Zweimal Hamlet einmal anders – Im Schauspiel Leipzig als als Prinzessin und im Berliner Ballhaus Ost kopfüber gebondaged

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Hamlet gebondaged – Dasniya Sommer und Florian Loycke führen im Ballhaus Ost frei nach Shakespeare das Kinbaku-Drama Hamlet und seine Geister auf, was allerdings nach einer Stunde technisch und dramaturgisch etwas in den Seilen hängt

(c) Das Helmi, Ballhaus Ost

Dasniya Sommer und Florian Loycke kennen sich über die Arbeit im Puppentheater Das Helmi, in dem Loycke eine Art Mastermind darstellt und Sommer für Choreografien zuständig ist. Gemeinsam haben sie sich mit der Geschichte der Shakespeare-Figuren Hamlet und Ophelia beschäftigt und daraus das Kinbaku-Drama Hamlet und seine Geister mit Bondage-Performance, Tanz und Puppen entwickelt. Premiere hatte die Arbeit im Sommer im Kamagol Theater Gijang, einem Stadtteil der südkoreanischen Stadt Busang. Anschließend war sie noch auf weiteren Festivals in Korea zu sehen und hatte nun im Ballhaus Ost ihre Berlin-Premiere. Kinbaku oder auch Shibari ist die japanische Kunst des Fesselns, im Westen eben auch als Bondage, einer Spielart des BDSM, bekannt. Dasniya Sommer gibt Kurse in Kinbaku. In ihren Performances verbindet sie auch Tanz mit Bondage-Kunst.

Die Beziehung des Dänenprinzen Hamlet zu seiner Geliebten Ophelia als sadomasochistischen Geschlechterkampf darzustellen, ist nicht so abwegig und sogar auf Stadttheaterbühnen nicht ganz unüblich. Die Frage ist nur, wer hier wen beherrscht. Im Shakespeare‘schen Normalfall ist Ophelia bedauernswerter Spielball der Männer und endet im Wahn als Wasserleiche, während Hamlet seinen eigenen Wahn todbringend ausleben darf und weiter Intrigen spinnt, bis er selbst einer Intrige zum Opfer fällt. Die Geschichte ist bekannt und viel gespielt: „Hamlet ist der Held, der sich in der eigenen Geschichte immer mehr verstrickt und schließlich, wenn er stürzt, die halbe Welt mitreißt – am Ende sind alle tot und es kommt Fortinbras.“ So verkürzt sieht diese Performance den Kampf Hamlets gegen die Mörder seines Vaters, der ihm als Geist erschienen aufträgt, seinen Tod zu rächen.

 

Hamlet und seine Geister im Ballhaus Ost
Foto (c) Sophie Östrovski

 

Im Wege sind ihm dabei nicht nur irgendwelche Geister, sondern vor allem sein eigener Geist, den zu befreien er nicht im Stande ist. Symptomatisch dafür steht sein berühmter Monolog „Sein oder Nichtsein“, in dem der Zweifler zwischen „Des wütenden Geschicks erdulden oder / Sich waffnend gegen eine See von Plagen“ schwankt. Wenn aber nun die Pein selbst zur Lust wird, dann können irdische Verstrickungen, oder besser die des Körpers Hülle, auch zur willkommenen Fessel werden. Dasniya Sommer und Florian Loycke spielen dieses Arrangement ganz anschaulich in ihrer Performance durch, wobei auch die Geschlechter- und Abhängigkeitsrollen gewechselt werden. Es entspinnt sich so ein Spiel aus Tanz, Gesang und gegenseitiger Fesselung, wobei sich zu Beginn Florian Loycke in einer relativ ausgetüftelten Hängebondagepartie befindet, bei der er nackt wie ein Jesus zu Karfreitag in den Seilen hängt. Man könnte es auch passend zur Jahreszeit für eine besonders raffinierte Art des Schnürens eines passenden Weihnachtspakets halten.

Dass es hier aber auch um das Ausprobieren einer neuen Identität, um das Spiel mit Manipulation und verabredeten Ritualen geht, zeigt diese mit Masken, Schminke und Kostümen dem japanischen Kabuki oder Nō Theater nahe Performance zunächst recht eindrucksvoll. Das Einfangen des anderen ist immer auch die Fesselung des eigenen Geistes, dem sich der Gefesselte mit seinem Körper stellvertretend hingibt. Leider verheddert sich dieser mit der Lust am Schmerz arbeitende Abend zusehends in Details. Loyke projiziert mit einem Overheadprojektor Zeichnungen mit Hängebondage-Fantasien, ähnlich denen des Dada-Künstlers und Surrealisten Hans Bellmer, bekannt für seine rätselhaften Fotos von Bondage-Puppen, an die Wand. Das jeweils gefesselte Bunny wird in allerlei Posen fotografiert, oder auch mal der in Südkorea erfundene Gangnam Style des Rappers Psy getanzt.

