Archive for the ‘Allgemein’ Category

Berlinale 2017 – Der osteuropäische Film triumphiert im Wettbewerb. Interessante Beiträge zeigten auch die Nebenreihen Panorama und Forum.

Donnerstag, Februar 23rd, 2017

___

Das osteuropäische Kino triumphiert auf der 67. Berlinale. Das ist durchaus nichts Ungewöhnliches. Einen Goldenen Bären gab es auch schon 2013 für den Film Mutter und Sohn vom rumänischen Regisseur Călin Peter Netzer und auf der Berlinale 2015 teilten sich die polnische Regisseurin Małgorzata Szumowska (Body) und der rumänische Regisseur Radu Jude (Aferim!) einen Silbernen Regiebären. Aber in dieser Breite wie beim diesjährigen Wettbewerb der Berlinale ist die Präsenz guter Filme aus Osteuropa schon durchaus bemerkenswert. Und das liegt sicher nicht nur daran, dass bereits erprobte Berlinale-Regisseure und Regisseurinnen wie Thomas Arslan, Oren Moverman, Sally Potter, Sabu, Volker Schlöndorff oder Hong Sang-soo, der seine besseren Filme wohl lieber in Locarno zeigt, eher etwas schwächelten. Auch große Stars wie Kristin Scott Thomas, Bruno Ganz oder Richard Gere in den englischsprachigen Konversationsdramen The Party und The Dinner konnten nicht überzeugen.

*

On Body and Soul von Ildikó Enyedi und Ana, mon amour von Călin Peter Netzer im Wettbewerb

Dafür gelang es der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi mit ihrem Spielfilm Testről és lélekről / On Body and Soul das Publikum wie auch die Kritiker und Wettbewerbsjury gleichermaßen zu berühren. Es holt sich damit nach 8 Jahren wieder eine Frau und nach 42 Jahren eine Ungarin den Goldenen Bären ab. 1975 gelang das überraschend der Regisseurin Márta Mészáros mit ihren Film Die Adoption. So überraschend war das diesmal allerdings nicht. Der Film wurde von Beginn an als Mitfavorit bei den Kritikern gehandelt. Und das durchaus zurecht. Ist es doch auch ein Beleg für die Wirkung von einfühlsamen Beziehungsdramen in einer zunehmend von Schnelligkeit, Brutalität und Gefühlsarmut gezeichneten Welt. Dass hier zwei leicht gehandicapte Außenseiter – die dazu noch in einem von emotionsloser, mechanisierter Gewalt bestimmten Schlachthof arbeiten – zunächst nur in einem gemeinsamen, friedlichen Traum als Hirsch und Hirschkuh zusammenfinden, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, was die Regisseurin auch mit Sinn für subtilen Humor inszeniert.

 

Testről és lélekről (c) Berlinale

 

Nach der Entdeckung dieses vermeintlichen Zufalls bei einer psychologischen Untersuchung wegen eines Diebstahls von Bullenpulver im Schlachthof beginnen die spröde Qualitätsprüferin Mária (Alexandra Borbély) und der Wirtschaftsdirektor Endre (Géza Morcsányi) über ihre Gefühle nachzudenken. In den anfänglich noch etwas ungelenken Annäherungsversuchen zwischen der leicht autistischen jungen Frau, die ihre Berührungsängste bei andauernden Sitzungen mit einem Kinderpsychologen analysieren lässt, und dem älteren Mann mit gelähmten Arm, der glaubte, mit der Liebe eigentlich schon durch zu sein, spielt der Film die Themen Sehnsucht nach körperlicher Nähe und Seelenverwandtschaft auf durchaus witzige Weise durch, ohne die beiden Träumer der Peinlichkeit preiszugeben. Während Mária die Treffen mit Endre mittels Salz- und Pfefferstreuer nachspielt, versucht auch Endre seine eingeübte Zurückhaltung gegenüber anderen abzulegen. Die wenigen drastischen Szenen zeigen nur den bestehenden Kontrast zwischen Traum und Wirklichkeit.

*

Zum Ende des Wettbewerbs legte sich die Berlinale noch mal auf die Couch. Es begann mit Nietzsches Jenseits von Gut und Böse und endete dementsprechend mit der Psychoanalyse nach Freud. Der rumänische Regisseur Călin Peter Netzer übt mit seinem neuen Film Ana, mon amour Kritik an den überkommenen Moralvorstellungen einer kranken Gesellschaft, die sich tief bis in die Psyche seiner Protagonisten eingegraben hat. Die junge Studentin Ana (Diana Cavalliotis) leidet seit ihrem 17. Lebensjahr an einer Angststörung und bekommt gleich beim ersten Treffen und besagtem Nietzschedisput mit ihrem Kommilitonen Toma (Mircea Postelnicus) eine Panikattacke. Aber Toma steht ihr ab jetzt fürsorglich bei. Aus den beiden wird schnell ein Paar, dessen Beziehung der Film nun die nächsten sechs Jahre verfolgt und dabei immer wieder in den Zeitebenen hin und her springt.

Ana, mon Amour 
© Real Fiction

Es ergibt sich dadurch ein vielschichtiges Psychogramm zweier Menschen, die aneinander hängen, sich dadurch aber immer mehr zu erdrücken drohen. Die Probleme Anas scheinen aus der Kindheit zu kommen. Ihr Vater hat sich ziemlich zeitig nach Frankreich abgesetzt, mit dem Stiefvater Igor (Igor Caras Romanov) musste sie lange Zeit in einem Bett schlafen. Missbrauchsahnungen schweben unausgesprochen in der Luft. In Tomas intellektuellem Elternhaus ist es nicht viel besser. Die Besuche des Paars enden in beiden Familien jeweils im Eklat mit Vorwürfen und Beschimpfungen. Tomas Vater (Vasile Muraru) ist ein dominanter Mensch, der seinem Sohn den Umgang mit einer Verrückten verbieten will. Die Mutter erweist sich als Glucke, die Toma ein zu großes Herz attestiert. Dass in der Beziehung seiner Eltern auch etwas verdrängt wird, erfahren wir erst in den Einblendungen, in denen Toma Jahre später seine verkorkste Ehe mit Ana analysieren lässt.

