In Berlin läuft derzeit das 54. Theatertreffen – Es begann mit einer modernen Tschechow-Überschreibung von Simon Stone und einem medialen Totaltheater von Kay Voges

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Drei Schwestern – Eine modernisierte aber recht banale Tschechow-Überschreibung von Simon Stone eröffnete das 54. Berliner Theatertreffen

The same procedure as every year. Am Samstagabend wurde das 54. Berliner Theatertreffen mit salbungsvollen Worten der Kultusstaatsministerin Monika Grüters und durchaus ernsteren vom Direktor der Berliner Festspiele Thomas Oberender eröffnet. Und während vor dem Haus der Berliner Festspiele Claus Peymann, ein alter Theater-Stratege vergangener Tage, seine Erinnerungs-Bücher verkauft, propagiert man innen mal wieder eine „Zeitenwende“: das postfaktische Zeitalter der Fake-News. Die bürgerliche Gesellschaft scheint angesichts des medialen Overkills und des Voranschreitens rechts-nationaler Kräfte zu tiefst verunsichert. Das spiegelt sich auch in den eingeladenen Inszenierungen. Die zehn bemerkenswertesten sollen es immer sein, die von einer siebenköpfigen Jury aus deutschsprachigen Theaterraum ausgewählt wurden. Zwei können nicht kommen. Die technisch aufwendigen Münchner Räuber von Regisseur Ulrich Rasche aus dispositionellen Gründen und der Hamburger Schimmelreiter von Altmeister Johan Simons wegen plötzlicher Krankheit im Ensemble. Dafür wird es eine 3sat-Screening und eine szenische Lesung geben. Ein leider nur schmaler Ersatz für zwei wirklich bemerkenswerte Bühnenleistungen.

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„Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lehrt“, so zitierte Monika Grüters in ihrer Rede den bildenden Künstler Pablo Picasso. Das Theater ist ein Meister der verabredeten Lüge, die auf eine oder mehrere Möglichkeiten verweist oder neue Realitäten schaffen kann, die, wie auch die alten, oft nicht so einfach zu durchschauen sind. Man wünscht sich Einfachheit im modernen Leben, das unerträglich ist, wie es die Olga aus der Basler Eröffnungsinszenierung Drei Schwestern vom australischen Film- und Theaterregisseur Simon Stone beklagt. Das Klagen liegt den Tschechow-Figuren. Sie reden viel von dem, was sein könnte, und tun dennoch meist nicht viel dafür. Stone, der letztes Jahr schon mit einem modernen John Gabriel Borkman in Berlin zu Gast war, spielt seinen Tschechow allerdings nicht im Original, sondern überschreibt ihn mit eigenem Text, der die Geschichte konsequent ins Heute holt.

Das Setting ist ein zweistöckiges Glashaus, in dem fast alle immer anwesend sind, einige Handlungsstränge parallel laufen, in denen immer viel geredet und getrunken wird. Tschechow halt, möchte man sagen. Aber denkste. In den ersten zwei Akten, die am Geburtstag der jüngsten Schwester Mascha und kurz vor Weihnachten im Ferienhaus der Familie in den Schweizer Bergen spielt, lernen wir die ProtagonistInnen als komplett neurotischen Haufen überdrehter Städter kennen, deren Sehnsucht sich nicht nach dem Leben in der Stadt richtet, sondern eher an dem Überangebot der Möglichkeiten scheitern lässt. Stone zeigt eine Horde von Sprechblasen absondernder Partypeople hinter Glas. Die gehobene Mittelschicht im Terrarium zur allseitigen Beäugung freigegeben.

