Archive for the ‘Aktuell’ Category

„Nichts von mir“ und „Die Frau, die gegen Türen rannte“ – Oliver Reese startet am neuen Berliner Ensemble sein internationales Autorenprogramm der Gegenwart mit sperriger bis trotziger Dramenkost

Dienstag, Oktober 10th, 2017

___

Nichts von mir am Berliner Ensemble – Foto (c) Julian Röder

„Eine kleine Wohnung. Leere Zimmer. Fast keine Möbel. Du und ich.“ So lauten die Eingangssätze in Nichts von mir, einem Drama des norwegischen Autors Arne Lygre, mit dem Oliver Reese neben Caligula und Der kaukasische Kreidekreis seine BE-Intendanz nun auch am Kleinen Haus (im Hof des neuen Berliner Ensembles) startet. Das Stück, das in deutscher Erstaufführung unter der Regie der slowenischen Regisseurin Mateja Koležni gezeigt wird, ist ein relativ sperriger Brocken zeitgenössischen Theaters. Es erinnert in Teilen an den norwegischen Kollegen Lygres, Jon Fosse, dessen atmosphärisch und emotional kalte Dramen wie Der Name oder Das Kind bereits an der Berliner Schaubühne zu sehen waren. Nachdem der dortige Intendant Thomas Ostermeier das Inszenieren internationaler und bevorzugt skandinavischer Dramatik auf das FIND beschränkt hat, scheint das Berliner Ensemble damit auch in eine offensichtliche Lücke gestoßen zu sein.

Schon das Bühnenbild von Raimund Orfeo Voigt, das mit den oben genannten Eingangsätzen hinreichend beschrieben ist, vermittelt den Eindruck formal starker Reduktion wie auch Lygres einfache Sprache. Um die Wirkung von Sprache geht es dann auch in diesem episodenhaften, örtlich begrenzten Beziehungsdrama (ebenfalls eine Spezialität von Jon Fosse). Sie hat sich getrennt und bezieht mit ihrem neuen Partner (Er) besagte Wohnung. Sie und Er treffen nun in unterschiedlichen Konstellationen, auch mal allein mit der Mutter, ihrem Sohn oder dem Ex in der Wohnung zusammen. Der Witz an Mateja Koležniks Inszenierung ist, dass die Figuren hier mit jeweils drei weiblichen (Judith Engel, Corinna Kirchhoff, Anne Ratte-Polle) und drei männlichen Schauspielern (Owen Peter Read, Gerrit Jansen, Martin Rentzsch) besetzt sind, die dazu identische Kostüme tragen.

 

Nichts von mir am Berliner Ensemble – Foto (c) Julian Röder

 

So entwickelt sich auf der Bühne eine Art streng choreografierter, leicht zeitversetzter Szenenreigen, der aus den immer gleichen Verrichtungen wie Duschen, Frühstück, Rauchen und Reden bestehet. Es klickt die Mikrowelle, ein Glas Wasser wird auf den Tisch gestellt, Er isst aus einer Schale, Sie kippt ein Glas Wasser aus, geht zum Rauchen auf die verglaste Veranda und lässt die Streichholzschachtel davor fallen. Er räumt ihr die Schuhe hinterher und reinigt den Aschenbecher. Da immer alles in Bewegung ist, entsteht dabei ein zunächst durchaus interessanter atmosphärischer Sog des Aneinander-Vorbeilebens und der eigentlich seelisch-emotionalen Verkrüppelung, was die inhaltlich knappen Sätze über Erinnerungen an frühere Ereignisse, Hoffnungen für einen Neustart, Zweifeln und das Sinnieren über ein wiederholtes Scheitern in der neuen Beziehung unterstützend verdeutlicht. Die stetigen Wiederholungen bilden so den Rahmen für einen Loop des scheinbar Unausweichlichen.

Sie hat ihre Tochter bei einem Unfall auf einem zugefrorenen See verloren, wofür sie sich die Schuld gibt. Sie will einen Neuanfang ohne diese Erinnerungen, eine Auslöschung ihres früheren Ichs. Der Ex will Sie dagegen gerne wiederhaben. In Gesprächen mit der Mutter und dem Sohn werden emotionale Defizite spürbar. Wer ist man eigentlich, und wieviel des anderen steckt in einem selbst? Machtspiele und Verletzungen wechseln mit dem Streben nach Zuneigung und Liebe. Dazu wechseln die Zeitebenen. Ohne Textkenntnis fällt es einem da oft etwas schwer zu unterscheiden, wer überhaupt spricht. Daher ist das Drama wohl auch im Programmheft abgedruckt worden. Trotz darstellerischer Höchstleistung und perfekter Umsetzung der Regieidee muss man sich schon etwas durch das Geschehen auf der Bühne mühen, bis Corinna Kirchhoff erneut zu den finalen Pillen greift.

***

Nichts von mir (Berliner Ensemble, 06.10.2017)
von Arne Lygre
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Regie: Mateja Koležnik
Bühne: Raimund Orfeo Voigt
Video: Philipp Haupt
Kostüme: Alan Hranitelj
Musik: Mitja Vrhovnik-Smrekar
Dramaturgie: Sabrina Zwach
Choreografie: Matija Ferlin
Licht: Ulrich Eh
Mit: Judith Engel, Corinna Kirchhoff, Owen Peter Read, Gerrit Jansen, Martin Rentzsch, Anne Ratte-Polle
Uraufführung: 26.04.2014 im Stadsteatern Stockholm
Die Premiere der Deutschen Uraufführung war am 22.09.2017 im Kleinen Haus des BE
Dauer: 1 Std 20 Min, keine Pause
Termine: 14., 15.10. / 18., 19.11. / 23., 25., 26.12.2017

Zuerst erschienen am 07.10.2017 auf Kultura-Extra.

**

BE-Gegenwartsoffensive – Foto: St. B.

Wesentlich mehr Dramenpfeffer bietet der Roman Paula Spencer (2006) des irischen Booker-Preisträgers Roddy Doyle (Die Commitments), den Oliver Reese bereits 2007 für das Schauspiel Frankfurt adaptierte. Nun ist die Inszenierung in einer Wiederaufnahme im Kleinen Haus des BE zu sehen. Reese hat diese monologische Lebensbeichte der Paula Spencer, einer alkoholsüchtigen proletarischen Unterschichten-Frau aus einem Arbeiterbezirk Dublins, unter dem Titel Die Frau, die gegen Türen rannte der Schauspielerin Bettina Hoppe auf den Leib geschrieben.

Hoppe ist – wie auch andere neue Ensemblemitglieder des BE – in Berlin keine Unbekannte. Sie spielte bereits am Deutschen Theater, dem Maxim Gorki Theater und der Schaubühne, bis sie Reese 2009 ans Schauspiel Frankfurt folgte. Nun steht sie in blonder aufgelöster Dauerwelle, ausgewaschenen Jeansrock und fürchterlichem 80th-Sweater auf einer weißen, gepolsterten Halfpipe, die einerseits wie ein Setting für Modefotografie aussieht, andererseits aber auch wie eine Gummizelle wirkt. Und Roddy Doyle hat da wohl von allem auch ein wenig in dieser Figur angelegt. Eine Frau, die nach diesem Lebenslauf am Rande des Wahnsinns stehen müsste, behauptet sich mit dem Selbstverständnis eines die Kamera gewohnten Models.

 

Bettina Hoppe als Paula Spencer – Foto (c) Birgit Hupfeld

 

Ein Lebenstraum, der sich für die Putzfrau Paula Spencer nicht erfüllt hat. Seit der Kindheit ist sie Hartes gewohnt. Der Titel „Schlampe“ hängt ihr früh in der Schule an. Trotzdem hat sie mit 39 Jahren das Träumen noch nicht ganz aufgegeben. Mit ihrer großen Liebe, dem Kleinkriminellen Charlo, hat Paula vier Kinder, jahrelang seine Affären und Schläge erduldet und ihn schließlich mit der Bratpfanne aus dem Haus gejagt. In ihren Worten liegt viel Mutterwitz. „Was vorne an der Tür steht, ist mit Vorsicht zu genießen.“ heißt es gleich zu Beginn, als ihr ein Polizist die Nachricht vom Tod ihres Mannes überbringt, der bei einem versuchten Bankraub mit Entführung erschossen wurde. Nun reflektiert Paula ihr Leben aus der Sicht einer unterprivilegierten Frau, die trotzdem keine Sekunde davon bereuen will. „Ich hab ihn geliebt, als ich ihn rauswarf und ich liebe ihn jetzt.“

Dabei ist natürlich auch viel Verdrängung im Spiel. Doyle würzt die mitunter schönenden Erinnerungen Paulas mit den für ihn typischen schwarzen Humor, der die Wahrheit tragikomisch verpackt. Auf die Fragen der Ärzte nach ihren blauen Flecken behauptet sie stets gegen die Tür gerannt zu sein. Bettina Hoppe interpretiert diese im wahrsten Sinne des Wortes blauäugig rückblickende Lebensbeichte der Paula Spencer sensationell mit der losen Schnodderigkeit einer unverzagten Stehauffrau. „Mein Leben hat einen tollen Soundtrack.“ Bei dem britischen 70er-Jahre-Smash-Hit der Rubettes „Sugar Baby Love“ träumt sie, zu „I Can Do It“ tanzt sie befreit auf. Die 80er und 90er gibt Paula zu nur wie im Nebel erlebt zu haben. Lichtblicke sind ihr aber die Kinder. Und sie trinkt auch nur am Abend, wenn es keiner merkt. Das aber mit aller Konsequenz. Scham und Stolz, Elend und Glanz halten sich bei ihr stets die Waage.

„Was jetzt?“ fragt sich Paula am Ende. Ob ihre einzige Hoffnung ihre selbstständige älteste Tochter ist oder sie selbst nochmal durchstarten wird, hält die Inszenierung offen. Trotzdem gelingt Oliver Reese und seiner Hauptdarstellerin Bettina Hoppe ein eindrucksvolles Portrait einer starken Frau.

***

Die Frau, die gegen Türen rannte (BE, 03.10.2017)
von Roddy Doyle
Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann
Regie: Oliver Reese
Bühne: Olga Ventosa Quintana
Kostüme: Lena Schwind
Licht: Steffen Heinke
Dramaturgie: Sibylle Baschung
Mit: Bettina Hoppe als Paula Spencer
Berlin-Premiere im kleinen Haus des Berliner Ensembles war am 03.10.2017
Dauer: 1 Std, keine Pause
Termine: 29.10./ 14., Do 30.11.2017

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 07.10.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Camus‘ „Caligula“ und Brechts „Kreidekreis“ – Spielzeitstart am neuen Berliner Ensemble unter Oliver Reese

Mittwoch, Oktober 4th, 2017

___

Albert Camus‘ Caligula – Antú Romero Nunes veranstaltet zur Eröffnung der Intendanz Reese ein nihilistisches Kettensägengeknatter mit Constanze Becker und ein paar Horrorclowns

CALIGULA am Berliner Ensemble
Foto (c) Julian Röder

Mit einer großen Gegenwartsoffensive startet Oliver Reese seine Intendanz am Berliner Ensemble. Nach dem Brecht– und Handke-Museum von Claus Peymann soll es nun also Gegenwartsdramen satt geben. Der Autor Moritz Rinke legt ein sogenanntes Autoren-Programm auf. Nur steht zur Eröffnung der neuen Spielzeit und Zeitenwende am neuen Berliner Ensemble ein auch nicht mehr ganz taufrischer Dramatiker auf dem Programm. Jung-Regiestar Antú Romero Nunes bringt mit Caligula ein Frühwerk des Existenzialisten Albert Camus auf die große Bühne des BE. Camus begann 25-jährig 1938 an der Arbeit dieses, von ihm selbst als „Tragödie der Erkenntnis“ bezeichneten Stücks. Unter dem Einfluss der Nazi-Diktatur in Deutschland verwarf er 1941 seinen ersten Entwurf. Das Stück kam erst nach dem Krieg 1945 in Paris zur Uraufführung.

Die Philosophie der Erkenntnis lag für Camus allerdings einzig in der „Binsenweisheit“: „Die Menschen sterben und sie sind nicht glücklich.“ Nachdem der junge römische Kaiser Caligula nach dem Tod seiner Schwester dies trauernd feststellt, beschließt er nach dem Unmöglichen (u.a. den Mond) zu streben und in nihilistischer Weise alle Werte umzukehren, was sich in der grenzenlosen Ausnutzung seiner Macht und besonderen Grausamkeit gegen Senatsmitglieder und Patrizier zeigt. Als historisches Beispiel diente Camus der römische Kaiser Gaius Caesar Augustus Germanicus, der dafür bekannt war, korrupte Senatoren zu foltern und hinzurichten. Von ihm ist der Ausspruch überliefert: „Sollen sie mich doch hassen, solange sie mich fürchten.“ Ein wahrhaftes Tragödienzitat.

Gehasst und gefürchtet wird auch bei Regisseur Nunes, nur eine echte Tragödie will es dann doch nicht werden. Allzu schwere Kost soll es für den Beginn der neuen Zeit am BE auch nicht sein. Nunes hat Camus‘ Stück entschlackt und einiges an Text gestrichen für eine düster-ironische kleine Horrorshow, die er mit einem mehrfachen „Nichts“ als Zitat für den verschwunden Kaiser und einer vor rotem Vorhang auf der Suche befindlichen, grell geschminkten Halloween-Clownstruppe beginnt. Roms feige buckelnde Senatoren bekommen dann auch schon bald Saures anstatt süßer Speise, was einen kurzen Tumult auslöst, der aber nach dem ersten willkürlichen Mord an einem der schlotternden Patrizier (Annika Meier) schnell verebbt.

 

CALIGULA am Berliner Ensemble – Foto (c) Julian Röder

 

Durch die grelle Horror-Clownerie der Höflinge wird nicht gleich klar, wer für wen spricht. Die Intension sie lächerlich zu machen, scheint jedoch nicht verkehrt. Der Clou des Abends ist aber, Caligula mit der Schauspielerin Constanze Becker zu besetzen. Eine triumphale Rückkehr aus Frankfurt nach Berlin, wo sie am benachbarten DT einige Jahre die Muse des nun ebenfalls am BE inszenierenden Michael Thalheimer war. Was die anderen an Geckhaftigkeit und Charche verspielen, holt Constanze Becker als zunächst melancholische Träumerin und später als blutbesudelte Motorsägenschwingerin wieder raus. Da spritzt das Blut und fliegen die Späne. Die Frau im Haus erspart den Zimmermann.

Frank Castorf hatte 2000 an der Volksbühne Camus Caligula mit Georges Batailles Das Obszöne Werk kurzgeschlossen. Die Umkehrung aller Werte ins grenzenlos freie Böse bei Camus verbindet sich mit der uneingeschränkten Wollust in Batailles Erzählung Die Geschichte des Auges zu einem Aufstand gegen den vorherrschenden Konsens der Vernunft. Die Hochzeit von Sexualität und Tod. Maßlosigkeit bis zum Exzess. Wie das so bei Castorf ausgeht, kann man bald selbst wieder am neuen BE erleben. Die Frage nach zügelloser Freiheit und Tyrannei, Maske oder Wahrheit verschwimmen bei Nunes aber zu einem unklaren Bilderbrei. Und er malt tatsächlich noch ein paar schöne, pathetische Bilder, wie etwa eine am Kreuz herabgelassene, Ave-Maria-Sängerin (Drifa Hansen), die auch mal somnambul als Engel über die Bühne schreitet. Beckers zügelloser Caligula trägt dagegen Bockshörner, spielt Flöte und singt den Marlene Dietrich-Hit Wenn ich mir was wünschen dürfte.

Den Mond gibt es dann doch nicht für Caligula, auch wenn Aljoscha Stadelmann als hilfswilliger Helicon sich redlich müht. Und auch Oliver Kraushaar als ergebene Caesonia steckt in einer etwas zu divenhaften Travestie-Nummer fest. Etwas blass auch Felix Rech als meist zitternder Anführer der Verschwörung und Ex-Volksbühnen-Schauspieler Patrick Güldenberg als wankelmütiger Poet Scipio, der sich zwar ein paar verzweifelte Hass-Duette mit dem großen, bösen Kind liefern darf, aber dann vor dem Ende abtritt, um Caligula im düstren Wald aus Orgelpfeifen – Kathedrale und Knast zugleich – freie Bahn zu lassen. An nichts zu glauben scheint diesem größer als moralisch bieder zu sein. Der Abend endet wieder vor dem roten Vorhang, unter dem der gemeuchelte Tyrann noch einmal ins Publikum lugt und ein paar prophetische Schlussworte sagt. Ansonsten hat der Abend nicht viel Erkenntnis oder Größenwahn zu bieten. Ein einzig Fest für eine große Wahnsinns-Schauspielerin.

