„Látszatélet / Imitation of Life“ und „Eiswind / Hideg szelek“ – Zwei verstörende ungarische Theaterstücke zu Gast in Wien und Berlin

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Schutthaufen der Erinnerung – Der ungarische Regisseur und Theatermacher Kornél Mundruczó ist mit seinem Proton Theatre Budapest und dem Stück Látszatélet / Imitation of Life zu Gast im Berliner HAU 2

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Foto: St. B.

Vor gut zwei Jahren bereits gastierte der ungarische Film-Regisseur und Theatermacher Kornél Mundruczó mit seiner Produktion Dementia, or the Day of My Great Happiness beim ungarischen Theater-Festival “Leaving is not an option?” im Hebbel am Ufer. Nun ist er mit einer weiteren Koproduktion mit den Wiener Festwochen zurück in Berlin. Und auch in Látszatélet / Imitation of Life (zu Deutsch: Scheinleben) geht es um soziale Verwerfungen in der ungarischen Gesellschaft.

Statt eine alte abgewrackte Nervenheilanstalt zu schließen, versucht nun eine Investmentfirma mit Hilfe eines Inkassobüros mit Namen Liquid GmbH eine ältere Frau mit Mietschulden aus ihrer Wohnung zu werfen. Lörinc Ruszó (Lili Monori) ist Angehörige der Roma-Minderheit und setzt sich zunächst tapfer gegen die Ausfragungen und Belehrungen des Mitarbeiters vom Inkassobüro (Roland Rába) zur Wehr. Schließlich erzählt sie ihm aber verzweifelt die Geschichte ihres Lebens, das aus ständiger staatlicher Bevormundung, gesellschaftlicher und institutioneller Diskriminierung und anderen daraus resultierenden Schicksalsschlägen besteht.

Die Zuschauer sehen das Gesicht der Frau in Nahaufnahme auf einer Videoleinwand, die, wenn sie gefallen ist, eine kleine schäbige Wohnung in einem engen Bühnenkasten freigibt. Hier hat Frau Ruszó die letzten Jahre ihres Lebens verbracht und wartet nur noch auf die Rückkehr ihres Sohnes, der sie verlassen hat, da er sich für seine Herkunft schämt und seine Haut und die Haare bleichte, um nicht als Rom zu gelten. Die Androhung einer weiteren Umsiedlung lässt sie zusammenbrechen.

 

Látszatélet / Imitation of Life - (Foto (c) Marcell Rév

Látszatélet / Imitation of Life(Foto (c) Marcell Rév

 

Der Inkassomann bekommt es mit der Angst und versucht die Rettung zu rufen. Da sich aber die Adresse in einer Roma-Siedlung befindet, reagiert die Dame am Telefon recht abweisend und mit vorurteilsbehafteten Fragen. Etwa ob die Frau getrunken habe oder von ihrem Mann geschlagen wurde. Da hier andere Prioritäten gelten, könne man erst in 74 Minuten kommen, sonst würde das ungarische Volk untergehen. Was letztendlich untergeht, ist wiedermal die Menschlichkeit in einem System, in dem sich jeder selbst der nächste und für Minderheiten erst recht kein Platz mehr ist.

Das symbolisiert Mundruczó mit einem plötzlichen Gewitter und Regen, was sich wie ein Schleier über die Szene legt. Langsam beginnt sich die kleine Behausung um die eigene Achse zu drehen, und die Einrichtungsgegenstände fallen lautstark und effektvoll durcheinander. Ein Leben hebt sich aus den Angeln, und Berge von Erinnerungsschutt entladen sich aus Bettkasten und Schrankschubladen.

 

Látszatélet / Imitation of Life im HAU 2 - Foto Applaus: St. B.

Látszatélet / Imitation of Life im HAU 2
Foto Applaus: St. B.

