„Niemand“ von Ödön von Horvath und „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller – Junger Regiezugriff bei alten Stücken am Deutschen Theater Berlin

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Schattenspiele am DT – Bastian Kraft inszeniert Arthur Millers Erfolgsstück Tod eines Handlungsreisenden mit einem großartigen Ulrich Matthes auf fast leerer Bühne

Tod eines Handlungsreisenden am DT Berlin – Foto (c) Arno Declair

Arthur Millers Tod eines Handlungsreisenden gilt als das Stück zum „amerikanischen Traum“ schlechthin. Es ist eines der meistgespielten Theaterstücke, unzählige Schulklassen wurden mit dem Stoff traktiert und – leider, es ist mit den Jahren auch etwas angestaubt. Um dem Stück wieder Leben einzuhauchen, muss man allerdings nicht unbedingt einen echten Thunderbird auf die Bühne fahren, wie in der Inszenierung von Stefan Pucher mit Robert Hunger-Bühler als 50th-Ikone am Schauspielhaus Zürich, oder einen Zimmerpflanzenwald stellen, wie in Luk Percevals Version mit Thomas Thieme als massig-cholerischem Willy Loman an der Berliner Schaubühne. Dass es auch sparsamer geht, bewies zum Beispiel Dimiter Gotscheff am Deutschen Theater Berlin mit Christian Grashof als tragischem Held. Schwarze Schiebewände gaben hier immer nur kleine Bildausschnitte frei. Ein Chor skandierte die unvermeidlichen Floskeln des Aufstiegs für jedermann wie in einer griechischen Tragödie.

Nun hat sich am selben Ort Bastian Kraft an eine neue Interpretation des alten Stoffs gewagt. Was der junge Regisseur, der bisher mehr durch knallig-bunte Inszenierungen mit viel Musik und Videoeinsatz auffiel, auf einer nun fast völlig leergeräumten Bühne beweisen will, erschließt sich nicht sofort auf den ersten Blick. Obschon das Stück als großes Schattenspiel an den Bühnenrundhorizont zu werfen erstmal ziemlich einleuchtend wirkt. Es sind dies Schatten aus der Vergangenheit, die mal wie übergroße Dämonen wirken, wenn sich Willy Loman in der Erinnerung mit seinem Über-Schatten-Bruder Ben unterhält, oder Szenen aus glücklicheren Tagen, als die Söhne Willys noch gemeinsam Basketball spielten. Diese Erinnerungsschlaglichter werden auch als bewegte Videoprojektionen an die Rückwand geworfen. Die kleinen Menschen auf der großen Bühne davor wirken so im Diesseits der aufgebrauchten Träume umso verlorener.

Sparsam ist auch der rockige Musikeinsatz zwischen den Szenen, die meist an einem Tisch im Haus der Lomans spielen. Der Bühnenkreisel dreht sich, so dass das nie ganz einzusehende Schattenspiel auch von den Seitenplätzen im Publikum erfassbar ist. Ein Nachteil ist es trotzdem, so mit dem tiefen Raum der Bühne zu arbeiten. Auch akustisch hat das eigentlich leise Kammerspiel bis auf ein paar lautere Auseinandersetzungen zwischen Vater und Söhnen ein leichtes Verständigungsproblem.

Wettmachen können das die ausnahmslos guten darstellerischen Leistungen des DT-Ensembles. Vor allem Ulrich Matthes scheint in dem müde gewordenen Handlungsreisenden Willy Loman endlich seine große Einfühlungsrolle gefunden zu haben. In die Köpfe der Menschen will er mit seinem Spiel, hat Matthes einmal in einem Interview gesagt. Das ist ihm hier auch eindrucksvoll geglückt. Noch nie so deutlich vor Augen geführt wurde einem die tragische Verbohrtheit dieses kleinen Mannes, der an die grenzlosen Möglichkeiten des kapitalistischen Systems von Kaufen und Verkaufen glaubt, wie manch anderer nur an den lieben Gott. Jedes gute Wort, jede Hilfe schlägt Willy stolz in den Wind.

