Archive for the ‘Aktuell’ Category

Neues aus Kalau (9)

Montag, September 25th, 2017

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Legalize it, yeah yeah!

Zum Ausgang der Bundestagswahl 2017 berichtet KILT von den Wahlpartys der Parteien

Berlin: Während sich die SPD noch bei einem guten Glas Rotwein auf die Frontal-Opposition eintrank, war bereits aus gut informierten Kreisen zu erfahren, dass sich die Spitzen der CDU/CSU, der FDP und der Grünen zu ersten Sondierungsgesprächen auf dem Weg nach Jamaika befinden. Christian Linder stellte einen Privat-Jet der Berliner Flughafengesellschaft Tegel zur Verfügung. Er plädierte in einer ersten Stellungnahme für eine Verschiebung der BER-Eröffnung bis nach der nächsten Bundestagswahl.

Grünenvorsitzender Cem Özdemir sandte derweil eine Grußadresse an Angela Merkel mit folgendem Wortlaut: Legalize it / Don’t criticize it / Legalize it, Mutti, yeah yeah /And I will advertise it.“ Mehr war zunächst aus der Bundeszentrale der Grünen nicht zu erfahren, nur das angeblich nach einer größeren Rauchentwicklung die Feuerwehr ausrücken musste.

 

„Legalize it!“ Grußadresse von Grünen-Chef Cem Özdemir an Bundeskanzlerin Angela Merkel.

 

Die erstmals in den Bundestag eingezogene AfD formuliert angeblich schon an ihrer ersten Eingabe im Deutschen Bundestag. Darin soll es u.a. heißen: „Wir werden sie jagen von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“ Wen oder was war in einer Nachfrage von KILT nicht zu erfahren. Die bayrische CSU schließt derweil die rechte Flanke. Dazu verpflichtete CSU-Chef Horst Seehofer ab sofort Alexander Gauland als neuen Trainer des FC Bayern München. Erster Kommentar Gaulands vom Oktoberfest: „Jetzt wird der gärige Haufen endlich obergärig gemacht.“

Die Berliner Linke hat den gescheiterten SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz zu einem Lehrgang in linker Frontal-Opposition eingeladen. Der Kurs soll angeblich unter Leitung des Videoschnipslers und SPD-Experten Jürgen Kuttner in der momentan besetzten Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz stattfinden. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder übersandte den Genossen im Willy-Brandt-Haus Liebesgrüße aus Moskau.

Kommen wir zum Wetter, das Ihnen heute von der Christian-Linder-Flughafen GmbH Berlin-Tegel präsentiert wird: Die Aussichten sind gemäß Angela Merkel generell immer zuversichtlich. In der Ruhe liegt die Kraft. Eins scheint zumindest sicher: In drei Monaten ist Weihnachten.

S. v. K., Kalauer Illustrierte Tagesblätter, 25.09.2017

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Maxim Gorki Theater und Schaubühne gehen mit „Roma Armee“ und „Zeppelin“ furios bis verhalten komisch in die neue Spielzeit

Samstag, September 23rd, 2017

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Let‘s roll! – Yael Ronen und Ensemble zelebrieren zum Spielzeitauftakt am Gorki Theater mit Roma Armee einen gut gelaunten Community-Abend

Roma Armee im Maxim Gorki Theater – Foto (c) Esra Rotthoff

„Als eine Romnja war mein Blickwinkel immer der einer Außenseiterin. Und diese Position des ,Anderen‘ reflektiert sich in den Materialien und Botschaften meiner Werke.“ So steht es auf der Website der Künstlerin Delaine Le Bas, die zusammen mit ihrem Mann Damian Le Bas Artwork und Kostüme der Premiere zur Spielzeit-Eröffnung am Berliner Maxim Gorki Theater nach gestaltet hat. Beide sind in Großbritannien geborene Roma. Als sogenannte Traveller ist ihre Kunst von der Outsider Art, Volkskunst der Roma und zeitgenössischen Kunst gleichermaßen beeinflusst. 2007 waren Delaine und Damian Le Bas am ersten Pavillon mit zeitgenössischer Kunst der Sinti und Roma auf der Kunst-Biennale in Venedig vertreten. Ein gutes Stück Identitätsfindung mit den Mitteln der Bildenden Kunst.

Für die neue Produktion von Yael Ronen namens Roma Armee hat das Paar eine, die Bühne des Maxim Gorki Theaters ausfühlende Wandmalerei beigesteuert. Eine riesige stilisierte Landkarte mit Figuren, Gesichtern, übergroßen Augen, Händen, Rädern und Pfeilen bemalt. Die Heimat der Outsider in einem vereinten „Gypsyland Europa“, wie es dort steht. Es ist ein fantastisches Traumland; die Realität für die nirgends richtig beheimateten Roma sieht bekanntlich immer noch anders aus.

Die israelische Regisseurin ist ja für ihre Versuche der Selbstvergewisserung, Heimat- und Identitätssuche mit Mitteln der Darstellenden Kunst auf mittlerweile vielen deutschsprachigen Bühnen bekannt. So hat sie in ihren Stückentwicklungen jüdische und arabische oder auch SchauspielerInnen aus dem vom Balkankrieg zerrissenen Ex-Jugoslawien zusammengeführt. In den Balkanländern Bulgarien, Serbien oder Rumänien leben auch viele Roma. Der westeuropäische Kulturbürger kennt sie zumeist durch ihr Musik und Folklore oder aus den Filmen des serbischen Regisseurs Emir Kusturica (Time oft the Gypsys), der hier im Stück auch mal kurz genannt, allerdings etwas abschätzig als Super-Möchtegern-Rom bezeichnet wird.

 

Artwork von Delaine und Damian Le Bas – Foto: St. B.

 

Wie also den im Theatersaal zahlreich versammelten Nicht-Roma (auch Gadje genannt) zeigen, was die Identität und das Lebensgefühl heutiger, junger Roma ausmacht? Denn jung sind sie alle auf der Bühne, selbstbewusst und dazu noch überwiegend queer, wie sich das mitgestaltende Ensemble in einer revueartigen Zarah-Leander-Travestie „Von der Puszta will ich träumen“ zu Beginn des Abends an der Rampe vorstellt. Und da sind wir auch schon mitten in der Vergangenheitsbewältigung. Der schwule schwedische Performer Lindy Larsson als Zarah-Leander-Double. Ein Rom, der die einstige schwedische Nazi-Diva parodiert und von ihrer Rehabilitierung als schwule Ikone spricht.

Ein wuchtiger Beginn, der sich nicht bei der persönlichen Vorstellung der PerformerInnen aufhält, sondern mit ihren Berichten auch eine immerwährende Geschichte der Verfemung, Vertreibung und Zwangssterilisierung erzählt. Das Ensemble spricht in wechselnden Monologen von Momenten der eigenen Scham, der Identitäts-Verleugnung und Diskriminierung durch die weiße Mehrheitsbevölkerung. Aber es geht ihnen auch irgendwie darum, „das Richtige“ zu sagen. Sie haben einen Auftrag von Freunden und Verwandten, die Gelegenheit auf der Bühne zu ergreifen, einer ausgegrenzten Minderheit eine Stimme zu geben. Riah May Knight, eine britische Romni, verliest eine ellenlange Agenda ihrer Mutter, einer Aktivistin, die sich in ihrem Ort für verleumdete Roma einsetzte. Seitdem wird ihre Familie von den Einwohnern geschnitten, die in einer Bonfire-Night Roma-Wagen aus Pappe abbrannten. Von Hamze Bytyci kommt einen Wahlkampfaufruf für die Linke. Mihaela Dragan berichtet von rechtsextremen Sterilisationskampagnen in Rumänien, und die österreichischen Roma-Schwestern Sandra & Simonida Selimovic richten das Wort an die Familie im Zuschauerraum. So haben alle neben der persönlichen Geschichte auch noch an andere zu denken.

Die anfängliche Scham über Herkunft, empfundene körperliche Makel und so manch weitere Klischeeanhäufungen zum fahrenden Volk weicht dann aber bald der Stolz, zum Volk der Roma zu gehören. Eine trotzige Identitätsfindung, die sich auch über Genderschranken hinwegsetzt und in der Ausrufung einer durchaus militanten „Roma-Revolution“ kulminiert. Sandra Selimovic fordert die Gründung der Roma-Armee-Fraktion, die nicht nur dem Namen nach an die sogenannte Baader-Meinhof-Bande des Deutschen Herbstes erinnert. In weißen Uniformen und mit Maschinenpistolen im Anschlag formiert sich das Ensemble hinter ihrer Einpeitscherin. Aus Knüpft Bande! wird Bildet Banden!, aus queerem Schick uniformierter Nationalstolz. Markige Parolen über das weiße Europa, das von den „Roma-Flammen“ verschlungen wird und der göttlichen Katastrophe entgegenblickt, erklingen. Der Aufstand der Landlosen gegen die Besitzer streckt sich allerdings sehr rasch mit ein paar Salven selbst nieder. Eine echte Alternative scheint Gewalt, wo Gewalt herrscht, nicht zu sein.

Der Weg in die Zukunft und zur gemeinsamen Sprache führt hier dann doch über die Versöhnung nach dem Muster des südafrikanischen Komites für Wahrheit und Versöhnung. Zumindest lautet so eine Utopie, die Simonida Selimović in einem weiteren Monolog darlegt. „Glaubt ihr an Frieden und Gleichheit der Menschen?“ Ein schöner Wunschtraum in einem Land, in dem die rechte AfD lieber stolz auf die deutschen Soldaten zweier Weltkriege ist. Vom kämpferischen Rap und choreografierten Revuetanz fällt man in pathetische Roma-Romantik. Bevor das Ganze aber ins melancholisch-schöne La-La-Gypsyland abdriftet, bekommen die beiden Nicht-Roma auf der Bühne, die israelische Schauspielerin Orit Nahmias und der deutsch-türkische Schauspieler Mehmet Atesci, ihren Rampenauftritt in Carmen-Kostümen, dem theatralischen Zigeuner-Klischee schlechthin, und dürfen nicht ohne Humor stellvertretend für das weiße Publikum ihre „Supporting Role“ reflektieren.

Der Abend findet allerdings hier noch nicht sein Ende. Hinter der Bühne hat sich das Roma-Ensemble schnell ein paar Superheldenkostüme übergeworfen und glitzert nochmal im Rampenlicht, während Lindy Larsson seine Kindheitshelden von Batman und Robin bis zu den X-Men-Mutanten Revue passieren lässt. In einer letzten Vision nimmt Yael Ronen – wie schon in ihrer Münchner Produktion Point Of No Return – wieder Bezug auf Walter Benjamins Engel der Geschichte. Ihr Bild ist ein Rücken-an-Rücken. Der eine schaut in die Zukunft, der andere in die Vergangenheit, dazwischen die Gegenwart. Wir müssen uns umdrehen für einen gemeinsamen Blick in die Zukunft. Let‘s roll! Das Gorki feiert wieder den Community-Gedanken. Im Publikum muss man da sicher niemanden mehr überzeugen. So ganz überzeugend ist dieser gut gelaunte Revue-Abend dann aber doch nicht.

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Roma Armee (Maxim Gorki Theater, 15.09.2017)
von Yael Ronen & Ensemble
nach einer Idee von Sandra Selimović, Simonida Selimović
Regie: Yael Ronen
Bühne: Heike Schuppelius
Malerei & Artwork: Damian Le Bas, Delaine Le Bas
Kostüme: Maria Abreu, Delaine Le Bas
Musik: Yaniv Fridel, Ofer Shabi
Video: Hanna Slak, LUKA UMEK
Licht: Hans Fründt
Dramaturgie: Irina Szodruch
Mit: Mehmet Ateşçi, Hamze Bytyci, Mihaela Dragan, Riah May Knight, Lindy Larsson, Orit Nahmias, Sandra Selimović, Simonida Selimović.
Uraufführung war am 14.09.2017 im Maxim Gorki Theater
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Termine: 13., 14., 15.10. / 13., 14., 26.11.2017

Infos: http://www.gorki.de

Zuerst erschienen am 19.09.2017 auf Kultura-Extra.

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Like a lead Zeppelin – Herbert Fritschs neues Stück nach Texten von Ödon von Horváth kann an der Berliner Schaubühne leider nicht wirklich abheben.

