Archive for the ‘Achtung Satire!’ Category

Neues aus Kalau (8)

Donnerstag, Januar 21st, 2016

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Na Mahlzeit! – Österreich führt Obergrenze ein.

Foto (c) Kobako auf Wikipedia

Foto (c) Kobako auf Wikipedia

 

Nach der Einführung der Obergrenze im österreichischen Gaststättenbetrieb spielen sich in den Ski- und anderen Touristenzentren Österreichs dramatische Szenen ab. Wie K.I.L.T. aus gut informierten Kreisen erfuhr, erlitt im Wiener Café Diglas ein Seniorenehepaar aus Bruck an der Mur nach dem Selbstbedienungsversuch mit Wiener Schnitzeln einen Schwächeanfall. Außerdem kam es zu großen Staus bei der Rückreisewelle von Saisonarbeitskräften an den bayrischen, slowakischen und ungarischen Grenzübergängen. Auf die Frage, ob auch für Deutschland eine Obergrenze geplant sei, wird der Sprecher der Bundesregierung wie folgt zitiert: „Das letzte Mal als Deutschland auf einen einfachen Kellner aus Braunau am Inn gehört habe, sei es zu einer der größten Wanderungsbewegung in der Geschichte Europas gekommen. So viele rückreisende Kellner könne Deutschland nun wirklich nicht wieder aufnehmen.“

S.v.K., Kalauer Illustriertes Tageblatt vom 21.01.2016

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CLAUS PEYMANN KANN INTERNET – SOLIAKTION ZUM 1. MAI

Freitag, Mai 1st, 2015

 

Berliner Ensemble_Zeichen

SOLIAKTION zum Revolutionären 1.Mai von Claus Peymann für die Volksbühne am Rosa-Luxemburgplatz.

volksbüne for everFotos: St. B.

Gesponsert bei  renner

RENNER RÄUMT DEN LADEN AUF!

Den Renner in seinem Lauf,
halten weder Cast noch Peysel auf.
Ein Flimmibuster vom ollen Opernkahn
Ihnen flux zu Hilfe kam.
Die Alphamännchen von der Intendanz,
Verdrängt der ConBabar mit Tanz.
Wer will denn heut noch Repertoir?
Das sagt euch Timi Superstar.

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Neues aus Kalau (7)

Mittwoch, August 27th, 2014

Aus der Rubrik Sti(e)l-Blüten:

Made pregnant! – Castorf, he did it again.

Für Vergnügen sorgte kürzlich ein Artikel des Hausmeisters T. Krause in der Welt-läufigen Tageszeitung gleichen Namens. Darin wurde der Intendant der Berliner Volksbühne Frank Castorf stiefmütterlich zum kleinkarierten Vorgartenzwerg der Nation degradiert. Krause hatte sich im Ort und Resort geirrt und fälschlicherweise in Bayreuth den Rasen des Grünen Hügels gemäht. Dabei entdeckte er leider keine Tulpenzwiebeln, geschweige denn das im Programm der Bayreuther Festspiele in Aussicht gestellte Erdöl, sondern nur die Gebeine von Blondie, dem Hund des Führers selig.

Unter seinem Po lehmig, den das Blatt unter der Rubrik „Mein Garten“ abdruckte, beschwerte sich Krause, indem er ein paar pregnante Sätze über die defekte Ring-Rasensprenganlage im Garten des Festspielhauses fallen ließ, er habe sich beim Zusammenfügen der Steck-Bausätze die Finger geklemmt. Der zufällig vorbeikommende Castorf, Regisseur des Bayreuther Rings, erklärte sich auf Anfrage Krauses für nicht zuständig. Woraufhin dieser ihn als einen typischen Fall von beschränkter Kompost-Fixierung betitelte.

Außerdem hieß es, Krause gehe nun mit dem Gedanken schwanger, endlich eine tragende Rolle in der Rasensprengerpresse zu spielen. Aus gut informierten Kreisen war zu erfahren, dass der Ein-Euro-Jobber jetzt in einer von der Arbeitsagentur Hamburg finanzierten Arbeitsbeschaffungsmaßnahme auf Ressortleiter „Grünstreifen“ beim Buxtehuder Wochenblatt umschult.

Wir versenden von hieraus die besten Genesungswünsche.