***

Caligula (BE, 30.09.2017)
von Albert Camus
Aus dem Französischen von  Uli Aumüller
Regie: Antú Romero Nunes
Bühne: Matthias Koch
Kostüme: Victoria Behr
Musik: Johannes Hofmann
Licht: Ulrich Eh
Dramaturgie: Sibylle Baschung
Mit: Constanze Becker, Oliver Kraushaar, Aljoscha Stadelmann, Patrick Güldenberg, Felix Rech, Annika Meier, Drífa Hansen
Premiere war am 21.09.2017 am Berliner Ensemble
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause
Termine: 10., 17., 18., 25., 29.10. / 03., 25., 26.11. / 26.12.2017

Infos: http://www.berliner-ensemble.de

**

*

Der kaukasische Kreidekreis in Blut – Michael Thalheimer legt einen düsteren Brechtabend mit einer herausragenden Stefanie Reinsperger auf die leere Bühne des neuen BE

Das neue BE – Foto: St. B.

Nach den Auftakt-Premieren zum Spielzeitstart des neuen Berliner Ensembles unter der Intendanz von Oliver Reese bekam das Publikum vom Abenddienstpersonal Stoffbeutel geschenkt. Sie enthalten kleine, in schwarz-gelb gehaltene Aufkleber und Streichholzschachteln mit den Aufdrucken „Wahn“, „Gegenwart“, „Drama“. Wir nehmen mal an, dass das keine düster prophetische Wahlempfehlung ist. Ansonsten wären wir also nach Wahn (Caligula), Gegenwart (Nichts von mir) nun bei Drama angekommen.

*

Der neue Hausregisseur Michael Thalheimer hat im Reigen der Eröffnungspremieren am Samstagabend den ersten Brecht auf die Bühne des neuen Berliner Ensembles gebracht. Er wählte dafür die Parabel Der Kaukasische Kreidekreis, die Bertolt Brecht 1944/45 im kalifornischen Exil schrieb und mit deren deutscher Erstaufführung er 1954 die Ära des Berliner Ensembles im Theater am Schiffbauerdamm begründete. Eine klare Aussage also, seitens des neuen BE-Teams. Das alte Logo dreht sich noch auf dem Dach, ansonsten scheint sich einiges im BE geändert zu haben. Reese startet die totale Gegenwartsoffensive mit satt gefülltem Spielplan und großem Schauspielensemble.

Der gelbe Teppich ist vor dem BE ausgerollt, und die Berliner Polit- und Kultur-Prominenz erschien so zahlreich wie selten in der vergangenen Peymann-Ära. Ohne Claus Peymann zu nahe treten zu wollen, da gibt es eine große Hoffnung auf Erneuerung. Ob sie sich allerdings erfüllen wird, dass lässt sich noch nicht letztgültig sagen. Zumindest scheint ein Anfang gemacht. Die letzte Inszenierung von Brechts Kreidekreis fand 2010 am BE statt. Der alte Peymann-Recke Manfred Karge hatte sie in leicht modifizierter Weise inszeniert. Und schaut man für einen kleinen Vergleich zurück, so lassen sich sogar einige Ähnlichkeiten mit der nun von Michael Thalheimer gestemmten Version feststellen.

 

Der kaukasische Kreidekreis am BE – Foto (c) Matthias Horn

 

Manfred Karge hatte die Rahmenhandlung des Stückparabel noch als Geschichte von früher erzählen lassen und den Kolchosenstreit um ein Stück Weideland nicht mehr ausgespielt. Bei Thalheimer ist der sozialistische Rahmen ganz gestrichen. Die Zeiten der ideologischen Brecht-Verbrämung waren schon unter Peymann nicht mehr en vogue. Ähnlich wie nun auch bei Thalheimer wurde die marxistische Rhetorik ins Programmheft verbannt. Trotzdem empfiehlt es sich, die Zeilen des neuen BE-Chef-Dramaturgen (oder etwa -Ideologen) Bernd Stegemann zu lesen. Es sind nicht etwa einfach nur Gedanken für die dramaturgische Mottenkiste, wenn Stegemann an Brechts Stückhandlung die dialektische Schönheit preist. Die Form des „sozialen Experiments“ behält dann auch Regisseur Thalheimer durchaus im Auge. „Schrecklich ist die Verführung zur Güte.“ heißt es da bei Brecht.

Dialektische Parabel des richtigen Handelns hin oder her. Im Großen und Ganzen ist dieser Satz das Grundmotiv, an dem Thalheimer seine Brechtinterpretation aufhängt. Infolge eines Umsturzes am Hofe eines grusinischen Großfürsten wird sein Gouverneur Abaschwili umgebracht. Seine Frau entkommt mit dem gesamten Hausrat, lässt aber in der Eile ihren Sohn Michel zurück. Die einfache, gutmütige Magd Grusche nimmt das Baby aus Mitleid an sich und flieht mit ihm, verfolgt von Panzerreitern des neuen Fürsten, zum Hof ihres Bruders in die Berge. Auf dieser Flucht begegnet Grusche nicht nur hilfsbereiten Menschen und wächst nach und nach über sich hinaus und in eine Mutterrolle hinein. Für das Wohl des Kindes lässt sie sich sogar von ihrem feigen Bruder verheiraten.

 

Der kaukasische Kreidekreis am BE – Foto (c) Matthias Horn

 

Erst als sich die Zeiten wieder geändert haben, verlangt die leibliche Mutter ihr Kind als Erben des Vermögens ihres ermordeten Mannes zurück. Vor dem Richterstuhl des windigen Azdak kommt es zur titelgebenden Prüfung, wer denn nun die rechte Mutter sei. Grusche kann das Kind nicht an sich ziehen, weil sie ihm nicht wehtun will, und bekommt es daher vom Richter zugesprochen. Brechts Parabel setzt hier die soziale Mutter vor das Recht des Blutes. Reichlich Theaterblut lässt auch Michael Thalheimer fließen. Schon bei der Ermordung des Gouverneurs (Peter Luppa vom alten BE-Ensemble) spritzt es ordentlich auf die Bühne, die nun zum unwillkürlichen Schlidderparcours der an die Rampe schreitenden DarstellerInnen wird. Hier macht sich jeder auf seine Weise schmutzig.

Zu elektronischen Live-Gitarrenriffs von Bert Wrede aus dem Hintergrund treten sie alle aus dem Dunkel der Bühne ins Rampenlicht und brüllen, wie bei Thalheimer üblich, ihren Text. Expressives Körpertheater zu epischem Brecht. Ingo Hülsmann hat als Sänger den Blues und röhrt rechts an der Rampe zumeist mit dem Rücken zum Publikum die erklärenden Zwischenpassagen ins Mikrofon. Mit Stefanie Reinsperger aber hat Thalheimer ein Pfund, mit dem er darstellerisch wirklich wuchern kann. Sie steckt alles, was sie hat, in ihre Grusche. Ein emotionale Meisterleistung, die den Rest des Ensembles in den Schatten der sonst leeren Bühne stellt. Der Fokus liegt die ganzen knapp zwei pausenlosen Stunden auf dem Berliner Neuzugang aus Wien.

Ergreifend schon die ungelenke Verlobungsszene mit ihrem Liebsten Simon (Nico Holonics), dem sie verspricht auf ihn zu warten und als er blutüberströmt aus dem Krieg wieder heimkehrt, doch noch verliert. Dass es nicht ganz zum Rührstück wird, hat Thalheimer mit den anderen Rollen eine Welt der Brutalität und Unmenschlichkeit geschaffen. Gebeugte, niedere Wesen, wie die übergriffigen, masturbierenden Panzerreiter (Carina Zichner, Veit Schubert), oder vor Angst schlotternden Bauern (Sina Martens, Sascha Nathan) bevölkern die Bühne. Jeder ist auf seinen Vorteil bedacht. Veit Schubert gibt erst einen nackten, sterbenden Jesus, bevor er als auferstandener Lazarus zur Vergewaltigung der ihm wegen des „richtigen Scheins“ anverheirateten Grusche übergeht.

Ein Empathie- und Wohlfühlabend ist das sicher nicht. „Wenn das Haus eines Großen zusammenbricht, werden viele Kleine erschlagen.“ schreibt Brecht. Hier scheint es so, als würden sie das alles höchst selbst besorgen. Thalheimer malt mit dem ganz dicken Regiepinsel. Das zeigt sich dann vor allem auch in der zweiten Hauptperson des Stücks, dem Richter Azdak, Hier besteht der größte Unterschied zu Karges Inszenierung, der dem bauernschlauen Dorfschreiber und Volksfreund wider Willen eine gewisse parallele Entwicklung zur Figur der Grusche gönnte. Tilo Nest aber spielt seinen halbnackten Azdak als eine zu tiefst multiple Person. Wer hier die Geschichte nicht kennt, wundert sich doch etwas. Azdak scheint nur aus purer Laune heraus Recht zu sprechen. Ein in Blut gebadeter Nihilist mit Zottelperücke, der den Kreidekreis dann auch in einer Blutlache zieht.

Das hat dann sogar noch einige durchaus komische Momente, ansonsten bleibt es bei Thalheimer zum Ende hin doch ziemlich düster. Es liegen da zwei zitternde Menschenbündel im Spotlight auf leerer Bühne. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Da kann man schon mal ins Grübeln kommen.

***

Der kaukasische Kreidekreis (BE, 23.09.2017)
von Bertolt Brecht
Regie: Michael Thalheimer
Kostüme: Nehle Balkhausen
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Bernd Stegemann
Licht: Ulrich Eh
Musiker: Kalle Kalima, Kai Brückner
Es spielen:
Stefanie Reinsperger als Grusche Vachnadze
Ingo Hülsmann als Sänger
Tilo Nest als Azdak, Mönch
Nico Holonics als Simon Chachawa
Sina Martens als Natella Abaschwilli, Schwägerin der Grusche u. a.
Carina Zichner als Maro, Der erste Panzerreiter u.a.
Veit Schubert als Die Alte, Sterbender Bauer, Der Fürst u.a.
Sascha Nathan als Lavrenti Vachnadze (Bruder der Grosche), Adjudant
Peter Luppa als Schwiegermutter, Polizist Schauwa u.a.
Premiere war am 23.09.2017 im Großen Haus des Berliner Ensembles
Termine: 06., 07., 11., 12., 31.10.2017

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 25.09.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Mit der Besetzung des Stammhauses am Rosa-Luxemburg-Platz und einem ersten Stück in Tempelhof begann die Schauspielssaison der neuen Volksbühne

Montag, Oktober 2nd, 2017

___

„Doch Kunst“ ?! – Ein Kommentar zur Besetzung der Volksbühne

Volksbühnenbesetzung – Foto: St. B.

Man muss den Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) nicht unbedingt mögen, um ihn für seine Rolle im seit Tagen tobenden kulturpolitischen Streit um die Besetzung der Berliner Volksbühne zu bedauern. Er sitzt momentan zwischen Baum und Borke. Einerseits hat er die Intendanz des von seinem Vorgänger und jetzigen Regierenden Bürgermeister Michael Müller zusammen mit dessen Staatssekretär Tim Renner ins Amt gehievten Intendanten Chris Dercon zu schützen, andererseits weiß jeder, dass er ihn nicht sonderlich mag und daher Sympathien für die Volksbühnenbesetzer hegen müsste. Man spricht in der Opposition und gewissen Medien offen von „seinem Klientel“. Da hilft es wenig, dass Lederer die Besetzung seit dem ersten Tag an missbilligte und die Forderungen der Gruppe erst jüngst in einer Verlautbarung als nicht erfüllbar bezeichnete. Trotzdem setzt er weiter auf Gespräche und eine friedliche Lösung.

Die Volksbühnenbesetzung erfolgte von einem Künstlerkollektiv, das sich erst „Staub zu Glitzer“ nannte, nun allgemein unter „VB 61-12“ firmiert und sich rekrutiert aus verschiedensten alternativen Künstlergruppen (die freie, bezahlbare Räume für sich akklamieren) und Aktivisten (die gegen die fortschreitende Gentrifizierung im Berliner Stadtraum protestieren). Natürlich will man auch ein Signal gegen den Umbau der Volksbühne von einem Ensemble- und Repertoiretheater in einen reinen Gastspielbetrieb durch die Berufung des Museumskurators Chris Dercon setzen. Ihm wird zwar durchaus eine Teilhabe am neuen kollektiven Leitungsteam zugebilligt, allerdings sehen die Besetzer dessen aktive, künstlerisch gestaltende Rolle eher auf dem Tempelhofer Feld und nicht im Haus am Rosa-Luxemburg-Platz. Nach einer ersten Woche Partystimmung, der Akklimatisierung im Haus und Sortierung der verschiedenen Vorhaben, erster Kunstaktionen wie Konzerten, Filmen, Performances sowie vieler öffentlicher Plenumssitzungen ist die erste Euphorie über die fast problemlose Übernahme der Volksbühne einer gewissen Ernüchterung gewichen. Unmut macht sich nicht nur unter den Unterstützern breit, sondern vor allem in den sozialen Internetmedien und der Berliner Presselandschaft, soweit deren Vertreter nicht schon von Anfang an gegen die Besetzung wetterten.

Der Aufruf am Volksbühnenportal „Doch Kunst“ proklamiert vor allem die gleichberechtigte Teilhabe aller am künstlerischen Prozess. Jeder kann sich einbringen. Allen gehört alles. Das sind Utopien, wie sie in vielen Stadttheatern im subventionierten Bereich fast täglich diskutiert, künstlerisch durchgespielt und wieder verworfen werden. Nur, so wörtlich hat das „Alles Allen“ noch niemand genommen. Nun ist von der Freiheit der Kunst kaum noch die Rede, eher von einer kunstfeindlichen Aktion, die in ihrem Wesen nicht mal wirklich politisch sei und nur die technischen Abläufe und den laufenden Probenbetrieb an der Volksbühne empfindlich störe. Mehrere deutsche Theater-IntendantInnen haben sich auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung dazu geäußert, wie sie sich im Falle einer Besetzung ihres Hauses verhalten würden. Die Meinungen gehen von Trinken und Reden (Matthias Lilienthal) über unentschiedene Haltungen, einer verfahrenen Lose-Lose-Situation (Ulrich Khuon) bis zur klaren Ablehnung von Verhandlungen (Kay Voges, Annemie Vanackere). Wirklich clever findet die Besetzungsaktion kaum jemand. Uli Khuon mahnt trotzdem weiter zur Besonnenheit. Derart Widersprüche müsste eine echte Demokratie eigentlich aushalten. Und überhaupt ist die Frage, ob man ein Theater besetzten darf, fast noch deutscher als der Spendenaufruf der Volksbühnenbesetzer wegen fehlendem Klopapier.

 

Volksbühnenbesetzung – Foto: St. B.

 

Aber trotz eines Angebots von Chris Dercon und Klaus Lederer an die Besetzer, den Grünen Salon im Haus und den Pavillon vor der Volksbühne für ihre Aktionen zu nutzen, scheint die Situation verfahren. Man traut dem Braten seitens der Besetzer nicht so recht. Viel zu zögerlich ist der jetzige Hausherr Chris Dercon in die Diskussion eingestiegen. Eine Kommunikationskanone war der Belgier seit Beginn der Bekanntgabe seiner Berufung eh nie. Jetzt hat er die Bombe im Haus. Der Aufruf an die Besetzer, mal zu lüften, wird da nicht wirklich helfen. Der Fokus liegt also weiter auf Klaus Lederer. Doch die Stimmung ist am Kippen. Es mehren sich sogar aggressive Stimmen vor allem in der Tageszeitung Die Welt, die Klaus Lederer persönlich für die Situation verantwortlich machen und den Vorgang so, ähnlich wie die AfD, in die Nähe von Kulturbolschewismus rücken. Diese Art der politisch motivierten Stimmungsmache gießt Öl ins Feuer und provoziert eine Eskalation für rein parteipolitische Zwecke.

