Arthur Millers „Hexenjagd“ und Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“ – Fanatismus und Extremismus in zwei Inszenierungen am Staatstheater Cottbus

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Höllenfeuer und Verdammnis in Salem – Andreas Nathusius inszeniert Arthur Millers Hexenjagd  als Vernunft-Stück gegen fanatischen Glauben, Ideologien und politisch motivierte Verleumdungsszenarien

Nachdem das US-Justizministerium wegen der Russland-Affäre erst kürzlich einen Sonderermittler ernannte, twitterte US-Präsident Donald Trump in gewohnter Manier seinen Unmut darüber heraus. Es handele sich um „die größte Hexenjagd auf einen Politiker in der amerikanischen Geschichte“. Der Mann ist wahrlich ein Kuriosum in der US-amerikanischen Geschichte, mit der er es scheinbar aber auch nicht so genau nimmt. Der Untersuchungsausschuss des republikanischen Senators McCarthy, vor den man zwischen 1947 und 1956 Künstler, Politiker und andere Intellektuelle zitierte und ihnen kommunistische und antiamerikanische Umtriebe vorwarf, ist nach wie vor beispiellos als eine der größten politischen Hetzkampanien des Kalten Krieges. Antikommunistische Verschwörungstheorien und Schwarze Listen sorgten damals für eine Atmosphäre der Angst vor gegenseitiger Denunziation.

Der ebenfalls betroffene Dramatiker Arthur Miller hat 1953 als unmittelbaren Kommentar darauf das Stück Hexenjagd geschrieben, das immer noch hochaktuell ist. Gerade Verschwörungstheorien aller Art haben momentan Hochkonjunktur. Miller berief sich in seinem Stück auf einen historischen Fall aus dem Jahr 1692 in einer puritanischen Gemeinde in Neuengland. Bei den Hexenprozessen von Salem (Salem witch trials) wurden 150 Menschen wegen des Verdachts der Hexerei angeklagt, weitere 200 beschuldigt und letztendlich sogar 21 Verurteilte hingerichtet. Der Fall ist als eine der größten Hexenhysterien bekannt. Die Erklärungen dafür gehen selbst schon wieder in den Bereich der Verschwörungstheorien. Man kann aber davon ausgehen, dass schon länger schwärende Streitigkeiten in der Gemeinde eine der Ursachen waren.

Diesen Grund lässt auch Miller im Stück anklingen, wenn sich die Bauern untereinander des Landdiebstahls bezichtigen und schließlich Kinds- und Viehsterben auf Hexerei der Widersacher zurückegführt wird. Auslöser für den Hexenprozess war allerdings ein vom Gemeindepfarrer Parris entdeckter nächtlicher Tanz mehrerer Mädchen im Wald. Aus Angst vor der Strafe der puritanischen Gemeinde, in der Tanzen als anzüglich streng verboten war, beginnen die Mädchen sich krank zu stellen und nach der Herbeirufung des mit den Riten der Hexerei bewanderten Reverend John Hale wahllos Gemeindemitglieder zu beschuldigen, sie verhext zu haben. Anführerin der Gruppe ist die Nichte und Ziehtochter von Reverend Parris, Abigail Williams, die ein heimliches Verhältnis mit ihrem Dienstherren John Proctor hatte, woraufhin sie von dessen Frau Elisabeth entlassen wurde und nun eine Möglichkeit zur Rache sieht.

Dass eine Schar pubertierender Mädchen eine ganze Gemeinde in die religiöse Hysterie treibt, ist für heutige Verhältnisse schwer zu begreifen. Das Stück wird vermutlich daher eher selten aufgeführt, ist es doch von Miller auch sehr didaktisch angelegt und relativ schwer zu modernisieren. Verlegt man sich nun auf religiösen Wahn oder institutionelle Machtwahrung, führt man ein Liebes- und Eifersuchtsdrama auf, oder spielt man es einfach stumpf vom Blatt, es bleiben immer ein paar ungeklärte Fragen. Besonders die jungen Frauen kommen hier nicht besonders gut weg, allen voran Abigail, die von John Proctor, um seine Frau vor dem Galgen zu retten, schließlich als Hure und Lügnerin bloßgestellt wird und dadurch nur noch mehr in ihren Eifersuchts- und Rachewahn verfällt. Proctor, am Staatstheater Cottbus dargestellt von Gunnar Golkowski, ist hier vor allem der standhafte Mann im weißen Hemd, der sich seiner Gefühle zwar nicht ganz klar ist, letztendlich aber standhaft Wahrheit und eigene Würde verteidigt und dafür selbst an den Galgen geht.

