Wut, Rage und Hysteria mit Jelinek, Stephens und Buñuel zum Spielzeitauftakt in Hamburg.

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Zum Spielzeitauftakt am Thalia Theater inszeniert Sebastian Nübling einen Wut/Rage-Mix aus Texten von Elfriede Jelinek und Simon Stephens

1112_AboMag#2.inddAm Hamburger Thalia Theater ist schon zum Spielzeitauftakt im September Silvester. „Happy New Year“ verheißt eine flackernde Leuchtreklame über der leeren Bühne (Evi Bauer), auf der doch der Wut-Text von Elfriede Jelinek gegeben werden soll. Regisseur Sebastian Nübling, mittlerweile zum Zweitaufführer von Jelinek-Stücken avanciert, war diese über 100 Seiten lange Textfläche zum Thema Wut als kollektivem, gesamteuropäischem Bewusstseinsstrom wohl nicht genug. Als deutscher Uraufführungsregisseur von Stücken des britischen Dramatikers Simon Stephens (bisher bevorzugt am Deutschen Schauspielhaus Hamburg oder den Münchner Kammerspielen) hat er für das Thalia Theater Hamburg Jelineks Text mit Stephens neuem Stück Rage verknüpft. Einerseits scheint Stephens Text unmittelbar von Jelineks Wut inspiriert, anderseits reflektiert er Ereignisse der letzten Silvesternacht in der englischen Stadt Manchester.

Da denkt man als Deutscher doch unweigerlich gleich an Köln. Soweit weg ist das dann auch gar nicht, und doch auch wieder ganz anders. Aufhänger für Stephens Stück waren Aufnahmen des britischen Fotografen Joel Goodman aus jener Silvesternacht, von denen eine, im Internet verbreitet, auf ungeahnte Reaktionen stieß. Das Arrangement zweier betrunken auf der Straße liegender Partygänger veranlasste die Netzgemeinde zu hänischen Reaktionen bis hin zu satirischen Vergleichen mit Michelangelos Deckenfresko Erschaffung des Adam. Eine friedlich anmutende Szene einer ansonsten als sehr aggressiv beschriebenen Nacht.

Von Wut und Aggressionen handelt auch Elfriede Jelineks Text, der IS-Terroristen und Pegida-Anhänger, Gläubige wie auch Glaubenskritiker ohne direkt erkennbare personelle Abgrenzung zu Wort kommen lässt. Eine Wutbürger-Parade von der Mitte Europas bis zu dessen politischen Rändern und Gegnern. Ähnlich geht auch Simon Stephens zu, der in seinem Stück meist volltrunkene Briten während einer Silvesternacht mit all ihren Vorurteilen, Wünschen, Ängsten und Aggressionen ungebremst aufeinanderprallen lässt. Die Verquickung der beiden Stücke könnte man daher fast schon als genial bezeichnen.

 

Wut-Rage am Thalia Theater Hamburg - Foto (c) Armin Smailovic

Wut/Rage am Thalia Theater Hamburg
Foto (c) Armin Smailovic

 

Regisseur Nübling nimmt für seine Inszenierung den Rhythmus von Stephens ungeschützt rauem Text mit wummernden Techno-Sounds auf. Das erinnert in den permanenten Zuckungen der DarstellerInnen zum Beat der Musik an seine choreografierten, köperbetonten Inszenierungen der Stücke von Sibylle Berg am Maxim Gorki Theater. Doch zunächst hält Karin Neuhäuser noch einen langen Einführungsmonolog von der zornigen Männersaat aus Jelineks Wut, als Brandwache mit dem Einwickeln einer Rolle Absperrband an einem imaginären Tatort beschäftigt. Eine Figur, die sich mit reflexiven Passagen immer wieder ins Spiel einklinkt und sich wie in einem endlosen Lamento über Gott und die Welt, über Hass und Hybris auslässt.

