Archive for the ‘Film’ Category

„Fever Room“ und „News Crime Sports“ – Kunstvoll Installatives und Dilettantisch Performatives aus dem Bereich der bildenden Kunst in der neuen Volksbühne Berlin

Donnerstag, Dezember 14th, 2017

___

Fever Room – Die Volksbühne Berlin zeigt in deutscher Erstaufführung die audiovisuelle Projektions-Performance des thailändischen Filmregisseurs Apichatpong Weerasethakul

Apichatpong Weerasethakul
Foto (c) Kick the Machine Films

Den thailändischen Filmregisseur Apichatpong Weerasethakul kennen Kinoenthusiasten vorrangig durch seine preisgekrönten Spielfilme wie etwa Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben, der 2010 in Cannes die Goldene Palme erhielt. Sein letzter Spielfilm Cemetery of Splendour wurde 2015 ebenfalls beim Filmfestival Cannes gezeigt und kam unter dem Titel Friedhof der Könige im Januar 2016 in die deutschen Kinos. Die Bezeichnung Spielfilm ist hier allerdings etwas irreführend. Cemetery of Splendour bewegt sich in seinen meditativen Naturaufnahmen und beschreibenden Dialogen eher zwischen Dokumentar- und Kunstfilm. Weerasethakul beschäftigt sich hier mit dem Thema der transzendentalen Seelenwanderung, die Teil des religiösen Empfindens der Einwohner im Nordosten Thailands, der Heimat des Regisseurs, sind. Parallel zu seinen Filmen arbeitet Apichatpong Weerasethakul auch für den internationalen Kunstbetrieb. Seine Videoinstallationen wurden bei der Saitama Triennale in Japan, der Biennale in Sidney, der 13. Documenta in Kassel oder in der Tate Modern in London gezeigt. Dabei kam sicherlich auch die Verbindung zu Chris Dercon zustande.

Bei der Pressekonferenz zur Programmvorstellung der neuen Volksbühne wurde Weerasethakuls für den internationalen Festivalbetrieb entwickelte Projektions-Performance Fever Room als weitere große Regiearbeit zwischen Film und Schauspiel angekündigt. Premiere hatte die Produktion 2015 im Asian Arts Theatre Gwangju, Südkorea. Die Erstaufführung im deutschsprachigen Raum fand im September dieses Jahres beim Steirischen Herbst im Orpheum-Konzerthaus in Graz statt. Wenn auch für die Bühne konzipiert, hat Fever Room mit herkömmlichem Schauspiel allerdings kaum etwas zu tun. Schauspieler sieht man nur in den aus Cemetery of Splendour stammenden Filmszenen, auf denen die Videoinstallation zum größten Teil beruht. Ansonsten ist Fever Room eher dem Bereich bildende Kunst zuzuordnen, dem sich die Volksbühne unter Chris Dercon ja zunehmend verschrieben hat.

 

Fever RoomFoto (c) Kick the Machine Films

 

Das Publikum sitzt bei der Vorführung in der Volksbühne auf Stühlen bzw. direkt auf dem Boden der abgedunkelten Bühne im großen Saal. Aus dem Schnürboden senkt sich zunächst im Bereich des Bühnenportals vor dem noch geschlossenen Vorhang eine Videoleinwand, auf die besagte Filmszenen projiziert werden. Später kommen eine Leinwand darüber und zwei weitere links und rechts davon hinzu. Zu sehen sind Bilder aus einem Krankenhaus, von Hunden, Bäumen und Pavillons in einem Park, oder von Bergen und dem Meer, die von den beiden ProtagonistInnen, einem an der Schlafkrankheit leidenden Soldaten und einer Krankenschwester, die sich als Medium in seine Träume hineinversetzt, nacheinander beschrieben werden. Diese Sequenzen laufen nacheinander in sich wiederholenden Schleifen. Nach einer längeren Bootsfahrt auf dem Mekong, bei der Bilder der Landschaft mit denen von befestigte Uferböschungen wechseln, sieht man noch das Innere einer Höhle. Es entsteht dabei eine zunehmende visuelle und akustische Überlagerung von gleichzeitig ablaufenden Filmszenen und der aus Originalgeräuschen der Umgebung bestehenden Tonspur.

Schon das allein hat eine sehr meditative und fast magische Wirkung, die nach etwa 50 Minuten noch durch den Einsatz eines Laserstrahls verstärkt wird. Nachdem die Leinwände wieder hochgefahren werden, öffnet sich der Vorhang zum Zuschauerraum. Der sich in Trockeneisnebel drehende Laserstrahl bildet dabei wechselnd eine trichterartige Höhle oder eine sich hebende und senkende zentralperspektivische Ebene, die einem das Gefühl geben, in diese dreidimensionale Lichtinstallation eingesogen zu werden. Musik, einzelne Stimmen und schattenartige Projektionen von Menschen sollen das Geschehen und die Gedanken der sich in ihren Träumen an frühere Begebenheiten Erinnernden in eine Dimension der Transzendenz überführen. Was recht esoterisch klingt und ein wenig auch an die Intension der Performance Women in Trouble von Susanne Kennedy erinnert. Nur dass deren Arbeit nicht die immersive Kraft von Fever Room entfalten kann. Auch wenn man sich auf Weerasethakuls Denkart nicht einlassen möchte, überzeugt zumindest die technische Perfektion dieser audiovisuellen Installation, die den Raum der Volksbühne perfekt nutzt, ohne wirklich Theater zu sein.

***

Fever Room (Volksbühne, 08.12.2017)
Regie: Apichatpong Weerasethakul
Visual Design: Rueangrith Suntisuk
Licht Design: Pornpan Arayaveerasid
Sound Design: Akritchalerm Kalayanamitr
Komposition: Koichi Shimizu
Produktion: Asian Culture Centre Theatre – Korea, Kick the Machine Films, Volksbühne Berlin
Die Berlin-Premiere war am 07.12.2017
Dauer: 90 min., keine Pause
Thailändisch mit deutschen und englischen Untertiteln
Termine: 26., 27., 28.01.2018

Infos: https://www.volksbuehne.berlin/de

Zuerst erschienen am 10.12.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

Seelen reisen in Gruppen und bevorzugt mit Rollkoffern – Im Grünen Salon der neuen Volksbühne laden das Künstler-Duo Calla Henkel & Max Pitegoff zu einer News Crime Sports genannten Performances- und Konzertreihe

News Crime SportsFoto (c) Calla Henkel & Max Pitegoff

Im Grüner Salon der Volksbühne sieht’s derzeit ein wenig aus wie bei Hempels unterm Sofa. Die lotterige Bühneninstallation für die neue Performance-Reihe News Crime Sports stammt von Calla Henkel & Max Pitegoff, denen Chris Dercon die Programmgestaltung der kleinen Nebenspielstätte im 1. Stock des Hauses überantwortet hat. Das in den USA geborene und seit 7 Jahren in Berlin lebende Künstler-Duo zeichnet auch für Text und Regie dieser als in loser Folge entwickelten Performances- und Konzertreihe verantwortlich. Die Musik stammt von Katrin Vellrath und dem allseits bekannten Volksbühnenurgestein Sir Henry, der hier auch den Part des Manns an den Tasten übernommen hat und in einer Art Tattoo-Überzieher den Captain Cook mimt.