Das K.I.L.T.-Team

Auf dem grünen Hügel der Welt. Das Festspielhaus Bayreuth Foto: United States Library of Congress (Wikipedia)

Auf dem Grünen Hügel der Welt. Das Festspielhaus Bayreuth
Foto: United States Library of Congress (Wikipedia)

S. v. K., Kalauer Illustrierte Tagesblätter, 27.08.2014

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Denkerpause, bitte nicht stören!

Samstag, November 30th, 2013

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Drücken.

denkerpauseDrückt da wer?
Da drückt doch wer.
Wer drückt denn da?
Drück doch mal!
Drückst Du schon?
Ich drücke schon.
Drück Dich nicht!
Drücke mich!
Dass ich mich nicht drücke.
Es ist gedrückt.
Drück Dich aus!
Wie drücke ich mich aus?
Ist es ausgedrückt?
Es ist ausgedrückt.
Aus ist es gedrückt.
Gedrückt geh ich aus.
Ausgedrückt!

Aus!

Text und Fotomontage: St. Bock

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Das ganze Leben (usw.)

Mittwoch, Juli 17th, 2013

So ist das Leben
       Sprach er munter
            Mal geht es rauf
       Dann wieder runter
So wie das Wetter
       Sprach er weiter
            Mal ist es wolkig
       Dann wieder heiter

            Erst bist du jung
       Dann wirst du älter
Noch ist dir heiß
       Bald immer kälter
             Erst volles Haar
       Dann eine Glatze
Schön dein Gesicht
       Bald ist es Fratze

Was einstmals glatt
     Bekommt nun Falten
                    Zwecklos
                        Sprach er
                      Es aufzuhalten
               Am Anfang schmal
         Dann immer breiter
    Gehst du durchs Leben
usw. …

Max_und_Moritz_(Busch)_Onkel FritzeBild: W. B.

Text: St. B.

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Don’t worry, be happy!

Mittwoch, Juni 26th, 2013

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Unbeschwert

S.P.O.N. – Die Mensch-Maschine:
Unbeschwert durchs Überwachungsnetz

Mensch-Maschinen über Neuschland oder
Unbeschwert durchs Überwachungsnetz

In Moskau sitzt ein Transitman,
Das Web ruft: „Catch him if you can.“
Wie flüchtig Schnee schmilzt da sein Bett,
Freiheit gibt’s nur im Internet.

Eurohawk-Drone - Wikipedia.de

Euro-Hawk-Drohne
Wikipedia.de

Derweil umwölkt von wilden Drohnen,
In denen dunkle Saubermänner wohnen,
Sitzt unser Neuland-Merkel ganz in Ruh,
Und Sascha Lobotomie singt dazu.

Ein Lied vom Prism-Sauger, so geschwind,
Durch saubre Hirne säuselt leis’ der Wind.
So völlig unbeschwert geht jeder Depp,
Zum Nachladen ins World Wide Web.

Der Bundestag rührt trübe Kacke.
Wen trifft denn nun die Euro-Hacke?
Niemand ist Schuld an der Misere,
Nach Bruchlandung die große Kehre.

Und sanft ein Hawkwind weht von Ferne her,
Den Text für Fliegerhorst a.D. Maizière.
Der geht: „And I’m still feeling mean –
Well, God will send me a silver machine.“

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Pfeift Snowden uns jetzt was aus Wien?
„Well I just took a ride in a silver machine.“

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Mein Blog, das unbekannte Wesen. Eine kleine Migrationsgeschichte zum 1. Mai.

Mittwoch, Mai 1st, 2013

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Es ist wieder soweit. Heraus zum 1. Mai! Wann wir schreiten Seit‘ an Seit’… Seid umschlungen, Millionen! Nur, wer sind eigentlich diese Millionen? Und wo sind die? Kenne ich einen davon? Manchmal plagen einen so Fragen, denke ich bei mir, während ich mein Notebook aufklappe. Und nun? Schon wieder 1.Mai. Was kann einem dazu schon noch einfallen? Ach, übrigens, hatte ich schon erwähnt, dass ich jetzt endlich auch jemanden mit Migrationshintergrund kenne? Als ich nämlich letztens meinem Blog meine neuesten, noch ganz frischen Gedanken mitteilen wollte, bevor sie im ach so schnelllebigen World Wide Web ihr Verfallsdatum erreicht haben, da versteht es mich plötzlich nicht mehr.

