Archiv: Zitat des Monats

  • April 2011

„Ein Gedanke muss befremdlich sein wie die Ruine eines Lächelns.“
Emile M. Cioran (8.4.1911 – 20.6.1995)

  • Mai 2011

„Die Freiheit der Meinung setzt voraus, dass man eine hat.“
Heinrich Heine (13.12.1796 – 17.02.1856)

  • Juni 2011

„Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten.“
Albert Camus (07.11.1913 – 04. 01.1960)

  • Juli 2011

„Ein Buch sollte die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“
Franz Kafka (03.07.1883 – 03.06.1924)

  • August 2011

„Viel ist schon gewonnen, wenn nur einer aufsteht und Nein sagt.“
Bertolt Brecht (10.02.1898 – 14.08.1956)

  • September 2011

„Humorlosigkeit ist die Unfähigkeit, eine andere Wirklichkeit wahrzunehmen als die eigene.“
August Everding (31.10.1928 – 26.01.1999)

  • Oktober 2011

„Denken und sein werden vom Widerspruch bestimmt.“
Aristoteles (384 v. Chr. – 322 v. Chr.)

  • November 2011

„Denn die Aufgabe, Himmel und Erde! ist ja nicht, ein anderer, sondern ihr selbst zu sein, und euch selbst, euer Eigenstes und Innerstes, durch Umriß und Farben, zur Anschauung zu bringen!“ Heinrich von Kleist (10./18.10.1777 – 21.11.1811) aus „Brief eines jungen Dichters an einen jungen Maler“

  • Dezember 2011

„Wer sich seiner Vergangenheit nicht erinnert, ist verdammt, sie zu wiederholen.“ Christa Wolf (18.03.1929 – 01.12. 2011) aus „Kindheitsmuster“

  • Januar 2012

„In Deutschland war seit Schiller das Theater ein Revolutionsersatz. Deshalb gab es so viele.“ Heiner Müller (09.01.1929 – 30.12.1995) in einem Spiegel-Interview vom 20.03.1995

  • Februar 2012

„Einander kennen? Wir müßten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.“ Georg Büchner (17.10.1813 – 19.02.1837) aus „Dantons Tod“

  • März 2012

„Was ist mit uns, dass wir krank voneinander sind, von unserer Vergangenheit, die wir nicht überwinden. Wenn ich schreibe, gelingt es mir dann, Kopfschmerzen vom Hämmern, da muß ich nicht denken, da hämmern die Schläfen. (…)
Da in mir oft Sprache tobt, gegen die Schläfen schlägt, nicht Ruhe geben will, sich nicht eindämmen lässt, ahnte ich, was in ihm vorging.“
Einar Schleef (17.4.1944 – 21.7.2001) Auszüge aus Tagebuch 1981-1998

  • April 2012

„Wer selbständig denkt, denkt zugleich auch am besten und förderlichsten für alle.“ Stefan Zweig (28.11.1881 – 22.02.1942)

  • Mai 2012

„Es fließen ineinander Traum und Wachen, Wahrheit und Lüge. Sicherheit ist nirgends. Wir wissen nichts von anderen, nichts von uns. Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug.“ Arthur Schnitzler (15.05.1862 – 21.10.1931) aus Paracelsus

  • Juni 2012

„Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich allerdings alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft.“ Jean-Paul Sartre (21.06.1905 – 15.04.1980)

  • Juli 2012

Zitate zur Tagesordnung von Walter Benjamin (15.07.1892 – 26.09.1940):

„Torso. Nur wer die eigene Vergangenheit als Ausgeburt des Zwanges und der Not zu betrachten wüßte, der wäre fähig, sie in jeder Gegenwart aufs höchste für sich wert zu machen. Denn was einer lebte, ist bestenfalls der schönen Figur vergleichbar, der auf Transporten alle Glieder abgeschlagen wurden, und die nun nichts als den kostbaren Block abgibt, aus dem er das Bild seiner Zukunft zu hauen hat.“ In „Antiquitäten“ aus „Einbahnstraße“ eine Sammlung philosophischer Fragmente

„Freilich fällt erst der erlösten Menschheit ihre Vergangenheit vollauf zu. Das will sagen: erst der erlösten Menschheit ist ihre Vergangenheit in jedem ihrer Momente zitierbar geworden.“ aus „Über den Begriff der Geschichte“

  • August 2012 (1)

Isabel Allende (geb. 02.08.1942) zum 70sten.