Zeppelin in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (c) Thomas Aurin

„Alle meine Stücke sind Tragödien – sie werden nur komisch, weil sie unheimlich sind. Das Unheimliche muß da sein.“ schreibt der Schriftsteller und Dramatiker Ödön von Horváth in Exposés und Theoretisches. Eine Gebrauchsanweisung für seine Stücke, wenn man so will, in der er auch die Todsünden der Regie aufzählt. Ob er da schon das moderne Regietheater im Sinn hatte, ist nicht belegt. In diesem Band mit Texten aus dem Nachlass befinden sich, wie der Titel schon sagt, auch einige Exposés zu Romanen und Volksstücken wie etwa Elisabeth, die Schönheit von Thüringen, einer frühen Fassung von Glaube Liebe Hoffnung. Diese Entwürfe und Figurenkonstellationen tauchen dann später in Horváths bekannten Stücken immer wieder mal auf. Seine Dramen und Romane sind aber vor allem Aphorismensammlungen par excellence. Das hat auch Ex-Volksbühnenregisseur Herbert Fritsch erkannt und serviert nun in seinem neuen Berliner Theaterdomizil, der Schaubühne am Lehniner Platz, einen Zettelkasten Buntes samt Zeppelin, wie er den Abend überschreibt.

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Der Zeppelin ist ein bekanntes Motiv aus Horváths Stück Kasimir und Karoline. Auch in Geschichten aus dem Wiener Wald taucht er kurz auf, wenn Agnes ihrem Verführer Alfred von einem Traum erzählt, in dem ihre Mutter ihr zuruft: „Schau hinaus mein Kind, draußen fliegt der Zeppelin.“ Da draußen ist natürlich auch die böse Welt, vor der Agnes dachte, von ihrer Mutter beschützt zu werden. „Zeppelin ist natürlich ein Symbol.“ ahnt da Alfred. Und so ist auch der Zeppelin, den Herbert Fritsch als riesiges Metallskelett auf die Bühne gestellt hat, zu allererst ein Symbol für ein Drinnen und Draußen, für die Unvollkommenheit und Löchrigkeit der Welt, aber auch für eine Fortschrittsmaschinerie, die Großes verspricht und doch immer wieder in Chaos und Katastrophen mündet. Der Horváthsche „Kampf zwischen Bewußtsein und Unterbewußtsein“ spielt sich hier also auf einer fetten „Aluwurst“ als deformiertes Weltengerippe ab. Nach Freud sicher auch ein Phallussymbol, für Spaßkanone Fritsch aber vor allem ein Klettergerüst und Scherzartikel.

Bühnenbildner Fritsch hat hier eine geniale Sprach-Klang-Installation geschaffen, die über das Elektro-Harmonium von Fritsch-Musiker Ingo Günther gesteuert wird, und einen minimalistischen Pling-Plang-Sound erzeugt, der immer wieder wie ein bedrohliches Knarren und Knallen der Metallstreben klingt, die das Zeppelingerüst bilden. Dieses monströse Klanggerüst bevölkert Regisseur Fritsch, der bekanntlich auch ein genialer Sprachlaborant ist, mit seinen typischen Fritsch-Figuren, die nun unentwegt daran herumklettern, fehlen, aber nicht fallen, hängen und Textfragmente aus Horváth-Werken plappern. Sie sind dabei aber nicht etwa die konkreten Charaktere Horváths, sondern nur deren Wiedergänger, denen man ein wenig willkürlich ihre Worte in den Mund gelegt hat.

 

Zeppelin in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (c) Thomas Aurin

 

Ein Geisterabend also, den uns die eigentliche Frohnatur Herbert Fritsch da präsentiert. Aber mit dem Horváthschen Anfangszitat dieser Kritik im Kopf ergibt das durchaus Sinn. Zu Beginn ignorieren die Menschlein in ihren bunten Fantasiekostümen noch das Zeppelingerippe und spielen ganz ohne Worte die Legende vom Fußballplatz aus Ödön von Horváths Prosasammlung Sportmärchen. Ein Fußball liebender Junge, der jedes Spiel verfolgt, bis er im nassen Gras stirbt, wird des Nachts von einem Engel zum himmlischen Fußballwettspiel abgeholt. Auf der Bühne jongliert einer der Schauspieler einen Ball, wird aber von der schreienden Meute immer wieder umgerannt, bis sie alle beginnen miteinander zu spielen. Ein himmlisch-fröhliches Idyll, das Paradies, wenn man soll/will, aus dem sich die acht DarstellerInnen schließlich selbst vertreiben, um ihr Glück auf dem Zeppelin zu versuchen.

„Irgendwann, da werden Sie das alles verstehen.“ ruft mal aufmunternd eins der Menschlein dem Publikum zu. Aber man muss das alles nicht zwingend wissen, um diesen Abend zu verstehen. Zeppelin-Symbol, Bewegungen und Zitate lassen einen Fritschs Motive klar und deutlich erkennen. Hier geht’s nicht nur um den Spaß am Spiel, sondern auch um die Abgründe des Lebens, gespeist aus den kurzen Worteinsprengeln und Dialogen, wie etwa dem Horváth-Aphorismus „Denken tut weh.“ aus dem Roman Ein Kind unserer Zeit. Oder aber auch der: „Sie werden schon sehen, daß jede Epoche die Epidemie hat, die sie verdient. Jeder Zeit ihre Pest.“ Auf ins Anatomischen Institut! Kurz erklingt „Schöne Nacht, du Liebesnacht“ aus der Oper Hoffmanns Erzählungen, und auf dem großen Jahrmarkt der Eitelkeiten treffen sich das Gorillamädchen und der Mann mit dem Bulldoggenkopf und versuchen sich, in der Welt der Äußerlichkeiten zu behaupten. „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.“ heißt es im Drama Zur schönen Aussicht.

Die Aussicht hier ist aber streckenweise erschreckend fad. Und so unheimlich ist das Ganze dann doch nicht, dass es wirklich komisch werden könnte. Die Fritsch-Maschinerie kommt einfach nicht richtig in Gang. Die Sterilität der Schaubühnenarchitektur sowie die Schwerfälligkeit der Zeppelin-Installation färben auf die sie umwuselnden Kreaturen ab. Das starre Gerüst als Sinnbild einer starren, konformen Welt, an der man sich vergeblich abarbeitet. Das leuchtet zunächst als Regie-Konzept ein. Allein Fritsch geht es dann doch auch um etwas anderes. Den ewigen bürgerlichen Spießer als Spaßbremse schlechthin. Aus einem weiteren Horváth-Exposé Die Schönheit aus der Schellingstraße kommt der Spruch, „dass die Scherzartikel eigentlich etwas vollkommen Überflüssiges sind“. „Wir haben viel ernstere Ziele, es dreht sich hier um die Umwandlung des inneren Menschen.“ Dabei ist der Mensch dann eigentlich auch ziemlich überflüssig.

„Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen.“ heißt es in Kasimir und Karoline. So hängen sie dann alle auch am Ende in den Stangen und starren minutenlang ins Publikum. Der Versuch düsteren Quatsch zu machen, ist Herbert Fritsch an neuer Wirkungsstätte leider leicht missglückt. Ein netter Spaß zwar, aber auch etwas zu minimalistisch geraten, fast wie eine Studioproduktion. Was wäre das in der großen Volksbühne gewesen? Man kann es nur ahnen. Der sonst so leichte Fritsch-Witz samt walfischartigem Zeppelin, auch wenn er hin und wieder etwas über dem Boden schwebt, will einfach nicht abheben.

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Zeppelin (Schaubühne, 19.09.2017)
frei nach Texten von Ödön von Horváth
Regie und Bühne: Herbert Fritsch
Kostüme: Victoria Behr
Musik: Ingo Günther
Dramaturgie: Bettina Ehrlich
Licht: Torsten König
Mit: Florian Anderer, Jule Böwe, Werner Eng, Ingo Günther, Bastian Reiber, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler, Alina Stiegler, Axel Wandtke
Premiere war am 19.09.2017 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Dauer: ca. 1 Stunde 40 Minuten
Termine: 23., 25., 26., 27., 30.09. / 01., 02., 03.10. / 25.-28.11. 2017

Infos: http://www.schaubuehne.de/

Zuerst erschienen am 20.09.2017 auf Kultura-Extra.

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Die Kunstmessen „art Berlin“ und „Positions“ auf der Berlin Art Week 2017

Freitag, September 22nd, 2017

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Die neue art berlin löst die alte art berlin contemporary ab und präsentiert sich neu als reine Verkaufs-Messe mit 112 Galerien in der Station Berlin am Gleisdreieck

Fünf Jahre lang bildete die art berlin contemporary (abc) das Flaggschiff der Berlin Art Week. Wegen schlechter Umsätze im letzten Jahr geriet die bis dato kuratierte Kunstmesse in Schieflage und tritt nun unter neuem Namen art berlin und mit neuem Partner, der Koelnmesse, wieder als klassische Verkaufsschau auf. Das bedeutet eine Rolle rückwärts in die Zeit der Kojen-Anordnung, weg von der freien Stellung einzelner Künstlerpositionen in der architektonisch beeindruckenden Weite der Hallen in der Station Berlin am Gleisdreieck. Einerseits schade, ist es doch anderseits nachvollziehbar – die Galerien wollen ihre KünstlerInnen für das interessierte Sammlerklientel präsentieren.

Ai Weiwei bei der Galerie neugerriemschneider – Foto: St. B.

In der globalisierten Kunstwelt erhoffen sich art berlin-Chefin Maike Cruse und Art-Cologne-Direktor Daniel Hug durch die Kooperation der Galeriestandorte Köln und Berlin einige Synergien im Bereich der modernen und zeitgenössischen Kunst. Mit 112 Galerien platzt die Messe in diesem Jahr allerdings aus allen Nähten. Doch Maike Cruse denkt bei der Pressekonferenz zur Eröffnung der art berlin bereits an eine Erweiterung. Lieber nicht, denkt man sich da beim Rundgang durch die zwei großen, mit Galerie-Kojen vollgestellten Hallen. Masse ist nicht immer gleichbedeutend mit Klasse. Und zwischen den großen Stars der internationalen Kunstszene geht da so manches Neue unter.

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Einen guten Überblick über den aktuellen Kunstmarkt bietet die erste art berlin dann aber schon. Es gibt eine Mischung aus altbekannten abc-Teilnehmern, jungen Galerien und klassischer Moderne zu sehen. 30 Galerien präsentieren auch weiterhin die traditionellen Soloshows einzelner KünstlerInnen. So zeigt etwa die Galerie Sprüth Magers in einer grünen Box eine wuselige Atelier-Installation des deutschen Kunst-Enfant-Terribles John Bock, der jüngst erst in einer Einzelausstellung in der Berlinischen Galerie zu bewundern war. Neugerriemschneider fokussiert sich ganz auf Gemälde, Skulpturen und Installationen des in Berlin lebenden chinesischen Künstlers Ai Weiwei. Die Galerie Karin Guenther hat die Wände ihrer Koje komplett mit den provakanten Text-Bildern aus dem Raumjournal für Schweinezyklen des Künstlers Gunter Reski ausgestaltet.

 

 

Mark Dion, Monster, 1998 – Courtesy the artist and Galerie Nagel Draxler, Berlin-Cologne

 

Azade Köker, Entkettet bei der Zilberman Gallery – Foto St. B.

Recht interessant sind die von der Galerie Nagel Draxler präsentierten Werke des US-amerikanischen Objektkünstlers Mark Dion. Er beschäftigt sich in seinen Installationen mit der kulturellen Repräsentation von Phänomenen der Natur, die er für eine raffinierte Arena für die Produktion von Ideologien hält. So zeigt der Naturschützer Dion in Monster die Nachbildung eines fossilen Artefakts wie in einer zoologischen Monstrositätenschau. Monströs aber meist eher sehr ironisch geht es auch beim kanadischen Zeichner und Objektkünstler Marcel Dzama zu. Seine Papierarbeiten bei der schwedischen Galleri Magnus Karlsson werden von fotorealistischen Gemälden der schwedischen Malerin Sara-Vide Ericson und fantastischen Tierskulpturen aus glasiertem Steingut der tschechischen Künstlerin Klara Kristalova flankiert.

Starke Kunstpositionen von Frauen gibt es auch bei Soy Capitán mit Objekten von Camilla Steinum und Zeichnungen von Grace Weaver, oder bei Sperling mit Objekten und Collagen der britischen Künstlerin Anna McCarthy. Anna Vogel zeigt ihre abstrakten Pigmentdrucke von überarbeiteten Digitalfotografien bei der Düsseldorfer Galerie Conrads. Bei der Zilberman Gallery fällt die Großskulptur Entkettet der in Berlin lebenden türkischen Künstlerin Azade Köker auf.

