Zweimal Amerika / Zweimal Kafka – Mit Dušan David Pařízeks Bühnenversion des Kafkafragments und Christopher Rüpings Sinclair-Lewis-Adaption „It Can’t Happen Here“ fehlstartet das Deutsche Theater in die neue Spielzeit „Welche Zukunft“. Und das Theater Zentrifuge Studio 2 zeigt eine Kafka-Revue zum Saisonstart im Theater unterm Dach.

It can’t happen here – Regisseur Christopher Rüping veranstaltet mit den Roman von Sinclair eine poppige Trump-Showin den Kammerspielen des DT

Foto (c) Arno Declair

Der US-amerikanische Schriftsteller und Nobelpreisträger Sinclair Lewis schrieb 1935 angesichts der Machtergreifung Adolf Hitlers in Deutschland einen satirischen Roman, der sich mit der Möglichkeit beschäftigt, dass auch in den USA ein Populist die Präsidentschaftswahlen gewinnen und anschließend die Demokratie aushebeln kann. It can’t happen here (dt.: Das ist bei uns nicht möglich) spielt auf die vorherrschende Meinung intellektueller Kreise an, dass so etwas in einer gefestigten Demokratie eigentlich nicht passieren kann. „Wehre den Anfängen! Zu spät wird die Medizin bereitet, wenn die Übel durch langes Zögern erstarkt sind.“ heißt es in einer, zwar in etwas anderem Zusammenhang entstanden, Schrift des römischen Dichters Ovid. Doch ist dieses „Wehret…!“ zum geflügelten Wort in Sachen Entstehung von Faschismus und Krieg geworden. Die Anfänge richtig zu deuten, mit dieser Problematik tat man sich nicht nur in der Weimarer Republik schwer. Bertolt Brecht hat 1941 im finnischen Exil in seinem Theaterstück Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui versucht, diesen für die Machtergreifung der Faschisten in Deutschland nachzuzeichnen.

Sinclairs Roman, den es bald auch als Theaterstück gab, wie auch Brechts Parabel wurden zu Bestsellern. Dennoch sind Populismus und Nationalismus wieder en Vogue, wie z.B. die Wahlerfolge der rechtsgerichteten AfD in Deutschland und von Nationalisten in Ungarn belegen. Nach der Wahl des mit populistischen, misogynen und xenophoben Aussagen auftretenden Milliardärs Donald Trump zum US-Präsidenten schnellte der Verkauf von Sinclairs Buch in den USA wieder in die Höhe. Der Berliner Aufbau Verlag hat in diesem Jahr eine deutsche Neuauflage herausgebebracht. Ein Interesse an Zusammenhängen scheint gegeben und ist angesichts der nach innen und außen wirkenden Politik der Stärke Trumps nicht von der Hand zu weisen. Weitere Ähnlichkeiten zur aktuellen Wirklichkeit gibt es in der Person des Spin-Doctors Lee Sarason, der im Buch dem schmierigen Provinzpolitiker Buzz Windrip zur Seite steht, zu Steve Bannon, dem ehemaligen Berater Donald Trumps und Chef der rechten Website Breitbart News.

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Der junge Hausregisseur der Münchner Kammerspiele Christopher Rüping hat nun Sinclairs Roman in eigener Bearbeitung zum Saisonauftakt am Deutschen Theater Berlin auf die dortige Kammerbühne gebracht. Wie bei Rüping üblich, geschieht das in einer spielerisch recht freien Art, bei der zunächst mal der Gegenspieler des wahlkämpfenden Populisten, der liberale Journalist Doremus Jessup in Gestalt des Schauspielers Camill Jammal auf die Bühne tritt und vom Aufmerksamkeitsproblem des Publikums in den ersten Minuten einer Theateraufführung spricht. So schweigt denn alles erst mal 90 Sekunden lang, denn Jammals Jessup hat etwas Wichtiges zu sagen. „Wir müssen zusammen auf die Straße gehen und diese nicht den Rechten überlassen.“ Er spricht von Flüchtlingen und dem, was auf der anderen Seite des Ozeans passiert ist. Gemeint ist Hitler, die Flüchtlinge sind deutsche Emigranten. Doch schnell wird der Redner im Quäkergewand von Schauspielern aus dem Publikum heraus als argumentativer Langweiler betitelt. Seine Gegenspieler sind der redegewandte Lee Sarason (Michael Goldberg) und Oberst Haik (Benjamin Lillie), ein Mann der Tat und Disziplin.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Sie treten wesentlich flippiger in neon-farbigen Tigerlook auf und weisen alle Faschismusvorwürfe weit von sich. „Fashion oder Fascho“, das ist hier die Frage. Noch knalliger wird der Auftritt des Kanditen Windrip gezeichnet. Felix Goeser ist zwar im Aussehen nicht Trump, aber die Wahlkampfshow, die hier veranstaltet wird, ist seiner würdig. Er spielt charming das Understatement eines Jungen aus dem Volk, der zwar keine Bildung aber „die angeborenen Fähigkeit, die Sorgen und Ängste des kleinen Mannes zu verstehen“ besitzt. Wohin das zielt ist klar. Das Beiseitedrängen der alten politischen Eliten zu Gunsten des hart arbeitenden amerikanischen Volks. Damit und mit einem 15 Punkteprogramm, das hier wie in einer Las-Vegas-Fernsehshow angepriesen wird, soziale bis populistische Versprechungen enthält, sowie die faktische Entmachtung des Parlaments und des obersten Gerichts zu Gunsten der Macht des Präsidenten, gewinnt Windrup die Wahl. Es gibt Hotdogs zur Wahlparty für Freiwillige aus dem Publikum und erste angekündigte Verhaftungen Unbotmäßiger.

