Jan-Peter Kampwirth, Josef Ostendorf, Sasha Rau, Ibrahima Sanogo, Michael Sengazi, Sayouba Sigué, Bettina Stucky, Kathrin Wehlisch, Julia Wieninger, Michael Wittenborn, Musiker: Ruben Jeyasundaram, Michael Leuschner, Maurice Mustatea, Yuko Suzuki

Premiere war am 05.12.2015 im Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Dauer: ca. 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause

Termine: 06., 10. und 24.01. / 14. und 25.03.2016

Infos: http://www.schauspielhaus.de

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„Godverdomme!“ – Der Versuch von Luc Perceval, John Steinbecks Roman Früchte des Zorns als allgemeingültige Parabel über Flucht und Migration zu deuten, geht am Thalia Theater Hamburg nicht auf

(Thalia Theater, 05.02.2016): Kann man die US-amerikanischen Route 66, auf der in den 1930er Jahren Hundertausende durch die Große Depression und Dürrekatastrophen landlos gewordene Farmer aus dem zentralen Süden in Richtung Westen aufbrachen, mit der Balkanroute, über die heute täglich Tausende von Flüchtlingen nach Westeuropa strömen, vergleichen? Luc Perceval, der Hausregisseur des Thalia Theaters Hamburg legt das in seiner Inszenierung einer Bühnenfassung des 1939 erschienen Romans Früchte des Zorns von John Steinbeck zumindest nahe. Und so ganz von der Hand zu weisen ist dieser Vergleich auch nicht. Natürlich hat die heutige Fluchtbewegung ganz ähnlich geartete Ursachen und ist mitnichten nur eine vom Himmel gefallene Naturkatastrophe, die über die Menschheit hereinbricht wie die biblische Offenbarung des Johannes, auf die der Titel des Romans auch anspielt.

 

Foto: St. B.

Foto: St. B.

 

Steinbeck hat den großen Track ins Gelobte Land Kalifornien, wo die Orangenbäume blühen, anhand der Farmerfamilie Joad aus Oklahoma beschrieben, die ökologischen und ökonomischen Ursachen wie Waldrodung, Anbau von Monokulturen und überhöhten Pachtzins aber klar benannt. Im Roman gibt es neben der Kernfamilie eigentlich nur drei Hauptfiguren, die infolge der Ereignisse auf der Reise mit einem alten Lastkraftwagen eine Art Wandlung erfahren. Das sind der Wanderprediger Jim Casy, der seinen Glauben an Gott, nicht aber an die Menschheit verloren hat, der zornige Joad-Sohn Tom, der gerade aus dem Gefängnis entlassene wurde, wo er wegen Totschlags einsaß, und Mutter Joad, die sich im Laufe der Fahrt als das eigentliche Familienoberhaupt erweist. Antrieb ist allen neben der Hoffnung auf ein besseres Leben vor allem auch ein gewisser Zorn auf die herrschenden Verhältnisse.

Diesen Zorn hat Perceval fast vollkommen weginszeniert, Steinbecks Story damit entpolitisiert und somit jeglicher gesellschaftlicher Zusammenhänge beraubt. Warum diese Familie flieht, erschließt sich ohne die Kenntnis des Romans kaum. Lediglich zu Beginn erzählt Jim Casy (Bert Luppes) von den Sandstürmen und der Verödung der „Dust Bowl“, die die Farmer ihrer Existenz berauben und sie schließlich heimatlos geworden zum Aufbruch nach Westen zwingen. Der Sandsturm oder auch mal endloser Regen werden per Video an die Bühnenrückwand projiziert. Die Familie wirkt zunächst wie ein von einer antiken Tragödie am Boden zerstörter Haufen unter einer Plane, die neben einem kahlen Bäumchen und einem kleinen Pianoflügel zum zentralen Requisit der Inszenierung wird. Mit dieser Plane lassen sich LKW, Zelte und sogar die Großeltern darstellen, denen nach ihrem Tod pathetische Begräbnistableaus und Predigten gewidmet werden.