„Jedes Jahr, und zwar immer am 8. Januar, an dem ich „Das Geisterhaus“ begonnen habe, setze ich mich hin zum Schreiben. Ich verbinde das mit einer meditativen Zeremonie. Ich suche nach – oder besser: ich horche auf den ersten Satz in meinem Inneren. Der Satz muß aus dem Bauch kommen, nicht aus dem Kopf. Er ist nicht durchdacht, sondern wie geträumt. Wenn es klappt, öffnet dieser erste Satz eine Tür zu einem Raum, der dunkel ist. Die Geschichte ist da drin, aber ich kenne sie noch nicht. Ich trete mit einer Laterne ein und leuchte langsam alles aus. Ein Buch zu schreiben ist wie eine neue Liebe.“ Der Spiegel, Juni 1987

„Sicherlich basieren meine Romane auf meinen Erfahrungen. Mein Leben war ein Kampf. Ich habe die herrschende Tradition in Frage gestellt. Meine Heldinnen rebellieren gegen das Establishment. Ich könnte keinen Roman schreiben über eine Vorstadt-Hausfrau aus dem Mittelwesten, die eifersüchtig auf ihren Ehemann ist.“ Der Spiegel, Februar 2008

„Wir leben in einer Gesellschaft, die nach männlichen Werten ausgerichtet ist: Alles dreht sich um Hierarchien, um Macht, Gier, Autorität, um Sieger und Verlierer. Das müssen wir ändern. Wir sind es, die Jungen erziehen.“ Die Welt, Juli 2012

  •  August 2012 (2)

„Nur das Denken, das wir leben, hat einen Wert.“
Hermann Hesse (02.07.1877 – 09.08.1962) aus „Demian“

  • September 2012

Im Fleiß kann dich die Biene meistern,
In der Geschicklichkeit ein Wurm dein Lehrer sein,
Dein Wissen teilest du mit vorgezognen Geistern,
Die Kunst, o Mensch, hast du allein.

Friedrich Schiller (10.11.1759 – 09.05.1805) aus „Die Künstler“

  • Oktober 2012

„Die Menschen spielen, um den Tod zu überspielen. Das einzige, was man durch Spiel nicht wegspielen kann, ist der Tod. Weil der kommt. Und der Versuch, es trotzdem immer wieder zu tun, ist, glaube ich, das Spiel. Also ist es ein sinnloses Spiel, aber das ist es ja auch, was es schön macht. Es ist sinnlos und etwas verzweifelt, dieses Spiel gegen den Tod. Doch so ist es.“ Peter Zadek (19.05.1926 – 30.07.2009) aus „My way: eine Autobiographie, 1926-1969″, Kiepenheuer & Witsch, 1998

  • November 2012

„Laßt mich ins Spiel der Welt die Blicke senken.“
Gerhart Hauptmann (15.11.1862 – 06.06.1946) aus Paul Schlenther: Gerhart Hauptmann – Leben und Werke. S. Fischer Verlag, 1912

  • Dezember 2012

„Mitten im Schreiben sind wir im Tod, sind wir mitten im Leben“
Peter Handke (geb. 06.12.1942), Notizbücher 1990 – aus Malte Herwig: „Meister der Dämmerung – Peter Handke. Eine Biographie“, Deutsche Verlagsanstalt, München 2011

  • Januar 2013

„Menschen können für Schrecken unempfindlich werden, weil sie den Eindruck gewinnen, dem Krieg – jedem Krieg – sei kein Ende zu machen. Mitgefühl ist eine instabile Gefühlsregung. Es muss in Handeln umgesetzt werden, sonst verdorrt es. Deshalb stellt sich die Frage, was man mit den geweckten Gefühlen, dem übermittelten Wissen tun soll. Wenn man den Eindruck bekommt, dass es nichts gibt, was wir tun könnten, fängt man an, sich zu langweilen, wird zynisch und apathisch.“ Susan Sontag (16.01.1933 – 28.12.2004) aus: Das Leiden anderer betrachten. Carl Hanser Verlag, München 2003

  • Februar 2013

„Ein Glück für die Despoten, daß die eine Hälfte der Menschen nicht denkt und die andere nicht fühlt.“ – Johann Gottfried Seume, deutscher Schriftsteller (29.01.1763 – 13.06.1810) aus den Apokryphen (1806/07), erstmals erschienen 1811; Johann Gottfried Seume: Prosaschriften, Mit Einleitung von Werner Kraft, Köln 1962

