„Erobert euer Grab!“ – Die Berliner Volksbühne veranstaltet eine Schwarze Serie über Ostern

___

Sterbehochamt – Krieg von Ragnar Kjartansson mit einer Komposition von Kjartan Sveinsson

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Mit dem Aufruf „Erobert euer Grab“ hat die Volksbühne kurz vor Ostern eine „Schwarze Serie“ genannte Reihe von Kurz- und mittellangen Produktionen im Theatersaal und auf der Hinterbühne ins Leben gerufen. Eine theatrale Befragung über Gott und die Welt, zum Dilemma von Leben- und Sterbenmüssen und dem Sinn und Unsinn der Unsterblichkeit. Sieben Premieren in sieben Wochen im vom verstorbenen Bühnenbildner Bert Neumann schwarz gestalteten Inneren der Volksbühne.

*

Die theatralen Karwochen eröffneten dann standesgemäß mit einem düsteren, fast schon sakralen Stück des isländischen Installations- und Performance-Künstlers Ragnar Kjartansson. Krieg ist nach Der Klang der Offenbarung des Göttlichen seine zweite Theaterarbeit für die Volksbühne mit Musik des isländischen Komponisten Kjartan Sveinsson. Der Ex-Keyboarder der Postrocker Sigur Rós hat sich nach seinem Ausstieg aus der Band musikalischen Soloprojekten gewidmet, die stark sakrale Züge tragen, wie etwa das 2010 in New York uraufgeführte Orchesterwerk Credo. Und so ist Krieg nicht etwa wie angekündigt wirklich eine Oper, sondern eher ein Requiem für einen sterbenden Soldaten.

(c) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

 

Recht dramatisch sieht es in jedem Fall aus, was der Volksbühnenmime Maximilian Brauer da ungefähr eine geschlagene Stunde lang treiben muss. Laut stöhnend sich den Bauch haltend robbt und stolpert der in verdreckter preußischer Gardeuniform Steckende durch ein Art Bühnen-Diorama aus dem Siebenjährigen Krieg vor einem mit Bergen und glutrotem Himmel bemaltem Rundhorizont. Ragnar Kjartansson hat ein dreidimensionales Schlachtengemälde mit glimmenden Lagerfeuern, Zaunresten, Baumstümpfen und herumliegenden Soldatenleichen auf die Hinterbühne gestellt, vor der das Publikum andächtig einem pathetischen Sterbehochamt beiwohnt.

Maximilian Brauer performt von der Musik begleitet einen physischen Gewaltakt, bei dem er sich blutspuckend immer wieder entweder an einem Gatter, seinem Säbel, oder einem Vorderladergewehr mit aufgepflanztem Bajonett hochzieht und wieder zusammensackt. Blick und Arme gehen hin und wieder nach oben. Doch der Himmel ist bekanntlich leer und das Verrecken fürs Vaterland ein ziemlich unheroischer und dreckiger Job. Trotz recht plastischer Darstellung bleibt diese Performance in ihren Mitteln leider relativ eindimensional. Sterben als reine Kunstanstrengung.

 

Foto Schaukasten Volksbühne - St. B.

Foto Schaukasten Volksbühne – St. B.

 

Und das ist das zweite Minus des Abends, der sich anmaßt, etwas über das Sterben zu wissen, das über eine bloße Theatralik hinausgeht. Ein Kinderspiel aufgeblasen zu einem multimedialen Bühnenereignis im Hollywood-Breitbildformat. Wenn das nur ansatzweise karikiert würde. Aber die vereinzelten Lacher im Publikum gelten eher der unfreiwilligen Komik des sich hinziehenden Sterbeaktes, dem dann ein Kartätschenschlag doch noch ein jähes Ende setzt. Zum Beifall erhebt sich der leidvoll gestorbene Akteur dann nicht mehr. Tot ist tot, würde Heiner Müller sagen.

***

Krieg
Oper in einem Akt. Von Ragnar Kjartansson mit einer Komposition von Kjartan Sveinsson. Eingespielt vom Deutschen Filmorchester Babelsberg
Regie & Bühne: Ragnar Kjartansson
Komposition: Kjartan Sveinsson
Aufnahme: Deutsches Filmorchester Babelsberg
Kostüme: Tabea Braun
Maler: Christoph Fischer, Anton Hägebarth, Camilla Hägebarth, Ragnar Kjartansson, Julia Krawczynski, Anda Skrejane
Licht: Johannes Zotz
Mitarbeit Bühne: Axel Hallkell Jóhannesson, Jana Wassong
Ton: Jörg Wilkendorf
Dramaturgie: Henning Nass
Mit: Maximilian Brauer
Uraufführung am 11.03.2016 auf der Hinterbühne der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Termine: 08. und 17.04.2016

_

***

Castorf-Jünger auf Sommerfrische – Silvia Rieger inszeniert die SOMMERGÄSTE von Maxim Gorki