 

Drei Schwestern vom Theater Basel – Foto (c) Sandra Then

 

Olga (Barbara Horvath) ist auch hier eine gestresste Lehrerin, allerdings mit versteckter lesbischer Neigung. Mascha (Franziska Hackl) wirft sich in eine Beziehung zum verheirateten Alexander (Elias Eilinghoff), der hier Pilot und Nachbar mit suizidgefährdeter Frau ist und schon mit verletztem Pulsadern auftaucht. Später spricht er über den Mars als Alternative für eine glücklichere Menschheit. Maschas Mann Theodor (Michael Wächter) ist ein großer Schwätzer, von dem sie sich trennen will. Aber wie bei Tschechow schafft hier niemand den Absprung, nur die Problemchen sind ganz heutiger Natur. Irina wird von ihrem Engagement für Flüchtlinge von einer amerikanischen TV-Serie abgehalten. Bruder Andrej (Nicola Mastroberardino) ist verhinderter Computerspezialist, verkokst und verzockt das Erbe und sucht Ablenkung in den Armen der quakigen Natascha (Cathrin Störmer), die ihn nach der Scheidung schröpfen wird. Sie kauft das Haus. Ein wenig Kirschgarten im Abgang.

Komplettiert wird das Neurosenteam von Onkel Roman (Burgtheaterschauspieler Roland Koch), der seine verpasste Liebe zur Mutter der Schwestern im Alkohol und Jugendwahn ersäuft. Nikolai (Max Rothbart) ist ein planloser Hipster mit adliger Abstammung und schwerer Kindheit, dessen Kumpel Viktor (Simon Zagermann) zuviel Kierkegaard liest und psychopathisch veranlagt ist. Sidekick Herbert (Florian von Manteuffel) spielt den erotomanischen Schwulen mit Neigung zu Explosivem. Ihre verbalen Entgleisungen, Verletzungen und peinlichen Geständnisse treffen pointensicher im Minutentakt. So läuft dann auch alles ziemlich erwartbar ins Chaos. Allerdings brennt nur das Nachbarhaus von Alexander, der am Ende doch wieder zu seiner Frau zurückkehren wird.

Nikolai will mit Irina nach New York, was natürlich auch nichts wird. So jammern und bereuen dann auch alle ihr Schicksal in wehmütigen Monologen. Dazu dreht sich der Glaskasten enervierend wie die ganze Chose ohne Unterlass. Wirklich Neues bekommt man hier trotz behaupteter Aktualität mit Trump-Verweis und lascher Kapitalismuskritik nicht zu sehen. Das Ausstellen der Neurosen des Bürgertums im Glaskasten haben schon andere Theatermacher vorgeführt, u.a. die diesmal nicht vertretene Karin Beier in Hysteria – Gespenster der Freiheit am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Und knallt im ersten Akt eine Pistole, wird sie es auch im letzten tun. Eine alte Tschechow‘sche Bühnenweisheit, die von Simon Stone ebenfalls beherzigt wird. Ein schöner Theaterselbstmord. Weiter so.

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Drei Schwestern (Haus der Berliner Festspiele, 06.05.2017)
Schauspiel von Simon Stone nach Anton Tschechow
Übersetzung aus dem Englischen von Martin Thomas Pesl
Regie: Simon Stone, Bühne: Lizzie Clachan, Kostüme: Mel Page, Licht: Cornelius Hunziker, Musik: Stefan Gregory, Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit: Barbara Horvath, Franziska Hackl, Liliane Amuat, Nicola Mastroberardino, Cathrin Störmer, Michael Wächter, Elias Eilinghoff, Simon Zagermann, Max Rothbart, Roland Koch, Florian von Manteuffel.
Olga: Barbara Horvath
Mascha: Franziska Hackl
Irina: Liliane Amuat
Andrej: Nicola Mastroberardino
Natascha: Cathrin Störmer
Theodor: Michael Wächter
Alexander: Elias Eilinghoff
Viktor: Simon Zagermann
Nikolai: Max Rothbart
Roman: Roland Koch
Herbert: Florian von Manteuffel
Premiere war am 10.12.2016 im Schauspielhaus Basel
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Infos: http://www.theater-basel.ch

Zuerst erschienen am 07.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Das Prinzip Borderline – Kay Voges, Schauspieldirektor am Theater Dortmund, steckt die mediale Welt in ein bürgerliches Vorstadt-TV-Setting mit bombastischem Soundtrack