 

Foto (c) Stefan Bischoff

 

Ein Stolz und eine Selbstüberschätzung, die zur großen, letztendlich tödlichen Lebenslüge werden. Dagegen anzukommen, haben die Söhne Biff (Benjamin Lillie) und Happy (Camill Jammal) andere Strategien entwickelt. Die des Weglaufens vor der Realität wie beim älteren Biff oder die der Anpassung und kleineren Lügen beim jüngeren Happy. Während Biff ständig davor flieht, von seinem Vater in die Rolle des Überfliegers gepresst zu werden, der einfach nicht ist und sein will, werden die schwachen, verbalen Bemühungen Happys vom Vater erst gar nicht wahrgenommen. Die klug gekürzte Inszenierung läuft auf diese letzte Konfrontation der Söhne mit dem Vater hin.

Olivia Grigolli, bekannt aus vielen Marthaler-Inszenierungen, bleibt als Linda Loman nur der vergebliche Versuch, die Scherben, die ihr Mann hinterlässt, immer wieder zu kitten. Ansonsten ringt sie bei den Söhnen um Verständnis und etwas Würde für ihren Mann. Starke Auftritte haben auch Harald Baumgartner als Freund Charley, der Willy mit Geld aushilft und ihm aus Gutmütigkeit einen Job anbietet, sowie Moritz Grove als aalglatter Chef Howard Wagner, der den nicht mehr effizienten Handlungsreisenden zum alten Eisen aussortiert. Die kleineren Nebenrollen, von denen es im Stück einige gibt, werden fast ausnahmslos von Schauspielstudierenden der UdK verkörpert.

Ohne große Aktualitätsbezüge mit der reinen Konzentration auf die Kernfamilie hatte bereits auch Stephan Kimmigs Inszenierung von Tennessee Williams Glasmenagerie versucht, an amerikanischen Träumen und Lebenslügen zu kratzen. Was dort allerdings etwas zu sehr in den Klamauk abglitt. Bastian Krafts Inszenierung bleibt ganz nah dran an den Charakteren Millers, in denen die Aktualität immer wieder ganz beiläufig mitschwingt. Es ist dies die des ewigen Männlichkeitsideals als einzigem Ernährer der Familie, die eines früher war alles besser, der Angst vor der Zukunft und Überfremdung. Das Programmheft bietet dazu einen Essay von Jürgen Martschukat über die immer wieder herbeigeredete Krise und angebliche Marginalisierung des weißen Amerikaners. Und da ist es dann auch nicht mehr weit zu Trumps „Make America Great Again“ oder dem Nationalismus der AfD.

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Tod eines Handlungsreisenden (Deutsches Theater, 18.03.2017)
Von Arthur Miller
Deutsch von Volker Schlöndorff und Florian Hopf
Regie: Bastian Kraft
Bühne: Ben Baur
Kostüme: Inga Timm
Video: Stefan Bischoff
Musik: Björn SC Deigner
Es spielen: Ulrich Matthes (Willy Loman / Onkel Ben), Olivia Grigolli (Linda Loman), Benjamin Lillie (Biff), Camill Jammal (Happy), Harald Baumgartner (Charley), Timo Weisschnur (Bernard), Moritz Grove (Howard Wagner), Jürgen Huth (Stanley), Ruby Commey (Jenny), Linda Blümchen (Letta), Ulrike Harbort (Die Frau)
Eine Kooperation mit der Universität der Künste Berlin
Premiere war am 17.03.2017 im Deutschen Theater Berlin
Dauer: 1:40 h, keine Pause
Termine: 29.05. / 05., 26., 28.06.2017

Infos: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 20.03.2017 auf Kultura-Extra.