Calla Henkel & Max Pitegoff sind in der Kunstszene Berlins bestens vernetzt und haben ihre Fotografien und installationsartigen Wohnräume bereits in New York, London, Rotterdam und bei der letzten Berlin Biennale 2016 ausgestellt. Vertreten werden sie von der Schöneberger Galerie Isabella Bortolozzi. Von 2013 – 2015 bespielten die beiden mit englischsprachigen Stücken auch das New Theater in einem Kreuzberger Ladenlokal. Dann kam der Ruf von Chris Dercon an die neue Volksbühne. Im ersten Teil von News Crime Sports, der zur Eröffnung des Grünen Salons uraufgeführt wurde, sieht man einer internationalen Entourage aus Kunstgroupies und Partypeople beim Zeittotschlagen zu. Das Ganze handelt laut Website „in einer undeutlichen Vergangenheit, in der Wahnsinn die Passagiere eines Kreuzfahrtschiffs wellenartig überfällt, während sie die Stunden, Wochen und Jahre zu füllen versuchen, die wie auf einen Schlag zu vergehen scheinen.“

 

News Crime SportsFoto (c) Calla Henkel & Max Pitegoff

 

Auf der Bühne steht dabei eine Gruppe von bildenden Künstlern, Tänzern, Performern und Musikern. Sogar ein Model mit Mick-Jagger-Schmollmund mimt hier eine Tochter aus besserem Hause, die sich in der „City of lazy, hazy, grazy People“, die sich hier auf den rumstehenden Sofas lümmeln, zunehmend langweilt. Und auch die Mutter ist als Journalistin auf der Suche nach besagten News, Crime and Sports. Zunächst gibt’s aber nur Champagner, Dosenpfirsiche und gute Ratschläge vom Hausphilosophen („Seelen reisen in Gruppen“), bis irgendwann eine mysteriöse Dame mit Rollkoffer und Einkaufstaschen die träge Gesellschaft aufmischt. „Kollektives Träumen ist möglich.“ heißt es da. Die Stimme kommt vom Band und gehört Silvia Rieger, die neben Sir Henry weiterhin zum Rumpf-Ensemble der neuen Volksbühne gehört. Dazwischen gibt es etwas Musik und ein paar Anspielungen auf das schwere und prekäre Künstlerleben. „We all need Jobs.“ Leider kann hier niemand wirklich Theater spielen und tänzelt und feudelt sich dann halt irgendwie durch.

Vor drei Jahren hat das Ballhaus Ost mit einer Romanadaption von Franz Hessels Heimliches Berlin schon mal das ewige Künstlertum in einer sich beständig wandelnden Metropole beschrieben. Seit den wilden Zwanzigern scheint sich da in Berlin nicht viel geändert zu haben. Was sich ändert sind nur die Vorzeichen, und die stehen zurzeit auf Austauschbarkeit. Worte wie Vergangenheit oder Zukunft haben hier keinerlei Bedeutung mehr, da sich die Kunst längst von Ort und Kontext befreit hat. Dabei wirkt die Performance so Old School, dass man erstaunt ist, dass es so etwas wirklich noch gibt. Oder besser, dass die Kapelle des untergehenden Kreuzfahrtdampfers immer noch so lange einfach weiterspielt, bis der Kahn tatsächlich gesunken ist. „What Time it ist?“ oder „How long are we here?“ sind dann auch die großen Fragen des Abends, die man sich notgedrungen beginnt selbst zu stellen. Wenn dann auch noch von einem von Polizisten abgesperrten Theater die Rede ist, ist das schon etwas kokett, und man fragt sich ernsthaft, warum sich die Volksbühne erst von hinten den Dilettantismus in den Grünen Salon reinholt, den sie durch die Polizei vorne hat rausholen lassen.

***

News Crime Sports (Grüner Salon, 08.12.12017)
Regie und Text: Calla Henkel & Max Pitegoff
Kostüme: Ella Plevin
Komposition: Sir Henry, Katrin Vellrath
Stimme von: Silvia Rieger
Choreographie: Tarren Johnson
Musik: Sir Henry
Redaktion und Übersetzung: Alex Scrimgeour
Kuratorin: Elodie Evers
Mit: Agathe Bommier, Mia von Matt, Lily McMenamy, Leon Kahane, Theresa Patzschke, Elias Pitegoff
Die Premiere war am 17.11.2017 im Grünen Salon der Volksbühne
Mehrsprachig (Englisch, Deutsch, Französisch)

Infos und Termine: https://www.volksbuehne.berlin/de/

Zuerst erschienen am 11.12.2017 auf Kultura-Extra.

__________

27. Film Festival Cottbus – Ein Fazit des Spielfilmwettbewerbs

Montag, November 20th, 2017

___

Betrachtet man das diesjährige Angebot im Spielfilmwettbewerb des 27. FILMFESTIVALS COTTBUS, fällt auf, dass sich mehr als 25 Jahre nach dem Zusammenbruch des ehemaligen Ostblocks viele der Beiträge wieder mit den sozialen Verwerfungen der post-sozialistischen Gesellschaften in den Ländern Osteuropas beschäftigen. Die zum Teil radikal-ökonomischen Umwälzungen haben ihre Folgen hinterlassen. Nicht für jeden konnten sich die Träume von Freiheit und Wohlstand erfüllen.

*

Besonders düster zeigen das zwei Spielfilme aus Albanien und Slowenien, die sich mit dem unmittelbaren sozialen Absturz ihrer Protagonisten beschäftigen. In Tagesanbruch / Daybreak von Regisseur Gentian Koçi kämpft die alleinerziehende Krankenschwester Violeta (Ornela Kapetani) um das tägliche Überleben. Sie ist nach einem Fall von Sterbehilfe aus der Klinik entlassen worden und verdingt sich nun als Pflegerin der ans Bett gefesselten Sophia, deren Tochter Ariana mit ihrem Mann in Frankreich lebt. Vom spärlichen Lohn kann Violeta ihre Wohnung nicht mehr bezahlen und wird von ihrem Vermieter kurzerhand vor die Tür gesetzt. Auch die Tagesmutter will den kleinen Sohn nicht mehr ohne Geld nehmen. Nachdem auch eine Freundin nicht mehr aushelfen kann, zieht Violeta ganz in Sophias Wohnung.