Und wenn selbst die Berliner Zeitung plötzlich nach der Exekutive verlangt, sollte sie nicht vergessen, dass der Presse im demokratischen Rechtsstaat eigentlich die aufklärende und kritisch nachfragende Position zukommt, und nicht die, nach Law and Order zu rufen. Die vierte Gewalt im Staat fühlt sich aber plötzlich nicht mehr als Herr ihres eigenen Diskurses bzw. kritischen Ansatzes, den sie nun von den Besetzern diskreditiert sieht. Man hetzt dabei gegen die, die versuchen, den gerade erst vom Dortmunder Intendanten Kay Voges in einem Radiointerview heroisch als „fünfte Macht des Staates“ bezeichneten Stadttheatern ein weniger hierarchisches Gebilde gegenüberzustellen. Voges sprach nach dem Wahlerfolg der AfD von Veränderungen und Vielfalt, um dem nationalistischen Gedankengut etwas entgegenzusetzen. Ein gemeinsamer gesellschaftlicher Prozess, der auch ein kollektiver sein muss. Aber wer auf die Volksbühnenbesetzung in einer fast schon reaktionären Weise reagiert, wird irgendwann genau da landen, wo er nie hinwollte. Gleiches gilt natürlich für die aufgeheizte Twitter- und Facebook-Unterstützerschar der Besetzer. Doch so wird man sich weiter angiften, bis das Räumkommando samt bestelltem Möbelwagen vor der Tür steht. Dass auf dem Wagen noch ein runder Tisch Platz hat, an dem sich gemeinsame Gespräche führen ließen, kann man getrost vergessen.

***

Zuerst erschienen am 27.09.2017 auf Kultura-Extra.

PS: Die Volksbühne wurde am 28.09.2017 auf Anforderung von Intendant Chris Dercon polizeilich geräumt.

**

*

Iphigenie auf Tempelhof – Der syrische Dramatiker Mohammad Al Attar und sein Regisseur Omar Abusaada ziehen Parallelen zwischen der Situation geflüchteter syrischer Frauen in Deutschland und der antiken Tragödie des Euripides

Foto: St. B.

Man kann Neues aus alten Texten lesen oder auch Altes darin wieder neu entdecken. So hat etwa Goethe in seiner Iphigenie auf Tauris den antiken Tragödienstoff des Dichters Euripides bearbeitet und daraus ein klassisches Drama über Pflicht, Vernunft und Menschlichkeit gemacht. Die österreichische Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek benutzte Aischylos‘ Tragödie Die Schutzflehenden für ein Stück über die europäische Flüchtlingspolitik. Der syrische Dramatiker Mohammad Al Attar (selbst 2012 aus Damaskus geflohen) hat nun zusammen mit seinem langjährigen Regisseur Omar Abusaada den Euripides-Stoff um die Agamemnon-Tochter Iphigenie mit Fluchterfahrungen von 10 syrischen Frauen für die Hangar-Bühne in Tempelhof überschrieben. Es ist der dritte Teil einer Antikentrilogie, die von den Troerinnen in Jordanien über Antigone in Beirut nun nach Berlin führt – und das erste richtige Theaterstück für die neue Volksbühne unter Chris Dercon, der seine Intendanz bereits mit der Aufführung einiger Tanzperformances auf dem Tempelhofer Feld begonnen hat.

*

Überschattet ist das Ganze vom Streit um die Personalie Dercon und den Befürchtungen, der belgische Museumskurator würde die Volksbühne als modernes Festspielhaus ohne ständiges Repertoire und festes Ensemble betreiben wollen, was letztlich in eine Besetzung des bis November unbespielten Theaters am Rosa-Luxemburg-Platz durch ein junges Künstlerkollektiv namens „Staub zu Glitzer“ mündete. Die Besetzung ist am 28.09.2017 durch polizeiliche Räumung beendet worden. Beendet ist mit der viertägigen Aufführung der Iphigenie dann auch erstmal die Bespielung des Hangers 5 in den Tempelhofer Flughafenhallen. Was bleibt, sind die Zweifel über die Zukunft der Volksbühne.

Vom Streit um die Volksbühne fühlt sich Mohammad Al Attar eher unberührt. Er und sein Team seien nicht Teil der Volksbühne, sondern entwickelten hier ihre eigene Arbeit, sagte er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Ein bisschen überrascht hat ihn die Heftigkeit der Debatte aber schon. Er habe sehr viel Respekt für die Arbeit Frank Castorfs, kenne aber auch Chris Dercon von der Tate Modern in London. Al Attar möchte mit seiner Arbeit etwas über die komplizierte Lage in seiner syrischen Heimat ausdrücken. An kulturellen Grabenkämpfen in Berlin scheint er nicht interessiert.

 

Iphigenie von der Volksbühne Berlin im Hanger 5 des Flughafens Tempelhof – Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

Trotzdem war man gespannt, ob vom Streit um die Volksbühne etwas auf seine Arbeit abgefärbt hat. Schon das vom Schlingensief-Architekten Francis Kérés geplante Amphitheater, das Al Attar mit seiner Version von Iphigenie in Aulis und 40 Syrerinnen auf dem Tempelhofer Feld eröffnen sollte, ist ja nicht unumstritten, und nun wegen der zwar bewilligten, aber zunächst spärlich geflossenen Mittel aus dem Lottofond wesentlich kleiner ausgefallen. Es umfasst lediglich 400 der geplanten 1.000 Sitze.

Da hat man wohl mehr gekleckert als geklotzt. In einer Einführung ist dann Marietta Piekenbrock, die Programmdirektorin der neuen Volksbühne, auch bemüht, die Pläne Kérés, die vom Total-Theater Erwin Piscators, einer klassenloser Theatersituation und städtischen Agora inspiriert sind, zu erklären. Man will sich auf die Geschichte des Hangers von der Bomberproduktion in der Nazizeit bis zur temporären Nutzung als Flüchtlingsaufnahmelager beziehen. Eine Vision, einen Unort in einen Möglichkeitsraum zu verwandeln und zu einem Ort des Dialogs zu machen. Diese Utopie scheint hier zum zweiten Mal gescheitert. Und es verweist, wenn vielleicht auch ungewollt, auf eine Parallele zur Besetzung der Volksbühne und deren Umwandlung in einen kollektiven Ort transmedialer Künste.

Nun, die kleinere Tribüne mit vorgelagerter länglicher Spielfläche in der Weite des Hangars hat Vor- und Nachteile. Einerseits lädt der Hall, der durch Mikroports verstärkten Stimmen das Spiel atmosphärisch auf, anderseits zerstört er damit auch die Intimität der Spielsituation, bei der immer nur eine von neun syrischen Frauen einer Produktionsleiterin mit Kamera gegenübersteht und sich einer Befragung aussetzt. Vielleicht hätte hier eine Abtrennung der Halle mit einem schwarzen Vorhang eine abgeschlossenere Situation geschaffen. So wirkt das ganze Setting doch schon etwas verloren.

 

Iphigenie von der Volksbühne Berlin im Hanger 5 des Flughafens Tempelhof – Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

Die von Mohammad Al Attar und Omar Abusaada entworfene Spielsituation beschreibt ein Casting für die Besetzung der Rolle der Iphigenie in einer syrischen Theaterproduktion in Berlin, die ausschließlich mit Laien arbeitet. Die jungen Frauen im Alter von 17 bis 29 Jahren [Namen s.u.] treten eine nach der anderen aus dem Hintergrund in die Mitte der Bühne und absolvieren ihr Casting bei dem sie von der Produktionsleiterin (die syrische Schauspielerin Reham Alkassar) ganz gezielt nach ihren Motiven, bei der Produktion mitzumachen, warum sie sich als Iphigenie sehen oder welche Parallelen es zu ihrem Leben gibt, befragt werden. Im Vordergrund steht dabei immer auch die Bereitschaft, bestimmte Opfer zu bringen wie die griechische Königstochter, die vom Vater Agamemnon auf Grund eines Orakelspruchs geopfert werden soll, um für guten Wind für die Kriegsschiffe im Feldzug gegen Troja zu sorgen. Zitate auf der Großbildleinwand und kleine vorbereitete Casting-Monologe verbinden Tragödie und Realität.

Die Antworten verweisen aber immer auch auf die tatsächlichen Probleme der geflüchteten Frauen. So entsteht nach und nach ein allgemeines Psychogramm charakterlich ganz unterschiedlicher Frauen, die mal eher sachlich, mal etwas verhuscht oder auch ganz forsch in die Situation vor der Casting-Kamera gehen. Ihnen ist aber eines gemeinsam: Alle haben sie auf ihrer Flucht Opfer bringen und etwas zurücklassen müssen – sei es die Heimat, Familienmitglieder, den Geliebten oder ihre Ausbildung. Nun finden sie sich entwurzelt und zum Teil auch allein in den neuen Zusammenhängen in Deutschland, der Situation im Aufnahmelager oder im Umgang mit Behörden nicht zurecht.

Das Stück gibt ihnen Gelegenheit, über ihre Erlebnisse und Erfahrungen nicht nur bei der Flucht, sondern vor allem auch ihre frühere Lebenssituation in Syrien zu reflektieren. Und diese persönlichen Geschichten bestimmen das Spiel auf der Bühne, da sie einerseits dezidiert erfragt werden bzw. auch im Verlauf des Gesprächs aus den Frauen herausbrechen. Es sind vor allem Probleme mit dem Vater, die da eine Rolle spielen. Aber auch Wünsche, die sich um das Theaterspielen drehen oder aber auf eine Möglichkeit sich mitzuteilen oder einfach nur Geld verdienen zu können, verweisen. Die Frauen, die alle aus gebildeten Mittelschichtsfamilien kommen, verbinden mit der Produktion vor allem eine Hoffnung auf die Zukunft, aber auch darauf, alte bzw. neu aufgebrochene Depressionen oder gar Selbstmordgedanken zu bekämpfen. Ein selbstbestimmtes Leben gegen eine Rolle als Opfer oder Märtyrerin für eine bestimmte Sache. Eine Selbstreflexion im Spiegel des Iphigenie-Mythos.

Viele der Aussagen ähneln dabei einander und wirken auf Dauer dann doch etwas redundant. Dass die Frauen nicht auch miteinander kommunizieren und interagieren, wird zum großen Manko und zur vertanen Chance, aus dem sterilen Kammerspiel ein Stück wirkliches Leben syrischer Frauen im Exil zu destillieren. Zu wenig erfährt man letztendlich zur tatsächlichen Situation in ihrer Heimat. Das Stück will Erwartungen zum vorherrschenden Flüchtlingsdiskurs und dessen Darstellung auf deutschen Bühnen unterlaufen, was ihm in einigen Momenten auch gelingt und das sogar mit Humor. Die Antwort einer Darstellerin mit dem traditionellen Hijab, ob man den Achill im Stück küssen darf oder aus religiösen Gründen nicht, fällt leider einem temporären Ausfall der Übertitel zum Opfer.

Zu Opfern werden auch immer wieder vor allem Frauen, die in den von Männern geführten Kriegen leiden müssen. Das deutet der Abend mit dem abschließenden Text aus der Tragödie des Euripides an, der noch einmal von einer der Frauen an der Rampe vorgetragen wird. Die Kamera streift dabei über die Gesichter der anderen. Sie alle sind Iphigenie und dabei auch Frauen mit ganz individuellen Geschichten, Wünschen und Träumen. Das zumindest vermittelt die Produktion, die vorerst nur noch an drei weiteren Tagen in Tempelhof laufen wird und damit auf ein weiteres Problem der Volksbühne verweist: das Fehlen eines nachhaltigen Spielplans und wiederkehrenden Repertoires.

***

Iphigenie
von Mohammad Al Attar
nach Motiven von Euripides
Regie: Omar Abusaada
Dramaturgie: Mohammad Al Attar
Bühne & Kostüme: Bissan Al-Charif
Schauspieltraining: Reham Alkassarbanialmarjeh
Video: Reem Al Ghazi
Licht: Christian Maith
Kamera: Mohammad Samer Alzajat
Regieassistenz: Amer Okdeh
Produktionskoordination: Ameenah Sawwan
Mit: Alaa Naser, Nour Bou Ghawi, Layla Shandi, Sajeda Altaia, Diana Kadah, Baian Aljeratly, Rahaf Salama, Hebatullah Alabdou, Zina Al Abdullah Alkafri und Reham Alkassar
Eine Produktion der Berliner Volksbühne im Flughafen Tempelhof, Hangar 5
Premiere der Uraufführung war am 30.09.2017
Dauer: ca. 100 min
Arabisch mit deutschen und englischen Übertiteln
Termine: 01., 02., 03.10.2017

Infos: https://www.volksbuehne.berlin/de/programm/27/iphigenie

Zuerst erschienen am 02.10.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Zweimal Amerika / Zweimal Kafka – Mit Dušan David Pařízeks Bühnenversion des Kafkafragments und Christopher Rüpings Sinclair-Lewis-Adaption „It Can’t Happen Here“ fehlstartet das Deutsche Theater in die neue Spielzeit „Welche Zukunft“. Und das Theater Zentrifuge Studio 2 zeigt eine Kafka-Revue zum Saisonstart im Theater unterm Dach.

Samstag, September 30th, 2017

It can’t happen here – Regisseur Christopher Rüping veranstaltet mit den Roman von Sinclair eine poppige Trump-Showin den Kammerspielen des DT

Foto (c) Arno Declair

Der US-amerikanische Schriftsteller und Nobelpreisträger Sinclair Lewis schrieb 1935 angesichts der Machtergreifung Adolf Hitlers in Deutschland einen satirischen Roman, der sich mit der Möglichkeit beschäftigt, dass auch in den USA ein Populist die Präsidentschaftswahlen gewinnen und anschließend die Demokratie aushebeln kann. It can’t happen here (dt.: Das ist bei uns nicht möglich) spielt auf die vorherrschende Meinung intellektueller Kreise an, dass so etwas in einer gefestigten Demokratie eigentlich nicht passieren kann. „Wehre den Anfängen! Zu spät wird die Medizin bereitet, wenn die Übel durch langes Zögern erstarkt sind.“ heißt es in einer, zwar in etwas anderem Zusammenhang entstanden, Schrift des römischen Dichters Ovid. Doch ist dieses „Wehret…!“ zum geflügelten Wort in Sachen Entstehung von Faschismus und Krieg geworden. Die Anfänge richtig zu deuten, mit dieser Problematik tat man sich nicht nur in der Weimarer Republik schwer. Bertolt Brecht hat 1941 im finnischen Exil in seinem Theaterstück Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui versucht, diesen für die Machtergreifung der Faschisten in Deutschland nachzuzeichnen.

Sinclairs Roman, den es bald auch als Theaterstück gab, wie auch Brechts Parabel wurden zu Bestsellern. Dennoch sind Populismus und Nationalismus wieder en Vogue, wie z.B. die Wahlerfolge der rechtsgerichteten AfD in Deutschland und von Nationalisten in Ungarn belegen. Nach der Wahl des mit populistischen, misogynen und xenophoben Aussagen auftretenden Milliardärs Donald Trump zum US-Präsidenten schnellte der Verkauf von Sinclairs Buch in den USA wieder in die Höhe. Der Berliner Aufbau Verlag hat in diesem Jahr eine deutsche Neuauflage herausgebebracht. Ein Interesse an Zusammenhängen scheint gegeben und ist angesichts der nach innen und außen wirkenden Politik der Stärke Trumps nicht von der Hand zu weisen. Weitere Ähnlichkeiten zur aktuellen Wirklichkeit gibt es in der Person des Spin-Doctors Lee Sarason, der im Buch dem schmierigen Provinzpolitiker Buzz Windrip zur Seite steht, zu Steve Bannon, dem ehemaligen Berater Donald Trumps und Chef der rechten Website Breitbart News.

*

Der junge Hausregisseur der Münchner Kammerspiele Christopher Rüping hat nun Sinclairs Roman in eigener Bearbeitung zum Saisonauftakt am Deutschen Theater Berlin auf die dortige Kammerbühne gebracht. Wie bei Rüping üblich, geschieht das in einer spielerisch recht freien Art, bei der zunächst mal der Gegenspieler des wahlkämpfenden Populisten, der liberale Journalist Doremus Jessup in Gestalt des Schauspielers Camill Jammal auf die Bühne tritt und vom Aufmerksamkeitsproblem des Publikums in den ersten Minuten einer Theateraufführung spricht. So schweigt denn alles erst mal 90 Sekunden lang, denn Jammals Jessup hat etwas Wichtiges zu sagen. „Wir müssen zusammen auf die Straße gehen und diese nicht den Rechten überlassen.“ Er spricht von Flüchtlingen und dem, was auf der anderen Seite des Ozeans passiert ist. Gemeint ist Hitler, die Flüchtlinge sind deutsche Emigranten. Doch schnell wird der Redner im Quäkergewand von Schauspielern aus dem Publikum heraus als argumentativer Langweiler betitelt. Seine Gegenspieler sind der redegewandte Lee Sarason (Michael Goldberg) und Oberst Haik (Benjamin Lillie), ein Mann der Tat und Disziplin.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Sie treten wesentlich flippiger in neon-farbigen Tigerlook auf und weisen alle Faschismusvorwürfe weit von sich. „Fashion oder Fascho“, das ist hier die Frage. Noch knalliger wird der Auftritt des Kanditen Windrip gezeichnet. Felix Goeser ist zwar im Aussehen nicht Trump, aber die Wahlkampfshow, die hier veranstaltet wird, ist seiner würdig. Er spielt charming das Understatement eines Jungen aus dem Volk, der zwar keine Bildung aber „die angeborenen Fähigkeit, die Sorgen und Ängste des kleinen Mannes zu verstehen“ besitzt. Wohin das zielt ist klar. Das Beiseitedrängen der alten politischen Eliten zu Gunsten des hart arbeitenden amerikanischen Volks. Damit und mit einem 15 Punkteprogramm, das hier wie in einer Las-Vegas-Fernsehshow angepriesen wird, soziale bis populistische Versprechungen enthält, sowie die faktische Entmachtung des Parlaments und des obersten Gerichts zu Gunsten der Macht des Präsidenten, gewinnt Windrup die Wahl. Es gibt Hotdogs zur Wahlparty für Freiwillige aus dem Publikum und erste angekündigte Verhaftungen Unbotmäßiger.