Bis dahin macht das Liebespaar gute und schlechte Zeiten durch, die zunächst durch Anas Attacken, ihre Psychopharmaka-Abhängigkeit und eine ungewollte Schwangerschaft gekennzeichnet sind. Hier erweist sich Toma als guter Samariter, der allerdings auch zunehmend in Anas Leben eingreift. „Moral ist nur die Konsequenz von Angst.“ hatte Ana beim ersten Treffen der beiden gesagt. Dass sie diese These selbst tief verinnerlicht haben, beweisen ihre ständigen Versuche neben der Psychoanalyse auch in der orthodoxen Religion der Eltern nach Erlösung und Buße für begangene Sünden suchen. Besonders skurril ist z.B. eine Beichte, bei der Toma vom Priester u.a. das für seine Zigarettensucht verschwendete Geld vorgerechnet bekommt. Hier fallen auch die Worte vom unter den Teppich gekehrten Dreck, der irgendwann wieder zum Vorschein kommt. Hier erweist sich der gestrenge Diener Gottes auf seine ganz spezielle Weise bereits als hellsichtiger Analytiker.

Bis zum bitteren Ende durchlaufen die mittlerweile Verheirateten allerdings weiter ihren fast schicksalhaft vorbestimmten Leidensweg, der sicher bis in alle Ewigkeit andauern würde, begänne Ana sich nach ihrer Therapie nicht aus dem mittlerweile paranoiden Kontrollzwang Tomas zu lösen. Aus der Abhängigen wird nicht ganz ohne Egoismus eine ihr Leben selbst bestimmende Frau. „Kein Gott, keine Moral“ ist Tomas Vorwurf. Er beginnt damit das Verhaltensmuster des eigenen Vaters zu kopieren. Einen Alptraum, bei dem auch ein Pyjama vom Anfang eine Rolle spielt, und ein wenig zu viel Traumdeutung später steht Toma mit seiner Vergangenheitsbewältigung immer noch am Anfang. Nach seinem Goldenen Bären für Mutter und Sohn bei der Berlinale 2013 hat sich Călin Peter Netzer mit Ana, mon amour mindestens für einen Regiepreis bei der Wettbewerbs-Jury empfohlen.

Zuerst erschienen am 18.02.2017 auf Kutura-Extra.

*

The Other Side of Hope von Aki Kaurismäki im Wettbewerb

Nach seinem Goldenen Bären bei der Berlinale 2013 empfahl sich Călin Peter Netzer mit Ana, mon amour aber auch für den Silbernen Regiebären, den die Wettbewerbs-Jury allerdings dem finnischen Altmeister Aki Kaurismäki nach dessen angesagtem Rückzug vom Filmgeschäft für seine Flüchtlings-Tragikomödie The Other Side of Hope sozusagen als Ehrengabe überreichte. Auch diese Entscheidung kann man akzeptieren, setzt Kaurismäki mit seinem Film doch auch ein wichtiges Signal für mehr Solidarität und Menschlichkeit.

 

The Other Side of Hope – © Sputnik Oy / Malla Hukkanen

 

Der finnische Sonderling unter den europäischen Regisseuren ist seiner Ästhetik aus 50er Jahre Interieur, lakonisch sparsamen Dialogen, alkoholgeschwängerter Melancholie und Rockabilly-Sound seit Jahren fast schon stoisch treu geblieben. Mit The Other Side of Hope spinnt er konsequent seine Geschichten von den einsamen aber unverwüstlichen Unterdogs aus Wolken ziehen vorüber, Lichter der Vorstadt, Der Mann ohne Eigenschaften oder Le Havre weiter. Die zwei zunächst parallel verlaufenden Handlungen um den älteren Hemdenverkäufer Wikström (Sakari Kuosmanen), der mit dem Gewinn aus einer Pokerparty seinen Traum vom eigenen Restaurant verwirklichen will und den syrischen Flüchtling Khaled (Sherwan Haji), der als blinder Passagier auf einem Kohlefrachter in Helsinki ankommt und in die Mühlen einer emotionslosen Einwanderungsbürokratie gerät, führt Kaurismäki auf gewohnt kuriose Weise zusammen.

Auch in diesem Film wimmelt es von skurrilen Typen, die rauchen, trinken und melancholische Lieder singen. Dabei versucht jeder nur irgendwie über die Runden zu kommen. Da fügt sich Khaled mit seinem Traum vom Glück und der Hoffnung, seine auf der Flucht verlorene Schwester irgendwann wieder zu finden, nahtlos ein. Es entspinnt sich ein utopisches Gesellschaftsmärchen von der Macht des Zusammenhalts kleiner Leute, die trotz eigener Probleme und gut gepflegter Eigenheiten ihren sympathischen Sinn für Gerechtigkeit auch jenseits von Legalität und staatlicher Autorität noch nicht ganz verloren haben. Dass das kaum der Realität entsprechen dürfte, aber immer auch denkbar bleibt, entspricht der einfachen und trotzdem wirkmächtigen Philosophie von Kaurismäkis Filmen.

