GET DEUTSCH OR DIE TRYIN‘ und PENG – Maxim Gorki Theater und Schaubühne verabschieden sich mäßig aus einer insgesamt eher mauen Spielzeit

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GET DEUTSCH OR DIE TRYIN‘ – Necati Öziri hält mit seinem von Sebastian Nübling am Maxim Gorki Theater inszenierten Stück einen Wut-Monolog an den Vater

Get deutsch or die tryin am Maxim Gorki Theater
Foto (c) Esra Rotthoff

Die gerade zu Ende gehende war nicht die beste Spielzeit des Maxim Gorki Theaters. Der viel gelobte Gorki-Sound hat sich mittlerweile eingespielt und dabei auch ein wenig abgenutzt. Daran ist aber sicher nicht Necati Öziri schuld, dessen Stück Get deutsch or die tryin‘ vor einer Woche als letztes auf der großen Bühne Premiere feierte. Entstanden ist es in der Literaturwerkstatt des Gorki-Studios, das mit dem Thema „Flucht, die mich bedingt“ noch mal tief in die Migrationskiste greift. Özirir landete mit seinem Erstling, der Satire Vorhaut (2014) einen Publikumserfolg am Ballhaus Naunynstraße. Mit seinem neuen Stück hat er sich nun einem eher ernsthaften Migrationsthema zugewandt. Die Regie besorgte der für seine Körperchoreografien bekannte Sebastian Nübling.

Körperbetont und rhythmisch geht es Regisseur Nübling dann zu Beginn auch an, wenn zum Beat der Live-Schlagzeugerin Almut Lustig die DarstellerInnen in gefühlter Dauerschleife immer wieder auf und abtreten. Der 18jährige Protagonist Arda berichtet auf einer Parkbank sitzend von seiner ziemlich zerrütteten Familie und Jugend. Schuld am Dilemma haben aber nicht nur die typischen Adoleszenz- und Integrationsprobleme, sondern auch der fehlende Vater, dem Arda seinen Dauermonolog widmet. Dimitrij Schaad als Arda sitzt zunächst in einem Sessel auf der von Magda Willi in die Tiefe gebauten Mehrfachportalbühne. Der vorherrschende Farbton ist lila wie Ardas Anzug. Der vorherrschende Ton der Ansprache ist in einem etwas gebremsten Gorki-Wut-Sound gehalten.

Und Arda hat wohl auch allen Grund wütend zu sein. Seine Mutter trinkt, seine ältere Schwester Aylin hat es zu Hause nicht mehr ausgehalten und der Vater sich schon vor Ardas Geburt wieder in die Türkei verabschiedet. Ihm hält der gerade vom deutschen Einbürgerungsamt Gekommene eine fiktive Grabrede. Darin treten, wie schon beschrieben, Mutter (Pınar Erincin), Schwester (Linda Vaher) und Jugendfreunde (Aleksandar Radenković und Aram Tafreshian) wie in einer Art Familienaufstellung auf. Arda lässt sie bestimmte Szenen immer wiederholen. Die Mutter kriecht zum Kühlschrank mit der Wodkaflasche, ihre wechselnden Bekanntschaften stoßen Arda beiseite, die Schwester streitet mit der Mutter. Dazu gesellen sich Berichte über die Kämpfe der verschiedenen Ethnien angehörenden und Drogen verkaufenden Gangs im Viertel.

Das allein gibt noch kein originelles Stück. Arda reflektiert dann neben seiner verkorksten Jugend, die er mit dem Bekenntnis zur deutschen Staatsbürgerschaft zu beenden versucht, aber auch die Herkunft und Beziehung der Eltern. Das ist die von Autor Necati Öziri sogenannte B-Seite des im Titel an das Album Get rich or die tryin‘ des Rappers 50 Cent erinnernden Stücks. Die Kehrseite der Migration und vergeblichen Integrationsversuche, an der die Eltern zerbrechen und für die der Sohn sich auf dem Einwanderungsamt erniedrigen muss. Es ist die Suche nach der Heimat und den Wurzeln, gespickt mit schmerzhaften Fragen an den Vater, der einst als politischer Flüchtling nach dem Putsch 1980 aus der Türkei nach Deutschland kam, sich dort verliebte, aber nicht der ewige Exilant bleiben wollte.

