Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2 – Rimini Protokoll setzen sich im HAU 1 mit Hitlers autobiografischer und antisemitischer Hetzschrift auseinander

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Mein Kampf ist mit einer Auflage von über 12,5 Millionen Exemplaren neben der Bibel oder dem Koran das vielleicht am häufigsten verkaufte Buch der Welt. Dem Autor Adolf Hitler hat seine 1925 im Landshuter Gefängnis geschriebene, autobiografisch gefärbte und antisemitische Hetzschrift bis 1944 Tantiemen in Höhe von insgesamt 15 Millionen Reichsmark eingebracht, die der selbsternannte Führer des Deutschen Volkes zum größten Teil nicht einmal versteuern musste. Ab dem 1. Januar 2016, 70 Jahre nach Hitlers Tod, ist dieses vom bisher die Urheberrechte haltenden Bayerischen Finanzministerium als hoch gefährlich eingestufte und penibel geschützte Buch nun gemeinfrei. Mein Kampf könnte demnach von jedem x-beliebigen Verlag gedruckt und neu herausgebracht werden. Der ungehinderten Verbreitung des Buches stehen allerdings wegen seines Inhalts ein paar strafrechtliche Belange wie der Tatbestand der Volksverhetzung und die Störung des öffentlichen Friedens im Wege.

 

Mein Kampf_Erstausgabe von 1925 im DHM (c) Huttenlocher auf Wikipedia

Mein Kampf – Erstausgabe von 1925 im DHM Berlin – Foto (c) Huttenlocher auf Wikipedia

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Dies und noch viel mehr erfahren wir in dem neuen Stück der bekannten Dokutheater-Macher Helgard Haug und Daniel Wetzel von Rimini Protokoll. Nach der Uraufführung im September 2015 beim Kunstfest Weimar feierte Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2 nun just am Vorabend des Verkaufsstarts der kommentierten Neuausgabe des Münchner Instituts für Zeitgeschichte seine Berlin-Premiere auf der Bühne des Hebbel-Theaters (HAU 1). Sechs ausgewählte Experten des Alltags, wie es immer so schön heißt, verhandeln aber nicht nur rein rechtliche Dinge. Ihre Recherche unter der Leitung von Rimini Protokoll diente auch der Annäherung an den historisch brisanten Text zum Zwecke seiner Entmystifizierung. Was aus deutscher Sicht auch immer ein wenig Geschichtsaufarbeitung bedeutet.

Neben den nackten Zahlen und Fakten über z.B. die Vielzahl der Ausgaben im In- und Ausland geben die Experten daher auch einen Einblick in ihre Herkunft und Familiengeschichte. Irgendwie gab es dieses Buch in der Nazizeit dann ja in fast jedem deutschen Haushalt. Und bis heute hat es sich hartnäckig in so manchem Bücherschrank in der zweiten Reihe oder in anderen Verstecken erhalten. Gelesen will es allerdings kaum jemand haben. So hat die Frauenrechtlerin Sibylla Függe 1955 als 14jährige ein Exzerpt von Mein Kampf (MK) auf 20 Schreibmaschinenseiten erstellt und ihren schweigenden Eltern unter den Weihnachtsbaum gelegt. Flügges ältere Schwester ist dann später zur R.A.F. in den linken Untergrund gegangen. Auch ein Stück deutscher Geschichte.

Auf Alon Kraus, der eigentlich den israelischen Ankläger im Eichmann-Prozess zu seinen Vorbildern zählt, übt MK ebenfalls eine gewisse Faszination aus. Für den israelischen Anwalt mit deutscher Großmutter scheint die Lektüre eine Art lebenslanger Flirt mit dem Bösen zu sein. Allerdings pflegt  einen eher lockeren und auch mal provokanten Umgang mit dem Buch. Das erste Mal hat Kraus es als Student in der Unibibliothek gelesen und erzählt, wie es ihn aus seiner Schreibblockade befreite. Nun nutzt er MK hin und wieder als Mittel, um deutsche Frauen am Strand in Tel Aviv anzubaggern.

 

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Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2 von Rimini Protokoll im HAU 1 – Foto: St. Bock

 

Dass es vor allem in Israel auch immer wieder Probleme mit der Veröffentlichung von MK gab, zeigt eine nachgespielte Debatte in der Knesset, die sich vor bereits vor zwanzig Jahren mit der für israelische Historiker geplanten Übersetzung ins Hebräische befasste. Während heute der Zentralverband der Juden in Deutschland die Herausgabe der neukommentierten Ausgabe von MK als Mittel zur Entlarvung des Rechtspopulismus begrüßt hat, fürchten jüdische Opferverbände dagegen die erneute Verbreitung von Hitlers rassistischen Thesen. Und auch der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, hält nichts davon, die Neuauflage von MK im Schulunterricht einzusetzen.

