Zweimal österreichische Dramatik in Berlin – ganz unterschiedlich in Szene gesetzt von Katie Mitchell an der Schaubühne und Matthias Rippert in der Box des Deutschen Theaters

___

Hadern im Hades – Katie Mitchell verfilmt an der Berliner Schaubühne Elfriede Jelineks Orpheus-Bearbeitung Schatten (Eurydike sagt) als feministischen Befreiungsakt einer unterdrückten Künstlerin

schatten-9678_jule-boewe_-foto-c-gianmarco-bresadola

Schatten (Eurydike sagt)
Foto (c) Gianmarco Bresadola

„Das Größte aber ist, nicht geliebt zu werden und nicht zu lieben. Schatten zu Schatten, ich bin nicht mehr da, ich bin.“ Eurydike will nur mehr ein Schatten unter Schatten sein. Das ist die finale Aussage der Orpheus-Gattin im Stück Schatten (Eurydike sagt) von Elfriede Jelinek. Ihre Überschreibung des antiken Sagenstoffs hat man in Berlin bisher in zwei von Männern inszenierten Gastspielen sehen können. Das geriet beim Ex-Burgtheaterintendanten Matthias Hartmann zur knallbunten Pop-Farce mit vielstimmigem Frauenchor, wogegen Jan Philipp Gloger den Eurydike-Text in fünf separate Frauentypen zerlegte. Manchmal braucht es eben eine weibliche Regie-Hand, um das Essentielle aus einem langen Text über männliche Bevormundung zu destillieren.

Die britische Regisseurin Katie Mitchell schafft das mit zwei Eurydike-Darstellerinnen. Während Jule Böwe der antiken Quellnymphe heutige Züge verleiht, liest Stephanie Eidt den gekürzten Jelinek-Text in einer gläsernen Sprecher-Box ein. Das wird in der Schaubühne zum 75 Minuten kurzen aber dennoch großen Leinwandkino. Da treffen sich Alfred Hitchcock und David Lynch, Mystery-Thriller und Film noir zu einem feministischen Befreiungsschlag vor Live-Kamera.

Katie Mitchell greift wieder zu ihrem bewehrten Stil mit live vor Ort gefilmten Spielszenen und eingesprochenem Text, der hier die innere Stimme der zu künstlerischer Untätigkeit im Schatten des Rocksängers Orpheus (Renato Schuch) verdammten Eurydike widergibt. „Ich wünsche mir, was ich nicht kann. Ich kann nicht, was ich mir wünsche.“ Während sie in der Garderobe vor einem Notebook sitzend vergeblich versucht, sich unter Schmerzen Texte abzuringen, muss sie dem erfolgsverwöhnten und „nie nur einen Tag ungefickten“ Sängerstar sexuell zu Diensten sein. Das Set zeigt Eurydike am Rande seines Auftritts. „Mein Werk ist nichts.“ sagt sie verzweifelnd und ist sauer auf die Groupies.

 

Schatten (Eurydike sagt) - Foto (c) Gianmarco Bresadola

Schatten (Eurydike sagt)Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

Was folgt ist der giftige Schlangenbiss und die lange Fahrt in einem VW-Käfer mit sprechendem Kennzeichen UW – 8TYX und finsterem Chauffeur (Maik Solbach) durch lange lichtgesäumte Tunnel. Einen Fahrstuhl über 99 Geschosse in die Unterwelt gibt es dann auch noch. Erst trommelt Eurydike noch ängstlich an die Wände ihres dunklen Gefängnisses, findet dann aber doch Gefallen am neuen Schattendasein, zu dem die Lebenden und vor allem die Halbtoten sie nur beneiden können.

Ein wenig Psychologie streut Elfriede Jelinek auch noch unter ihren, wie immer kalauernden Fließtext, der in Katie Mitchells Kurzversion und dem gefassten Vortrag von Stephanie Eidt kaum Stellen der ironischen Brechung bietet und somit wenig komödiantisches Potential entfaltet. Die Frau als von der Mutter ungeliebtes, pathologisches Fashion Victim, das Kleidung wie schützende Hüllen anhäuft und diese nun fast beglückt im Hades wieder ablegt, nachdem sie den Bruch mit dem sie nicht ziehen lassenden Sänger selbst vollzogen hat. Er bleibt zurück, nur noch ein Phantom im Rückspiegel.

