Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989 – Der Martin-Gropius-Bau Berlin präsentiert eine Auswahl „dissidentischer Kultur“ und „ästhetischer DDR-Gegenöffentlichkeit“

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Cornelia Schleime, Aus einem Soll-und-Haben-Bildtagebuch, 1982; Collage unter Verwendung eines S/W-Fotos von Gabriele Stötzer (Foto Selbstinszenierung Cornelia Schleime mit Geschenkband), 42 x 30 cm | Courtesy the artist © Bernd Borchert, Berlin

Cornelia Schleime, Aus einem Soll-und-Haben-Bildtagebuch, 1982; Collage unter Verwendung eines S/W-Fotos von Gabriele Stötzer (Foto Selbstinszenierung Cornelia Schleime mit Geschenkband), 42 x 30 cm – Courtesy the artist © Bernd Borchert, Berlin

Es scheint wohl immer noch einfacher, 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland in 60 Werken abzubilden als widerständige DDR-Kunst in 80 Einzelpositionen zu erklären. Ein neuer Versuch im Martin-Gropius-Bau Berlin titelt gerade Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989. Wobei auf den ersten Blick nicht wirklich klar wird, was das eigentlich meint. Subkultur, Bohème, unangepasstes Anderssein, Dissidententum, Subversion, Samisdat? Die Kuratoren Eugen Blume und Christoph Tannert versammeln hier (wie sie es nennen) Werke der „dissidentischen Kultur“ und „ästhetischen DDR-Gegenöffentlichkeit“. Es ist ein Sammelsurium verschiedenster Kunstgattungen wie Malerei, Skulptur, Fotografie, Installation oder Aktion, die ohne erkennbaren Kontext aneinander gereiht sind.

Schlendert man achtlos in den ersten Raum, ist man fast schon am eigentlichen Ausgangspunkt der Ausstellung vorbeigegangen. 1976 war nämlich auch das Jahr der Ausbürgerung Wolf Biermanns. Die Unterstützerwelle aus den Reihen der Kunst- und Kulturschaffenden für den unbequem gewordenen Liedermacher stellt nach Auffassung der Kuratoren eine Zäsur in der DDR-Kunst dar. Das politische Klima verschlechterte sich, die Zeit des Experimentierens mit dem Staat, das „Prinzip der Dialektik“ war vorbei. So sieht es zumindest der Maler A.R. Penck (Ralf Winkler), der wohl bekannteste unter den ausgestellten ehemaligen DDR-Künstlern und neben Strawalde (Jürgen Böttcher) wohl der Nestor der dissidentischen DDR-Gegenkultur. Obwohl – und daraus machen die Kuratoren auch ganz bewusst keinen Hehl – mit Carlfriedrich Claus und Gerhard Altenbourg zwei noch viel eigenwilligere Gegenstimmen im DDR-Betriebseinerlei des sozialistischen Realismus fehlen. Zwei die den Repressionen der staatlichen Gewalt mühsam über die Jahre widerstanden und nicht wie viele andere die DDR verließen, oder wie Biermann und Penck einfach ausgebürgert wurden.

Man wird auch so manch anderen bekannten Namen vermissen. Blume und Tannert ging es auch nicht um eine „kulturhistorische Sammlung von Asservaten“, sondern um das Zeigen von Kunstwerken, die „in der kollektiven Rezeption verblasst, oder ganz unbekannt“ sind. Erstes Highlight, ebenfalls noch vor der ersten Tür, sind die Autoperforationsartisten (auch Selbstlöcherer) um Micha Brendel, Else Gabriel, Rainer Görß und Volker (Via) Lewandowsky, einen, den man heute im wiedervereinigten Deutschland zu den erfolgreichen zeitgenössischen Künstler zählen kann. Von 1987 bis 1989 sorgte diese Gruppe aus Dresdner Kunststudenten mit ihren stark an Wiener Aktionskunst erinnernden Ekel-Happenings für etwas Irritation im „Tal der Ahnungslosen“.