 

Im zweiten Teil des 95minütigen Abends bezieht die junge Frau Veronika (Annamária Láng) die durcheinandergewirbelte Wohnung und verschweigt dem Vermieter ihren Sohn Jónás (Dáriusz Kozma). Denn: „Kindersegen ist das große Druckmittel der Minderheiten“, wie der Mann sagt. Parallel montierte und seitlich angeordnete Videoszenen zeigen den verloren Sohn der mittlerweile im Krankenhaus verstorbenen Frau Ruszó in seinem neuen Leben, in dem Szilveszter (Zsombor Jéger) aber bald das alte mit der Mutter wieder einholt. Aus seinem Scheinleben verdrängt erscheint er wie ein untoter Geist in der dunklen Wohnung und begegnet dort dem ebenfalls blonden Jónás, der von seiner Mutter über Nacht alleingelassen wurde. Hier schließt sich ein magischer Kreis, Vergangenheit und unausweichlich scheinende Zukunft stehen sich gegenüber wie zwei nicht zu trennende Brüder.

Zum Abspann erfährt das Publikum auch noch den Hintergrund der Geschichte. Grundlage ist ein 2005 aktenkundig gewordener Fall der Budapester Polizei, bei dem ein junger Rom in einem Bus mit einem Samuraischwert angegriffen wurde. Das zog viel Medienrummel und Demonstrationen gegen Rassismus nach sich, da der Täter einer nationalistischen, rechtsextremen Gruppierung angehörte. Wie sich später herausstellte, war er aber ebenso ein Rom wie sein Opfer. Im Thema der Verleugnung der eigenen Herkunft lehnt sich Mundruczó auch entfernt an den Film Imitation of Life von Douglas Sirk an. Wie eine ungerechte, rassistische Gesellschaft so ein Verhalten befördert und was daraus folgen kann, zeigt der Regisseur bei aller szenischen Sparsamkeit in doch sehr eindrucksvollen Bildern.

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Látszatélet / Imitation of Life (HAU2, 28.10.2016)
Von Kornél Mundruczó / Proton Theatre
Regie: Kornél Mundruczó
Bühne: Márton Ágh
Kostüme: Márton Ágh, Melinda Domán
Licht Design: András Éltető
Text: Kata Wéber
Dramaturgie: Soma Boronkay
Musik: Asher Goldschmidt
Produktion: Dóra Büki
Produktion Management: Zsófia Csató
Produktion Assistenz: Ágota Kiss
Technische Leitung: András Éltető
Lichttechnik: Zoltán Rigó
Soundtechnik: Zsigmond Farkas Szilágyi
Bühnenmeister: Benedikt Schröter
Requisiten: Tamás Fekete
Dresser: Melinda Domán
Mit: Lili Monori, Roland Rába, Annamária Láng, Zsombor Jéger, Dáriusz Kozma
Ungarisch mit deutschen und englischen Übertiteln
Dauer: ca. 95 Minuten, keine Pause
Eine Koproduktion mit HAU Hebbel am Ufer, Wiener Festwochen, Theater Oberhausen, La rose des vents – Scène nationale Lille Métropole Villeneuve d’Ascq (Maillon), Théâtre de Strasbourg / Scène européenne, Trafó Kortárs Művészetek Háza (Budapest), HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste (Dresden), Wiesbaden Biennale
Die Uraufführung war 27.04.2016 im Trafó House of Contemporary Arts, Budapest
Premiere bei den bei den Wiener Festwochen war am 21.05.2016
Die Berliner Premiere war am 28.10.2016
Weitere Termine: 29. und 30.10.2016

Infos: http://www.hebbel-am-ufer.de/

Zuerst erschienen am 29.10.2016 auf Kultura-Extra.

