Untot und aus der Welt gefallen – Anne Habermehls „Outland“ in den Sophiensaelen und Ersan Mondtags „Letzte Station“ im Berliner Ensemble

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Outland – Anne Habermehl inszeniert in den Sophiensaelen ihr neues Stück über Menschen, die aus verschieden Gründen aus der Welt gefallen sind.

Outland in den Sohiensaelen Berlin
Foto (c) Bettina Werner

Die Stücke der 1981 in Heilbronn geborene Dramatikerin Anne Habermehl sind bisher in Hamburg, München, Wien, Chemnitz oder Tübingen aufgeführt worden. Gern übernimmt sie dabei auch die Inszenierung selbst. So etwa bei Luft aus Stein am Schauspielhaus Wien oder Narbengelände am Thüringischen Landestheater Gera/Altenburg. Mit Letzterem, einem Generationenstück, das Lebensgeschichten im Vor- und Nachwende-Thüringen thematisiert, war sie 2011 zu den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin eingeladen. Und auch in ihrem neuen Stück Outland, das Habermehl an den Berliner Sophiensaelen wieder selbst zur Uraufführung brachte, geht es um drei Generationen von Menschen, die ihren Platz in der Gesellschaft verloren haben. Anhand von vier Episoden werden Menschen verschiedenen Alters vorgestellt, die aus Gründen körperlicher oder innerer Versehrung aus dieser Welt gefallen sind. Gesellschaftliche Verwerfungen haben auch hier Narben in den Seelen und Gemütern der ProtagonistInnen hinterlassen, was Habermehl in ihrer typischen, auch als „schmerzvoll-poetisch“ bezeichneten Sprache beschreibt.

Zunächst ertönt allerdings ein vierstimmiges Gewirr aus beängstigenden Zustandsbeschreibungen und zynischen Selbstoptimierungsphrasen, die mehr oder weniger Ausdruck allgemeiner Hilflosigkeit sind, wie etwa: „Ich funktioniere. Das Leben ist kein Zuckerschlecken. Ich kann mit Enttäuschungen umgehen. Ich frage immer nach dem Sinn. Ich bin im freien Fall. Ich bin ein Vogel, der mit ausgebreiteten Flügeln gegen die Scheibe knallt. Ich suche nach dem Wir, Ich finde nur das Ich.“ Ob nun tatsächlich noch „in Balance“, oder schon „komplett im Arsch“, die Figuren leiden ganz offensichtlich unter einer rasenden Angst vor Kontrollverlust und Einsamkeit.

 

Outland in den Sohiensaelen Berlin – Foto (c) Detlev Schneider

 

Das kennzeichnet vor allem auch die Beziehungen untereinander. Eine junge Frau, die wieder mal ihren Job verloren hat, sucht Verständnis für ihre offensichtlich psychischen Probleme bei ihrem Chef, der in ihr aber nur einen seltsamen Menschen sieht und sich nicht für ihre Existenzprobleme zuständig fühlt. Auch von ihrer Mutter bekommt die junge Frau nur Vorwürfe zu hören. Man vermag nicht miteinander zu reden. Ähnlich ist es mit der zunächst großen Liebe eines Mädchens zu ihrem Freund. Gemeinsam fühlt man sich stark die Welt zu verändern, geht auf Konzerte, kifft und hört Joy Division. Als der Junge dann allerdings beginnt an einer schizophrenen Psychose zu leiden und Stimmen im Kopf ihn zu einen Selbstmordversuch treiben, kann das Mädchen mit dieser Situation nicht umgehen und verlässt den im Krankenhaus unter Psychopharmaka stehenden Freund.

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Anne Habermehl versucht in ihrer Inszenierung den Text vor allem in Bewegung zu übersetzen. Distanz und Nähe lassen sich im großen Saal auch besonders gut darstellen. Anne Haug und Ingo Tomi gehen als Liebespaar in den Clinch, erst klammert sie, dann geht sie wieder auf Abstand. Dazu kriecht irgendwann Sabine Waibel unter den weiten Strickpullover des schizophrenen Jungen. Dazu spielt Musiker Philipp Weber einen minimalistischen Keyboardsound, der sich zunehmend verstärkt, wenn das Ensemble Plastiksäcke mit Federn auf der Bühne entleert, darin tollt und viel im Kreis rennt.