 

DAYBREAKFoto © OYMO

 

Als Ariana mit ihrem Mann bei einem Autounfall stirbt, ist Violeta ganz auf die schmale Rente der alten Frau angewiesen, von der nun auch noch die teuren Medikamente bezahlt werden müssen. In der beengten Wohnung steht die verzweifelte Frau zwischen dem neuen Leben ihres Sohns und einem, das sich dem Ende neigt. Zudem bittet Sophia um die Erlösung von ihren Leiden. Der Film zeigt die Ausweglosigkeit einer Frau, für die es keine Alternative oder soziale Sicherung gibt und sich jeder der Nächste ist. Violeta lässt sich schließlich auf eine folgenschwere Affäre mit dem Postmann, der jeden Monat die Rente bringt, ein. Der eindrucksvolle Film endet als verstörender Kriminalfall.

Den trostlosen Bildern von ghettogleichen Wohnburgen Tiranas stehen die einer zunächst noch relativ heilen Familienwelt im Film Die Familie / The Basics Of Killing gegenüber. Der slowenische Regisseur Jan Cvitkovič ist langjähriger Teilnehmer des Cottbuser Filmfestivals und hat schon einige Preise mitnehmen können. Mit seinem düsteren Sozialdrama, das die Auswüchse eines existenzvernichtenden Sozialgesetzes behandelt, konnte er allerdings bei der Jury nicht punkten. Eine gehobene Mittelklassefamilie aus Ljubljana fällt, nachdem beide Elternteile auf unglückliche Weise ihre Arbeit verlieren, ins sprichwörtlich Bodenlose. Sie sind, da für die Sozialleistungen Schätzungen ihres Gehalts von vor zwei Jahren herangezogen werden, nicht zuschussberechtigt. Cvitkovič malt den Abstieg in aller Dramatik aus. Der Zerfall der Familien, bedingt durch Streit der Eltern und Alkoholexzesse des Vaters, hinterlässt vor allem bei den Kindern seine Spuren, die schließlich damit beginnen, für die handlungsunfähig gewordenen Eltern Essen zu stehlen.

 

THE BASICS OF KILLINGFoto (c) Soul Food Distribution

 

Auch im aserbaidschanischen Spielfilm Der Granatapfelgarten / Pomegranate Orchad von Regisseur Ilgar Najaf führen ökonomische Zwänge zum familiären Drama. Der alte Shamil (Gurban Ismayilov) lebt mit seiner Schwiegertochter und deren Sohn von den Früchten seines Granatapfelgartens. Als nach 12 Jahren sein Sohn Gabil (Samimi Farhad) aus Russland wieder heimkehrt, gerät das sichere Gleichgewicht zwischen Natur und Familie aus den Fugen. Gabil hatte vor zwölf Jahren Frau und Kind verlassen, ohne je wieder von sich hören zu lassen. Durch Geschäfte angeblich reich geworden, will er nun seine Familie nach Moskau holen. Doch der Rückkehrer verheimlicht allen seine wahren Gründe. Regisseur Najaf ließ sich von Anton Tschechows Kirschgarten inspirieren und zeichnet in ruhigen Einstellungen eine Bild zwischen Tradition und Fortschritt, Einklang mit der Natur und rein wirtschaftlichen Interessen, denen nicht nur der Sohn sich gebeugt hat, sondern schließlich auch der Vater nachgeben muss.

Dass sich post-sozialistische Tristes auch ganz ohne Worte vermitteln lässt, zeigt der ukrainische Beitrag Black Level, der vom seelischen Verfall des Fotografen Kostya (Kostyantyn Mokhnach) handelt. In vielen stummen Einzelszenen führt Regisseur Valentyn Vasynovitch den eintönigen Alltag seines Protagonisten vor. Zwischen Auftragsarbeiten wie dem Fotografieren von Hochzeitpaaren und Kinderfesten sieht man Kostya bei langen Fahrten durch eine labyrinthartige Tiefgarage, beim Sex im Auto, dem Archivieren von alten Fotos und beim Klettertraining. Nachdem erst sein Vater und dann auch noch die Katze sterben, verfällt der schweigsame 50jährige immer mehr in eine stille Depression. Bilder von trüber Winterlandschaft, Plattenbauten und qualmenden Industrieanlagen erzeugen zusätzlich ein Bild der totalen Trostlosigkeit. Mitunter wirkt dieser semidokumentarische Stil allerdings schon etwas zu plakativ.

 

HEAD. TWO EARSFoto (c) Vitaly Suslin

 

Das den Wettbewerb in den letzten Jahren dominierende russische Kino war mit dem Spielfilm Ein Kopf. Zwei Ohren / Head, Two Ears von Regisseur Vitaly Suslin vertreten. Mit fast schon dokumentarischer Strenge zeigt Suslin zu Beginn den Alltag seines jungen Protagonisten auf dem russischen Land, der sich zwischen Viehstall, Suppe löffeln und Bier aus dem Dorfkonsum holen erschöpft. Ivan (Ivan Lashin) ist ein naiver, fast schon treudummer Kindskopf, der auf die Offerte eines Fremden ihn in die Stadt mitzunehmen, ohne lange zu überlegen eingeht. Dort wird er in einem schicken Konsumtempel neu eingekleidet, auf eine Kredit-Betrugs-Tour geschickt und schließlich in einem Edel-McDonald‘s allein zurückgelassen. Der Film begleitet Ivan nun dabei, wie er in stoischer Beharrlichkeit jeden noch so aussichtslosen Straßenverkaufsshop annimmt, um sich seinen Traum vom Glück, das in einem immer wieder eingespielten Naturidyll mit der Partnerin des Betrügers besteht, zu erfüllen. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit, die der Hauptdarsteller, der sich hier tatsächlich auch selbst spielt, dem Regisseur erzählt hat.

Wahre Begebenheiten sind immer wieder Inspirationsquellen für Filmemacher. So auch für den polnischen Regisseur Maciej Piepryza, der einen Kriminalfall aus den 1970er Jahren erst als Dokumentar- und nun als Spielfilm aufgegriffen hat. In I’m A Killer / Ich bin der Mörder verfilmte Piepryza die Suche nach dem berüchtigten „Vampir von Oberschlesien“. Der Mann hatte gedroht, zum 30. Jahrestag Volkspolens für jedes Jahr eine Frau zu ermorden. „Der Kommunismus ist rot wie Blut“, heißt es in einem Bekennerschreiben. Auf immerhin 12 Opfer hatte es der Serienmörder geschafft.

 

I’M A KILLERFoto (c) The Moonshot Company

 

Hauptakteur ist der junge Kommissar Janusz (Mirosław Haniszewski), der zur Lösung des Falls unverhofft zum Chef einer Sondereinheit ernannt wird. Da dem Killer auch die Schwägerin eines hohen Parteisekretärs zum Opfer fiel, müssen schnellstens Ergebnisse her, die Janusz mit Hilfe von psychologischen Profilen und neuester Computerauswertung erzielen will. Der Film zeigt nicht ohne Humor die graue Tristes des Katowicer Kohlereviers, seine prekären Gestalten und politischen Zwänge, denen das Team um den jungen aufstrebenden Kommissar ausgesetzt ist. Trotz dass bei einigen seiner Kollegen Zweifel an der Täterschaft des gefassten Verdächtigen aufkommen, bleibt Janusz hart und beginnt ein psychologisches Spiel mit dem Inhaftierten. Schließlich lässt er sich von den Vorgesetzen und politischen Machthabern korrumpieren und setzt alles daran, Zeugen, Gericht und sogar die Familie des Angeklagten zu manipulieren. Das ist spannend und glaubwürdig erzählt. Auch wenn der Film nach dem Mainstream und einer kommerziellen Verwertung schielt, mindert das die Regieleistung von Piepryza nicht und wurde von der Spielfilm-Jury sogar für preiswürdig erachtet. Mirosław Haniszewski bekam dazu noch den Preis für den besten männlichen Darsteller.

