Das Maxim Gorki Theater stellt sich der Frage: „Alternative für Deutschland?“ und das Deutsche Theater Berlin verhandelt in „Rom“ die Demokratieverdrossenheit des Volkes

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Mut zur Wahrheit!? – Der kroatische Skandalregisseur Oliver Frljić lässt in seiner Performance Gorki – Alternative für Deutschland? über die repräsentative Schwäche des Theaters und der Demokratie im frühen 21. Jahrhundert referieren

GOЯKI – ALTERNATIVE FÜR DEUTSCHLAND? von Oliver Frljić
Foto (c) Esra Rotthoff

Seit die Alternative für Deutschland in mehreren Landesparlamenten und seit September letzten Jahres auch im Bundestag sitzt, besteht das Problem des Umgangs mit der rechtspopulistischen Partei in politischen Debatten und Gesprächsrunden. „Mit Rechten reden“ ist zurzeit als heiß umstrittenes Thema in aller Linken und Liberalen Munde. Die Feuilletons überschlagen sich gerade in der richtigen Einordnung der Reaktionen auf AfD-nahe Äußerungen, die der Dresdner Schriftsteller und Autor des preisgekrönten Wenderomans Der Turm, Uwe Tellkamp, bei einer Podiumsdiskussion in Dresden mit dem Lyriker Durs Grünbein getätigt hatte. Tellkamp sprach unter anderem von „Gesinnungsdiktatur“, „Verrat“ und „Mainstream-Presse“. All das bevorzugtes Vokabular der neuen Rechten im Kampf gegen sogenannte „Political Correctness“ und die deutsche „Willkommenskultur“. Einfach ignorieren, als Prozess freier Meinungsäußerung werten oder entschieden widersprechen – zwischen diesen Möglichkeiten der Reaktion ist das liberale Lager gerade mehr als zerstritten.

Der kroatische Skandalregisseur Oliver Frljić hat dieses Dilemma zum Anlass genommen, über die repräsentative Schwäche des Theaters und der Demokratie im frühen 21. Jahrhundert nachzudenken. In seinem Stück Gorki – Alternative für Deutschland?, das gestern im Maxim Gorki Theater Premiere hatte, lässt Frljić ein paritätisches Ensemble aus drei Schauspielerinnen und drei Schauspielern in Splittern und Zitaten aus Werken und Reden von historischen und heutigen Personen aus Kunst, Kultur und Politik über das Problem referieren. Der Clou dessen ist, dass diese Zitate so zusammengeschnitten sind, dass man sie im Einzelnen nicht mehr auseinanderhalten kann.

Vermengt ist das Ganze mit den für das Gorki typischen persönlichen Lebensbeichten der DarstellerInnen, was hier auch gleich zu Beginn des Abends thematisiert wird. Nachdem Mehmet Ateşçi, Mareike Beykirch, Svenja Liesau, Nika Mišković, Falilou Seck und Till Wonka türenknallend vor den Eisernen Vorhang zur Rampe getreten sind, präsentieren sie ein minutenlanges Zitatengemenge aus kritischen bis populistisch verleumderischen Aussagen über das Gorki-Ensemble und seine künstlerische Ausrichtung. Da kommen so Sachen wie, dass bei Bewerbungen Menschen „mit Migrationshintergrund“ nicht nur erwünscht, sondern sogar bevorzugt eingestellt würden. Deren Befähigung also keine Rolle mehr spiele. Ein Theater ausschließlich für Minderheiten, in dem die deutsche Bevölkerung sich nicht mehr wiederfindet. Eine umgekehrte Art der Diskriminierung?

