„Der Spieler“ in München und „Der Idiot“ in Dresden – Gemeinsamkeiten und Unterschiede zweier Adaptionen von Dostojewski-Romanen

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Christopher Rüping inszeniert an den Münchner Kammerspielen unter neuer Intendanz eine verspielte Adaption des Romans Der Spieler

Die Überraschung war groß, als im September 2013 bekannt wurde, dass Matthias Lilienthal, der ehemalige Leiter des Berliner Hebbel am Ufer, die Nachfolge von Johan Simons als Intendant der Münchner Kammerspiele antreten würde. Lilienthal steht programmatisch eher für interdisziplinäre Kunst und ein genreübergreifendes Theater. Und obwohl er versprach, dass drei Viertel des Programms ganz normales Ensemble- und Repertoiretheater sei, werden nun auch Musik, Architektur, bildende Kunst und Performance im Traditionshaus an der schicken Shoppingmeile Maximilianstraße Einzug halten. Neben den an deutschsprachigen Stadttheatern bereits gut bekannten Regisseuren wie Nicolas Stemann, Stefan Pucher, David Marton oder Simon Stone werden weitere internationale Künstler wie Rabih Mroué, Philippe Quesne und Boris Nikitin sowie freie Theaterkollektive wie Rimini Protokoll, Gob Squad und She She Pop an den Kammerspielen arbeiten.

 

Dostojewski in der Kammer 1 - Foto: St. B.

Dostojewski in der Kammer 1 – Foto: St. B.

 

Ein weiterer Neuzugang als junger Hausregisseur ist Christopher Rüping, der bereits mit seiner Stuttgarter Bühnenadaption des Dogma-Klassikers Das Fest zum letzten Theatertreffen eingeladen wurde und u.a. auch für das Deutsche Theater Berlin inszeniert. Das hoffnungsvolle Regietalent hat sich mit einer Adaption des Romans Der Spieler von Fjodor Dostojewski gleich einen Brocken Weltliteratur als Einstand ausgesucht. Wobei Der Spieler mit seinen nur etwas über 200 Seiten eher als Leichtgewicht unter den immer wieder gern für die Bühne adaptierten Werken des russischen Schriftstellers zählt. Auch Frank Castorf hat ihn schon an der Volksbühne inszeniert. Dostojewski – selbst an permanenter Geldnot leidend – diktierte die Story um eine illustre Gesellschaft, die im fiktiven Ort Roulettenburg ihrer Spielsucht frönt, innerhalb von nur einem Monat seiner Frau, um wegen der Schulden gegenüber seinem Verleger nicht die Rechte an seinen Romanen zu verlieren. Die Geschichte des jungen Aleksej, Hauslehrer im Dienste des Generals Sagorjanski, der in seiner Liebe zu dessen Stieftochter Polina der Spielsucht verfällt, trägt auch autobiografische Züge.

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Passend zum Thema geht Christopher Rüping seine Inszenierung, die am 17. Dezember 2015 Premiere hatte, auch ganz spielerisch an. Als Art Katalysatoren dienen ihm dabei die beiden jüngeren Kinder des Generals Mischa und Nadja, die verdoppelt in der Gestalt der 9-12-jährigen Kinder Kaspar Huber, Jasper Kohrs, Zoë von Weitershausen und Marlene Witzigmann zu Anfang im Bühnenbild aus lauter aufgestapelten Umzugskisten auftreten, dem Souffleur Joachim Wörmsdorf (der nebenbei noch einen eher wortlosen Mr. Astley gibt) das Textbuch wegnehmen und eben wie im Spiel die ersten Seiten des Romans mit der Vorstellung aller handelnden Personen bei einer Gesellschaft im Haus des Generals szenisch lesend performen. Zu launiger Klaviermusik arbeiten sie sich besonders schön an der recht bildlichen Darstellung der Charaktere ab und stupsen nach und nach die noch etwas lethargisch wirkenden SchauspielerInnen des Ensembles in ihre Rollen.