Öziri stellt nun erzählerisch das Kennenlernen und die Hochzeit von Ardas Eltern nach, was Nübling in eine varietäthafte Dauerparty übersetzt. Erster Wodka-Lemmon der Mutter neben den politischen Bekenntnissen des Vaters, der bei einem Überfall auf ein Armeefahrzeug mit 5 Toten dabei war. Sohn Arda ist immer kommentierend zugegen. Taner Şahintürk spielt den Vater „dartend und abwartend“ relativ stumm. Stumm lässt er auch die Vorwürfe des Sohnes, sich nie gemeldet zu haben, über sich ergehen. Er zog den Knast in der Türkei dem schwieriger werdenden Familienalltag und der Schlachthofarbeit im sogenannten „Paradies“ Almanya, dem „Land der Zombies“, vor.

Wo der Bericht an Intensität gewinnt, zerfasert die Inszenierung von Sebastian Nübling doch zusehends in performativer Beliebigkeit mit ironischen Showeffekten. Necati Öziri bricht noch eine Lanze für die „einsamen Müttern, die ohne die Versager, die vom Zigarettenholen und Bombenlegen nicht wiederkamen, alleine die Welt retten müssen“. Das ist durchaus berührend. Der Bericht an den Vater wird zur Abrechnung eines einsamen, alleingelassenen jungen Menschen, der nach seinem Platz in der Welt sucht. „The Revolution Will Not Be Televised“ ist seine Erkenntnis, die ihn letztendlich aus dem Sessel reißt und den Vater sitzen lässt. Trotzdem hat man das Gefühl auf der A-Bühne des Gorki Theaters von der Regie doch nur mit der groovy Studio-B-Seite abgespeist worden zu sein.

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GET DEUTSCH OR DIE TRYIN‘ – UA (Maxim Gorki Theater , 28.05.2017)
von Necati Öziri
Regie: Sebastian Nübling
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Pascale Martin
Musik: Lars Wittershagen
Dramaturgie: Ludwig Haugk
Mit: Pınar Erincin, Almut Lustig, Aleksandar Radenković, Taner Şahintürk, Dimitrij Schaad, Aram Tafreshian, Linda Vaher
Die Uraufführung war am 20.05.2017 im Maxim Gorki Theater ​
Termine: 12., 28.10. / 16., 23.11.2017

Infos: http://www.gorki.de/

Zuerst erschienen am 30.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Helter Skelter im Kinderzimmer – Mit PENG verschliddert Marius von Mayenburg in der gutbürgerlichen Schaubühne via mediensatirischem Greenscreen eine postnatale Trump-Parodie

 

Peng von Marius von Mayenburg in der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair

Marius von Mayenburg scheint ein Faible für Stücktitel mit „P“ zu haben. Nach Parasiten (2002), Perplex (2010) und Stück Plastik (2015) hat er sein neuestes Werk Peng genannt. Wie schon öfters zuvor übernahm der Hausautor der Berliner Schaubühne auch gleich die Inszenierung des Stücks. Und wie immer in seinen Stücken schaut er mal wieder tief in die Abgründe der gutbürgerlichen Familie.

Auch diese Inszenierung setzt wie schon Stück Plastik auf viel Humor und mediensatirischen Klamauk. Aber die Bombe „Peng“, wie sie der Protagonist gleichen Namens zu Beginn ankündigt, will so recht nicht zünden. Dabei hat das Stück mit Sebastian Schwarz als Hauptakteur Ralf Peng durchaus eine veritable Rampensau am Start, der kein Witz zu peinlich und grenzwertig ist, als dass man ihn nicht auf die Menschheit loslassen könnte. Autor Mayenburg hat eine böse Satire auf die aktuell-politische Lage entworfen, die mit ihren momentan vielerorts regierenden Populisten und Nationalisten schlimmer kaum noch sein könnte. Zumindest sieht es das Gros des intellektuellen, liberalen Europas so und kommt doch selbst in dieser ausufernden Farce nicht besonders gut weg.

Erzählt wird die Geschichte des großmannssüchtigen Kleinkinds Ralf Peng, vor der Geburt noch durch den Hauptdarsteller selbst, der gleich noch die Parodien seiner Prenzlauer-Berg-typischen Helikoptereltern (Marie Burchard und Robert Beyer) mit Biomacke, Genderknall und Spleen von der natürlichen Geburt vorstellt. Eindrucksvoll befreit sich Peng dann begleitet von Schwester Mechthild (Damir Avdic) mit Haaren auf den Zähnen und der herbeigeholten Gynäkologin Dr. Bauer (Eva Meckbach) zuerst von seiner Zwillingsschwester und dann aus einer riesigen Gummiblase. Der Schrecken ist auf der Welt und beginnt sofort als hochbegabt eingestuft sein Umfeld zu terrorisieren.

