Drei Wiener Gastspiele bei den AUTORENTHEATERTAGEn 2018 im Deutschen Theater Berlin

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jedermann (stirbt) – Ferdinand Schmalz dichtet Hofmannsthals Spiel vom Sterben des reichen Mannes als ewigen Kreislauf von Leben und Tod und der Zeugungskraft des Kapitals um

Die AUTORENTHEATERTAGE am Deutschen Theater Berlin gehen in die zweite Runde. Nach drei Tagen Radar Ost sind nun Gastspiele von deutschsprachigen AutorInnen an der Reihe. Den Anfang machte eine Neufassung von Hugo von Hofmannsthals Jedermann aus der Feder von Ferdinand Schmalz. Der junge österreichische Erfolgsautor und letztjährige Bachmannpreisträger hat das traditionsreiche Salzburger Weihespiel vom Sterben des reichen Mannes im Auftrag des Wiener Burgtheaters „für das 21. Jahrhundert über-, fort- und neugeschrieben“, wie es im Begleittext zu jedermann (stirbt) heißt.

Wird bei Hofmannsthal der reiche Jedermann am Ende noch zum Glauben bekehrt und kann als reuiger Sünder vor den Thron Gottes treten, stirbt er bei Schmalz nur schnöde in Klammern. Jedermann (Markus Hering) ist eine Art Börsenspekulant, der seinen Reichtum aus dem Investieren in Aktien von Coltanminen, Mastviehbetrieben und allem, was heute noch so moralisch und ökologisch nicht besonders angesagt ist, gewonnen hat. Dass Gott da nicht gerade eine große Rolle spielt, ist eh klar. Er ist hier nur der arme Nachbar mit Rauschebart (Oliver Stokowski), der zwar zur Feier eingeladen, doch keinen Alkohol trinkt und sich dazu auch nicht mit Geld bestechen lässt. Eine rechte Spaßbremse also. Nicht so wie die Vettern des Jedermann (Markus Meyer und Sebastian Wendelin), die nach den großen Scheinen gieren und springen, die ihnen Jedermann vor die Nase hält. Nur dessen Mutter (Elisabeth Augustin) frömmelt noch ein wenig, ansonsten wird hier der Mammon angebetet. Als Jedermanns Gute Werke ist Mavie Hörbiger zudem noch Charity-Dame von Welt, die über Abschreibungsmodelle und Steueroasen referiert. Auch Buhlschaft und Tod mit Sense (Barbara Petritsch) sind hier eine Person. Mangels eines guten Gesellen hat Schmalz zum etwas ausgedünnten Dramenstadl dem Jedermann dann eine echte Frau (Katharina Lorenz) hinzugeschrieben.

 

jedermann (stirbt) am Burgtheater Wien
Foto (c) Georg Soulek

 

Das erinnert durchaus auch ein wenig an krachledernes Kasperle- oder Bauerntheater. Regisseur Stefan Bachmann hat den ironischen Grundton von Ferdinand Schmalz gut aufgenommen und doch ganz dezent in seine Uraufführungsinszenierung übertragen. Wir sehen zunächst eine güldene Wand, in die Olaf Altmann, Meister der klaustrophoben Bühnenbildner, eine sich drehende Röhre eingelassen hat. Ein rundes Loch, in das sich das in fleischfarbene Ganzkörperoveralls gekleidete Ensemble zu Beginn zwängt und eine Ouvertüre über den toten Schöpfergott singt. Sven Kaisers Komposition erinnert da stark an Lehrstückmusik von Eisler und Brecht. Später geben alle eine (teuflisch) gute gesellschaft, die mit Teufelshörnchen vor der Wand herumwuselt. In goldenen Kostümen treten dann auch Jedermann oben in seinem tresorartigen Domizil und die anderen Figuren vor der Wand auf. Die Handlung hat Ferdinand Schmalz an Hofmannsthals Stück angelehnt, die Verse aber vom weihemäßigen Pathos entschlackt und in seiner an Metaphern reichen Sprache modernisiert.

Jedermann gibt hier ein Gartenfest. Den Garten säumt ein Zaun, der dem Hausherrn zunehmend durchlässiger scheint. Auch die Flüchtlingskrise ist in Österreich bekanntlich jedermanns Thema. Ein Fest in der Festung, bei dem Jedermann vom armen Nachbarn, den verschuldeten Vettern, Mammon, Tod und Teufel heimgesucht wird und vom Mammon eine Predigt gehalten bekommt, vom fickenden Geld, das sich erzeugt und für das das System selbst gut gefickt sein muss. Schmalz münzt hier die Worte von Benjamin Franklin („Advice to a young tradesman“) über die Zeugungskraft des Geldes und den Geist des Kapitalismus von Schuld und Schuldner um.