So weit so gut und schlüssig. Aber immer wenn die Regie in die Pop-Trickkiste greift, kann man sich eigentlich fast schon sicher sein, dass nichts sicher ist. Man nennt das auch ironische Brechung. Nur bricht hier eher das recht klare Regie-Konzept, als die Sicherheit, wie mit einem Diktator umzugehen ist, wenn er denn mal an die Macht gekommen ist. Nun ist das mit Heute auch eher schlecht zu vergleichen, obwohl die sogenannten Anfänge sich schon gewaltig gleichen. Der Rattenfang funktioniert hier als großes Pop-Theater mit viel Musik, Tanz und Voice-Changing-Gesang. Die Ansprache geht dabei immer direkt ins Publikum. Wir sind gemeint. Wer kann sich dem entziehen?

 

Neues Spielzeitmotto am DT – Foto: St. B.

 

Was folgt, ist in ganzer Kürze der Abbau der demokratischen Rechte, Verfolgung von sogenannten Staatsfeinden und Verrätern am Volk. Doremus Jessup landet erst im Verhör, bei dem ihm sein ehemaliges „Sozialexperiment“, der zum Folterknecht avancierte Gärtner Shad Ledue (Live-Schlagzeuger Matze Pröllochs) mittels Elektrodrums die Knochen und den Willen bricht und dann im Konzentrationslager, wo er den Verlobten seiner Tochter (Wiebke Mollenhauer in einer Doppelrolle als Sissy Jessup und sächselndem Julian) einen Sympathisanten des Regimes wiedertrifft. Diese kleine Widerstandsgeschichte geht im Tohuwabohu der Kriegserklärungen gegen Mexiko und der Auslöschung des paranoid gewordenen Präsidenten durch seine beiden Helfer fast unter. Sie spielt hier nur soweit eine Rolle, als dass sie die bekannte Wirkungsweise von Diktaturen unterstreichen soll.

Jedoch die Diktatur schnurrt hier schnell zum chargierenden Komödiantenstadl zusammen. Der Spin-Doctor wird zum degenerierten römischen Kaiser im Leopardenfell mit homoerotischen Phantasien und von General Haik in einen Sarg entsorgt. Sinclairs Story wirkt bei Rüping wie ein schlechter Kolportageroman. Etwas antiquiert angehaucht sind die Gegenspieler Jessup und Windrup schon. Beide hängen ihren guten alten Werten nach und verpassen den Anschluss an die Realität. Die heißt bei Rüping Haik. Und Benjamin Lillie bekommt zum Schluss sein Solo als singender Militärdiktator, der sich als knallharter Führer nicht mehr ans Volk ranwanzen muss. Wer will, kann applaudieren oder zur Knarre greifen. Schon wegen der musikalischen Körperverletzung empfiehlt sich letzteres. Wer Hintergründe sucht, sollte lieber Brecht lesen. Auch der ist ganz unterhaltsam.

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It Can´t Happen Here (DT-Kammerspiele, 20.09.2017)
nach dem Roman von Sinclair Lewis
Regie Christopher Rüping
Bühne Julian Marbach
Kostüme Lene Schwind
Musik Christoph Hart
Licht Thomas Langguth
Dramaturgie John von Düffel
Premiere war am 20. September 2017 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters
Es spielen:
Camill Jammal: Doremus Jessup, Journalist
Wiebke Mollenhauer: Sissy Jessup / Julian, ihr Verlobter
Felix Goeser: Buzz Windrip
Michael Goldberg: Lee Sarason
Benjamin Lillie: Oberst Haik
Matze Pröllochs: Live-Musik (Schlagzeug), Shad Ledue, der Gärtner

Termine: 24.09 / 07., 21., 28.10.2017

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 22.09.2017 auf Kultur-Extra.

