„Kalakuta Republik“ und „Au-delà de l’humain“ – Zum Auftakt der 29. Ausgabe von Tanz im August standen Choreografien aus Afrika im Mittelpunkt

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Am 11.08.2017 wurde im HAU 1 die 29. Ausgabe von TANZ IM AUGUST eröffnet. Nach Reden von Gastgeberin Annemie Vanackere, Kultursenator Klaus Lederer und der Kuratorin Virve Sutinen, die den Jahrgang in seiner Themenvielfalt und dem Versuch von künstlerischen Reflexionen angesichts einer globalisierten Welt allgemein als einen sehr guten anpriesen, stand eine Aufführung des Tänzers und Choreografen Serge Aimé Coulibaly aus Burkina Faso auf dem Programm im HAU 1. Mit seiner Kalakuta Republik tourt er derzeit durch ganz Europa. Deutschlandpremiere hatte die Produktion bei der bei Africologne in Köln. Die nächste Station wird das Sommerfest auf Kampnagel in Hamburg sein.

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Coulibaly thematisiert in seinem Tanzstück den Zusammenhang von Kunst und Revolte am Beispiel des bekannten nigerianischen Afrobeat-Musikers Fela Kuti, der von den 1960er Jahren bis zu seinem AIDS-Tod 1997 als Künstler und politischer Aktivist tätig war. In seinen Texten kritisierte er vor allem die Militärregierung des Landes. Anfang der 1970er Jahren gründete er in Lagos die titelgebende Künstlerkommune Kalakuta Republik. Diese wurde 1977 bei einem Angriff nigerianischer Regierungstruppen zerstört. Fela Kuti ist nach wie vor eine Leuchtfigur im Kampf gegen afrikanische Diktatoren oder die Folgen der westlichen Kolonisation. Von Kritikern wird er aber auch als Demagoge und sexistischer Fundamentalist bezeichnet. Vor allem seine klare Ablehnung der Homosexualität und der AIDS-Prävention sind bekannt.

 

Kalakuta Republik von Serge Aimé Coulibaly – Foto (c) Doune Photo

 

Diese Ambivalenz Kutis untersucht die Choreografie in zwei Teilen. Im ersten Teil, der mit „Without a Story we would go mad“ (Ohne eine Geschichte würden wir verrückt werden) überschrieben ist, zeigen die Tänzer in Gruppen- und Solopartien das Entstehen eines gemeinsamen Widerstands. Aber auch hier gibt es einen charismatischen Führer, der die einzelnen, farblich unterschiedenen Individuen um sich schart. Und immer mehr beginnen sie diesem zu huldigen. Die Choreografien sind dabei sehr körperlich, dynamisch und in ihrer Zeichenhaftigkeit nicht immer endschlüsselbar. Der treibende Beat der Funkmusik mit Saxofon-Einlagen trägt aber über die gut 40minütige, schweißtreibende Darbietung der 7 afrikanischen Tänzer und Tänzerinnen, zu denen der Choreograf selbst und auch die weiße, französische Tänzerin Marion Alzieu gehören. Als Requisiten dienen ihnen dabei einige Stühle eine Ledersitzecke und zwei große Videowände.

Der zweite Teil nach der Pause spielt in einem verrauchten Soul-Nachtclub, in dem die Stühle wild herumliegen, eine Frau auf einem Podest tanzt, betrunkene Gestalten umherirren und Männer die Frauen mit Gesten erniedrigen. So bläst einer der Tänzer einer Tänzerin, die am Mikrofon zu singen versucht, immer wieder Zigarettenqualm ins Gesicht und auf den Körper. „War is a purifiction rite“ (Krieg ist ein Reinigungs-Ritus) steht auf der Videowand oder auch „Dekadence can be an end in itself“ (Dekadenz kann Selbstzweck sein). Einer der Tänzer ruft: „Ich werde Präsident sein.“ Die Befreiung schlägt in ihr Gegenteil um, die Revolution frisst ihre Kinder. Der Widerstand erstickt in Ritualen der Körperlichkeit, der Dekadenz und des Machismo. In einer kleinen Parade mit wieder sehr symbolhaften Gesten verlässt die Truppe, die Tänzerinnen auf den Schultern der Tänzer, den Saal.

