„Die Zofen“ von Jean Genet und „Gertrud“ von Einar Schleef – Das Deutsche Theater Berlin veranstaltet im Dezember einen Premierenmarathon (Teil 1)

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Die Zofen von Jean Genet – Samuel Finzi und Wolfram Koch führen in der Regie von Ivan Panteleev ein launiges Existentialisten-Tänzchen auf

Foto (c) Arno Declair

Die Zofen von Jean Genet mal so zu treffen, wie es der Meister des Abseitigen sich wohl gedacht hat, scheint schwer, die Kritik nie zufriedenzustellen. Meist retten sich die Inszenierungen ins Opulente, Divenhafte oder in den Klamauk. Wirklich existentiell abgründig wird es eigentlich nie. Das war schon bei der letzten großen Aufführung der Zofen durch Luc Bondy mit Caroline Peters (Claire), Sophie Rois (Solange) und Edith Clever als gnädiger Dame 2008 an der Berliner Volksbühne so. Ein bürgerliches Rührstück im hohen Tragödienton.

Weder besonders opulent noch divenhaft gibt sich nun die Inszenierung von Ivan Panteleev, der ganz nach Genets Vorgabe seine Zofen am Deutschen Theater mit drei Männern besetzt hat. Es sind dies Samuel Finzi als Claire, Wolfram Koch als Solange und Bernd Stempel als deren gnädige Frau. Alle drei Garanten für großes Schauspielertheater, was es letzten Endes wohl auch ist, traute man den Reaktionen des Publikums beim Schlussapplaus. Allein der Glaube scheint hier mehr dem Wunsch danach entsprungen.

Genets Tragödie in einem Akt (sein erstes auf einer Bühne aufgeführtes Theaterstück) sorgte bei der Uraufführung 1947 in Paris noch für heftige Proteste. Das wird man heute schwerlich wiederholen können. Panteleev versucht auch gar nicht erst zu provozieren, er lässt seine Protagonisten einfach das tun, was sie am besten können. Der Auftritt des Traumduos Koch/Finzi in Perücken, Unterleibchen, Röcken, Strumpfhosen und Stöckelschuhen erfolgt hier zunächst als Bühnendekorations-Slapstick, bei dem die beiden Zofen Wecker und Telefon auf die Bühne stellen und Blumensträuße in großen Vasen hin und her tragen. Das spielt sich vor einer langen, drehbaren Spiegelwand ab, die den Blick auf versteckte Türen zum Auf- und Abgehen im Rundhorizont sowie den Zuschauerraum ermöglicht.

 

Foto (c) Arno Declair

 

„Die Zofen sind Ungeheuer wie wir selber, wenn wir dieses oder jenes träumen.“ Diese Aussage Genets wird immer wieder gern bemüht. Der Spiegel ist Symbol dieses faszinierenden Spiels mit den Phantasien von Gut und Böse, Macht und Unterwerfung. Ein Spiel mit verschiedenen Identitäten, zu dem auch das der Verwandlung gehört. Auf der anderen Seite der Wand hängen die Kleider der gnädigen Frau, die sich eine der Zofen in einem sich stets von neuem wiederholendem Rollenspiel anzieht und so die Machverhältnisse im Hause spiegelt. Sie proben dabei nicht nur den Aufstand und Ausbruch aus dem verhassten Heim, sondern auch die Vergiftung ihrer Herrin, deren Mann sie mit einem verleumderischen Brief hinter Gitter gebracht haben, um sich ihn als Verbrecher vorzustellen. Düstere Schwärmereien, entsprungen aus Gerichtsblättchen, die die beiden zur Erbauung lesen.

Ein reines Spiel im Spiel, nichts wirklich Großes ist das. Und nachdem Koch und Finzi die Perücken abgenommen haben, beginnen sie damit sich in Demütigung und Unterwerfung zu üben. Es ist ein Spiel mit Nuancen, wobei zunächst niemand aus der Rolle fällt. Ein schnippischer Satz von Finzi hier, ein unbeholfener Bückling von Koch da. Ein eingespieltes Team, das mimt, dass es ein eingespieltes Team mimt usw… Panteleev schließt per Programmheft Genets Zofen mit Becketts Existentialisten-Clowns aus Warten auf Godot kurz. Auch da spielten Finzi und Koch ja bereits ein Paar, das nicht aus der vorgeschrieben Rolle raus kommt. Eine weitere Referenz gibt es noch mit der Drehwand aus Dimiter Gotscheffs Perser-Inszenierung. Zwei Wiederholungtäter also, die nicht anders können als sich wie Katz und Maus spielerisch zu bekriegen und an den Enden der Wand in Stellung gehen.

