Demokratie und Tragödie – „Tristesses“ und „Democracy in America“ beim FIND # 17 an der Berliner Schaubühne

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„Demokratie und Tragödie“ lautete das groß angelegte Motto des 17. Festivals für Internationale Neue Dramatik (F.I.N.D.) an der Berliner Schaubühne. Nachdem Angélica Liddell mit ihrem recht pathetischen und theorielastigen Stück Toter Hund in der chemischen Reinigung: die Starken einen veritablen Fehlstart hingelegt hatte, lag die Hoffnung auf anderen Produktionen zum Thema, das momentan in ganz Europa von erheblichem Interesse zu sein scheint. Zunehmender Populismus und das Erstarken rechtsnationaler Parteien sind bei weitem nicht nur ein deutsches Phänomen. Bei so viel Demokratiemüdigkeit kann dann schon auch mal etwas Tristesse in Good Old Europe aufkommen.

So heißt dann auch eine von der belgischen Kompanie „Das Fräulein“ stammende Theaterproduktion passend Tristesses. Die Leiterin der Kompanie Anne-Cécile Vandalem steuerte nicht nur Konzept, Text und Regie bei, sondern übernahm auch gleich noch die Hauptrolle in ihrem Stück. Es spielt in einem Europa der Gegenwart, in dem rechtsradikale Parteien rasant an Einfluss gewinnen. „Diese Geschichte ist vollkommen wahr.“ wird dann am Anfang wohl auch nicht ganz zu Unrecht behauptet.

Die recht düstere und fast schon absurde Story führt uns auf die kleine, fiktive dänische Insel „Traurigkeiten“, wo, nachdem der ansässige Schlachthof schließen musste, die Wirtschaft niedergegangen ist, und nach einigen Unglücken und Selbstmorden nur noch ganze acht Einwohner leben. Diese verbinde eine merkwürdige Melancholie, wie es heißt. Äußern tut sich die Tristesse u.a. in einer latenten Gereiztheit und untätigen Langeweile, die man sich mit abendlichen Gesellschaftsspielen und dem gemeinsamen Sportschießen nach den Sternen vertreibt.

Als dann allerdings eines Abends die alte Ida Heiger in eine dänische Flagge gewickelt am Fahnenmast hängt, beginnt der Anfang vom Ende der Beschaulichkeit und Melancholie der Insulaner. Der herrische Bürgermeister und der weinerliche Pfarrer mit ihren Familienangehörigen erwarten die Ankunft der Tochter der Toten, Martha Heiger, die die Vorsitzende der „Partei des völkischen Erwachens“ und mit ihr auf dem Sprung an die Spitze des dänischen Parlaments ist. Schnell wird klar, dass sie die heimliche Chefin auf der Insel ist und ein doppeltes Spiel mit den Leuten treibt. Nur die beiden Teenagertöchter des Bürgermeisters versuchen sich gegen das drohende Schicksal zu wehren.

 

TtristessesFoto (c) Christophe Engels

 

So schwingt der Abend dann auf der mit vier Holzhäusern bestückten Bühne zunächst behände zwischen undurchsichtigem Krimiplot und düsterer Politsatire hin und her. Dass er sich nicht so recht für eines von beidem entscheiden will, tut der Spannung zunächst noch keinen Abbruch. Hinzu kommt ein geschickt gesponnenes Netz aus Intrigen und mystischen Geschichten über das Wandeln der untoten Verstorbenen unter den noch lebenden Bewohnern der Insel. Und wie zum Beweis geistern zwei bleiche Live-Musiker zwischen ihren Instrumenten umher und spielen mal E-Gitarre, Bass, Klavier oder Schlagzeug, während die tote Ida immer wieder traurig-melancholische Lieder singt.

Dass wie in Castorf-Manier zwei Handkameramänner die Handlung aus den kleinen Häusern und der Kirche auf eine Leinwand übertragen, soll für zusätzliche Dynamik auf der engen Bühne sorgen. Eine kuriose Totenmesse an Idas Sarg gerät zunehmend aus dem Ruder. Ständiger Streit um die Zukunft der Insel und das wachsende, gegenseitige Mistrauen tun ihr Übriges. Vieldeutig wird mit Texten vom biblischen Ungeheuer Leviathan auf bevorstehende Veränderungen angespielt. Der Ausverkauf der Insel hat längst begonnen. Martha plant ein Filmstudio mit deren Hilfe sie die rechte Propagandaleier ankurbeln will. Dabei geht sie geschickt und manipulativ vor, bis zum finalen Showdown.

Der Truppe um ihre Regisseurin gelingt ein vielversprechender Beitrag zum schwärenden Thema Rechtspopulismus, Fremdenhass, Verführbarkeit und materielle Gier. Klare Sätze aus den Mündern einiger Alteingesessener sprechen da Bände. Den Geistern der Vergangenheit stehen hier ganz lebendige gegenüber. Wäre die Autorin/Regisseurin noch ein wenig stringenter und dichter an der Verstrickung von Geld, Wirtschaft, Macht und vorhandenen Ressentiments dran geblieben, hätte der gut 130minütige Negativbefund zum Ende hin durchaus etwas deutlicher ausfallen können.