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„Kolossal gleichgültig“ – Amerika nach Franz Kafka, in einer Inszenierung von Dušan David Pařízek auf der großen Bühne des DT

Foto (c) Arno Declair

Nach der etwas misslungenen Bühnenadaption der Amerikadystopie It Can’t Happen Here von Sinclair Lewis in der Regie von Christopher Rüping in den Kammerspielen des DT folgte nun im großen Haus des Deutschen Theaters eine nicht weniger verunglückte Theaterfassung des Romanfragments Der Verschollene von Franz Kafka. Unter dem Titel Amerika legte Dušan David Pařízek nach Ödon von Horvaths bisher unveröffentlicht gebliebenen Erstling Niemand in der letzten Spielzeit seine zweite Regiearbeit am DT vor. Intendant Ulrich Khuon setzte also zur Eröffnung der neuen Spielzeit unter dem Motto „Welche Zukunft“ wieder auf zwei jüngere Regietalente.

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Die Zukunft des jugendlichen Helden in Kafkas Amerikaroman sieht recht düster aus. Der amerikanische Traum vom Tellerwäscher zum Millionär läuft für den 15jährigen Neuankömmling Karl Roßmann eher im Rückwärtsgang. Nachdem er unbeabsichtigt das Dienstmädchen Johanna geschwängert hat, wird er von seinen Eltern nach Amerika „beseitegeschafft“, wie es Karls reicher Onkel Jakob in New York zu sagen pflegt, und steigt dort nicht die Erfolgsleiter hoch, sondern erfährt nach einer Odyssee der Quälereien und Erniedrigungen einen tiefen sozialen Abstieg. Eine Geschichte mit durchaus kapitalismuskritischem Ansatz, obwohl es Franz Kafka eher um die bei ihm typischen Motive von Suche nach Anerkennung, Vertreibung, Strafe und Einsamkeit gegangen sein dürfte.

Regisseur Pařízek beginnt den Abend mit seinem Hauptdarsteller auf einer hohen zum Schiffsbug geknickten Wand, auf der Marcel Kohler als Karl Passagen aus dem ersten Kapitel Der Heizer spricht. Schon das hat in seiner Abgehobenheit etwa Klaustrophobisches. Wir lernen Karl als engagierten Jungen kennen, der sich für den seiner Meinung nach zu Unrecht schlecht behandelten Heizer einsetzt, aber auch besserwisserische und nationalistische Attitüden besitzt. Durch seinen prinzipienfesten Onkel (Ulrich Matthes) wird er examiniert, ins Geschäft eingeführt und später dann unerwartet verstoßen. Der beginnende Abstieg deutet sich beim Besuch im Landhaus des Bankiers Pollunder (Edgar Eckert) an, wo sich Karl nun selbst durch dessen Tochter Clara (Regine Zimmermann) und deren Verlobten Mack (Frank Seppeler) unrecht behandelt fühlt.

 

Franz Kafkas Zeichnung Mann am Tisch von 1905

 

Das sind zum Teil schon recht seltsam steif gespielte Momente, vor Wänden mit dunklen Parkettmustern, die Pařízek wieder als Fläche für Videoprojektionen von Texten und Bildern benutzt. Als kleine Kafka-Reminiszenz versucht sich Karl auf eine Schatten-Projektion mit Tisch und Stuhl zu setzen und stellt so etwas linkisch die bekannte, frühe Kafka-Zeichnung Der Mann am Tisch nach. Eckert, Matthes, Seppeler und DT-Rückkehrerin Zimmermann spielen in wechselnden Rollen alle, Karl auf seinem Weg begegnenden Figuren wie die Landstreicher Robinson und Delarmarche, die Karl auszunutzen versuchen, und später in roter Lift-Boy-Livree die Angestellten im Hotel Occidental.