Es hat durchaus seinen Witz, das Spiel hier buchstäblich wörtlich zu nehmen, was sich dann auch in den weiteren Romanszenen fortsetzt, die Christopher Rüping recht chronologisch abhandelt. Hie und da läuft dem jungen Regisseur sein performativer Grundgedanke, das Ganze wie eine improvisierte Stellprobe aussehen zu lassen, in der jeder noch nach der Haltung zu seiner Figur sucht, aber etwas aus dem Ruder. Der hochverschuldete General (Gundars Āboliņš) tritt irgendwann als tapsiger russischer Bär auf, der den alle finanziell in der Hand habenden Franzosen Marquis de Grieux ständig angrunzt. Niels Bormann spielt ihn näselnd im Rokokokostüm mit Perücke. Mademoiselle Blanche, die Geliebte des Generals, ist bei Ivana Uhlířová eine rätselhafte Frau mit Vergangenheit, die ihre Kostüme wie die Namen wechselt. Halbwegs normal wirkt da noch die Polina der Anna Drexler, die sich allerdings mit Thomas Schmauser, dem Darsteller der Hauptfigur Alexej, ein paar schöne dann auch wieder recht eigenwillige Rededuelle liefert. Mit diesen beiden steht und fällt die gesamte Inszenierung.

 

Der Spieler an den Münchner Kammerspielen - Foto (C) David Baltzer

Der Spieler an den Münchner Kammerspielen
Foto (C) David Baltzer

 

Einerseits macht Rüping im intensiven Zusammenspiel von Polina und Alexej sehr schön die zerstörerischen Wechselwirkungen des Spiels um Geld und/oder Liebe deutlich, andererseits übertreibt es der Regisseur auch ein wenig, wenn Schmauser immer wieder aus der Inszenierung aussteigt und auch noch mit Pieps-Stimme die plötzlich in Roulettenburg auftauchende Tante des Generals spielen muss. Die Babuschka, an deren Rockzipfel die Kinder hängen, haut nun das Erbe, auf das die ganze Blase eigentlich wartet, bei einem Kasinobesuch auf den Kopf, während die anderen hilflos über die gesamte Pause in Schaukelseilen hängend dem finanziellen Crash zusehen müssen. Zero, nichts geht mehr. Das Spiel im Spiel ufert nun in wildem Tanz, Schlagen mit Schaumstoffschlangen sowie ständigem Umstapeln und Einstürzenlassen der Kisten aus. Der Einsatz von Mikrofonen, das Projizieren von Live-Videos auf die Kisten und laute Sounds vom Band verstärken noch die etwas zu infantil geratene Dekonstruktion, ohne wirklich den Spielzwang als Ausbruchsversuch zu erklären.

Ein bisschen Ernüchterung ob all des Spaßes am Spiel macht sich dann auch gegen Ende des gut dreistündigen Abends breit. Die Hinterbühne öffnet sich, und die Figuren, nun in Paris angekommen, irrlichtern verloren in den Kulissen herum. Niels Bormanns erzählt in aller Ruhe Alexej das Ende der Geschichte und dass Polina nun bei Mr. Astley in der Schweiz sei, ihn aber gerne noch einmal wiedersehen würde. Allein Schmausers Alexej hat sich nun vollends seiner Sucht ergeben und findet wie ein völlig überdrehtes aber erschöpftes Kind nicht mehr raus aus dem Spielmodus. Wie zu Beginn wieder an der Rampe stehend deklamieren die Kinder: „Das sind alles nur Worte und wieder Worte, und hier sind Taten nötig!“ Rüpings assoziatives Spiel-Experiment zeigt sich da selbst etwas ratlos.

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Der Spieler (Kammer 1, 30.12.2015)
von Fjodor Dostojewski
in der Übersetzung von Swetlana Geier
Regie: Christopher Rüping, Bühne: Jonathan Mertz, Kostüme: Lene Schwind, Musik: Christoph Hart, Video: Bert Zander, Licht: Christian Schweig, Dramaturgie: Benjamin von Blomberg
Mit: Gundars Āboliņš, Niels Bormann, Anna Drexler, Thomas Schmauser, Ivana Uhlířová, Kaspar Huber, Nikolai Huber, Jasper Kohrs, Zoë von Weitershausen, Marlene Witzigmann, Joachim Wörmsdorf

Premiere an den Münchner Kammerspielen war am 17.12.2015
Dauer: 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause

Termine: 14.05.2016

Infos: http://www.muenchner-kammerspiele.de

Zuerst erschienen am 07.01.2015 auf Kultura-Extra.


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Der Idiot – Ex-Burgdirektor Matthias Hartmann lässt am Staatsschauspiel Dresden Dostojewskis Roman nacherzählen

Auch Der Idiot hat wie schon der zwei Jahre zuvor entstandene Roman Der Spieler autobiografische Bezüge. Fjodor Dostojewski litt wie seine Hauptfigur, Fürst Myschkin, an Epilepsie. Die Anfälle verursachten bei ihm tagelange Dämmerzustände und Depressionen. Die Augenblicke kurz davor empfand Dostojewski allerdings als „solches Glück, wie es in gewöhnlichem Zustand nicht möglich ist…“. „Ich fühle in mir und in der Welt eine vollständige Harmonie, und dieses Gefühl ist so stark und so süß, dass man für einige Sekunden dieser Seligkeit, zehn Jahre seines Lebens, ja, meinetwegen das ganze Leben hingeben könnte.“ Über solche „Lichtblitze“, oder „Augenblicke höheren Bewusstseins“ berichtet auch Lew Nikolajewitsch Myschkin. Er betrachtet diese Empfindungen aber auch ganz nüchtern als eine „Unterbrechung des normalen Zustandes, eben als seine Krankheit“.