An die Tragödie Shakespeares erinnern hier nur ein paar Zeilen aus besagtem Hamlet-Monolog, der stimmlich verfremdet aus dem Off ertönt. Recht psychologisch klingen die ebenfalls vom Band eingespielten Reflektionen über den Schmerz und das Verlassen der Komfortzone. An die Ordnung der Welt rüttelt da nicht sehr viel. Dasniya Sommer schnürt dazu die restlichen Puppendarsteller des Dramas zu einem Knäuel und entsorgt sie in der Kulisse. Dass es mit der Lust am Schmerz auch eine Last sein kann, zeigt sich bei der Bondage-Session mit der Meisterin, bei der Schüler Hamlet sichtlich den Faden verliert. Trotz Degeneinsatz zur finalen Fechtszene wird die Performance nicht nur technisch, sondern zunehmend auch dramaturgisch zur Hängeparty. „He laughed to free himself from his mind’s bondage.” heißt es im Shakespeare-Disput in James Joys’ Roman Ulysses. Ob nun Tragödie oder Komödie, schlussendlich haben wir uns für ein befreiendes Lachen entschieden.

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Hamlet und seine Geister (Ballhaus Ost, 19.12.2017)
Ein dramatisch getanztes Theaterstück mit Puppen und Menschen von und mit Dasniya Sommer und Florian Loycke
Künstlerische Mitarbeit: Chae Lee, Cora Frost
Eine Produktion von Das Helmi und Haus Sommer.
Mit freundlicher Unterstützung von Ballhaus Ost, Tom Stromberg und Tina Pfurr.
Termine: 24. und 25. März 2018

Infos: https://www.ballhausost.de

Zuerst erschienen am 20.12.2017 auf Kultura-Extra.

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„Ich bin nicht Hamlet.“ – Für die Diskothek am Schauspiel Leipzig inszeniert Lucia Bihler die Deutsche Erstaufführung des Stücks Prinzessin Hamlet, eine feministische Shakespeare-Überschreibung der finnischen Dramatikerin E. L. Karhu

Prinzessin Hamlet am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

Shakespeares Tragödie um den melancholischen Dänenprinzen Hamlet einen feministischen Anstrich geben zu wollen, ist nicht neu. An der Berliner Schaubühne inszenierte die britische Regisseurin Katie Mitchell das düster-tragische Stück Ophelias Zimmer mit Texten der Autorin Alice Birch aus der Sicht der von Männern manipulierten Hamlet-Geliebten. Nun hat in der Discothek am Schauspiel Leipzig die junge deutsche Regisseurin Lucia Bihler in deutscher Erstaufführung das von der finnischen Dramatikerin und Dramaturgin E. L. Karhu geschriebene Theaterstück Prinzessin Hamlet inszeniert. Das Stück ist allerdings nicht einfach nur Shakespeares Drama mit vertauschten Rollen. Karhu nutzt die Shakespeare’sche Vorlage lediglich als gedankliches Gerüst für eine Hinterfragung von Geschlechterrollen. Prinzessin Hamlet soll die Krone des Königreichs übernehmen, kann und will aber, wie es scheint, den an sie gestellten Ansprüchen nicht genügen. Sie zieht sich oft auf einen Felsen am Meer zurück, um dort allein ihren Selbstmordgedanken nachzuhängen.