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Festung Europa – In ihrem österreichisch-ungarischen Theaterprojekt Eiswind / Hideg szelek untersuchen die Autorin Éva Zabezsinszkij und der Regisseur Árpád Schilling, wie Tendenzen vom rechten Rand ins Herz Europas vordringen

Alexandra Henkel (Judith), Zsolt Nagy (János)

Eiswind / Hideg szelek im Akademietheater Wien
Foto (c) Reinhard Werner

In ihrem parabelartigen Theaterprojekt Eiswind / Hideg szelek zeigen die Autorin Éva Zabezsinszkij und der Regisseur Árpád Schilling, wie eine Waldhütte in den österreichischen Bergen zur Festung Europa ausgebaut wird. In der Nacht eines Schneesturms treffen hier der deutsche Hochschulprofessor mit DDR-Biografie, Frank (Falk Rockstroh), und seine österreichische Frau Judith (Alexandra Henkel) auf das ungarische Paar Ilona (Lilla Sárosdi) und János (Zsolt Nagy). Ilona ist vor ihrem Mann und den politischen Verhältnissen in Ungarn geflohen und verdingt sich als Haushälterin bei Frank, der ebenfalls in einer Sinnkrise Wien und seinen Job verlassen hat. Ilonas Mann, ein ungarischer Polizist, will seine Frau in die Familie zurückholen und sie an ihre Pflicht als Mutter erinnern. Dazu gesellen sich schließlich noch Franks Frau, eine reiche, emanzipierte Verlegerin, und ihr gemeinsamer Sohn Felix (Martin Vischer), ein etwas labiler, dauerkiffender Schauspieler.

Es treffen hier zwei recht unterschiedliche Lebensentwürfe aufeinander. Einerseits eine patriarchale Familientradition in Verbindung mit einer national-konservativen politischen Ausrichtung á la Viktor Orbán – andererseits eine liberal-westliche Haltung, die sich allerdings mit intellektuellem Dünkel schmückt. Zerrüttet sind letztendlich die Beziehungen beider Paare, was sich in den emotional recht angespannten Gesprächen der Eheleute verdeutlicht. Und hier sind es vor allem die Männer, die sich zunächst noch ganz unterschiedlich verhalten. Während der Intellektuelle Frank am liebsten aus seiner kriselnden Ehe und einer beruflichen Sackgasse ausbrechen möchte, ist János jedes Mittel recht, seine abtrünnige Frau zurück zu bekommen, um seinen gewohnten Familienstatus aufrecht zu erhalten.

Auf der Hütte, einem aufgeständerten Quader mit Glasflächen, der nach Schneesturm und Zusammenbruch des Kommunikationsnetzes zur unerreichbaren Exklave wird, kollidieren nun diese unterschiedlichen Interessen relativ ungebremst. Was sich zunächst noch durch männliches Imponiergehabe und in Eifersüchteleien äußert, entwickelt sich bald zu einer perfiden Art der Umerziehung, die János an den Westeuropäern vollzieht. Der starke Mann mit Hang zur Führung will ihnen – wie er es ausdrückt – nur helfen, sich zu finden. Dabei spielen das Gewehr von Frank, eine Rolle Maschendraht und die heraufbeschworene Gefahr von hungrigen Wölfen eine tragende Rolle.

Éva Zabezsinszkij und Árpád Schilling entwerfen hier einen Plot, der nicht ganz frei von Klischees ist, aber dennoch einige interessante Fragen aufwirft. Zum Beispiel die, inwieweit man bereit ist, für die eigene (innere) Sicherheit seine Freiheitsideale zu opfern. Der ehemalige Ossi Frank, der schon zu DDR-Zeiten kein großer Kämpfer war und nur bei der Grabrede für einen alten Freund von Freiheit, der Schlange Wohlstand und dem Aufstand der Sklaven schwadroniert, ergibt sich nach der ersten Begegnung mit den ominösen Wölfen (Statisterie), die die Hütte auf der Suche nach Futter umkreisen, schließlich ziemlich kleinlaut den totalitären Anweisungen von János bei der Befestigung und Verteidigung des Heims. Die Männer sind sich hier schnell dahingehend einig, dass etwas getan werden muss.