So weit so gut und schlüssig. Aber immer wenn die Regie in die Pop-Trickkiste greift, kann man sich eigentlich fast schon sicher sein, dass nichts sicher ist. Man nennt das auch ironische Brechung. Nur bricht hier eher das recht klare Regie-Konzept, als die Sicherheit, wie mit einem Diktator umzugehen ist, wenn er denn mal an die Macht gekommen ist. Nun ist das mit Heute auch eher schlecht zu vergleichen, obwohl die sogenannten Anfänge sich schon gewaltig gleichen. Der Rattenfang funktioniert hier als großes Pop-Theater mit viel Musik, Tanz und Voice-Changing-Gesang. Die Ansprache geht dabei immer direkt ins Publikum. Wir sind gemeint. Wer kann sich dem entziehen?

 

Neues Spielzeitmotto am DT – Foto: St. B.

 

Was folgt, ist in ganzer Kürze der Abbau der demokratischen Rechte, Verfolgung von sogenannten Staatsfeinden und Verrätern am Volk. Doremus Jessup landet erst im Verhör, bei dem ihm sein ehemaliges „Sozialexperiment“, der zum Folterknecht avancierte Gärtner Shad Ledue (Live-Schlagzeuger Matze Pröllochs) mittels Elektrodrums die Knochen und den Willen bricht und dann im Konzentrationslager, wo er den Verlobten seiner Tochter (Wiebke Mollenhauer in einer Doppelrolle als Sissy Jessup und sächselndem Julian) einen Sympathisanten des Regimes wiedertrifft. Diese kleine Widerstandsgeschichte geht im Tohuwabohu der Kriegserklärungen gegen Mexiko und der Auslöschung des paranoid gewordenen Präsidenten durch seine beiden Helfer fast unter. Sie spielt hier nur soweit eine Rolle, als dass sie die bekannte Wirkungsweise von Diktaturen unterstreichen soll.

Jedoch die Diktatur schnurrt hier schnell zum chargierenden Komödiantenstadl zusammen. Der Spin-Doctor wird zum degenerierten römischen Kaiser im Leopardenfell mit homoerotischen Phantasien und von General Haik in einen Sarg entsorgt. Sinclairs Story wirkt bei Rüping wie ein schlechter Kolportageroman. Etwas antiquiert angehaucht sind die Gegenspieler Jessup und Windrup schon. Beide hängen ihren guten alten Werten nach und verpassen den Anschluss an die Realität. Die heißt bei Rüping Haik. Und Benjamin Lillie bekommt zum Schluss sein Solo als singender Militärdiktator, der sich als knallharter Führer nicht mehr ans Volk ranwanzen muss. Wer will, kann applaudieren oder zur Knarre greifen. Schon wegen der musikalischen Körperverletzung empfiehlt sich letzteres. Wer Hintergründe sucht, sollte lieber Brecht lesen. Auch der ist ganz unterhaltsam.

***

It Can´t Happen Here (DT-Kammerspiele, 20.09.2017)
nach dem Roman von Sinclair Lewis
Regie Christopher Rüping
Bühne Julian Marbach
Kostüme Lene Schwind
Musik Christoph Hart
Licht Thomas Langguth
Dramaturgie John von Düffel
Premiere war am 20. September 2017 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters
Es spielen:
Camill Jammal: Doremus Jessup, Journalist
Wiebke Mollenhauer: Sissy Jessup / Julian, ihr Verlobter
Felix Goeser: Buzz Windrip
Michael Goldberg: Lee Sarason
Benjamin Lillie: Oberst Haik
Matze Pröllochs: Live-Musik (Schlagzeug), Shad Ledue, der Gärtner

Termine: 24.09 / 07., 21., 28.10.2017

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 22.09.2017 auf Kultur-Extra.

**

*

„Kolossal gleichgültig“ – Amerika nach Franz Kafka, in einer Inszenierung von Dušan David Pařízek auf der großen Bühne des DT

Foto (c) Arno Declair

Nach der etwas misslungenen Bühnenadaption der Amerikadystopie It Can’t Happen Here von Sinclair Lewis in der Regie von Christopher Rüping in den Kammerspielen des DT folgte nun im großen Haus des Deutschen Theaters eine nicht weniger verunglückte Theaterfassung des Romanfragments Der Verschollene von Franz Kafka. Unter dem Titel Amerika legte Dušan David Pařízek nach Ödon von Horvaths bisher unveröffentlicht gebliebenen Erstling Niemand in der letzten Spielzeit seine zweite Regiearbeit am DT vor. Intendant Ulrich Khuon setzte also zur Eröffnung der neuen Spielzeit unter dem Motto „Welche Zukunft“ wieder auf zwei jüngere Regietalente.

*

Die Zukunft des jugendlichen Helden in Kafkas Amerikaroman sieht recht düster aus. Der amerikanische Traum vom Tellerwäscher zum Millionär läuft für den 15jährigen Neuankömmling Karl Roßmann eher im Rückwärtsgang. Nachdem er unbeabsichtigt das Dienstmädchen Johanna geschwängert hat, wird er von seinen Eltern nach Amerika „beseitegeschafft“, wie es Karls reicher Onkel Jakob in New York zu sagen pflegt, und steigt dort nicht die Erfolgsleiter hoch, sondern erfährt nach einer Odyssee der Quälereien und Erniedrigungen einen tiefen sozialen Abstieg. Eine Geschichte mit durchaus kapitalismuskritischem Ansatz, obwohl es Franz Kafka eher um die bei ihm typischen Motive von Suche nach Anerkennung, Vertreibung, Strafe und Einsamkeit gegangen sein dürfte.

Regisseur Pařízek beginnt den Abend mit seinem Hauptdarsteller auf einer hohen zum Schiffsbug geknickten Wand, auf der Marcel Kohler als Karl Passagen aus dem ersten Kapitel Der Heizer spricht. Schon das hat in seiner Abgehobenheit etwa Klaustrophobisches. Wir lernen Karl als engagierten Jungen kennen, der sich für den seiner Meinung nach zu Unrecht schlecht behandelten Heizer einsetzt, aber auch besserwisserische und nationalistische Attitüden besitzt. Durch seinen prinzipienfesten Onkel (Ulrich Matthes) wird er examiniert, ins Geschäft eingeführt und später dann unerwartet verstoßen. Der beginnende Abstieg deutet sich beim Besuch im Landhaus des Bankiers Pollunder (Edgar Eckert) an, wo sich Karl nun selbst durch dessen Tochter Clara (Regine Zimmermann) und deren Verlobten Mack (Frank Seppeler) unrecht behandelt fühlt.

 

Franz Kafkas Zeichnung Mann am Tisch von 1905

 

Das sind zum Teil schon recht seltsam steif gespielte Momente, vor Wänden mit dunklen Parkettmustern, die Pařízek wieder als Fläche für Videoprojektionen von Texten und Bildern benutzt. Als kleine Kafka-Reminiszenz versucht sich Karl auf eine Schatten-Projektion mit Tisch und Stuhl zu setzen und stellt so etwas linkisch die bekannte, frühe Kafka-Zeichnung Der Mann am Tisch nach. Eckert, Matthes, Seppeler und DT-Rückkehrerin Zimmermann spielen in wechselnden Rollen alle, Karl auf seinem Weg begegnenden Figuren wie die Landstreicher Robinson und Delarmarche, die Karl auszunutzen versuchen, und später in roter Lift-Boy-Livree die Angestellten im Hotel Occidental.

Es wird zur Figurenzeichnung mit verschiedenen Akzenten gesprochen, wohl auch um darzustellen, dass es sich hier ebenfalls fast ausschließlich um ehemalige Einwanderer aus Österreich, Irland, Frankreich oder Osteuropa handelt. Ansonsten spult die Inszenierung die Stationen recht bieder ohne große Handlungshöhepunkte ab. Bezeichnend sind nur die immer wiederkehrenden Verdächtigungen, Verhöre und Demütigungen Karls bis zur körperlichen Maßregelung nach seinem Vergehen als Lift-Junge. Die Inszenierung wirkt trotzdem merkwürdig ziellos. Wenige komische Szenen versuchen die zähe Handlung etwas zu lockern, wie etwa eine schaumreiche Badezuber-Szene bei der Sängerin Brunelda. Regine Zimmermann lässt bei allen ihren Frauenfiguren die Fassetten ihres darstellerischen Könnens aufblitzen. Sie gibt nacheinander die sportliche Verführerin, mütterliche Beschützerin und ordinäre Tyrannin. Und auch die männliche Darstellerriege will ihr da in nichts nachstehen.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Pařízek hat aus dem Roman eine fast durchgängige Dialogfassung erarbeitet. In nur wenigen epischen Passagen kommt Kafkas Darstellung der unpersönlichen, amerikanischen Alptraumwelt zum Ausdruck, in der Individuen wie Maschinen arbeiten. Auch die von Karl auf der Straße beschriebenen Massenszenen der Wahlkampfrede des Kandidaten erreichen keine nennenswert kafkaeske Wirkung. Kohler faselt hier irgendwann englische Trump-Zitate und wird dann weggerissen.

Es braucht bis zum Ende, wenn alle Wände gefallen sind und sich die Bühne öffnet, dass der Regisseur in einem großen Showfinale mit Musik, in dem das „Naturtheater von Oklahoma“ proklamiert wird, etwas zu Witz findet. Pařízek ironisiert hier die Kunstwelt selbst, in der jedem suggeriert wird, gebraucht und etwas werden zu können. Das Ensemble tritt hier in goldenen Kostümen mit Engelsflügel auf und Ulrich Matthes spielt den Ausrufer im Fummel. Er singt „Suicide Is Painless“ aus der US-Fernsehserie MASH, bekanntgeworden auch durch die Manic Street Preachers. Letztendlich ist auch das nur eine verlogene, jenseitige Scheinwelt und „kolossal gleichgültig“. Karl wird als Schauspieler gecastet und eingestellt. Oder auch wieder nur eingeseift. Das hat man schnell begriffen, was diesen gut 130 Minuten langen Abend aber auch nicht mehr wirklich groß macht.

***

Amerika (27.09.2017, Deutsches Theater)
nach dem Roman Der Verschollene von Franz Kafka
in einer Fassung von Dušan David Pařízek
Regie und Bühne: Dušan David Pařízek
Kostüme: Kamila Polívková
Musik: Marcel Braun
Licht: Cornelia Groth
Dramaturgie: Birgit Lengers
Mit: Marcel Kohler, Ulrich Matthes, Regine Zimmermann, Frank Seppeler, Edgar Eckert
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause
Premiere war am 27.09.2017 im Deutschen Theater Berlin
Termine: 01., 07., 21., 26.10.2017

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 29.09.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

Das Theater Zentrifuge Studio 2 untersucht in dem szenisch-choreografischen Versuch KKAAFFKKAA oder …du hast mich dir anders vorgestellt… die inneren Gefühls- und Lebenswelten des Schriftstellers Franz Kafka

KKAAFFKKAA oder …du hast mich dir anders vorgestellt… vom Theater Zentrifuge Studio 2 im Theater unterm Dach – Foto (c) Charlotte Müller

Franz Kafka bewegt als faszinierender Autor, eigenwilliger Mensch und selbst auch als literarische Figur unentwegt gleichermaßen VertreterInnen der schreibenden Zunft, der bildenden Künste, des Theaters und des Films. Seine psychologisch verschachtelten Erzählungen und Romane geben noch heute der Leser- wie der Literaturwissenschaft Rätsel auf. Vieles davon lässt sich unmittelbar auch aus seiner Biografie ableiten. So ist auch der als szenisch-choreografischer Versuch über Franz K. untertitelte Theaterabend KKAAFFKKAA oder …du hast mich dir anders vorgestellt… vom Theater Zentrifuge Studio 2 im Theater unterm Dach als eine „Folge von poetischen, traumhaften und grotesken Bildern als Annäherung an Kafkas Lebensgefühl, seine Grundkonflikte und seine innere Welt“ angelegt.

Es ist eine musikalischer Reigen und szenischer Bilderbogen quer durch Motive schwieriger Liebes- und Familienbeziehungen, die Kafkas recht kurzes Leben durchziehen und aus etlichen Biografien, Briefen und Tagebuchaufzeichnungen des Schriftstellers bekannt sind, aber auch immer noch viel Raum für Interpretationen lassen. Schon im Titel, der aus einem der zahlreichen Briefe Kafkas an Milena Jesenská stammt, spiegelt sich diese ganz verschiedene Sicht auf Kafkas Leben, das durch eine große Unsicherheit, viele Selbstzweifel und eine innere Zerrissenheit Kafkas geprägt ist.

Die Inszenierung der Regisseurin Katarzyna Makowska-Schumacher trägt dem mit gleich drei Kafka-DarstellerInnen (Kenneth Philip George, Josephine Nahrstedt und Orlando Schiavone) Rechnung. Gleich zu Beginn laufen Kenneth Philip George und Orlando Schiavone in einem kafkaesken Hase-und-Igel-Spiel zur Klavierbegleitung von Bardo Henning vor sich selbst davon. Überhaupt steht das musikalische und tänzerische Element des Abends im Vordergrund. Die anderen DarstellerInnen verkörpern in einem unentwegten Reigen Figuren aus Kafkas Leben wie die Mutter, den dominanten Vater und Kafkas gescheiterte Liebschaften Felice Bauer und Milena Jesenská.

 

KKAAFFKKAA oder …du hast mich dir anders vorgestellt… vom Theater Zentrifuge Studio 2 im Theater unterm Dach
Foto (c) Charlotte Müller

 

Sich selbst bezeichnete Kafka als glaubenslosen Westjuden, wie er in einem anfänglichen Verhör aus dem Off auf Fragen zu seiner Person antwortet. Zum Beruf gibt er nach „Versicherungsangestellter“ zögerlich auch „Schriftsteller“ an. Die allgemeine Anklage lautet auf: „hemmungsloser Selbstgenuss des Schreibens, Absonderung von der Menschheit“. Das nächtliche Schreiben war für Kafka eine Art Befreiungsakt aus den bürgerlichen Zwängen des Alltags. „Jeder Mensch trägt ein Zimmer in sich.“ schreibt Kafka in einem Fragment aus dem Jahr 1917. Aber immer wieder empfindet Kafka auch Scham über seine innere „Rumpelkammer“ (Prügler-Kapitel in Der Prozess). Kafka dürfte, geprägt u.a. durch die Über-Vaterfigur, zeitlebens schwer traumatisiert gewesen sein. Des Vaters „Ich zerreiße ihn wie einen Fisch“ ist an diesem Abend mehrfach vom Vater-Darsteller Karl Jordan zu hören, dem ein beschwichtigendes „Hermann, bitte“ der Mutter (Martha Freier) folgt. Kafka arbeitete sich mit seinem bekannten Brief an den Vater daran ab.

Der Abend bildet in Kafka-Zitaten, kleinen Varieté- und Clowns-Nummern oder Traumsequenzen (beispielsweise einer Hochzeit mit Klezmer-Musik) ein lebendiges Psychogramm des Schriftstellers. Wie in sprechenden Bilderrahmen und Schattenrissen hinter Papierwänden werden die prägenden Figuren seines Lebens ausgestellt. In seinen Tagebüchern berichtete Kafka von den Einflüssen dieser Personen und seiner Erziehung, die ihm geschadet habe. Man sieht immer wiederkehrende Motive und Symbole aus Kafkas Texten wie den Apfel, den die Milena-Figur (Sophia Berndt) bei sich trägt. Felice (Hannah Prasse) hält ein Leporello aus Briefen oder die Eltern Tarot-Karten in den Händen.