Elfriede Jelineks Text ist nach den Anschlägen auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo und einen jüischen Supermarkt in Paris entstanden. Die Autorin lässt sich in ihrer breit kalauernden Art über die zumeist jüdischen Opfer, die „Gott ist groß“ rufenden Täter mit ihren automatischen Waffen und das Abbildungsverbot im Islam aus. „Was ist der Mensch gegen ein Bild?“ Kritische Sätze wie „Religion ist in sich und an sich genauso nutzlos wie das Denken.“ entspringen der Verzweiflung um die Nutzlosigkeit ihrer vielen Worte. Simon Stephens liefert dazu mit „Scheiß Paki“ oder „I hate fucking Muslims“ den Sound der Straße. Es wird viel getanzt, deklamiert und chorisch gesungen. Die Selbstermächtigung zur Wut als kollektive Techno-Hymne. Vom Ich zum Taumel der Massen.

Die anfangs noch am Boden liegende Leuchtreklame mit dem Slogan „Happy“ wird hochgezogen. Es entspinnt sich szenischer Reigen von der Spaßgesellschaft zum Wutbürgertum. Ein Zorn, der seine Richtung sucht und in verschiedenen Zielgruppen findet. Es wird gekotzt, gepisst und geflucht. Da hat sich was angestaut, das will raus. Wasser und Worte schwallen aus den schrägen Party-Typen. Jelineks Sing-Sang und der dumpfe Beat der ausgekotzten Sätze von Stephens abgestürzter Party-Gesellschaft in Clubs, auf Toiletten und Manchesters Straßen vermischt sich zum Wutchor der sozial Abgehängten und Freaks. Sexuelle Übergriffigkeit, rassistische Beleidigungen und Gewaltfantasien durchziehen Stephens Text. Ein entgrenztes Anbaggern inkontinenter Körper, die ihren Hass und Stumpfsinn wie Flüssigkeiten absondern.

„Mehr Porno weniger Pilates.“ ist die zynische Erwiderung eines Polizisten (Kristof Van Boven) auf die fantasierenden Neujahrsvorsätze seines Kollegen (Sebastian Zimmler) zur Errettung der Welt. Nachdem sich die Tänzer immer wieder gegenseitig angestachelt, beschimpft oder nach Liebe gefleht haben, mutieren sie kurz zu eingefrorenen Todesengeln, wie Marina Galic, die Jelinek-Text spricht, während sie in ihrer eigenen Pisse steht. „Das Totenreich ist eröffnet.“ oder „Gott lässt niemanden umbringen, dafür hat er doch uns.“ Ein Silvester-Feuerwerk gibt es dann aber auch noch, in das sich der Hass eines jungen Mannes (Sven Schelker) auf die Welt entlädt: „Ihr tut mir nicht leid.“ „Das Problem ist, wie üblich, dass uns niemand liebt.“ ist das ambivalente Jelinek’sche Fazit, das Karin Neuhäuser am Rande mehrmals andeutet. Und niemand hat Schuld am „Spuk der Nacht“, der nicht weggehen will.

Sebastian Nübling hat eigentlich einen über weite Strecken funktionierenden Theaterabend zusammengeschraubt. Die beiden Texte ergänzen sich ziemlich gut, sind teilweise nur durch das grobe, verkürzte Knurren der wütenden Stephens-Gestalten, gegenüber den flächigen Kalauer-Suaden der Jelinek voneinander zu unterscheiden. Vom einsamen Schreiben im Textsüberl der österreichischen Autorin hin zum Slang der Straße, der sich in den sozialen Netzwerken fortsetzt und so seinen Weg wieder zurück findet in die Gesellschaft, oder hier zurechtgeschnitten für eine künstlerische Reflexion auf der Bühne. Das zieht sich so wechselnd zwei ganze Stunden hin, ist aber kein typisch ausufernder Jelinek-Abend, eher ein dreckiger Stephens-Plot aus dem brexit-verkaterten, sozial brodelnden Kessel Großbritannien. Das latent hasserfüllte Grundköcheln im Europa unserer Zeit ist hier, wenn auch nur unterschwellig, jedoch deutlich spürbar.