Die Mädchen sind bei Maja Lehrer als Mercy Lewis, Lucie Thiede als Betty Parris, Ariadne Pabst als Mary Warren und schließlich Lisa Schützenberger als Abigail ganz in schwarz gekleidete, verführbare und selbst verführende Wesen, die ihren Platz in der bigotten Erwachsenenwelt noch suchen, sich dabei aneinander klammern und eine eigene Allianz des Schutzes bilden. Ihnen ist im Prinzip nichts vorzuwerfen. Gegen die erwachende Sexualität der jungen Frauen, die in den Szenenübergängen immer wieder in Mikros stöhnend und chorisch Kirchenlieder singend in einem Bühnenbild aus geschlitzten Holzpaneelwänden wandeln, steht die Macht der Erwachsenen, denen wie dem feigen Reverend Parris (Thomas Harms) aus Angst selbst angeklagt zu werden, oder dem reichen Thomas Putnam (Oliver Seidel) und seiner Frau Ann (Susann Thiede), um Widersacher aus dem Weg zu räumen, die gespielten Wahnvorstellungen der Mädchen ganz recht kommen. Oder die wie Ezekiel Cheever (Henning Strübbe) einfach nur opportunistisch mitlaufen. Dazu gesellt sich das starre Beharren auf einmal gefassten Beschlüssen des stellvertretenden Gouverneurs und Richters Danforth (Dirk Witthuhn), um die eigene Autorität zu waren.

Die Zeichnung der Charaktere muss hier nicht überspitzt oder krampfhaft ins Heute gezogen werden, sie ist auch so klar erkennbar. Standhaft streitbar und mit ehrlichem Gottvertrauen sind die Angeklagten Giles Corey (Michael Becker) und Rebecca Nurse (Heidrun Bartholomäus) ausgestattetet. Das Vernunftzentrum versucht Regisseur Andreas Nathusius um John Proctor und dessen Frau Elisabeth (Sigrun Fischer) aufzubauen, die sich beide vergeblich gegen die anhaltende Selbsthysterisierung der Gemeinde zur Wehr setzen. Etwas hilflos zwischen den Parteien hangelt der bibelfeste John Hale (Alexander Höchst), dessen zunehmende Zweifel am Gericht ihn auch nicht zu einer klaren Haltung dagegen bewegen können.

Andreas Nathusius, der zum ersten Mal in Cottbus Regie führt, ist mit seiner zwar recht konventionellen Inszenierung aber dennoch ein recht eindrucksvoller Ensembleabend geglückt. Ein Stück der Stunde gegen fanatischen Glauben, Ideologien und politisch motivierte Verleumdungsszenarien.

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HEXENJAGD (Staatstheater Cottbus, 20. Mai 2017)
Schauspiel von Arthur Miller Deutsch von Hannelene Limpach und Dietrich Hilsdorf Mitarbeit: Alexander F. Hoffmann
Regie: Andreas Nathusius
Bühne und Kostüme: Annette Breuer
Musik: Felix Huber
Video: Konrad Kästner
Dramaturgie: Sophia Lungwitz
Regieassistenz: Jens Dierkes
Besetzung:
Reverend Parris: Thomas Harms
Betty Parris: Lucie Thiede
Abigail Williams: Lisa Schützenberger
Mrs. Ann Putnam: Susann Thiede
Thomas Putnam: Oliver Seidel
Mercy Lewis: Maja Lehrer
Mary Warren: Ariadne Pabst
John Proctor: Gunnar Golkowski
Rebecca Nurse: Heidrun Bartholomäus
Giles Corey: Michael Becker
Reverend John Hale: Alexander Höchst
Elisabeth Proctor: Sigrun Fischer
Francis Nurse: Rolf-Jürgen Gebert
Ezekiel Cheever, Gerichts-Beisitzender: Henning Strübbe
Danforth, stellv. Gouverneur: Dirk Witthuhn
Marshall Herrick: Statist
Die Premiere war am 20. Mai 2017 im Staatstheater Cottbus
Dauer: 2 Stunden, 15 Minuten, eine Pause
Termine: 28., / 17., 27.06.2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.staatstheater-cottbus.de/

Zuerst erschienen am 23.05.2017 auf Kultura-Extra.