Die Inszenierung widmet sich recht naiv, zirzensisch leicht und ohne bestimmte Deutung der Biografie Kafkas, vermittelt allerdings dabei auch kaum Neues. Vieles im Leben Kafkas bleibt weiterhin offen und bietet Raum für Spekulationen, was letztendlich auch den Reiz an seiner Figur ausmacht.

***

KKAAFFKKAA oder …du hast mich dir anders vorgestellt…
Szenisch-choreografischer Versuch über Franz K.
Vom Theater Zentrifuge Studio 2
Regie/Dramaturgie: Katarzyna Makowska-Schumacher
Choreografie: Max Makowski
Bühne: Andre Putzmann
Musik live: Bardo Henning
Musik: golden ratio
Licht: Juri Rendler
Projektionen: Rico Mahel
Off-Stimme: Elias Arens
Es spielen:
Kenneth Philip George: K1
Josephine Nahrstedt: K2
Orlando Schiavone: K3
Martha Freier: Kafkas Mutter Julia
Karl Jordan: Kafkas Vater Hermann
Sophia Berndt: Milena
Hannah Prasse: Felice/ Mädchen
Berlin-Premiere war am 3. Februar 2017 im Theater unterm Dach Berlin

Infos: http://www.theateruntermdach-berlin.de/spielplan.html

Zuerst erschienen am 04.09.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Raum und Bild – Ausstellungen von Monica Bonvicini und Norbert Bisky in der Berlinischen Galerie und der Galerie König

Mittwoch, September 27th, 2017

___


Monica Bonvicini, Breathing, 2017 – Courtesy the artist and König Galerie, Berlin; Galerie Peter Kilchmann, Zürich; Galleria Raffaella Cortese, Mailand. Ausstellungsansicht, Berlinische Galerie, 2017. © Monica Bonvicini and VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Foto: Jens Ziehe

Seit dem Gewinn des Goldenen Löwen bei der Kunst-Biennale in Venedig 1999 hat sich die 1965 in der italienischen Lagunenstadt geborene Konzept-Künstlerin Monica Bonvicini zu einer wichtigen Größe in der zeitgenössischen Kunstszene entwickelt. Mittlerweile in Berlin lebend hat sie an zahlreichen internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen in Hamburg, München, Wien, Paris, London oder Chicago teilgenommen sowie weitere Kunst-Preise erhalten. So etwa den Preis der Berliner Nationalgalerie für junge Kunst 2005 mit einer Installation, bei der sie Utensilien der S/M-Kultur aus Latex und Ketten in den Hamburger Bahnhof hängte. Ursprünglich von der Malerei kommend hat sich Monica Bonvicini seit Mitte der 1990er Jahre auf raumgreifende, zum Teil recht monumentale Installationen spezialisiert, in denen sie sich mit den Themen Macht, Sexualität und Verführung in der uns umgebenden Architektur auseinandersetzt. Zu ihrem Oeuvre gehören Werke der Objekt- und Videokunst wie auch grafische Arbeiten, mit denen sie die Ausstellungsräume gestaltet.

So auch jetzt in der Berlinischen Galerie, in der zur diesjährigen Berlin Art Week die Ausstellung 3612,54 m³ vs 0,05 m³ eröffnet wurde. Monica Bonvicini stellt hier ihr eigenes Raumvolumen dem der hohen Eingangshalle der Berlinischen Galerie gegenüber. Mit auf Baustellen in Istanbul gefundenen Abgrenzungszäunen aus Stahlplatten hat sie die Halle nochmal begrenzt. Man kann sie durch eine Tür in der raumhohen Stahlwand (Passing) betreten. In der Halle hat die Künstlerin verschiedene Objekte zu einer Rauminstallation zusammengestellt. Auch hier ist es ein Mix aus raumgreifenden kinetischen und kleineren Objekten aus dem Alltag und der Fetischszene, die das Publikum verstören sollen.

 

Monica Bonvicini, Waiting #1, 2017 – Courtesy the artist and König Galerie, Berlin; Galerie Peter Kilchmann, Zürich; Galleria Raffaella Cortese, Mailand, Ausstellungsansicht, Berlinische Galerie, 2017. © Monica Bonvicini und VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Foto: Jens Ziehe

 

Bonvicini will eine Art Unbehagen beim Betrachter erzeugen, ein Gefühl der Enge, wie etwa in einem Flüchtlingscontainer. Die Thematik ist wie gesagt nicht neu, schon in Venedig 1999 hängte die Künstlerin Kettensägen in Latexriemen oder Ledereier an die Wände. So auch hier mit der allerdings recht verspielt wirkenden Installation Belts Ball (double ball), bei der zwei aus Ledergürteln gefertigte Bälle in der einen Ecke der Halle hängen. In der Mitte ist die kinetische Objekt-Installation Breathing angeordnet. Eine von der Decke hängende Peitsche aus einem starken Seil, an dem wieder mehrere Ledergürtel hängen und beim Schleifen über den Boden ein metallisches Geräusch erzeugen. Über Luftdruck wird diese Installation angetrieben. Die Peitsche bewegt sich dann spontan mit einer Art Fauchen im Raum, das an ein Atmen erinnert. So kann sie dabei auf die BesucherInnen schon mal bedrohlich wirken, hängt aber meist nur schlaff von der Decke.

Der Raum wirkt eigentlich nur durch den Vergleich von Leere und Enge. So fühlt man sich allein eher verloren, mit mehreren Menschen könnte sich schon ein Gefühl der Beklemmung ergeben. Weitere Objekte zeigen das verbogene Abgrenzungsgeländer eines Wartebereichs (Waiting), an dem an einer Kette Handschellen hängen, oder zwei Stahlstützen, die schräg an der Wand verschraubt sind und Diener heißen, sowie ein Lichtschalter aus weiß gefärbter Bronze, den Bonvicini ironisch The Beauty You Offer Under the Electric Light nennt. Die Schönheit, die sich hier im gleißenden Licht der Halle präsentiert, wirkt in ihrem Fetischmaterial zwar verführerisch, ist aber anderseits auch sehr trügerisch.

*

Ergänzend zur Ausstellung in der Berlinischen Galerie hat die in unmittelbarer Nähe befindliche Galerie König, die Monica Bonvicini in Berlin vertritt, ein weiteres Werk der Künstlerin ausgestellt. Parallel zur 15. Istanbul Biennale, bei der Bonvicini vertreten ist, zeigt die Galerie eine ikonische Installation der Künstlerin. Dazu muss man wissen, dass die Galerie König seit vier Jahren in der ehemaligen St. Agnes Kirche in Kreuzberg residiert. Die 1964 vom Architekten Werner Düttmann erbaute Kirche ist ein quaderförmiger Betonbau mit angrenzender Sakristei und Glockenturm, die seit 2004 nicht mehr als katholisches Gotteshaus genutzt wird. Im Turm von St. Agnes, zu dem man einige Stufen in einem Beton-Treppenhaus aufsteigen muss, ist die Installation Bonded Eternmale zu sehen. Monica Bonvicine setzt hier eine bereits 2001 begonnene Idee über stereotypische Männerwohnungen fort. Die Installation zeigt zwei klassische Willy Guhl Eternit Stühle und einen Tisch, bezogen mit S/M anmutenden Lederbezügen auf einem schwarzen Linoleum Boden mit Leder-Ästhetik sowie einen Luftbefeuchter voll mit Whiskey. Eine ironische Verbindung von fetischisierten Baumaterialen mit Geschlechterrollen und deren Lebensstil.

 

Norbert Bisky in der Galerie König – Foto: St. B.

 

Ähnlich verstörend, aber auf eine eher faszinierende Art, sind die eine Etage tiefer ausgestellten, zumeist großformatigen Gemälde des Berliner Malers Norbert Bisky, die sich durch ihre explodierenden Farben und beunruhigenden Bildszenen auszeichnen. Meist handeln sie sehr konkret von Chaos, Gewalt und Zerstörung, die der Maler auf eine sehr extreme Weise ästhetisiert. Der Titel der Ausstellung Trilemma fokussiert auf eine dreifache Ausweglosigkeit in einer aus den Fugen geraten Welt. Bisky, der sich auch oft in Tel Aviv und Rio de Janeiro aufhält, reflektiert in seinen Bildern die ihn umgebende Realität wie auch die täglich auf uns einstürmenden Medienbilder. Vor neun Jahren hat Norbert Bisky einen terroristischen Anschlag in einem Hotel in Mumbay erlebt. Seine Albträume zwischen Schönheit und Apokalypse spiegeln sich nun in diesen Gemälden, die in der Ausstellung noch durch kleinformatigere Papierarbeiten ergänzt werden.

***

Monica Bonvicini
3612,54 m³ vs 0,05 m³
16.09.2017 – 26.02.2018
Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne
Kunst, Fotografie und Architektur
Stiftung Öffentlichen Rechts
Alte Jakobstraße 124–128
Infos: https://www.berlinischegalerie.de/home/

Monica Bonvicine – Bonded Eternmale
Nerbert Bisky – Trilemma
09.09 – 08.10.2017
König Galerie, St. Agnes
Alexandrinenstr. 118–121
10969 Berlin
Infos: http://www.koeniggalerie.com/

Weitere Infos siehe auch: http://monicabonvicini.net/

Zuerst erschienen am 25.09.2017 auf Kultura-Extra

__________

Neues aus Kalau (9)

Montag, September 25th, 2017

___

Legalize it, yeah yeah!

Zum Ausgang der Bundestagswahl 2017 berichtet KILT von den Wahlpartys der Parteien

Berlin: Während sich die SPD noch bei einem guten Glas Rotwein auf die Frontal-Opposition eintrank, war bereits aus gut informierten Kreisen zu erfahren, dass sich die Spitzen der CDU/CSU, der FDP und der Grünen zu ersten Sondierungsgesprächen auf dem Weg nach Jamaika befinden. Christian Linder stellte einen Privat-Jet der Berliner Flughafengesellschaft Tegel zur Verfügung. Er plädierte in einer ersten Stellungnahme für eine Verschiebung der BER-Eröffnung bis nach der nächsten Bundestagswahl.

Grünenvorsitzender Cem Özdemir sandte derweil eine Grußadresse an Angela Merkel mit folgendem Wortlaut: Legalize it / Don’t criticize it / Legalize it, Mutti, yeah yeah /And I will advertise it.“ Mehr war zunächst aus der Bundeszentrale der Grünen nicht zu erfahren, nur das angeblich nach einer größeren Rauchentwicklung die Feuerwehr ausrücken musste.

 

„Legalize it!“ Grußadresse von Grünen-Chef Cem Özdemir an Bundeskanzlerin Angela Merkel.

 

Die erstmals in den Bundestag eingezogene AfD formuliert angeblich schon an ihrer ersten Eingabe im Deutschen Bundestag. Darin soll es u.a. heißen: „Wir werden sie jagen von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“ Wen oder was war in einer Nachfrage von KILT nicht zu erfahren. Die bayrische CSU schließt derweil die rechte Flanke. Dazu verpflichtete CSU-Chef Horst Seehofer ab sofort Alexander Gauland als neuen Trainer des FC Bayern München. Erster Kommentar Gaulands vom Oktoberfest: „Jetzt wird der gärige Haufen endlich obergärig gemacht.“

Die Berliner Linke hat den gescheiterten SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz zu einem Lehrgang in linker Frontal-Opposition eingeladen. Der Kurs soll angeblich unter Leitung des Videoschnipslers und SPD-Experten Jürgen Kuttner in der momentan besetzten Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz stattfinden. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder übersandte den Genossen im Willy-Brandt-Haus Liebesgrüße aus Moskau.

Kommen wir zum Wetter, das Ihnen heute von der Christian-Linder-Flughafen GmbH Berlin-Tegel präsentiert wird: Die Aussichten sind gemäß Angela Merkel generell immer zuversichtlich. In der Ruhe liegt die Kraft. Eins scheint zumindest sicher: In drei Monaten ist Weihnachten.

S. v. K., Kalauer Illustrierte Tagesblätter, 25.09.2017

__________

Maxim Gorki Theater und Schaubühne gehen mit „Roma Armee“ und „Zeppelin“ furios bis verhalten komisch in die neue Spielzeit

Samstag, September 23rd, 2017

___

Let‘s roll! – Yael Ronen und Ensemble zelebrieren zum Spielzeitauftakt am Gorki Theater mit Roma Armee einen gut gelaunten Community-Abend

Roma Armee im Maxim Gorki Theater – Foto (c) Esra Rotthoff

„Als eine Romnja war mein Blickwinkel immer der einer Außenseiterin. Und diese Position des ,Anderen‘ reflektiert sich in den Materialien und Botschaften meiner Werke.“ So steht es auf der Website der Künstlerin Delaine Le Bas, die zusammen mit ihrem Mann Damian Le Bas Artwork und Kostüme der Premiere zur Spielzeit-Eröffnung am Berliner Maxim Gorki Theater nach gestaltet hat. Beide sind in Großbritannien geborene Roma. Als sogenannte Traveller ist ihre Kunst von der Outsider Art, Volkskunst der Roma und zeitgenössischen Kunst gleichermaßen beeinflusst. 2007 waren Delaine und Damian Le Bas am ersten Pavillon mit zeitgenössischer Kunst der Sinti und Roma auf der Kunst-Biennale in Venedig vertreten. Ein gutes Stück Identitätsfindung mit den Mitteln der Bildenden Kunst.

Für die neue Produktion von Yael Ronen namens Roma Armee hat das Paar eine, die Bühne des Maxim Gorki Theaters ausfühlende Wandmalerei beigesteuert. Eine riesige stilisierte Landkarte mit Figuren, Gesichtern, übergroßen Augen, Händen, Rädern und Pfeilen bemalt. Die Heimat der Outsider in einem vereinten „Gypsyland Europa“, wie es dort steht. Es ist ein fantastisches Traumland; die Realität für die nirgends richtig beheimateten Roma sieht bekanntlich immer noch anders aus.

Die israelische Regisseurin ist ja für ihre Versuche der Selbstvergewisserung, Heimat- und Identitätssuche mit Mitteln der Darstellenden Kunst auf mittlerweile vielen deutschsprachigen Bühnen bekannt. So hat sie in ihren Stückentwicklungen jüdische und arabische oder auch SchauspielerInnen aus dem vom Balkankrieg zerrissenen Ex-Jugoslawien zusammengeführt. In den Balkanländern Bulgarien, Serbien oder Rumänien leben auch viele Roma. Der westeuropäische Kulturbürger kennt sie zumeist durch ihr Musik und Folklore oder aus den Filmen des serbischen Regisseurs Emir Kusturica (Time oft the Gypsys), der hier im Stück auch mal kurz genannt, allerdings etwas abschätzig als Super-Möchtegern-Rom bezeichnet wird.

 

Artwork von Delaine und Damian Le Bas – Foto: St. B.

 

Wie also den im Theatersaal zahlreich versammelten Nicht-Roma (auch Gadje genannt) zeigen, was die Identität und das Lebensgefühl heutiger, junger Roma ausmacht? Denn jung sind sie alle auf der Bühne, selbstbewusst und dazu noch überwiegend queer, wie sich das mitgestaltende Ensemble in einer revueartigen Zarah-Leander-Travestie „Von der Puszta will ich träumen“ zu Beginn des Abends an der Rampe vorstellt. Und da sind wir auch schon mitten in der Vergangenheitsbewältigung. Der schwule schwedische Performer Lindy Larsson als Zarah-Leander-Double. Ein Rom, der die einstige schwedische Nazi-Diva parodiert und von ihrer Rehabilitierung als schwule Ikone spricht.

Ein wuchtiger Beginn, der sich nicht bei der persönlichen Vorstellung der PerformerInnen aufhält, sondern mit ihren Berichten auch eine immerwährende Geschichte der Verfemung, Vertreibung und Zwangssterilisierung erzählt. Das Ensemble spricht in wechselnden Monologen von Momenten der eigenen Scham, der Identitäts-Verleugnung und Diskriminierung durch die weiße Mehrheitsbevölkerung. Aber es geht ihnen auch irgendwie darum, „das Richtige“ zu sagen. Sie haben einen Auftrag von Freunden und Verwandten, die Gelegenheit auf der Bühne zu ergreifen, einer ausgegrenzten Minderheit eine Stimme zu geben. Riah May Knight, eine britische Romni, verliest eine ellenlange Agenda ihrer Mutter, einer Aktivistin, die sich in ihrem Ort für verleumdete Roma einsetzte. Seitdem wird ihre Familie von den Einwohnern geschnitten, die in einer Bonfire-Night Roma-Wagen aus Pappe abbrannten. Von Hamze Bytyci kommt einen Wahlkampfaufruf für die Linke. Mihaela Dragan berichtet von rechtsextremen Sterilisationskampagnen in Rumänien, und die österreichischen Roma-Schwestern Sandra & Simonida Selimovic richten das Wort an die Familie im Zuschauerraum. So haben alle neben der persönlichen Geschichte auch noch an andere zu denken.