Dass dieser einst so potente Jedermann dann doch abtreten muss, wird hier auch zum Lehrstück über die Verdrängung des Tods aus der Gesellschaft. Das schafft mit seinen Aussagen zu Leben und Sterben müssen eine zusätzlich interessante philosophische Metaebene der Spiritualität ins Stück. Bachmann setzt dezent die Bilder dazu. Das Spiel vom Sterben wird nun zum kleinen Totentanz, bei der das Ensemble in Trauerstaat in Zeitlupe über die Bühne geht. Jedermann rennt im Hamsterrad des Lebens, das von Beginn an auch eins vom Sterben ist. Der Tod als letzte Sicherheit. Da wird’s ein bisserl besinnlicher, wenn Jedermann um Aufschub bittet und sich auch hier keiner finden will, der ihn begleitet. Der reiche Mann wird schließlich zum Sündenbock für das Gewissen der anderen.

Als Jesusfigur steht Markus Hering nackt vor der Wand, wenn seine Totenrede gehalten wird. Den frei gewordenen Platz füllen sofort neue Jedermänner und -frauen, die sich wie zu Beginn in der Röhre drängen. Auch wenn es manchem abgedroschen erscheinen mag, und sich einiges durchaus auch schärfer denken ließe, wie der Kapitalismus als alternativloser, nimmer enden wollender Kreislauf, bis morgen dann wieder ein anderer Jedermann stirbt, bis in alle Ewigkeit. Amen.

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jedermann (stirbt) (DT, 12.06.2018)
von Ferdinand Schmalz
Gastspiel vom Burgtheater Wien
Premiere dort war am 23.02.2018
Regie: Stefan Bachmann
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Esther Geremus
Komposition & Musikalische Leitung: Sven Kaiser
Choreographie & Körperarbeit: Sabina Perry
Licht: Friedrich Rom
Dramaturgie: Hans Mrak
Besetzung:
Markus Hering: jedermann
Katharina Lorenz: jedermanns frau
Elisabeth Augustin: jedermanns mutter
Barbara Petritsch: buhlschaft tod
Markus Meyer: dicker vetter
Sebastian Wendelin: dünner vetter
Oliver Stokowski: armer nachbar gott
Mavie Hörbiger: mammon/gute werke
Ensemble: die (teuflisch) gute gesellschaft
Sven Kaiser / Béla Fischer: Live-Musik
Dauer: ca. 105 Min., keine Pause

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erscheinen am 13.06.2018 auf Kultura-Extra.

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die zukunft reicht uns nicht (klagt, kinder, klagt!) – Thomas Köcks am Schauspielhaus Wien selbstinszenierte Schuldenkantate für Seherin und schwererziehbaren Chor

Klagechöre sind wieder stark in Mode auf deutschsprachigen Bühnen. Nach seiner Klimatrilogie, mit deren dritten Teil paradies spielen (abendland. ein abgesang) Thomas Köck gerade erst den Mülheimer Dramatikerpreis gewonnen hat, legt der junge, aufstrebende österreichische Dramatiker mit einer postheroischen Schuldenkantate namens die zukunft reicht uns nicht (klagt, kinder, klagt!) nach. Klagt, Kinder, klagt es aller Welt, heißt es auch in einer verschollenen Trauerkantate von Johann Sebastian Bach, die in rekonstruierter Fassung auch in der Inszenierung des Autors und seiner Co-Regisseurin Elsa-Sophie Jach für das Schauspielhaus Wien anklingt. Bachs Librettist Picander textete damals: „Die Jugend rühmt, die Alten preisen / Das unser Land und ihre Zeit / So viele Gnad und Gütigkeit / Von Unserm Fürsten aufzuweisen.“ Der Text beklagte einen gefallenen Landesfürsten, also das Fehlen eines starken Mannes. Aber das Patriarchat alter weißer Männer ist bekanntlich am Ende. So singt es zumindest Christiane Rösinger am Ende des Abends in den Kammerspielen des Deutschen Theaters, wo Köcks Stück bei den AUTORENTHEATERTAGEN zur Aufführung kam.