Es wird zur Figurenzeichnung mit verschiedenen Akzenten gesprochen, wohl auch um darzustellen, dass es sich hier ebenfalls fast ausschließlich um ehemalige Einwanderer aus Österreich, Irland, Frankreich oder Osteuropa handelt. Ansonsten spult die Inszenierung die Stationen recht bieder ohne große Handlungshöhepunkte ab. Bezeichnend sind nur die immer wiederkehrenden Verdächtigungen, Verhöre und Demütigungen Karls bis zur körperlichen Maßregelung nach seinem Vergehen als Lift-Junge. Die Inszenierung wirkt trotzdem merkwürdig ziellos. Wenige komische Szenen versuchen die zähe Handlung etwas zu lockern, wie etwa eine schaumreiche Badezuber-Szene bei der Sängerin Brunelda. Regine Zimmermann lässt bei allen ihren Frauenfiguren die Fassetten ihres darstellerischen Könnens aufblitzen. Sie gibt nacheinander die sportliche Verführerin, mütterliche Beschützerin und ordinäre Tyrannin. Und auch die männliche Darstellerriege will ihr da in nichts nachstehen.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Pařízek hat aus dem Roman eine fast durchgängige Dialogfassung erarbeitet. In nur wenigen epischen Passagen kommt Kafkas Darstellung der unpersönlichen, amerikanischen Alptraumwelt zum Ausdruck, in der Individuen wie Maschinen arbeiten. Auch die von Karl auf der Straße beschriebenen Massenszenen der Wahlkampfrede des Kandidaten erreichen keine nennenswert kafkaeske Wirkung. Kohler faselt hier irgendwann englische Trump-Zitate und wird dann weggerissen.

Es braucht bis zum Ende, wenn alle Wände gefallen sind und sich die Bühne öffnet, dass der Regisseur in einem großen Showfinale mit Musik, in dem das „Naturtheater von Oklahoma“ proklamiert wird, etwas zu Witz findet. Pařízek ironisiert hier die Kunstwelt selbst, in der jedem suggeriert wird, gebraucht und etwas werden zu können. Das Ensemble tritt hier in goldenen Kostümen mit Engelsflügel auf und Ulrich Matthes spielt den Ausrufer im Fummel. Er singt „Suicide Is Painless“ aus der US-Fernsehserie MASH, bekanntgeworden auch durch die Manic Street Preachers. Letztendlich ist auch das nur eine verlogene, jenseitige Scheinwelt und „kolossal gleichgültig“. Karl wird als Schauspieler gecastet und eingestellt. Oder auch wieder nur eingeseift. Das hat man schnell begriffen, was diesen gut 130 Minuten langen Abend aber auch nicht mehr wirklich groß macht.

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Amerika (27.09.2017, Deutsches Theater)
nach dem Roman Der Verschollene von Franz Kafka
in einer Fassung von Dušan David Pařízek
Regie und Bühne: Dušan David Pařízek
Kostüme: Kamila Polívková
Musik: Marcel Braun
Licht: Cornelia Groth
Dramaturgie: Birgit Lengers
Mit: Marcel Kohler, Ulrich Matthes, Regine Zimmermann, Frank Seppeler, Edgar Eckert
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause
Premiere war am 27.09.2017 im Deutschen Theater Berlin
Termine: 01., 07., 21., 26.10.2017

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 29.09.2017 auf Kultura-Extra.

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Das Theater Zentrifuge Studio 2 untersucht in dem szenisch-choreografischen Versuch KKAAFFKKAA oder …du hast mich dir anders vorgestellt… die inneren Gefühls- und Lebenswelten des Schriftstellers Franz Kafka

KKAAFFKKAA oder …du hast mich dir anders vorgestellt… vom Theater Zentrifuge Studio 2 im Theater unterm Dach – Foto (c) Charlotte Müller

Franz Kafka bewegt als faszinierender Autor, eigenwilliger Mensch und selbst auch als literarische Figur unentwegt gleichermaßen VertreterInnen der schreibenden Zunft, der bildenden Künste, des Theaters und des Films. Seine psychologisch verschachtelten Erzählungen und Romane geben noch heute der Leser- wie der Literaturwissenschaft Rätsel auf. Vieles davon lässt sich unmittelbar auch aus seiner Biografie ableiten. So ist auch der als szenisch-choreografischer Versuch über Franz K. untertitelte Theaterabend KKAAFFKKAA oder …du hast mich dir anders vorgestellt… vom Theater Zentrifuge Studio 2 im Theater unterm Dach als eine „Folge von poetischen, traumhaften und grotesken Bildern als Annäherung an Kafkas Lebensgefühl, seine Grundkonflikte und seine innere Welt“ angelegt.

Es ist eine musikalischer Reigen und szenischer Bilderbogen quer durch Motive schwieriger Liebes- und Familienbeziehungen, die Kafkas recht kurzes Leben durchziehen und aus etlichen Biografien, Briefen und Tagebuchaufzeichnungen des Schriftstellers bekannt sind, aber auch immer noch viel Raum für Interpretationen lassen. Schon im Titel, der aus einem der zahlreichen Briefe Kafkas an Milena Jesenská stammt, spiegelt sich diese ganz verschiedene Sicht auf Kafkas Leben, das durch eine große Unsicherheit, viele Selbstzweifel und eine innere Zerrissenheit Kafkas geprägt ist.