  • März 2013

„Die Empörung ist nur der erste Schritt. Ihr muss die Reflexion, die politische Problemanalyse, folgen und daraus die Anleitung zum Handeln, das Aufzeigen von Wegen aus der Gefahr.“ Stéphane Hessel (20.11.1917 – 26./27.02.2013) in einem Spiegelinterview (Ausgabe 4/2011)

  • April 2013

„Aber sprechen, frei sprechen, gehen, aufrecht gehen – das ist nicht genug. Lasst uns auch lernen zu regieren. Die Macht gehört nicht in die Hände eines einzelnen oder ein paar weniger oder eines Apparates oder einer Partei. Alle müssen teilhaben an dieser Macht. Und wer immer sie ausübt und wo immer, muß unterworfen sein der Kontrolle der Bürger, denn Macht korrumpiert. Und absolute Macht, das können wir heute noch sehen, korrumpiert absolut.“ – Stefan Heym (10.04.1913 – 16.12.2001) aus seiner Rede am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz

  • Mai 2013

„Man hat in Grimms Märchen die Geschichte von einem jungen Burschen, der auf Abenteuer auszog, um das Gruseln zu lernen. Wir wollen jenen Abenteuerlichen seines Weges ziehen lassen, ohne uns darum zu kümmern, wieweit er bei seiner Fahrt auf das Entsetzliche gestoßen ist. Dahingegen möchte ich sagen, daß dies ein Abenteuer ist, welcher jeder Mensch zu bestehen hat: das Gruseln, das Sichängstigen zu lernen, damit er nicht verloren sei, entweder dadurch, daß ihm niemals Angst gewesen, oder dadurch, daß er in Angst versinkt; wer daher gelernt hat, sich zu ängstigen nach Gebühr, er hat das Höchste gelernt. Wär der Mensch ein Tier oder ein Engel, so würde er sich nicht ängstigen können.“ Søren Kierkegaard (05.05.1813 – 11.11.1855) aus: „Der Begriff Angst“ (1844)

  • Juni 2013

„Das ist so bei der Schauspielerei. Wenn man zu viel darüber weiß, was man tut, dann zerstört man etwas. Das Unbewusste spielt in unserem Beruf eine große Rolle. Wenn mich ein anderer beobachtet und mir sagt, wie ich etwas herstelle, dann kann ich genau das nicht mehr – die Fähigkeit verschwindet einfach. Wenn der Regisseur den Schauspieler unterstützt und ihm seine Geheimnisse lässt, ist es wunderbar.“ Ulrich Mühe (20.06.1953 – 22.07.2007) in einem Spiegel-Interview vom 21.07.2003 –
„Ein x-beliebiger Schauspieler zeigt mit den Fingern zum Mond und sagt: Da ist der Mond! – Mühe kann die Entfernung zum Mond spielen.“ Heiner Müller über den Schauspieler Ulrich Mühe (Zitiert im Artikel „Der Unvollendete“ von Claus Lutterbeck, Stern Nr. 32/2007).

  • Juli 2013

„Der Mensch sieht selbst wenn er unfehlbar wäre im andern nur jenen Teil, für den seine Blickkraft und Blickart reicht. Er hat, wie jeder, aber in äußerster Übertreibung die Sucht, sich so einzuschränken wie ihn der Blick des Mitmenschen zu sehen die Kraft hat.“ Franz Kafka (03.07.1883 – 03.06.1924) aus: Aphorismen – Er, Aufzeichnungen aus dem Jahre 1920
„Es war einmal eine höchst lebendige Frau, die zweimal ein Studium begann, zweimal den Hochschulen entlief, aus Rebellion gegen ihre Herren Lehrer, provisorisch Lehrerin wurde, während sie ihr erstes Buch schrieb (…), eine Menge Männergeschichten hatte, eine Menge Dummheiten beging – die sie bis heute nicht bereut – viermal heiratete, kein Kind wollte – was sie heute ein bißchen bereut -, weil sie Schreiben für wichtiger hielt, und die Kneipen und Luxusbars, Hinterhofwohnungen und die Villen der Prominenz kennenlernte; es war einmal eine Schriftstellerin, die zu früh und zu viel Erfolg hatte, manchmal hungerte und manchmal wahnsinnig viel Geld verdiente, einen Haufen Orden bekam und so ziemlich alle Literaturpreise, die hierzulande verliehen werden, an eine Große Sache glaubte und an einer Großen Sache zweifelte, sich nach fremden Ländern sehnte und nur die Nachbarschaft zu sehen bekam, Polen, Prag, Moskau – (…) – kurzum: es war einmal, und es war gut so, und auch das Schlimme und Dreckige war in seiner Art gut.“
Brigitte Reimann (21.07.1933- 20.02.1973)an Veralore Schwirtz (1973) aus: „Aber wir schaffen es, verlaß dich drauf! Briefe an eine Freundin im Westen“, Elefanten Press, 1995