Eine ähnlich provokante Ader wie Alon Kraus hat der türkische Rapper Volkan T Error, bekannt aus Produktionen des Maxim Gorki Theaters. Er stellt eine türkische Manga-Ausgabe von MK vor und ist ansonsten zuständig für den Sound des Abends, bei dem es in expliziten Rap-Songs auch um den Umgang mit der deutschen Sprache und Kartoffel als Schimpfwort geht.

Die junge Rechtsanwältin Anna Gilsbach hat sich MK als PDF aufs Handy geladen und klärt über die rechtlichen Konsequenzen der Verbreitung auf. Ihr Großvater hat seinen Widerstand in der NS-Zeit mit der Lektüre von Hitlers Buch begründet und wurde wegen Wehrkraftzersetzung verurteilt. Der gelernte Buchbinder Mathias Hageböck ist Restaurator an der Anna Amalia Bibliothek in Weimar und hat ein rein bibliophiles Interesse an MK, da er es inhaltlich eher für überschätzt hält. Während der Vorstellung druckt er sein eigenes Exemplar, bindet es und gibt es einem Zuschauer zum Lesen.

Wie schon in der Rimini-Protokoll-Produktion Karl Marx: Das Kapital, Erster Band ist auch hier der blinde Radiomoderator und Brailleschrift-Redakteur Christian Spremberg mit von der Partie, der einige Passagen aus einem Punktschrift-Exemplar von MK zum Besten gibt. Selbst das Bühnenbild des Kapital-Stücks ist recycelt worden. Eine große Bücherwand, auf deren Rückseite (oder Arschseite, wie sie von den Beteiligten genannt wird) sich der recht kurzweilige Abend abspielt. Der Touch des scheinbar Unfassbaren lässt sie das Buch zur Musik von Volkan T wie bei der Reise nach Jerusalem von einem zur anderen werfen oder zu Stichworten eines Buchstabenspiels darüber assoziieren.

Aber was hat uns nun der Inhalt des Buches Mein Kampf, von dem der britische NS-Experte und Hitler-Biograf Ian Kershaw sagt, es sei völlig nutzlos, eigentlich heute noch zu sagen? Und so horchen die Experten angestrengt auf den Klang des Textes, den Volkan T nach ihren Vorstellungen in elektronische Samples übersetzt oder den Christian Spremberg immer wieder, auch mal mit verzerrter Stimme den Duktus Adolf Hitlers imitierend, vorliest. Natürlich kitzeln die Beteiligten auch noch ein paar kabarettistische Stilblüten aus Hitlers Pamphlet, und im Hintergrund ist kurz Helmut Qualtinger vom Band zu hören, dessen höchst amüsante Lesung von Mein Kampf nun auch auf DVD zu haben ist. Hitler ist sicher kein Thomas Mann oder Goethe, Mein Kampf aber durchaus ein gutes Beispiel völkischer Literatur, wie es sie in den 1920er Jahren zu Hauf gab, meint der österreichische Historiker und MK-Experte Othmar Plöckinger im Video. Aus heutiger Sicht ist das Buch somit zweifellos eine wichtige historische Quelle. Ob man sie unbedingt in der Schule lesen muss, sei dahingestellt, als Zeugnis wirksamer, perfider Propaganda hat das Buch sicher auch in unserer Zeit noch Bedeutung.

Angesichts des Phänomens, dass neben Hitler auch der Neonazi Michael Kühnen und der erst linke, dann extrem rechte Anwalt Horst Mahler Bücher im Knast geschrieben haben, fragt man sich am Ende auf der Bühne, woran denn gerade Beate Zschäpe schreibt. Ich würde auf ein Buch mit unschuldigen deutschen Kochrezepten tippen.

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Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2 (HAU 1, 07.01.2016)
von Rimini Protokoll
Konzept, Regie & Text: Helgard Haug, Daniel Wetzel
Dramaturgie & Recherche: Sebastian Brünger
Bühne & Video: Marc Jungreithmeier
Interaction Design: Grit Schuster
Musik: Volkan T
Regie-Assistenz: Meret Kinderlen
Technische Koordination & Licht: Andreas Mihan
Sound Design / Ton-Technik: Peter Breitenbach
Hospitanz: Linn Günther
Company Management: Heidrun Schlegel
Mit: Sibylla Flügge, Anna Gilsbach, Matthias Hageböck, Alon Kraus, Christian Spremberg, Volkan Türeli

Uraufführung beim Kunstfest Weimar am 03.09.2015
Berlinpremiere im HAU 1 am 07.01.2016
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

Weitere Termine:
29.01. und 31.01.2016 an den Münchner Kammerspiele
17.02. – 18.02.2016 am Schauspiel Leipzig
23.03. – 24.03.2016 am Staatsschauspiel Dresden

Infos: http://www.hebbel-am-ufer.de

Zuerst erschienen am 09.01.2016 auf Kultura-Extra.

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