Das vergangene Maß aller Dinge liegt nun hier in Leichensäcken auf der Bühne, die wie ein antiker Tempel oder eine Agora aufgebaut ist, und „Was jetzt kommt“, wie es bei Rösinger heißt, ist dann tatsächlich auch nicht so schön aus Sicht der Alten, denen die Jungen nun in Gestalt eines 14-köpfigen Chors den Schuldenmarsch blasen werden. Wer das immer schon kommen gesehen hat, ist die unermüdliche Seherin Kassandra, der aber bekanntlich nie jemand zugehört noch geglaubt hat. Schauspielerin Sophia Löffler trägt im blauen Abendkleid ein Mär von der finsteren Stadt vor, deren Geschichte in einem uralten Buch steht, das man ausgegraben hat, aber nicht mehr zu lesen vermag. Es handelt von dem Drang nach Licht, das die Finsternis auf Dauer erhellen soll und nichts anderes als der unaufhaltsame Fortschritt ist. Ein wenig Kritik der Aufklärung, deren Licht die Freiheit von der selbstverschuldeten Unmündigkeit sein sollte und doch immer auch Verblendung war.

 

die zukunft reicht uns nicht (klagt, kinder, klagt!) von Thomas Köck am Schauspielhaus Wien – Foto (c) Matthias Heschl

 

Ein Erbe also aus finsteren Tagen, und da hat man dann auch schon ein paar der Themen zusammen, die Köcks an Elfriede Jelinek erinnernder Textschwall aufwirft und im Stile eines Pollesch-Abends für Solo mit Chorbegleitung ans Publikum bringt. Dazu hat sich der Autor in seiner Regieanweisung eine Schauspielerin, einen Chor schwererziehbarer ErbInnen, einen bionischen Vogel und nach Belieben eine Drohne gewünscht und sich auch selbst geschenkt. Ein Vogel flattert aufgezogen umher und stürzt dabei immer wieder zu Boden. Eine kleine Kamera-Drone schwebt ebenfalls ferngelenkt über der Szenerie, die der Chor aus Wiener Jugendlichen mit seinem Klagegesang über die ungerechte Verteilung des Erbes immer mehr an sich reißt. Mehr ein Wutchor also, der schließlich auch zur Tat mit Baseballschlägern schreitet und die Seherin bedrängt, die beteuert nicht die Mutter dieses überprivilegierten Teenagerwesens zu sein und es schnell in verschiedene Erben-Kategorien aufteilt.

Verteilungsprobleme hatte auch schon das Performance-Kollektiv She She Pop in seinem an Brecht orientierten Oratorium übers Erben behandelt. Nie ist so viel vererbt worden, wie im Moment, das gilt nicht nur für Österreich, dessen Jung-Kanzler Kurz hier vom Band über die Ungerechtigkeit der Erbschaftssteuer referiert, während Sahra Wagenknecht mit der Erkenntnis aufwartet, dass heute immer noch dieselben Familien in Florenz den größten Reichtum besitzen wie zu Zeiten der Medici. So eine Rechnung wird auch in Köcks Text aufgemacht. Verteilungsungerechtigkeit zwischen den Generationen und Schichten der europäischen Bevölkerung bleibt das große Thema dieser Tage, das von rechts wie links befeuert wird, während andere Verlierer von globalen Verteilungskämpfen an Europas Türen klopfen oder sie nach Maßgabe der vermeintlich Abgehängten eigentlich schon eingerannt haben. Da darf dann auch Trump samt Sippschaft nicht fehlen. Köck macht hier einen Exkurs in den 68. Stock des Trump Towers, wo ein kleiner Junge über sein Erbe nachsinnt.