*

Insyriated von Philippe Van Leeuw und Inflame von Ceylan Özgün Özçelik im Panorama sowie My Happy Family von Nana & Simon im Forum

Die Berlinale bleibt das Festival der kleineren Produktionen auch in den Nebensektionen Forum und Panorama. Dort wurde zumindest der politische Anspruch des Internationalen Berliner Filmfestivals eingelöst. Und so kann es auch nur verwundern, dass der Gewinner des Panorama-Publikumspreises Insyriated von Philippe Van Leeuw, oder der äußerst ambitionierte türkische Spielfilm Kaygı / Inflame von Ceylan Özgün Özçelik nicht im Wettbewerb liefen. Während sich die Berlinale-Verantwortlichen auf der Abschlussfeier demonstrativ mit dem in der Türkei inhaftierten Journalisten und Welt-Korrespondenten Deniz Yücel solidarisierten, schob man den einzigen türkischen Filmbeitrag, der noch dazu von Zensur und Einschränkung der Pressefreiheit handelt, in die Nebenreihe Panorama Special ab.

Der im Libanon gedrehte Spielfilm Insyriated zeigt eine syrische Familie, bestehend aus Mutter, Kindern, Großvater, philippinischer Haushälterin und einem Paar mit Baby, die in einer Wohnung im umkämpften Damaskus festsitzen, in ständiger Bedrohung durch Bomben, Scharfschützen und marodierende Einbrecherbanden, die nach Wertsachen in den verlassenen Wohnungen suchen. Der belgische Regisseur Philippe Van Leeuw lässt die Zuschauer dieses klaustrophobischen Kammerspiels ziemlich unmittelbar am Alltag im Ausnahmezustand teilhaben. Die Entscheidung zu gehen oder zu bleiben, kann zu einer unmittelbaren Entscheidung über Leben und Tod werden. Der fast gefühllos erscheinende Pragmatismus der Mutter (dargestellt von der aus den Berlinale-Filmen Paradise Now und Lemon Tree bekannten israelisch-arabischen Schauspielerin Hiam Abbass) dient dabei allein dem Überleben der Familie während der Abwesenheit des Vaters.

 

Insyriated© Altitude 100 / Virginie Surdej

 

Ähnlich düster und beklemmend ist auch der türkische Spielfilm Kaygı, der zunächst einer jungen Cutterin bei ihrem Arbeitsalltag in einem Fernsehsender in Ankara folgt. Hasret (Algı Eke) muss erleben, wie Inhalte von Nachrichten und Interviews auf Anweisung der Senderverantwortlichen manipuliert werden. Auch die Benutzung sozialer Netzwerke auf den Firmencomputern wird untersagt und die politisch interessierte und ihre Meinung engagiert vertretende Hasret verliert schließlich ihren Job. In der großen Wohnung, in der sie nach dem Tod der Eltern allein lebt, beginnt sie nun, deren 20 Jahre zurückliegenden Unfall auf dem Weg zu einem Musikfestival in Anatolien neu zu untersuchen. Auch hier scheint die Wahrheit verfälscht worden zu sein. In einer zunehmenden Paranoia vermischen sich immer mehr fremde Stimmen mit hochkommenden Erinnerungssplittern im Kopf der jungen Frau.

*

Auch im Forum der jungen internationalen Films gab es einen Beitrag aus dem erweiterten osteuropäischen Raum, der im Wettbewerb durchaus hätte bestehen können. Nana Ekvtimishvili und Simon Groß waren bereits 2013 mit ihrem ersten gemeinsamen Spielfilm Grzeli nateli dgeebi / In Bloom zu Gast im Forum. Damals portraitierte das georgisch-deutsche Regiepaar zwei 14jährige Mädchen im postsowjetischen Georgien zwischen patriarchaler Tradition und Moderne. In der deutsch-georgisch-französischen Koproduktion Chemi bednieri ojakhi / My Happy Family beschäftigen sich Nana & Simon nun mit der Müttergeneration.

 

My happy Family© Tudor Vladimir Panduru

 

Die 52jährige Lehrerin Manana (Ia Shugliashvili) lebt mit ihrem Mann, Sohn und Tochter, die ebenfalls verheiratet ist, und ihren Eltern zusammen in einer Wohnung in Tiflis. Ein Dreigenerationenhaushalt, wie er in Georgien nicht unüblich ist. Es wird früh geheiratet. Das Glück der Frauen ist es, Kinder zu kriegen und sich allseits für die Familie aufzuopfern. An ihrem Geburtstag, der wie immer groß gefeierte werden muss, eröffnet die erschöpfte Manana der versammelten Großfamilie, dass sie eine kleine Wohnung gemietet hat und ausziehen wird. Daraufhin beruft der erweiterte Verwandtenkreis den großen Familienrat ein. Mutter, Bruder, Ehemann, Tanten und Onkel reden der Abtrünnigen unablässig ins Gewissen und in deren neues Leben hinein. Es steht das Ansehen der Familie auf dem Spiel. Davon bekommt die Großmutter Schnappatmung und Mananas Bruder sorgt sich um die Ehre seiner Schwester.

Natürlich haben auch die Kinder ihre ersten Liebesprobleme, was die Mutter immer wieder in den Kreis der Familie zurücktreibt. Ansonsten genießt Manana die Ruhe, trifft alte Schulfreunde und beginnt sich wieder um ihre eigenen Interessen zu kümmern, wie etwa dem Gitarrenspiel. Die Kamera wechselt beständig zwischen Großszenen, in denen geredet, getrunken und auch viel gesungen wird, und den ruhigen Bildern in Mananas neuem Refugium. Nana & Simon bringen der Frau auf Suche nach sich selbst viel Verständnis entgegen und lassen ihr jede Zeit zum Nachdenken. Ob sich die angeknackste Beziehung zu ihrem Ehmann Soso (Merab Ninidze) wieder kitten lässt der Film offen. My Happy Family zeigt neben einem eindrücklichen Gesellschaftsbild auch weiteres interessantes Frauenportrait, das ebenso gut auch den Wettbewerb hätte bereichern können.