 

Katharina Sieverding, Transformer I A/B, 1973
© Katharina Sieverding, VG Bild-Kunst, Foto © Klaus Mettig, Courtesy Galerie Wilma Tolksdorf

 

Magische Schwarz-Weiß-Fotografien menschenleerer Orte von Gregory Crewdson und Katharina Sieverdings Doppelportrait Transformer I A/B hängen bei der Galerie Wilma Tolksdorf. Grafikserien von Daniel Richter und Rodney Graham gibt es bei den Galerien Sabine Knust und Esther Schipper. Die Londoner Pippy Houldsworth Gallery kombiniert die Gemälde der britischen Künstlerin Jadé Fadojutimi mit denen des Berliner Malers Uwe Henneken. Kunst, die sich an der kolonialen Vergangenheit Europas abarbeitet, ist bei der Galerie Barbara Thumm mit Martin Dammanns Gemälde Greetings und Tuschezeichnungen des peruanischen Künstlers Fernando Bryce zu sehen. Surreale Mischtechniken von Hans Weigand, der sich an alten Werken der Renaissance oder des japanischen Holzschnitts wie Hokusais großer Welle orientiert, zeigt die Gabriele Senn Galerie. Die Wiener Galerie Elisabeth & Klaus Thoman wartet mit Gemälde von Maria Brunner und Herbert Brandl auf.

 

Martin Dammann, Greetings, 2016-2017 – Courtesy the artist and Galerie Barbara Thumm

 

Junge witzige Objekt-Kunst präsentiert die Leipziger Galerie Tobias Naehring. Wilhelm Klotzek bringt in seiner Zigarettenskulptur an einem Straßenschild die Erfurter Fotografin Gundula Schulze Eldowy mit dem kritischen DDR-Dichter Adolf Endler zusammen. Eva Grubinger hat mit Untitled (Problem No. 2) ein Kunstwerk aus Seil und Ringen zwischen Geschicklichkeitsspiel und Fetischobjekt geschaffen. Und wenn wir bei Leipzig sind, darf die Galerie Eigen+Art nicht fehlen. Im Programm sind dort Objekte von Olaf Nicolai und Gemälde von Martin Eder, Tim Eitel und Nicola Samori, die die insgesamt recht starke Malereisektion der art berlin komplettieren.

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art berlin
14.09. bis 17.09.2017
in der Station Berlin
Luckenwalder Str. 4–6.
Tickets: 16 Euro.

Infos: http://artberlinfair.com/

Katharina Sieverding, Transformer I A-B, 1973 – (c) Katharina Sieverding, VG Bild-Kunst; Foto: Klaus Mettig, VG Bild-Kunst Courtesy Galerie Wilma Tolksdorf

Zuerst erschienen am 16.09.2017 auf Kultura-Extra.

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Die POSITIONS Berlin Art Fair überzeugt in der Arena in Treptow mit viel zeitgenössischer Malerei, Grafik, Plastik und Fotografie im mittleren Preissegment

Im nunmehr vierten Jahren ihres Bestehens hat sich die 2014 von Berliner Galeristen Kristian Jarmuschek gegründete POSITIONS Berlin Art Fair zum festen Bestandteil der Berlin Art Week entwickelt. Mehr als eine bloße Satellitenmesse zur vorherigen art berlin contemporary und jetzigen art berlin versteht sich die POSITIONS als Messe für Newcomer genauso wie für Galerien mit langjähriger Ausstellungstradition. Man will mit Wiedererkennungswert und neuen Perspektiven auf die Kunst sowohl etablierte Sammler als auch ein junges kunstinteressiertes Publikum erreichen. Vom letztjährigen Veranstaltungsort dem Postbahnhof ist die POSITIONS in die 6.500 qm große Halle der Arena Berlin zurückgekehrt. Hier zeigen in diesem Jahr 84 ausgewählte internationale Galerien aus 15 Ländern ihre prägnanten künstlerischen Positionen der zeitgenössischen und modernen Kunst.

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Schon immer war die POSITION ein guter Ort für die verschiedensten Arten von Malerei und Grafikkunst. In diesem Jahr ist das besonders augenfällig. Zu entdecken gibt es u.a. die entfernt an Francis Bacon erinnernden verswischten Öl-Portraits auf MDF-Platte von Justine Otto, die vom Hamburger Polarraum vertreten wird. Großformatige Acrylportraits von Lars Teichmann präsentiert Lachmann Art aus Konstanz. Jarmuschek+Partner zeigen Moritz Schleime mit einer Serie kleinformatigen Ölbilder, mit denen der Cornelia Schleie-Sohn motivisch tief in der Kunstgeschichte fischt. Die Berliner Galerie Gerken hat ihren neuen Malerstar Dieter Mammel mitgebracht. Schon beim Galerie Weekend im Frühjahr beeindruckten seine verrätselten, meist einfarbig gehaltenen Gemälde aus einem Tusche-Acryl-Mix. Bei der Galerie Robert Drees aus Hannover fällt ein großes Frauen-Portrait von Hanna Nitsch aus Tusche und Grafitstift auf Papier ins Auge. Die Berliner Galerie Burster hat mit Katharina Albers, Alex Feuerstein und Wolfgang Ganter gleich drei Positionen Malerei im Angebot. Flankiert werden sie von Plastiken des Japaners Hirofumi Fujivara.

 

Dieter Mammel, The Messenger (Western Storm), 2017
(c) Galerie Gerken

 

International wird es auch mit farbigen Kreidearbeiten des 1992 an AIDS gestorbenen US-amerikanischen Künstlers Patrick Angus, der neben deutschen Malergrößen wie Rainer Fetting und Jochen Hein bei der Stuttgarter Galerie Thomas Fuchs zu finden ist. Eine Art griechischen Neo Rau zeigen mit Tassos Missouras die Athener Kaplanon Galleries. Sebastian Meschenmooser zeigt bei der Frankfurter Galerie Greulich seine Ölgemälde gestrandeter Gulliver-Astronauten. Bei so viel gegenständlicher Malerei haben es abstrakte Positionen häufig schwer. Die Kreuzberger Galerie Sievi präsentiert da mit Darko Lesjak und Oliver Messas gleich zwei ganz interessante Künstler. Bei der Berliner Galerie aquabitArt hängen die monochromen Tuschearbeiten der Brasilianerin Paula Klien. Chinesische Tuschemalereien des südkoreanischen Malers Jong-Taek Woo zeigt auch die Nürnberger Bode Galerie. Sie werden von den Kopfbronzen des Bildhauers Dietrich Klinge ergänzt.

 

Martin C. Herbst bei der Christopher Cutts Gallery
Foto: St. B.

 

 

Einen interessanten Bildträger benutzt der bei der Berliner Galerie Born ausgestellte französische Maler Daniel Schlier. Seine zum Teil recht ironischen Bildmotive mit dem europäischen Stier oder röhrendem Hirschen arbeitet der gebürtige Elsässer mit Öl und Blattgold auf unterschiedlich gemusterte Marmorplatten. Regelrecht poppig wird es bei der Wiener Galerie Ernst Hilger, die neben dem Altmeister Hermann Nitsch, Papierarbeiten des isländischen Pop-Art- und Comic-Künstlers Erró, einen Doppel-Che-Guevara auf Papier von Bernard Rancilllac und kleinformatige Acrylmalereien von Andreas Leikauf anbietet. Interessant sind auch die großköpfigen Portraits der Niederländerin Tamara Muller bei der Galerie Bart aus Amsterdam. Große Gesichter schauen einen auch aus den Glaskugeln von Martin C. Herbst bei der kanadischen Christopher Cutts Gallery an. Mat Brown zeigt dort surreale, farbige Tuschearbeiten auf Papier.

 

Hanna Nitsch, Rema est # 1 – (c) Galerie Robert Drees

 

Geschnitten, geklebt und collagiert wird von Marion Eichmann bei Tammen & Partner sowie von Fritz Bornstück bei der Galerie Greulich. Wer es traditionell und etabliert mag, ist bei beim Kölner Kunsthandel Osper richtig. Hier hängen Malergrößen wie Markus Lüpertz mit ein paar großformatigen Papierarbeiten und Klaus Fußmann mit Blumenaquarellen. Die beiden deustchen Malerfürsten werden auch hier von Bronzen des Bildhauers Hannes Helmke gut ergänzt. Die Berliner Galerie Poll hat mit dem Dresdner Volker Stelzmann eine Ex-DDR-Malergröße im Angebot. Realistische Malerei in verschieden Facetten gibt es auch bei Westphal Berlin mit CD Aschaffenburg oder bei der Nürnberger Galerie Von&Von mit Konstantin Schroeder und Kathrin Rank bei. Gräfe Art.Concept zeigt die pastösen Acryl-Gemälde des polnischen Malers Leszek Skurski.

 

Wolfgang Stiller bei der Galerie Schmalfuss Berlin
Foto: St. B.

 

Neben der Malerei ist die Plastik ebenfalls stark auf der POSITONS vertreten. Von der BERLINER LISTE hierher gewechselt ist der Holzbildhauer Edvardas Racevicius. Seine mit dem Werkstoff Holz verwachsenen Figuren sind bei der Galerie Peters-Barenbrock aus Ahrenshoop zu sehen. Aus Eiche sind die alltägliche Codes, Tabellen und Kurvendiagramme darstellenden Holzreliefs von Mathias Hornung bei der Reutlinger Galerie Reinhold Maas. Interessant sind auch die vielschichtigen Gruppenausstellungen bei Brennicke Fine Art und der mianki.Gallery. Dort überzeugen vor allem die Malerinnen Anna Bittersohl und Franziska Maderthaner sowie die fragilen Plastiken der Bildhauerin Tina Heuter und Laubbilder, für die der Künstler Michael Schuster Fotografien zur Grundlage nimmt. Schmalfuss Berlin zeigt Epoxidharz-Plastiken von Oliver Czernetta und die überdimensionalen schwarzen Streichholzköpfe von Wolfgang Stiller.

 

Patrick Angus, Rainbow flag Pool table, 1987; Kreide auf Papier, 22.6 x 30.5 cm – (c) The Estate of Patrick Angus

 

Eine gute Mischung aus Fotografie, Grafik und Plastik haben auch die Hamburger Galerie Cometer | Persiehl und Heine sowie die Frankfurter Galerie Hübner & Hübner im Angebot. Hier faszinieren vor allem die Platin Palladium Prints von Gregor Törzs und die Plastiken von Carole Feuermann. Starke Fotoarbeiten gibt es von Anna Bresoli bei der Projekteria (Art Gallery) aus Barcelona und von bei der Schweizer Brouwer Edition von Dierk Maass und bei der Warschauer Galeria Apteka Sztuki die eindrucksvollen schwarz-weißen Gesichtslandschaften des Kubaners Stéphane Noël. Ein echter Hingucker ist nicht zuletzt auch die digital montierte und aus Jacquardstoff gearbeitete Großtapisserie Stadt der Frauen von Magret Eicher bei der Berliner Galerie Horst Dietrich.

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POSITIONS Berlin Art Fair
Vom 14. – 17. September 2017
In der Arena Berlin
Eichenstr. 4
Tickets: 12 Euro

Infos: http://positions.de/

Zuerst erschienen am 18.09.2017 auf Kultura-Extra.

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Die 14. BERLINER LISTE ist etwas verkleinert in die Hallen des Postbahnhofs umgezogen und präsentiert wieder ein ausgewähltes Angebot an Malerei, Grafik, Plastik und Fotografie für den kleineren Geldbeutel

Mittwoch, September 20th, 2017

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Hatte die BERLINER LISTE 2016 noch den Platz der größten Kunstmesse in Berlin inne, muss sich die jährlich parallel zur Berlin Art Week laufende BERLINER LISTE 2017 (als Entdeckermesse für zeitgenössische Kunst in ihrer 14. Ausgabe) allerdings damit begnügen, die älteste unter den noch bestehenden Berliner Verkaufsmessen zu sein. Konnte man im letzten Jahr noch 112 Aussteller (so viel wie die berlin art in diesem Jahr) präsentieren, so sind es 2017 nur noch 90, die allerdings aus 34 Ländern und 5 Kontinenten stammen. So international war die BERLINER LISTE laut Messedirektor Jörgen Golz noch nie. Aber auch hier hat die Krise auf dem globalisierten Kunstmarkt zugeschlagen, da braucht es einiges an aufmunternden Worten zur Eröffnung am Donnerstagnachmittag, einen Tag später als sonst. Auch der Umzug in die im Vergleich zum alten Standort Kraftwerk Mitte recht übersichtlichen Hallen im Postbahnhof am Ostbahnhof muss erwähnt werden. Und ähnlich wie die neue art berlin pflegt die BERLINER LISTE schon länger die Kooperation mit Köln und Frankfurt/M.

 

Solo Show Jim AvignonFoto: St. B.