Was da nun so genau vererbt wird, auch darüber lässt sich Köcks Text etwas vage aus. Neben dem Geld der Elterngeneration sind das natürlich auch das ökologische Erbe der Welt, um das es nicht so gut bestellt ist, und eine immense Staatsverschuldung. Ob man dieses Erbe nun antreten will oder sich in den Clinch mit den Verflossenen begibt, das wird bei einem Boxkampf mit den Leichensäcken ausgetragen. „What the fuck“, „Wasted“ „Hate it“ oder „Game over“ steht auf den Bomberjacken der Chormitglieder. Ein „No Futur“ darf natürlich auch nicht fehlen. Nun ist die Zukunft in der Hand von Geistern, deren Spur man folgen soll. Das wird dann nicht nur zu einem grammatikalischen Zeitformproblem, sondern vor allem zur kalauernden Wortspielerei, der sich der Mittelstandschor als antikes Weltopfer am Ende der Geschichte ziemlich planlos mit apokalyptischer Sehnsucht ergibt. „Nothing ist written in the Stars“, ertönt es mit der Band Phantom Ghost von Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow. Da will man wohl doch nichts dem unsicheren Orakeln einer Seherin überlassen. Wohin diese Zukunft, die nur in der Vergangenheit gefunden werden kann, führen soll, steht im nicht lesbaren Buch vom Ende der Nacht, das wie ein verirrter Roboter im Sonnensturm die Zeiten und Menschen überdauern wird. Ganz hell ist es an diesem Abend nicht geworden, hat aber zumindest 90 Minuten lang ganz lustig gefunzelt.

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die zukunft reicht uns nicht (klagt, kinder, klagt!)
eine postheroische schuldenkantate von Thomas Köck
Gastspiel Schauspielhaus Wien
Die Premiere dort war am 09.12.2017
Regie: Thomas Köck & Elsa-Sophie Jach
Bühne: Stephan Weber
Kostüme: Giovanna Bolliger
Dramaturgie: Anna Laner
Mit: Sophia Löffler und als Chor:
Mona Abdel Baky, Nils Arztmann, Hanna Donald, Nathan Eckert, Lena Frauenberger, Alexander Gerlini, Ljubica Jaksic, Daniel Kisielow, Anna Kubiak, Rhea Kurzemann, Cordula Rieger, Karoline Sachslehner, Gemma Vanuzzi, Juri Zanger

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 20.06.2018 auf Kultura-Extra.

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Gutmenschen – Yael Ronen und das Ensemble vom Volkstheater Wien kreisen etwas verloren um die Asyldebatte und einen fehlenden Hauptprotagonisten

Das dritte Wiener Gastspiel bei den AUTORENTHEATERTAGEN im Deutschen Theater bringt eine alte Bekannte nach Berlin. Yael Ronen, eigentlich hier am Maxim Gorki Theater beheimatet, ist längst nicht nur in Berlin und München (mit Point Of No Return bei den ATT 2017) erfolgreich zu Gange, auch in Graz und Wien ist die aus israelische Regisseurin mit ihren Stückentwicklungen zum beliebten Migrationsexportschlager geworden. Nach Lost and Found ist Gutmenschen ihre zweite Arbeit am Wiener Volkstheater. Eine Fortsetzungsgeschichte um den Iraker Yousif Ahmad, der vor schiitischen Milizen nach Österreich floh und dort Asyl beantragte. Mittlerweile ist er gut in die kreative Patchwork-Familie seiner Cousine Maryam (Birgit Stöger) integriert, bringt ihrer dreijährigen Tochter Delete Arabisch bei und liest österreichischen Pensionären im Altenheim Prosawerke des Österreichhassers Thomas Bernhard vor.

Als neues Projekt hat sich die Videobloggerin Maryam den Salzburger Energydrink-Mogul mit dem roten Bullen, den auch Wolfgang Menardi ins Zentrum seines Bühnenbilds aus schräg ineinander verschachtelten Zimmergrundrissen gestellt hat, in die eigenen vier Wände geholt. Das zumindest ist der Gag schlechthin. Die Brause-Marke des mit Abstand reichsten Österreichers, Dietrich Mateschitz, veranstaltet eine Daily-Reality-TV-Show namens „Gutmenschen“, in der sich die links-alternative, diverse und queere Hipsterkommune als sogenannte Gutmenschen und wohlmeinende Exoten in roten Sweatshirts dem Mainstream-Publikum, das vor kurzem erst zumeist Kurz und rechtsaußen gewählt hat, zur Schau stellt.

 

Gutmenschen am Volkstheater Wien – Foto (c) Lupi Spuma

 

Der Abend kommt aber nicht richtig hoch vom Sofa und den Stühlen, obwohl der auch in Deutschland bestens verkaufte Energydrink bekanntlich Flügel verleiht, die hier an allen Sitzelementen kleben. Man könnte das für den Beginn des Firmen-Sponsering auf Theaterbühnen halten, wenn die Ironie dahinter nicht auch klar sichtbar wäre. Man gibt vor, das verhasste System von innen aufzurollen, indem man gerade nicht mehrheitsfähige Themen zur Primetime in die TV-Haushalte senden möchte, und kocht damit doch auch sein eigenes Ego-Süppchen. Da klingt nebenher auch ein wenig Selbstkritik an zwischen allerlei altbekannten Klischees zur Flüchtlings-, Gender- und Ehe-für-alle-Debatte. Die linke Kreativszene nimmt sich hier selbst auf die Schippe. Linke Protestkultur ist nämlich längst auch zur Pose zwischen Yogakurs, veganem Essen und Political Correctness geworden.