Das wirkt ähnlich wie Mitchells Versuch von Anfang an etwas konstruiert und ist es textlich leider auch. Karhus Drama fokussiert auf ein spezielles Konstrukt. Prinzessin Hamlet ist das Bild einer Frau, die nicht ihr eigenes Leben leben kann, sondern einem bestimmten Bild von ihr entsprechen muss. Ähnlich dem von Prinzessin Diana, der Ex-Gattin des britischen Thronfolgers Prinz Charles, oder auch dem der US-amerikanischen Schauspielerin Marilyn Monroe, die als Vorbild für diese Inszenierung fungiert. Die fünf DarstellerInnen, drei Schauspielerinnen (Alina-Katharin Heipe, Anna Keil, Bettina Schmidt) und zwei Schauspieler (Tilo Krügel, Andreas Dyszewski) aus dem Leipziger Ensemble, stecken in farblich dem Bühnenhintergrund angepassten Abendroben und tragen für Marylin Monroe typische Lockenperücken. Beides kreiert durch den auch für Ersan Mondtag arbeitenden Bühnen- und Kostümbildner Josua Marx. Leider lenkt dieses Outfit nicht nur optisch vom allgemeinen Problem gesellschaftlich konstruierter Frauenbilder ab. Im Programmheft stützt man sich auf Judith Butlers Text Gender is Burning. Drag als „Ort einer bestimmten Ambivalenz“ ist aber letztendlich auch nur Ausdruck einer Imitation von Rollen in bestimmten Machtverhältnissen.

 

Prinzessin Hamlet am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Die Monroe ist vor allem ein Männertraum der 1950er Jahre und längst unauslöschlicher Bestandteil der Popkultur geworden. Ihre damalige Präsenz und ihr früher Tod haben einen immer währenden Mythos kreiert. Den nutzte auch Jürgen Kuttner in seinem am Deutschen Theater Berlin inszenierten Stück Feminista Baby!, dem Valery Solanas SCUM-Manifesto als Textvorlage diente. Auch E. L. Karhu bezieht sich in ihrem Stück auf den Unsterblichkeits-Mythos, wenn Prinzessin Hamlet zu ihrem 29. Geburtstag ein Fanal setzen und sich als brennende Fackel vom Felsen stürzen will. „Man erinnert sich an jene Prinzessinnen, die sich umbringen, die zeitig abtreten, spektakulär, mit großer Flamme. Die anderen, das sind Frauen, die nicht fähig waren zu leben, (…) Mir wird es nicht so ergehen.“

Gespielt wird das recht puppenhaft. Die Figuren werden in Pose gesetzt, sprechen wiederholt mit verstellten Stimmen ins Mikrofon. Es gibt keine bestimmte Rollenaufteilung. Jeder ist mal Prinzessin Hamlet oder ihre Kammerzofe Horatia. Zu Beginn verneinen alle nacheinander Hamlet zu sein und sind es dann doch. Ein dauerndes Spiel der Imitation, das schließlich auch im Stück seine Entsprechung findet, wenn Horatia auf Hamlets Wunsch deren Rolle am Hof einnimmt. Prinzessin Hamlet, durch Horatia verraten, wird von Königin Gertrud nach England an den Buckingham Palast geschickt, was sich als Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt mit Chorsingen entpuppt. Dort begegnet Prinzessin Hamlet auch Ofelio, der ebenso mehr in ein Bild von ihr verliebt ist. Das endet schließlich nicht mit dem Sprung vom Felsen, aber von der London Bridge. Der Chor singt dazu den Kinderreim „London Bridge is Falling Down“. Die Musik liefert Jam Rostron aka Planningtorock.

Vom ursprünglichen Drama Hamlet liegt nur noch der berühmte Totenschädel auf dem Schrank, in den hin und wieder Prinzessin Hamlet gesteckt wird. Aber das Volk will seine Thronerbin sehen und bekommt eine Kopie als Fake vorgesetzt. Ausdruck bekommt die Verzweiflung Hamlets nur durch die wiederholt vorgetragenen Zeilen: „Das Entsetzen schiebt ihr die Hand in die Kehle und ballt die Hand zur Faust.“ Ansonsten bleiben das poppige Tagesprogramm aus „Wahnsinn, Tod und Katastrophen“ genau wie die erwähnten Anklänge an Sarah Kane oder Heiner Müllers Hamletmaschine eher Behauptung. Das Konstruierte von Text und Inszenierung wird dieser Abend leider nie ganz los.

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Prinzessin Hamlet (Diskothek, 23.12.2017)
von E. L. Karhu
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Lucia Bihler
Bühne & Kostüme: Josa Marx
Musik: Planningtorock
Künstlerische Beratung: Sonja Laaser
Dramaturgie: Christin Ihle
Licht: Jörn Langkabel
Mit: Alina-Katharin Heipe, Anna Keil, Bettina Schmidt, Tilo Krügel, Andreas Dyszewski
Spieldauer: ca. 1:30, keine Pause
Die Premiere in der Diskothek am Schauspiel Leipzig war am 02.12.2017
nächste Termine: 20.02.2018

Infos: https://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst veröffentlicht am 27.12.2017 auf Kultura-Extra.

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