Für eine Handvoll Kies – Mit „Western“ drehte Regisseurin Valeska Grisebach einen interessanten Film über die Konfrontation von Kulturen und das Funktionieren von Männerbünden

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(c) Komplizen Film

Die Faszination für das Filmgenre des Western scheint auch Jahrzehnte nach seinem eigentlichen Tod ungebrochen. Angefangen bei den US-amerikanischen Coen-Brüdern mit True Grit über den Euro-Western Slow West des schottischen Regisseur John Maclean bis zum Racheepos The Hateful 8 von Quentin Tarantino gab es in den letzten Jahren eine regelrechte Western-Renaissance im Kino. Auch der deutsche Regisseur Thomas Arslan, sonst für Filme der Berliner Schule bekannt, drehte mit Gold einen Western über deutsche Einwanderer, die in Nordamerika ihr Glück versuchen. Nun also kommt von Valeska Grisebach der erste nach den Regeln des Western-Genres gedrehte Film einer Regisseurin ins deutsche Kino. Premiere hatte Western im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes, wo schon im Vorjahr Maren Ade mit Toni Erdmann brillierte.

Es ist nach den preisgekrönten Filmen Mein Stern (2001) und Sehnsucht (2006) der dritte Spielfilm von Valeska Grisebach, den sie ausschließlich mit Laien gedreht hat. Ähnlich wie Toni Erdmann in Rumänien spielt Western nicht im wilden Westen, sondern in Osteuropa, genauer in Bulgarien an der griechischen Grenze. Trotzdem spielt der Film auf fantastische Weise mit den Genremitteln des amerikanischen Spätwestern mit seinen gebrochenen Helden-Figuren. Der Lonesome Rider aus der amerikanischen Frontier-Mythologie ist hier ein zunächst unscheinbarer deutscher Bauarbeiter, der mit seiner Truppe an einem Fluss im bulgarisch-griechischen Grenzgebiet ein Wasserkraftwerk errichten soll. Meinhardt (Meinhard Neumann) entzieht sich mehr und mehr dem Gruppenzwang und den Männerriten seiner Landsleute und schart sich im Gegensatz zu ihnen nicht mehr nur im Camp unter einer aufgepflanzten Deutschlandfahne, sondern beginnt sich für die Einheimischen zu interessieren, um mit ihnen auch ohne die Chance einer wirklichen Verständigung ins Gespräch zu kommen.

 

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„Bist du ein Schlitzohr?“ fragt ihn der misstrauische Polier Vincent (Reinhardt Wetrek). Doch Meinhardt will nur Geld verdienen und hat trotzdem auch eine unbekannte, dunkle Seite, von der wir wegen seiner Schweigsamkeit nicht viel erfahren – außer dass er weiß, was Gewalt ist und als angeblicher „Legionär“ in Afghanistan auch erlebt hat. Meinhardt liebt seine Freiheit, wie er auf Fragen der Dorfbewohner nach seiner Familie besteht. Unbeirrt geht er geradlinig seinen eigenen Weg von Freiheit, auch wenn er damit aneckt oder sich zwischen alle Stühle setzt. Das macht ihn in den Augen des machtbewussten Poliers suspekt. Es beginnen sich die klassischen Fronten zu bilden.

Valeska Grisebach entwickelten diesen Konflikt zunächst aber recht langsam. Eine Zwangspause wegen fehlendem Kies und Wasser verurteilt die Bauarbeiter zum Nichtstun. Sie trinken Bier, klopfen Sprüche und baggern ungelenk bulgarische Frauen am Fluss an. Meinhardt dagegen reitet auf einem in den Bergen freilaufenden Pferd ins Dorf und lernt dort den Besitzer und Chef der Gemeinde Adrian (Syuleyman Alilov Letifov) kennen. Von ihm erfährt er den Grund für das abgestellte Wasser, das die Dorfbewohner zur Bewässerung ihrer Tabakfelder benötigen. Doch während sich zwischen Meinhardt und Adrian eine echte Männerfreundschaft und ein Zweckbündnis bilden, fährt der um seine Autorität fürchtende Vincent voll auf Konfrontation. „Wir haben hier was zu schaffen.“ Der Westen bringt dem Osten die Infrastruktur und versteht nicht, warum das die Dorfbewohner nicht interessiert.

 

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Natürlich sind auch die Frauen Grund zum Streit, vor allem die junge Studentin Veneta (Veneta Frangova), die den Sommer im Heimatdorf verbringt und nun zwischen Meinhardt und Vincent steht. Aber wir lernen auch Vyara (Vyara Borisova) und ihre alten Mutter (Ivanka Popova) kennen, jede für sich eine interessante, starke Persönlichkeit. Aber vor allem prallen hier zwei patriarchal organisierte Systeme mit starken Führungsfiguren aufeinander. Und doch liegt die Sympathie am Ende beim traditionell funktionierenden Dorfverband gegen die entwurzelten Bauarbeiter fern der Heimat.

Freiheit, Familie, Heimat, Heimweh und Zugehörigkeit sind neben den Männerbünden, deren Funktionsweise man hier wie unter einem Brennglas beobachten kann, das, was die Regisseurin interessiert. Ein fast ausschließlich aus Frauen bestehendes Filmteam mit einem Ensemble von Männern, die die Regisseurin direkt vom Bau oder im Fall des schweigsamen Meinhardt vom Havelländer Pferdemarkt gecastet hat. Man wird bei ihrem Auftreten nicht von ungefähr an den DEFA-Spielfilm Spur der Steine von Frank Beyer erinnert. Auch eine Art Western im Bauarbeiter-Milieu des noch wilden Ostens im Aufbau. Nur Grisebach zeigt den heutigen Bruch an der richtigen Stelle. Der Showdown wird zum Augenblick der Erkenntnis, wohin Mann wirklich gehört.

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Western
(Deutschland/Bulgarien/Österreich 2017)
Länge: 119 min.
Regie: Valeska Grisebach
Künstlerische Assistenz: Lisa Bierwirth
Bildgestaltung: Bernhard Keller
Montage: Bettina Böhler
Szenenbild: Beatrice Schultz
Kostümbild: Veronika Albert
Ton: Uve Haußig
Mischung: Martin Steyer
Tongestaltung: Fabian Schmidt
Casting: Katrin Vorderwülbecke
Produktionsleitung: David Keitsch
Herstellungsleitung: Ben von Dobeneck
Mit: Meinhard Neumann, Reinhardt Wetrek, Syuleyman Alilov Letifov, Veneta Frangova, Vyara Borisova u. a.
Kinostart war am 24.08.2017

Infos: http://www.western-der-film.de/

Zuerst erschienen am 01.09.2017 auf Kultura-Extra.

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