Die Ranke der Seele – Tobias Yves Zintel und Przemek Zybowski sind in ihrem Stück EXIT AYAHUASCA auf der Suche nach einer spirituellen Alternativ-Medizin

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exita-poster_-c-daniel-ramirez-perezAyahuasca ist ein halluzinogenes Getränk, das bei indigenen Stämmen im Amazonasgebiet von Brasilien, über Bolivien, Peru bis nach Kolumbien bei rituellen Zeremonien zur Anwendung kommt. Der Pflanzensud wird aus der Liane Banisteriopsis caapi und N,N-Dimethyltryptamin-haltigen Blättern des Kaffeestrauchgewächses Chacruna (Psychotria viridis) gewonnen. Unter dem Namen Yagé ist es auch aus Reiseberichten des US-amerikanischen Schriftstellers William S. Burroughs bekannt, der Anfang der 1950er Jahre auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen dieser magischen bewusstseinserweiternden Droge in der Putumayo-Region Kolumbiens auf der Spur war. 1963 wurden die Briefe, die Burroughs in dieser Zeit an Allen Ginsberg schrieb, unter dem Titel Yage Letters (dt.: Auf der Suche nach Yage) veröffentlicht. Darin beschreibt er ziemlich bildhaft die halluzinogene Wirkung nach der Einnahme von Ayahuasca. Aber erst in einem Brief, den Allen Ginsberg 1960 an Burroughs schrieb, erfährt der Leser erstmals über das Eintreten von klaren Todesvisionen nach dem Genuss der Kombination mit Chacruna. Ginsberg schreibt: „… je öfter man Ayahuasca nimmt, desto tiefer kommt man rein – man macht eine Reise zum Mond, sieht die Toten, sieht Gott – Baumgeister – usw.“ Burroughs spricht später auch von einem „Ayahuasca-Bewußtsein“.

Um das komplexe schamanische Stammeswissen der Amazonasvölker geht es auch in dem Stück EXIT AYAHUASCA, das Autor Przemek Zybowski und Regisseur Tobias Yves Zintel für das Ballhaus Ost eingerichtet haben. Przemek Zybowski ist promovierter Mediziner, absolvierte eine Weiterbildung in der Psychoanalyse und arbeitet seit 2010 als Psychiater an verschiedenen Krankenhäusern. Seit 2007 schreibt er neben Prosa auch Theaterstücke, die er in Zusammenarbeit mit Johannes Wenzel (Posen in Angst, 2014 im Ballhaus Ost) und Tobias Yves Zintel entwickelt. Autor Zybowski verarbeitet in seinem neuen Stück sichtlich auch eigene Berufserfahrungen. Neben dem stark rauchenden Rentner Kurt Widmer (Johannes Suhm), der sich nach mehreren Herzinfarkten für eine Freitodbegleitung bei der Sterbehilfeorganisation EXIT entschieden hat, gibt es hier auch eine Psychiaterin Dr. X (Tamara Saphir), die Widmer zunächst eine „chronische Suizidalität bei depressiver Störung“ attestiert, was es ihm wegen des fehlenden positiven Gutachtens über den Zustand seiner Psyche unmöglich macht, die Dienste von EXIT in Anspruch zu nehmen.

Was sich zunächst wie ein Stück über das dauerhafte Streitthema Sterbehilfe anhört, entpuppt sich aber schnell als eine Kontroverse zwischen den wissenschaftlichen Standards der westlichen Schulmedizin und den rituellen Heilkräften südamerikanischer Schamanen. Als solcher tritt schon zu Beginn der Schauspieler Rasmus Slätis, Mitglied der norwegischen Theaterkompanie Nya Rampen (We love Africa and Africa loves us, 2012 im Ballhaus Ost), vor das Publikum und fordert zum Mitmachen bei Atemübungen auf. Man solle beim folgenden keine Angst haben. Nun, man muss auch kein Ayahuasca zu sich nehmen, das wird hier lediglich auf der Bühne bei einer schamanischen Sitzung simuliert, der die an der Allmacht der westlichen Medizin zu zweifeln beginnende Ärztin zusammen mit ihrem Patienten Kurt Widmer beiwohnt.

