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Brecht mal Acht (3) – Die Dreigroschenoper im Thalia Theater Hamburg wird in der Regie von Antú Romero Nunes zur unterhaltsamen Vorführung des V-Effekts

Samstag, Oktober 17th, 2015

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Dass eine Neuinszenierung der 1928 uraufgeführte Dreigroschenoper von Bertolt Brecht und Kurt Weill nochmal überraschen könnte, ist nach ihrem Eingang in das Standardrepertoire sämtlicher Stadttheaterbühnen kaum noch zu erwarten. Der letzte, der den größten Brecht-Erfolg aller Zeiten mal ordentlich gegen den Strich bürstete, war Regisseur Nicolas Stemann, und das gleich zweimal innerhalb von 10 Jahren, erst in Hannover und dann in Köln. Letztendlich auch nur als ironische Zurschaustellung der Eventgesellschaft. Mit V-Effekten und epischem Theater kennt sich Stemann jedenfalls aus, seine Brecht-Inszenierungen sind neben der letzten, dann auch verbotenen von Frank Castorf vielleicht sogar die gewagtesten. Regieanweisungen mitsprechen, das Rollenswitchen und aus ihnen heraustreten hat Stemann auch auf seine Jelinek-Inszenierungen übertragen, nebst einem ironischen Blick auf die Autorin, die dabei öfter auch selbst zu Wort kommt.

 

Foto: St. B.

Foto: St. B.

 

Nun hat sich Antú Romero Nunes, der 31jährige Hausregisseur am Thalia Theater Hamburg (Berliner Theatergängern noch aus dem Gorki unter Armin Petras bekannt), nach Mozarts Don Giovanni und Wagners Ring den Klassiker unter den Musiktheater-Gassenhauern vorgenommen und überrascht zunächst tatsächlich. Seine Idee ist zwar nicht unbedingt brandneu, oder besonders brillant, verblüfft aber in ihrer Stringenz. Auch bei Nunes schlüpfen die DarstellerInnen immer mal wieder in andere Rollen, sind neben tragenden Figuren des Stücks auch mal Bandenmitglieder oder Huren. Eins sind sie dabei aber immer, ein Fleisch gewordenes Abbild des in seine Kopfgeburten gefahrenen Autors. Ganze acht Brechts stehen da auf der ansonsten kahlen, nur durch rauf- und runterfahrende Neonröhren schmal beleuchteten Bühne, und werfen sich die epischen Spielbälle zu.

Da ist zunächst allein Jörg Pohl als Jonathan Jeremiah Peachum, der im proletarischen Brechtoutfit mit Mütze, Brille und Zigarre in den Abend einstimmt und die Richtung vorgibt. Noch mal alle anständig abhusten, aber bitte nicht outrieren. Es geht um den richtigen Ton. Und der wird nun dem ebenfalls als Brecht kostümierten, angehenden Bettler Finch (Paul Schröder) vom Inhaber der Firma „Bettlers Freund“, den schwäbischen Dialekt Brechts persifliert, anhand von ein paar frommen Sprüchen beigebracht. Denn Sprüche sind unser einziges Kapital, heißt es bei Brecht. Menschliche Regungen erzeugen, ist des Bettlers Geschäft, und das wird hier vorgemacht, bis hin zu unserer Wahrnehmung von Verkäufern der zahllosen Obdachlosenmagazine. Das ist Regieeinfalls und selbstredend auch wieder pure Reflexion vorhandener Theatermittel. Eine ironische Einfühlung in Sachen V-Effekt.

Dazu kommt, dass der Zuschauer sich so einiges vorstellen muss. Selbst die fehlenden Kulissen müssen imaginiert werden, vom Vorhang über das Klopfen an der nicht vorhandenen Tür bis zur Bettlergarderobe und anderen zeithistorischen Bezügen. Dafür gibt es immer wieder in die Handlung eingebettete Zitate aus Brechts Anmerkungen zur Dreigroschenoper, ohne dass es dabei allzu altklug, didaktisch oder sogar langweilig werden würde. Der V-Effekt ist dann eben doch kein Energie-Getränk, wie es Jörg Pohl schwant, sondern lebhafte Theatertradition und durchaus gegenwärtig. Das frische, ungezwungene Spiel mit der Verfremdung verhilft hier sogar dem etwas angegrauten Stilmittel zu neuer Blüte, als gezielte Publikumsunterhaltung durchaus im Sinne Brechts. Und diese bis an ihre Grenzen der Interpretation ausgenuddelte Gangsterschmiere scheint sich bestens dafür zu eignen. Eine kleine, späte Anerkennung für Brechts theorielastige Spielweise, mit der eigentlich die bürgerliche Moral und gesellschaftliche Korruption entlarvt werden sollte.