***

Testről és lélekről / On Body and Soul
von Ildikó Enyedi
Ungarn 2017
Wettbewerb

Ana, mon amour
von Călin Peter Netzer
Rumänien / Deutschland / Frankreich 2016
Wettbewerb

The Other Side of Hope
von Aki Kaurismäki
Finnland / Deutschland 2017
Wettbewerb
Kinostart: 30. März 2017

Insyriated
von Philippe Van Leeuw
Belgien / Frankreich / Libanon 2017
Panorama

Kaygı / Inflame
von Ceylan Özgün Özçelik
Türkei 2017
Panorama Special

Chemi bednieri ojakhi / My Happy Family
von Nana & Simon
Deutschland / Georgien / Frankreich 2017
Forum

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de

__________

WIR SIND 70! – Das Fest zum Theater-Jubiläum an der Neuen Bühne Senftenberg

Samstag, Oktober 8th, 2016

___

wir-sind-70_logoSeit 1946 gibt es nun schon das Theater in Senftenberg. Nach dem Zweiten Weltkrieg durch sowjetischen Kommandantenbefehl erst in einer alten Schulturnhalle eingerichtet, dann in einen eigenen Neubau umgezogen. Vom Theater der Bergarbeiter zur Neuen Bühne Senftenberg. Diese 70-järige Geschichte von Hoch und Tiefs, von Kunst für die Region will gefeiert werden. Die Neue Bühne Senftenberg tut das sieben Wochen lang mit dem Theaterfest WIR SIND 70! Und wie in jedem Jahr besteht dieses Spektakel aus einem Hauptstück für alle, einem Stück eigener Wahl aus einem Angebot von drei weiteren Inszenierungen sowie einem abschließenden Musikteil, der in diesem Jahr ein zünftiger Jubiläumsball ist. Also wie immer Theater ganz im Dienste des Publikums. „Denn schwer ist die Kunst, vergänglich ist ihr Preis“ und muss der Mime, (wie es Intendant Manuel Soubeyrand im Grußwort der Neuen Bühne mit Schiller sagt, „seiner Mitwelt mächtig sich versichern, / Und im Gefühl der Würdigsten und Besten / Ein lebend Denkmal sich erbaun.“

*

Um einen Befehl geht es auch im ersten Stück bzw. um einen, der nicht kommt, was letztendlich durch Eigenentscheidung ein Grenzregime und ein ganzes politisches System ins Wanken und schließlich zum Einsturz bringen lässt. Nach dem Drehbuch zum Film Bornholmer Straße von Rainer und Heide Schwochow haben Rainer Schwochow und der Autor, Regisseur und Schauspieler Jörg Steinberg eine Bühnenfassung für das Neue Theater Senftenberg geschrieben. Ein betongrauer Wachturm steht auf der Bühne, daneben ein rot-weißer Schlagbaum. Zur Einführung bekommt das Publikum einen Polylux-Vortrag zur DDR-Grenzsicherung inklusive sinnvoller Erklärungen zu sinnlosen Abkürzungen aus dem Grenzjargon wie GÜST (Grenzübergangsstelle) PKE (Passkontrolleinheit) oder OLZ (Operative Leitzentrale).

 

Bornholmer Straße in der Neuen Bühne Senftenberg - Foto (c) Steffen Rasche Als Schabowski vor 26 Jahren vor laufenden Kameras etwas verdutzt einen Zettel vorliest, hält die Welt den Atem an. Nach wochenlangen „Wir sind das Volk“-Rufen, soll den Bürgern der DDR nun ab sofort und ohne Einschränkungen gestattet sein, aus der DDR auszureisen. Nicht weniger verdutzt dürfte Harald Jäger gewesen sein, als er am Grenzübergang der Bornholmer Straße in der Kantine sitzt und diese Meldung am Bildschirm verfolgt. Der Oberst- leutnant glaubt, die Nachricht missverstanden zu haben und muss ab jetzt die immer größer werdende Menschen- menge hinter dem Schlagbaum beschwichtigen. Und keiner der SED-Funktionäre scheint über Telefon zu begreifen, in welcher Lage er sich befindet. Jäger muss eine Entscheidung treffen und schreibt damit Geschichte... 2014 verfilmte der Regisseur und Grimme-Preisträger Rainer Schwochow die unglaubliche, aber wahre Geschichte des Oberstleutnant Harald Schäfer: „Bornholmer Straße“. Es ist nicht nur eine spannende wie skurrile Geschichte, die erzählt wird, sondern ein Moment, der das Leben aller Deutschen verändert hat. PREMIERE: 24.09.2016 Regie - Sonja Hilberger Bühne - Ulrike Reinhard Kostüm - Jenny Schall Dramaturgie - Maren Simoneit Regieassistenz - Vivian Schmidt Inspizienz - Mirko Warnatz Soufflage - Heidrun Gork Es spielen: Harald Schäfer, Oberstleutnant - Friedrich Rößiger Ulrich Rotermund, Oberleutnant - Tom Bartels Peter Arndt, Major - Robert Eder Burkhard Schönhammer, Hauptmann - Daniel Borgwardt Michael Krüger, Zollrat - Wolfgang Tegel Ilona Krüger, Zollsekretär - Sybille Böversen Heinz Wachholz, Oberleutnant, Lageroffizier - Jan Schönberg Monika, DDR-Bürgerin - Catharina Struwe Jens Rambold, Feldwebel - Sebastian Volk Hartmut Kummer, Oberst - Heinz Klevenow Achim Zartmann, Oberleutnant - Simon Elias Ines, DDR-Bürgerin - Eva Geiler Manfred, DDR-Bürger - Ingo Zeising