Auch der Preis für die beste Darstellerin geht nach Polen und komplettiert den polnischen Erfolg im Wettbewerb mit dem Spielfilm Wilde Rosen / Wild Roses der Regisseurin Anna Jadowska, was durchaus erfreulich ist, wird hier nicht nur das eindrückliche Portrait einer fragilen Frauenfigur prämiert, sondern geht der Hauptpreis für den besten Film endlich mal wieder an das Werk einer Regisseurin, wobei es in diesem Jahr tatsächlich nur ganze zwei Frauen mit ihren Filmen in den Wettbewerb geschafft hatten. Das konnte das Film Festival Cottbus durchaus schon besser.

 

WILD ROSESFoto (c) Ant!pode

 

Wilde Rosen führt aufs polnische Land, wo traditionell die katholische Kirche und geordnete Familienverhältnisse den Alltag bestimmen. Marta Nieradkiewicz spielt die junge Mutter Ewa, die sichtlich von dem Erwartungsdruck, der auf ihr lastet, überfordert scheint. Zudem fühlt sie sich von ihrem Mann, der lange Zeit auf Montage im Ausland war, alleingelassen und geht eine folgenschwere Affäre mit einem 16jährigen Jungen ein. Als ihr Mann zurückkehrt und von den Gerüchten im Dorf erfährt, bricht der Konflikt offen aus und drängt Ewa dazu, sich anzupassen, oder die Verantwortung für ihr Leben selbst zu übernehmen. Das ist eindrucksvoll gespielt und lässt einen nicht unberührt.

Wilde Rosen führt aufs polnische Land, wo traditionell die katholische Kirche und geordnete Familienverhältnisse den Alltag bestimmen. Marta Nieradkiewicz spielt die junge Mutter Ewa, die sichtlich von dem Erwartungsdruck, der auf ihr lastet, überfordert zu sein scheint. Zudem fühlt sie sich von ihrem Mann, der lange Zeit auf Montage im Ausland war, alleingelassen und geht eine folgenschwere Affäre mit einem 16jährigen Jungen ein. Als ihr Mann zurückkehrt und von den Gerüchten im Dorf erfährt, bricht der Konflikt offen aus und drängt Ewa dazu sich anzupassen oder die Verantwortung für ihr Leben selbst zu übernehmen. Das ist eindrucksvoll gespielt und lässt einen nicht unberührt.

**

Mit Medienkritik beschäftige sich der rumänische Beitrag Breaking News von Regisseurin Julia Rugină. Der Film erzählt von der Recherche des Fernsehreporters Alex (Andi Vasluianu) für einen Nachruf auf seinen Kameramann, der bei einer gewagten Reportage in einer explodierten Fabrik ums Leben gekommen ist. Alex fühlt sich am Tod des Kollegen schuldig und beginnt dessen Tochter über das ihm unbekannte Leben ihres Vaters auszufragen.

Auch der bulgarische Beitrag Omnipräsent / Omnipresent von Regisseur Ilian Djevelekov behandelt mit einer ständig in der Öffentlichkeit präsenten Videoüberwachung ein gesellschaftliches Problem. Allerdings verlegt der Regisseur seinen Plot in den privaten Bereich, in dem der Werbemanager Emil (Velislav Pavlov) seine zur Entlarvung eines Diebs installierte Technik zunehmend für persönliche Zwecke ausnutzt und beginnt Gott zu spielen. Das führt neben dem Gefühl der absoluten Macht auch zu einigen unangenehmen Enthüllungen. Leider ist der recht geschwätzige Film auf die Dauer nicht wirklich interessant.

 

OUTFoto (c) Cercamon

 

Kommerzieller Erfolg sollte auch der slowakisch-ukrainischen Koproduktion Die Linie / The Line vom slowakischen Regisseur Peter Bebjak beschieden sein. Die tragikomische Mafia-Story über eine Bande Zigarettenschmuggler im Wandel der Zeit an der slowakisch-ukrainischen Grenze erinnert mit ihrem Soundtrack, den skurrilen Typen und einem guten Schuss schwarzem Humor an Balkanfilme von Emir Kusturica. Nebenbei behandelt der Film auch aktuelle Problemthemen wie durch skrupellose Schleuserbanden ausgenutzte Flüchtlinge, den Drogenschmuggel und korrupte Polizeibeamte.

Auch der ebenfalls breit koproduzierte Spielfilm Out vom ungarischen Regisseur György Kristóf ist ein filmischen Kleinod, das nicht unerwähnt bleiben sollte. Der Film folgt dem mit seiner Familie in der Slowakei lebenden Ungarn Ágoston (Sándor Terhes) auf Arbeitssuche nach Lettland. Schon sein Anstellungsgespräch auf einer Werft ist mehr als merkwürdig. Der gutmütige Anglerfreund Ágoston ist Ausländerfeindlichkeit ausgesetzt und muss sich nach seiner Entlassung durch die lettische Winterlandschaft schlagen, wo er ausgestattet mit einem ausgestopften Hasen ohne Ohren auf weitere skurrile Typen wie einen russischen Geschäftsmann mit seiner schönheitsoperierten Superfrau trifft. Was Ágoston antreibt, ist die Sehnsucht nach dem Meer. Mit seinem alkoholgeschwängerten aber sonst recht trockenen Humor atmet der Streifen ein gehörige Prise Kaurismäki-Flair.

***

27. FilmFestival Cottbus
Festival des osteuropäischen Films
07. bis 12.11.2017
Infos: http://www.filmfestivalcottbus.de/de/

Zuerst erschienen am 14.11.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Nationale Vergangenheitsaufarbeitung beim 27. Festival für den osteuropäischen Films in Cottbus

Montag, November 20th, 2017

___

Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist immer wieder Thema vieler Filme auf dem 27. Cottbuser Festival des osteuropäischen Films. So auch in diesem Jahr, das an Jubiläen nicht arm ist. Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution in Russland gab es z.B. die deutsche Animations-Doku 1917 – Der wahre Oktober und einen georgischen Spielfilm über die letzten Tage des bis heute umstrittenen ersten, 1991 demokratisch gewählten Präsidenten Zviad Gamsakhurdia zu sehen. Khibula / Vor dem Frühling von George Ovashvili lief im offiziellen Wettbewerb. Der georgische Regisseur konnte bereits 2014 mit seinem poetisch stillen Filmdrama Die Maisinsel im Wettbewerb überzeugen. In Khibula kämpft sich ein erschöpfter Ex-Präsident (Hossein Mahjoub) mit ein paar getreuen Kämpfern von Unterschlupf zu Unterschlupf durch die verschneiten Wälder und Berge Georgiens.