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„Niemand hat Schuld“ – Dušan David Pařízek bringt das bisher unbekannte und erst vor zwei Jahren bei einer Auktion wieder aufgetauchte Frühwerk des Dramatikers Ödön von Horváth in den Kammerspielen des DT zur Deutschen Erstaufführung

 Foto (c) Arno Declair

Als vor zwei Jahren „ein unbekanntes Horváth-Stück“ vom Berliner Auktionshaus J. A. Stargardt zum Verkauf angeboten wurde, vorlockten Feuilletonisten und Literaturwissenschaftler gleichermaßen. „Eine literarhistorische Entdeckung ersten Ranges.“ hieß es da noch. Der erst 23jährige Dramatiker Ödön von Horváth hatte das Stück mit dem Titel Niemand – Tragödie in sieben Bildern 1924 dem kleinen Berliner Verlag Die Schmiede zu Veröffentlichung angeboten. Der Verlag ging unter nicht geklärten, betrügerischen Umständen Pleite, und das Typoskript verschwand, bis es in den 1990er Jahren ein unbekannter Privatmann erstmals günstig auf einer Auktion in Pforzheim ersteigern konnte. Nun kam es für 11.000 Euro unter den Hammer. Neuer Besitzer ist die Wienbibliothek.

Ist der Niemand nun eine Sensation oder nur ein bibliophiles Schmankerl für Philologen? Zumindest scheint die Welt nicht auf diesen Text gewartet zu haben. Sie hat ihn selbst, wie auch der Dramatiker in seinen späteren Stücken, weitergeschrieben. Wiederkehrende Themen sind Massenarbeitslosigkeit und moralische und ökonomische Verelendung, gespickt mit christlichen Motive wie Glaube, Liebe, Hoffnung. Nach der Uraufführung im September 2016 im Wiener Theater in der Josefstadt hat sich der anfängliche Furor etwas gelegt. Der Autor von heute immer noch vielgespielten Stücken wie Kasimir und Karoline oder Geschichten aus dem Wiener Wald habe mit dem Niemand wohl noch geübt, war der fast einhellige Tenor der Kritik. Trotzdem sorgen solche Entdeckungen in der Theaterwelt immer auch für gesteigertes Interesse, und so hat sich das Deutsche Theater in Berlin, wo Horváths Stücke bis 1933 auch zum Repertoire gehörten, den Text für die Deutsche Erstaufführung gesichert, die Ende März von Dušan David Pařízek in den Kammerspielen realisiert wurde.

Der 1971 in Brünn geborene Regisseur hat sich bereits erste Sporen am Burgtheater Wien und dem Schauspielhaus Zürich verdient. Seine Wiener Inszenierung von Wolfram Lotz‚ Stück Die lächerliche Finsternis wurde 2015 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Pařízeks Regiezugriff wirkt dabei stets eher assoziativ, seine Schauspielführung ist zudem recht frei. So auch bei seiner Inszenierung dieses frühen Horváth-Stücks, das sich mit seiner expressiven Sprache und seinem fast surreal anmutenden Handlungsverlauf auch für eine nicht streng realistische Aufführung anbietet. Vielleicht übertreibt es der Regisseur aber auch wenig mit dem freien Spiel, gehen die DarstellerInnen doch auch immer wieder auf ironische Distanz zu ihren Figuren und stellen dabei deutlich ihre Theatermittel aus.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Die Handlung von Niemand ist in einem nicht näher verortetem Mietshaus angesiedelt, dessen Bewohner alle mehr oder weniger finanziell vom an den Beinen verkrüppelten und dem Leben verbitterten Besitzer und Pfandleiher Fürchtegott Lehmann abhängen. Das Personal hat Pařízek auf die wichtigsten Figuren reduziert und den Text gut eingestrichen. Das macht es aber zunächst auch etwas schwer, der Handlung im Einzelnen zu folgen. Für den Kenner hat der Regisseur aber immer wieder Textsplitter aus bekannten Werken Horváths eingebaut. Pařízek ist wie die Literaturwissenschaft auch der Meinung, dass hier viele Motive späterer Stücke schon angelegt sind.

Es treten auf: der arbeits- und mittellose Musiker Klein, die nicht auf den Mund gefallene Hinterhofprostituierte Gilda mit ihrem brutalen Zuhälter Wladimir und Gildas gerade entlassene Freundin Ursula. Weitere zwielichtige Gestalten, Streuner, Kleinstunternehmer und Polizisten bilden einen Querschnitt durch die von den Wirtschaftskrisen der 1920er Jahre gebeutelten Gesellschaft. Hochzeit oder Tod sorgen für den natürlichen Austausch im Haus.

