„Die Netzwelt“ und „Verbrechen und Strafe“ – Alexander Nerlich verabschiedet sich gewohnt düster vom Hans Otto Theater Potsdam

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Die Netzwelt – Alexander Nerlich inszeniert in der Reithalle des Hans Otto Theaters den philosophischen Cyber-Krimi von US-Autorin Jennifer Haley

Die Netzwelt am Hans Otto Theater
Foto (c) Göran Gnaudschun

Solides Well-made-Konversationsstück oder cooler Cyber-Krimi – was ist das von der US-amerikanischen Autorin Jennifer Haley geschriebene Drama Die Netzwelt eigentlich wirklich? Da es in dem 2013 im Kirk Douglas Theatre in Culver City (California) unter dem Titel The Nether uraufgeführten Theaterstück um einen in naher Zukunft spielenden Kriminalfall in der sogenannten Virtual Reality geht, ist es zunächst mal ein durchaus spannend geschriebener Science-Fiction-Thriller. Jennifer Haley verhandelt allerdings in den von ihr als „Technologie-Stücke“ bezeichneten Dramen vor allem auch moral-philosophische Fragen in Bezug auf die Nutzung von Internet-Medien und entsprechenden Technologien. Die Netzwelt ist ein Ort, an dem sich Menschen in programmierten Räumen anonym zu bestimmten Rollenspielen treffen. Der pädophile Sims, auch Papa genannt, hat hier für sich und seine Kunden ein sogenanntes „Refugium“ geschaffen, in dem sie sich mit als junge Mädchen gestalteten Avataren vergnügen können inklusive des Auslebens von Gewaltfantasien. Nach Aussage von Sims: „Die Möglichkeit eines Lebens jenseits aller Konsequenzen.“

In diesem scheinbar gesetzlosen Raum, der durch Zugangscodes gesichert ist, versucht die Cyber-Detektivin Morris den Betreiber Sims der Vergewaltigung, Sodomie und Anstiftung zu selbigen Verbrechen zu überführen. Sie hat dazu den verdeckten Ermittler Woodnut in das Refugium eingeschleust, dessen Berichte sie in verschieden Szenen als digitale Tonaufzeichnungen abspielt. Die Handlung des Stücks verläuft dabei nicht chronologisch und springt nicht nur in den Zeiten, sondern auch beständig zwischen realer und der sogenannten Netzwelt, in der sich mittlerweile auch Schulen und Universitäten befinden. Menschen, die sich für immer in die Netzwelt eingekauft haben und deren Körper nur noch an lebenserhaltenden Systemen hängen, werden „Schatten“ genannt.

Das klingt nach einem guten Plot für einen Science-Fiction-Film, schreibt Haley doch auch Drehbücher für amerikanische Fernsehserien. Aber wie ließe sich die digitale Welt auf der sehr realen Theaterbühne darstellen? Ein aktuelles Thema, dem sich zurzeit immer mehr TheatermacherInnen widmen. Und auch Die Netzwelt steht landesweit auf vielen Theaterspielplänen. Regisseur Alexander Nerlich war am Hans Otto Theater Potsdam allerdings bisher nicht für besonders netzaffine Inszenierungen bekannt. Ihn zeichnet eher ein bestimmter Hang zum Düsteren und Magischen aus. Aber auch das ist ja in dieser etwas bizarren Cyber-Crime-Story durchaus angelegt. Sicher nicht von ungefähr gleicht dann auch die von Zora Klostermann gespielte Detektivin Morris der stets schwarz-gekleideten Computerhackerin Lisbeth Salander aus den Verfilmungen der Millenniums-Trilogie von Stieg Larsson.