Mein Blog hat einen Migrationshintergrund?

Hat mein Blog einen Migrationshintergrund?

Ja, mein Blog, dieses nicht mehr wegzudenkende Anhängsel meiner virtuellen Existenz, spricht plötzlich eine andere Sprache. Es hatte klammheimlich, oder auch zwangsweise, ich rätselte noch eine Weile, sein Aussehen und seine Sprache verändert. Es kannte keine Ä-Ö-Ü- und sonstige Strichelchen mehr und die Admin-Seite befahl mir lauter Sachen auf Englisch. Schon diese merkwürdigen Internationalismen wie Admin. Früher hieß das einfach Verwalter. Ich war noch bis vor kurzem der uneingeschränkte Verwalter über einen kleinen, ganz und gar mir anvertrauten Bereich der digitalen Welt. Hier konnte ich mich sogar fast wie ein kleiner Alleinherrscher fühlen. Und nun, da mir diese Herrschaft nach und nach entglitt, was war ich jetzt?

Na ja, dachte ich mir, etwas Internationalismus im Netz kann ja heutzutage nicht schaden, solange man noch einigermaßen den Durchblick behält. Dieser Durchblick wurde mir aber nun durch eine mir völlig schleierhafte Useroberfläche und Menüführung förmlich vernebelt. Ich war so ziemlich am Verzweifeln. Admin, Admax, Admurx, ich wollte einfach mein altes Blog wieder haben.

„War mein Blog ein Netzflüchtling oder gar Opfer von digitalen Repressionen?“

Ich rief schließlich die Hotline meines Internetanbieters an. Nachdem ich eine Weile in der Warteschleife gehangen hatte, und dabei wechselweise Fahrstuhl-Musik zu hören bekam oder irgendwelche Zahlenkombinationen in den Hören bellen musste, fühlte sich endlich jemand für mein Problem zuständig. Ob ich denn nicht die Nachricht bekommen hätte. Was denn für eine Nachricht, fragte ich ziemlich zerknirscht.

Die Nachricht war vor einem Monat an die Mail-Box meines Kunden-Accounts versandt worden, die ich so gut wie nie besuchte, und lautetet: „Es ist unser Ziel, immer allen aktuellen technischen und sicherheitsrelevanten Anforderungen zu entsprechen. Daher teilen wir Ihnen mit, dass Ihr eingerichtetes Blog automatisch auf die aktuelle Version der Publishing-Plattform (XY) migriert wird. Und das Beste: Sie brauchen nichts weiter zu tun…“ Leider wären dabei einige Schwierigkeiten aufgetreten, an denen man aber bereits fieberhaft arbeite.

„HALLO? DEUTSCH! Versteht mich denn hier keiner?“

Ich war fassungslos. Also ohne mein Zutun migrierte mein Blog gerade in der virtuellen Weltgeschichte umher. War es zum Netzflüchtling geworden, gar Opfer von digitalen Repressionen? Musste ich mir ernsthaft Sorgen machen? Man vertröstete mich. Ich könne ja noch froh sein, dass alles in Englisch wäre. HALLO? DEUTSCH! Verstand mich denn hier keiner? Aha, ich sollte mich also allen Ernstes noch dafür bedanken, dass das Blog nicht nach China migriert sei, und ich täglich mit kryptischen Schriftzeichen begrüßt würde.

Ich war begeistert und harrte nun jeden Tag, tapfer aufkeimende nationalistische Gelüste in mir unterdrückend, auf die Rückkehr meines Blogs im Internet. Aber außer lauter Nachrichten und Kommentaren in mir nicht bekannten Sprachen, da waren sie also doch noch die chinesischen und vermutlich auch noch japanischen Kamikaze-Schriftzeichen, tat sich nichts. Ich kämpfte aufopferungsvoll gegen den auf mich einstürmenden internationalen Spam und kam mir dabei schon wie der Migrationsbeauftragte der Bundesrepublik Deutschland vor.