Die Messe-Verantwortlichen haben zwar ihr Konzept aus verschiedenen Sektionen wie Urban Art, Fotografie, separaten Artist- und klassischen Galeriepräsentationen beibehalten, aber deutlich wahrnehmbare Schnitte vollzogen. Das kann für die Qualität der gezeigten Kunst nur gut sein. Viel Gefälliges und Dekoratives verstellte in den letzten Jahren die Sicht auf wirklich Neues. Den Ruf als junge Entdeckermesse lassen sich die Veranstalter aber dennoch nicht nehmen. Große Namen wird man hier schwerlich finden, dafür aber Kunst in allen Geschmacksrichtungen zu durchaus erschwinglichen Preisen. Als sogenannte „Einstiegsdroge“ hat die BERLINER LISTE eine auf 10 Exemplare limitierte Edition von 10 Kunst-Positionen des Jahrgangs für je 100 Euro herausgegeben.

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Rainer Jacob, Radiator – Foto: St. B.

Im Erdgeschoss der Halle befinden sich Fotosektion und Urban Art, für der Berliner Künstler Jim Avignon in diesem Jahr eine Soloshow in Zusammenarbeit mit der URBAN SPREE Galerie aufgebaut hat – eine Art visueller Internet-Jahrmarkt aus Street Art und Installationen zum Thema World Wide Web. Wie im letzten Jahr präsentiert daneben die Berliner OPEN WALLS Gallery Sreet Art von ALIAS und eindrucksvolle Portraits von Alevtina Golovin.

In der Foto-Sektion gibt es wieder die noch aus dem letzten Jahr bekannten inszenierten Kunstfotografien des russischen Künstlers Andrey Kezzyn. Neu sind die Eisskulpturen des Leipziger Bildhauers und Fotografen Rainer Jakob, die dieser Undercover wie den hier ausgestellten Heizradiator in der Stadt installiert und das Schmelzen in seinen Fotos dokumentiert. Aus Afghanistan kommt die junge Fotografin Mujaheda Khowajazada, deren schwarz-weiße Frauenportraits durchaus an Shirin Neshat erinnern. Urbane, digital bearbeitete Giclée-Drucke zeigt Jordan Seiler bei Open Walls. Ausladend arrangierte Vanitas-Collagen, Objekte und inszenierte Fotozyklen schafft der auf einem Schloss im brandenburgischen Wrodrow lebende Künstler Sylvester Antony.

 

Mujaheda KhowajazadaFoto: St. B.

 

In der Galerie-Sektion im Obergeschoss zeigt der Londoner Kunstverlag Square Rock Ltd. Werke der Künstler Dante, Anthony Knapik-Bridenne und Travis Durdon zwischen Pop-Art, Comic und Star Wars. Die Galerie Bazis Contemporary aus Cluj-Napoca präsentiert Werke mehrerer rumänischer KünstlerInnen, darunter interessante Mixed-Media-Objekte und Zeichnungen von Zsolt Berszán. Von den Philippinen kommt die Transwinng® Art Gallery, die wimmelige Acrylmalerei von Ms. Anafe Nemenzo und reliefartige Gesichtsskulpturen von Arnel Garcia mitgebracht hat. Einen interessanten Mix aus Fotografie, Malerei und Objektkunst stellt das Berliner KünstlerInnen-Netzwerk Sieben Todsünden rund um die Kreativ-Agentur „Bees & Butterflies“ aus. Hier fallen vor allem die lebensechten Gesichtsskulpturen der Objektkünstlerin Lisa Büscher zum Thema Völlerei auf.

 

Lisa BüscherFoto: St. B.

 

Die Berliner Artgeschoss Galerie zeigt die surrealen Gemälde von Dmitrij Schurbin und Felix Wunderlich. Expressive Acrylmalerei von Kerstin Wüstenhöfer und fotorealistische Gemälde von Igor Strozzega gibt es bei Artinnovation aus Innsbruck. Fotorealistisch arbeiten auch die Berliner Malerin Anne Vonnemann und der Maler Jean-Pierre Kunkel, dessen Gemälde bei der von der Hamburger Galerie Marion Stoeter hängen. Das Künstlerpaar Chris Hartschuh und Paula Bogatti (Hartschuh-Bogatti) arbeiten für ihre Porträt-Serie Silent Portraits mit Printcollagen auf Leinwand. Betsy Weis stellt ihre eindrucksvollen Naturbilder in traditioneller Schwarz-Weiß-Fotografie her. Die wie alte Farbpostkarten wirkenden Bilder von Ron Weis sind dagegen fotorealistisch in Öl gemalt.

 

Igor StrozzegaFoto: St. B.

 

Starke Aquarelle von Urs Bumke sind bei der Greifswalder Galerie Alte Bäckerei zu sehen. Der Hamburger Maler Gregor Kalus überzeugt mit Tuschearbeiten und seiner Portraitserie Facetime. Eine witzige Idee sind die übermalten BVG-Fahrscheine von Peer Kriesel. Überhaupt sind bei vielen Künstlern der BERLINER LISTE der Spaß an der Arbeit und der Bezug zu klassischen Vorbildern spürbar. Nicht zuletzt auch beim niederländischen Künstler Victor Sonna, der die Inspirationen für seine futuristischen Metallobjekte aus der Gegenwart, Tradition und klassischen Moderne zieht.

 

Gregor Kalus, aus der Serie Facetime, Ink on Paper
Foto: (c) Gregor Kalus

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14. BERLINER LISTE
Messe für zeitgenössische Kunst
14. – 17. September 2017
im Postbahnhof Berlin
Straße der Pariser Kommune 8, 10243 Berlin
Eintritt: Tagesticket 13 €, Tagesticket ermäßigt 9 €
beides inkl. Katalog

Infos: https://discoveryartfair.com/de/fairs/berliner-liste/

Zuerst erschienen am 17.09.2017 auf Kultura-Extra.

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Uneindeutig Weiß – DAS WEISSE STOTTERN und MIR IST ALLES VIEL ZU LAUT UND ALLES VIEL ZU LEISE im Berliner Theaterdiscounter

Montag, September 18th, 2017

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DAS WEISSE STOTTERN – Die Performerinnen der Frl. Wunder AG stellen sich in einer Selbstbefragungsstunde kritisch dem eigenen Weißsein

Das weiße Stottern(c) Frl. Wunder AG

Das Theater lebt bekanntlich von Rollenspielen, die in der traditionellen Form der Repräsentation zumeist als klassisches So-tun-als-Ob oder auch verabredete Lüge daherkommen. Trotzdem soll alles möglichst authentisch sein. Ein Widerspruch in sich. Die Frage der Repräsentation ist nicht erst seit gestern in der Kritik. Auch hebeln moderne Arten des Performance- oder Dokumentartheaters die klassischen Darstellungsformen zunehmend aus. Das immer noch vorwiegend weiß dominierte deutsche Ensembletheater hat bekanntlich ein weiteres Repräsentationsproblem, nämlich die Besetzung von Rollen, die im Stücktext Menschen mit anderer Hautfarbe beschreiben. Die sogenannten People of color werden dabei oft noch mittels entsprechender Schminke farblich angepasst, was von den meisten Poc als rassistisch empfunden wird. Auf die Unsitte des Blackfacing machte hierzulande der Verein Bühnenwatch aufmerksam. Die dadurch ausgelöste Diskussion über Rassismus, Kunstfreiheit und die Privilegiertheit der weißen Mehrheitsgesellschaft ist bekannt.

Was aber, wenn sich im realen Leben eine weiße Person als schwarz empfindet? Der Fall der weißen US-amerikanischen Bürgerrechts-Aktivistin Rachel Dolezal ging 2015 durch die Medien. Dolezal hatte sich jahrelang als Schwarze ausgegeben und auch ihre MitstreiterInnen von der National Association for the Advancement of Colored People über ihre Identität im Unklaren gelassen. Die Sache flog auf, als ihre Eltern in einem Interview die wahre Herkunft Dolezals öffentlich machten.

Die Kritik an ihrem Verhalten fiel besonders vonseiten der schwarzen Community recht harsch aus. Und trotzdem beharrte Dolezal weiter: „Ich identifiziere mich als schwarz. Nichts am Weißsein beschreibt, was ich bin.“ Sie begründet das mit ihrer selbst leidvoll erfahrenen Kindheit in einem autoritären, patriarchalen Elternhaus. Ist das nur falsch verstandene Solidarität mit dem Kampf der schwarzen Bürgerrechtsbewegung gegen Rassismus oder selbst schon rassistische Anmaßung?

 

Das weiße Stottern im Theaterdiscounter
Foto (c) Gernot Wöltjen

 

Ein klarer Fall für eine kritische Reflexion der sogenannten Critical Whiteness und damit auch ein Fall für das Theaterkollektiv Frl. Wunder AG – bestehend aus Verena Lobert, Melanie Hinz und Marleen Wolter, die sich im Berliner THEATERDISCOUNTER als weiße PerformerInnen in ihrer Produktion Das weiße Stottern mit dem eigenen Weißsein auseinandersetzen. Mit der kritischen Weißseinsforschung, die es in den USA bereits seit den 1990er Jahren gibt, betreten sie dabei im doppelten Wortsinn ein weißes Land. Mit dem Begriff des Weißseins als unmarkierte Normalität und dem Erbe des Kolonialismus haben sich im deutschen Performancebereich 2013 auch schon andcompany&Co mit ihrer Produktion BLACK BISMARCK beschäftigt. Zum näheren Verständnis und zur Begriffserklärung kann man hier nur wieder den 1992 erschienen Essayband Playing in the Dark. Whiteness and Literary Imagination der schwarzen US-amerikanischen Literaturnobelpreisträgerin Tony Morrison empfehlen, den es immerhin bereits seit 1994 in deutscher Übersetzung (Im Dunkeln Spielen) gibt.

Als ein Stottern beschreibt die selbst weiße US-amerikanische Philosophin Millay Hyatt den Versuch der Analyse des eigenen Weißseins. Denn es ist dies nicht nur ein Problem der eigenen Wahrnehmung, sondern vor allem eines der Sprache. Mit einem anfänglichen Wer-bin-ich-Spiel versuchen sich die drei Performerinnen der Frl. Wunder AG dann auch dem Gegenstand ihrer Untersuchung zu nähern. Die Fronten zum Fall Dolezal werden als diskursiver Meinungsaustausch Pro und Contra eins gegen zwei durchgespielt. Das Setting der Performance ist eine Art kleinbürgerlicher Vorgarten mit Papphäuschen, in das die drei sich immer wieder zum Reflektieren ihrer Ansichten, dem sogenannten Hausaufgabenmachen, zurückziehen.

 

Das weiße Stottern im Theaterdiscounter
Foto (c) Gernot Wöltjen

 

Aber wie ist denn nun der Fall Dolezal aus weißer Sicht zu bewerten? Hierzu nähern sich die drei Performerinnen vor allem über die Biografie der Aktivistin an das Thema an. Das Ganze läuft dann allerdings auch relativ didaktisch ab, in einer Art Beobachtungsaufbau oder ethnografischen Schau, in der sich die weiß sozialisierten und kulturwissenschaftlich gebildeten Frauen dem Blick des ebenfalls überwiegend weißen Publikums aussetzen. Dennoch sind die drei stets bemüht, ihre Wortbeiträge in möglichst lockeren Spielszenen darzubieten. Dazu werden Blumentöpfe für eine Familienaufstellung benutzt, oder die Frauen stellen sich zur Befragung in eine auf der Bühne stehende Glasvitrine.

Wirklich interessant wird es, wenn die Performerinnen ihre eigene, zumeist links sozialisierte Herkunft reflektieren. Als typische Beispiele von unkritischer weißer Aneignung von Merkmalen anderer Kulturen werden ein sogenanntes Pali-Tuch, eine Dreadlock-Perücke und ein traditionelles Kleid, das einer der Performerinnen bei einem Projekt in Afrika geschenkt wurde, an die Hauswand gepinnt. „Fake it ‚til you make it.“ steht auf der Glasvitrine. Spiele die Rolle so lange, bis sie dir passt. Das soziologische Phänomen des Passing (das Durchgehen als) ist in den USA nicht unbekannt, im weiß-normierten Deutschland allerdings schwer vermittelbar. Race, Gender, Class sind als Begriffe der Unterdrückung bekannt, seit Judith Butler auch als soziale Konstruktionen, was sich in Deutschland als Grundlage eines kritischen Diskurses allerdings noch nicht wirklich durchgesetzt hat.