Die Inszenierung der Regisseurin Katarzyna Makowska-Schumacher trägt dem mit gleich drei Kafka-DarstellerInnen (Kenneth Philip George, Josephine Nahrstedt und Orlando Schiavone) Rechnung. Gleich zu Beginn laufen Kenneth Philip George und Orlando Schiavone in einem kafkaesken Hase-und-Igel-Spiel zur Klavierbegleitung von Bardo Henning vor sich selbst davon. Überhaupt steht das musikalische und tänzerische Element des Abends im Vordergrund. Die anderen DarstellerInnen verkörpern in einem unentwegten Reigen Figuren aus Kafkas Leben wie die Mutter, den dominanten Vater und Kafkas gescheiterte Liebschaften Felice Bauer und Milena Jesenská.

 

KKAAFFKKAA oder …du hast mich dir anders vorgestellt… vom Theater Zentrifuge Studio 2 im Theater unterm Dach
Foto (c) Charlotte Müller

 

Sich selbst bezeichnete Kafka als glaubenslosen Westjuden, wie er in einem anfänglichen Verhör aus dem Off auf Fragen zu seiner Person antwortet. Zum Beruf gibt er nach „Versicherungsangestellter“ zögerlich auch „Schriftsteller“ an. Die allgemeine Anklage lautet auf: „hemmungsloser Selbstgenuss des Schreibens, Absonderung von der Menschheit“. Das nächtliche Schreiben war für Kafka eine Art Befreiungsakt aus den bürgerlichen Zwängen des Alltags. „Jeder Mensch trägt ein Zimmer in sich.“ schreibt Kafka in einem Fragment aus dem Jahr 1917. Aber immer wieder empfindet Kafka auch Scham über seine innere „Rumpelkammer“ (Prügler-Kapitel in Der Prozess). Kafka dürfte, geprägt u.a. durch die Über-Vaterfigur, zeitlebens schwer traumatisiert gewesen sein. Des Vaters „Ich zerreiße ihn wie einen Fisch“ ist an diesem Abend mehrfach vom Vater-Darsteller Karl Jordan zu hören, dem ein beschwichtigendes „Hermann, bitte“ der Mutter (Martha Freier) folgt. Kafka arbeitete sich mit seinem bekannten Brief an den Vater daran ab.

Der Abend bildet in Kafka-Zitaten, kleinen Varieté- und Clowns-Nummern oder Traumsequenzen (beispielsweise einer Hochzeit mit Klezmer-Musik) ein lebendiges Psychogramm des Schriftstellers. Wie in sprechenden Bilderrahmen und Schattenrissen hinter Papierwänden werden die prägenden Figuren seines Lebens ausgestellt. In seinen Tagebüchern berichtete Kafka von den Einflüssen dieser Personen und seiner Erziehung, die ihm geschadet habe. Man sieht immer wiederkehrende Motive und Symbole aus Kafkas Texten wie den Apfel, den die Milena-Figur (Sophia Berndt) bei sich trägt. Felice (Hannah Prasse) hält ein Leporello aus Briefen oder die Eltern Tarot-Karten in den Händen.

Die Inszenierung widmet sich recht naiv, zirzensisch leicht und ohne bestimmte Deutung der Biografie Kafkas, vermittelt allerdings dabei auch kaum Neues. Vieles im Leben Kafkas bleibt weiterhin offen und bietet Raum für Spekulationen, was letztendlich auch den Reiz an seiner Figur ausmacht.

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KKAAFFKKAA oder …du hast mich dir anders vorgestellt…
Szenisch-choreografischer Versuch über Franz K.
Vom Theater Zentrifuge Studio 2
Regie/Dramaturgie: Katarzyna Makowska-Schumacher
Choreografie: Max Makowski
Bühne: Andre Putzmann
Musik live: Bardo Henning
Musik: golden ratio
Licht: Juri Rendler
Projektionen: Rico Mahel
Off-Stimme: Elias Arens
Es spielen:
Kenneth Philip George: K1
Josephine Nahrstedt: K2
Orlando Schiavone: K3
Martha Freier: Kafkas Mutter Julia
Karl Jordan: Kafkas Vater Hermann
Sophia Berndt: Milena
Hannah Prasse: Felice/ Mädchen
Berlin-Premiere war am 3. Februar 2017 im Theater unterm Dach Berlin

Infos: http://www.theateruntermdach-berlin.de/spielplan.html

Zuerst erschienen am 04.09.2017 auf Kultura-Extra.

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