Die Männer singen, halten patriotischen Reden zum Zusammenhalt des Landes. Doch den Präsidenten plagen sichtlich Selbstzweifel. Immer wieder träumt er von einer „Judas“ rufenden Menge. Auf die Frage nach seinen Plänen verweist der alte Mann nur auf Gott, den Allmächtigen, dessen Pläne er als sein Werkzeug ausführe. Immer wieder holt er eine Pistole aus seiner Aktentasche, was wohl auf die bis heute ungeklärten Todesursachen in einem verlassenen Haus im besagten Ort Khibula anspielen soll. Der Tod ist hier die ganze Zeit anwesend. George Ovashvili zeigt ein entthrontes Idol, das einst Hoffnung auf Einheit, Brüderlichkeit und Freiheit nun vom Sockel gestoßen nicht abzutreten vermag.

 

KHIBULAFoto © Pluto Film Distribution Network GmbH

 

Der Film verliert sich in den Weiten der Natur, deren Stille laut Regisseur ein Symbol für das alles umgebende Chaos sein soll. Es bricht hier mit Granateinschlägen und Hubschrauberlärm ein. Zur Wahrheitsfindung trägt dieser Film sicher nicht bei, dazu gibt es bis auf ein paar Radioeinspielungen kaum Informationen zu den Hintergründen des Putsches und der Rolle Gamsakhurdias, der von der Opposition auch als Diktator bezeichnet wurde. Ovashvili bleibt mit Khibula seinem poetischen Filmstil treu und konzentriert sich ganz auf die Natur und die Einsamkeit seines Protagonisten.

**

Neben den postsozialistischen Umwälzungen liegt nach wie vor auch der Zweite Weltkrieg im Fokus der osteuropäischen Filmschaffenden. Nach Filmen zum Massaker an polnischen Offizieren durch die Rote Armee im Jahr 1940 und dem Warschauer Aufstand im Jahr 1944 ist nun die filmische Aufarbeitung des 1943-44 von der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) an der polnischen Zivilbevölkerung verübten Massakers von Wolhynien an der Reihe.

Kaum ein Landstrich in Europa ist dermaßen vom Wandel der Zeiten und Regime geprägt worden wie das im Osten der damaligen Republik Polen gelegene Grenzgebiet zur Ukraine. Die Herren wechselten hier immer wieder. Vor dem Ersten Weltkrieg gehörte Wolhynien wie das benachbarte Galizien zur Habsburger Donaumonarchie. Nach deren Auflösung fiel das Gebiet an die neu gegründete Republik Polen. Die erste Vertreibungswelle infolge des Ersten Weltkriegs traf die im 19. Jahrhundert dort angesiedelten Wolhynien-Deutschen. 1939 setzte sich die Bevölkerung Wolhyniens aus etwa 70 Prozent Ukrainern, 16 Prozent Polen und 10 Prozent Juden zusammen.

Im Sommer 1939 setzt auch der von Regisseur Wojtek Smarzowski gedrehte polnische Spielfilm Wolhynien ein. Der Streifen lief in Cottbus in der Sektion „Nationale Hits“, was das momentane nationale Interesse des bereits vor einem Jahr in den polnischen Kinos angelaufenen Films bestens wiederspiegeln dürfte. Die Massaker von Wolhynien sind eines der wohl traumatischsten Ereignisse der polnischen Geschichte und wurden während der Zeit des Ostblocks so gut wie totgeschwiegen. Auch jetzt noch sorgt dieses Thema für Unstimmigkeiten in den Beziehungen zum Nachbarland Ukraine. Bereits zum 70. Jahrestag 2013 sprach man von polnischer Seite über ethnische Säuberungen. Im Juli 2016 hat das polnische Parlament, in dem die PiS die absolute Mehrheit hat, eine Resolution verabschiedet, die das Massaker an ca. 100.000 Polen sogar als Genozid bezeichnet.

Der Film hat alte Wunden wieder aufgerissen und einen Streit über alten und neuen Nationalismus in Polen und der Ukraine entfacht, sind doch beide Seiten nicht frei davon. „Reinigen wir das Land von den Polen!“ predigt ein orthodoxer Priester im Film und segnet hochgereckte Äxte, Sicheln und Heugabeln. Das Blut der Polen soll die Flüsse tränken. Was dann auch im letzten Drittel des Films bildlich umgesetzt wird. Die Gräueltaten der Ukrainer kennen da keine Grenze mehr. Dabei lässt Regisseur Smarzowski seinen Film im sommerlichen Idyll einer polnisch-ukrainischen Hochzeit beginnen. Doch schon bei den traditionellen Feierlichkeiten kommt es immer wieder zu Sticheleien und dem Austausch offener Ressentiments zwischen den beiden Volksgruppen. Wolhynien zeigt den Konflikt anhand zweier ethnisch gemischter Liebespaare. Eines, das seine Liebe zunächst feiern kann und eines, das voneinander getrennt Krieg, Hass persönliches Leid erleben muss.

Die Zuschauer erleben die Niederlage der polnischen Armee gegen die deutsche Wehrmacht im September 1939, den Einmarsch der Roten Armee nach dem Stalin-Hitler-Pakt, bei dem die Ukrainer zumeist noch den neuen kommunistischen Machthabern zujubeln, während die als reiche Kulaken verschrienen Polen enteignet und nach Sibirien transportiert werden. Die Fahnen wechselt man wieder, als die Wehrmacht 1941 die Russen vertreibt und Hitler der neue Herr und Garant für die ukrainische Unabhängigkeit wird. Schikaniert stehen dazwischen immer wieder die Polen, sieht man mal vom systematischen Mord an der jüdischen Bevölkerung ab, der hier nicht ausgeblendet wird.

 

VOLHYNIAStill (c)Krzysztof Wiktor, Film it

 

Emotional packend ist die filmische Umsetzung gerade durch die Entscheidung, den Konflikt aus Sicht einer jungen polnischen Frau zu erzählen, die wider Willen einen älteren polnischen Witwer heiraten muss, ihrem ukrainischen Geliebten aber nicht vergessen kann. Zofia (Michalina Łabacz) erwartet ein Kind von ihm und zieht später auch noch die Kinder ihres von Ukrainern ermordeten Manns mit auf. Sie versteckt Juden und pflegt einen verwundeten polnischen Widerstandskämpfer. Ob nun Opferrolle oder Identitätsfigur für nationales Heldentum, dem aufkeimenden Nationalismus in Polen bieten sich hier natürlich viele Anknüpfungspunkte, auch wenn die Ressentiments der Polen gegenüber den Ukrainern und Racheaktionen von Polen an ukrainischen Familien nicht ausgespart werden. Spätestens wenn die Protagonistin durch die Nacht des Brandschatzens und der äußerst blutig geschilderten Mordtaten der Ukrainer an den polnischen Dorfbewohner geistert und wie durch ein Wunder überlebt, lassen einen die Bilder nicht mehr los.