Die anfängliche Scham über Herkunft, empfundene körperliche Makel und so manch weitere Klischeeanhäufungen zum fahrenden Volk weicht dann aber bald der Stolz, zum Volk der Roma zu gehören. Eine trotzige Identitätsfindung, die sich auch über Genderschranken hinwegsetzt und in der Ausrufung einer durchaus militanten „Roma-Revolution“ kulminiert. Sandra Selimovic fordert die Gründung der Roma-Armee-Fraktion, die nicht nur dem Namen nach an die sogenannte Baader-Meinhof-Bande des Deutschen Herbstes erinnert. In weißen Uniformen und mit Maschinenpistolen im Anschlag formiert sich das Ensemble hinter ihrer Einpeitscherin. Aus Knüpft Bande! wird Bildet Banden!, aus queerem Schick uniformierter Nationalstolz. Markige Parolen über das weiße Europa, das von den „Roma-Flammen“ verschlungen wird und der göttlichen Katastrophe entgegenblickt, erklingen. Der Aufstand der Landlosen gegen die Besitzer streckt sich allerdings sehr rasch mit ein paar Salven selbst nieder. Eine echte Alternative scheint Gewalt, wo Gewalt herrscht, nicht zu sein.

Der Weg in die Zukunft und zur gemeinsamen Sprache führt hier dann doch über die Versöhnung nach dem Muster des südafrikanischen Komites für Wahrheit und Versöhnung. Zumindest lautet so eine Utopie, die Simonida Selimović in einem weiteren Monolog darlegt. „Glaubt ihr an Frieden und Gleichheit der Menschen?“ Ein schöner Wunschtraum in einem Land, in dem die rechte AfD lieber stolz auf die deutschen Soldaten zweier Weltkriege ist. Vom kämpferischen Rap und choreografierten Revuetanz fällt man in pathetische Roma-Romantik. Bevor das Ganze aber ins melancholisch-schöne La-La-Gypsyland abdriftet, bekommen die beiden Nicht-Roma auf der Bühne, die israelische Schauspielerin Orit Nahmias und der deutsch-türkische Schauspieler Mehmet Atesci, ihren Rampenauftritt in Carmen-Kostümen, dem theatralischen Zigeuner-Klischee schlechthin, und dürfen nicht ohne Humor stellvertretend für das weiße Publikum ihre „Supporting Role“ reflektieren.

Der Abend findet allerdings hier noch nicht sein Ende. Hinter der Bühne hat sich das Roma-Ensemble schnell ein paar Superheldenkostüme übergeworfen und glitzert nochmal im Rampenlicht, während Lindy Larsson seine Kindheitshelden von Batman und Robin bis zu den X-Men-Mutanten Revue passieren lässt. In einer letzten Vision nimmt Yael Ronen – wie schon in ihrer Münchner Produktion Point Of No Return – wieder Bezug auf Walter Benjamins Engel der Geschichte. Ihr Bild ist ein Rücken-an-Rücken. Der eine schaut in die Zukunft, der andere in die Vergangenheit, dazwischen die Gegenwart. Wir müssen uns umdrehen für einen gemeinsamen Blick in die Zukunft. Let‘s roll! Das Gorki feiert wieder den Community-Gedanken. Im Publikum muss man da sicher niemanden mehr überzeugen. So ganz überzeugend ist dieser gut gelaunte Revue-Abend dann aber doch nicht.

***

Roma Armee (Maxim Gorki Theater, 15.09.2017)
von Yael Ronen & Ensemble
nach einer Idee von Sandra Selimović, Simonida Selimović
Regie: Yael Ronen
Bühne: Heike Schuppelius
Malerei & Artwork: Damian Le Bas, Delaine Le Bas
Kostüme: Maria Abreu, Delaine Le Bas
Musik: Yaniv Fridel, Ofer Shabi
Video: Hanna Slak, LUKA UMEK
Licht: Hans Fründt
Dramaturgie: Irina Szodruch
Mit: Mehmet Ateşçi, Hamze Bytyci, Mihaela Dragan, Riah May Knight, Lindy Larsson, Orit Nahmias, Sandra Selimović, Simonida Selimović.
Uraufführung war am 14.09.2017 im Maxim Gorki Theater
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Termine: 13., 14., 15.10. / 13., 14., 26.11.2017

Infos: http://www.gorki.de

Zuerst erschienen am 19.09.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

Like a lead Zeppelin – Herbert Fritschs neues Stück nach Texten von Ödon von Horváth kann an der Berliner Schaubühne leider nicht wirklich abheben.

Zeppelin in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (c) Thomas Aurin

„Alle meine Stücke sind Tragödien – sie werden nur komisch, weil sie unheimlich sind. Das Unheimliche muß da sein.“ schreibt der Schriftsteller und Dramatiker Ödön von Horváth in Exposés und Theoretisches. Eine Gebrauchsanweisung für seine Stücke, wenn man so will, in der er auch die Todsünden der Regie aufzählt. Ob er da schon das moderne Regietheater im Sinn hatte, ist nicht belegt. In diesem Band mit Texten aus dem Nachlass befinden sich, wie der Titel schon sagt, auch einige Exposés zu Romanen und Volksstücken wie etwa Elisabeth, die Schönheit von Thüringen, einer frühen Fassung von Glaube Liebe Hoffnung. Diese Entwürfe und Figurenkonstellationen tauchen dann später in Horváths bekannten Stücken immer wieder mal auf. Seine Dramen und Romane sind aber vor allem Aphorismensammlungen par excellence. Das hat auch Ex-Volksbühnenregisseur Herbert Fritsch erkannt und serviert nun in seinem neuen Berliner Theaterdomizil, der Schaubühne am Lehniner Platz, einen Zettelkasten Buntes samt Zeppelin, wie er den Abend überschreibt.

*

Der Zeppelin ist ein bekanntes Motiv aus Horváths Stück Kasimir und Karoline. Auch in Geschichten aus dem Wiener Wald taucht er kurz auf, wenn Agnes ihrem Verführer Alfred von einem Traum erzählt, in dem ihre Mutter ihr zuruft: „Schau hinaus mein Kind, draußen fliegt der Zeppelin.“ Da draußen ist natürlich auch die böse Welt, vor der Agnes dachte, von ihrer Mutter beschützt zu werden. „Zeppelin ist natürlich ein Symbol.“ ahnt da Alfred. Und so ist auch der Zeppelin, den Herbert Fritsch als riesiges Metallskelett auf die Bühne gestellt hat, zu allererst ein Symbol für ein Drinnen und Draußen, für die Unvollkommenheit und Löchrigkeit der Welt, aber auch für eine Fortschrittsmaschinerie, die Großes verspricht und doch immer wieder in Chaos und Katastrophen mündet. Der Horváthsche „Kampf zwischen Bewußtsein und Unterbewußtsein“ spielt sich hier also auf einer fetten „Aluwurst“ als deformiertes Weltengerippe ab. Nach Freud sicher auch ein Phallussymbol, für Spaßkanone Fritsch aber vor allem ein Klettergerüst und Scherzartikel.

Bühnenbildner Fritsch hat hier eine geniale Sprach-Klang-Installation geschaffen, die über das Elektro-Harmonium von Fritsch-Musiker Ingo Günther gesteuert wird, und einen minimalistischen Pling-Plang-Sound erzeugt, der immer wieder wie ein bedrohliches Knarren und Knallen der Metallstreben klingt, die das Zeppelingerüst bilden. Dieses monströse Klanggerüst bevölkert Regisseur Fritsch, der bekanntlich auch ein genialer Sprachlaborant ist, mit seinen typischen Fritsch-Figuren, die nun unentwegt daran herumklettern, fehlen, aber nicht fallen, hängen und Textfragmente aus Horváth-Werken plappern. Sie sind dabei aber nicht etwa die konkreten Charaktere Horváths, sondern nur deren Wiedergänger, denen man ein wenig willkürlich ihre Worte in den Mund gelegt hat.

 

Zeppelin in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (c) Thomas Aurin

 

Ein Geisterabend also, den uns die eigentliche Frohnatur Herbert Fritsch da präsentiert. Aber mit dem Horváthschen Anfangszitat dieser Kritik im Kopf ergibt das durchaus Sinn. Zu Beginn ignorieren die Menschlein in ihren bunten Fantasiekostümen noch das Zeppelingerippe und spielen ganz ohne Worte die Legende vom Fußballplatz aus Ödön von Horváths Prosasammlung Sportmärchen. Ein Fußball liebender Junge, der jedes Spiel verfolgt, bis er im nassen Gras stirbt, wird des Nachts von einem Engel zum himmlischen Fußballwettspiel abgeholt. Auf der Bühne jongliert einer der Schauspieler einen Ball, wird aber von der schreienden Meute immer wieder umgerannt, bis sie alle beginnen miteinander zu spielen. Ein himmlisch-fröhliches Idyll, das Paradies, wenn man soll/will, aus dem sich die acht DarstellerInnen schließlich selbst vertreiben, um ihr Glück auf dem Zeppelin zu versuchen.

„Irgendwann, da werden Sie das alles verstehen.“ ruft mal aufmunternd eins der Menschlein dem Publikum zu. Aber man muss das alles nicht zwingend wissen, um diesen Abend zu verstehen. Zeppelin-Symbol, Bewegungen und Zitate lassen einen Fritschs Motive klar und deutlich erkennen. Hier geht’s nicht nur um den Spaß am Spiel, sondern auch um die Abgründe des Lebens, gespeist aus den kurzen Worteinsprengeln und Dialogen, wie etwa dem Horváth-Aphorismus „Denken tut weh.“ aus dem Roman Ein Kind unserer Zeit. Oder aber auch der: „Sie werden schon sehen, daß jede Epoche die Epidemie hat, die sie verdient. Jeder Zeit ihre Pest.“ Auf ins Anatomischen Institut! Kurz erklingt „Schöne Nacht, du Liebesnacht“ aus der Oper Hoffmanns Erzählungen, und auf dem großen Jahrmarkt der Eitelkeiten treffen sich das Gorillamädchen und der Mann mit dem Bulldoggenkopf und versuchen sich, in der Welt der Äußerlichkeiten zu behaupten. „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.“ heißt es im Drama Zur schönen Aussicht.

Die Aussicht hier ist aber streckenweise erschreckend fad. Und so unheimlich ist das Ganze dann doch nicht, dass es wirklich komisch werden könnte. Die Fritsch-Maschinerie kommt einfach nicht richtig in Gang. Die Sterilität der Schaubühnenarchitektur sowie die Schwerfälligkeit der Zeppelin-Installation färben auf die sie umwuselnden Kreaturen ab. Das starre Gerüst als Sinnbild einer starren, konformen Welt, an der man sich vergeblich abarbeitet. Das leuchtet zunächst als Regie-Konzept ein. Allein Fritsch geht es dann doch auch um etwas anderes. Den ewigen bürgerlichen Spießer als Spaßbremse schlechthin. Aus einem weiteren Horváth-Exposé Die Schönheit aus der Schellingstraße kommt der Spruch, „dass die Scherzartikel eigentlich etwas vollkommen Überflüssiges sind“. „Wir haben viel ernstere Ziele, es dreht sich hier um die Umwandlung des inneren Menschen.“ Dabei ist der Mensch dann eigentlich auch ziemlich überflüssig.

„Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen.“ heißt es in Kasimir und Karoline. So hängen sie dann alle auch am Ende in den Stangen und starren minutenlang ins Publikum. Der Versuch düsteren Quatsch zu machen, ist Herbert Fritsch an neuer Wirkungsstätte leider leicht missglückt. Ein netter Spaß zwar, aber auch etwas zu minimalistisch geraten, fast wie eine Studioproduktion. Was wäre das in der großen Volksbühne gewesen? Man kann es nur ahnen. Der sonst so leichte Fritsch-Witz samt walfischartigem Zeppelin, auch wenn er hin und wieder etwas über dem Boden schwebt, will einfach nicht abheben.

***

Zeppelin (Schaubühne, 19.09.2017)
frei nach Texten von Ödön von Horváth
Regie und Bühne: Herbert Fritsch
Kostüme: Victoria Behr
Musik: Ingo Günther
Dramaturgie: Bettina Ehrlich
Licht: Torsten König
Mit: Florian Anderer, Jule Böwe, Werner Eng, Ingo Günther, Bastian Reiber, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler, Alina Stiegler, Axel Wandtke
Premiere war am 19.09.2017 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Dauer: ca. 1 Stunde 40 Minuten
Termine: 23., 25., 26., 27., 30.09. / 01., 02., 03.10. / 25.-28.11. 2017

Infos: http://www.schaubuehne.de/

Zuerst erschienen am 20.09.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Die Kunstmessen „art Berlin“ und „Positions“ auf der Berlin Art Week 2017

Freitag, September 22nd, 2017

___

Die neue art berlin löst die alte art berlin contemporary ab und präsentiert sich neu als reine Verkaufs-Messe mit 112 Galerien in der Station Berlin am Gleisdreieck

Fünf Jahre lang bildete die art berlin contemporary (abc) das Flaggschiff der Berlin Art Week. Wegen schlechter Umsätze im letzten Jahr geriet die bis dato kuratierte Kunstmesse in Schieflage und tritt nun unter neuem Namen art berlin und mit neuem Partner, der Koelnmesse, wieder als klassische Verkaufsschau auf. Das bedeutet eine Rolle rückwärts in die Zeit der Kojen-Anordnung, weg von der freien Stellung einzelner Künstlerpositionen in der architektonisch beeindruckenden Weite der Hallen in der Station Berlin am Gleisdreieck. Einerseits schade, ist es doch anderseits nachvollziehbar – die Galerien wollen ihre KünstlerInnen für das interessierte Sammlerklientel präsentieren.

Ai Weiwei bei der Galerie neugerriemschneider – Foto: St. B.

In der globalisierten Kunstwelt erhoffen sich art berlin-Chefin Maike Cruse und Art-Cologne-Direktor Daniel Hug durch die Kooperation der Galeriestandorte Köln und Berlin einige Synergien im Bereich der modernen und zeitgenössischen Kunst. Mit 112 Galerien platzt die Messe in diesem Jahr allerdings aus allen Nähten. Doch Maike Cruse denkt bei der Pressekonferenz zur Eröffnung der art berlin bereits an eine Erweiterung. Lieber nicht, denkt man sich da beim Rundgang durch die zwei großen, mit Galerie-Kojen vollgestellten Hallen. Masse ist nicht immer gleichbedeutend mit Klasse. Und zwischen den großen Stars der internationalen Kunstszene geht da so manches Neue unter.

*

Einen guten Überblick über den aktuellen Kunstmarkt bietet die erste art berlin dann aber schon. Es gibt eine Mischung aus altbekannten abc-Teilnehmern, jungen Galerien und klassischer Moderne zu sehen. 30 Galerien präsentieren auch weiterhin die traditionellen Soloshows einzelner KünstlerInnen. So zeigt etwa die Galerie Sprüth Magers in einer grünen Box eine wuselige Atelier-Installation des deutschen Kunst-Enfant-Terribles John Bock, der jüngst erst in einer Einzelausstellung in der Berlinischen Galerie zu bewundern war. Neugerriemschneider fokussiert sich ganz auf Gemälde, Skulpturen und Installationen des in Berlin lebenden chinesischen Künstlers Ai Weiwei. Die Galerie Karin Guenther hat die Wände ihrer Koje komplett mit den provakanten Text-Bildern aus dem Raumjournal für Schweinezyklen des Künstlers Gunter Reski ausgestaltet.

 

 

Mark Dion, Monster, 1998 – Courtesy the artist and Galerie Nagel Draxler, Berlin-Cologne

 

Azade Köker, Entkettet bei der Zilberman Gallery – Foto St. B.

Recht interessant sind die von der Galerie Nagel Draxler präsentierten Werke des US-amerikanischen Objektkünstlers Mark Dion. Er beschäftigt sich in seinen Installationen mit der kulturellen Repräsentation von Phänomenen der Natur, die er für eine raffinierte Arena für die Produktion von Ideologien hält. So zeigt der Naturschützer Dion in Monster die Nachbildung eines fossilen Artefakts wie in einer zoologischen Monstrositätenschau. Monströs aber meist eher sehr ironisch geht es auch beim kanadischen Zeichner und Objektkünstler Marcel Dzama zu. Seine Papierarbeiten bei der schwedischen Galleri Magnus Karlsson werden von fotorealistischen Gemälden der schwedischen Malerin Sara-Vide Ericson und fantastischen Tierskulpturen aus glasiertem Steingut der tschechischen Künstlerin Klara Kristalova flankiert.