Bornholmer Straße in der Neuen Bühne Senftenberg
Foto (c) Steffen Rasche

Vorschriften sind hier alles, und so wird auch der illegale Grenzübertritt eines Hundes (leibhaftig auf der Bühne) penibel protokolliert. Die Herren in Uniformen der Grenztruppen und des Zolls machen ihren Dienst oder sitzen in der Kantine, die die Drehbühne hinter dem Wachturm freigibt. Hier ereilt sie auch der berühmte Schabowski-Spruch auf der Pressekonferenz am 9. November 1989, der den Stein und anschließenden Fall der Mauer ins Rollen bringt. Kommen anfangs nur einzelne Berliner zum Grenzübergang an der Bornholmer Brücke, die man noch barsch wegschicken kann, werden es bald mehr, und die Stimmung vor wie hinter dem Schlagbaum eskaliert zusehends. Animositäten zwischen Parteisekretär, Sicherheitsoffizier und diensthabendem Leiter der GÜST machen die Lage der Offiziere, die auf Order von oben warten und sichtlich mit den Ereignissen überfordert sind, nicht einfacher.

Parteihörige und Hardliner, die zur Waffe greifen wollen („Das haben wir doch hier alles aufgebaut.“) gegen Zweifler und Besonnene wie den Oberstleutnant Harald Schäfer (Friedrich Rößinger), der sich eine telefonische Abfuhr nach der anderen beim Oberst der Leitzentrale (Heinz Klevenow) abholt. Dieser sitzt trinkend am Rand der Bühne vor einem Krenz-Portrait an der Wand wie der bürokratische und mit seinem Schreibtisch verwachsene Kentaur aus Heiner Müllers Wolokolamsker Chaussee. Die Befehlskette ist abgerissen, das Vertrauen in die Führung erschüttert. Letztendlich ist die Maueröffnung hier lediglich eine Verzweiflungstat eines von seinen Befehlshabern alleingelassenen Mannes, der sich von ganz menschlichen Skrupeln geleitetet der übermächtigen Stimme des Volkes und somit dem Lauf der Geschichte ergibt.

Das Stück spielt den Film so gut es geht nach mit witzigen Nebenhandlungen zwischen den Offizieren innerhalb des Kantinentrakts und dramatischen Szenen vor dem Schlagbaum. Das Volk ruft aus dem Zuschauerraum „Wir wollen raus!“, und die bewaffneten Organe hinterm Schlagbaum schieben sich die Verantwortungen gegenseitig zu. Das zumindest kann die recht einfach gestrickte Inszenierung von Sonja Hilberger nachvollziehbar vermitteln. Wirklich ergreifend wird es nur, wenn unter den vor der Grenze Wartenden eine Mutter (Catharina Struwe), die zu ihrer Tochter nach West-Berlin will, den Uniformträgern ihr Herz und ihren Frust über die Zustände ausschüttet.

**

Von der gesamtdeutschen Geschichtsstunde zur regionalen geht es im zweiten Teil des Abends, wo man neben der von Esther Undisz zusammengestellten Textcollage Der Senftenberger Weg und dem Flüchtlingsdrama Phantom (Ein Spiel) von Lutz Hübner noch ein Auftragswerk für die Neue Bühne des aus der Lausitz stammenden Dramatikers sehen kann. Birkenbiegen handelt von einer Senftenberger Familie mit der verwitweten Mutter Ruth (Sybille Böversen) und ihren beiden Töchtern Sabine (Eva Geiler) und Vera (Nicole Haase). Die eine ist nach der Wende mit ihrem Mann in den Westen gegangen und hat Karriere als IT-Spezialistin gemacht, die andere ist daheim (oder ostdeutsch: zuhause) auf der Scholle geblieben und durchlief mit ihrem Mann nach der Entlassung über eine Vielzahl von Jobs und Geschäftsideen alle Tiefen der neuen kapitalistischen Grundordnung. Nun soll ein gemeinsames Generationenprojekt auf eigenem Seegrundstück neuen Auftrieb für die Zukunft geben. Dazu kehrt das Westpaar mit Tochter Ruby (Katrin Flüs) aus dem Schwabenländle in den Osten zurück.

 

Birkenbiegen in der Neuen Bühne Senftenberg Foto (c) Steffen Rasche

Birkenbiegen in der Neuen Bühne Senftenberg
Foto (c) Steffen Rasche

Oliver Bukowski, 1994 mit dem derben Mundart-Schwank Londn-L.Ä.-Lübbenau bekannt geworden, hat eine, wieder im regionalen Dialekt gehaltene und für ihn typische schwarze Komödie geschrieben, in der es bei sich zuspitzender Dramatik nicht nur verbal zur Sache geht. Dementsprechend lebendig inszeniert auch Regisseurin Samia Chancrin auf der länglichen Bühne des Studios. Ein kleiner Podest, der wie eine Tagebaulore auf Rädern über die Bühne geschoben werden kann, trägt Umzugskisten, wird zur Autofahrt in den Osten oder einer Floßfahrt auf dem See umgerüstet. Immer mit Handyfilmbegleitung der 17jährigen Tochter, die die Rückkehr in den Osten wie in einem Abenteuerfilm dokumentieren will.