Das Scheitern des Abends ist im Grunde vorprogrammiert und von den Performerinnen auch gewollt, um zu zeigen, dass die Frage um die Konstruktion ethnischer Identitäten aus weißer Sicht nicht endgültig beantwortet werden kann. Als Interaktion mit dem Publikum gibt es ein Frage-Antwort-Spiel per Mobiltelephon. Die ZuschauerInnen werden während der Performance auf ihren Handys angerufen und sollen einen vorgegebenen Katalog von Fragen zum Thema Weißsein, Privilegien und eigener Wahrnehmung im Alltag beantworten. Das führt immer wieder zu Brüchen im Ablauf. Ein wirklicher Einfluss auf die Performance ist kaum spürbar. Damit wird eigentlich die Möglichkeit einer direkten Interaktion durch netztaugliche Smartphones vergeben. So bleibt am Ende der Eindruck des allgemeinen Stotterns von abgespielten Stimmen aus den Handys der Performerinnen.

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DAS WEISSE STOTTERN (Theaterdiscounter, 02.09.2017)
von Frl. Wunder AG
Konzept: Frl. Wunder AG
Mit: Verena Lobert, Melanie Hinz, Marleen Wolter
Kostüm/Bühne: Büro unbekannt Berlin
Video: Gernot Wöltjen
Telefonie: Georg Werner
Musik: Stephanie Krah
Technik/Assistenz: Anahí Pérez
Produktionsleitung: Maike Tödter
Eine Produktion der Fräulien Wunder AG in Koproduktion mit Theaterdiscounter / Vierte Welt
Premiere war am 30.08.2017 im Theaterdiscounter

Info: https://theaterdiscounter.de/…

Zuerst erschienen am 04.09.2017 auf Kultura-Extra.

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Malte Schlösser singt mit seinem neuen Stück Mir ist alles viel zu laut und alles viel zu leise das hehre Lied des Widerspruchs und der Uneindeutigkeit

Mir ist alles viel zu laut und alles viel zu leise im Theaterdiscounter
Foto © Milena Schlösser

Autor und Regisseur Malte Schlösser ist bekannt für seine selbstreflexiven Theatertexte, die einen immer irgendwie an René Pollesch erinnern. Diese Abende heißen dann Zeig doch mal positiv, wie Du mit Schmerz umgehst oder Es ist nicht deine Schuld, dass das Leben nicht gelingt. Das sind im besten Falle therapeutische Lebenshilfen für den modernen, von der realen Welt gestressten Menschen. Schlösser ist im Hauptberuf studierter Philosoph und Dozent für Psychotherapie. Allerdings fehlt dem Ganzen das diskursive Element, auch wenn der Text meist auf mehrere DarstellerInnen aufgeteilt ist. Und so kommt einem auch Schlössers neues Stück Mir ist alles viel zu laut und alles viel zu leise, das gestern Abend im Berliner THEATERDISCOUNTER Premiere feierte, wie ein einziger, langer Monolog vor. Eine philosophische Rede auf den Widerspruch, der sich schon im Titel des Stücks manifestiert.

Man könnte den Text aber auch chorisch vortragen. Irgendwie leidet ja auch die ganze Welt am Eindeutigkeitssyndrom. Und so klagt das geplagte Individuum in Gestalt von Schauspielerin Judith Rosmair als Projektion auf einer Videoleinwand auch über Angstzustände, aufgegessenes Apfelmus und die Form der Reflexion ihrer Rolle als Vergessen und Überschreiben des Gedächtnisses. „Was haben meine Erinnerungen für ein Verständnis von mir selbst?“ „Meine Erinnerungen verstehen mich einfach gar nicht.“ Das Verschwinden in der inneren Mimese. Ein schöner Einstieg zum ewigen Drinnen-Draußen-Problem. Wir blenden innerlich aus, was in Form von Krisen an uns herangetragen wird. Wir hassen Unübersichtlichkeit und Uneindeutigkeit, weil sie uns orientierungslos machen. „Alles ist okay.“ Dabei benötigen wir gerade die Krise zur reflexiven Selbstbefragung.

 

Mir ist alles viel zu laut und alles viel zu leise im Theaterdiscounter – Foto © Milena Schlösser

 

Also, hallo, was ist denn nun da draußen los? Auf diese Frage gibt Malte Schlösser allerdings auch keine eindeutige Antwort. „Ihr seht aus wie die Projektion aller verleugneten Anteile meiner Persönlichkeit.“, sagt eines der drei Kinder (Manuel Garelli, Isabelle Laura Pana und Polly Schwalm-Unbehaun), die Schlössers Text nun vor dem Publikum weiterspinnen und dabei ihre Stimmen mal lauter oder leiser dimmen. Die Lautstärke wird hier zur Intensitätsanzeige der Bedeutung. „Hashtag: Überforderung“ und ganz wie bei Pollesch immer „Drama Baby“. Aber bitte nicht persönlich werden. „Wer unpersönlich schreit hat Recht.“

Der Versuch der drei mittels Text-Beballerung beim Publikum durch Reizüberflutung die individuelle Krise zu provozieren, wird immer wieder durch choreografierte Zwischenspiele zweier Tänzerinnen (Nefertiti Elong Ku und Kora Hamm) gebrochen, die sich zum live von Christoph Mäcki Hamann eingespielten Technosound synchron bewegen oder gar wie sufistische Derwische im Kreis drehen. Das mystische Verwischen des Egos in tänzerischer Leichtigkeit. So schwankt der Abend ironisch zwischen Zweifel und Selbstbespiegelung, Realitätsverlust und Realitätskonstruktion hin und her.

Dass sich das Medium Theater hier auch selbst spiegelt, ist fast schon obligatorisch. Irgendwann taucht auch noch der Ex-Volksbühnenschauspieler Lars Rudolph auf einem Pferd in den Weiten brandenburgischer Landschaften auf, bläst die Fanfare der Unschärfe und philosophiert über Tautologien und das Identitäts-Paradigma. Das Dozieren vor leeren Rängen wird zum Schreien in den Straßenlärm hinein. Wir ballern unsere Maßstäbe und Projektionen auf andere, aus Angst, dass uns die Autorität unseres Selbst entzogen wird. Da müsste mal jemand scharf stellen. Oder lieber doch nicht.

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MIR IST ALLES VIEL ZU LAUT UND ALLES VIEL ZU LEISE
von Malte Schlösser
Text/Regie: Malte Schlösser
Musik: Ch. Mäcki Hamann
Raum/Ausstattung/Lichtdesign: Thomas Giger
Dramaturgie: Anna K. Becker
Produktionsleitung: Maria Kusche
Produktions-/Regieassistenz: Chris Wohlrab
2. Regieassistenz/Theaterpädagogik: Anna Kücking
Kamera: Patrick Burghenn / Samuele Malfatti
Schnitt/Ton: Sinan Özmen / Ricarda Feckenstedt
Mit: Judith Rosmair, Lars Rudolph, Manuel Garelli, Isabelle Laura Pana, Polly Schwalm-Unbehaun, Nefertiti Elong Kum, Kora Hamm
Koproduktion Theaterdiscounter / NFT – Netzwerk Freier Theater
Premiere war am 07. September 2017 im Theaterdiscounter

Termine: weitere Aufführungen im Herbst 2017

Infos: http://www.theaterdiscounter.de

Zuerst erschienen am 08.09.2017 auf Kultura-Extra.

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Die OSTRALE 2017 zeigt in den Futterställen des ehemaligen Schlachthofs im Ostragehege Dresden wieder jede Menge internationale zeitgenössische Kunst

Samstag, September 9th, 2017

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Seit 11 Jahren gibt es sie nun schon, die OSTRALE in Dresden. Gegründet wurde sie 2007 von den beiden Dresdner Künstlern Andrea Hilger und Mike Salomon in den Futterställen des alten Erlweinschen Schlachthofs im Ostragehege in direkter Nachbarschaft zur Dresdner Messe. Als internationales Zentrum für zeitgenössische Kunst mittlerweile fest etabliert, musste die jährliche Ausstellung nun allerdings um ihr festes Domizil bangen, da die Anfang des 20. Jahrhunderts erbauten Gebäude inzwischen als höchst baufällig gelten und die Genehmigung für den weiteren Betrieb nicht mehr erteilte werden kann. Mit der Stadt hat man sich nach langem Hin und Her schließlich auf ein Sanierungskonzept geeinigt. Da der endgültige Zeitplan noch nicht steht, konnte die nun als Biennale laufende Kunstaustellung in diesem Jahr noch einmal stattfinden. Wenn dann das Areal saniert wird, muss die OSTRALE allerdings in noch zu findende Interimsräume umziehen. Sorge und Hoffnung zugleich. Es bleibt also weiterhin spannend um diese ganz besondere Schau unabhängiger internationaler zeitgenössischer Kunst, die von der Malerei über die Fotografie und Plastik bis hin zu Tanz, Video- und Performancekunst so ziemlich alle Genres abdeckt.

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Feng Lu – 13 am Tisch (Detail) – Foto (c) Stefan Bock

Auch in diesem Jahr haben sich die MacherInnen mit 164 eingeladenen Künstler aus 25 Nationen, die insgesamt 1.118 Werke und Werkgruppen präsentieren, wieder einiges vorgenommen. Damit es nicht allzu unübersichtlich wird, gibt es verschiedene Schwerpunkte wie Kunstgeschichte, Zukunft, Identität, Religion oder Krieg und Krise, in die sich die ausgestellten Werke lose einordnen lassen. Dem übergeordnet beschäftigt sich die OSTRALE mit drei weiteren Kernthemen. Mit der Theorie der „Kreativen Klasse“ wird kritisch der Zusammenhang der Aufwertung von Stadtgebieten durch Künstler und Kreative und der einhergehender Gentrifizierung untersucht. Über den „Pilgerweg zur Kunst“ begibt man sich zu urbanen Kunst- und Denkräumen. Mit „re_form & Reformation“ widmet sich auch die OSTRALE dem allgegenwärtigen 500. Reformationsjubiläum und in eigener Sache der Reform von Kunst im Wandel der Zeit sowie alten und neuen Formen der Präsentation.

 

Ostrale 17 – Ausstellungsansicht – Foto (c) Stefan Bock

 

Die OSTRALE will bewusst keine Verkaufsschau sein, die KünstlerInnen werden seit diesem Jahr ausschließlich von den Kuratoren eingeladen. Den einzelnen Ausstellungsräumen auf dem oberen Heuboden und den darunterliegenden Stallungen sind passend zu den politischen Schwerpunktthemen sinngebende Zitate aus Werken bekannter Schriftsteller und Denker wie Antonin Artaud, Jorge Luis Borges, Charles Bukowski, László F. Földényi, Heinrich Heine, Erich Kästner, Heinrich Mann, Fernando Pessoa oder Leo Tolstoi vorangestellt. Nach einem ausgedehnten Rundgang, für den man sich schon etwas Zeit nehmen sollte, fällt es allerdings schwer eine Art Best of der ausgestellten Werke zu küren. Bei der Fülle an Bildern, Fotografien, Objekten, Installationen und Videoarbeiten wird hier sicher auch jeder die Highlights anders setzen.

 

Diamante Feraldo – A nord del futuro (Nördlich der Zukunft)
Foto (c) Stefan Bock

 

Ein wenig düster mutet die Wahl zum Thema Zukunft mit Földényis Kulturgeschichte der Melancholie an. Aber wie es der Autor schon anmerkt: „…ich glaube, dass der Melancholiker dadurch ausgezeichnet ist, dass er sich vor dieser Welt verstecken möchte, er will aber nicht ins Jenseits flüchten, vielmehr ist er vertraut mit einer Geschichte, die verschwiegen und verdrängt wird.“ Man bewegt sich hier vorbei an Peter Makolies Memento-Mori-Sammlung aus Feldstein-Schädeln, träumerischen Zukunftsgemälden von Kerstin Junker und Katrin Königs 6-teiligem Aluminium-Tafelbild santuario (Heiligtum) hin zu Diamante Faraldos umgestürzter Weltkarte A nord del futuro. Alle Gewissheiten sind hier exemplarisch anhand der Auflösung der bekannten Anordnung der Dinge wie Kontinente auf den Kopf gestellt. Die Welt ist aus den Fugen und dichter zusammengerückt.