Mit Wohn-Settings hat es das Theatertreffen in seinen Auftaktinszenierungen. Erst eine übersteuerte Hipsterblase im Glashaus bei banalem Partytalk zur Eröffnung im Haus der Berliner Festspiele und einen Tag später eine ganze bürgerliche Wohnlandschaft, bestehend aus Küche, Bad, Schlaf-, Wohn- und Studierzimmer. Sogar einen SM-Raum gibt es. Angelegt ist das Bühnenbild der Borderline Prozession, das im Original im ehemaligen Megastore von Borussia Dortmund und nun in den Treptower Rathenau-Hallen aufgebaut ist, als Innen- und Außensicht, vor der je eine Zuschauertribüne steht. Wer sich zuerst für die hintere Seite entscheidet, sieht auf eine kleine Trinkhalle, einen Parkplatz mit PKW, eine Bushaltestelle und eine Mauer mit Nato-Stacheldraht und Gitterpforte. Man denkt sofort an so etwas wie Gated Communities. Hin und wieder öffnet sich das Fenster zum SM-Raum, und man sieht entsprechende Szenen. Das räumlich Trennende und doch Gleichzeitige ist Prinzip.

Um das Setting herum bewegt sich schon beim Einlass eine kleine Prozession des Dortmunder Ensembles aus 23 SchauspielerInnen zur Musik des 80er-Avantgarde-Hits In A Manner Of Speaking der amerikanischen Rockband Tuxedomoon. Regisseur und Dortmunds Schauspieldirektor Kay Voges zelebriert und dirigiert eine rituelle Prozession, begleitet von einer beständig das Bühnenbild von Michael Sieberock-Serafimowitsch auf einer Elipsenbahn umkreisenden Livekamera, die ihre Bilder auf jeweils drei Videoscreens überträgt. Per Headset gibt Voges Anweisungen an die Technik.

 

Die Borderline Prozession vom Schauspiel Dortmund
Foto (c) Marcel Schaar

 

Die Zuschauer bekommen also je nach Platzwahl eine unterschiedliche Perspektive auf das nun folgende Geschehen in und vor den Räumen geboten. Nach ca. einer Stunde erfolgt die Aufforderung zu wechseln. Eine mediale Grenzerfahrung durch den gleichzeitigen Einsatz von Echt- und Kamerabildern, gesprochenem und auf den Screens eingeblendetem Text sowie eingespieltem Soundtrack. Aber auch eine Grenzüberschreitung gewohnter Sichtweisen soll es sein. Theoretischen Background liefern Zitate und Textausschnitte aus Literatur, Philosophie und Psychologie. Der Begriff Borderline ist hier also durchaus doppeldeutig zu verstehen, auch wenn es, wie zu Beginn versichert wird, nichts zu verstehen gibt, aber dafür viel zu erleben. Der totale mediale und theatrale Overkill.

Voges und seine dramaturgischen Mitstreiter betreiben nach eigener Erklärung mit ihrem Bilder- und Musiktheater eine Art „Meditation über Grenzen und ein Mash-Up der Ikonographien. Ein Abend mit weit über 30 beteiligten Künstlern über die Komplexität der Welt und die provozierende Einfachheit von Geburt und Tod – zwischen Bildender Kunst, Theater, Film und Liturgie.“ Das trifft es dann auch ziemlich gut. Die Inszenierung sampelt Teile aus so ziemlich allen Kunstgattungen, ist Installation, Aktion, Standbild und Kunstfilm zugleich. Sie spielt mit der Wahrnehmung der Zuschauer und der „Komplexität der Welt“, die durch eine „Gleichzeitigkeit des Ungleichen“ bestimmt zu sein scheint.

 

Die Borderline Prozession vom Schauspiel Dortmund
Foto (c) Marcel Schaar

 

Recht meditativ geht es noch im ersten, Alltag genannten Teil zu. So sieht man im Loop den DarstellerInnen bei der Verrichtung alltäglicher Handlungen zu – wie Morgentoilette, Verabschiedung zur Arbeit und Warten auf den Bus. Die Trinkhalle öffnet und schließt, ein Mann steigt aus dem Auto und wieder ein. Eine Mutter holt ihr Kind (Schauspieler mit Maske) vom Bus ab, und ein Tourist sucht mit Stadtplan nach dem Weg. Dazu hört man die Genesis aus der Bibel oder den Text vom verschwundenen Pfad aus Dantes Göttlicher Komödie. Die Suche nach dem „rechten Weg“ wird kombiniert mit philosophischen Erörterungen über Wahrnehmung, Bilder und Klischees, Texten über Oberfläche und inszenierte Bilder, von Goethe über Originalität, Werner Schwab aus Übergewicht, Unwichtig, Unform oder Allan Ginsbergs Prosagedicht Howl. Aktuell-politisch werden live erste Statements zur französischen Präsidentenwahl eingeblendet oder aus dem AfD-Programm gelesen.