 

Die Netzwelt am Hans Otto Theater
Foto (c) Göran Gnaudschun

 

Ähnlich wie Salander besitzt auch Morris ein geheimnisvolles Vorleben, das sich erst im Laufe der Handlung nach und nach erschließt. Keiner ist hier das, was er vorgibt zu sein, auch nicht Doyle (Bernd Geiling), ein Stammgast des Refugiums, aus dem Morris mittels erpresserischen Methoden Informationen über Sims herauszuquetschen versucht. Die Inszenierung in der Potsdamer Reithalle beginnt aber in einem erhöht liegenden und steril weiß gefliesten Raum (Bühne: Wolfgang Menardi) mit einem Verhör, bei dem Morris den Standort des Refugium-Servers von Sims erfahren will. In 16 Szenen und Rückblenden erzählt das Stück nun die Geschichte von Sims, seiner Cyber-Lolita Iris (Juliane Götz, die für die erkrankte Marie Fischer einsprang), die immer mehr auch eigene Gefühle und Wünsche entwickelt, und Woodnut, der bei seinen Recherchen im Refugium schließlich dem Reiz des virtuellen Spiels mit dem neunjährigen Mädchen und seinen eigenen Obsessionen erliegt.

Inwieweit das etwas mit dem Missbrauch Minderjähriger durch Pädophilenringe, die Bilder und Videos von ihren Sexualstraftaten ins sogenannte Darknet stellen, zu tun hat, bleibt aber unklar. Die Pädophilie-Story angereichert mit ein paar Splatter-Fantasien dient hier nur der Verdeutlichung der Diskrepanz zwischen real-gesellschaftlichem Tabu und der Möglichkeit, perverse und strafrechtlich relevante Fantasien im virtuellen Raum auszuleben. Diese Ambivalenz des Plots ist einerseits seine Schwäche, anderseits zielt die Autorin damit auch mehr auf einen philosophische Diskurs über die zunehmende Verwischung des realen, ungeliebten körperlichen Ichs zugunsten einer sich nur in der virtuellen Welt erfüllbaren Fantasie-Identität. Sims ist vor seiner pädophilen Neigungen in das von ihm geschaffene Refugium geflüchtet, in dem ihm Leute wie der alte Lehrer Doyle, der die Fesseln der Körperlichkeit für immer abwerfen will, als Objekte seiner Fantasie einvernehmlich dienen, bis sie dessen fragwürdige Regeln verletzen und wieder aus dem Refugium verbannt werden.

Nerlich lässt das zumeist sehr real spielen. Es gibt keine Videos oder ähnliche Projektionen. Virtuell ist hier nichts. Die psychisch und körperlich brutalen Verhörszenen wechseln mit den im Rokokostil-Ambiente von holzvertäfelten und mit Waldlandschaften bemalten Wänden des Refugiums. Eine Art Alice im Wunderland-Spiel, bei dem es kein Altern oder gar den Tod gibt. Doch auch hier bricht die Realität ein und wirft Fragen über wahre Liebe, Verlangen, Gewalt, Abhängigkeit und Hörigkeit auf. Dem virtuellen Püppchen Alice stellt der Regisseur eine von den maskierten Schauspielern geführte Puppe zur Seite. Wer gerade nicht spielt, macht am Rand über ein Mikrofon Geräusche mit Zweigen, Papier oder dem Mund. Es ist eher ein Anti-Netzstück das Nerlich hier inszeniert. Die Vertreibung aus dem virtuellen Paradies und Aussetzung in der realen Welt endet in einer utopischen Traumsequenz.

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Die Netzwelt (Reithalle Potsdam, 24.11.2017)
Von Jennifer Haley
Deutsch von Michael Duszat
Regie: Alexander Nerlich
Bühne: Wolfgang Menardi
Kostüme: Anneke Goertz
Musik / Sounddesign: Malte Preuß
Dramaturgie: Christopher Hanf
Theaterpädagogik: Kerstin Kusch
Besetzung:
Sims/ Papa: Michael Schrodt
Morris: Zora Klostermann
Doyle: Bernd Geiling
Iris: Marie Fischer
Woodnut: Friedemann Eckert
Die Premiere in der Reithalle des Hans Otto Theater Potsdam war am 24. November 2017
Termine: 24.03.2018

Infos: http://www.hansottotheater.de/

Zuerst erschienen am 26.11.2017 auf Kultura-Extra.