„Ein Musterbeispiel geglückter Integration.“

Als ich die Hoffnung so langsam aber sicher aufgegeben hatte, war es urplötzlich doch wieder da. Mein Blog, zurückgekehrt von der Bildungsreise im WWW, oder meinetwegen auch erfolgreich migriert, sprach, man glaubt es kaum, lupenreines Deutsch. Ein Musterbeispiel geglückter Integration dachte ich stolz bei mir, während sich die Seiten wieder mit meinen allerinnigsten eigenen Gedanken füllten. Ich glaube, wir werden jetzt doch noch richtig bestes Freunde, ich und mein Blog mit dem Migrationshintergrund. Aber zum eigentlichen Thema zurück. 1. Mai! Was war da gleich noch? Ach ja, genau, by the way, auf welche Demo gehen Sie eigentlich heute?

Die Digitale Bohème bei ihrer Lieblingsbeschäftigung. Gemeinsam einsam im globalen Dorf des www. -  Foto: leralle unter CC-Lizens auf flickr.com

Die Digitale Bohème bei ihrer Lieblingsbeschäftigung. Gemeinsam einsam im globalen Dorf des www. – Foto: leralle unter CC-Lizens auf flickr.com

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Frust statt Brust – Sibylle Berg alias „Frau Sibylle“ randaliert in ihrer S.P.O.N.-Kolumne auf Spiegel online und beklagt sich dabei über das Elend im deutschen Stadttheater.

Mittwoch, April 17th, 2013

Wir kennen Sibylle Berg als genaue Beobachterin und unerbittliche Beschreiberin menschlicher Unzulänglichkeiten. Die Ergebnisse heißen dann z.B. „Das Unerfreuliche zuerst. Herrengeschichten.“ oder „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot.“ Ironie und Schwarzer Humor waren eigentlich nie ihr Problem. Seit etwas zwei Jahren schreibt Sibylle Berg eine der S.P.O.N.-Kolumnen auf Spiegel-online namens „Fragen Sie Frau Sibylle“. Unter der Schlagzeile Zeit für Frustrandale sitzt sie nun zu Gericht über die Krise des deutschsprachigen Sprechtheaters. Tatsächlich ein seltsamer Begriff. Sprechtheater klingt irgendwie wie Brechtheater, ohne zweites t in der Mitte versteht sich. Was ist passiert? Warum geht es Frau Sibylle so schlecht? Sie war lange nicht mehr glücklich im Theater. Und ich kann das sogar in Teilen nachvollziehen.

3783Sibylle Berg

Sibylle Berg (* 2. Juni 1962 in Weimar) ist eine deutsche Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie schreibt Romane, Essays, Kolumnen und Theaterstücke. – Foto: Udo Grimberg (Wikipedia)

Nur woran liegt das? An leidenden, halbnackten Frauen, zu vielen Männern am Theater oder langweiligen Spielplänen? Wer hat das deutsche Stadttheater zur „Minna“ gemacht? Wer raubt uns mit den ibs-ten „Räubern“ den Nerv? An jedem zweiten Theater wird passend zur Krise ein „Kirschgarten“ abgeholzt. Keine Ideen, kaum neue Stücke, wenig interessante Rollen für Frauen. Kurz – das Elend, konstatiert Frau Sibylle. Den schwarzen Peter bekommen nun der Stein und der Zadek. Bei denen rannten ja bekanntlich schon in den 70ern Nackte über die Bühne und schrien. Alles Schreier, außer Schlingensief und Pollesch. Wenn Christoph Schlingensief weiter brav den Messdiener gegeben hätte, würde ihn wahrscheinlich heute noch keiner kennen. Und René Pollesch ist auch erst seit ein paar Jahren etwas ruhiger geworden.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass die Volksbühne vor ziemlich genau 10 Jahren drei nackte Komparsen für Schlingensiefs „Atta, Atta, die Kunst ist ausgebrochen!“ suchte. Ob diese schon nackt zum Casting erscheinen mussten, ist mir allerdings nicht bekannt. Wenn das damals nicht nur ein Fake gewesen wäre, hätte Frau Sibylle sich etwa geweigert in der Volksbühne von einem/er nackten Komparsen/in zu ihrem Platz geleitet zu werden? Bereits 1993 bei „100 Jahre CDU – Spiel ohne Grenzen“ forderte Schlingensief das Publikum auf, sich nackt auszuziehen. Gleichberechtigung für alle! „…seid nackt, nackt, nackt!“ Wäre ihm Frau Sibylle gefolgt? Aber zumindest gematscht wurde jede Menge bei Schlingensief. Also bitte bloß keine neue Ekeltheaterdebatte.