Der ukrainische Nationalismus wird hier vor allem durch orthodoxe Würdenträger und fanatische Freischärler der UPA geschürt, auch wenn es durchaus mahnende Gegenstimmen im Film gibt. Einerseits feiert man die Mitglieder der UPA in der Ukraine wieder offiziell als nationale Helden, anderseits kniete Präsident Petro Poroschenko bei einem Polenbesuch vor dem Wolhynien-Mahnmal in Warschau. Auch von russischer Seite gab es ein reges Medieninteresse an den Filmarbeiten. Die Versuchung, das Thema propagandistisch auszuschlachten ist groß. Wojtek Smarzowski wehrt sich aber tapfer gegen jede Art der politischen Vereinnahmung und hat polnische Preisgelder für Projekte zur Völkerverständigung gespendet. Der Regisseur will mit diesem Film, wie er selbst betont, Brücken bauen. Ob diese Form der Aufarbeitung dazu taugt, wird sich noch zeigen müssen.

**

Ganz anders geht der junge, in Deutschland lebende, polnische Regisseur Kristof Gerega an das schwierige Thema Wolhynien. In der Reihe „Specials“ zeigte das Festival seinen Dokumentarfilm Nicht mehr unsere Heimat / No longer our Homeland. Geregas Großeltern lebten vor dem Zweiten Weltkrieg im Dorf Hanaczów in Wolhynien. Nach deren Tod tauchten etliche Briefe und Fotografien aus der Zeit und noch mehr Fragen beim 1981 geborenen Regisseur auf. Er hat sich zunächst mit kleinem Filmteam auf eine Reise nach Radzimów an der deutsch-polnischen Grenze gemacht, wo die Familie seit der Umsiedlung nach dem Krieg lebte. Dort treffen sie zunächst Geregas Onkel Jan und weitere ehemalige polnische Bewohner Wolhyniens, die von ihren Kindheitserlebnissen berichten.

 

NO LONGER OUR HOMELAND Foto © Schuldenberg Films

 

Der Regisseur stellt seinem Film ein Zitat voran, das von der Erinnerung als einem kollektiven Prozess, der einer gewissen Evolution unterworfen ist, spricht. Ein alter polnischer Bauer möchte dann die Tragödie auch lieber ruhen zu lassen. Schlussstrichdebatten sind nicht unbekannt bei der Verdrängung schmerzhafter Ereignisse aus der nationalen Vergangenheit. Andererseits haben sich zwei Seiten der Wahrheit über die Ereignisse herausgebildet, was auch in den Befragungen von den heute in den Dörfern Wolhyniens lebenden Ukrainern zeigt. Es geht Gerega letztendlich aber nicht um die Suche nach einer endgültigen Wahrheit, sondern um das Reden über die Vergangenheit, was für ihn vor allem ein Prozess des Lernens ist.

Während sich in Polen immer mehr Leute dafür interessieren, es einen Rat für das Gedenken an die Opfer gibt und Pfadfindergruppen die alten Friedhöfe in der Ukraine säubern, tut man sich dort mit der Erinnerung eher schwer. Gerega lässt sich die Orte zeigen und die Menschen reden, fragt nur hin und wieder behutsam nach. Alte Frauen singen ukrainische Nationalweisen, bei einem Dorffest preist man die Heimat, aber ein Redner verweist auch auf die einstigen polnischen Mitbürger. Weitere Protagonisten sind Andrij, ein junger polnischer Historiker und der 87jährige Edward, der sich seit den 1970er Jahren für die Errichtung eines Denkmals am Ort des Massakers einsetzt und dem Regisseur seine Pläne dafür vorstellt. Später zeigt Gerega ihm sein Filmmaterial aus der alten Heimat, die der alte Mann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr besuchen kann.

Man erfährt auch von der Errichtung eines Kreuzes, das polnische Pfadfinder ohne Erlaubnis der ukrainischen Behörden dort aufgestellt haben. Wer seine Vergangenheit nicht bewältigt, riskiert, dass national eingestellte Kreise sich dieser bemächtigen. Gerega spricht davon, dass beide Seiten sich als Opfer sehen und gegenseitig beschuldigen. Eine dritte Seite zeigt der Regisseur mit der Vorstellung eines in Niederschlesien aufgewachsenen Deutschen, der Fahrten ins polnische Grenzgebiet organisiert, wo heute die Nachfahren der zwangsumgesiedelten Wolhynier in den Häusern der 1945 vertriebenen Deutschen leben, die ebenfalls noch lange die Hoffnung auf eine Rückkehr hatten. Der Krieg hat Tatsachen geschaffen, denen sich auch spätere Generationen stellen müssen.

***

Khibula / Vor dem Frühling
Georgien, Deutschland, Frankreich, 2017, 99 Min
Regie: George Ovashvili
Drehbuch: Roelof Jan Minneboo, George Ovashvili
Kamera: Enrico Lucidi
Ton: Johannes Doberenz
Schnitt: Sun-Min Kim
Ausstattung: Ariunsaichan Dawaachu
Musik: Josef Bardanashvili
Darsteller: Hossein Mahjoob, Kishvard Manvelishvili, Nodar Dzidziguri, Lika Babluani, Zurab Antelava, Lidia Chilashvili, Galoba Gambarov
Produzent: George Ovashvili
Produktion: Alamdary
Co-Produktion: 42 film, Arizona Productions

Infos: http://www.plutofilm.de

Wołyń / Wolhynien / Volhynia
Polen, 2016, 150 Min
Regie und Drehbuch: Wojtek Smarzowski
Kamera: Piotr Sobociński jr.
Ton: Jacek Hamela, Katarzyna Dzida-Hamela
Schnitt: Paweł Laskowski
Ausstattung: Marek Zawierucha
Musik: Mikołaj Trzaska
Darsteller: Michalina Łabacz, Lech Dyblik, Arkadiusz Jakubik, Vasili Vasylyk, Adrian Zaremba, Jacek Braciak, Iza Kuna, Oleksandr Chesherov
Produzent: Dariusz Pietrykowski, Andrzej Połeć, Feliks Pastusiak
Produktion: Film It
Co-Produktion: National Audiovisual Institute, OXY Net, Polish Public Television TVP S.A., Canal+ Poland, Andrzej Łudziński Productions, Odra Film, National Centre for Culture

Infos: http://www.filmit.com.pl

Nicht mehr unsere Heimat / No longer our Homeland
Deutschland, 2017, 92 Min
Regie und Drehbuch: Kristof Gerega
Kamera: Fabian Altenried
Ton: Kristof Gerega
Schnitt: Kristof Gerega
Produzent: Kristof Gerega
Produktion: Schuldenberg Films
Co-Produktion: Weltfilm, Film Art Production