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Verbrechen und Strafe – Alexander Nerlich inszeniert Fjodor Dostojewskis großen Schuld- und Sühne-Roman als düsteren Horroralbtraum

Verbrechen und Strafe am HOT Potsdam – Foto (c) HL Böhme

Ist es gerechtfertigt im Namen einer großen Idee zu morden? Diese moralisch gesehen eigentlich recht abwegige Frage bejaht nicht nur der hochintelligente aber verarmte Jurastudent Rodion Romanowitsch Raskolnikow aus dem großen Romanwerk Verbrechen und Strafe des russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski, auch Anhänger verschiedenster Ideologien erachteten in der Geschichte der Menschheit in ihren Augen unwertes Leben für nicht erhaltenswert. Und nicht erst durch die drohenden Gewalttaten von Terroristen gewinnt diese Frage heute wieder an Bedeutung.

War es für Thomas Mann „der größte Kriminalroman aller Zeiten“, obwohl der Täter ja von Anfang an feststand, interessierte sich Dostojewski mehr für die Psyche seines Romanhelden Raskolnikow. Außerdem spielten für den Autor auch eher religiöse und moralische Fragen eine Rolle, weshalb der Roman in früheren Übersetzungen wohl auch mit Schuld und Sühne betitelt wurde. Dostojewski beschreibt darin eine Wandlung, die er (wegen sozialrevolutionärer Umtriebe zunächst zum Tode verurteilt) selbst beim Abbüßen seiner Strafe in einem sibirischen Lager durch das Lesen des Neuen Testaments vollzogen hatte. Wie er kommt auch der Mörder Raskolnikow am Ende in ein Straflager. Ob sich dabei tatsächlich eine spirituelle oder humanistische Wandlung vollzieht, lässt die Inszenierung von Alexander Nerlich am Hans Otto Theater Potsdam ähnlich wie Dostojewski offen. Dennoch beschreibt sie von Anbeginn recht eindrücklich die innere Spannung und Zerrissenheit Raskolnikows bis zur Entscheidung sich dem Untersuchungsrichter Porfirij Petrowitsch zu stellen.

Den schuldigen Studenten verfolgen hier seine inneren Dämonen schon in einem minutenlangen Prolog, bei dem Eddi Irle als rastloser Raskolnikow beim Laufen über die Bühne zu treibenden Beats vom restlichen Ensemble in weißen Totenkopfmasken verfolgt und immer wieder angerempelt wird. Der in einer ärmlichen Kammer Hausende hat für die Miete seine letzte Habe bei der Pfandleiherin Aljona Iwanowna (Andrea Thelemann) versetzt und sinnt nun nach einem Gespräch in der Kneipe darauf, wie er einen Mord an dieser niederen, von ihm als Laus bezeichneten Person rechtfertigen könnte. Raskolnikow hatte zu diesem Gedankenspiel bereits den passenden Artikel in einer Zeitschrift veröffentlichen wollen. Nun schreitet der sich zu höherem Berufene mit der Axt zur Tat.

 

Verbrechen und Strafe am HOT Potsdam
Foto (c) HL Böhme

 

Auf der Drehbühne des Hans Otto Theaters sind die verschiedenen Handlungsorte durch schräge Wände, die einen sich vorn öffnenden Trichter bilden, an dessen Rückseiten die Stube Raskolnikows, die angeranzte Behausung der Familie Marmeladow, die der Pfandleiherin oder ein schmuddeliges Hotelzimmerzimmer angeordnet sind. Immer wieder sieht man Ikonenbilder, und bei der Wucherin steht so eine Madonna sogar leibhaftig in der Wohnung. Raskolnikow geht mit der Axt zu Werke, bis das Genick knackt, und erwürgt auch die aus der Waschmaschine gekrochene, im Geiste etwas schlichte Schwester (Nina Gummich). In einem fast slapstickartigen Tänzchen hindern ihn die beiden Untoten daran, das Schmuckversteck der Wucherin in der Schrankwand auszuräumen.