 

Peng von Marius von Mayenburg in der Schaubühne
Foto (c) Arno Declair

 

Lügen, abwiegeln, Fakten verdrehen und Grapschen nach dem Kindermädchen – wer Ralf nicht huldigt, wird entlassen, zieht wie das dicke Nachbarskind schon im Buddelkasten den Kürzeren oder verliert ein Auge wie der Geigenlehrer, der den musikalischen Dilettanten schlicht für unbegabt erklärt. Das Ganze spielt vor einer Wand mit Greenscreen-Halfpipe, auf die die Szenen davor ins schicke Wohnambiente der Familie oder in andere Zusammenhänge eingebettet werden. Live-TV-begleitet und gefilmt vom sensationsgeilen Journalisten Tom (Lukas Turtur).

Damit es nicht zu langweilig wird, mixt Mayenburg noch Waffenhandel, Flucht- und Feminismus-Debatte sowie häusliche Gewalt mit in die Handlung. Im einst von den Großeltern zweckentfremdeten Keller unterhält Mutter Vicky nun ein offenes Frauenhaus, deren Insassinnen der aufwachsende Kleinpopulist mit vollautomatischer Waffengewalt gerne raus hätte. Als vorgeführtes Opfer fungiert Nachbarin Uschi, die von ihrem Mann Herrn Schmiedel (Eva Meckbach und Damir Avdic in noch weiteren Rollen) gern mit den Haushaltsgeräten des Firmenmanager-Vaters Dominik verprügelt wird.

Darstellerisch ist es durchaus bewundernswert, wie sich das gesamte Ensemble ins Zeug legt. Inhaltlich und gagmäßig bewegt man sich dabei aber nah an der intellektuellen Abrutschkante, die dann überschritten ist, als Mayenburg auch noch eine als „Miss Universum“ getarnte Wahl zur Weltherrschaft einfällt, bei der alle Damen noch mal einen Gesangsauftritt bekommen und dann doch vom schlechten Verlierer Ralf Peng der Reihe nach disqualifiziert werden, bis er sich als einzig übriggebliebener Teilnehmer selbst zum Sieger kürt. Dass der kleine große Diktator dann schließlich doch mit großem Knall zu Fall gebracht wird, tut seinem Nimbus des Ich-darf-das keinen Abbruch.

Da drängelt sich einer vor und macht Macho- und Chauvi-Sprüche am laufenden Band. Wer würde da nicht an den Narzissten im Amt, Donald Trump, denken. Das Stück versucht ein Milieu zu karikieren, in dem so etwas groß werden kann. „Ich mach den Laden endlich wieder groß.“ tönt dann auch irgendwann das Riesenbaby, meint damit aber nicht etwa Deutschland, sondern die Schaubühne mit den mittelmäßigen Kollegen, die der Hauptdarsteller Schwarz nun beim richtigen Namen nennt, und deren Rollen er gleich noch mit übernehmen will. Mayenburg schließt die große Weltpolitik einfach mit der bürgerlichen Kleinfamilie und ihrem Theater kurz. Das ist durchaus nicht uninteressant, aber auf dem Weg dahin ist dem Regisseur und Autor auch irgendwie sein eigenes Stück entglitten.

Gegen Peng, das sich eher als ein verpuffender Rohrkrepierer herausstellt, war Stück Plastik noch ein reines Goldstück und erreichte Falk Richter im letzten Jahr mit seinem AfD-Bashing Fear geradezu intellektuelle Höhen. Bis auf den Professor Bernhardi von Schaubühnenchef Thomas Ostermeier geht mit Peng eine eher bescheidene Spielzeit am Lehniner Platz zu Ende.

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Peng (Schaubühne, 12.06.2017)
von Marius von Mayenburg
Regie: Marius von Mayenburg
Bühne und Kostüme: Nina Wetzel
Mitarbeit Bühne: Doreen Back
Musik: Matthias Grübel
Video: Sébastien Dupouey
Dramaturgie: Maja Zade
Mit: Damir Avdic, Robert Beyer, Marie Burchard, Eva Meckbach, Sebastian Schwarz, Lukas Turtur
Die Uraufführung war am 03.06.2017 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Dauer: ca. 120 Minuten
Termine: 05.-08.10. / 14. und 15.11.2017

Infos: http://www.schaubuehne.de/

Zuerst erschienen am 14.06.2017 auf Kultura-Extra.

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