 

Dostojewski am Staatsschauspiel Dresden - Foto: St. B.

Dostojewski am Staatsschauspiel Dresden – Foto: St. B.

 

Dostojewski hat mit dem jungen Fürsten Myschkin, der nach einem längeren Aufenthalt in einem Schweizer Sanatorium nach St. Petersburg zurückkehrt, eine große idealistische Außenseitergestalt geschaffen, einen „vollkommen guten und schönen Menschen“, der von den anderen nur als unschuldiger „armer Ritter“, oder auch „Christus-Narr“ bezeichnet wird. Und dennoch verfallen alle seiner grundehrlichen, einnehmenden Art und beginnen völlig irrational gegen ihren eigenen Vorteil zu handeln. So wie im Spieler der Protagonist Aleksej Iwanowitsch das Geld als Voraussetzung für das Glück in der Liebe ansieht und damit der Spielsucht verfällt, sind die Figuren im Roman Der Idiot bereit für die Leidenschaft ihren Reichtum bedingungslos hinzugeben. Aber auch sonst gibt es einige Ähnlichkeiten zwischen den Personen beider Romane. Hier wie da geht es um Geld oder Liebe.

Und natürlich endet auch Der Idiot tragisch. Einerseits steht Myschkin zwischen zwei Frauen, der Geliebten des Großgrundbesitzer Totzkij, Nastassja Filippowna Baraschkowa, und der Generalstochter Aglaja Iwanowna Jepantschina, anderseits bilden der Fürst und der Kaufmann Rogoschin eine weitere verhängnisvolle Dreiecksbeziehung mit Nastassja. Myschkin will die als junges Mädchen von Totzkij missbrauchte Nastassja aus Mitleid heiraten, was diese allerdings in letzter Minute ablehnt und später vom eifersüchtigen Rogoschin erstochen wird. Daraufhin verfällt Myschkin wieder in seinen alten Krankheitszustand und kehrt ins Schweizer Sanatorium zurück.

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Legendär ist sicher die knapp sechsstündige Adaption von Frank Castorf im Neustadt-Bühnenbild von Bert Neumann an der Berliner Volksbühne mit Martin Wuttke in der Hauptrolle. Ganz so wild treibt es Matthias Hartmann in seiner ersten Regiearbeit am Staatsschauspiel Dresden nach dem schmählichen Rauswurf am Burgtheater Wien, dessen juristische Folgen für ihn immer noch nicht gänzlich absehbar sind, nicht. Ist dadurch Hartmanns Ansehen als Intendant mit Sicherheit etwas ramponiert, so hat er sich zumindest seinen doch teils ironisch boulevardesken Regiestil bewahrt. Und noch etwas Bewährtes hat der Ex-Burgdirektor mitgebracht. Johannes Schütz recycelt sein Türen-Bühnenbild aus Hartmanns Wiener Inszenierung von Schillers Der Parasit. Diesmal sogar mit herausziehbaren Wänden. Und ganz im Stile seiner Krieg und Frieden-Stückentwicklung am Kasino Wien lässt der Regisseur auch in Dresden das Ensemble an die Rampe treten und alle tragenden Rollen erzählender Weise vorstellen.

Doch zunächst hat der junge Dresdner Schauspieler André Kaczmarczyk in einer Art Prolog seinen großen Auftritt als Fürst Myschkin mit besagten Lichtblitzen, Störgeräuschen und einem Monolog über die höchste Harmonie und Schönheit gegen die Störung des Normalzustands durch die Krankheit. Im ersten Teil des Abends entwickelt sich nun Stück für Stück und Szene für Szene die Handlung von der Ankunft des Fürsten im Zug, der Begegnung mit Rokoschin (auftrumpfend Christian Erdmann) und dem Beamten Lebedjew (fast hündisch auf Knien rutschend Philipp Lux) über den Antrittsbesuch im Haus des Generals Jepanschin (Holger Hübner) und der Vorstellung bei Gattin (mit viel trockenem Humor Rosa Enskat) und Töchtern (Lieke Hoppe als Aglaja und Cathleen Baumann im Kopftuchwechsel die beiden anderen) bis hin zur bildhaften Erscheinung von Nastassja (Yohanna Schwertfeger), die von Totzkij (Rainer Philippi) mit Ganja Iwolgin (Kilian Land) mitgiftschwer verkuppelt werden soll. Das ist viel Stoff und daher braucht das Publikum auch eine erste Pause.