Falilou Seck möchte nicht mehr über seine Herkunft wahrgenommen werden und der Quoten-„Neger“ sein. Till Wonka nicht mehr Quoten-Ossi und biodeutsches Feigenblatt. Gastdarstellerin Nika Mišković beschimpft Ensemble und Publikum als eklig und nazisstisch. Als drei aus dem Ensemble auch noch vorgeben, in die AfD eingetreten zu sein und die Beiträge vom Gorki bezahlt würden (eine Replik auf Forderungen der AfD, dem Theater die Subventionen zu kürzen), kulminiert das Ganze in einem wilden Streit mit gegenseitigen Anschuldigungen. Das soll natürlich in erster Linie die schon bestehende Verunsicherung im Publikum – falls es da überhaupt eine gibt – noch vertiefen. Dazu hat man in Gorki-Lettern den Slogan „Mut zur Wahrheit“ an den Eisernen Vorhang projiziert. Also hören wir hier nun die Wahrheit oder alternative Fakten? Wo kein Faktencheck, da steigt bekanntlich gerne mal das Erregungspotential in ungeahnte Höhen. Siehe Tellkamps Behauptung von 95 Prozent Flüchtlingen, die einzig nach Deutschland kämen, um in die Sozialsysteme einzuwandern. Will Frljić uns das vor Augen führen? Unsere Anfälligkeit für rechte Parolen? Oder ist es eher eine konfrontative Warnung vor der eigenen Selbstgewissheit, dagegen immun zu sein?

Dagegen stellt sich nun das Gorki-Ensemble mit Fragezeichen mal eben als Alternative für Deutschland selbst zur Diskussion. Was folgt, ist der Blick auf eine Pappnachbildung der Gorki-Fassade mit anschließender Demontage des Theaters und seiner deutschen Geschichte in Bild und Ton. Was übrig bleibt, sind diffuse persönliche Ängste über die eigene Zukunft und Deutschland, die die Ensemblemitglieder in kleinen Kammern des Kulissengerüstes äußern. Ziemlich düster gestalten sich natürlich diese Ahnungen. Ein allgemeines Raunen, dem man sich durchaus anschließen könnte, wäre da nicht das dumpfe Gefühl, vielleicht doch auf der falschen Seite des Diskurses zu stehen.

Der Abend gefällt sich aber zunehmend in der Präsentation rechten Gedankenguts im gewohnten Stil der plakativ verpackten Bloßstellung und ironischen Selbstbespiegelung oder arbeitet mit besonders fiesen Showeffekten. So wird zum Beispiel ein Monologwettbewerb zwischen den beiden deutschen Schauspielerinnen Mareike Beykirch und Swenja Liesau um den tränenrührigsten Seelenstriptease ausgetragen. Als schmieriger Spielleiter erklärt Mehmet Ateşçi das Publikum zum Entscheider per Applausometer, wer von den beiden das Ensemble verlassen muss. Beykirch spielt die Ossikarte und will nicht in die Unterschicht zurück. Liesau berichtet von einer Vergewaltigung durch ihren syrischen Exfreund und präsentiert das aus dieser Tat entstandene Kind (Alexander Sol Sweid).Trash, Parodie und gezielte Provokation sind die bekannten Mittel von Oliver Frljić‘ Theater. Der Regisseur verfolgt hier laut eigener Aussage auf Deutschlandfunk Kultur das „Konzept der subversiven Affirmation“, wie es in den 1970er- und 80er-Jahren in der Sowjetunion oder in Jugoslawien von regimekritischen Künstlern praktiziert wurde. So arbeitet u.a. auch die slowenische Rock-Band Laibach.

Falilou Seck spricht an einem Rednerpult von der konservativen Revolution und der Ausnutzung der parlamentarischen Demokratie zum Ziele ihrer Abschaffung. Hier sind Aussagen des AfD-Politikers Marc Jongen und des nationalsozialistischen Propagandaspezialisten Joseph Goebbels miteinander verknüpft. Das macht durchaus Sinn. Wer die Wiederherstellung der Marktwirtschaft und die Kritik an Lobbyismus und Bankenkrise mit der nationalen Identität der Deutschen verbindet, geht mit gleichen Mitteln auf Stimmenfang wie die Nazis in der Weimarer Republik. Diese politischen Aha-Momente sind allerdings recht selten. Es überwiegt die platte Provokation. Zuvor schon hatte Gorki-Kolumnistin Mely Kiyak gegen Linke wie Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine ausgeteilt. Und natürlich darf die durchaus gerechtfertigte Stellung der sozialen Frage die Verantwortung des Westens für das Geschehen in der Welt nicht in den Hintergrund rücken lassen. Zu diesem entscheidenden Punkt vermag Frljić lauthals schreiende Inszenierung aber gar nicht mehr vorzudringen.