Neben Dialogszenen, die lose der Handlung des Romans folgen, werden einzelne Passagen und längere Naturbeschreibungen, wie etwa die große Regenflut im kalifornischen Auffanglager für die Arbeitsmigranten, wechselnd von Bert Luppes und Kristof Van Boven als Tom Joad erzählt. Er treibt die Familie immer wieder zum Weiterfahren an, mimt dabei mit dem Fuß stampfend den Anlasser, und alle trampeln dazu auf dem Bühnenboden den Takt der Kolbengeräusche. Ähnliches hatte 2010 auch Armin Petras in seiner Inszenierung am Maxim Gorki Theater Berlin gemacht. Und so erinnert noch einiges von Percevals Regieeinfällen fatal an diese von der Kritik auch nicht gerade mit Lob überhäufte Aufführung, die allerdings näher am Original blieb und vor allem das Gemeinsame recht spielerisch in den Vordergrund rückte.

 

Früchte des Zorns von John Steinbeck Regie Luk Perceval Koproduktion mit dem NT Gent Premiere 23. Januar

Früchte des Zorns am Thalia Theater Hamburg
Foto (c) Armin Smailovic

 

Gemeinsam ist dem aus Mitgliedern des Thalia Theaters und des belgischen Stadttheaters NT Gent (an dem auch der Ex-Intendant der Münchner Kammerspiele, Johan Simons, arbeitet) bestehenden, internationalen Schauspielensemble, dass alle über einen sogenannten Migrationshintergrund verfügen. Und so wechselt die Sprache auch immer wieder von Deutsch in Flämisch, Englisch, Kroatisch oder Russisch. Allerdings kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass das nur vage der Situation der aktuell Flüchtenden entspricht, aber Percevals Idee von einem Theater für das multikulturelle Europa sehr nahekommt. Wie man liest, will der Regisseur seine Pläne ab 2018 am Flämischen Nationaltheater in Brüssel verwirklichen, wird dafür allerdings sein Engagement in Hamburg vorzeitig beenden.

Recht pathetisch geraten Perceval die immer wiederkehrenden Beteuerungen des Reverends, dass er keinen Segen mehr geben könne und den Migranten kaum Trost oder Mut zuzusprechen vermag. Das muss schließlich Mutter Joad (Marina Galic) übernehmen, die neben dem am Megafon fluchenden Bert Luppens noch am präsentesten ist, während von Kristof Van Bovens Tom kaum Impulse kommen und der sich seiner Sünden schämende Onkel John bei Rafael Stachowiak fast zur Witzfigur gerät. Der Gegenwind der „besorgten Bürger“ Kaliforniens schlägt ihnen nur einmal ins Gesicht, indem sie selbst deren Hasstiraden sprechen. Ansonsten ist viel vom Beten, Stehlen und Sterben die Rede. Leise rieseln dazu recht kunstvoll vertrocknete Blätter vom Bühnenhimmel.

Langsam, elegisch zieht der Track der Verlorenen über die Bühne. Die Träume der langsam zerfallenden Familie werden gleich einem großen Lamento Mori in Songs wie „Somewhere over the Rainbow“ oder „Summertime and the livin is easy“ besungen. Dieses künstliche Weichspülen grenzt fast schon an Leidenskitsch, was sich leider auch bitter rächt. Percevals Versuch, Wirtschaftsmigration damals und heute miteinander zu vergleichen, geht hier nicht eins zu eins auf. Das Treiben auf der Bühne bleibt einem irgendwie fremd. Und so heischen am Ende auch die Figuren, während sich langsam der Eiserne Vorhang senkt, etwas ratlos schauend nach Mitgefühl.

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Früchte des Zorns
von John Steinbeck auf der Basis einer Adaptation von Frank Galati
Regie: Luk Perceval
Bühne: Annette Kurz
Kostüme: Annelies Vanlaere
Video: Philip Bußmann
Dramaturgie: Steven Heene, Julia Lochte
Darsteller:
Kristof Van Boven (Tom Joad)
Marina Galic (Mutter Joad)
Bert Luppes (Jim Casy)
Nick Monu (Vater Joad)
Maria Shulga (Rose)
Rafael Stachowiak (Onkel John)
Koproduktion mit dem NT Gent
Premiere im Thalia Theater war am 23.01. 2016
Dauer: 1:40 Stunde, keine Pause

Termine: 23., 25.02. / 21.03. / 01., 03., 27.04. / 29.05. / 17., 25., und 26.06.2016

Infos: http://www.thalia-theater.de

Zuerst erschienen am 09.02.2016 auf Kultura-Extra.

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