 

Performance Via Lewandowsky, Berlin, 1989 - Foto © Jochen Wermann

Performance Via Lewandowsky, Berlin, 1989
Foto © Jochen Wermann

 

Hier stand aber vor allem ein anderer Kunst-Papst Pate: der Düsseldorfer Fluxus-Gott Joseph Beuys. Ein Aufbegehren mit Fett, Farbe, Wort und Aktion gegen die Vorherrschaft der konventionellen Pinselfraktion. Fotos von Aktionen und Zeichnungen von Via Lewandowsky hängen neben Else Gabriels künstlerischer Aufbereitung der Antwort auf ihren Antrag auf Ausreise wegen Eheschließung. Die Gruppe zerfiel kurz vor der Wende 1989 nach der Ausreise ihrer Mitglieder.

Eine weitere Künstlergemeinschaft gruppierte sich im Dunstkreis der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, heute vor allem als Quell der alten und neuen „Leipziger Schule“ bekannt. Im Zuge der von DDR-Altstar Bernhard Heisig initiierten Berufung von Hartwig Ebersbach bildete sich 1982 die Gruppe 37,2. Neben Ebersbach (bekannt durch seine freche Kaspar-Serie) stand vor allem der charismatische Kunststudent Hans-Joachim Schulze im Mittelpunkt. Ähnlich wie später die Dresdner Autoperforationsartisten versuchten die Leipziger durch interdisziplinäres Arbeiten den Normbegriff von Kunst aufzusprengen. Eine assoziative Kunstproduktion durch Kommunikation, Interaktion und Improvisation. Ausgestellt sind Schulzes Konzeptskizzen und das an den wilden pastösen Farbstil der westlichen CoBrA-Gruppe erinnernde Gemälde Gruppe 37,2 von Hartwig Ebersbach.

Damit ist das wichtige Thema Künstlergruppen in der DDR aber schon abgehandelt. Wer mehr in diese Richtung wissen will, muss z.B. auf die Fleißarbeit der Macher der großen Schau Bohème und Diktatur in der DDR – Gruppen, Konflikte, Quartiere. 1970 bis 1989, die 1997 im Deutschen Historischen Museum stattfand, zurückgreifen. Speziell die Berliner Künstlerszene wurde 2009-10 in der recht umfangreichen Ausstellung Poesie des Untergrunds im Prenzlauer Berg Museum vorgestellt. In Dresden gab es zur gleichen Zeit eine große Rückschau mit dem Titel Ohne uns! – Zur Kunst und alternativen Kultur in Dresden vor und nach ‘89. Umfangreiches Informationsmaterial zu den Ausstellungen sind online abrufbar.

 

Gegenstimmen_mgb_Hans-Hendrik Grimmling, Die Umerziehung der Vögel, 1977 - Foto (c) Kunstsammlung Heinrich

Hans-Hendrik Grimmling, Die Umerziehung der Vögel, 1977 
Foto (c) Kunstsammlung Heinrich

 

Dass der Leipziger Maler Hans-Hendrik Grimmling 1984 mit dem Künstlerkreis Tangente den legendären, halblegalen „1. Leipziger Herbstsalon“ organisierte, erfährt man in der Berliner Ausstellung leider nicht. Zentrales Werk ist hier sein 1977 gemaltes Triptychon Die Umerziehung der Vögel. Das Ringen um freie Kunstentfaltung endet im Absturz mit gebrochenen Flügeln. Das war nach Meinung der Stasi offen konterrevolutionär. Grimmling sieht sich bereits 1978 in seinem Selbstbildnis Ich in Leipzig in einschnürenden Zwängen gefangen. Die Konsequenz ist auch hier die Ausreise.