Infos: http://www.schuldenbergfilms.com

Weitere Infos siehe auch: http://www.filmfestivalcottbus.de/

Zuerst erschienen am 12.11.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Revolutionsgedenken im Kino und Theater – „1917 – Der wahre Oktober“ von Katrin Rothe beim 27. Filmfestival Cottbus und „Lenin“ von Milo Rau in der Berliner Schaubühne

Montag, November 13th, 2017

___

1917 – Der wahre Oktober – Regisseurin Katrin Rothe erzählt in ihrer Animations-Doku die russische Oktoberrevolution aus Sicht der Künstler

2017 jährt sich zum 100. Mal die sogenannte Oktoberrevolution, bei der die Bolschewiki gewaltsam die Macht über Russland an sich riss. Zu diesem Thema ist in unzähligen Geschichtsbüchern viel geschrieben worden. Fünf Jahre nach der Oktoberrevolution begann Lenin auch das Medium Film für Propagandazwecke zu nutzen. Bekanntestes Filmzeugnis der damaligen Ereignisse ist der 1927 von Sergei Eisenstein (Regisseur des berühmten Stummfilms Panzerkreuzer Potemkin über die gescheiterte Revolution von 1905) gemeinsam mit seinem Kollegen Grigorij Alexandrow gedrehte Revolutionsfilm Oktober, in dem der legendäre Sturm auf das Winterpalais im Stile eines Dokumentarfilms nacherzählt wird. Das sind nach wie vor die Bilder, die im Gedächtnis der Menschheit mit diesem die Welt erschütternden Ereignis in Verbindung gebracht werden.

Regisseurin Katrin Rothe wollte aber wissen, „wie die Revolution damals von Künstlern erlebt wurde“. Geschichten aus erster Hand sozusagen. Die Grimme-Preisträgerin hat anhand der Aufzeichnungen von 5 Protagonisten aus der St. Petersburger Künstlerszene, die in jener Zeit aktiv an den Umwälzungen beteiligt waren, eine ganz spezielle filmische Dokumentation aus Sicht der kreativen russischen Avantgarde und Intelligenzija auf das Jahr 1917 geschaffen. Rothe projiziert die Ereignisse ausgehend von der Februar-Revolution und der Abdankung des Zaren über die Zeit der Doppelherrschaft der Sowjets und provisorischen Kerenski-Regierung bis zum Sturm auf das Winterpalais durch die Bolschewiki im Oktober auf einem roten Zeitstrahl in ihrem Wohnzimmer.

Für ihren dokumentarischen Animationsfilm 1917- Der wahre Oktober benutzte die Regisseurin die konventionelle Legetricktechnik, bei der Figuren aus Papier, Pappe und Stoff in vielen Einzelaufnahmen vor einem gezeichneten oder auch realen Hintergrund bewegt werden. So entstehen recht kunstvolle und lebendige Bilder, die heraus aus den Salons der Künstler immer wieder die Stimmung auf den Straßen zeigen und reflektieren. So etwa in den Tagebuchaufzeichnungen der skandalumwitterten Dichterin Sinaida Hippius, die einen legendären Künstlersalon in Petersburger unterhielt und eng mit dem Chef der Übergangsregierung Alexander Kerenski befreundet war. Über damaligen Massenproteste gegen den Krieg und Hunger in Russland vor der Duma schrieb sie: „Gut wäre es, wenn man blind und taub wäre, einfach kein Interesse zeigte, Gedichte schriebe von Ewigkeit und Schönheit. Ach wenn ich das nur könnte.“ Aber sie weiß auch um bevorstehenden Zusammenbruch der alten Macht der Obrigkeit und ihrer erfolglosen Politik der immer weiteren Entfernung vom Volk. „Deshalb wird das, was kommen wird, nackt und bloß sein, von unten kommend“, prophezeit die düster aus ihrer Wohnung schauende Dichterin den kommenden Umsturz.

 

1917 – Der wahre Oktober(c) Katrin Rothe Filmproduktion

 

Dagegen ist die Begeisterung des jungen futuristischen Dichters Wladimir Majakowski, der bei den motorisierten Truppen in Petersburg stationiert ist, nahezu grenzenlos. Er schreibt eine Poetokronik der Revolution, beteiligt sich an Demonstrationen und Versammlungen und sieht die Bolschewiki der Kunst heraufziehen. Seine Aufritte mit Schiebermütze und roter Schleife am Reverse sind mit Beatboxing unterlegt. Ähnlich ist es mit dem avantgardistischen Maler und Soldaten Kasimir Malewitsch, der ein revolutionäres Manifest der Kunst nach dem anderen veröffentlicht und in einer farbig bunten, seine suprematistischen Kunst wiederspiegelnden Kleidung dargestellt ist. Allerdings blieb es nicht bei der anfänglichen Euphorie. Malewitsch wurde 1926 als avantgardistischer Künstler und Hochschullehrer von Stalin kaltgestellt. Majakowski nahm sich 1930 enttäuscht das Leben.

Nachdenklicher und reflektierten sind da die später in Paris geschriebenen Memoiren des Maler und Kunstkritikers Alexander Benois. Er engagiert sich zusammen mit dem Schriftsteller Maxim Gorki in einem marxistischen Künstlerkomitee, das zunächst in Gorkis Wohnung tagte, sich später nach der Oktoberrevolution aber wieder auflöste. Auch Gorki als Marxist und langjähriger Weggefährte Lenins ist skeptisch und glaubt nicht an den Sieg der Straße. Er schreibt viel in der Zeitschrift Nowaja Shisn, kritisiert Plünderungen und Kunstvandalismus, ist sogar für eine Weiterführung des Krieges. Mehr oder weniger aber werden diese kritischen intellektuellen Geister, wie auch die gegen die wachsende Agitation der Bolschewiki argumentierende Dichterin Hippius, vom Druck der Straße überrollt.

 

1917 – Der wahre Oktober(c) Katrin Rothe Filmproduktion

 

Was die unzufriedenen Massen eint, sind der Hunger und der Hass auf den Krieg und die nicht handelnde provisorische Regierung. Immer wieder schneidet die Regisseurin schwarze bewaffnete Kämpferreihen aus und lässt sie über blutrote Straßen marschieren. Die alte Macht bricht zusammen. Erste Struktur bekommt der Aufstand durch die Bildung der Arbeiter- und Soldaten-Räte. Das Volk aus Arbeitern, Bauern und desertierten Soldaten, dem die zumeist noch im Exil oder der Verbannung lebenden Führer fehlen, organisiert sich selbst. Dafür, wie diese revolutionäre Situation durch die zahlenmäßig gar nicht so bedeutende Bolschewiki unter Lenin und Trotzki ausgenutzt werden konnte, kann der Film zwar auch endgültige keine Erklärung bieten. Er bildet aber ein der Ästhetik der Zeit gerechtes filmisches Kunstwerk, das gut die schwierige Rolle der Kunst in der Revolution zeigt.

