Christoph Marthaler, Anna Viebrock und Ensemble geben nach über 20 erfolgreichen Jahren ihren Abschied von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – Abschiede an Berliner Theatern (Teil 1)

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Es ist das Jahr des großen Abschiednehmens an Berliner Theatern. Neben Claus Peymann am Berliner Ensemble scheidet auch Frank Castorf an der Volksbühne als Intendant aus dem Amt. Ganz verloren gehen wird er den Berliner Theatergängern wohl nicht. Man kann ihn sicher am neuen BE unter Oliver Reese wiedersehen. Verabschieden müssen sich aber auch langjährige Volksbühnenmitstreiter wie Herbert Fritsch, René Pollesch oder Christoph Marthaler. Alle sind sie bereits seit Längerem auch an anderen Theaterhäusern von Hamburg über München und Wien bis nach Zürich unterwegs. Herbert Fritsch wird an der Schaubühne ein neues Berliner Zuhause finden. Noch nichts dergleichen weiß man aber von René Pollesch und Christoph Marthaler.

Christoph Marthaler - (c) Theater der Zeit

Arbeitsbuch Marthaler
(c) Theater der Zeit, 2014

Besonders der Meister der unbegrenzten theatralen Entschleunigung, hat lange Jahre sehr intensiv die Volksbühne künstlerisch geprägt. Wer denkt nicht gern an Inszenierungen wie Horvaths Geschichten aus dem Wiener Wald oder Glaube Liebe Hoffnung zurück, bei der Marthaler mit einer doppelten Elisabeth überraschte. Und davor an ±0 ein subpolares Basislager bei dem er mit einem echten schmelzendem Grönland-Eisberg aufwartete. Ein kleiner eisiger Totentanz der grenzenlosen menschlichen Ignoranz und Extravaganz. Marthaler setzte dem in bewährter Manier provozierender Langsamkeit einige Momente traurig schöner Melancholie entgegen. Schöner scheitern mit Musik – eines der Hauptthemen seiner zeitlos schönen Musiktheaterabende. Ein lang gespielter Klassiker, bleibt sicher unvergessen – der 1993 entstandene Abend Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab! Der Evergreen Danke hat es sogar in die Telefonwarteschleife der Volksbühne geschafft. Marthaler war seit dem auch fast Dauergast auf dem Berliner Theatertreffen.

Fans des Schweizers mit dem Hang zur ironischen Nostalgie konnten 2014 in Berlin gleich doppeltem Genuss frönen. Christoph Marthaler war neben seiner Inszenierung Tessa Blomstedt gibt nicht auf an der Volksbühne auch in der Staatsoper im Schillertheater zu erleben. Sein in Koproduktion mit den Wiener Festwochen entstandener Liederabend Letzte Tage – Ein Vorabend ist im September endlich auch in Berlin angekommen. Es ist dies eine liebevolle Hommage an jüdische Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts und ihr fast vergessenes Werk. Sozusagen am Vorabend der 100. Wiederkehr des Ausbruchs des Ersten Weltenbrandes, an dem das Habsburger Kaiserreich nicht unwesentlich beteiligt war, fand die Premiere im Mai 2013 im historischen Sitzungssaal des Alten Wiener Parlament statt. Ein Ort, an dem von 1883 an die österreichische Vielvölkermonarchie ihren Reichstag abhielt und später die Nationalversammlung der ersten Republik bis 1934 tagte.

 

Tessa Blomstesdt gibt nicht auf 2014 an der Volksbühne - Foto: St. B.

Tessa Blomstesdt gibt nicht auf 2014 an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – Foto: St. B.

 

Die Sitzreihen des historischen Ortes wurden von Regisseur Marthaler und seinen Akteuren benutzt, das Publikum nahm auf einer Tribüne im Bereich des Präsidiums Platz. In der Staatsoper im Schillertheater saß man nun auf der Bühne, während die Schauspieler und Musiker sich in der Weite des Zuschauerraums fast verloren. Die Dimensionen sind hier doch etwas anders, was der Intensität der Vorstellung zwar kaum Abbruch tat. Aber letztendlich nicht ganz die Wirkung wie im realen Raum des Alten Parlaments in Wien entfaltete, und das nicht nur allein wegen der akustischen Probleme. Das historische Flair konnte man sich zur Not ja dazu denken.