  • August 2013

„Dramatiker und Rausschmeißer träumen immer von einem großen Wurf.“ Joachim Ringelnatz (07.08.1883 – 17.11.1934)

  • September 2013

„Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“ – Theodor W. Adorno (11.09.1903 – 06.08.1969), aus: Minimal Moralia, Erster Teil: Hans-Guck-in-die-Luft

  • Oktober 2013

„Der Dichter ist kein Lehrer der Moral, er erfindet und schafft Gestalten, er macht vergangene Zeiten wieder aufleben, und die Leute mögen dann daraus lernen, so gut, wie aus dem Studium der Geschichte und der Beobachtung dessen, was im menschlichen Leben um sie herum vorgeht. Wenn man so wollte, dürfte man keine Geschichte studieren, weil sehr viele unmoralische Ding darin erzählt werden, müßte mit verbundenen Augen über die Gasse gehen, weil man sonst Unanständigkeiten sehen könnte, und müßte über einen Gott Zeter schreien, der eine Welt erschaffen, worauf so viele Liederlichkeiten vorfallen. Wenn man mir übrigens noch sagen wollte, der Dichter müsse die Welt nicht zeigen wie sie ist, sondern wie sie sein solle, so antworte ich, daß ich es nicht besser machen will, als der liebe Gott, der die Welt gewiß gemacht hat, wie sie sein soll. Was noch die sogenannten Idealdichter anbetrifft, so finde ich, daß sie fast nichts als Marionetten mit himmelblauen Nasen und affektiertem Pathos, aber nicht Menschen von Fleisch und Blut gegeben haben, deren Leid und Freude mich mitempfinden macht, und deren Tun und Handeln mir Abscheu oder Bewunderung einflößt. Mit einem Wort, ich halte viel auf Goethe oder Shakspeare, aber sehr wenig auf Schiller.“
Georg Büchner (17.10.1813 – 19.02.1837), aus: Werke und Briefe, An die Familie, Straßburg, im Juli 1835

  • November 2013

„Was ist der Mensch? Er ist diese Kraft, die letztendlich immer Tyrannen und Götter zu stürzen vermag.“ Albert Camus (07.11.1913 – 04.01.1960) aus: „Briefe an einen deutschen Freund“ (1946)

  • Dezember 2013

„Aber kann man irgendeine Erfahrung verarbeiten, ohne sie sprachlich mehr oder weniger zu meistern? Das heißt, die Geschichte, die Geschichten, die Erzählungen, die Erinnerungen, die Zeugnisse: das Leben? Der Text, ja die Textur, das Gewebe des Lebens?“
Jorge Semprún (10.12.1923 – 07.06.2011) aus: „Was für ein schöner Sonntag!“

  • Januar 2014

„Den Begriff Sinnlichkeit des Denkens mag ich besonders. Denken macht Spaß! Alles, was ernst ist, hat nämlich komische Ecken, und umgekehrt: Das Komische ist oft verdammt ernst. Das wussten schon Brecht, Heine und vor allem Shakespeare. Die unterhalten bestens und – drei Groschen! – sehr billig, aber nicht dämlich.“ – Katharina Thalbach (geb. 19.01.1954) in einem Interview mit der F.A.Z. (21.11.2008)

  • Februar 2014

„Hört meine letzten Worte, wo auch immer auf der Welt. Hört, all ihr Gremien, Syndikate und Regierungen der Erde. Und ihr Mächte hinter den Mächtigen, die sich mit schmutzigen Scheißhaus-Deals nehmen, was ihnen nicht gehört. Den Grund und Boden unter ungeborenen Füßen verkaufen. Passt auf. Was ich zu sagen habe gilt für alle Menschen überall. Ich wiederhole, für alle. Keiner ist ausgeschlossen. Für alle, die zahlen, umsonst. Für alle, die mit Schmerzen zahlen, umsonst.“ – William S. Burroughs (05.02.1914 – 02.08.1997) aus: Radiert die Worte aus. Briefe 1959 – 1974. (hier an Allen Ginsberg, London, 21. Juni 1960) Aus dem Englischen von Michael Kellner. Herausgegeben von Bill Morgan.