Sebastian Hartmann inszeniert nach Shakespeares Was ihr wollt und dem Nackten Wahnsinn. Premiere: 19. November 2011.

Nackte am Theater? Wo gibt’s denn sowas?
Birgit Unterweger in „Nackter Wahnsinn – Was ihr wollt“ am Centraltheater Leipzig, Regie: Sebastian HartmannFoto: David Baltzer/bildbuehne.de

Man sieht, Nackte am Theater, das ist alles ein ziemlich alter Hut, auf den sie da drischt. Dazu gibt es sogar schon genau so lange, wie es Frau Sibylle gibt, eine Doktorarbeit von Ulrike Traub. Nur was will sie nun eigentlich wirklich? Allgemeine Ratlosigkeit durchzieht diese Klage. Aber lesen Sie erst noch einmal hier selbst nach. Und, schlauer? Muss man(n)/frau sich nun wohl oder übel ernsthaft Gedanken oder sogar Sorgen machen? Sicher, es ist bedauerlich, Christoph Schlingensief ist tot, Peter Zadek schon etwas länger. Nur Peter Stein geistert noch durch die Theatergeschichte, immer in gehörigem Abstand zur Gegenwart, dem Publikum und vor allem der Kritik. Einen Beitrag zur Bankenkrise oder dem Irak-Krieg würde man aber wohl auch von René Pollesch vergeblich einfordern. Die Folge ist Frust statt Brust. Randale durch sinnverhüllende Verweigerung. Frau Sibylle leidet, und wir leiden beim Lesen zwangsläufig mit.

Wissen Sie, was das Komische an Kolumnen wie „Fragen Sie Frau Sibylle“ ist? Obwohl niemand gefragt hat, bekommt jeder eine Antwort. Aber so isses halt immer schon gewesen, die Sibylle hat nie wirklich einer gefragt. Trotzdem hat sie unermüdlich geunkt, von der Antike bis in die heutige Zeit. Irgendwann hat sich das verselbständigt, und die Sibyllen schossen wie Hallimasch aus dem Boden. Vermutlich jedes zweite Kräuterfräulein, das zu viel vom eigenen Gesammelten und Gebrutzelten genascht hatte, hielt sich für eine gottberufene Prophetin. Die Sibylle entwickelte sich tatsächlich schon in der Antike schnell zu einer Art Berufsbezeichnung. Und es waren meist Männer, die in einsamen Nächten in ihren Klosterzellen anfingen, den ganzen Unsinn aufzuschreiben. Viele Seiten füllen die verschiedensten sibyllinischen Schriften.

Jeder Kult, jede Religion, jede Epoche kennt diese weibliche Form der ekstatisch kryptischen Prophetie. Die aus rasendem Munde Ungelachtes und Ungeschminktes und Ungesalbtes redet und mit ihrer Stimme durch tausend Jahre reicht. So hat Heraklit die Sibylle beschrieben. Und es dürften mittlerweile weit über zweitausend Jahre sein. Viel schlauer ist seither allerdings noch keiner geworden. Und beim Barte des Propheten oder den roten Haaren der Sibylle, warum das so ist, daran scheiden sich noch heute die Geister.

Da unsere Frau Sibylle tatsächlich Frau Sibylle heißt, und zwischen zwei Theaterstücken und ein paar Büchern auch noch Zeit für die Prophetie hat, dürfen wir das nun im Onlinezeitalter wöchentlich lesen, was sie so umtreibt, oder ihr, wie Herr Stadelmaier (auch so eine Art Prophet am Theater) es sagen würde, durch die Rübe rauscht. Vielleicht sollte Frau Sibylle tatsächlich mal was rauchen. Das entspannt ungemein, wenn man mal wieder gerade kurz vor der Frustrandale steht. Oder, auch eine Möglichkeit, Herrn Stadelmaier fragen. Dann werden die Orakelsprüche zwar auch nicht hellsichtiger, aber höchst wahrscheinlich lesbarer.

Und so bleiben wir bis dahin ebenso ratlos, wie Frau Sibylle selbst, und schauen in das Grab, das sich da aufgetan hat und alles zu verschlucken droht. Das gute alte Stadttheater samt halbnackten Schreihälsen, die rumstehen, rumlaufen oder gute Texte in guter Betonung aufsagen und natürlich den vielen Textarbeitern, die an ihrem „heteronormativen Weltbild“ meißeln. Und Frau Sibylle, als leidende Frau und hin- und hergerissene Autorin, immer mittendrin, im Strudel der schier unendlichen Kunstformen und -begriffe, die doch keiner begreift. Zwischen Skylla und Charybdis, René Pollesch und She She Pop, klassischem Bildungsbürgertum und freien Gruppen.