 

Eiswind / Hideg szelek im Akademietheater Wien - Foto (c) Reinhard Werner

Eiswind / Hideg szelek im Akademietheater Wien
Foto (c) Reinhard Werner

 

Franks Sohn Felix ist da die vielleicht die zwiespältigste Figur des Stücks. Zunächst noch recht ziellos und gleichgültig, lässt er sich erstaunlich schnell, ohne erkennbare Entwicklung, von János manipulieren. Als junger Mensch, dem seine dekadenten Eltern eher als verachtenswert gelten, mag das als Vorbild durchaus stimmig sein. Auch wenn er den eher liberalen Beruf eines darstellenden Künstlers ausübt, ist er nicht vor übertriebenem Redikalismus gefeit. Dass gerade die Erziehung Jugendlicher nicht ganz unwichtig ist, zeigt eine Szene, in der Ilonas und János‘ fünfzehnjähriger Sohn Levente (András Lukács) via Skype zugeschaltet wird. Er ist auf einem Gymnasium für nationale Verteidigung und lernt den Einsatz von Überwachungsmethoden gegen die Feinde des Vaterlands.

Es bleibt allein den Frauen Judith und Ilona überlassen, einen Gegenpart zu den Macho-Allüren der Männer zu geben. Hierbei greift das Stück einerseits zu ungarischen Epen wie das des Nationalhelden
János von Sándor Petöfi, das z. B. der nationalistisch eingestellte Regisseur Attila Vidnyánszky zur Eröffnung seiner Intendanz am Ungarischen Nationaltheater in Budapest inszenierte, oder dem titelgebenden Volkslied Eisige Winde wehen. Anderseits wird ein Bezug zu Frauengestalten der antiken Mythologie und der Bibel wie Helena und Judith hergestellt. Die eine galt den Griechen als Störenfried, die andere enthauptete den Tyrannen Holofernes.

„Jedes Volk trägt seinen eigenen latenten, mitunter jedoch ausbrechenden Faschismus in sich“, wird der ungarische Autor und linke Philosoph György Konrád im Programmheft zitiert. Der immer offenere Antisemitismus wäre noch zu ergänzen. Es läuft letztendlich darauf hinaus, dass die deutsch-ungarischen Tendenzen, die vom rechten Rand ins Herz Europas vordringen – wie es im Erklärungstext des Burgtheaters heißt – im Modellraum Hütte (sprich: Festung Europa) sich entsprechend dramatisch zuspitzen und zu eskalieren beginnen. Dass sich die Macher auch auf Ibsen und den österreichischen Filmregisseur Michael Haneke mit seinen Werken Funny Games und Das weiße Band berufen, scheint einleuchtend, spiegelt sich allerdings nur in der szenischen Dramaturgie des Stücks wider, nicht aber in seinen doch recht einfach gestrickten Dialogen. Die Radikalität der Bilder eines Oliver Frljić wird dabei allerdings nicht erreicht. Dennoch ein wichtiger und durchaus gut gemeinter Versuch, die Gespaltenheit Europas in der aktuellen Flüchtlingsdebatte zu verdeutlichen.

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Eiswind / Hideg szelek (02.06.2015, Akademietheater Wien)
Ein Projekt von Árpád Schilling und Éva Zabezsinszkij
Mitarbeit: Annamária Láng
Deutsch von Anna Lengyel
Regie: Árpád Schilling
Bühne und Kostüme: Juli Balázs
Musik: Imre Lichtenberger Bozoki, Karwan Marouf, Moritz Wallmüller
Licht: Peter Bandl
Dramaturgie: Hans Mrak
Mit: Lilla Sárosdi, Falk Rockstroh, Zsolt Nagy, Alexandra Henkel, Martin Vischer, András Lukács sowie Imre Lichtenberger Bozoki, Karwan Marouf, Moritz Wallmüller (Statisterie)
Uraufführung war am 25. Mai 2016 im Akademietheater Wien
Dauer: ca. 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
Termine: 13.11.2016

Info: http://www.burgtheater.at/

Zuerst erschienen am 04.06.2016 auf Kultura-Extra.

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