 

Die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht Musik von Kurt Weill Regie Antú Romero Nunes Premiere 12. September 2015 am Thalia Theater Copyright by Armin Smailovic Gravelottestrasse 3 D- 81667 Muenchen Commerzbank Muenchen Kto. 682038400 Blz. 70080000 Veröffentlichung honorarpflichtig! Umsatzsteuersatz 7% Steuernummer 146/198/60102 FA München

Die Dreigroschenoper am Thalia Theater Hamburg – Foto (C) Armin Smailovic

 

Das Ganze wird so zum unterhaltsamen Streit des Autors mit sich selbst und seinem Text. Dabei kommen natürlich auch Handlung und Humor nicht zu kurz. Das Ensemble glänzt als Gauner im Blaumann wie auch in Unterwäsche im vorgespielten bürgerlichen Alltag des Hurenhausidylls. Victoria Trauttmansdorff gibt eine wunderbar aasige und schnapsdrosselige Mrs. Peachum, Franziska Hartmann eine trotz fehlenden Accessoires durchaus laszive Spelunken-Jenny und der Polizeichef Tiger Brown ist bei Thomas Niehaus ein melancholischer Opportunist, der seinen Schergen Smith (Paul Schrader) als eiserne Hand vorschickt. In einem minutenlangen Kung-Fu-Schaukampf stellt sich Tiger Brown seinem einstigen Kumpan Macheath, bis Smith ihn schließlich mit dem Taser zur Strecke bringt. Wobei Nunes starker Hang zum Slapstick nie nur platt wirkt.

Sven Schelker ist nicht der verschlagene Räuber Mackie Messer, sondern eher der sympathische, proletarische Underdog mit Ambitionen ins Bürgertum, zu dem der Arbeitskittel noch ganz gut passt. Diese bewusst ironische Zweideutigkeit setzt sich auch ganz gut in den Figuren der Polly und Lucie fort. Katharina Marie Schubert und Anna-Maria Torkel tragen ihr Eifersuchts-Duett als kleinen Arienwettstreit aus, und laufen dabei zu stimmlicher Hochform auf. Überhaupt ist die musikalische Begleitung neben den textlastigen Spielszenen das bemerkenswerte zweite Standbein der Inszenierung. Auch hier vollziehen die Schauspieler den „Funktionswechsel“ (Brecht) vom Sprechen zum Singen zusagen mit Ansage. Recht werktreu in der Instrumentierung des achtköpfigen Salon-Orchesters unter der Leitung von Carolina Bigge, dass natürlich ebenfalls im Brecht‘schen Blaumann auftritt, wirken die Arrangements von Johannes Hofmann aber immer zeitlos frisch. Die berühmten Lieder, von denen Nunes nur den Mackie-Messer-Song auslässt, klingen mal wie Brecht‘sche Ballade, dann wieder ganz kämpferisch, und es wird dazu Tango oder Charleston getanzt.

Ihre magische Wirkung haben weder die Texte von Bertolt Brecht noch die Musik von Kurt Weill verloren. Ob das Stück noch einen dialektischen Effekt zeitigt, ist allerdings die große Frage, die dieser Abend auch nicht beantworten kann und will. Zumindest bekommt Meckie Messer seinen Schlussmonolog mit dem bekannten Satz: „Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“, in dem er sich als Opfer der Verhältnisse und eines unfairen Konkurrenzkampfes sieht. Die Inszenierung hadert dann noch ein bisschen mit dem Ende, bei dem der Deus ex machina in Gestalt des Reitenden Boten des Königs erscheint und den Verbrecher Macheath vorm Galgen rettet. Das solle man doch bitte mit Ernst und Würde spielen und nicht auf einem albernen Spielzeugpferd, ist da die Meinung auf der Bühne. Wie man es auch machen könnte, zeigt dann das Schlussbild mit echtem Schimmel und historischer Kostümierung. Das folgenlose bürgerliche Theater, was Brecht eigentlich unterlaufen wollte, hier ist es kurz zu sehen. Nur wozu? Welch folgenlose Ironie.

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Die Dreigroschenoper
von Bertolt Brecht, Musik von Kurt Weill
Regie: Antú Romero Nunes
Musikalische Leitung: Johannes Hofmann
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Victoria Behr
Dramaturgie: Matthias Günther
Darsteller:
Franziska Hartmann (Spelunken-Jenny)
Thomas Niehaus (Brown, Polizeichef; )
Jörg Pohl (Jonathan Jeremiah Peachum)
Sven Schelker (Mackie Messer)
Paul Schröder (Filch; Smith,)
Katharina Marie Schubert (Polly Peachum, deren Tochter)
Anna-Maria Torkel (Lucy, Browns Tochter)
Victoria Trauttmansdorff (Celia Peachum, seine Frau)
Die Platte/Huren: Franziska Hartmann, Thomas Niehaus, Jörg Pohl, Victoria Trauttmansdorf, Paul Schröder, Katharina Marie Schubert
Musiker:
Schlagwerk, Bandleitung: Carolina Bigge
Klavier, Akkordeon, Gesangeinstudierung: Anna Katharina Bauer
Klavier, Cello, Korrepetition: Eva Barta
Gitarre, Banjo, Lap Steel Gitarre: Kerstin Sund
Saxophone, Klarinette, Flöten: Natascha Protze
Saxophone, Klarinetten: Jonathan Krause
Trompete: Anita Wälti
Posaune, Kontrabass: Chris Lüers
Dauer: 3 Stunden, 5 Minuten, eine Pause

Termine: 01.11., 03.11., 04.11., 17.11., 25.11., 17.12., 18.12., 25.12.2015, 16.01. und 17.01.2016

Infos: http://www.thalia-theater.de/

Zuerst veröffentlicht am 12.10.2015 auf Kultura-Extra.

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