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Zora Snake bei seiner Tanzperformance Au-delà de l’humain vor dem HAU 1
Foto: St. B.

Mit traditionellen Riten beschäftigt sich der 1990 in Kamerun geborene Choreograf Zora Snake in seiner Tanzperformance Au-delà de l’humain (Jenseits des Menschlichen), die er im Anschluss an die Eröffnungspremiere draußen vor dem HAU 1 begann. Er setzt sich darin mit dem postkolonialen afrikanischen Körper auseinandersetzen und bedient sich dabei Mitteln der Performing Arts sowie des Urban und African Dance. Zunächst sprang Snake mit zwei Ritualschalen auf die Stresemannstraße und zog danach einen Sarg mit der Kameruner Flagge zum HAU 2, wobei ihm das Publikum folgte und auch eine Kette aus schwarzen Holzkreuzen hinterher trug. Vor dem Café Wau zelebrierte der junge Performer noch ein streng durchchoreografiertes, afrikanisches Begräbnisritual auf einem quadratischen Erdfeld und hielt eine Rede in Französisch, die im Programmblatt auf Deutsch abgedruckt war.

In dem Text Die Toten sind nicht tot geht es um die Tragödie aus Kriegen überall in Afrika. „Werden wir immer schweigende Beute bleiben?“ fragt Zora Snake und verneint dies mit dem Aufruf „dem Leben, das vor Jahrhunderten gestorben ist, wieder Leben einzuflößen“. Snake ruft dazu die Ahnen des schwarzen Widerstands wie Nelson Mandela, Mohamed Ali, Fidel Castro, Martin Luther King, Malcom X oder Patrice Lumumba. „In dem Ring meiner Erinnerung boxt die Hoffnung gegen die Hoffnungslosigkeit. Wir leisten Widerstand.“ Gerade in ihrer für uns Europäer vielleicht etwas simplen Archaik blieb diese Performance nicht ganz ohne Wirkung.

 

Zora Snake bei seiner Tanzperformance Au-delà de l’humain vor dem HAU 2 – Foto: St. B.

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Kalakuta Republik
Konzept & Choreografie: Serge Aimé Coulibaly
Von und mit Adonis Nebié, Marion Alzieu, Sayouba Sigué, Serge Aimé Coulibaly, Ahmed Soura, Antonia Naouele, Ida Faho
Musik: Yvan Talbot
Video: Eve Martin
Dramaturgie: Sara Vanderieck
Assistenz Choreografie: Sayouba Sigué
Bühne & Kostüm: Catherine Cosme
Licht: Hermann Coulibaly
Technische Leitung: Sam Serruys
Produktion: Faso Danse Théâtre & Halles de Schaerbeek
Produktionsleitung: Halles de Schaerbeek
Distribution: Frans Brood Productions
Koproduktion: Maison de la Danse Lyon, TorinoDanza, Le Manège Scène nationale de Maubeuge, Le TARMAC – La Scène internationale francophone Paris, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, Ankata Bobo Dioulasso, Les Récréâtrales Ouagadougou, Festival AfriCologne, CC De Grote Post Oostende.
Dauer: 85 min + Pause

Au-delà de l’humain
von und mit Cie Zora Snake
Künstlerische Leitung: Zobel Raoul Tejeutsa / Snake
Konzept & Choreografie: Zora Snake
Bühnenbild: Snake
Produktion: Compagnie Zora Snake
Mit der Unterstützung von: Festival Ambony Ambany 4 Madagascar, Festival Mantsina Sony sur Scène – Congo-Brazzaville, Festival Les Récréârales, La Triennale danse l’Afrique danse, Festival les Dètours de Babel, Othni (laboratoire de théâtre de Yaoundé-Cameroun).
Dauer: 45 Min

Infos: http://m.tanzimaugust.de/

Zuerst erschienen am 13.08.2017 auf Kultura-Extra.

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