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GOЯKI – ALTERNATIVE FÜR DEUTSCHLAND?
ÜBER DIE REPRÄSENTATIVE SCHWÄCHE DES THEATERS UND DER DEMOKRATIE IM FRÜHEN 21. JAHRHUNDERT (Maxim Gorki Theater, 15.03.2018)
Von Oliver Frljić
Regie: Oliver Frljić
Bühne: Igor Pauška
Kostüme: Sandra Dekanić
Dramaturgie: Aljoscha Begrich
Licht: Jens Krüger
Ton: Hannes Zieger
Mit: Mehmet Ateşçi, Mareike Beykirch, Svenja Liesau, Nika Mišković, Falilou Seck, Till Wonka, Alexander Sol Sweid
Die Uraufführung war am 15. März 2018 im Maxim Gorki Theater
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
Termine: 23.03. / 07., 12.04.2018

Infos: http://www.gorki.de/de/

Zuerst erschienen am 16.03.2018 auf Kultura-Extra.

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Rom – Karin Henkel inszeniert am Deutschen Theater drei Stücke über politisches Machtstreben, Teilhabe des Volks und Populismus nach William Shakespeares Coriolan, Julius Cäsar und Antonius und Cleopatra

Foto (c) Arno Declair

Anhand der drei Shakespeare-Stücke Coriolan, Julius Cäsar und Antonius und Cleopatra versucht die Regisseurin Karin Henkel eine kleine Geschichte der Demokratie am Beispiel des alten Rom zu erzählen. Der Schriftsteller, Dramatiker und ehemaliger Dramaturg des Deutschen Theaters John von Düffel hat mit ihr zusammen die Stücke für einen Abend von gut drei Stunden Länge bearbeitet. Rom ist kein großer Wurf aber eine ganz annehmbare Lehrstunde über politisches Machtstreben sowie die Beeinflussung des Volks durch Populismus und Versprechungen. „Rom Republik“ wird zu Beginn in roten Lettern an einen Bretterzaun geschrieben, ein Zeichen dafür, dass es vor allem blutig zugeht im Kampf um die Macht in Rom. Drei Stücke und drei Herrschertypen, die sich dem Volk von Rom auf ganz verschiedene Weise präsentieren, und die doch eines eint: Sie pfeifen eigentlich auf die Demokratie und spielen nur zum Schein nach ihren Regeln.

Das macht die Sache natürlich ziemlich heutig. Man denkt sofort an Trump, Erdogan oder die AfD. Die Nutzung demokratischer Mittel, um an die Macht zu gelangen, das Volk auf seine Seite zu ziehen und politische Gegner auszuschalten. Die Sprache ist entsprechend angepasst. Von Düffel ist ein Meister in der theatralen Verkürzung. Er hat dies schon an Abenden wie Joseph und seine Brüder oder Ödipus Stadt angewendet. Nicht immer zum Besten, aber doch immer auch ganz unterhaltsam. So dann auch an hier. Zuerst wird Coriolan gegeben. Das Stück über den römischen Feldherrn und Bezwinger der Volsker hat man am DT schon mal in einer Inszenierung von Rafael Sanchez mit einem reinen Damenteam an den Kammerspielen gesehen. Hier spielt Michael Goldberg den stolzen Demokratieverächter und Hasser des nach Getreide brüllenden gemeinen Pöbels. „Unsere Gefühle sind groß und authentisch“, rufen Camill Jammal und Benjamin Lillie als Volkstribune in ihre Megafone.