Viel rumgelegen wird in Silvia Riegers Inszenierung des 1904 uraufgeführten Dramas Sommergäste von Maxim Gorki. Die für ihre recht kühlen und eher formal strengen Regiearbeiten bekannte Volksbühnenschauspielerin hat mit Studierenden der Schauspielschule Ernst Busch eine relativ freie und ziemlich abgefahrene Version des vorrevolutionären russischen Konversationsstücks auf den Asphaltbeton der Volksbühne geknallt. Wer noch die Birken von Peter Stein oder den abgeranzten Charme von Alvis Hermanis‘ Gartenvilla in der Schaubühne im Kopf hat, muss sich hier allerdings schnell von der Vorstellung eines konventionell gespielten, melancholisch schönen Theaterabends verabschieden. Nur eine Plastikblume, ein großer Pappmache-Pilz und ein von Frank Büttner und Martin Otting im Blaumann hereingeschleppter weißer Baumstamm zeugen noch von ländlicher Restatmosphäre. Ein düsterer Sommernachtsalbtraum auf kahlem Asphalt.

(c) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

 

Wirklich heller wird es auch nach einer längeren Bach-Ouvertüre nicht. Dafür brüllt und kreischt es dann umso lauter, leider meist auch etwas unverständlich aus dem Dämmerlicht, wo die DarstellerInnen in einzelnen Gruppen oder ineinander verknäult Gorkis Text bröckchenweise von sich geben. Es wird viel gesoffen, mal berlinert, mal gesächselt, unterm Pilz philosophiert und viel auf hohen Hacken rumgerannt. Dazu gibt es noch einen Lampionumzug und ein Picknick auf rotem Tuch. Das hatte sich bereits zuvor, vom Rang heruntergelassen, Theresa Riess als schrille Dichterin Kaleria um den Kopf gewickelt und als russische Sphinx finster prophezeiend das 1918 verfasste Gedicht Die Skythen von Alexander Blok rezitiert. Der gierige Asiat schaut auf den finster brütenden Germanen. Nun ja, ein bisschen weltgeschichtlicher Fremdtext darf es an der Volksbühne ja immer sein.

 

Sommergäste_Volksbühne_Schaukasten_antik-sepia

Foto Schaukasten Volksbühne – St. B.

 

So wie dem Rad schlagenden Literaten Schalimow (Benjamin Kühni) seine Leser abhandengekommen sind, verliert das Publikum hin und wieder mal den Faden. Genauere Figurenzuordnungen erschließen sich nur für Kenner des Textes, was hier aber nicht weiter ins Gewicht fällt. Die schlaffe, russische Intelligenzija-Meute auf Sommerfrische unterscheidet sich eh kaum voneinander. Sie sind wie Blasen auf den Pfützen, kommen hoch und platzen – weiß Martin Otting, Berlins meistbeschäftigter Nebendarsteller. Er und Frank Büttner vom Volksbühnenensemble geben das Wächterpaar, das wie Waldorf und Statler aus der Muppet Show vom Rang aus das Treiben unten auf dem Asphalt zynisch kommentiert und zum Schluss die verstreuten Picknickreste wieder einsammeln darf. Büttner gibt retrospektiv den Castorf inklusive Wutausbruch und Mäusehirn.

Wie soll ich denn nur leben? Auf die große Frage des Stücks scheint es nach wie vor keine passende Antwort zu geben. Dafür wird dem Gorki gehörig der Tschechow ausgetrieben. Die Inszenierung zerfällt dabei aber zusehends in kleine, teils auch mal ganz amüsante Nümmerchen wie etwa einem Ausflug ins Pulp Fiction Trashfach. Kim Schnitzer zückt als Julia Filipowna den Revolver, ballert das Magazin leer und brüllt dann: „Pfoten hoch“. Darin lässt sie sich auch nicht von den beiden Clowns aus der Loge beirren, die von fehlender Form und Inhalt reden. Die Jugend hat halt ihren eigenen Kopf. Der Leere von Gorkis Figuren, die sich wie Scheintote auf Urlaub durchs Stück palavern, kann die Regie mit diesem bunten Kostüm-Karneval allerdings nicht allzu viel hinzufügen.

***

Sommergäste
nach Maxim Gorki
Regie: Silvia Rieger
In der Bühne von: Bert Neumann
Kostüme: Laurent Pellissier
Licht: Torsten König
Einrichtung Musik und Ton: Wolfgang Urzendowsky
Dramaturgie: Sabine Zielke
Mit: Frank Büttner, Maximilian Hildebrandt, Daniel Klausner, Benjamin Kühni, Martin Otting, Marie Louise Rathscheck, Theresa Riess, Celina Rongen, Kim Schnitzer, Janet Stornowski, Ulvi Erkin Teke, Léa Wegmann und Felix Witzlau
Eine Kooperation mit der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin
Premiere war am 15.03.2016 an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Termine: 10., 16., 23.04.2016

Infos Schwarze Serie: http://www.volksbuehne-berlin.de/deutsch/spielplan/?reihe=77

Zuerst erschienen am 22.03. und 23.03.2016 auf Kultura-Extra.

__________

Comments are closed.