 

Outland in den Sohiensaelen Berlin – Foto (c) Detlev Schneider

 

Den Geschichten verleiht das durchaus eine zusätzliche Intensität. Wie in einem weiten Feld aus Schnee steht einsam Sabine Waibel als Ärztin, die in einer Ethikkommission mitentscheiden soll, wann ein Leben zu Ende ist, aber gerade mit ihrem eigenen nicht klar kommt. Der Sohn ist weg, die Polizei kann keine Hinweise und nichts wirklich Seltsames auf seinem PC finden. Derweil demonstrieren radikale Christen vor ihrer Wohnung, in der sich die Mutter einen Joint des Sohns reinzieht und Visionen bekommt. Zunehmend ratlos googelt sie nach Problemlösungen, geht zu einem Priester, obwohl sie nicht gläubig ist, oder befragt die Lehrer ihres Sohnes. Irgendwann ist der Filius wieder da, war nur kurz im Wald und sagt seiner Mutter, dass nicht immer alles nur mit ihr zu tun hat.

Sabine Waibel spielt diese Hilflosigkeit einer Mutter glänzend. Die Suche nach dem Sohn wird zur Suche nach Erlösung. Die Fragen nach Liebe, Spiritualität, Lebensethik drehen sich beständig im Kreis, begleitet von einem mehrstimmigen Sound aus Stimmen, den die anderen Spieler wie ein atmosphärisches Summen besteuern. Den Kreis der Genrationen und seelisch wie geistig Versehrten schließt Manfred Andrae als ins Altersheim abgeschobener Großvater, der bisher im Rollstuhl saß und nun von den anderen in einen Anzug gekleidet und von der Seite souffliert einen Monolog aus Erinnerungen an sein Leben und seine Tochter hält. Ein langsam verlöschender Geist gefangen im verfallenden Körper, der nochmal die Fragen nach Schuld und Verantwortung stellt, während die anderen die Bühne säubern. Andrae spricht einerseits von einem Land, das weder Fragen stellt, noch Antworten will und anderseits sich von 14-16 Uhr im Flüchtlingsheim von seinem Gewissen und Geschichtskoma befreit. Das Hohelied der Liebe klingt hier wie Hoffnung und Abgesang zugleich.

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Outland (Sophiensaele, 02.12.2017)
Text und Regie: Anne Habermehl
Bühne: Christoph Rufer
Musik: Philipp Weber
Kostüme: Bettina Werner
Dramaturgie: Juliane Hendes
Licht, Technik: Joscha Eckert
Mit: Manfred Andrae, Anne Haug, Ingo Tomi, Sabine Waibel
Die Uraufführung war am 02.12.2017 in den Sophiensaelen
Termine: 03., 04., 05., 06.12.2017

Infos: http://www.sophiensaele.com/

Zuerst erschinen am 04.12.2017 auf Kultura-Extra.

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Lahmes Zombietheater – Ersan Mondtag scheitert am Berliner Ensemble mit seiner düsteren Sterbeelegie Die letzte Station

Die letzte Station am Berliner Ensemble – Foto (c) Armin Smailovic

Zur Situation alter Menschen in unserer Gesellschaft gibt es recht wenig Stoffe für das Theater. Die wenigen, die sich mit den Problemen des Alterns und dem Sterben befassen, betrachten das meist aus dem Blickwinkel der jüngeren Generation, die am Totenbett eines Elternteils oder nach dem Tod beim Ausräumen der elterlichen Wohnung über verpasste Chancen der Verständigung und das eigene Leben reflektieren. Über den Prozess des Wegsperrens der Alten und ihr unwürdiges Dahinsiechen in Pflegeheimen hat die junge Schweizer Dramatikerin Katja Brunner mit geister sind auch nur menschen einen sehr starken Theatertext geschrieben, den die Regisseurin Claudia Bauer (mit 89/90 auf dem letzten THEATERTREFFEN) auf der kleinen Bühne des Schauspiels Leipzig in eindrucksvolle und bildstarke Choreografien übersetzte. Für das Berliner Ensemble unter dem neuen Intendanten Oliver Reese versucht Regie-Jungstar Ersan Mondtag nun Ähnliches. Die letzte Station heißt diese neue Bühnenarbeit, für die Mondtag und Ensemble in drei Berliner Alteneinrichtungen recherchiert haben.