 

Jean Xavier Renaud – La défaite (Ausschnitt)
Foto (C) Stefan Bock

 

Großes und aktuelles Thema in der Kunst ist nach wie vor die Auseinandersetzung mit der Religion. Hier zeigt die OSTRALE wieder viele KünstlerInnen aus Osteuropa, die diesen Schwerpunkt nahezu dominieren. Aber zunächst begrüßt einen der Anblick von Papst Franziskus auf Jean Xavier Renauds Großgemälde La défaite. Eine in bunten Farben gemalte Allegorie des gesellschaftlichen Scheiterns. Auch Iwona Ogrodzka zeigt in ihrer Mixed-Media-Installation Flight&Church, dass die alte Weltordnung nach dem 11. September 2001 aus dem Gleichgewicht geraten ist. Ikonografisch arbeiten Pawel Napierala mit seinem umgedrehten Kreuzigungsbild und Petro Ryaska mit seinem, orthodoxen Ikonenbildern nachempfundenen Prayer. Franciszek Orłowski lässt in seinem Video SERCE den Ton der Kirchenglocke in Poznań verstummen. Kritisch setzt sich auch Verena Rempel in ihrer Fotocollage Pieta. Die Mareinklage mit dem neuen Gott Mammon auseinander und Stephan Popella zeigt in seinem Pieta-Gemälde das Problem der Gaffer im Handyzeitalter.

 

Arne Kalkbrenner – Sans-papiers – Foto (C) Stefan Bock

 

Krieg und Krise sind da nicht mehr weit. Hier droht Arne Kalkbrenners MPi red borderline, dort bilden in Parastou Forouhars Kopf-Portraits schwarze und weiße Figuren Vexierbilder der Gewalt. Der japanische Pop-Art-Künstler Keiichi Tanaami zeigt in seinem Video Crayon Angel einen Mix aus bunten Animationen und schwarz-weißen Kriegsbildern. In einer Nische des Raums steht Arne Kalkbrenners identitätslose Flüchtlingsgruppe Sans-papiers (Ohne Papiere). Auch der in Berlin lebende chinesische Bildhauer Feng Lu ist mit zwei Werken auf der Ostrale vertreten, die besonders ins Auge fallen. Ebenso bildgewaltig wie ironisch setzt er sich in Believe Me and God Bless You mit der Geschichte von Religion und Kriegszielen auseinander. Die Epoxidharz-Skulptur zeigt eine Kathedrale in einem Elefantenarsch. In Thirteen at Dinner veranstalten politische Persönlichkeiten eine Art Friedenskonferenz. Ihnen gegenüber sitzen farblose, tierköpfige Gestalten.

 

Fernando Sanchez Castillo – Mauerspringer
Foto (c) Stefan Bock

 

Mit der Miniatur-Figur Mauerspringer gedenkt der spanische Künstler Fernando Sánchez Castillo in seinem gleichnamigen interaktiven Skulpturenprojekt dem Fall der Berliner Mauer. Einen ganzen avantgardistischen Kunststaat präsentieren schließlich internationale KünstlerInnen mit der NSK (Neue Slowenische Kunst) auf der OSTRALE. In den 1980er Jahren um die slowenische Band Laibach gegründet, hat der NSK-Staat mittlerweile sogar eigene Pässe und erklärt immer wieder temporär bestimmte Areale wie etwa 1993 die Berliner Volksbühne zum künstlerischen Staatsgebiet.

 

Anka Leśniak – Women patRIOTs – Foto (C) Stefan Bock

 

Auch in den unteren Räumen des langgezogenen Gebäudekomplexes der OSTRALE befinden sich einige interessante Einzel- und Gruppenwerke. Direkt dort vor Ort hat Matthias Jackisch seine dem Gemälde Das Floß der Medusa von Théodore Géricault nachempfundene Installation Floß aus Holz, Stroh und Gips geformt. Auch das ein Sinnbild für das fast schon schicksalhafte Versagen der modernen Zivilisation. Mit Emanzipation und Patriotismus von polnischen Frauen beschäftigt sich Anka Leśniak in ihrer Mixed-Media-Installation Women patRIOTs.

 

Matthias Jackisch – Floß – Foto (c) Stefan Bock

 

Auch in den unteren Räumen des langgezogenen Gebäudekomplexes der OSTRALE befinden sich einige interessante Einzel- und Gruppenwerke. Direkt dort vor Ort hat Matthias Jackisch seine dem Gemälde Das Floß der Medusa von Théodore Géricault nachempfundene Installation Floß aus Holz, Stroh und Gips geformt. Auch das ein Sinnbild für das fast schon schicksalhafte Versagen der modernen Zivilisation. Mit Emanzipation und Patriotismus von polnischen Frauen beschäftigt sich Anka Leśniak in ihrer Mixed-Media-Installation Women patRIOTs.

 

Vj group CUBE – Multiperson M (mimicry)
Foto (c) Stefan Bock

 

In jedem Falle ein Highlight ist die Gestaltung des Ausstellungsraums hinter Tor 1. Der Chemnitzer Fotograf Thomas Kretschel hat hier mit aqua alta(r) eine fast gruftartige Installation gegen die Zerstörung der Lagunen-Stadt Venedig gebaut. Im Vorraum befinden sich zwei sehr starke Video-Arbeiten zum Thema Identität. Die Vj group CUBE zeigt mit Multiperson M den Versuch einer Person sich der Umgebung anzupassen und Sergiy Petlyuk formt mit aneinandergereihten kopflosen Körperprojektionen auf Oberbekleidung einen neuen biomorphen Ketten-Organismus.

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OSTRALE – Zentrum für zeitgenössische Kunst    
11. Internationale Biennale für zeitgenössische Kunst
28.07.2017 – 01.10.2017
Ostragehege
Messering 8 | 01067 Dresden

Infos: http://www.ostrale.de

Zuerst erschienen am 21.08.2017 auf Kultura-Extra.

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Für eine Handvoll Kies – Mit „Western“ drehte Regisseurin Valeska Grisebach einen interessanten Film über die Konfrontation von Kulturen und das Funktionieren von Männerbünden

Dienstag, September 5th, 2017

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(c) Komplizen Film

Die Faszination für das Filmgenre des Western scheint auch Jahrzehnte nach seinem eigentlichen Tod ungebrochen. Angefangen bei den US-amerikanischen Coen-Brüdern mit True Grit über den Euro-Western Slow West des schottischen Regisseur John Maclean bis zum Racheepos The Hateful 8 von Quentin Tarantino gab es in den letzten Jahren eine regelrechte Western-Renaissance im Kino. Auch der deutsche Regisseur Thomas Arslan, sonst für Filme der Berliner Schule bekannt, drehte mit Gold einen Western über deutsche Einwanderer, die in Nordamerika ihr Glück versuchen. Nun also kommt von Valeska Grisebach der erste nach den Regeln des Western-Genres gedrehte Film einer Regisseurin ins deutsche Kino. Premiere hatte Western im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes, wo schon im Vorjahr Maren Ade mit Toni Erdmann brillierte.

Es ist nach den preisgekrönten Filmen Mein Stern (2001) und Sehnsucht (2006) der dritte Spielfilm von Valeska Grisebach, den sie ausschließlich mit Laien gedreht hat. Ähnlich wie Toni Erdmann in Rumänien spielt Western nicht im wilden Westen, sondern in Osteuropa, genauer in Bulgarien an der griechischen Grenze. Trotzdem spielt der Film auf fantastische Weise mit den Genremitteln des amerikanischen Spätwestern mit seinen gebrochenen Helden-Figuren. Der Lonesome Rider aus der amerikanischen Frontier-Mythologie ist hier ein zunächst unscheinbarer deutscher Bauarbeiter, der mit seiner Truppe an einem Fluss im bulgarisch-griechischen Grenzgebiet ein Wasserkraftwerk errichten soll. Meinhardt (Meinhard Neumann) entzieht sich mehr und mehr dem Gruppenzwang und den Männerriten seiner Landsleute und schart sich im Gegensatz zu ihnen nicht mehr nur im Camp unter einer aufgepflanzten Deutschlandfahne, sondern beginnt sich für die Einheimischen zu interessieren, um mit ihnen auch ohne die Chance einer wirklichen Verständigung ins Gespräch zu kommen.

 

Western(c) Komplizen Film

 

„Bist du ein Schlitzohr?“ fragt ihn der misstrauische Polier Vincent (Reinhardt Wetrek). Doch Meinhardt will nur Geld verdienen und hat trotzdem auch eine unbekannte, dunkle Seite, von der wir wegen seiner Schweigsamkeit nicht viel erfahren – außer dass er weiß, was Gewalt ist und als angeblicher „Legionär“ in Afghanistan auch erlebt hat. Meinhardt liebt seine Freiheit, wie er auf Fragen der Dorfbewohner nach seiner Familie besteht. Unbeirrt geht er geradlinig seinen eigenen Weg von Freiheit, auch wenn er damit aneckt oder sich zwischen alle Stühle setzt. Das macht ihn in den Augen des machtbewussten Poliers suspekt. Es beginnen sich die klassischen Fronten zu bilden.

Valeska Grisebach entwickelten diesen Konflikt zunächst aber recht langsam. Eine Zwangspause wegen fehlendem Kies und Wasser verurteilt die Bauarbeiter zum Nichtstun. Sie trinken Bier, klopfen Sprüche und baggern ungelenk bulgarische Frauen am Fluss an. Meinhardt dagegen reitet auf einem in den Bergen freilaufenden Pferd ins Dorf und lernt dort den Besitzer und Chef der Gemeinde Adrian (Syuleyman Alilov Letifov) kennen. Von ihm erfährt er den Grund für das abgestellte Wasser, das die Dorfbewohner zur Bewässerung ihrer Tabakfelder benötigen. Doch während sich zwischen Meinhardt und Adrian eine echte Männerfreundschaft und ein Zweckbündnis bilden, fährt der um seine Autorität fürchtende Vincent voll auf Konfrontation. „Wir haben hier was zu schaffen.“ Der Westen bringt dem Osten die Infrastruktur und versteht nicht, warum das die Dorfbewohner nicht interessiert.

 

Western (c) Komplizen Film

 

Natürlich sind auch die Frauen Grund zum Streit, vor allem die junge Studentin Veneta (Veneta Frangova), die den Sommer im Heimatdorf verbringt und nun zwischen Meinhardt und Vincent steht. Aber wir lernen auch Vyara (Vyara Borisova) und ihre alten Mutter (Ivanka Popova) kennen, jede für sich eine interessante, starke Persönlichkeit. Aber vor allem prallen hier zwei patriarchal organisierte Systeme mit starken Führungsfiguren aufeinander. Und doch liegt die Sympathie am Ende beim traditionell funktionierenden Dorfverband gegen die entwurzelten Bauarbeiter fern der Heimat.

Freiheit, Familie, Heimat, Heimweh und Zugehörigkeit sind neben den Männerbünden, deren Funktionsweise man hier wie unter einem Brennglas beobachten kann, das, was die Regisseurin interessiert. Ein fast ausschließlich aus Frauen bestehendes Filmteam mit einem Ensemble von Männern, die die Regisseurin direkt vom Bau oder im Fall des schweigsamen Meinhardt vom Havelländer Pferdemarkt gecastet hat. Man wird bei ihrem Auftreten nicht von ungefähr an den DEFA-Spielfilm Spur der Steine von Frank Beyer erinnert. Auch eine Art Western im Bauarbeiter-Milieu des noch wilden Ostens im Aufbau. Nur Grisebach zeigt den heutigen Bruch an der richtigen Stelle. Der Showdown wird zum Augenblick der Erkenntnis, wohin Mann wirklich gehört.

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Western
(Deutschland/Bulgarien/Österreich 2017)
Länge: 119 min.
Regie: Valeska Grisebach
Künstlerische Assistenz: Lisa Bierwirth
Bildgestaltung: Bernhard Keller
Montage: Bettina Böhler
Szenenbild: Beatrice Schultz
Kostümbild: Veronika Albert
Ton: Uve Haußig
Mischung: Martin Steyer
Tongestaltung: Fabian Schmidt
Casting: Katrin Vorderwülbecke
Produktionsleitung: David Keitsch
Herstellungsleitung: Ben von Dobeneck
Mit: Meinhard Neumann, Reinhardt Wetrek, Syuleyman Alilov Letifov, Veneta Frangova, Vyara Borisova u. a.
Kinostart war am 24.08.2017

Infos: http://www.western-der-film.de/

Zuerst erschienen am 01.09.2017 auf Kultura-Extra.

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Power-Frauen, Synthie-Pop mit E-Gitarren, Typewriter-Klangwelten und Refrains ohne Strophen – Das war die Pop-Kultur 2017

Donnerstag, August 31st, 2017

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Die dritte Ausgabe der Pop-Kultur ist Geschichte. Auf dem Areal der Kulturbrauerei im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg versammelte das Festivalteam um Katja Lucker und den beiden Kuratoren Martin Hossbach und Christian Morin wieder eine illustre Schar von altgedienten und jungen Pop-AvantgardistInnen. Die gute Mischung aus Live-Musik, Gesprächen, Lesungen, Ausstellungen und Filmen zur Geschichte des Pop wie etwa die Foto-Schau des langjährigen Konzertfotografen Roland Owsnitzki aus den 1980er Jahren oder die Filme ostPunk! to much future und Bunch of Kunst über die englische Band Sleaford Mods macht dieses Festival aus, obwohl natürlich die Musik wie immer im Vordergrund stand. Dabei zeigten sich die Spielarten der zeitgenössischen Pop-Musik sehr vielgestaltig. Seien es nun Spoken-Words-Performances oder Typewriter-Klangwelten mit Tanz, Rap, Gitarren- oder Synthie-Pop, für jeden noch so speziellen Geschmack ließ sich etwas finden.