Eine schräge Bühnen-Soap, die „Lindenstraße“ und Off-Boulevard zusammenbringt, vom schwulen Pärchen Moritz (Paul Spittler) und Schnute (Knut Berger), der seinen Samen für Miryam gespendet hat, die mit ihrem Ex Jochen (Jan Thümer) noch einen leicht verstörten Sohn namens Jim Pepe besitzt, über das Pärchen Klara (Katharina Klar) und Elias (Sebastian Klein), das mit ihrer geplanten Ehe die bürgerliche Institution neu besetzen will, aber an den eigenen Vorurteilen und Einstellungen dazu scheitert, bis zu Ute (Jutta Schwarz), der Mutter von Schnute, die hier Volkes Stimme kundtut und für die rechten Vorurteile gegenüber Homosexuellen und Ausländern zuständig ist. Damit man als Quereinsteiger noch mitkommt, werden einem am Anfang vom Mitdramaturgen und Schauspieler Niels Bormann aus dem Off die familiären und sonstigen Personenzusammenhänge per Videoeinspielung erklärt. Auch dass Yousif Ahmad, der in Wien wegen fehlender Arbeitserlaubnis noch wenigsten am Ende für 30 Sekunden als Hauptperson Yousef stumm über die Bühne ging, wegen des laufenden Asylverfahrens nach Berlin gar nicht erst ausreisen durfte, erfährt man.

Um Yousefs abgelehnten Erstantrag um Asyl geht es auch vorrangig in Yael Ronens Stück. Während die Kommune auf die Aufzeichnung der Daily-Soap wartet, debattiert man aufgeregt bei chinesischem Fastfood in Abwesenheit Yousefs über dessen drohende Abschiebung und wie man diese verhindern kann. Dabei wird der Rechtsruck Österreichs vor allem in der restriktiven Asylpolitik und Rechtspraxis deutlich. Ein Thema, das auch in der bundesdeutschen Regierungskoalition gerade vehement diskutiert wird, wobei die bayrische CSU ziemlichen Druck auf Kanzlerin Merkel ausübt. Das macht das Ganze natürlich zusätzlich interessant, aber bis auf hektisches Herausrennen und Wiederhereinkommen bleibt es in der Sitzecke auf der Bühne zumeist recht statisch.

Ronen, die sonst gekonnt Fiktion und Realbiografien zu starkem Debatten-Theater verbinden konnte, scheitert hier am fehlenden Biss, auch wenn Katharina Klar mit glockenklarer Stimme in einer neuen Version von Hubert von Goiserns Lied Weit weit weg die österreichischen Rechtswähler So weit weit rechts von mir verortet. Fast schon eine Art Trauma, die hier in die Parabel vom Hasen, der dem Löwen ins Maul springt mündet. Mit Rechten reden und um die verlorene Meinungshoheit kämpfen, oder in Phrasen vor dem schier übermächtigen Feind erstarren, darauf findet auch dieser Abend keine Antwort. Die Ohnmacht über die Leerstelle, die der fehlende Hauptprotagonist reißt, ist dafür symptomatisch.

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Gutmenschen (20.06.2018, Deutsches Theater)
von Yael Ronen und Ensemble
Gastspiel vom Volkstheater Wien
Die Premiere dort war am 11.02.2018
Regie: Yael Ronen
Bühne: (in reduzierter Form, angepasst an die Bühne im DT) Wolfgang Menardi
Kostüme: Amit Epstein
Musik Yaniv Fridel, Ofer (OJ) Shabi
Video: Jan Zischka
Licht: Jennifer Kunis
Dramaturgie: Veronika Maurer, Niels Bormann
Besetzung:
Yousif Ahmad: Yousef
Knut Berger: Schnute
Katharina Klar: Klara
Sebastian Klein: Elias Sabry
Jutta Schwarz: Ute
Paul Spittler: Moritz
Birgit Stöger: Maryam Sabry

Infos: Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 22.06.2018 auf Kultura-Extra.

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