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„Und natürlich kann geschossen werden.“ – Moritz Peters stellt Kleists Michael Kohlhaas als Scherenschnittspiel zwischen Medien- und Terrordrama auf die Cottbuser Kammerbühne

In Zeiten von zunehmender Radikalisierung fanatischer Gotteskrieger, selbsternannten Bewahrern der Werte des Abendlandes oder auch Zweifeln an staatlicher Gewalt und sozialer Ungleichheit wird immer wieder die Frage von Recht und Gerechtigkeit laut, ob man für das Erreichen seiner Ziele das Heft des Handelns selbst in die Hand nehmen und gar zur Selbstjustiz greifen sollte. Die Privatfehde des Rosshändlers Michael Kohlhaas mit dem Junker Wenzel von Tronka um einen zu Unrecht verlangten Passierschein und zwei zu Schanden gekommene Rösser aus Kohlhaas Besitz ist bekannt und steht nicht zum ersten Mal als Beispiel für eine Radikalisierung auf der Theaterbühne (z.B. im TuD und Gorki Theater). Heinrich von Kleist hat sie 1808 in seiner Novelle Michael Kohlhaas niedergeschrieben. Aber wer war dieser Mann? Für Kleist war er „einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“, der „bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können.“ Durch eine korrupte Adelsclique im Glauben an sein Recht erschüttert, griff Kohlhaas zum Schwert und kam schließlich, nachdem er blutig sein Recht selbst erstreiten wollte, durch selbiges um.

Kleist lässt seinen zunächst noch recht braven Rosskamm aus der Zeit der Reformation „Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe auch die Welt daran zugrunde!“ rufen. Regisseur Moritz Peters bringt Kleists Novelle zu Beginn als ebenso braven und sachlichen Lichtbildervortrag auf die Cottbuser Kammerbühne. Pferde, Menschen, Städte und Burgen werden als Schattenrisse auf einen Overheadprojektor gelegt. Ebenso erscheinen Ausschnitte aus dem Originaltext auf der Projektionsfläche an der Bühnenrückwand. Kristin Muthwill, Michael von Bennigsen und Mathias Kopetzki schlüpfen wechselnd in die Rolle des Erzählers oder der handelnden Personen. Sie tragen dabei mausgraue Gefangenenkleidung. Lediglich etwas Lippenstift oder weiße Schminke benutzen die drei, wenn z.B. Kristin Muthwill Kohlhaas‘ Frau Elisabeth darstellt, oder sich die drei etwas später, wenn Kohlhaas‘ sämtliche Bittschriften an die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg abgelehnt wurden, als eine Art Terrorzelle der Rote Armee Fraktion zu radikalisieren beginnen.

Als Spielfeld hat Lisa Marie Wehrle einen Parcours aus aneinandergereihten roten Holzquadern gebaut, auf denen man wie auf Wegen entlanglaufen, sie auseinanderreißen oder zu Podesten neu zusammenbauen kann. Das lässt das zunächst recht statische Erzählspiel im Lauf der Handlung immer dynamischer werden. Dazu kommt nun der Einsatz einer Livekamera, vor der sich die drei wie bei einem Bekennervideo mit dem Kohlhaas’schen Mandat und Ultimatum an den Staat wenden. Dazu hören wir aus Ulrike Meinhofs 1970 auf Tonband gesprochenem politisches Pamphlet das berühmte Zitat: „…und natürlich kann geschossen werden.“ Zur Musik der Pixies Where Is My Mind entspinnt sich nun sogar eine Art Medienkrieg mit Livesendungen des Fernsehsenders K1 „Politik am Morgen“ und „Talk in Dresden“. Ein Scherenschnittmob fordert Freiheit für Kohlhaas auf Plakaten. Und auch Kohlhaas´ Mitstreiter Nagelschmidt bekommt seine Auftritte mit ultimativen Forderungen.

Etwas anachronistisch wirken da die Auftritte des wetternden Luther und der beiden Kurfürsten im schwarzen, innen rotgefütterten Mantel. Selbst die magische Kapsel mit der Zigeuner-Prophezeiung um den Namen des letzten sächsischen Kurfürsten spielt noch ihre Rolle. Das ist meistenteils gut und engagiert gespielt. Der Abend kommt aber dennoch nicht über ein bloßes Bebildern der Kleistnovelle mit einer halbherzigen Aktualisierung hin zu Medienkritik und Terrordrama hinaus. Aktuelle Fragen um Staatsgewalt, Terror, Recht und Gerechtigkeit muss sich natürlich jeder selbst stellen.

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MICHAEL KOHLHAAS (Kammerbühne, 26.05.2017)
Von Heinrich von Kleist
Fassung von Moritz Peters
Regie: Moritz Peters
Bühne und Kostüme: Lisa Marie Wehrle
Dramaturgie: Bettina Jantzen
Mit: Kristin Muthwill, Michael von Bennigsen und Mathias Kopetzki
Premiere am Staatstheater Cottbus: 26. Mai 2017
Weitere Termine: 15., 24.06.2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.staatstheater-cottbus.de/

Zuerst erschienen am 27.05.2017 auf Kultura-Extra.

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