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Tristesses (Schaubühne, 04.04.2017)
Konzept, Text und Regie: Anne-Cécile Vandalem (Brüssel/Liège)
Musik: Vincent Cahay, Pierre Kissling
Bühne: Ruimtevaarders
Sounddesign: Jean-Pierre Urbano
Licht: Enrico Bagnoli
Kostüme: Laurence Hermant
Video: Arié van Egmond, Federico D’Ambrosio
Technische Leitung: Damien Arrii
Produktion: Das Fräulein (Kompanie)
Mit: Vincent Cahay, Anne-Pascale Clairembourg, Epona und Séléné Guillaume, Pierre Kissling, Vincent Lécuyer, Bernard Marbaix, Catherine Mestoussis, Jean-Benoit Ugeux, Anne- Cécile Vandalem, Françoise Vanhecke
Gastspiel im Rahmen von FIND 2017 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Termine: 03. und 04.04.2017
Dauer: ca. 130 Minuten
Koproduktion: Théâtre de Liège / Le Volcan – Scène Nationale du Havre / Théâtre National – Bruxelles / Théâtre de Namur, centre dramatique / Le Manège.Mons / Bonlieu Scène Nationale Annecy / Maison de la Culture d’Amiens – Centre européen de création et de production / Les Théâtres de Marseille – Aix en Provence. Im Rahmen des europäischen Theaternetzwerks PROSPERO: Théâtre National de Bretagne / Théâtre de Liège / Schaubühne Berlin / Göteborgs Stadsteatern / Théâtre National de Croatie, World Theatre Festival Zagreb / Festival d’Athènes et d’Epidaure / Emilia Romagna Teatro Fondazione.

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Democracy in America – Romeo Castellucci bebildert, inspiriert durch das Werk von Alexis de Tocqueville, die Entstehung der amerikanischen Demokratie als Akt weißen, puritanischen Kolonialismus

Das 17. Festival für Internationale Neue Dramatik (F.I.N.D.) an der Berliner Schaubühne endet fast genauso, wie es begonnen hat, mit einer großen pathetischen Performance, die sich theoretisch an den politischen Vorbildern der Geschichte der Demokratie orientiert. Waren es bei Angelica Liddells Stück Toter Hund in der chemischen Reinigung: die Starken noch die aufklärerischen Vordenker der französischen Revolution, ist es beim italienischen Theatermacher Romeo Castellucci der französische Publizist und Politiker Alexis de Tocqueville (1805-1859), der den bildgewaltigen Skandalregisseur zu seiner Produktion Democracy in America inspiriert hat.

Der junge Jurist und Historiker Tocqueville reiste 1826 im Auftrag der französischen Regierung nach Nordamerika, um das Rechtssystem und den Strafvollzug in den Vereinigten Staaten von Amerika zu studieren. Wohl auch deshalb hören wir einmal in Castelluccis 135minütiger Inszenierung, die durch zwei Pausen in drei recht unterschiedliche Teile aufgespalten wird, auch einen texanischen Gefangenenchor schwarzer Zwangsarbeiter mit einem Traditional über das Steineklopfen. War der junge Tocqueville zwar einerseits für die Abschaffung der Sklaverei, so war er anderseits auch ein glühender Befürworter und Wegbereiter der Kolonisierung Algeriens, der Frank Castorf gerade seine Faust-Inszenierung an der Volksbühne gewidmet hat, ohne dabei allerdings näher auf Tocqueville einzugehen.

 

Foto: St. B.

 

Auch Castellucci interessiert sich eher für die wissenschaftliche Untersuchung des aus adligem Elternhaus stammenden Franzosen zum Stand der Demokratie in den Vereinigten Staaten um 1830. Über die Demokratie in Amerika (in zwei Teilen 1835 und 1840 erschienen) heißt dann auch sein großes Werk, das auch heute noch viel an den Universitäten rezipiert wird. Allerdings quält Castellucci das Publikum nicht mit theoretischen Phrasen von der Gefahr der „Tyrannei der Mehrheit“, die Tocqueville in zentralistisch geprägten Regierungsformen sieht, und daher den in der amerikanischen Verfassung verankerten Föderalismus preist. Auch hält er sich nicht damit auf, Tocquevilles weise Voraussicht der Macht der nordamerikanischen Industriekapitäne als neue Aristokratie der Demokratie zu erwähnen. Es läuft dann doch auf eine Kolonialismuskritik hinaus.

Tocquevilles als entschiedener Gegner revolutionärer Umwälzungen ist auch später als kurzzeitiger französischer Außenminister eher dem politisch konservativen Lager zuzuordnen. Den Erfolg der amerikanischen Demokratie sieht er dann auch nicht vordergründig in der Gleichheit und Freiheit vor dem Gesetz, sondern vor allem in den Werten der aus Europa eingewanderten Puritaner, der „Idee der evangelikalen Gleichheit des Individuums“ vor Gott. In God we trust, wie es heute immer noch heißt.