 

EXIT AYAHUASCA im Ballhaus Ost - Foto (c) Robert Funke

EXIT AYAHUASCA im Ballhaus Ost – Foto (c) Robert Funke

 

Bühnenbildner Philip Wiegard hat dafür ein paar mit Luft gefüllte, zelt- und trichterartige Schlauchgebilde im Saal des Ballhaus Ost verteilt, sowie einen ebenfalls aufblasbaren durchsichtigen Iglu, in dem der Schamane seine Sitzungen vorbereitet und vollzieht. Es erklingt ein psychedelischer Elektrosound begleitet vom sphärischen Gesang Steev Lemerciers. Der Text lässt sich zunächst in einigen wissenschaftlichen Abhandlungen zu den pflanzlichen Bestandteilen des halluzinogenen Gebräus, zur spirituellen Verbindung von Mensch und Pflanze und dem Dialog der Gene in der spiralförmigen Doppelhelix der DNS aus. Dazu kommen die Erzählungen des Rentners über seinen depressiven Zustand und die der Ärztin über ihre Zweifel am System aus Karriere und Reichtum sowie schnellen, billigen Lösungen der Psychotherapie. Später wird ihr dann vor einer Kommission der medizinischen Fakultät die Approbation wegen Verletzung wissenschaftlicher Standards aberkannt, was hier wie in einem Ayahuasca-Trip vorgetragen wird.

Die Sinne öffnen und die Grenzen des Denkens überwinden – das Verschmelzen des Menschen mit der Natur und den Pflanzen – das alles vollzieht sich hier als Exit aus den normierten westlichen Vorstellungen und Einstieg in spirituelle Erfahrungen. So kann der kranke Rentner Widmer durch eine Todesvision seine Ängste lösen und gewinnt neue Lust am Leben. Der Ärztin wiederum gelingt es sich von ihren Zweifeln zu befreien und sich alternativen Heilmethoden zuzuwenden. Ayahuasca als „Auflöser von Problemen“ – das Zeremoniell als innere Reinigung und Katharsis.

Sind Pflanzen intelligente Wesen? Wissen Schamanen mehr? Das sind u.a. die Fragen, der die Inszenierung nachgehen will. Leider wirkt sie dabei auf die Dauer auch wie ein etwas verunglückter Workshop zur medizinischen Drogeneinnahme. Man könnte das Ganze vielleicht noch als gutgemeinte Informationsveranstaltung mit leicht folkloristischem Kunstanspruch verbuchen. Allerdings gehen in dem ganzen, für Laien etwas schwer verständlichen Wissenschaftsgedöns auch etwas die philosophischen Hintergründe flöten. Zybowski hat sich ein wenig beim deutschen Ethnopharmakologen und Drogen-Spezialisten Christian Rätsch belesen, der mehrere Bücher über die kulturelle Nutzung psychoaktiver Pflanzen und über Schamanismus geschrieben hat.

Spielerisch wird die Performance u.a. durch die Befreiung aus einer Fesselung oder den Tanz zwischen zwei Seilen unterstützt. Es gibt Videoeinblendungen von DNS-Strängen und Insekten. Es werden bionische Phänomene erklärt sowie die Metamorphose vom Wurm zum Schmetterling oder die Reise auf die andere Seite durch den Darm einer Schlange und im Stamm des Weltenbaumes beschrieben. Es ist bekannt, dass der Genuss von Ayahuasca nicht nur Gedächtnis und Geist stärkt, sondern auch die Phantasie und Kunstproduktion anregt. William S. Burroughs hat so die vom Künstler Brion Gysin erfundene Cut-up-Technik weiterentwickelt. Dem Team Zintel / Zybowski gelingt das nicht ganz.

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EXIT AYAHUASCA (Ballhaus Ost, 09.10.2016)

(c) Tobias Zintel

(c) Tobias Zintel

von Tobias Yves Zintel und Przemek Zybowski
Regie: Tobias Yves Zintel
Text: Przemek Zybowski
Bühne: Philip Wiegard
Kostüm: Jutta Klingel
Dramaturgie: Andreas Wolfsteiner
Produktionsleitung: Tina Pfurr / Ballhaus Ost
Mit: Steev Lemercier, Tamara Saphir, Rasmus Slätis, Johannes Suhm
Eine Produktion von ZINTEL / ZYBOWSKI in Kooperation mit dem Ballhaus Ost
Premiere im Ballhaus Ost war am 08.10.2016
Weitere Termine: 13., 14., 15., 16.10.2016

Infos: http://www.ballhausost.de/produktionen/exit-ayahuasca/

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