Als Aufstachlerinnen des zunächst nicht besonders machthungrigen Gaius Marcius, genannt Coriolan (nach der Stadt, die er für Rom erobert und geplündert hat), fungieren hier gleich drei Mütter. Bernd Moss, Kate Strong und Anita Vulesica sind die Einflüsterinnen des jungen Coriolan. Ziel ist der Thron. Und da dieser nur über eine Wahl zu erreichen ist, pinseln sie ihren aus dem Krieg heimkehrenden Sohn mit roter Farbe an. Zeige deine Wunden, so verlangt es der Brauch vom Kriegshelden. Der allerdings auf das Volk pfeift und sich nicht auf ein Koalitionsgeplänkel mit den Volkstribunen einlässt. Henkel lässt das als plumpe Politfarce spielen. Etwas zu klamaukig. Der Held scheitert hier noch an seinem Stolz und diplomatischem Unvermögen.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Da ist Antonius (Manuel Harder) ein wesentlich geschickterer Koalitionär. Erst Vertrauter des Julius Cäsar, münzt er seine Niederlage gegen die Tyrannenmörder Brutus (Felix Goeser) und Cassius (Bernd Moss) mit einer populistischen Rede vor dem Grab Cäsars in einen Sieg um. Zweifler und Freiheitsidealist Brutus erkennt zu spät seinen Fehler. Die richtige Taktik führt hier zur Macht. Der zweite Teil ist finsterer Geister- und Prophezeiungsschwulst vor einer mit Leichenpuppen gefüllten Drehbühne. Die ehrenwerten Verschwörer pinseln ihre Arme bis zu den Ellenbogen mit Theaterblut ein und reichen Antonius die Hand, in die dieser bereitwillig einschlägt. Rom, ein „House of Cards“.

Nach der Pause geht es in Ägypten weiter. Anita Vulesica ist Cleopatra und Elisabeth-Taylor-Lookalike. Ihr Antonius (Manuel Harder) ist ein müder Rocker in Lederhose, der sich gegen einen verdoppelten Cäsar-Sprössling Oktavius (Camill Jammal und Benjamin Lillie in kurzen Hosen) erwehren muss. Schwester Oktvia (Wiebke Mollenhauer hat an diesem Abend die Rolle der Frau an seiner Seite gebucht) hält den beiden die Krone an einer Angel vor die Nase, während Kleopatra ihren Sohn Cäsarion (Jacob Braune / Bennet Schuster) mit Wettrennen auf den Thron trainiert. Intrigen und Machtkoalitionen auch hier. Da blickt der einfache Mann nicht mehr durch, wenn es plötzlich für die fremde ägyptische Königin gegen die eigenen Leute geht. Bernd Moss ist als alter Soldat einzige wahre Stimme des Volkes. Ansonsten kreisen die politischen Eliten um sich selbst.

Verzicht auf Rom bedeutet Niederlage und Freitod. Da wird’s dann auch mal ein wenig philosophisch, wenn Manuel Harder über die Freiheit, den Zeitpunkt des eigenen Todes zu bestimmen, spricht. Der Sieger beeilt sich dem Volk seine Unschuld am Tod Kleopatras und Antonius zu beteuern. Ein Abend über Demokratie, bei dem das Volk nicht viel zu sagen hat. Die Fassung destilliert das Passende aus den drei Shakespeare-Stücken heraus. Ein pointensicherer Digest. Erkenntnisgewinn eher gering.

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Rom
nach Coriolan, Julius Cäsar und Antonius und Cleopatra von William Shakespeare
Bearbeitung: John von Düffel
Fassung: Karin Henkel, John von Düffel
Regie: Karin Henkel
Bühne: Thilo Reuther
Kostüme: Tabea Braun, Sophie Leypold
Musik: Lars Wittershagen
Licht: Matthias Vogel
Maske: Andreas Müller
Dramaturgie: John von Düffel
Mit: Felix Goeser, Michael Goldberg, Manuel Harder, Camill Jammal, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Bernd Moss, Kate Strong, Anita Vulesica, Jacob Braune / Bennet Schuster
Die Premiere war am 16. März 2018 im Deutschen Theater
Termine: 22.03. / 03., 11., 22.04. / 01.05.2018

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 17.03.2018 auf Kultura-Extra.

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