Die Spiegelwand, ein ideales Möbel also für Verdoppelungen und plötzliche Auf- und Abtritte, wie den von Bernd Stempel, der als gnädige Frau im pelzbesetzten Mantel daherstöckelt und den Traum der Zofen mittels reiner Anwesenheit sabotiert. Als charmante Knallcharge klaut Stempel den beiden verhinderten Damen-Imitatoren die Show. Der Plan geht nicht auf, der vergiftete Lindenblütentee erkaltet in der darreichenden Hand von Zoferich Finzi. Nachdem gnä‘ Frau Stempel wieder entschwebt ist, bleibt den beiden nichts weiter übrig, als das Spiel selbst bis zum bitteren Ende fortzusetzen samt Schrei- und Würgeszene inklusive Trinken des Tees. Ein Achselzucken Finzis am Ende genügt, um das als nimmer endende Farce zu entlarven. Ein läppischer Sklavenaufstand, der an der Angst vor der eigenen Courage verpufft. Ein bisschen so wie im wirklichen Leben. Mehr nicht.

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Die Zofen (DT, 03.12.2017)
Von Jean Genet
Aus dem Französischen von Simon Werle
Regie: Ivan Panteleev
Bühne / Kostüme: Johannes Schütz
Sound-Design: Martin Person
Licht: Robert Grauel
Dramaturgie: Claus Caesar
Mit: Samuel Finzi, Wolfram Koch, Bernd Stempel
Die Premiere war am 02.12.2017 am Deutschen Theater Berlin
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
Termine: 09., 16.12. / 03., 21.01., 30.01.2017

Infos: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 05.12.2017 auf Kultura-Extra.

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Gertrud – Jakob Fedler inszeniert in den Kammerspielen eine Bühnenfassung des großen Mutter-Romans von Einar Schleef

Foto (c) Arno Declair

Ich bins deine Mutter heißt ein Solotheaterabend, den Regisseur Jakob Fedler mit dem bekannten DT-Schauspieler Wolfram Koch 2015 für die Ruhrfestspiele Recklinghausen und das Schauspielhaus Bochum kreiert hat. Koch spricht darin Texte aus Erzählungen des eigenwilligen Schriftstellers und Dramatikers Einar Schleef und zitiert auch aus Briefen von dessen Mutter Gertrud. Nun haben die beiden ihre fruchtbare Zusammenarbeit am Deutschen Theater (wieder in Koproduktion mit dem Bochumer Schauspielhaus) fortgesetzt. Ihr neuer Abend könnte auch Ich bins deine Mutter II heißen, oder besser noch Ich bins deine Mutter hoch 3, hat doch Fedler den Text von Schleefs eintausendseitigem Mutterroman Gertrud gleich auf drei Stimmen verteilt. Neben Wolfram Koch stehen noch die Ex-BE-Schauspielerin Antonia Bill und Almut Zilcher vom DT-Ensemble auf der Kammerspielbühne, die Dorin Thomsen mit einer schrägen, kupferfarbenen Grabplatte mit Sargdeckel dekoriert hat.

Und auch die Kostüme gleichen dem aus dem ersten Schleef-Abend. Die drei stecken in bräunlichen Uniformjacken und -röcken und bilden einen kleinen Schleef-Chor. „Der Chor-Riß, die Chor-Sprengung, die Trennung von Chor und Einzelfigur ist die Tragödie des Einzelnen, dessen Tragödie sich demnach nur im Wechsel mit dem Chor abbilden läßt.“ schrieb Schleef 1997 in seinem großen Theateralmanach Droge Faust Parsifal. Sowas Ähnliches muss wohl auch Jakob Fedler vorgeschwebt haben, als er auf diese Dreierkonstellation gekommen ist. Für seinen Roman Gertrud hat Schleef noch selbst an einer Bühnenfassung gearbeitet, bevor er 2001 plötzlich an Herzversagen starb. Ein Jahr später kam der Roman dann mit dem Untertitel Ein Totenfest in der Fassung von und mit Edith Clever am Berliner Ensemble zur Uraufführung. Eine Andacht, bei der sich die ehemalige Schaubühnendiva sogar das Husten verbat. 2007 hat Armin Petras am Schauspiel Frankfurt gemeinsam mit seinem Dramaturgen Jens Groß eine weitere Adaption des Romans für vier Schauspielerinnen erstellt, die lebte und dann auch prompt zum THEATERTREFFEN nach Berlin eingeladen wurde.