Ins Spotlicht von zwei Overheadprojektoren, die Textzeilen aus dem Stück an eine Rückwand, die wie der Parkettboden gemustert ist, werfen, tritt das Ensemble immer wieder von den Seiten her auf, spielt einzelne Szenen und zieht sich dann wieder ins Dunkel zurück. Es wird gemeinsam Live-Musik gemacht oder auch mal die genaue Diktion des Vortrags geübt, wenn die geschäftstüchtige Gilda (Franziska Machens) der verzweifelt um Hilfe bittenden Ursula (Wiebke Mollenhauer) rät, wie sie sich als Elendsmensch zu verkaufen hat. „Ein wenig ostiger.“ Aber nicht etwa nur sächsisch, sondern noch etwas weiter östlich. Diese Art des Unterschichtenkitsches will Pařízek eigentlich damit aus dem Weg gehen, was ihm auch weitestgehend gelingt.

Elias Arens spielt überzeugend den nach oben buckelnden und nach unten fordernden Geiger Klein. Als lustiger Horváth-Sidekick fungiert Lisa Hrdina, die als entlassene Kellnerin wie die Elisabeth in Glaube Liebe Hoffnung von der Ungerechtigkeit sinniert, als Nachfolgerin Ursulas wie ein wundersamer Doppelgänger auftritt, oder als Backfisch Sätze aus Horváths Romanerstling Sechsunddreißig Stunden, die Geschichte vom Fräulein Pollinger spricht. Recht eigenwillig ist auch die Besetzung des an Krücken gehenden Herrn Lehmann mit dem baumlangen Marcel Kohler, der sich in der Rolle des zynischen Menschenhassers redlich müht. Sein vorgenommener Wandel zum guten Menschen angesichts der Heirat mit Ursula, die sich dadurch aus der Elendsspirale befreien will, scheitert aber ebenso wie das relativ lockere Regiekonzept, das die Fragen um Hoffnung, Sehnsucht nach Liebe und Ekel oder Mitleid immer wieder fast schon akrobatisch umspielt.

Der ewige Niemand ist hier der fehlende Gott oder die von sich gewiesene Schuld. Alles ist erlaubt, wenn es einem nützt. Wir hören ein wenig Nietzsche, ein wenig Stahlgewitter und das „Zeitalter der Fische“ aus Jugend ohne Gott. Da steckt vieles drin in diesem frühen Horváth. U.a. das Motiv des Stärkeren, das schon in der Beziehung des schlagenden und wegen eines Ringes mit der schönen Gravur: „Und die Liebe höret nimmer auf“ (Kasimir und Karoline) sogar tötenden Wladimir (Henning Vogt) zur Hure Gilda aufscheint. Aber vor allem in der Figur des plötzlich auftauchenden Bruders Kaspar Lehmann, den Frank Seppeler als ständig lachenden, oberkörperfreien Erotomanen spielt, der sich das Recht auf Leben und die Liebe Ursulas einfach nimmt, während der nur durch Mitleid das Geschäft ererbt habende Fürchtegott mit leeren Händen gegen den Bühnenhimmel schwebt. Das sind schon ein paar starke Auftritte, die aber das schale Gefühl, hier nur einem etwas mageren Horváth-Prequel beizuwohnen, nicht ganz verhindern können.

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Niemand (DT-Kammerspiele, 05.05.2017)
Tragödie in sieben Bildern von Ödön von Horváth
Regie / Bühne: Dušan David Pařízek
Kostüme: Kamila Polívková
Musikalische Leitung: Marcel Braun
Licht: Thomas Langguth
Dramaturgie: Birgit Lengers
Es spielen:
Henning Vogt: Wladimir
Marcel Kohler: Fürchtegott Lehmann
Franziska Machens: Gilda
Wiebke Mollenhauer: Ursula
Frank Seppeler: Kaspar Lehmann
Elias Arens: Klein
Lisa Hrdina: Kellnerin, Nachfolgerin, Backfisch
Die Deutsche Erstaufführung war am 25.03. 2017 in den Kammerspielen des DT
Termine: 20.05. / 27.06.2017

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 07.05.2017 auf Kultura-Extra.

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