Ein regelrechtes Enfant terrible der oppositionellen DDR-Kunst in den späten 1970er und frühen 80er Jahren war aber die heute auch international sehr beachtete Malerin Cornelia Schleime. Sie schaffte es sogar, als einzige für unangepasst geltende Künstlerin in die 2003 in der Neuen Nationalgalerie Berlin gezeigte umstrittene Retrospektive Kunst in der DDR. Viele Werke aus der Zeit vor ihrer Ausreise 1984 in die BRD existieren nicht mehr. Gezeigt wird u.a. die 1982 entstandene Foto-Collage Aus einem Soll-und-Haben-Bildtagebuch. Schleime veranstaltete ab 1979 Körperaktionen, drehte feministische Schmalfilme und schlug sich nach Ausstellungsverboten gemeinsam mit Malerkollegen wie Ralf Kerbach als Sängerin der Punkband Zwitschermaschine durch. Man sollte nicht achtlos an der kleinen Hörstation im letzten Raum der Ausstellung vorbeigehen. Hier gibt es eine Kompilation aus 27 Songs des East German Underground mit Bands wie AG Geige, Ornament & Verbrechen, Rosa Extra, Herbst in Peking, oder BAADER mit dem Schriftsteller Matthias BAADER Holst aus Halle.

Bert Papenfuß Gorek 2007 bei einer Lesung im Kaffee Burger - Foto (c) Ordu Oğuz

Bert Papenfuß Gorek 2007 bei einer Lesung im Kaffee Burger 
Foto (c) Ordu Oğuz, Wikipedia

Ebenfalls eine Bohème-Legende und regelrechte Prenzlauer-Berg-Institution ist der Lyriker Bert Papenfuß, der hier in Form von Zitaten wie „Die Freiheit wird nicht kommen, die Freiheit wird sich rausgenommen.“ stichwortgebend durch die Ausstellung geistert. Gemeinsam mit dem Maler Ronald Lippok veröffentlichte Papenfuß Künstlerbücher im Eigenverlag, oder wie das hier ausgestellte der blutspur im Selbsthilfeverlag Ursus Press. Diese Art der Verbreitung war abseits des staatlich gelenkten Kunsthandels oft die einzige Möglichkeit. Vertrieben wurden die meist kleinen Auflagen in Kneipen und selbstgeründeten Galerien. Noch heute veranstaltet Bert Papenfuß Lesungen und ist Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Abwärts.

Weitere Schutzräume neben den Künstlerkneipen und selbstverwalteten Galerien boten Kirchen (z.B. für Bluesmessen und Punkkonzerte) oder Theater, in denen viele Untergrund-Künstler auch Jobs fanden. Subkulturszenen bildeten sich vor allem in Städten mit Kunsthochschulen wie Leipzig, Halle, Dresden, Berlin und auch in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. Viele der hier ausgestellten Künstler sind, trotz fehlender näherer biografischer Daten, den einzelnen Szenen zuordenbar. Was die Kuratoren liefern, sind recht interessante Kommentare und Statements der Künstler zu den Werken oder ihrer damaligen Arbeitssituation, die oft nicht ohne Stasi-Repressionen abging. Verena Kyselka stellt nach der Wende in der Collage Pigs like Pigments 1-4 Berichten aus ihrer Stasiakte Fotos aus ihrem wirklichen Leben gegenüber.

Die Fotografin Gabriele Stötzer saß vor ihrer Ausreise 1977 im bekannten DDR-Frauengefängnis Hoheneck. Ihre Fotoserie Carmen & Mirco – Lippen (1983) zeigt sie mit verzerrtem Mund oder zugeschnürten Lippen. Die Fotografien Christinane Eisler geht für eine Portraitserie von Mädchen in den Jugendwerkhof Crimmitschau. Neben Auftragswerken für die Modezeitschrift Sibylle suchen die Fotografinnen Ute Mahler und Sibylle Bergemann fern ab des vorherrschenden, gewünschten DDR-Bilds ihre Motive im privaten Heim, in Kneipen, auf Straßen und Dorffeiern. Schwarz-weiß-Serien wie Zusammenleben entstehen. Werner Mahler fotografiert über die Jahre eine Klasse Abiturienten.