  • März 2014

„Es ist das Eigentümliche der Dichtung, dass sie eine ständige Schöpfung ist und uns so aus uns selbst heraustreibt, uns aus uns vertreibt und uns zu unseren äußersten Möglichkeiten führt.“
Octavio Paz (31.3.1914 – 19.4.1998, mexikanischer Schriftsteller)

Wenn du die Augen öffnest,
werden wir uns erneut bewegen
zwischen den Stunden und ihren Erfindungen.
Werden uns bewegen zwischen den Erscheinungsbildern,
werden der Zeit vertrauen und ihren Verbindungen.
Vielleicht werden wir die Türen des Tages öffnen.
Dann werden wir das Unbekannte betreten.

aus dem Gedicht „1. Januar“

  • April 2014

450 Jahre Shakespeare

„Die Worte fliegen auf, der Sinn hat keine Schwingen; Wort ohne Sinn kann nicht zum Himmel dringen.“ – William Shakespeare (23.04.1564 – 03.05.1616), aus: „Hamlet“ (3. Akt, 1. Szene, König Claudius) übersetzt von August Wilhelm von Schlegel

Sonett 66

Müde all dessen, will ich meine Ruh / Statt anzusehen, wie Leistung betteln geht / Und Dürftigkeit sich trimmt zu Festagsschmu / Und Selbstvertraun nicht zu sich selber steht / Und Ehrenspangen schamlos mißplaciert / Und Jugendgradheit rasch verkommen muß / Und wahres Können in den Dreck geschmiert / Und Stärke absackt in den Machtgenuß / Und Kunst von hohen Stellen stumm gemacht / Und Dummheit (amtlich) kontrolliert den Geist / Und bloße Wahrheit als naiv verlacht / Und der Geführte folgt der Führung dreist: / All dessen müde, wünsch ich, dass ich weg wär. / Nur fänd ich, ging ich, keine Liebe mehr.

(Übertragen von Volker Braun, 1994)

  • Mai 2014

„Für mich ist Theater wichtiger als der schönste Film, weil es lebendig ist. Alles ist verlogen, außer Theater. Auf der Bühne ist jede Lüge wahr.“ – George Tabori (24.05.1914 – 23.07.2007)

  • Juni 2014

„Warum gibt es jeden Tag Millionen an Geld für den Krieg und keinen Cent für die Heilkunde, für die Künstler, für die armen Menschen? Warum müssen die Menschen Hunger leiden, wenn in anderen Teilen der Welt die überflüssige Nahrung wegfault? Oh warum sind die Menschen so verrückt? (…) Im Menschen ist nun mal ein Drang zur Vernichtung, ein Drang zum Totschlagen, zum Morden und Wüten, und solange die ganze Menschheit, ohne Ausnahme, keine Metamorphose durchläuft, wird alles, was gebaut, gepflegt und gewachsen ist, wieder abgeschnitten und vernichtet, und dann fängt es wieder von vorn an.“
Anne Frank (* 12.06.1929 in Frankfurt/M. ; † Anfang März 1945 im KZ Bergen-Belsen), Tagebucheintrag, 3. Mai 1944

  • Juli 2014

„Für mich sind Shakespeare, Tschechow und Beckett die Mount Everests unter den Autoren. Sie wissen am meisten von diesem Kontinent namens Mensch. Shakespeare oder wer auch immer es war, der diese Stücke geschrieben hat, hat jedes Mal, wie Kolumbus, einen Kontinent entdeckt. Und für einen Schauspieler sind seine Figuren immer neu zu entdeckende Kontinente. Wenn Sie Shakespeare probieren, stoßen Sie jeden Tag auf neue Fragen. Und das Tolle ist, dass man nie dahinterkommt, was einem der Autor damit erklären will.“ – Gert Voss (10.10.1941 – 13.07.2014) im Interview mit dem Wiener Stadtmagazin FALTER (April 2014)