Das ist leider gründlich in die Inkontinenzhose gegangen. Der gute Wille – bei Ersan Mondtag auch immer mit einem großen Willen zur Form gepaart – ist erkennbar, allerdings kommt der Abend nicht über eine in sämtliche Klischeefallen stolpernde Ärgerlichkeit hinaus. Zunächst aber herrscht Stille über einem Bühnensetting mit Tannenwäldchen, Ziehbrunnen und Holzhausskelet, vor dem Neu-BE-Schauspielerin Judith Engel mit Grauhaarperücke und beigefarbenem Kostüm sitzt und andächtig wartet. Worauf wird erst nach ein paar Minuten klar, wenn Constanze Becker in Nachthemd und Pantoffeln mit einem Koffer in der Hand somnambul in Richtung Wäldchen schlurft. „Gehen Sie ruhig weiter.“ wird ihr Judith Engel im Lauf des Abends immer wieder bedeutungsvoll zuraunen. Scheinbar ist sie aber noch nicht bereit, den letzten Schritt in Richtung Jenseits zu tun, von dem man wie in einem dichten Wald nicht weiß, was einen dort erwartet. Dagegen kommen nun weitere Figuren aus dem Wäldchen heraus, sich sanft wiegend und die alte, sichtlich verwirrte Frau in die Mitte nehmend. Sie gehören neben dem kleinwüchsigen BE-Schauspieler Peter Luppa hauptsächlich zur Tanzgruppe Dance On (also: Tanz weiter), das aus TänzerInnen deutlich jenseits der 40 besteht.

 

Die letzte Station am Berliner Ensemble
Foto (c) Armin Smailovic

 

Das hat zunächst durchaus auch etwas Unheimliches, für das die Gruselmärchen der Brüder Grimm Pate gestanden haben mögen. Ein leicht dementes Krippenspiel unter Heiminsassen wird hier gegeben, das sich nach und nach von „Stille Nacht“ zu einem Altersalbtraum in Moll verwandelt. Der etwas zähe Abend schwankt dabei zwischen senilem Dahindämmern, schwindenden Erinnerungssplittern der Frau an den Mann Karl (Laurence Rupp), ihre Kinder und das Sterben der Mutter sowie einer akuten Altersdepression, die sich hier in ein paar aggressiven Schüben seitens Constanze Beckers Figur Hanna äußert. Das Warten auf das Ende wird immer wieder durch kleine Zwiegespräche der beiden Frauen unterbrochen. Der ansonsten recht sparsame Text schwingt sich dabei sogar zu einigen philosophischen Betrachtungen auf. „Sie haben ihr Leben bekommen, sie mussten es leben, jetzt geben sie es wieder hin. Sie wurden in die Windel geboren, sie gehen in die Windel zurück.“ Dabei erweist sich angesichts der voranschreitenden Demenz letztendlich sogar der Jean-Paul-Aphorismus von der Erinnerung, als einzigem Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann, als schnöde Lüge.

Die vor sich hin dämmernde Inszenierung macht einem das Verstreichen von Lebenszeit bleiern spürbar. Wären da nicht die auflockernden Tanzeinlagen der Dance-On-Mitglieder, die wie untote Geisterwesen oder Hirngespinste Hannas sich mal ironisch kabbeln, mal slapstickartiges Ringelreihen, Square Dance oder eine hinreißende Tremor-Performance vollführen, man müsste wohl allein schon aus Langeweile zu Grunde gehen. Die Frage nach dem Danach erschöpft sich dann allerdings nur in einer unversöhnlichen Hass-Suada Constanze Beckers über ein angeblich friedvolles Ende in Sterbehotels am Stadtrand und die Verlogenheit der Weihnachtsgeschichte. Ein abschließender großer Knall mit Supernova, schwarzem Loch und Zombiefluch. Der Abend möchte einem die Wut der Vergessenen ins Gesicht schreien und dabei noch möglichst kunstvoll aussehen. Leider scheitert Ersan Mondtag bei dem Versuch, das in anschaubares Theater zu verwandeln.

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Die letzte Station (BE, Kleines Haus, 14.12.2017)
von Ersan Mondtag
Regie: Ersan Mondtag
Bühne: Stefan Britze
Kostüme: Raphaela Rose
Musik: Diana Syrse
Licht: Ulrich Eh
Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin
Mit: Constanze Becker, Judith Engel, Peter Luppa, Laurence Rupp, Ty Boomershine, Brit Rodemund, Christopher Roman, Jone San Martin, Frédéric Tavernini
Die Uraufführung war am 14.12.2017 im Kleinen Haus des Berliner Ensembles
Dauer: 90 Minuten, keine Pause
Termine: 19., 20., 21., 28., 29., 31.12.2017 / 09., 10., 11., 18., 19., 20.01.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 17.12.2017 auf Kultura-Extra.

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