„Halt endlich deine Fresse.“ lautet der erlösende Satz, einer von allen Selbstzweifeln befreiten, in sich zur reflektierenden Ruhe gefundenen Schriftstellerin in ihrer nun eigenen Schreibstube. Patin steht hier Virginia Woolf mit ihrem 1929 verfassten Essay A Room of One’s Own, in dem die britische Schriftstellerin über die Bedingungen für Frauen, Literatur schaffen zu können, referiert.

Mitchells Inszenierung bietet einigen Raum zum Nachdenken und führt ihre Auseinandersetzung mit patriarchaler Unterdrückung wie schon in Die gelbe Tapete oder Ophelias Zimmer fort. Fast eine Art Trilogie in ihren Zimmern gefangener Frauenfiguren, die hier ihren finalen Ausweg zwar wieder im symbolischen Tod, aber auch in einer neuen Möglichkeit schöpferischer Tätigkeit findet. Der kurze Abend hält weitestgehend seine live erzeugte Spannung auch mit Hilfe eines treibenden Technobeats, hat aber leider auch ein paar technische Schwächen und dramaturgische Längen zu verdrücken.

***

Schatten (Eurydike sagt) – 29.09.2016, Schaubühne am Lehniner Platz
von Elfriede Jelinek
Regie: Katie Mitchell
Mitarbeit Regie: Lily McLeish
Bildregie: Chloë Thomson
Bühne: Alex Eales
Kostüme: Sussie Juhlin-Wallen
Videodesign: Ingi Bekk
Mitarbeit Videodesign: Ellie Thompson
Sounddesign: Melanie Wilson, Mike Winship
Licht: Anthony Doran
Dramaturgie: Nils Haarmann
Skript: Alice Birch
Mit: Jule Böwe, Stephanie Eidt, Renato Schuch, Maik Solbach
Kamera: Nadja Krüger, Christin Wilke, Marcel Kieslich
Boom Operator: Simon Peter
Dauer: ca. 75 Minuten
Premiere war am 28.09.2016 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Termine: 09., 10., 11., 14., 15., und 16.11.2016

Infos: http://www.schaubuehne.de

**

*

der thermale widerstand im Spaßbad – An der Box im Deutschen Theater inszeniert Matthias Rippert die Deutsche Erstaufführung des neuen Stücks von Ferdinand Schmalz

der thermale widerstand - Foto (c) Arno Declair

der thermale widerstand
Foto (c) Arno Declair

Wenn die Inszenierungen in den großen Spielstätten im Deutschen Theater Berlin versagen, dann müssen es eben die kleinen richten. Der Widerstand beginnt auch meist im Kleinen und hier – im neuen Stück des Österreichers Ferdinand Schmalz (der ja sprachlich oft mit Elfriede Jelinek oder Werner Schwab verglichen wird) – ausgerechnet in einer kleinen Wellness-Oase, dem städtischen Kurbad. Die tägliche Anbetung der morgendlichen Ruhe durch die Angestellten wird nicht nur durch die Darmgeräusche der Kurgäste gestört. Das Unheil droht, wenn nicht durch den neuen, etwas suspekten Bademeister Hannes (Daniel Hoevels), dann doch mindestens durch die Evaluierung des Bads durch die Investmentberaterin Marie (Anne Kulbatzki) im Auftrag eines Softdrinkriesen (wer würde da nicht an einen österreichischen Großkonzern denken), der alles aufkaufen und das alte Eisen entsorgen will. Und auch der Geologe Dr. Folz (Thorsten Hierse), der das thermale Wasser untersuchen soll, spricht von tektonischen Verschiebungen. Man sitzt also praktisch auf dem Krater eines Vulkans oder Geysirs, der kurz vor dem Ausbruch steht.