  • August 2014

„Nichts ist verloren, wenn du den Mut hast, zu verkünden, dass alles verloren ist, und wir erneut beginnen müssen.“ – Julio Cortázar (26.08.1914 – 12.02.1984), aus: „Rayuela: Himmel-und-Hölle“ (1963)

  • September 2014

„In dem Maße, in dem die Gedanken in Europa abgenommen haben, haben die Erfindungen zugenommen.“ – Joseph Roth (02.09.1894 – 27.05.1939) aus: Der Aberglaube an den Fortschritt

  • Oktober 2014

„Bei dem uralten Duell zwischen physischer Gewalt und freiem Gedanken ist die Gewalt im letzten Gang immer unterlegen. Wo eine diktatorische Herrschaft verwehren will, daß Ideen ausgesprochen, geformt, niedergeschrieben, verbreitet werden, da gibt es bald Verwesung, Friedhofsgeruch.“

„Wir erleben augenblicklich alle Schwankungen und Widersprüche einer Übergangszeit. Eine Kultur liegt im Sterben, und die Keime einer neuen sind kaum sichtbar.“

Carl von Ossietzky (03.10.1889 – 04.05.1938), deutscher pazifistischer Chefredakteur der »Weltbühne«, Schriftsteller und Symbolfigur des Widerstands gegen das NS-Regime, 1935 mit dem Friedensnobelpreis geehrt; im Mai 1938 im KZ Esterwege von den Nazis ermordet.

  • November 2014

„Der Dichter ist sich selbst das Gesetz, und seine Größe oder Kleinheit steht und fällt damit. Er hat nur eine Begrenzung, und das ist die weitestgesteckte von allen: die Begrenzung durch die Form.“  – Dylan Marlais Thomas (27.10.1914 – 09.11.1953)

  • Dezember 2014

„Niemand hat je so verdreht gedacht wie wir.“
Clov im Theaterstück Endspiel (1956) – Samuel Beckett (13.04.1906 – 22.12.1989)

  • Januar 2015

„Übertreibt die Satire? Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.“ – Kurt Tucholsky (09.01.1890 – 21.12.1935), aus: „Was darf die Satire?“, in: „Berliner Tageblatt“, Nr. 36, 27.01.1919

  • Februar 2015

„Es ist schon so:  Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht. / Denk an die Frage deines Kindes: ,Was tut der Wind, wenn er nicht weht?'“ – Erich Kästner (23.02.1899 – 29.07.1974)

  • März 2015

„Was für ein gespaltenes, geschichtsloses, finanziell reiches, geistig immer ärmer werdendes Volk ist existent in diesem Staat“ –
Rudi Dutschke (07.03.1940 – 24.12.1979) in der Zeitschrift „das da“ unter dem Pseudonym R. Bald

„Es gilt erst mal, ein Bewußtsein des Missstandes zu schaffen. Jetzt nicht gleich zu fragen: Gib doch die Antwort! Ein Dutschke will keine Antwort geben. Denn was soll es bedeuten, als einzelner Antworten zu geben, wenn die gesamtgesellschaftliche Bewußtlosigkeit bestehen bleibt? Die muss durchbrochen werden – dann können Antworten gegeben werden.“ – Rudi Dutschke (07.03.1940 – 24.12.1979) in einem Interview mit Günter Gaus am 03.12.1967 in der Sendung „Zu Protokoll“

  • April 2015

„Man redet umsonst von Gerechtigkeit, solange das größte der Schlachtschiffe nicht an der Stirn eines Ertrunkenen zerschellt ist.“ – Paul Celan (23.11.1920 – 26.4.1970)

  • Mai 2015

„Man hat das Theater oft eine Hure genannt und damit gemeint, die Kunst sei unrein, aber heute bewahrheitet sich das in einem anderen Sinne – Huren bieten für das bezahlte Geld nur spärliche Lust: Es bedarf nicht der Theaterkassen, um festzustellen, daß das Theater ein tödliches Geschäft geworden ist und das Publikum den Braten riecht. Wenn das Publikum wirklich einmal die Unterhaltung verlangte, von der es so oft spricht, dann kämen wir alle in Verlegenheit.“ –
Peter Brook, Theaterregisseur (geb. am 21.3.1925) aus: „DAS PUBLIKUM RIECHT DEN BRATEN“, Peter Brook über „tödliches Theater“, in: DER SPIEGEL 48/1969

  • Juni 2015

„Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben. Bewahret sie! Sie sinkt mit euch, mit euch wird sie sich heben.“ – Friedrich Schiller (10.11.1759 – 09.05.1805), Aus dem Gedicht »Die Künstler« (1789)

  • Juli 2015

In seinem Sessel, behaglich dumm,
Sitzt schweigend das deutsche Publikum.
Braust der Sturm herüber, hinüber,
Wölkt sich der Himmel düster und trüber,
Zwischen die Blitze schlängelnd hin,
Das rührt es nicht in seinem Sinn.