Starke Kunstpositionen von Frauen gibt es auch bei Soy Capitán mit Objekten von Camilla Steinum und Zeichnungen von Grace Weaver, oder bei Sperling mit Objekten und Collagen der britischen Künstlerin Anna McCarthy. Anna Vogel zeigt ihre abstrakten Pigmentdrucke von überarbeiteten Digitalfotografien bei der Düsseldorfer Galerie Conrads. Bei der Zilberman Gallery fällt die Großskulptur Entkettet der in Berlin lebenden türkischen Künstlerin Azade Köker auf.

 

Katharina Sieverding, Transformer I A/B, 1973
© Katharina Sieverding, VG Bild-Kunst, Foto © Klaus Mettig, Courtesy Galerie Wilma Tolksdorf

 

Magische Schwarz-Weiß-Fotografien menschenleerer Orte von Gregory Crewdson und Katharina Sieverdings Doppelportrait Transformer I A/B hängen bei der Galerie Wilma Tolksdorf. Grafikserien von Daniel Richter und Rodney Graham gibt es bei den Galerien Sabine Knust und Esther Schipper. Die Londoner Pippy Houldsworth Gallery kombiniert die Gemälde der britischen Künstlerin Jadé Fadojutimi mit denen des Berliner Malers Uwe Henneken. Kunst, die sich an der kolonialen Vergangenheit Europas abarbeitet, ist bei der Galerie Barbara Thumm mit Martin Dammanns Gemälde Greetings und Tuschezeichnungen des peruanischen Künstlers Fernando Bryce zu sehen. Surreale Mischtechniken von Hans Weigand, der sich an alten Werken der Renaissance oder des japanischen Holzschnitts wie Hokusais großer Welle orientiert, zeigt die Gabriele Senn Galerie. Die Wiener Galerie Elisabeth & Klaus Thoman wartet mit Gemälde von Maria Brunner und Herbert Brandl auf.

 

Martin Dammann, Greetings, 2016-2017 – Courtesy the artist and Galerie Barbara Thumm

 

Junge witzige Objekt-Kunst präsentiert die Leipziger Galerie Tobias Naehring. Wilhelm Klotzek bringt in seiner Zigarettenskulptur an einem Straßenschild die Erfurter Fotografin Gundula Schulze Eldowy mit dem kritischen DDR-Dichter Adolf Endler zusammen. Eva Grubinger hat mit Untitled (Problem No. 2) ein Kunstwerk aus Seil und Ringen zwischen Geschicklichkeitsspiel und Fetischobjekt geschaffen. Und wenn wir bei Leipzig sind, darf die Galerie Eigen+Art nicht fehlen. Im Programm sind dort Objekte von Olaf Nicolai und Gemälde von Martin Eder, Tim Eitel und Nicola Samori, die die insgesamt recht starke Malereisektion der art berlin komplettieren.

***

art berlin
14.09. bis 17.09.2017
in der Station Berlin
Luckenwalder Str. 4–6.
Tickets: 16 Euro.

Infos: http://artberlinfair.com/

Katharina Sieverding, Transformer I A-B, 1973 – (c) Katharina Sieverding, VG Bild-Kunst; Foto: Klaus Mettig, VG Bild-Kunst Courtesy Galerie Wilma Tolksdorf

Zuerst erschienen am 16.09.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

Die POSITIONS Berlin Art Fair überzeugt in der Arena in Treptow mit viel zeitgenössischer Malerei, Grafik, Plastik und Fotografie im mittleren Preissegment

Im nunmehr vierten Jahren ihres Bestehens hat sich die 2014 von Berliner Galeristen Kristian Jarmuschek gegründete POSITIONS Berlin Art Fair zum festen Bestandteil der Berlin Art Week entwickelt. Mehr als eine bloße Satellitenmesse zur vorherigen art berlin contemporary und jetzigen art berlin versteht sich die POSITIONS als Messe für Newcomer genauso wie für Galerien mit langjähriger Ausstellungstradition. Man will mit Wiedererkennungswert und neuen Perspektiven auf die Kunst sowohl etablierte Sammler als auch ein junges kunstinteressiertes Publikum erreichen. Vom letztjährigen Veranstaltungsort dem Postbahnhof ist die POSITIONS in die 6.500 qm große Halle der Arena Berlin zurückgekehrt. Hier zeigen in diesem Jahr 84 ausgewählte internationale Galerien aus 15 Ländern ihre prägnanten künstlerischen Positionen der zeitgenössischen und modernen Kunst.

*

Schon immer war die POSITION ein guter Ort für die verschiedensten Arten von Malerei und Grafikkunst. In diesem Jahr ist das besonders augenfällig. Zu entdecken gibt es u.a. die entfernt an Francis Bacon erinnernden verswischten Öl-Portraits auf MDF-Platte von Justine Otto, die vom Hamburger Polarraum vertreten wird. Großformatige Acrylportraits von Lars Teichmann präsentiert Lachmann Art aus Konstanz. Jarmuschek+Partner zeigen Moritz Schleime mit einer Serie kleinformatigen Ölbilder, mit denen der Cornelia Schleie-Sohn motivisch tief in der Kunstgeschichte fischt. Die Berliner Galerie Gerken hat ihren neuen Malerstar Dieter Mammel mitgebracht. Schon beim Galerie Weekend im Frühjahr beeindruckten seine verrätselten, meist einfarbig gehaltenen Gemälde aus einem Tusche-Acryl-Mix. Bei der Galerie Robert Drees aus Hannover fällt ein großes Frauen-Portrait von Hanna Nitsch aus Tusche und Grafitstift auf Papier ins Auge. Die Berliner Galerie Burster hat mit Katharina Albers, Alex Feuerstein und Wolfgang Ganter gleich drei Positionen Malerei im Angebot. Flankiert werden sie von Plastiken des Japaners Hirofumi Fujivara.

 

Dieter Mammel, The Messenger (Western Storm), 2017
(c) Galerie Gerken

 

International wird es auch mit farbigen Kreidearbeiten des 1992 an AIDS gestorbenen US-amerikanischen Künstlers Patrick Angus, der neben deutschen Malergrößen wie Rainer Fetting und Jochen Hein bei der Stuttgarter Galerie Thomas Fuchs zu finden ist. Eine Art griechischen Neo Rau zeigen mit Tassos Missouras die Athener Kaplanon Galleries. Sebastian Meschenmooser zeigt bei der Frankfurter Galerie Greulich seine Ölgemälde gestrandeter Gulliver-Astronauten. Bei so viel gegenständlicher Malerei haben es abstrakte Positionen häufig schwer. Die Kreuzberger Galerie Sievi präsentiert da mit Darko Lesjak und Oliver Messas gleich zwei ganz interessante Künstler. Bei der Berliner Galerie aquabitArt hängen die monochromen Tuschearbeiten der Brasilianerin Paula Klien. Chinesische Tuschemalereien des südkoreanischen Malers Jong-Taek Woo zeigt auch die Nürnberger Bode Galerie. Sie werden von den Kopfbronzen des Bildhauers Dietrich Klinge ergänzt.

 

Martin C. Herbst bei der Christopher Cutts Gallery
Foto: St. B.

 

 

Einen interessanten Bildträger benutzt der bei der Berliner Galerie Born ausgestellte französische Maler Daniel Schlier. Seine zum Teil recht ironischen Bildmotive mit dem europäischen Stier oder röhrendem Hirschen arbeitet der gebürtige Elsässer mit Öl und Blattgold auf unterschiedlich gemusterte Marmorplatten. Regelrecht poppig wird es bei der Wiener Galerie Ernst Hilger, die neben dem Altmeister Hermann Nitsch, Papierarbeiten des isländischen Pop-Art- und Comic-Künstlers Erró, einen Doppel-Che-Guevara auf Papier von Bernard Rancilllac und kleinformatige Acrylmalereien von Andreas Leikauf anbietet. Interessant sind auch die großköpfigen Portraits der Niederländerin Tamara Muller bei der Galerie Bart aus Amsterdam. Große Gesichter schauen einen auch aus den Glaskugeln von Martin C. Herbst bei der kanadischen Christopher Cutts Gallery an. Mat Brown zeigt dort surreale, farbige Tuschearbeiten auf Papier.

 

Hanna Nitsch, Rema est # 1 – (c) Galerie Robert Drees

 

Geschnitten, geklebt und collagiert wird von Marion Eichmann bei Tammen & Partner sowie von Fritz Bornstück bei der Galerie Greulich. Wer es traditionell und etabliert mag, ist bei beim Kölner Kunsthandel Osper richtig. Hier hängen Malergrößen wie Markus Lüpertz mit ein paar großformatigen Papierarbeiten und Klaus Fußmann mit Blumenaquarellen. Die beiden deustchen Malerfürsten werden auch hier von Bronzen des Bildhauers Hannes Helmke gut ergänzt. Die Berliner Galerie Poll hat mit dem Dresdner Volker Stelzmann eine Ex-DDR-Malergröße im Angebot. Realistische Malerei in verschieden Facetten gibt es auch bei Westphal Berlin mit CD Aschaffenburg oder bei der Nürnberger Galerie Von&Von mit Konstantin Schroeder und Kathrin Rank bei. Gräfe Art.Concept zeigt die pastösen Acryl-Gemälde des polnischen Malers Leszek Skurski.

 

Wolfgang Stiller bei der Galerie Schmalfuss Berlin
Foto: St. B.

 

Neben der Malerei ist die Plastik ebenfalls stark auf der POSITONS vertreten. Von der BERLINER LISTE hierher gewechselt ist der Holzbildhauer Edvardas Racevicius. Seine mit dem Werkstoff Holz verwachsenen Figuren sind bei der Galerie Peters-Barenbrock aus Ahrenshoop zu sehen. Aus Eiche sind die alltägliche Codes, Tabellen und Kurvendiagramme darstellenden Holzreliefs von Mathias Hornung bei der Reutlinger Galerie Reinhold Maas. Interessant sind auch die vielschichtigen Gruppenausstellungen bei Brennicke Fine Art und der mianki.Gallery. Dort überzeugen vor allem die Malerinnen Anna Bittersohl und Franziska Maderthaner sowie die fragilen Plastiken der Bildhauerin Tina Heuter und Laubbilder, für die der Künstler Michael Schuster Fotografien zur Grundlage nimmt. Schmalfuss Berlin zeigt Epoxidharz-Plastiken von Oliver Czernetta und die überdimensionalen schwarzen Streichholzköpfe von Wolfgang Stiller.

 

Patrick Angus, Rainbow flag Pool table, 1987; Kreide auf Papier, 22.6 x 30.5 cm – (c) The Estate of Patrick Angus

 

Eine gute Mischung aus Fotografie, Grafik und Plastik haben auch die Hamburger Galerie Cometer | Persiehl und Heine sowie die Frankfurter Galerie Hübner & Hübner im Angebot. Hier faszinieren vor allem die Platin Palladium Prints von Gregor Törzs und die Plastiken von Carole Feuermann. Starke Fotoarbeiten gibt es von Anna Bresoli bei der Projekteria (Art Gallery) aus Barcelona und von bei der Schweizer Brouwer Edition von Dierk Maass und bei der Warschauer Galeria Apteka Sztuki die eindrucksvollen schwarz-weißen Gesichtslandschaften des Kubaners Stéphane Noël. Ein echter Hingucker ist nicht zuletzt auch die digital montierte und aus Jacquardstoff gearbeitete Großtapisserie Stadt der Frauen von Magret Eicher bei der Berliner Galerie Horst Dietrich.

***

POSITIONS Berlin Art Fair
Vom 14. – 17. September 2017
In der Arena Berlin
Eichenstr. 4
Tickets: 12 Euro

Infos: http://positions.de/

Zuerst erschienen am 18.09.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Die 14. BERLINER LISTE ist etwas verkleinert in die Hallen des Postbahnhofs umgezogen und präsentiert wieder ein ausgewähltes Angebot an Malerei, Grafik, Plastik und Fotografie für den kleineren Geldbeutel

Mittwoch, September 20th, 2017

___

Hatte die BERLINER LISTE 2016 noch den Platz der größten Kunstmesse in Berlin inne, muss sich die jährlich parallel zur Berlin Art Week laufende BERLINER LISTE 2017 (als Entdeckermesse für zeitgenössische Kunst in ihrer 14. Ausgabe) allerdings damit begnügen, die älteste unter den noch bestehenden Berliner Verkaufsmessen zu sein. Konnte man im letzten Jahr noch 112 Aussteller (so viel wie die berlin art in diesem Jahr) präsentieren, so sind es 2017 nur noch 90, die allerdings aus 34 Ländern und 5 Kontinenten stammen. So international war die BERLINER LISTE laut Messedirektor Jörgen Golz noch nie. Aber auch hier hat die Krise auf dem globalisierten Kunstmarkt zugeschlagen, da braucht es einiges an aufmunternden Worten zur Eröffnung am Donnerstagnachmittag, einen Tag später als sonst. Auch der Umzug in die im Vergleich zum alten Standort Kraftwerk Mitte recht übersichtlichen Hallen im Postbahnhof am Ostbahnhof muss erwähnt werden. Und ähnlich wie die neue art berlin pflegt die BERLINER LISTE schon länger die Kooperation mit Köln und Frankfurt/M.

 

Solo Show Jim AvignonFoto: St. B.

Die Messe-Verantwortlichen haben zwar ihr Konzept aus verschiedenen Sektionen wie Urban Art, Fotografie, separaten Artist- und klassischen Galeriepräsentationen beibehalten, aber deutlich wahrnehmbare Schnitte vollzogen. Das kann für die Qualität der gezeigten Kunst nur gut sein. Viel Gefälliges und Dekoratives verstellte in den letzten Jahren die Sicht auf wirklich Neues. Den Ruf als junge Entdeckermesse lassen sich die Veranstalter aber dennoch nicht nehmen. Große Namen wird man hier schwerlich finden, dafür aber Kunst in allen Geschmacksrichtungen zu durchaus erschwinglichen Preisen. Als sogenannte „Einstiegsdroge“ hat die BERLINER LISTE eine auf 10 Exemplare limitierte Edition von 10 Kunst-Positionen des Jahrgangs für je 100 Euro herausgegeben.

*

Rainer Jacob, Radiator – Foto: St. B.

Im Erdgeschoss der Halle befinden sich Fotosektion und Urban Art, für der Berliner Künstler Jim Avignon in diesem Jahr eine Soloshow in Zusammenarbeit mit der URBAN SPREE Galerie aufgebaut hat – eine Art visueller Internet-Jahrmarkt aus Street Art und Installationen zum Thema World Wide Web. Wie im letzten Jahr präsentiert daneben die Berliner OPEN WALLS Gallery Sreet Art von ALIAS und eindrucksvolle Portraits von Alevtina Golovin.

In der Foto-Sektion gibt es wieder die noch aus dem letzten Jahr bekannten inszenierten Kunstfotografien des russischen Künstlers Andrey Kezzyn. Neu sind die Eisskulpturen des Leipziger Bildhauers und Fotografen Rainer Jakob, die dieser Undercover wie den hier ausgestellten Heizradiator in der Stadt installiert und das Schmelzen in seinen Fotos dokumentiert. Aus Afghanistan kommt die junge Fotografin Mujaheda Khowajazada, deren schwarz-weiße Frauenportraits durchaus an Shirin Neshat erinnern. Urbane, digital bearbeitete Giclée-Drucke zeigt Jordan Seiler bei Open Walls. Ausladend arrangierte Vanitas-Collagen, Objekte und inszenierte Fotozyklen schafft der auf einem Schloss im brandenburgischen Wrodrow lebende Künstler Sylvester Antony.

 

Mujaheda KhowajazadaFoto: St. B.

 

In der Galerie-Sektion im Obergeschoss zeigt der Londoner Kunstverlag Square Rock Ltd. Werke der Künstler Dante, Anthony Knapik-Bridenne und Travis Durdon zwischen Pop-Art, Comic und Star Wars. Die Galerie Bazis Contemporary aus Cluj-Napoca präsentiert Werke mehrerer rumänischer KünstlerInnen, darunter interessante Mixed-Media-Objekte und Zeichnungen von Zsolt Berszán. Von den Philippinen kommt die Transwinng® Art Gallery, die wimmelige Acrylmalerei von Ms. Anafe Nemenzo und reliefartige Gesichtsskulpturen von Arnel Garcia mitgebracht hat. Einen interessanten Mix aus Fotografie, Malerei und Objektkunst stellt das Berliner KünstlerInnen-Netzwerk Sieben Todsünden rund um die Kreativ-Agentur „Bees & Butterflies“ aus. Hier fallen vor allem die lebensechten Gesichtsskulpturen der Objektkünstlerin Lisa Büscher zum Thema Völlerei auf.