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WUT/RAGE (Thalia Theater Hamburg, 16.09.2016)
Von Elfriede Jelinek/Simon Stephens
Regie: Sebastian Nübling
Bühne: Evi Bauer
Kostüme: Pascale Martin
Musik: Lars Wittershagen
Dramaturgie: Julia Lochte
Mit: Kristof Van Boven, Marina Galic, Julian Greis, Franziska Hartmann, Marie Löcker, Karin Neuhäuser, Sven Schelker und Sebastian Zimmler
Uraufführung war am 16. September 2016
Weitere Termine: 24., 25. 9. / 9. 10. 2016

Weitere Infos siehe auch: https://www.thalia-theater.de/

Zuerst erschienen am 18.09.2016 auf Kultura-Extra.

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Hysteria – Gespenster der Freiheit – Zum Spielzeitauftakt am Deutschen Schauspielhaus inszeniert Karin Beier bürgerliche Paranoia nach Motiven von Luis Buñuel

Hysteria – Gespenster der Freiheit -Foto © David Baltzer

Hysteria – Gespenster der Freiheit –   Foto © David Baltzer

Hamburgs Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier setzt nach Die Schmutzigen, die Häßlichen & die Gemeinen sowie Schiff der Träume mit Hysteria – Gespenster der Freiheit ihre Reihe mit Film-Adaptionen bekannter Meister des europäischen Kinos fort. Der Titel ihrer neuen Inszenierung ist für Buñuel-Kenner sicher etwas irreführend. Nicht der Film Das Gespenst der Freiheit (im Original: Le Fantôme de la liberté) steht im Mittelpunkt, die Bühnenfassung speist sich eher aus verschiedenen Film-Motiven des spanischen Regisseurs Luis Buñuel. Zu nennen wären da vor allem Der Würgeengel oder Der diskrete Charme der Bourgeoisie. Maßgebend sind hier die Eingeschlossenheit einer bürgerlichen Party-Gesellschaft, deren beginnende Zersetzung sowie verschiedene Traumsequenzen der Beteiligten. In seiner surrealen Rätselhaftigkeit ist das nicht minder verwirrend. Vor allem aber hat der Abend viel mit Hysterie zu tun.

Ähnlich wie in ihrer Kölner Inszenierung Die Schmutzigen, die Häßlichen & die Gemeinen (2010 zum Berliner Theatertreffen eingeladen) verfrachtet Karin Beier ihr Ensemble hinter schalldichtes Glas. Waren es damals die in der Gesellschaft ganz unten Stehenden, die sich in einer Art Elends-Peep-Show vor Publikum zerfleischten (die Inszenierung war deswegen auch umstritten), ist es hier ein sozial weiter oben anzusiedelndes Ehepaar, das zum House-Warming in ihr neu erbautes Heim eingeladen hat. Linda und Robert (Julia Wieninger, Yorck Dippe) sind nach Jahren in Thailand wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Die Frau ist schwanger, der Hausherr preist die neue, alte Heimat wie einen guten Wein, den man nur für besondere Anlässe aus dem Keller holt. Ansonsten hat er einen zwanghaften Putzfimmel, und die Tochter (Josefine Israel) ist gewaltig am Pubertieren.