Doch wenn sich die Sonne hervorbeweget,
Die Lüfte säuseln, der Sturm sich leget,
Dann hebt´s sich und macht ein Geschrei,
Und schreibt ein Buch: “der Lärm ist vorbei.”

Karl Marx (05.05.1818 – 14.03.1883), aus dem Gedicht „Deutsches Publikum“

  • August 2015

„Dem Denken sind keine Grenzen gesetzt. Man kann denken, wohin und soweit man will.“ – Ernst Jandl (1. 8. 1925 – 9. 6. 2000)

  • September 2015

„Der Wohlstand des Westens beruht auf dem Elend der anderen, eine für den globalen Kapitalismus konstitutive Asymmetrie. Gewalt und Ungerechtigkeit sind systemimmanent. Globaler Wohlstand würde der Logik des Kapitals widersprechen.“ – Byung-Chul Han (* 1959 in Seoul, Südkorea) im Berliner Tagesspiegel, 17.09.2015

  • Oktober 2015

„Es kommt nicht darauf an, wie viel Platz ein Volk unter der Sonne einnimmt, sondern wie die Güter darauf verteilt sind.“ – Carl von Ossietzky (03.10.1889 – 04.05.1938), deutscher Schriftsteller und Chefredakteur der »Weltbühne«

  • November 2015

„Die Bastard-Form der Massenkultur ist schändliche Wiederholung … immer neue Bücher, neue Programme, neue Filme, Nachrichten, aber immer die gleiche Bedeutung.“ – Roland Barthes (12.11.1915 – 25.03.1980)

  • Dezember 2015

„Komödie ist Tragödie plus Zeit.“  Woody Allen (* 01.12.1935)

  • Januar 2016

„Handeln ist das Gegenmittel zur Verzweiflung.“
Joan Baez (* 09.01.2016)

  • Februar 2016

Erst wenn man weiß, daß sie enden kann / Hat man den Anfang der Liebe erreicht.
Solange Glut ist,
Kann auch Feuer sein …
(aus den Gedichten „Anfang der Liebe“ und „Liebe“)
Eva Strittmatter (08.02.1930 – 03.01.2011)

  • März 2016

„Man kann in einem großen Land etwas anpflanzen, das wichtiger ist als Baumwolle – Toleranz!“
Tennessee Williams (26.03.1911 – 25.02.1983) aus: „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, 2. Akt

  • April 2016

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ – Ludwig Wittgenstein (26.04.1889 – 29.04.1951) aus: Tractatus logico-philosophicus

  • Mai 2016

Was Brot dem Leibe, bist du meiner Seele / was dürrer Saat der Regen, bist du mir, / der ich um deine Ruh mich rastlos quäle / wie es dem Geizhals geht mit seiner Gier. / Bald möcht‘ ich prahlend meinen Schatz genießen, / bald zittre ich, daß die Zeit ihn bald mir stiehlt; / bald wünsche ich, ganz mit dir mich einzuschließen, / bald, daß mein Glück sich aller Welt empfiehlt. / Bald schwelgt mein Blick in deiner Schönheit Fülle, / um bald nach deinem Blicke zu verschmachten, / und keine andre Lust bleibt Wunsch und Wille, / als deiner Lust beseligt nachzutrachten.

So fühl ich täglich, wechselnd auf der Stelle, / mich bald im Himmel, bald mich in der Hölle.