Den fragmentierten und neu zusammengesetzten Selbstportraits des Fotografen Thomas Florschuetz sieht man schon die Klasse an, die ihn nach der Wende auch eine verdiente Karriere am West-Markt bescheren. Ein früher Abgang in den Westen hat dem Künstler in der freien Entwicklung sicher gut getan, was man von Malern wie Volker Henze nicht unbedingt behaupten konnte. Ihr Dilemma (was Henze hier auch selbst einräumt): Abstraktion und Informel gehören in den 1980er Jahren schon zur Kunstgeschichte und der Markt im Westen war damit übersättigt. Was in der Malerei ging, war der abstrakte Neo-Expressionismus der Neuen Wilden, der auch in der DDR viele Anhänger fand.

„Ich bin ein Bildhauer in Deutschland.“ So versuchte sich damals der Potsdamer Hans Scheib der Kategorisierung als Ostkünstlers zu entziehen. Eine seiner farbig bemalten Holzskulpturen mit dem Titel Animateur – Auch ein Künstlerleben – Arschloch zeigt ihn als von Pinseln durchbohrten heiligen Sebastian. Scheib hat sich als Künstler nach der Wende behaupten können, wie auch die Dresdner Malerin Angela Hampel mit ihren Plakatmotiven und Bildern nach antiken Tragödinnen wie Medea, Pentesilea oder Salome. Eine Skulptur des Cottbuser Künstler Hans Scheuerecker, der auch mit zwei abstrakten Portraits vertreten ist, ziert sogar den dortigen Einkaufsboulevard Spremberger Straße.

Manfred Butzmann während einer Ausstellungseröffnung im August 2009 - Foto (c) Spree Tom, Wikipedia

Manfred Butzmann 2009 während einer Ausstellungseröffnung  –
Foto (c) Spree Tom, Wikipedia

Auch die sperrigen Werke des Malers und Objektkünstlers Walter Libuda oder des Malers und Grafikers Mark Lammert sind mittlerweile in deutschen Museen vertreten. Während Libuda in der DDR fast schon als etabliert galt und staatliche Aufträge (Gewandhaus Leipzig) erhielt, konnte Lammert sich erst nach der Wende als Bühnenbildner im Berliner Ensemble einen Namen machen. Der Grafiker und Plakatkünstler Manfred Butzmann überzeugt mit seinen pazifistischen und ökologischen Plakatmotiven, die den Vergleich mit Klaus Staeck nicht zu scheuen brauchen.

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Warum aber verweigert man den hier ausgestellten Werken die Einordnung in die allgemeine Kunstgeschichte? Fürchtet man um deren Eigenständigkeit oder die Stigmatisierung als Kunst, die durch eine Diktatur geprägt ist – überhaupt nur in der Diktatur entstehen konnte, wie immer behauptet wird? Gerade die nonkonforme Kunst in DDR hat das im Rückblick nicht verdient. Man kann sehen, dass sie (wie jede Kunst) mit internationalen Vorbildern rang, mit den Gegebenheiten der sie umgebenden Gesellschaft kritisch kommunizierte oder, diese negierend, andere kreative Wege ging. Gerade im Kontext bundesrepublikanischer Kunst dieser Zeit muss sie sich nicht verstecken.

Warum aber verweigert man den hier ausgestellten Werken die Einordnung in die allgemeine Kunstgeschichte? Fürchtet man um deren Eigenständigkeit, oder die Stigmatisierung als Kunst, die durch eine Diktatur geprägt ist, überhaupt nur in der Diktatur entstehen konnte, wie immer behauptet wird? Gerade die nonkonforme Kunst in DDR hat das im Rückblick nicht verdient. Man kann sehen, dass sie wie jede Kunst mit internationalen Vorbildern rang, mit ihnen kommunizierte, die sie umgebenden Gesellschaft kritisch betrachtete, oder diese negierend andere kreative Wege einschlug. Gerade im Kontext bundesrepublikanischer Kunst dieser Zeit, muss sie sich nicht verstecken.

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Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989
16.07.-26.09.2016
Martin-Gropius-Bau Berlin Niederkirchnerstraße 7 10963 Berlin
Öffnungszeiten: Mi – Mo | 10 – 19 h Di geschlossen

Kuratoren: Eugen Blume und Christoph Tannert

Weitere Infos siehe auch: http://www.gropiusbau.de/

Zuerst erschienen am 28.07.2016 auf Kultura-Extra.

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