Sabine und ihr Mann Volker (Daniel Borkwardt) sind im Westen nicht wirklich angekommen. Diffuse Ängste stören die „Life-Work-Ballance“, also entschließt man sich für ein Reset und wirft den angehäuften Wohlstands-Müll wie einen „guten Schiss am Morgen“ in den Container. Aber im Osten stößt man neben der zurückgebliebenen Familie auch auf die unverarbeitete Vergangenheit. Da prallt nun westliche „Powerpoint-Mentalität“ auf die des „Еbay-Powersellers“ Ost. Auch bei Vera und ihrem Mann Peter (herrlich original: Gastschauspieler Michael Kind), der nach jedem Bier eine neue Idee rülpst, wie die taffe Großmutter Ruth sagt, läuft die Beziehung nicht mehr besonders gut. Vera hat Haus und Grund für Hypotheken an die Bank verpfändet, und das gemeinsame Seeufer-Projekt scheitert am Schild „Вetreten verboten“.

Man schwankt zwischen Nostalgie und Bewegung, erstarrt aber im eigenen Unvermögen, sich den Problemen zu stellen. Sogar Sabines Kindheitserinnerung – die sich biegenden aber nicht brechenden Birken – hat Paul abgeholzt. Ganz anders da Tochter Ruby, für die hinter Verboten erst die Zukunft anfängt. Gemeinsam mit Karl (Sebastian Volk), dem schwulen Sohn der Ostfamilie, erkundet sie die neue Umgebung und geht die aktuellen Probleme wie provinzielle Dumpfheit und prügelnde Nazis ganz offensiv an. Im Soundmix aus Original-Stimmen einer Pegida-Demo rollt sie provokant mit einer Deutschlandfahne als Burka über die Bühne. Das geht natürlich nicht gut. Erst im Krankenhaus findet die heillos nach mehreren Besäufnissen zerstrittene Familie wieder zusammen.

 

Die Neue Bühne Senftenberg lädt zum Fest - Foto: St. B,

Die Neue Bühne Senftenberg lädt zum Fest – Foto: St. B.

 

Was ist Heimat, und wo ist man zuhause? Das sind die Fragen, die Oliver Bukowski in diesem Stück stellt. Mit der Großmutter Ruth schafft er eine Figur, die unbeirrt mit ungeschönten Sprüchen den Finger in die offenen Wunden der anderen legt. Haltung ist ihr Credo und das ihres verstorbenen Mannes, dem sie schon mal im Zwiegespräch am Grab „noch ne Kanne“ aus dem Flachmann gönnt. Ruth nimmt hier im wahrsten Sinne des Wortes kein Blatt vor den Mund. Die Hoffnung sind die Kinder, die am Ende eine Utopie eines geschützten Lebens im Natur-Biotop einer Insel in der neuen Seenlandschaft suchen. Zu Recht sehr viel Beifall und Bravo-Rufe für das Ensemble und die gelungene Inszenierung.

***

wir-sind-70-programmsaeule

Foto: St. B.

WIR SIND 70! Das Fest.
(Neue Bühne Senftenberg, 01.10.2016)

Bornholmer Straße
Regie: Sonja Hilberger
Bühne: Ulrike Reinhard
Kostüm: Jenny Schall
Dramaturgie: Maren Simoneit
Besetzung:
Harald Schäfer, Oberstleutnant … Friedrich Rößiger
Ulrich Rotermund, Oberleutnant …
Tom Bartels
Peter Arndt, Major … Robert Eder
Burkhard Schönhammer, Hauptmann … Daniel Borgwardt
Michael Krüger, Zollrat … Wolfgang Tegel
Ilona Krüger, Zollsekretär …
Sybille Böversen
Heinz Wachholz, Oberleutnant, Lageroffizier … Jan Schönberg
Monika, DDR-Bürgerin … Catharina Struwe
Jens Rambold, Feldwebel … Sebastian Volk
Hartmut Kummer, Oberst … Heinz Klevenow
Achim Zartmann, Oberleutnant … Simon Elias
Ines, DDR-Bürgerin … Eva Geiler
Manfred, DDR-Bürger … Ingo Zeising
Ursula, DDR-Bürgerin … Nadine Ehrenreich
Greta, Haralds Frau … Marianne Helene Jordan

Birkenbiegen (UA)
Regie: Samia Chancrin
Bühne: Ulrike Reinhard
Kostüm: Jenny Schall
Dramaturgie: Igor Holland-Moritz
Besetzung:
Sabine Michel … Eva Geiler
Volker Michel, ihr Mann … Daniel Borgwardt
Ruby Michel, ihre Tochter … Katrin Flüs
Ruth Michel, ihre Mutter … Sybille Böversen
Vera Böttcher, ihre Schwester … Nicole Haase
Karl Böttcher, Veras Sohn … Sebastian Volk
Peter Böttcher, Veras Mann … Michael Kind

Die waren am 24. September 2016.
Weitere Termine: 08., 14., 15., 22., 29., 30. 10. / 04., 05., 12. 11. 2016

Infos: http://www.theater-senftenberg.de/de/spielplan/wir-sind-70-das-fest.html

Zuerst erschienen am 02.10.2016 auf Kultura-Extra.

__________

Denkerpause, bitte nicht stören!

Samstag, November 30th, 2013

___

Drücken.

denkerpauseDrückt da wer?
Da drückt doch wer.
Wer drückt denn da?
Drück doch mal!
Drückst Du schon?
Ich drücke schon.
Drück Dich nicht!
Drücke mich!
Dass ich mich nicht drücke.
Es ist gedrückt.
Drück Dich aus!
Wie drücke ich mich aus?
Ist es ausgedrückt?
Es ist ausgedrückt.
Aus ist es gedrückt.
Gedrückt geh ich aus.
Ausgedrückt!