William Shakespeare (getauft am 26.04.1564 jul. ; gestorben am 23. April jul. bzw. 03.05.1616 greg.)
aus: Shakespeare, Sonett 75 (1609); übersetzt von Karl Kraus (1933)

  • Juni 2016

„When I hear the word revolver, I reach for my culture“ (Wenn ich das Wort Revolver höre, greife ich nach meiner Kultur) – unbekannter Autor, Graffito-Inschrift in der Londoner U-Bahn

  • Juli 2016

„Ich interessiere mich für eine politische Kunst, eine Kunst der Zweideutigkeit, des Widerspruchs, der unvollendeten Gesten und des ungewissen Ausgangs – eine Kunst (und Politik), in der Optimismus in Schach und Nihilismus auf Abstand gehalten wird.“ – William Kentridge (* 28.04.1955 in Johannesburg), südafrikanischer Multimedia-Künstler

  • August 2016

„Frank Castorf ist der einzige Überlebende einer Zeit, in der man sich und die Welt auf der Bühne noch zur Disposition gestellt hat – inklusive Liebe und Politik; der letzte Mohikaner einer Idee, Theater als Gedankenmaschine zu betrachten.“ – Christoph Schlingensief (24.10.1960 – 21.08.2010), Interview: Die Welt, 28.04.2000

  • September 2016

„Der Gedanke scheint frei zu sein, aber im Menschen gibt es etwas viel Mächtigeres, etwas, das den Gedanken leiten kann.“ – Lew Tolstoi (09.09.1828 – 20.11.1910)

  • Oktober 2016

„Ich glaube nicht, daß es irgendeinen Denkvorgang gibt, der ohne persönliche Erfahrung möglich ist. Alles Denken ist Nachdenken, der Sache nachdenken.“ – Hannah Arendt (14.10.1906 – 04.12.1975), Interview mit Günter Gauss

  • November 2016

Das Denken ist nicht eine Erscheinung, die man hat oder nicht. Nichts materialisiert sich vor einem, schön immateriell, im Strahlenkranz und verschwindet wieder, etwas stinkenden Abglanz von seiner Verklärung zurücklassend, weil man den Leuten etwas verklart hat oder halt nicht. Es liegt an einem. Es liegt an jedem. Denken ist eine Umgebung, in der man sich bewegt und aus der man sich den ganzen Krempel holt, aus dem man dann seine Sperrmüll-Einrichtung bastelt und hübsch anordnet.“ – Elfriede Jelinek (* 20.10.1946), aus: „Denken ohne Haltegriffe“, Laudatio anlässlich der Verleihung des Ben-Witter-Preises an Elfriede Gerstl, 2005 © Elfriede Jelinek

  • Dezember 2016

„Das Intellektuelle, das Moralische, das Religiöse scheint mir alles natürlich verbunden und miteinander verknüpft in einem großen und harmonischen Ganzen.“ – Augusta Ada Byron King, Countess of Lovelace, allgemein bekannt als Ada Lovelace (10.12.1815 – 27.11.1852), britische Mathematikerin und  Entwicklerin einer ersten Programmiersprache. Brief an Andrew Crosse, 1844, aus: Ada, the Enchantress of Numbers: Poetical Science von Betty Alexandra Toole

  • Januar 2017

„Rastlos treibts mich um im engen Leben / Und zu Boden drücken Raum und Zeit / Freiheit heißt der Seele banges Streben / Und im Busen tönts Unendlichkeit.“ – Annette von Droste-Hülshoff (12.01.1797 – 24.05.1848), aus: Unruhe, 1816

  • Februar 2017

„Das Ausüben der Fiktion kann gefährlich sein: es setzt Ideen in den Kopf der Welt.“ – Anthony Burgess (25.02.1917 – 25.11.1993),  britischer Schriftsteller (A Clockwork Orange)

  • März 2017

„Leben heißt, dunkler Gewalten / Spuk bekämpfen in sich, / Dichten, Gerichtstag halten / über sein eignes Ich.“ – Henrik Ibsen (20.03.1828 – 23.05.1906) aus: Briefe. An Ludwig Passarge, München, 16. Juni 1880

  • April 2017

„Man muß versuchen, bis zum Äußersten ins Innere zu gehen. Der Feind des Menschen ist die Oberfläche.“ – Samuel Beckett (13.04.1906 – 22.12.1989)
Zum 111. Geburtsstag

  • Mai 2017

„Ich weise darauf hin, dass das erste Produkt menschlicher Kreativität der Gedanke ist. Und sage aus diesem Grunde: Denken ist bereits Plastik. Gedanken wirken in der Welt.“ – Joseph Heinrich Beuys (12.05.1921 – 23.01.1986)

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