Im zweiten Teil Krise nimmt die Sache Fahrt auf und Bilder- und Textdichte zu. Es kommt auf der Bühne zu Kriegshandlungen mit Soldaten, Geschützdonner, und MPi-Salven sind zu hören. Waterboarding und eine Vergewaltigung finden statt. Es tritt die Heilige Familie auf und Napoleon, den Hegel als „Weltgeist zu Pferde“ bezeichnete. Ein Mann in SS-Uniform zeigt den Hitlergruß, in der Küche werden Zwiebeln geschnitten, und im Bett des Schlafzimmers stirbt langsam eine Frau. Es geht um die Gleichzeitigkeit von Geburt und Tod, von Schönheit und Zerstörung, Freiheit und Unfreiheit, oft nur durch die räumliche Distanz getrennt. Wir hören und lesen Brechts Verse von den finsteren Zeiten, Zitate von Machiavelli, André Breton, Hannah Arendt und Alexander Kluge. Charles Bukowski sinniert über alltägliche kleine Katastrophen. Jemand bittet die Welt um Entschuldigung oder vergleicht Parteiprogramme. Verwirrung, Schuld und Abbitte – bis alles im Stillstand erstarrt.

Die Welterklärungs- und Erkenntnisproblematik verknüpft Voges mit dem experimentellen Gebrauch verschiedener Kunstformen, der Problematik aus vierter Wand, von Originalität und Authentizität. Rein ästhetisch scheint das in diesem durchaus bemerkenswerten Kunstwerk aufzugehen. Allerdings bringt die Inszenierung kaum den propagierten echten Überforderungsfuror und bleibt trotz der Fülle an Informationen in ihren Einzelteilen doch deutbar. Intellektuell gesehen ein philosophisches Schmankerl mit gut gewählter, pathetischer Sounduntermalung von Talk Talk über David Bowie bis zu Gustav Mahlers Auferstehungssinfonie-Finale, in der, die Diktatur der Populisten karikierend, mit Jonathan Meeses Text vom Lolitatum das Diktat der Kunst gefeiert und in einer slapstickartigen Prozession der große Korse mit dem Zweispitz von lauter Lolitas zu Grabe getragen wird.

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Die Borderline Prozession. Ein Loop um das, was uns trennt
(Rathenau-Hallen, 07.05.2017)
von Kay Voges, Dirk Baumann und Alexander Kerlin
Regie: Kay Voges
Director of Photography: Voxi Bärenklau
Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch
Kostüme: Mona Ulrich
Komposition / Live-Musik: Tommy Finke
Video-Art / Live-Schnitt: Mario Simon
Live-Sound: Joscha Richard
Dramaturgie: Dirk Baumann, Alexander Kerlin
Licht: Sibylle Stuck
Ton: Gertfried Lammersdorf
Coding: Lucas Pleß
Inspizienz: Tilla Wienand
Soufflage: Ginelle Lindemann
Mit: Andreas Beck, Ekkehard Freye, Frank Genser, Caroline Hanke, Marlena Keil, Bettina Lieder, Eva Verena Müller, Christoph Jöde, Uwe Rohbeck, Uwe Schmieder, Julia Schubert, Friederike Tiefenbacher, Merle Wasmuth, Raafat Daboul
Studierende des 3. Studienjahrgangs der Folkwang Universität der Künste: Paulina Alpen, Amelie Barth, Carl Bruchhäuser, Thomas Kaschel, Nils Kretschmer, Anja Kunzmann, Lorenz Nolting, David Vormweg, Michael Wischniowski
Live-Kamera: Jonas Schmieta
Dolly Grib: Tobias Hoeft
Die Uraufführung war 14.06.2016 im Theater Dortmund
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, zwei Pausen

Infos: http://www.theaterdo.de

Zuerst erschienen am 09.05.2017 auf Kultura-Extra.

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