Aus!

Text und Fotomontage: St. Bock

__________

Das ganze Leben (usw.)

Mittwoch, Juli 17th, 2013

So ist das Leben
       Sprach er munter
            Mal geht es rauf
       Dann wieder runter
So wie das Wetter
       Sprach er weiter
            Mal ist es wolkig
       Dann wieder heiter

            Erst bist du jung
       Dann wirst du älter
Noch ist dir heiß
       Bald immer kälter
             Erst volles Haar
       Dann eine Glatze
Schön dein Gesicht
       Bald ist es Fratze

Was einstmals glatt
     Bekommt nun Falten
                    Zwecklos
                        Sprach er
                      Es aufzuhalten
               Am Anfang schmal
         Dann immer breiter
    Gehst du durchs Leben
usw. …

Max_und_Moritz_(Busch)_Onkel FritzeBild: W. B.

Text: St. B.

__________

 

Don’t worry, be happy!

Mittwoch, Juni 26th, 2013

___

Unbeschwert

S.P.O.N. – Die Mensch-Maschine:
Unbeschwert durchs Überwachungsnetz

Mensch-Maschinen über Neuschland oder
Unbeschwert durchs Überwachungsnetz

In Moskau sitzt ein Transitman,
Das Web ruft: „Catch him if you can.“
Wie flüchtig Schnee schmilzt da sein Bett,
Freiheit gibt’s nur im Internet.

Eurohawk-Drone - Wikipedia.de

Euro-Hawk-Drohne
Wikipedia.de

Derweil umwölkt von wilden Drohnen,
In denen dunkle Saubermänner wohnen,
Sitzt unser Neuland-Merkel ganz in Ruh,
Und Sascha Lobotomie singt dazu.

Ein Lied vom Prism-Sauger, so geschwind,
Durch saubre Hirne säuselt leis’ der Wind.
So völlig unbeschwert geht jeder Depp,
Zum Nachladen ins World Wide Web.

Der Bundestag rührt trübe Kacke.
Wen trifft denn nun die Euro-Hacke?
Niemand ist Schuld an der Misere,
Nach Bruchlandung die große Kehre.

Und sanft ein Hawkwind weht von Ferne her,
Den Text für Fliegerhorst a.D. Maizière.
Der geht: „And I’m still feeling mean –
Well, God will send me a silver machine.“

***

Pfeift Snowden uns jetzt was aus Wien?
„Well I just took a ride in a silver machine.“

_________

Frühlingspoesie im Schnee. O weh!

Mittwoch, März 20th, 2013

Draußen rieselt leis der Schnee,
In die Stille starrt ein Reh.
Und in seinem dünnen Rock
Steckt ein Fläschchen Winter-Bock.
Zaghaft bricht es aus dem Wald –
Glaube nur, es ostert bald.

winter-bock.jpgText und Collage: St. B.

_________

„Dichtung und Kunst ist Kraft. Wir brauchen Dichtung.“ Stéphane Hessel, der Autor der Streitschrift „Empört Euch!“ ist gestorben.

Mittwoch, Februar 27th, 2013

stephane-hessel.jpg Foto: G. Freihalter (Wikipedia)
Stéphane Hessel (20.11.1917 – 26./27.02.2013)

„Man kann dialektisch überwinden, was einem nicht passt, das ist mir heute noch wichtig. Und ich glaube daran, dass man dialogisch vorwärts kommen kann.“ Stéphane Hessel 2012 bei einem Besuch im Hölderlinturm in Tübingen

Wer noch lebt, sage nicht: niemals!

Wer noch lebt, sage nicht: niemals!
Das Sichere ist nicht sicher.
So, wie es ist, bleibt es nicht.
Wenn die Herrschenden gesprochen haben,
Werden die Beherrschten sprechen.
Wer wagt zu sagen niemals?
An wem liegt es, wenn die Unterdrückung bleibt? An uns.
An wem liegt es, wenn sie zerbrochen wird? Ebenfalls an uns.
Wer niedergeschlagen wird, der erhebe sich!
Wer verloren ist, kämpfe!
Wer seine Lage erkannt hat, wie sollte der aufzuhalten sein?
Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen.
Und aus niemals wird: Heute noch!

Bertolt Brecht (Lob der Dialektik)

„Widerstand, auch der friedliche, ist nie gänzlich frei von Gewalt. Die britische Kolonialmacht musste Gandhis gewaltlosen Widerstand durchaus als politische Gewalt erleben. Jeder Widerstand ist im Kern moralische Gewalt – die Entschlossenheit des Sichentgegenstellens, die Weigerung zurückzuweichen. Das ist jedoch etwas ganz anderes als terroristische Gewalt, die immer ihre Wirkung verfehlt. Man kann die Terroristen, die Bomben legen und sich selbst mit in die Luft sprengen, vielleicht verstehen, aber nicht entschuldigen. Gewalt ist ein Ausdruck der Verzweiflung, nicht der Hoffnung. Eine gewalttätige Hoffnung kann es in der Politik nicht geben. Terroristische Gewalt vergiftet die Ziele, für die sie zu kämpfen vorgibt. (…)
Walter Benjamin, ein Freund meines Vaters, ich habe ihn selbst noch vor seinem tragischen Selbstmord in den Pyrenäen 1940 kennengelernt, misstraute dem Fortschritt. Er sah dahinter immer einen moralischen Rückfall. Ich halte es lieber mit meinem Lieblingsdichter Hölderlin: Wenn das Schlechte kommt, ist auch das Gute nicht mehr weit.“

aus einem SPIEGEL-Gespräch mit dem ehemaligen Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel über die Zumutungen des modernen Kapitalismus (Ausgabe 4/2011)

 

„Stéphane Hessel ist auch ein Engel der Geschichte. Einer, der sich umzudrehen vermochte und ein Lächeln aus der Zukunft in die Katastrophen der Gegenwart brachte.“

aus: „Der Engel der Geschichte“ – Ein Nachruf von Arno Widmann in der Berliner Zeitung (28.02.2013)

Paul Klee: Angelus Novus (1920) klee-angelus-novus.jpg
Israel-Museum, Jerusalem

_________

Frohe Weihnachten!