Dass es sich hier um einen historischen Ort handelt, der außer für Touristenführungen heute dem Vergessen anheimgeben ist, trägt Marthaler mit einer Multikulti-Putzfrauenkolonne Rechnung, die zunächst mit großer Akribie die Sitzreihen entstaubt, samt der sich langsam einfindenden Parlamentsabgeordneten. Dann beginnt hier wie da mit einer fiktiven Rede zum 200. Jubiläum der Befreiung der Konzentrationslager, die an einen „Kaiser von Habsburg-Europa“ gerichtet ist. Marthaler lässt hier wieder seine leicht abseitig tiefgründige Ironie aufblitzen, wenn Clemens Sienknecht über die Erklärung des Antisemitismus zum UNESCO-Weltkulturerbe berichtet und auch den Rassismus für selbige Ehrung vorschlägt.

 

Letze Tage - ein Vorabend im historischen Sitzungssaal des Wiener Parlaments – Foto © Walter Mair

Letze Tage – ein Vorabend im historischen Sitzungssaal des Wiener Parlaments – Foto © Walter Mair

 

In diesem Stil geht es munter weiter. Marthaler schickt seine Akteure nach bewährtem Muster in Zeitschleifen, lässt sie aus der Zeit fallen oder an der Auserwähltheit ihrer Art leiden. Immer wieder unterbrochen werden die Spielszenen, Monologe und fiktiven Reden durch Musikeinlagen eines kleinen Kammerorchesters namens Wiener Gruppe, die Stücke aus besagtem Werk jüdischer Komponisten intoniert. Die Mezzosopranistin Tora Augestad ist dabei eine Entdeckung.

In Endlosreihe bewegt sich der Trupp durch über die Galerie. Die Musik- und Sangesschleife ebbt mal kurz ab, schwillt wieder an und verliert sich schließlich langsam im weiträumigen Foyer. Eine typische Art von Marthaler, der hier die Verlorenheit und das langsame Vergessen spiegelt. Dabei ist man immer wieder tief beeindruckt von der leichten Regie-Hand des Meisters und der Virtuosität seiner Darsteller, die selbst noch so seichte Liederabende wie Tessa Blomstedt gibt nicht auf, ein Testsiegerportal in die Jahre gekommener, schlagernder Datingportal-Teilnehmer, oder Hallelujah (Ein Reservat) mit nostalgischer Westernmusik für alte DDR-Indianer-Fans erstrahlen lassen.

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Virtuos ist sicher auch der neue Marthaler-Abend Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter an der Berliner Volksbühne. Man begegnet hier einigen aus der langjährig verquickten Marthaler-Familie wieder. Der Mitte Oktober 65 Jahre alt gewordene Regisseur vereint noch einmal die bekanntesten Gesichter zu einem still verschmitzten Potpourri aus bekannten Melodien und Zitaten aus älteren Inszenierungen. Schon die Bühne seiner treuen, viel gelobten und kopierten Bühnenbildnerin Anna Viebrock, die ihm immer wieder zeitlos schöne Räume für seine zuweilen recht skurrilen Geschichten geschaffen hat, ist eine reine Kopie der 2000 in Basel entstanden Inszenierung 20th Century Blues. Eine Zeitenwende, wie sie sich nun im nächsten Jahre auch an der Volksbühne Berlin vollziehen wird.

 

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Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter – der letze Marthaler an der Berliner Volksbühne – Foto: St. B.

 

Marthaler und Viebrock bauen wieder einen in der Zeit verlorenen Erinnerungsabend in gedeckten Tönen, aber ohne jede larmoyante Wehmut, dafür mit umso mehr verstecktem Witz und Anspielungen auf die kommende Zeit unter dem neuen Intendanten und Museumskurator Chris Dercon, der hier mit keiner Silbe erwähnt werden muss, aber dessen beginnende Ära in der Leere des fensterlosen, museumsartigen Bühnenbaus mit Lichtdecke über dem weiten Innenraum erahnbar ist. Ein Abgesang an das Theater im Allgemeinen und an das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz und seine Spieler, die hier in Umzugskisten durch eine Art Hausmeister im Kittel (Marc Bodnar) hereingeschoben werden und ihre Plätze zugewiesen bekommen, sich aber immer wieder ihrer drohenden Mumifizierung durch Flucht, oder widerständiges Verhalten zu entziehen versuchen. Und der Satz: „Ich hasse diese Wanderausstellungen.“ ist ein kleiner, süffisanter Seitenhieb auf die kommende Intendanz.