Und es ist so wie mit Owsnitzkis Auswahl aus unzähligen alten Schwarz-Weiß-Fotos, auf denen die Großen oder damals noch unbekannten Newcomer des Pop und Undergrounds wie Nick Cave, Divine, Nina Hagen, Sade, Iggy Pop, Blixa Bargeld, Die Ärzte oder Miles Davis versammelt sind. Fürs erste zählt der Augenblick, ein erster Eindruck. Was wirklich bleibt, wird sich in ein paar Jahren zeigen. Und vielleicht erinnert man dann auch den einen oder anderen Auftritt auf der Pop-Kultur 2017. Mit Sicherheit nicht so schnell vergessen sein wird die unsägliche BDS-Boykottkampagne, für die nicht nur deren Betreiber sondern auch das Festival selbst im Umgang damit in die Kritik geriet. Wichtig bleibt in jedem Fall die Absage an jegliche Form von Antisemitismus, Chauvinismus, Homo- und Xenophobie. Und damit hat das Pop-Kultur-Festival auch in der dritten Runde die Nase weit vorn. Diverser im Auftritt und auch kontroverser in den Diskussionen wie in diesem Jahr geht es kaum.

 

Romano auf der Pop-Kultur 2017 – Foto: St. B.

 

Der zweite Tag des Festivals gehörte auf der großen Bühne im Kesselhaus klar dem Rap. Auf die regionale Größe mit dem Zöpfchen-Rapper und Muttis Liebling Romano alias Roman Geike aus Berlin-Köpenick folgte hier die schwarze UK-Rapperin Little Simz alias Simbi Ajikawo aus London. Netter geradliniger Spaß-Proll-Rap von nebenan gegen eine eher experimentelle Mischung aus Elementen von Hip-Hop, Drum ’n’ Bass und Grime mit durchaus politischem Anspruch.

Sehr divers auch die musikalischen Beiträge aus Osteuropa. Jeweils ganz spezielle traditionelle Musikeinflüsse verarbeiten dabei das russische Elektro-Trio Oligarkh wie auch die im Kosovo gebürtige Berliner Sängerin ANDRRA alias Fatime Kosumi. Die St. Petersburger Band Oligarkh verbindet einen Mix aus EBM und Industrial mit Samplings russischer Folklore zu einer Art extrem tanzbarem „Slawischen Rave“ und arbeitet sich dabei u.a. auch noch verstärkt durch visuelle Mittel an der orthodoxen Kirche ab. ANDRRA dagegen hat folkloristische Lieder aus Albanien und dem Kosovo gesammelt und trug diese trance-artigen Gesänge mit elektronischer Unterstützung durch eine Band um PC Nackt (Apparat, Hans Unstern) vor. Dagegen haben sich der aus Polen stammende Konzeptkünstler Jemek Jemowit oder auch die Istanbuler Band Jakuzi klar den westeuropäischen Wurzeln aus Synthie-Pop sowie britischem Soul und New Wave verschrieben. Jemik Jemowit führte in seiner ironisch als Gala präsentierten Commissioned Work „10 Jahre Jemek Jemowit“ durch ein ganzes Potpourri aus Punk, Wave und Electronic Dance Music.

 

Oligarch auf der pop-Kultur 2017 – Foto: St. B.

 

Der ungekrönte König des deutschen Elektro-Pops bleibt aber der Hamburger Andreas Dorau. Hatte der Ex-NDW-Star vor zwei Jahren bei der ersten Pop-Kultur im Club Berghain noch sehr pointiert aus seinen Memoiren gelesen, so sammelte Dorau in diesem Jahr für seine Auftragsarbeit im Palais der Kulturbrauerei eine Art All-Star-Band um sich, mit der er 20 Refrains in 40 Minuten vortrug. Der Meister des ohrwurmartigen Refrains, den er selbst den „Brühwürfel eines Songs“ nennt, kreierte dabei einen unterhaltsamen Abend der pop-musikalischen Essenz auch ganz ohne störende Strophen. Ungewöhnlich zumindest von der Instrumentierung war auch der Auftritt der schottischen Komponistin Anna Meredith, die ihre Pop-Songs mit Unterstützung von Synthesizer, Klarinette, Schlagzeug, Cello, Tuba und E-Gitarre vortrug.

Noveller auf der Pop-Kultur 2017 Foto: St. B.

Aus dem englischen Bristol stammt die Post-Punk-Band Idles, die am Donnerstagabend im Franzz-Club den Auftakt der harten Gitarrenfraktion gaben und dabei zum Brexit kein Blatt vor den Mund nahmen. Brutalism heißt ihr erstes Album. Genauso rau und unbearbeitet wie der gleichnamige Architekturstil der Nachkriegsmoderne ist ihr Punk der depressiven Post-Brexit-Ära. „Well Done!“ Aber auch der Gitarrenrock ist schon lange keine reine Männer-Domäne mehr. Ob nun die in Berlin lebende US-Folkrock-Sängerin Marsha Qrella, die Hamburger Indie-Pop-Gitarristin Ilgen-Nur oder die US-Avantgarde-Gitarristin Noveller alias Sarah Liptstate, die auch schon in Glen Brancas 100 Guitar Ensemble spielte, beherrschten die Szene bei der Pop-Kultur. Besonders Noveller überzeugte hier mit ihrem mal flirrenden, mal knarzender Gitarrenambiant, elektronischen Loops und echten Soli.

Überraschend stark auch die Münchner Band Friends of Gas mit der Sängerin Nina Walser. Psychedelischer Krautrock und Post-Punk mit verrätselten deutschen Texten, gegen die die Headliner des Freitagabends All diese Gewalt, ein Soloprojekt des Friends-Produzenten und Gitarristen der Stuttgarter Post-Punker Die Nerven, Max Rieger, doch sehr eintönig und vorhersehbar erschien. Wie die weibliche Variante von Dinosaur Jr. wirkt der kraftvolle Indie-Rock mit deutschen Texten der Band AUF von Sängerin und Gitarristin Anne Rolfs. Und das nicht nur wegen der sehr hohen Gesangsstimme. Dass noch nicht alle Bands die Gitarren an den Nagel gehängt haben, zeigt auch das Comeback der schottischen Arab Strab. Eine gute Mischung aus Elektronik und Indie-Rock und der Beweis, dass trotzt dem Ende des dritten Pop-Kultur-Festivals die Pop-Musik noch nicht am Ende ist.

 

All diese Gewalt auf der Pop-Kultur 2017 – Foto: St. B.

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Pop-Kultur Berlin 2017
23.08. – 25.08.2017
In der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg

Infos: http://www.pop-kultur.berlin/

Pop-Kultur 2017 – Teil 1

Zuerst erschienen am 28.08.2017 auf Kultura-Extra.

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Zur Eröffnung des Pop-Kultur-Festivals 2017 auf dem Areal der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg

Donnerstag, August 31st, 2017

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Wenn man so will ist die Pop-Kultur 2017 in ihrem dritten Jahr mit der Wahl der Location Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg an ihre Ursprünge zurückgekehrt. An diesem geschichtsträchtigen Ort, an dem sich nach der Wende die ersten Kulturkreativen des ehemaligen Szenebezirks mit hoher Club- und Kneipendichte ansiedelten, fand auch einige Jahre das Vorgängerfestival, die ehemalige Popkomm statt. Mittlerweile ist der Prenzlauer Berg straff durchgentrifiziert, was sich nicht nur in einem verstärkten Clubsterben bemerkbar macht, sondern auch in immer massiveren Anwohnerbeschwerden wegen ruhestörenden Lärms aus den noch verbliebenen Clubs auf dem Gelände der Kulturbrauerei. Der Prenzlauer Berg hat zwar seine Anziehungskraft für Städtetouristen noch nicht ganz verloren, aber hinsichtlich einer lebenden alternativen Kneipen- und Clubkultur an Attraktivität stark eingebüßt.

Der Aufgabe neue innovative Kultur-Orte zu entdecken, trug die Pop-Kultur mit dem letztjährigen Ausflug in den Boom-Bezirk Neukölln Rechnung, nun scheint es an der Zeit Bilanz zu ziehen. Dabei hat man auch vom 2016 spontan gegründeten Neuköllner Gegenfestivals „Off-Kultur“ gelernt und tatsächlich einige Berliner Szene-Größen und DJs eingeladen, die im benachbarten Prater in der Kastanienallee auftreten werden. Aber keine Pop-Kultur ohne kleinen Medienskandal. Diesmal verursacht durch die Absage einiger arabischer Acts, die sich durch eine von der Organisation BDS (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) betriebene Boykott-Kampagne gegen das 500-€-Sponsoring der israelischen Botschaft in Berlin für die Anreise der jüdisch-arabischen Sängerin Riff Cohnen abschrecken ließen.

 

Pop-Kultur 2017 in der Kulturbrauerei – Foto: St. B.

 

Trotz Charme-Offensive mit Facebook-liken Kätzchen- und Hundepostern seitens der Pop-Kultur sorgte die vom BDS offensiv auch im Internet betriebene Anti-Israel-Kampagne im Vorfeld doch für einige Unruhe. Stellvertretend für die Festivalleitung versicherte Pop-Kultur-Chefin Katja Lucker bei der Eröffnung am 23. August, sich davon nicht einschüchtern zu lassen. Das Festival stehe nach wie vor für Diversität und kollektive, narrative Partizipation. Auch die Vertreter der öffentlichen deutschen Geldgeber wie die Kulturstaatsministerin Monika Grütters und der Berliner Kultursenator Klaus Lederer fanden klare Worte gegen die Vereinnahmung des Festivals für die Ziele des BDS.

Der Bund unterstützt die „jungen Rebellen der Pop-Branche“ (Zitat Grütters) mit 500.000 Euro für eine Veranstaltungsreihe sogenannter „Commissioned Works“. Klaus Lederer versprach langfristige Sicherung von Orten für junge Künstler. Dabei stehen Standorte wie die Alte Münze im Fokus. Es sollen in Zukunft nicht nur Grundrisse von Kulturorten wie die im Hof der Kulturbrauerei gezeigte Installation des vor einem Jahr in Berlin-Friedrichshain abgerissenen Projektraums Antje Øklesund übrig bleiben. Man wird den Kultursenator beim Wort nehmen müssen. Jüngstes Negativbeispiel ist die Meldung der Berliner Zeitung über den Verkauf des Künstlerareals der Weddinger Uferhallen. Die ehemaligen Bus- und Bahnwerkstätten wurden vom Land Berlin vor etwa zehn Jahren an die eigens gegründete Uferhallen AG veräußert. Diese hat das Gelände nun für fast das Fünffache an eine Investorengruppe um einen der Samwer-Brüder weiter verkauft. Gentrifizierung auf dem Vormarsch.

 

Balbina bei der Pop-Kultur 2017 – Foto (c) Stefan Bock

 

Musik gab es dann zur Eröffnung aber auch noch. Und die vor allem von starken Pop-Frauen, die bei diesem Festival erstmals mit einer Quote von 50 Prozent vertreten sind. Als eine der Auftragsarbeiten präsentierte die Berliner Sängerin Balbina ein Konzert in einer extra entworfenen Lichtinstallation, die das Weiß der Bühne und des Kostüms der Sängerin in immer neuen Farben erscheinen ließ. Ansonsten performte Balbina ihre philosophisch angehauchten, poetischen Popperlen gewohnt gefühlvoll aber auch recht routiniert vor vollem Kesselhaus. Auch längst kein Geheimtipp mehr ist die US-amerikanischen R&B-Sängerin ABRA, die mit ihrer bombastischen Video-Light-Show den Auftritt von Balbina fast noch toppte. Wem das schon zu mainstreamig war, konnte bei gut abgehangenem Psychelic-Rock und Surf-Pop z.B. von Alex Cameron im Franzz-Club abhängen.