Montag, Dezember 24th, 2012

Eine Jahresendbitte

Das Jahr neigt langsam sich dem Ende.
Die Zeit hat es dahin gerafft.
Rückblickend an der Jahreswende
Gestehst du: Wieder nichts geschafft.

Gar schnell gefasst sind neue Ziele,
Die alten hängt man hinten an.
Auf Halde liegen da schon viele,
Und bald denkst du nicht mehr daran.

Verschüttet unter all den Trümmern,
Des Turms aus guten Vorsätzen gebaut,
liegst schließlich du und hörst dich leise wimmern:
Oh Christkind, bitte, Schaff mir eine virtuelle Cloud!

 

leipzig_alter-johannesfriedhof_dez-2012.jpg
Grabmal auf dem Alten Johannesfriedhof hinter dem Leipziger Grassimuseum.

Text und Foto: St. B.


Video von SunDogs110 auf YouTube

_________

„Ich werde mich entschlossen verirren.“ – Dem Schriftsteller Peter Handke zum 70sten Geburtstag.

Donnerstag, Dezember 6th, 2012

„Und daß ihr nicht wieder lümmelt im Gras ohne Hoffnung!“

*** 

Als das Kind Kind war,
ging es mit hängenden Armen,
wollte der Bach sei ein Fluß,
der Fluß sei ein Strom,
und diese Pfütze das Meer.

Als das Kind Kind war,
wußte es nicht, daß es Kind war,
alles war ihm beseelt,
und alle Seelen waren eins.

(…)

Als das Kind Kind war,
warf es einen Stock als Lanze gegen den Baum,
und sie zittert da heute noch.

Peter Handke (* 6. Dezember 1942 in Griffen, Kärnten)
aus Lied Vom Kindsein

***

„Husserl hat uns verdorben. Nicht die Phänomene, sondern die Konstruktion! Und nicht ich ernähre mich von der Substanz – die Substanz ernährt sich von mir.“ – „Woher hast du das?“ – „Ich habe heute morgen Edgar Allan Poe gelesen.“

Nur ein Traum?

nach A Dream Within A Dream
von Edgar Allan Poe (19.01.1809 – 07.10.1849)

Nimm den Kuss! Die Stirn wird brennen.
Und, in dem Moment, da wir uns trennen,
Lass mich eines noch bekennen:
Es ist richtig, ohne Frage,
Träume füllten meine Tage.
Doch die Hoffnung ist verflogen
Zwischen Dunkelheit und Licht,
Ob nun Trugbild oder nicht,
War sie darum weniger verlogen?
Alles scheint, man glaubt es kaum,
Nur ein Traum in einem Traum.

Fest steh ich mitten im Gebrüll
der Brandung, die ans Ufer will.
Golden glänzt der feine Sand,
Korn für Korn in meiner Hand.
Wenig nur! Jedoch geschwind
Durch die Finger er mir rinnt.
Weinend klag ich wie ein Kind:
O Gott! Wie kann ich ihn fassen,
Nie aus dem Verschluss mehr lassen?
O Gott! Gibt es nicht eine Kraft,
Die Rettung aus den Wellen schafft?
So ist denn alles, was wir kaum
in Händen glaubten, doch nur Traum?

Neu übertragen von Stefan Bock

max-klinger_pinkelnder-tod_ausschnitt.jpg Max Klinger
„Pinkelnder Tod“ (um 1880), Museum der bildenden Künste Leipzig

„Er hat die Hand in den Fluß der Träume gesteckt und sie trocken wieder herausgezogen.“

***

Zitate aus:
Peter Handke:
Ein Jahr aus der Nacht gesprochen
bei Jung und Jung, 2010
Über 500 Sätze zwischen Traum und Erwachen

„Es kann zur Schrift kommen, aber es kann auch zu nichts kommen“

________

Hermann Hesse (02.07.1877 – 09.08.1962)

Donnerstag, August 16th, 2012

Vergänglichkeit

Vom Baum des Lebens fällt
Mir Blatt um Blatt,
O taumelbunte Welt,
Wie machst du satt,
Wie machst du satt und müd,
Wie machst du trunken!
Was heut noch glüht,
Ist bald versunken.
Bald klirrt der Wind
Über mein braunes Grab,
Über das kleine Kind
Beugt sich die Mutter herab.
Ihre Augen will ich wiedersehn,
Ihr Blick ist mein Stern,
Alles andre mag gehn und verwehn,
Alles stirbt, alles stirbt gern.
Nur die ewige Mutter bleibt,
Von der wir kamen,
Ihr spielender Finger schreibt
In die flüchtige Luft unsre Namen.

Hermann Hesse, Febr. 1919, aus Sämtliche Gedichte in einem Band, Suhrkamp, 1977

 —

foto0506.jpg

Foto: St. B.

Gestutzte Eiche

Wie haben sie dich, Baum, verschnitten
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!
Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Roheiten neu die Stirn ins Licht.
Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,
Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.

Hermann Hesse, Juli 1919, aus Sämtliche Gedichte in einem Band, Suhrkamp, 1977

_________