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Mit ausschließlich weiblichen Ensemblemitgliedern des Theaters Socìetas aus Cesena und einer jeweils regional aufgestellten Tanztruppe zeichnet Regisseur Romeo Castellucci nun in drei Teilen den zunächst doch recht weißen Weg der amerikanischen Demokratie – beginnend mit den puritanischen Kolonisten im Nordosten der USA um 1786 kurz nach dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg nach. Zunächst aber tritt das in lange, weiße Armeemäntel gekleidete Tanzensemble auf und stellt mit Buchstabenfahnen den Titel des Stücks immer wieder neu zusammen. Da wird dann aus Democracy in America schon mal Car Comedy in America oder Academy ironic Crame. Sprachspiele scheinen es dem Regisseur angetan zu haben. Im Weiteren wird auch noch das Phänomen der Glossolalie (Zungenrede) erklärt. Eine Gebetsform vor allem der amerikanischen Pfingstgemeinden, bei der ohne Kenntnis in einer fremden Sprache gesprochen wird, als Ausdruck der Gnade des Heiligen Geistes.

 

Democracy in America von Romeo Castellucci
Foto (c) Luca Del Pia

 

Lustiger und vor allem ironischer wird es allerdings nicht mehr an diesem Abend. Wir befinden uns nun bei einem puritanischen Siedlerpaar mit den sprechenden biblischen Namen Elisabeth und Nathanael, deren Acker unfruchtbar ist. Es entspinnt sich ein Dialog der beiden über Gottesfurcht und Aberglaube, Amerika als das gelobte Land und neue Israel, sowie das Gebot „Du sollst nicht stehlen“. Elisabeth vertraut nicht mehr dem Gottesversprechen und ergeht sich in Zweifeln und blasphemischen Gedanken. Sie hat ihr Kind für einen Pflug eingetauscht und Saat gestohlen. Die Gemeinschaft der Puritaner will sie dafür strafen. Castellucci lässt das nach der ersten Pause in einem schemenhaften sakralen Traumtanz von rotgewandeten Puritanern hinter einem luziden Plastikvorhang spielen.

Nackt und blutrot eingeschmiert steht Elisabeth hinter dem Vorhang, während darauf amerikanische Geschichtsdaten von Schlachten, Deklarationen, Kompromissen und Kongressen geworfen werden. Es ist auch von der alttestamentarischen Geschichte von Abraham, der Gott seinen Sohn Isaac opfern soll, die Rede. Castellucci lässt ein bildgewaltiges Assoziationsgewitter auf die Zuschauer niederprasseln, das auch noch durch sich bewegende Lichtinstallationen und einen dräuenden Sound unterstützt wird.

Etwas ruhiger wird es im letzten Teil des Abends, bei dem zwei Schauspielerinnen in Silikon-Ganzkörperhüllen zwei indianische Ureinwohner spielen, die beim Erlernen englischer Worte über die Sprache der weißen Pflanzer sinnieren. „Ihre Worte bezeichnen nicht unsere Dinge.“ heißt es da, oder auch: „Es sind die Worte der Dinge, die sie sich nehmen wollen.“ Und das ist vor allem das Land, das die Native Americans nicht bebauen, da sie sich nur von der Jagd ernähren. Castellucci spielt hier auf Tocquevilles kolonialistische These an, dass man sich nur durch Landwirtschaft den Boden aneignen könne und somit die Indianer ihn nicht besaßen. „Sie jagen mit Worten.“ ist die bezeichnende Erkenntnis der beiden, die am Ende ihre Silikonhüllen ablegen und leer über eine Stange hängen. Zumindest dieser letzte Teil vermag somit inhaltlich in seiner recht einfachen Klarheit zu überzeugen.

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Democracy in America (Schaubühne, 09.04.2017)
von Romeo Castellucci (Cesena)
frei nach dem Buch von Alexis de Tocqueville
Regie, Bühne, Licht, Kostüme: Romeo Castellucci
Text: Claudia Castellucci
Musik: Scott Gibbons
Korrepition: Evelin Facchini
Choreographie inspiriert von Folkloretraditionen aus Albanien, Botswana, England, Ungarn, Sardinien.
Mit: Olivia Corsini, Giulia Perelli, Gloria Dorliguzzo, Evelin Facchini, Stefania Tansini, Sofi a Danai Vorvila
Koproduktion im Rahmen von FIND 2017 an der Schaubühne am Lehniner Platz
Dauer: ca. 135 Minuten
Termine: 08.04. und 09.04.2017
Produktion: Socìetas – Cesena Koproduktion: deSingel International Artcampus, Wiener Festwochen 2017, Festival Printemps des Comédiens à Montpellier, National Taichung Theatre in Taichung (Taiwan), Holland Festival Amsterdam, Schaubühne Berlin, Festival d’Automne à Paris mit MC93 Maison de la Culture de Seine-Saint-Denis à Bobigny, Le Manège – Scène nationale de Maubeuge, Teatro Arriaga Antzokia de Bilbao, São Luiz Teatro Municipal (Lissabon), Peak Performances Montclair State University (NJ-USA).

Infos: http://www.schaubuehne.de/

Zuerst erschienen am 11.04.2017 auf Kultura-Extra.

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