Regisseur Nerlich setzt wie schon in seinen Inszenierungen von Peer Gynt und Das goldene Vlies auf manch düstere Horroreffekte, das Spiel mit Puppen und lässt am Rande vom Ensemble Geräusche machen. Besonders gelungen ist ihm aber neben der dunklen Bühne von Zana Bosnjak auch die Figur des pädophilen Arkadij Iwanowitsch Swidrigajlow, den Moritz von Treuenfels als eine Art schwarzgewandeten Vampir gibt, der Raskolnikow immer wieder auflauert oder in einer Telefonzelle anruft. Dass von Treuenfels auch noch den Untersuchungsrichter spielt, funktioniert als schöner Verwirrungstrick, ist doch auch Porfirij Petrowitsch hinter dem Mörder her, nur eben kreist er sein Opfer geschickt auf Fehler wartend ein, triggert es unmerklich, bis er plötzlich unvermittelt neue Verhörmethoden aufzieht. Dazu findet Nerlich immer wieder sehr plastische Bilder. So zieht sich der Idealist Raskolnikow, der durch den Mord und die Begegnung mit den Marmeladows in der harten Realität aufgeschlagen ist, immer wieder wie eine Fledermaus in eine Kraterhöhle zurück.

Neben Eddi Irle verkörpern weitere sechs SchauspielerInnen in wechselnden Rollen Dostojewskis Romanpersonal. Michael Schrodt gibt u.a. den verzweifelten Trinker Marmeladow, Denia Nironen
dessen geplagte und dauerkeuchende Frau. Fast ein Gegenpaar bilden die beiden als schmieriger Geschäftsmann Luschin und Dunja, die zeitweilig mit ihm verlobte Schwester des Raskolnikow. Florian Schmidtke überzeugt als Raskolnikows rühriger Kumpel Rasumichin, der ein Auge auf Dunja geworfen hat und auch für ein paar komische Momente sorgt. Die vielleicht stärkste Bezugsperson beim Wandel des Raskolnikow ist aber Sonja, die Tochter der Marmeladows (wieder Nina Gummich). Sie prostituiert sich für die Ernährung der Familie und will den an nichts mehr Glaubenden zur Reue und Liebe zu Gott zurückführen. Dass Raskolnikow auch wegen der ständigen um ihn schwirrenden Stimmen schließlich das schlechte Gewissen kommt und er einsehen muss, dass er eben doch nicht der große Übermensch ist, den er in sich gesehen hat, lässt den Dauerschwitzenden in sich zusammenklappen. Aber selbst als die Hatz ein Ende hat und Irle im Lager in einem Doppelstockbett liegt, lassen ihn die Toten nicht ruhen.

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Verbrechen und Strafe (HOT Potsdam, 10.02.2018)
von Fjodor Dostojewski
Regie: Alexander Nerlich
Bühne/ Kostüme: Zana Bosnjak
Musik: Malte Preuß
Choreografie: Jasmin Hauck, Cecilia Wretemark
Dramaturgie: Julia Fahle
Theaterpädagogik: Manuela Gerlach
Besetzung:
Rodion Romanowitsch Raskolnikow / Chor: Eddie Irle
Dmitrij Prokofjitsch Rasumichin / Ilja Petrowitsch / Mikolka / Chor: Florian Schmidtke
Sofja (Sonja) Semjonowna Marmeladowa / Lisaweta Iwanowna / Nastassja Petrowna / Chor: Nina Gummich
Semjon Sacharitsch Marmeladow / Pjotr Petrowitsch Luschin / Chor: Michael Schrodt
Arkadij Iwanowitsch Swidrigajlow / Porfirij Petrowitsch / Chor: Moritz von Treuenfels
Pulcherija Alexandrowna Raskolnikowa / Aljona Iwanowna / Amalija Fjodorowna Lippewechsel / Chor: Andrea Thelemann
Awdotja (Dunja) Romanowna Raskolnikowa / Katerina Iwanowna Marmeladowa / Chor: Denia Nironen
Die Premiere war am 2. Februar 2018 im Hans Otto Theater Potsdam
Termine: 28.02. / 09., 25.03.2018

Infos: http://www.hansottotheater.de/

Zuerst erschienen am 12.02.2018 auf Kultura-Extra.

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