 

Der Idiot - Foto (c) Matthias Horn

Der Idiot Foto (c) Matthias Horn

 

Bis ist hierher das höchst lebendig gestaltet, nebst Nebel, Geräuschen und Myschkins wundersamen Geschichten über ein schwindsüchtigen Mädchen in der Schweiz, Hinrichtungen mit der Guillotine in Frankreich und die Mysterien der menschlichen Seele. Der naive, gute „Fürst Christus“ presst sein Bündelchen an sich und wagt seine ersten erstaunten Schritte in der St. Petersburger Gesellschaft, die entweder von ihm fasziniert ist, ihn nicht ganz ernst nimmt, oder für erste kleine Intrigen einspannen will. Hartmann versucht dabei etwas zu sehr die Komödie aus dem schweren Stoff zu kitzeln. Ein paar schöne Szenen mit Gesang hathier vor allem Rosa Enskat als Generalin Jepanschina. Allerdings schafft das auch nicht viel mehr als eine leicht ironisch aufgelockerte Atmosphäre.

Der zweite Teil beginnt bei der Familie Gawrila (Ganja) Iwolgins mit dessen besoffenen Vater (Jan Maak), lässt sich noch mit großem Video-Kaminfeuer etwas länger bei der Geburtstagparty von Nastassja aus mit der Versuchung Ganjas, sich für die 100.000 Rubel Rogoschins die Finger zu verbrennen. Der Rest bis zur zweiten Pause wird nur kurz erzählt, einer der Nachteile dieser Art zu inszenieren. Es folgen kurze Gesprächs- und Briefszenen auf dem Landgut zwischen Rogoschin, dem Fürsten, Aglaja und Nastassja. Der Spannungsbogen steigert sich zum Ende hin vor dem Zusammenbruch noch einmal in ein fast mystisch dunkles Spiel vom Leiden und einer unter Schleiern aufgebarten Braut Nastassja. Herausfahrende Wände verdeutlichen immer wieder die Isolation der Figuren und Myschkin ist am Ende wieder der Ausgestoßene, ganz in seiner Krankheit Gefangene.

Die geistige Spannung des Anfangs lässt sich über den zweiten und dritten Teil des Abends nicht ganz halten. Um eine echte philosophische oder höhere, transzendente Problematik scheint es Matthias Hartman in seiner kollektiven Nacherzählung des Romans nicht zu gehen. Er hält sich im Großen und Ganzen an die eher einfach zu fassenden Dinge, wie die Verwirrnisse aus Geldangelegenheiten und Liebesgeflechten, die sich bei Dostojewski zwischen den einzelnen Figuren entspinnen. Hartmann hat den weitläufigen Personenkreis auf die zentralen Gestalten hin ausgedünnt. Der ideologische Gegenpart Myschkins, Ippolit Terentjew, fehlt gar völlig. Überfordert wird hier sicher niemand. Man kann sich also ganz auf die recht unterhaltsame Erzähldramaturgie einlassen, ohne Angst haben zu müssen, den Faden zu verlieren. Was das Ganze allerdings auch ein wenig zu einfach und gefällig macht.

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Der Idiot (25.03.2016, Staatsschauspiel Dresden)
nach dem Roman von Fjodor M. Dostojewskij
Bühnenfassung auf der Basis der Übersetzung von Swetlana Geier von Matthias Hartmann, Janine Ortiz und dem Ensemble
Regie: Matthias Hartmann, Bühne: Johannes Schütz, Kostüm: Tina Kloempken, Musik: Parviz Mir-Ali, Video: Moritz Grewenig, Licht: Michael Gööck, Dramaturgie: Janine Ortiz, Dramaturgische Mitarbeit: Nora Otte
Mit: André Kaczmarczyk, Christian Erdmann, Yohanna Schwertfeger, Holger Hübner, Rosa Enskat, Cathleen Baumann, Lieke Hoppe, Jan Maak, Kilian Land, Rainer Philippi, Philipp Lux.
Dauer: 4 Stunden, zwei Pausen
Premiere war 16.01.2016 im Schauspielhaus
Termine: 08., 13. und 26.04. / 05. und 16.05. / 04.06.2016

Infos: http://www.staatsschauspiel-dresden.de

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