 

Hysteria – Gespenster der Freiheit -Foto © David Baltzer

Hysteria – Gespenster der FreiheitFoto © David Baltzer

 

Die Gäste treffen nach und nach ein, und für gefühlte 20 Minuten dringt kaum ein Ton aus dem großzügig verglasten Inneren. Nur Lindas Stimme aus dem Off schwant Schlimmes. Die Party-Gesellschaft besteht aus Freunden und Geschäftspartnern des Paares. Die Stimmung ist zunächst etwas steif und angestrengt. Man macht Small Talk, lästert über andere bzw. versucht Beziehungen für die eigene Kariere zu knüpfen. Der reichlich fliesende Alkohol lockert das Ganze etwas, bis sogar getanzt wird. Der plötzlich auftauchende und sich als Nachbar ausgebende Chucky (Michael Wittenborn) streut erste Unruhe unter die Gäste, als er von Überwachung, Bürgerwehr und einem ominösen Tierseuchenzentrum spricht. Angestaute Probleme, Verunsicherungen, Zukunftsängste und latenter Rassismus bekommen so neue Nahrung. Geräusche von draußen, eine gegen die Scheibe fliegende Krähe (oder ist es gar eine Drohne?) schüren die Paranoia der Partygäste weiter. Schließlich werden die Lebensmittel knapp, und das Wasser fließt nicht mehr.

Robert, der von seinem schwarzen Chef Hugo (Sayouba Sigué) gefeuert wurde, sinnt auf Rache. Angestachelt von Chucky geht schließlich Hugo auf Robert los. Selbst der an Vernunft und Objektivität glaubende Arzt (Markus John) verliert langsam die Fassung, und seine asiatische Frau (Sachiko Hara), die buddhistische Entspannung praktiziert, geht zum Kampfsport über. Die sich im Haus verbarrikadierende Gesellschaft beginnt sich zu bewaffnen und dreht langsam durch. Die Folge sind Chaos, Verwüstung und Vergewaltigung bei sich permanent drehender Bühne (Joachim Schütz). Dazwischen gibt es immer wieder aus dem Off einzelne Reflexionen der Beteiligten, in denen es um innere Zweifel, Selbstmordgedanken, Todesangst, oder Veränderung durch Schmerz und die blutleere Demokratie geht. Die Festung Europa vor dem kulturellen Abgrund. Karin Beier hat hier Texte des umstrittenen rumänischen Existenzialisten und nihilistischen Kulturkritikers E. M. Cioran eingeflochten. Alle bewegen sich wie zwischen Traum und Wirklichkeit, was auch für den Zuschauer bald nicht mehr zu unterscheiden ist.

Eine beängstigend Atmosphäre macht sich breit – unterstützt durch den intensiven Sound von Jörg Gollasch. Entfernt erinnert das auch an das im Mai am Burgtheater Wien von Arpad Schilling uraufgeführte Stück Eiswind/Hideg szelek der ungarischen Autorin Éva Zabezsinszkij. Auch Karin Beier will die verheerende Wirkung von Lügen und Verschwörungstheorien aufzeigen. Angst und Verunsicherung im politischen Diskurs spielen nur den rechten Populisten in die Hände (siehe die aktuellen Wahlerfolge der AfD). Das ist hier auch großartig vom gesamten Ensemble gespielt, aber mit fortschreitender Zeit und sich drehender Bühne auch etwas enervierend und leerlaufend. Die surrealen Elemente überlagern schließlich komplett den Handlungsbogen. Es fehlt ein entscheidender Moment, der das Ganze auf einen konkreten Punkt bringt.

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HYSTERIA – GESPENSTER DER FREIHEIT (Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 17.09.2016)
Nach Motiven von Luis Buñuel
Regie: Karin Beier
Bühne und Kostüme: Johannes Schütz
Musik: Jörg Gollasch
Sounddesign: Dominik Wegmann
Licht: Annette ter Meulen
Dramaturgie: Christian Tschirner
Mit: Paul Behren, Yorck Dippe, Sachiko Hara, Jonas Hien, Josefine Israel, Markus John, Angelika Richter, Kate Strong, Sayouba Sigué, Julia Wieninger und Michael Wittenborn
Uraufführung war am 17. September 2016.
Weitere Termine: 21. 9. / 1., 9. 10. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielhaus.de/

Zuerst erschienen am 19.09.2016 auf Kultura-Extra.

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