 

Foto (c) Arno Declair

 

„Meine Kindheit fiel ins Kaiserreich, der Sportplatz in die Weimaraner, die Ehe auf Hitler unds Alter in die DDR. Wohin mein Kopp. Viermal Deutsches Reich, das 5. ist 2 Meter lang. Das 1 000-jährige Gottes erleb ich nimmer.“ ist wohl der Schlüsselsatz des Romans, der in den Kammerspielen auch mehrfach chorisch wiederholt wird. Ansonsten ist nicht mehr viel mit Chor. Spiel und Text teilen sich hier wieder in drei Gertrud-Individuen, die sich das Tragische im Leben der Schleef-Mutter mit viel Slapstick vom Hals halten und gelegentlich auch abrennen, wenn Antonia Bill die junge Sportlerin Gertrud darstellt. Almut Zilcher barmt die meiste Zeit und hat die klagenden Briefe an die nicht heimkommen wollenden Söhne Hans und Einar vorzutragen. Für die Komik ist Wolfram Koch zuständig, der von den Bauchbeschwerden und Kloanstrengungen Gertruds berichtet und sich dabei den Hintern im Kupfer der Grabschräge spiegelt, oder auch mal mit seinen Beinen kokettiert.

Gemeinsam geben sie einige Spielszenen wie den Besuch der Mutter bei ihrem ersten abtrünnigen Sohn im Westen. Ihrem Einar folgt Gertrud zu Theateraufführungen nach Berlin und beschwert sich über dessen Frauengeschichten. Irgendwann ist auch der weg, und die Mutter lebt allein in ihren Erinnerungen. Die junge Gertrud (meist von Antonia Bill gesprochen) nimmt nicht viel Raum ein in diesem recht wahllosen Zusammenschnitt des in einem kunstvollen Telegrammstil verfassten Gedankenstroms. Der Abend kreist doch meist um den Mann Willy, der früh erkrankte und starb. Die Witwe treiben aber immer noch Gelüste, die sie nur in einer kurzen Affäre mit einem Nachbarn im Provinzstädtchen Sangerhausen befriedigen kann. Das Städtchen in der Nähe des Kyffhäuser-Denkmals, einem Schleef‘schen Angelpunkt für die Verschränkung mit der deutschen Geschichte, wird nur kurz erwähnt. Für Schleef selbst war es von ganz zentraler Bedeutung. In seiner Berliner Wohnung hatte er sich beim Schreiben sogar einen Grundriss der Stadt auf dem Boden angelegt.

Fedlers Bühnenfassung erschöpft sich zumeist in privaten Anekdötchen, wirklich nahe kommt einem Schleefs Mutter dabei aber nicht. Und so zieht sich der Abend bis zu seinem plötzlichen Ende langsam dahin. Viel Neues ist hier nicht zu erfahren. Was den Regisseur angetrieben hat, dieses Mammut-Werk auf die Bühne zu wuchten, bleibt dem Publikum weitestgehend verborgen. Eigentlich schade.

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Gertrud
von Einar Schleef
nach dem gleichnamigen Roman
in einer Bühnenfassung von Jakob Fedler
Regie: Jakob Fedler
Ausstattung: Dorien Thomsen
Dramaturgie: Ulrich Beck
Mit: Antonia Bill, Wolfram Koch, Almut Zilcher
Die Premiere war am 15. Dezember 2017 in den Kammerspielen des DT
Eine Koproduktion mit dem Schauspielhaus Bochum
Termine: 21.12.2017 / 04., 23.01.2018

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 18.12.2017 auf Kultura-Extra.

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