Träumen von Geschwindigkeit, Bildern, Tempo, Mut, alles zu ändern? Wer will das schon, wenn es Texte wie diesen gibt, den man ohne ganz in Rage zu verfallen, zusammenfalten und als Papiertiger zu den Akten legen kann. Abteilung: Schriften aus der Grotte. Sie wissen schon, da wo die Sibylle wohnt. Und jetzt? Bei den unergründlichen Tiefen des Hellespont. Worum ging es eigentlich noch? Stein und Zadek, Nackte und Schreihälse? Selbstreferenzielles von Theaterschaffenden, Sibylle Berg, Inga Stade oder IM Lustig? Die Kommentatorenkästchen auf Spiegel-online und nachtkritik.de laufen jedenfalls über vor lauter guten Ratschlägen. Oder geht es etwa doch wieder mal um die Revolution am Theater? Sagte ich schon, dass ich ratlos bin? Ich weiß nur eines: Hallimasch macht Heil im Ar… Und jetzt raten Sie mal, wo das der Regelfall ist. Oder fragen Sie Frau Sibylle.

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Frühlingspoesie im Schnee. O weh!

Mittwoch, März 20th, 2013

Draußen rieselt leis der Schnee,
In die Stille starrt ein Reh.
Und in seinem dünnen Rock
Steckt ein Fläschchen Winter-Bock.
Zaghaft bricht es aus dem Wald –
Glaube nur, es ostert bald.

winter-bock.jpgText und Collage: St. B.

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Neues aus Kalau (6)

Dienstag, Januar 8th, 2013

War Richard Wagner etwa doch schizophren?

Wie den Kalauer Illustrierten Tagesblättern (KILT) aus gut informierten Kreisen (dapd/jW) zugetragen wurde, trennt der Dirigent und Wagner-Verehrer Christian Thielemann strikt zwischen der Musik des Komponisten Richard Wagner, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird, und dem Autor antisemitischer Schriften wie „Das Judenthum in der Musik“. Thielemann geht sogar soweit gegenüber der B.Z. (Samstagausgabe vom 05.01.13) zu behaupten, der Komponist Wagner und der Antisemit Wagner seien zwei verschiedene Menschen. O-Ton Thielemann: „“Die kennen sich überhaupt nicht!““

Der Generalmusikdirektor der Dresdner Staatskapelle Christian Thielemann hat nämlich soeben ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: „Mein Leben mit Wagner“ (erschienen bei C.H. Beck). Nun haben wir es also endlich schwarz auf weiß und aus profundem Mund. Wagner war schizophren. Und der zweite Weltkrieg samt Holocaust scheint auch bloß der Irrtum eines musikliebenden Schizos gewesen zu sein, der sich mal eben nur kurz in der Partitur vergriffen hatte.

„“Richard Wagner hat mich mit mir selbst konfrontiert““ bekennt Thielmann in seinem Buch. Leider hat er dabei vergessen zu erwähnen, welchen von den beiden Menschen Wagner er da genau meint. In diesem leichten Fall von Verwirrung plädieren wir natürlich genau wie Thielemann selbst für Toleranz und hoffen auf baldige Rückbesinnung. In Fällen wie diesen soll sich ja z.B. eine Luftveränderung durchaus gedächtnisfördernd auswirken. Da trifft es sich gut, dass Thielemann nach dem Besteigen des Grünen Hügels immer ein besonderes Ritual pflegt. „“Und ich gehe gern vor der allerersten Probe, wenn das Orchester noch nicht da ist, in den Graben und atme den Geruch dort.““ Und wenn das nicht hilft, bläst ihm demnächst ganz bestimmt Henryk M. Broder in einer seiner berühmt-berüchtigten Kolumnen die Nase wieder frei.

S. v. K.

wagner-und-wien_mk.jpg  wagner-und-wien_ok.jpg

Eine gespaltene Persönlichkeit? Wagner mit und ohne Kopfbedeckung in einer Ausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek Wien – Fotos: St. B.

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