 

Lisa BüscherFoto: St. B.

 

Die Berliner Artgeschoss Galerie zeigt die surrealen Gemälde von Dmitrij Schurbin und Felix Wunderlich. Expressive Acrylmalerei von Kerstin Wüstenhöfer und fotorealistische Gemälde von Igor Strozzega gibt es bei Artinnovation aus Innsbruck. Fotorealistisch arbeiten auch die Berliner Malerin Anne Vonnemann und der Maler Jean-Pierre Kunkel, dessen Gemälde bei der von der Hamburger Galerie Marion Stoeter hängen. Das Künstlerpaar Chris Hartschuh und Paula Bogatti (Hartschuh-Bogatti) arbeiten für ihre Porträt-Serie Silent Portraits mit Printcollagen auf Leinwand. Betsy Weis stellt ihre eindrucksvollen Naturbilder in traditioneller Schwarz-Weiß-Fotografie her. Die wie alte Farbpostkarten wirkenden Bilder von Ron Weis sind dagegen fotorealistisch in Öl gemalt.

 

Igor StrozzegaFoto: St. B.

 

Starke Aquarelle von Urs Bumke sind bei der Greifswalder Galerie Alte Bäckerei zu sehen. Der Hamburger Maler Gregor Kalus überzeugt mit Tuschearbeiten und seiner Portraitserie Facetime. Eine witzige Idee sind die übermalten BVG-Fahrscheine von Peer Kriesel. Überhaupt sind bei vielen Künstlern der BERLINER LISTE der Spaß an der Arbeit und der Bezug zu klassischen Vorbildern spürbar. Nicht zuletzt auch beim niederländischen Künstler Victor Sonna, der die Inspirationen für seine futuristischen Metallobjekte aus der Gegenwart, Tradition und klassischen Moderne zieht.

 

Gregor Kalus, aus der Serie Facetime, Ink on Paper
Foto: (c) Gregor Kalus

***

14. BERLINER LISTE
Messe für zeitgenössische Kunst
14. – 17. September 2017
im Postbahnhof Berlin
Straße der Pariser Kommune 8, 10243 Berlin
Eintritt: Tagesticket 13 €, Tagesticket ermäßigt 9 €
beides inkl. Katalog

Infos: https://discoveryartfair.com/de/fairs/berliner-liste/

Zuerst erschienen am 17.09.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Uneindeutig Weiß – DAS WEISSE STOTTERN und MIR IST ALLES VIEL ZU LAUT UND ALLES VIEL ZU LEISE im Berliner Theaterdiscounter

Montag, September 18th, 2017

___

DAS WEISSE STOTTERN – Die Performerinnen der Frl. Wunder AG stellen sich in einer Selbstbefragungsstunde kritisch dem eigenen Weißsein

Das weiße Stottern(c) Frl. Wunder AG

Das Theater lebt bekanntlich von Rollenspielen, die in der traditionellen Form der Repräsentation zumeist als klassisches So-tun-als-Ob oder auch verabredete Lüge daherkommen. Trotzdem soll alles möglichst authentisch sein. Ein Widerspruch in sich. Die Frage der Repräsentation ist nicht erst seit gestern in der Kritik. Auch hebeln moderne Arten des Performance- oder Dokumentartheaters die klassischen Darstellungsformen zunehmend aus. Das immer noch vorwiegend weiß dominierte deutsche Ensembletheater hat bekanntlich ein weiteres Repräsentationsproblem, nämlich die Besetzung von Rollen, die im Stücktext Menschen mit anderer Hautfarbe beschreiben. Die sogenannten People of color werden dabei oft noch mittels entsprechender Schminke farblich angepasst, was von den meisten Poc als rassistisch empfunden wird. Auf die Unsitte des Blackfacing machte hierzulande der Verein Bühnenwatch aufmerksam. Die dadurch ausgelöste Diskussion über Rassismus, Kunstfreiheit und die Privilegiertheit der weißen Mehrheitsgesellschaft ist bekannt.

Was aber, wenn sich im realen Leben eine weiße Person als schwarz empfindet? Der Fall der weißen US-amerikanischen Bürgerrechts-Aktivistin Rachel Dolezal ging 2015 durch die Medien. Dolezal hatte sich jahrelang als Schwarze ausgegeben und auch ihre MitstreiterInnen von der National Association for the Advancement of Colored People über ihre Identität im Unklaren gelassen. Die Sache flog auf, als ihre Eltern in einem Interview die wahre Herkunft Dolezals öffentlich machten.

Die Kritik an ihrem Verhalten fiel besonders vonseiten der schwarzen Community recht harsch aus. Und trotzdem beharrte Dolezal weiter: „Ich identifiziere mich als schwarz. Nichts am Weißsein beschreibt, was ich bin.“ Sie begründet das mit ihrer selbst leidvoll erfahrenen Kindheit in einem autoritären, patriarchalen Elternhaus. Ist das nur falsch verstandene Solidarität mit dem Kampf der schwarzen Bürgerrechtsbewegung gegen Rassismus oder selbst schon rassistische Anmaßung?

 

Das weiße Stottern im Theaterdiscounter
Foto (c) Gernot Wöltjen

 

Ein klarer Fall für eine kritische Reflexion der sogenannten Critical Whiteness und damit auch ein Fall für das Theaterkollektiv Frl. Wunder AG – bestehend aus Verena Lobert, Melanie Hinz und Marleen Wolter, die sich im Berliner THEATERDISCOUNTER als weiße PerformerInnen in ihrer Produktion Das weiße Stottern mit dem eigenen Weißsein auseinandersetzen. Mit der kritischen Weißseinsforschung, die es in den USA bereits seit den 1990er Jahren gibt, betreten sie dabei im doppelten Wortsinn ein weißes Land. Mit dem Begriff des Weißseins als unmarkierte Normalität und dem Erbe des Kolonialismus haben sich im deutschen Performancebereich 2013 auch schon andcompany&Co mit ihrer Produktion BLACK BISMARCK beschäftigt. Zum näheren Verständnis und zur Begriffserklärung kann man hier nur wieder den 1992 erschienen Essayband Playing in the Dark. Whiteness and Literary Imagination der schwarzen US-amerikanischen Literaturnobelpreisträgerin Tony Morrison empfehlen, den es immerhin bereits seit 1994 in deutscher Übersetzung (Im Dunkeln Spielen) gibt.

Als ein Stottern beschreibt die selbst weiße US-amerikanische Philosophin Millay Hyatt den Versuch der Analyse des eigenen Weißseins. Denn es ist dies nicht nur ein Problem der eigenen Wahrnehmung, sondern vor allem eines der Sprache. Mit einem anfänglichen Wer-bin-ich-Spiel versuchen sich die drei Performerinnen der Frl. Wunder AG dann auch dem Gegenstand ihrer Untersuchung zu nähern. Die Fronten zum Fall Dolezal werden als diskursiver Meinungsaustausch Pro und Contra eins gegen zwei durchgespielt. Das Setting der Performance ist eine Art kleinbürgerlicher Vorgarten mit Papphäuschen, in das die drei sich immer wieder zum Reflektieren ihrer Ansichten, dem sogenannten Hausaufgabenmachen, zurückziehen.

 

Das weiße Stottern im Theaterdiscounter
Foto (c) Gernot Wöltjen

 

Aber wie ist denn nun der Fall Dolezal aus weißer Sicht zu bewerten? Hierzu nähern sich die drei Performerinnen vor allem über die Biografie der Aktivistin an das Thema an. Das Ganze läuft dann allerdings auch relativ didaktisch ab, in einer Art Beobachtungsaufbau oder ethnografischen Schau, in der sich die weiß sozialisierten und kulturwissenschaftlich gebildeten Frauen dem Blick des ebenfalls überwiegend weißen Publikums aussetzen. Dennoch sind die drei stets bemüht, ihre Wortbeiträge in möglichst lockeren Spielszenen darzubieten. Dazu werden Blumentöpfe für eine Familienaufstellung benutzt, oder die Frauen stellen sich zur Befragung in eine auf der Bühne stehende Glasvitrine.

Wirklich interessant wird es, wenn die Performerinnen ihre eigene, zumeist links sozialisierte Herkunft reflektieren. Als typische Beispiele von unkritischer weißer Aneignung von Merkmalen anderer Kulturen werden ein sogenanntes Pali-Tuch, eine Dreadlock-Perücke und ein traditionelles Kleid, das einer der Performerinnen bei einem Projekt in Afrika geschenkt wurde, an die Hauswand gepinnt. „Fake it ‚til you make it.“ steht auf der Glasvitrine. Spiele die Rolle so lange, bis sie dir passt. Das soziologische Phänomen des Passing (das Durchgehen als) ist in den USA nicht unbekannt, im weiß-normierten Deutschland allerdings schwer vermittelbar. Race, Gender, Class sind als Begriffe der Unterdrückung bekannt, seit Judith Butler auch als soziale Konstruktionen, was sich in Deutschland als Grundlage eines kritischen Diskurses allerdings noch nicht wirklich durchgesetzt hat.

Das Scheitern des Abends ist im Grunde vorprogrammiert und von den Performerinnen auch gewollt, um zu zeigen, dass die Frage um die Konstruktion ethnischer Identitäten aus weißer Sicht nicht endgültig beantwortet werden kann. Als Interaktion mit dem Publikum gibt es ein Frage-Antwort-Spiel per Mobiltelephon. Die ZuschauerInnen werden während der Performance auf ihren Handys angerufen und sollen einen vorgegebenen Katalog von Fragen zum Thema Weißsein, Privilegien und eigener Wahrnehmung im Alltag beantworten. Das führt immer wieder zu Brüchen im Ablauf. Ein wirklicher Einfluss auf die Performance ist kaum spürbar. Damit wird eigentlich die Möglichkeit einer direkten Interaktion durch netztaugliche Smartphones vergeben. So bleibt am Ende der Eindruck des allgemeinen Stotterns von abgespielten Stimmen aus den Handys der Performerinnen.

***

DAS WEISSE STOTTERN (Theaterdiscounter, 02.09.2017)
von Frl. Wunder AG
Konzept: Frl. Wunder AG
Mit: Verena Lobert, Melanie Hinz, Marleen Wolter
Kostüm/Bühne: Büro unbekannt Berlin
Video: Gernot Wöltjen
Telefonie: Georg Werner
Musik: Stephanie Krah
Technik/Assistenz: Anahí Pérez
Produktionsleitung: Maike Tödter
Eine Produktion der Fräulien Wunder AG in Koproduktion mit Theaterdiscounter / Vierte Welt
Premiere war am 30.08.2017 im Theaterdiscounter

Info: https://theaterdiscounter.de/…

Zuerst erschienen am 04.09.2017 auf Kultura-Extra.

**
*

Malte Schlösser singt mit seinem neuen Stück Mir ist alles viel zu laut und alles viel zu leise das hehre Lied des Widerspruchs und der Uneindeutigkeit

Mir ist alles viel zu laut und alles viel zu leise im Theaterdiscounter
Foto © Milena Schlösser

Autor und Regisseur Malte Schlösser ist bekannt für seine selbstreflexiven Theatertexte, die einen immer irgendwie an René Pollesch erinnern. Diese Abende heißen dann Zeig doch mal positiv, wie Du mit Schmerz umgehst oder Es ist nicht deine Schuld, dass das Leben nicht gelingt. Das sind im besten Falle therapeutische Lebenshilfen für den modernen, von der realen Welt gestressten Menschen. Schlösser ist im Hauptberuf studierter Philosoph und Dozent für Psychotherapie. Allerdings fehlt dem Ganzen das diskursive Element, auch wenn der Text meist auf mehrere DarstellerInnen aufgeteilt ist. Und so kommt einem auch Schlössers neues Stück Mir ist alles viel zu laut und alles viel zu leise, das gestern Abend im Berliner THEATERDISCOUNTER Premiere feierte, wie ein einziger, langer Monolog vor. Eine philosophische Rede auf den Widerspruch, der sich schon im Titel des Stücks manifestiert.

Man könnte den Text aber auch chorisch vortragen. Irgendwie leidet ja auch die ganze Welt am Eindeutigkeitssyndrom. Und so klagt das geplagte Individuum in Gestalt von Schauspielerin Judith Rosmair als Projektion auf einer Videoleinwand auch über Angstzustände, aufgegessenes Apfelmus und die Form der Reflexion ihrer Rolle als Vergessen und Überschreiben des Gedächtnisses. „Was haben meine Erinnerungen für ein Verständnis von mir selbst?“ „Meine Erinnerungen verstehen mich einfach gar nicht.“ Das Verschwinden in der inneren Mimese. Ein schöner Einstieg zum ewigen Drinnen-Draußen-Problem. Wir blenden innerlich aus, was in Form von Krisen an uns herangetragen wird. Wir hassen Unübersichtlichkeit und Uneindeutigkeit, weil sie uns orientierungslos machen. „Alles ist okay.“ Dabei benötigen wir gerade die Krise zur reflexiven Selbstbefragung.

 

Mir ist alles viel zu laut und alles viel zu leise im Theaterdiscounter – Foto © Milena Schlösser

 

Also, hallo, was ist denn nun da draußen los? Auf diese Frage gibt Malte Schlösser allerdings auch keine eindeutige Antwort. „Ihr seht aus wie die Projektion aller verleugneten Anteile meiner Persönlichkeit.“, sagt eines der drei Kinder (Manuel Garelli, Isabelle Laura Pana und Polly Schwalm-Unbehaun), die Schlössers Text nun vor dem Publikum weiterspinnen und dabei ihre Stimmen mal lauter oder leiser dimmen. Die Lautstärke wird hier zur Intensitätsanzeige der Bedeutung. „Hashtag: Überforderung“ und ganz wie bei Pollesch immer „Drama Baby“. Aber bitte nicht persönlich werden. „Wer unpersönlich schreit hat Recht.“

Der Versuch der drei mittels Text-Beballerung beim Publikum durch Reizüberflutung die individuelle Krise zu provozieren, wird immer wieder durch choreografierte Zwischenspiele zweier Tänzerinnen (Nefertiti Elong Ku und Kora Hamm) gebrochen, die sich zum live von Christoph Mäcki Hamann eingespielten Technosound synchron bewegen oder gar wie sufistische Derwische im Kreis drehen. Das mystische Verwischen des Egos in tänzerischer Leichtigkeit. So schwankt der Abend ironisch zwischen Zweifel und Selbstbespiegelung, Realitätsverlust und Realitätskonstruktion hin und her.

Dass sich das Medium Theater hier auch selbst spiegelt, ist fast schon obligatorisch. Irgendwann taucht auch noch der Ex-Volksbühnenschauspieler Lars Rudolph auf einem Pferd in den Weiten brandenburgischer Landschaften auf, bläst die Fanfare der Unschärfe und philosophiert über Tautologien und das Identitäts-Paradigma. Das Dozieren vor leeren Rängen wird zum Schreien in den Straßenlärm hinein. Wir ballern unsere Maßstäbe und Projektionen auf andere, aus Angst, dass uns die Autorität unseres Selbst entzogen wird. Da müsste mal jemand scharf stellen. Oder lieber doch nicht.

***

MIR IST ALLES VIEL ZU LAUT UND ALLES VIEL ZU LEISE
von Malte Schlösser
Text/Regie: Malte Schlösser
Musik: Ch. Mäcki Hamann
Raum/Ausstattung/Lichtdesign: Thomas Giger
Dramaturgie: Anna K. Becker
Produktionsleitung: Maria Kusche
Produktions-/Regieassistenz: Chris Wohlrab
2. Regieassistenz/Theaterpädagogik: Anna Kücking
Kamera: Patrick Burghenn / Samuele Malfatti
Schnitt/Ton: Sinan Özmen / Ricarda Feckenstedt
Mit: Judith Rosmair, Lars Rudolph, Manuel Garelli, Isabelle Laura Pana, Polly Schwalm-Unbehaun, Nefertiti Elong Kum, Kora Hamm
Koproduktion Theaterdiscounter / NFT – Netzwerk Freier Theater
Premiere war am 07. September 2017 im Theaterdiscounter

Termine: weitere Aufführungen im Herbst 2017

Infos: http://www.theaterdiscounter.de

Zuerst erschienen am 08.09.2017 auf Kultura-Extra.

__________