Ferdinand Schmalz setzt in seinem neuen Stück der thermale widerstand ganz geschickt (wie schon in der herzlfresser, von Ronny Jakubaschk im letzten Jahr an der DT-Box inszeniert) seine metaphernreiche Sprache ein, um ein gesellschaftliches Phänomen auf einen ganz speziellen Ort zu transformieren. Hier ist es also kein Shopping- sondern ein Wellness-Paradies, dessen die alten Angestellten – wie der etwas verlotterte Bademeister Walther (Michael Goldberg mit speckiger Langhaarperücke) – überdrüssig geworden sind. Der andauernde Wohlstand macht träge und depressiv. Dagegen steht der Neue im Team, Bademeister Hannes, der seine weiße Uniform als Verantwortung und Aufgabe versteht, nicht nur die Badeordnung einzuhalten, sondern seine Erfüllung auch darin sieht, mit Stutzigkeit (herrlich doppeldeutige Wortschöpfung) ein Auge auf die „Freunde einer Unfreiheit“, die das Bad bedrohen, zu haben.

Schmalz‘ kalauernden Wortspiele halten sich diesmal etwas in Grenzen und drehen sich nicht mehr nur ums Essen, sondern vor allem um das liquide Nass des Bads. Der junge Regisseur Matthias Rippert findet dafür schöne klaustrophobe Bilder im Bühnenbild von Selina Traun, das vier schmale, hölzerne Kabinen zeigt, die wie Umkleiden, Sauna, Bad und Büro ausgestattet sind. Der dräuende E-Sound von Robert Pawliczek macht aus Schmalz‘ Revoluzzer-Farce eine Art Psycho-Thriller, der durch das grandiose Spiel des Ensembles nie ins Alberne abgeleitet, aber dennoch viel Witz hat, der sich vor allem in einem schönen Slapstick mit einem im Ökobrei versteckten Verlobungsring äußert.

 

der thermale widerstand - Foto (c) Arno Declair

der thermale widerstandFoto (c) Arno Declair

 

Hier wird selbst die ziemlich verspannte und mit lauter Firmenlogos tätowierte Investmentberaterin Marie unter den Götter-Händen des Masseurs Leon (Harald Baumgartner) weich. Nur der nach der lauthalsen Kündigung durch Kurverwalterin Roswitha (Linda Pöppel) in den Untergrund des Bads abgetauchte Hannes setzt den thermalen Widerstand zur Reinigung der Polis in die Tat um und versperrt die Ausgänge des Bads, das schließlich einfach geflutet wird, um den Abtrünnigen heraus zu spülen und einer peiniglichen Befragung zu unterzeihen.

Hannes propagiert statt der durchlauferhitzten Körperertüchtigung die sinnbefreite Subkultur einer neuen Faulheit. Aber das Umdenken funktioniert hier anders. Mehr in Richtung Erlebnisbad und Luxusbadefreuden für die absolute Badeelite. Mehr in Richtung Erlebnisbad. Schmalz vergleicht das schön mit dem Verlust der Sprache auf dem Theater. Wer würde da in Berlin nicht sofort an die Volkbühne denken. Das Rumoren im Inneren der Badinsassen entpuppt sich schließlich lediglich als Resultat der Pumpernickel-Diät, die nichts Größeres als „Phantomscheiße“ zu Tage fördert.

Natürlich grüßt hier ein wenig Ibsens Volksfeind und ein bisserl Kaukasischer KreidekreisBrecht („dass da gehören soll, was da ist / Denen, die für es gut sind“) hat Schmalz auch noch in seinem Text versteckt. Was bei ihm dann einfach heißt: „Die Bäder, denen die baden.“ So einfach ist das und wiederum auch nicht. Gemeinschaft ist nicht immer progressiv radikal. Der thermale Widerstand des „freien Radikalen“ Hannes wird jedenfalls gemeinschaftlich gebrochen. Recht blutrünstig übrigens mit einem Verweis auf den schwimmenden Souverän Mao und die Hydra mit den nachwachsenden Köpfen. In der neuen Therme wird jetzt jedenfalls tropical gebadet.

***

DER THERMALE WIDERSTAND (DT-Box, 30.09.2016)
Von Ferdinand Schmalz
Regie: Matthias Rippert
Bühne / Kostüme: Selina Traun
Musik: Robert Pawliczek
Dramaturgie: Joshua Wicke
Mit: Harald Baumgartner, Michael Goldberg, Thorsten Hierse, Daniel Hoevels, Anne Kulbatzki und Linda Pöppel
Uraufführung im Schauspielhaus Zürich war am 17. September 2016
Berliner DT-Premiere: 30. 9. 2016
Weitere Termine: 8., 15., 22., 27. 10. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 01.10. 2016 auf Kultura-Extra.

__________

Comments are closed.