Urbanen Electro-Pop machen die beiden Briten Darkstar. Für ihre chillende Lounge-Musik hat der Regisseur Cieron Magat die passenden Musikvideos städtischer Sub- und Jungendkultur in hippem Schwarz-Weiß-Negativ gedreht. Um Subkultur ganz anderer Art ging es beim Videovortrag von Too Much Future von Schriftsteller und Galerist Henryk Gericke und Radiomoderator Ronald Galenza. Die beiden plauderten über den DDR-Punk der frühen 1980er Jahre, zeigten Fotos und spielten Songs von Bands wie Planlos, Schleimkeim, Zwitschermaschine oder Rosa Extra. Im Stile von Zwei-alte-Männer-erzählen-vom-Krieg gab es einige Anekdoten über die ostdeutschen Verweigerer der Einvernahme durch Einheitspartei und DDR-Staatsorgane. Und tatsächlich war Punk zu sein in der DDR nicht ganz ungefährlich. Viele gingen für ihre politischen Texte in den Knast wie Otze von der Erfurter Band Schleimkeim oder Jana Schloßer von der Ost-Berliner Band Namenlos.

 

Too much future – Ronald Galenza und Henryk Gericke berichten über Punkrock in der DDR – Foto: St. B.

 

Jana Schloßer kann man übrigens seit letztem Jahr im Theaterstück Atlas des Kommunismus im Maxim Gorki Theater sehen. Im selben Stück tritt auch der schwule Musiker und Performer Tucké Royal auf, der mit seiner Boiband ebenfalls auf dem Pop-Kulturfestival vertreten ist. Einen CD-Sampler zu den ostdeutschen Punk-Bands hat Henryk Gericke für die 2016 im Martin Gropius Bau gezeigte Schau Gegenstimmen zusammengestellt. So schließen sich für den interessierten Berliner Kulturgänger Kreise auf diesem Festival, das mit diesem kleinen Ausflug in die Vergangenheit, der mit der ostdeutschen Post-Punkbewegung vor der Wende noch fortgesetzt wird, an die Geschichte des Austragungsortes erinnert, der mit seiner Umgebung des alten Prenzlauer Berg eng verwoben ist.

Der Stein des BDS-Boykottanstoßes, die Sängerin Riff Cohnen, hatte übrigens dann am Eröffnungsabend noch im Palais der Kulturbrauerei einen viel umjubelten Auftritt und überzeugte das Publikum mit einem feurigen Mix aus orientalischen Sounds und frankophilem Powerpop. Ein echtes Highlight, wie auch die hochgehandelte und bereits im letzten Jahr auf der Pop-Kultur vertretene französische Sängerin Fishbach, die zur späten Stunde im viel zu kleinen Maschinenhaus diesmal mit unterstützender Band auftrat. Französischer Elektro-Pop mit Gitarrenbegleitung und einer gut gelaunten Performerin, die auch noch lächelnd über „La morte“ singen kann und vom Publikum die deutschen Worte für Tod und Ende lernte. Am Ende ist die Pop-Kultur scheinbar noch nicht, auch wenn es in einer Gesprächsrunde heißen wird: „Pop-Kultur – brauchen wir das überhaupt?“ Die Antwort darauf lässt sich noch bis zum Freitag auf dem Festival ergründen.

 

Riff Cohen bei der Pop-Kultur 2017 – Foto: St. B.

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Pop-Kultur Berlin 2017
23.08. – 25.08.2017
In der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg

Infos: http://www.pop-kultur.berlin/

Pop-Kultur 2017 – Teil 2

Zuerst erschienen am 24.08.2017 auf Kultura-Extra.

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„Lucky Loser“ und „Die Hannas“ – Neues deutsches Kino überzeugt mit Witz und Ernsthaftigkeit

Montag, August 21st, 2017

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Sommerzeit ist Open-Air-Kinozeit, und selbst wenn das Wetter derzeit nicht mitspielt, machen zumindest zwei neue deutsche Filme Lust auf Sonne, Ferien und Liebe, auch wenn es zunächst nach Beziehungsstress aussieht. „Camping ist Kacke“, ruft der Lucky Loser in Beziehungspause Mike im gleichnamigen Film von Regisseur Nico Sommer; und Hans aus Die Hannas von Regisseurin Julia C. Kaiser stöhnt auch nur: „Schon wieder ein Beziehungsfilm“. Was also ist das Besondere an diesen beiden Low-Budget-Filmen, dass man sie unbedingt gesehen haben muss?

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Nico Sommer hat mit Filmen wie Silvi (2013) und Familienfieber (2014) schon ganz gut unter Beweis gestellt, dass er sein Handwerk als Regisseur für improvisierte Filme mit hintersinnigem Humor versteht. Nun hat er mit Filmförderung durch das ZDF zum ersten Mal ein richtiges Drehbuch geschrieben. Für das Gelingen am Set sorgte bisher immer ein ausgesuchtes Ensemble von DarstellerInnen, zu denen vor allem sein jetziger Hauptdarsteller und Impro-Könner Peter Trabner gehört. In Lucky Loser gibt Trabner Mike, einen alleinstehenden Mitvierziger, der nach 8 Jahren Beziehungspause immer noch an seiner Ex-Freundin Claudia (gespielt vom TV-Liebling Annette Frier) hängt. Die ist allerdings längst mit dem etwas spießigen Thomas (Kai Wiesinger) liiert. Aber Mike gibt nicht auf. Am Rückspiegel seiner Schrottkarre hängt das Bild seiner Angebeteten – bis sie ihn erhört oder bis zu seinem bitteren Ende, wie er der gemeinsamen 15jährigen Tochter Hannah (Emma Bading) versichert. Hanna ist die einzige, die noch zu Mike hält, und beschließt daher spontan nach einem Streit mit der Mutter und deren Freund, bei ihrem Vater einzuziehen.

Da Mike aber gerade von seinem Vermieter (Gustav Peter Wöhler) wegen Mietrückständen auf die Straße gesetzt wurde, fängt die Sache an etwas kompliziert zu werden. Vom seinem Chef (Tatort-Kommissar Kopper alias Andreas Hoppe auf Kinoabwegen) aus der Autowaschanlage, in der er arbeitet, bekommt Mike einen alten Wohnwagen und beschließt notgedrungen, seine Tochter auf eine Campingtour ins Brandenburgische zu lotsen. Damit wird die Sache aber nicht einfacher, und es beginnt ein „Sommer in der Bredouille“, wie die Beziehungskomödie kalauernd im Untertitel heißt.

 

Lucky Loser(c) Farbfilm Verleih

 

Denn nicht nur Mike hat Tochter und Ex nicht ganz die Wahrheit gesagt, auch Hannah hat ihrem Vater verschwiegen, dass sie ihren Freund Otto (Elvis Clausen) zwecks geplanter Entjungferung zum 16. Geburtstag auf den Campingplatz, auf dem schon Mutter Claudia die verregnetsten Sommer ihres Lebens verbringen musste, eingeladen hat. Nun ist Otto zum Erstaunen Mikes trotz entsprechendem Namen kein sogenannter „Biodeutscher“, sondern ein in Deutschland geborener, großgewachsener Spross ghanaischer Eltern, was nicht nur P.C.-Debatten über das „N“-Wort auslöst, sondern auch Anlass zu Auseinandersetzungen mit rassistischen brandenburgischen Jugendlichen gibt.

Mike macht sich aber zunächst eher Gedanken über Drogenkonsum sowie die Jungfräulichkeit seiner Tochter und wie sie alle gemeinsam die Verwicklungen vor der nun auch noch auf dem Campingplatz angekommenen Mutter verbergen sollen. Der Film schrammt hier natürlich hart an allerhand Klischees vorbei, kann diese aber auch zu jeder Menge Wortwitz nutzen. Mitreißend aber ist, wie Peter Trabner in der Rolle des Mike, ohne dessen Bemühungen um Tochter und Ex ins Lächerliche zu ziehen, den Jungen spielt, der nicht erwachsen werden will und dem als Lucky Loser alle Sympathien gehören.

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Als Komödie beginnt der neue Film von Julia C. Kaiser, der – wie schon ihr Erstling Das Floß! (2015) – wieder beim Achtung Berlin Filmfestival im April lief und dort gleich die Preise für den besten Film, das beste Drehbuch, die beste Darstellerin und den besten Darsteller abräumte. Anna (Anna König) und Hans (Till Butterbach), zusammen Die Hannas, leben seit 15 Jahren zusammen und sind nach der etwas unschmeichelhaften Feststellung von Annas Freundin (Anne Ratte-Polle) das Paar, das im Kompromiss glücklich sein kann. Wir sehen zwei, die ihren Alltag leben ohne durchzudrehen. Scheinbar. Denn eigentlich gehen die beiden jedem Konflikt – sei es die Urlaubsplanung oder nur das gemeinsame Essen – aus dem Weg. Und damit beginnen dann aber auch schon die Probleme.

Nicht nur die Physiotherapeutin Anna verliebt sich für sie ganz überraschend in ihre umtriebige und nicht ganz einfache Patientin Nico (Ines Marie Westernströer), die in einer veganen WG mit Café-Betrieb lebt und einen recht taffen 15jährigen Sohn (Tim Blochwitz) im Heim hat. Auch der etwas gemütliche und korpulente Hans gerät unverhofft auf Abwege, als er beim über seinen Freund Florian (Christian Natter) vermittelten Hardcore-Fitnesstraining die Bondage und anderen Spielen nicht abgeneigte Kim (Julia Becker) kennenlernt. Dass Nico und Kim Schwestern mit zunächst unklaren Vergangenheit sind, erfährt man erst nach und nach, was für weitere Verwirrung sorgt, die Spannung und scheinbare Absurdität der Story aber noch beständig steigert.

 

Die Hannas – (c) W-film

 

Allerdings beginnt hier auch der Wandlungsprozess des Paars, was die durch ihren Psychotherapeuten (Falilou Seck) ermunterte Anna weiter beflügelt ihren Gefühlen nachzugehen und auch Hans immer mehr aus seiner Lethargie reißt. Das bedeutet aber auch, dass die beiden den geschützten Kokon ihrer gewohnten Zweisamkeit verlassen müssen und ihre Beziehung auf eine harte Probe gestellt wird. Wie unwirklich sich das für sie manchmal anfühlt, zeigt der Film in einigen surreal wirkenden Szenen. Einerseits genießen Die Hannas den Reiz der neuen Freiheit und die anderen Erfahrung in Sachen Liebe, andererseits wollen sie sich nicht verlieren, was wiederum die Schwestern in eine Krise stürzt.

Julia C. Kaiser hat einen aufregenden Film gedreht, der abseits normierter Sehgewohnheiten für einen freieren Umgang mit Liebes- und Beziehungsdingen wirbt, Alternativen zur Diskussion stellt, es den Beteiligten aber auch nicht unbedingt einfach macht sich zu entscheiden. Ob Die Hannas, um ihr Leben zu ändern, über den geraden gelben Strich, den ein Straßenarbeiter beständig zieht, springen können, sei hier noch nicht verraten. Es lohnt aber in jedem Fall ihnen beim Versuch zu zusehen.

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Lucky Loser – Ein Sommer in der Bredouille (Deutschland 2017)
Dauer: 94 Minuten
Regie und Buch: Nico Sommer
Kamera: Thomas Förster
Montage: Nico Sommer, Carlotta Kittel BFS
Ton: Tim Stephan
Sounddesign: Manuel Laval
Redakteur: Christian Cloos
Producerin: Katharina Possert
Produzenten: Boris Schönfelder
Mit: Peter Trabner, Annette Frier, Emma Bading, Kai Wiesinger, Elvis Clausen, Ursula Werner, Andreas Hoppe, Harald Polzin, Christin Nichols, Antonio Wannek, Michael Kind, Gustav Peter Wöhler, Karim Cherif, Alexandra Grimaldi, Deborah Kaufmann, Katharina Schlothauer

Weitere Infos: http://www.luckyloser-film.de/

Die Hannas (Deutschland, 2016)
Dauer: 102 Minuten
Regie, Buch: Julia C. Kaiser
Kamera: Dominik Berg
Schnitt: Linda Bosch
Musik: Sorry Gilberto, Dominik Berg, Coleslaw Clubbing
Ton: Tobias Rüther
Kostüm: Ulé Barcelos
Szenenbild: Melanie Peter
Produzenten: Oliver Schütte, Stefan Jäger, Katrin Renz, Milena Klemke
Produktion: tellfilm Deutschland
Mit: Anna König, Till Butterbach, Ines Marie Westernströer, Julia Becker, Anne Ratte-Polle, Christian Natter, Tim Blochwitz, Çetin Ipekkaya, Mandana Mansouri, Cynthia Micas, Robert Nickisch, Jakob Renger, Falilou Seck, Oliver Steffen

Infos: http://diehannas.wfilm.de

Zuerst erschienen am 16.08.2017 auf Kultura-Extra.

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