Christoph Marthaler borgt sich den Titel seines Abends beim Dramatikers Botho Strauß und dessen Komödie Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle. Ein Hotel in dem drei befreundete Ehepaare leben, wird über die Jahre zum „Museum von Leidenschaften“. Die Gefühle erlöschen im Leistungsdruck und Konkurrenzkampf. Als Utopie bietet das Stück surreale Zauberkünste gegen die Wirklichkeit. Und genau in diesem Sinne ist Marthalers Hommage an die Zauberkunst der Bühne auch zu verstehen. Am Ende ist die Bühne genauso leer wie am Anfang.“ ist ein bekanntes Zitat von Botho Strauß, das das ebenfalls vom Intendanzwechsel betroffene BE auf seiner Website führt. Diese Leere zu füllen, ist Segen und Fluch gleichermaßen und eine der Herausforderungen für Chris Dercon. Denn nicht zuletzt daran wird man ihn messen. Christoph Marthaler schafft es hier mit leichter Hand.

 

Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter - Die Marthalerfamilie beim Beifall - Foto: St. B.

Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter in der Volksbühne
Die Marthalerfamilie beim Applaus – Foto: St. B.

 

Irm Hermann, ganz die große Diva grüßt galant zur fröhlichen Geisterstunde der Untoten und Jürg Kienberger spielt dazu auf dem Spinett. Auch ein Berg von Decken kann seinen Gesang nicht verstummt lassen. Olivia Grigolli springt gelenk aus einem kleinen Umzugskarton, in dem sie mühelos Platz hat. Hildegard Alex, Tora Augestad, Magne Håvard Brekke, Raphael Clamer, Altea Garrido, Ueli Jäggi und Ulrich Voß, alle entsteigen sie ihrem Kästchen und beginnen ein wundersames Eigenleben zu führen. Bewegungsclownerien wechseln mit Satzfetzen, chorischem Gesang und kleinen Arien von Tora Augestad. Sophie Rois schaut vorbei und singt französische und italienische Chansons. Benedix Dethleffsen und Jürg Kienberger begleiten auf Klavier und Spinett.

Hier ein leicht melancholisches Ich bin aus tiefem Traum erwacht von Gustav Mahler, dort ein Kyrie Eleison im Chor. Das ist virtuos, zärtlich anrührend, aber nie sentimental. Auch selbstironische Reminiszenzen erklingen mit Wir sind jung, die Welt ist offen oder einem zaghaften Brüder zur Sonne zur Freiheit. „Der Vollmond steigt, der Nebel weicht“, ein letzter Tanz zur Rampe. „Wo waren wir stehengeblieben?“ – Danke…

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Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter (Volksbühne, 05.10.2016)
Eventuell von Christoph Marthaler, Anna Viebrock und Ensemble
Regie: Christoph Marthaler
Bühne: Anna Viebrock
Kostüme: Anna Viebrock
Licht: Johannes Zotz
Ton: Klaus Dobbrick
Dramaturgie: Malte Ubenauf, Stefanie Carp
Mit: Hildegard Alex, Tora Augestad, Marc Bodnar, Magne Håvard Brekke, Raphael Clamer, Bendix Dethleffsen, Altea Garrido, Olivia Grigolli, Irm Hermann, Ueli Jäggi, Jürg Kienberger, Sophie Rois und Ulrich Voß
Spieldauer: 2 Stunden 10 Minuten
Premiere war am 21.09.2016 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Termine: 06.11. und 27.11.

Infos: https://www.volksbuehne-berlin.de/

Theaterabschiede Teil 2: Herbert Fritsch an der Volksbühne und Robert Wilson am BE

Theaterabschiede Teil 3: Frank Castorf an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 4: Claus Peymann und Philip Tiedemann am BE, Michael Thalheimer an der Schaubühne

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