Erfreulich ist, dass der bereits im Mai angelaufene Film nun nochmal in der Reihe „Bruderkuss: Vision und Alltag – Sozialistische Realitäten im osteuropäischen Kino“ beim 27. Filmfestival Cottbus zu sehen war. Der 90minütige Streifen kann noch bis zum 1. Dezember in einer gekürzten Fassung in der Mediathek des koproduzierenden Senders arte gesehen werden.

***

1917 – Der wahre Oktober
Deutschland/Schweiz (2017)
Buch & Regie: Katrin Rothe
Musik: Thomas Mävers
Montage: Silke Botsch
Storyboard: Caroline Hamann
Maximilian Brauer spricht Wladimir Majakowski
Hanns Zischler spricht Benois
Claudia Michelsen spricht Sinaida Hippius
Martin Schneider spricht Maxim Gorki
Arno Fuhrmann spricht Kasimir Malewitsch
Thomas Mävers, Komposition
Silke Botsch, Montage
Caroline Hamann, Storyboard
Jonathan Webber, Character Design
Werner Schweizer, Koproduzent, Dschoint Ventschr
Peter Roloff, Koproduzent für maxim film
Character-Design: Jonathan Webber
Schattenfiguren-Design: Nino Christen, Keti Zautashvili
Hintergrundzeichnung: Alma Weber, Caterina Wölfle
Siebdruck: Susann Pönisch
Farbgestaltung und Lettering: Tonina Matamalas
Figurenbau/Kostüm: Hélène Tragesser, Alma Weber, Lydia Günther, Doris Weinberger, Tamari Bunjes, Maria Steimetz
Animation: Lydia Günther, Lisa Neubauer, Caroline Hamann Gabriel Möhring Matthias Daenschel, Jule Körperich
Weitere Animationen: Karin Demuth, Kirill Abdrakhmanov, Caterina Wölfle, Donata Schmidt-Werthern, Thurit Antonia Kremer, Maria Szeliga
Lineproducing Animation: Katrin Rothe
Compositing: Matthias Daenschel, Rainer Ludwigs, Felix Knöpfle, Thorsten Pengel, Katrin Rothe
Kamera Animation: Björn Ullrich, Markus Wustmann
Assistenzen: Anna Maysuk, Gregor Stephani, Donata Schmidt-Werthern, Lara Czielinski, Lina Walde, Knut Rothe, Jenefer Flach
Kamera: Thomas Schneider, Robert Laatz
Ausstattung: Dennis Hannig
Standfotos: Thomas Funk
Sound Design: Anders Wasserfall
Beatbox-Artist: Das Friedl
Geräuschemacher: André Feldhaus, Urs Krüger
Sprachaufnahmen Deutsch: Klemens Fuhrmann, soundcompany berlin audiopost
Sprachaufnahmen Englisch: Ramon Orza, Tonstudios Z.
Musikaufnahmen: Stefan Ulrich, palais aux etoiles
Tonmischung: Oliver Sroweleit, Studio Nord Bremen

Infos: http://www.1917-derfilm.de/

Zuerst erschienen am 09.11.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

A schöne Leich – An der Berliner Schaubühne inszeniert Milo Rau einen Tag im Sterben des großen Revolutionsführers Lenin.

Ursina Lardi als Lenin von Milo Rau & Ensemble an der Schaubühne
Foto (c) Thomas Aurin

Wladimir Iljitsch Uljanow (1870-1924), genannt Lenin, ist eine unsterbliche russische Revolutionsikone, einbalsamiert und zur Schau gestellt in einem Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau. Man kann sein Konterfei auf T-Shirts kaufen, es ziert Fahnen und Bücher. Ähnliche Popularität genießen nur noch Männer wie Mao Zedong, Hồ Chí Minh oder Che Guevara. Alle samt Pop-Ikonen der kommunistischen Weltrevolution. Lenin könnte man aber als deren Vater bezeichnen. Der nach ihm benannte Leninismus ist eine an die Gegebenheiten des zaristischen Russlands angepasste Variante der politisch-ökonomischen Lehren von Karl Marx. Nach Lenins Tod nannte es sein Nachfolger Stalin dann auch ganz pragmatisch Marxismus-Leninismus. Bestimmend für diese Weltanschauung ist die Führung einer sogenannten kommunistischen Partei neuen Typus. Letztendlich kann man diese Parteiideologie auch als einen wissenschaftlich verbrämten Personenkult bezeichnen, womit wir dann wohl auch beim Thema des Theaterabends Lenin, den der Schweizer Recherchetheatermacher Milo Rau für die Schaubühne am Lehniner Platz inszeniert hat, wären.

Pünktlich zum 100. Jahrestag der von Lenin mitinitiierten Großen Sozialistischen Oktoberrevolution in Russland widmet man sich also an der Schaubühne – nach einem Ausflug in die Ursachen des Niedergangs der europäischen Linken mit der Ostermeier-Adaption von Didier Eribons vieldiskutiertem Sachbuch Rückkehr nach Reims – nun den Anfängen des Umsturzes bürgerlich-kapitalistischer Regierungssysteme und der Machtergreifung marxistisch-leninistischer Diktaturen des Proletariats. In Russland musste im Februar 1917 der Zar infolge einer bürgerlichen Revolution abdanken. Es kam zunächst zu einer Doppelherrschaft von Parlament (Duma) und Arbeiter- und Soldatenräten (Sowjets). Für Herbst war die Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung geplant. Im Oktober stürzten dann aber bewaffnete Teile der Sowjets unter der Führung der Bolschewiki die provisorische Kerenski-Regierung und ergriffen die Macht. Über die Fakten im Hintergrund des Streits um den Austritt Russlands aus dem Ersten Weltkrieg kann man viel diskutieren. Der revolutionären Situation in Russland gilt hier aber nicht vorrangig das Interesse Milo Raus.

*

Das Stück setzt erst wesentlich später kurz vor Lenins Tod ein. Auf einer Datscha vor Moskau siecht der durch einen Schlaganfall gezeichnete Revolutionsführer vor sich hin. Auf der Bühne ist dazu eine recht detailgetreue Nachbildung des Hauses mit mehreren Zimmern und Veranda gebaut. Zwei Live-Kameramänner verfolgen das Geschehen im Inneren des sich beständig drehenden Bühnenbilds. Das Schaubühne-Ensemble sitzt am Beginn noch außerhalb auf Stühlen vor Schminktischen und lässt sich für den Abend vorbereiten. Eine kleine Einführung gibt der in Österreich geborene Schauspieler Felix Römer. Im breiten Wienerisch erzählt er über seinen Vater, der Trotzkist war und ihm ein Buch Trotzkis zum Lesen gab, was ihn bis heute tief beeindruckt. Römer wird an diesem Abend den Parteigenossen Lenins und Mitbegründer der Roten Armee spielen. Er referiert noch eine wenig über Wiener Kaffeehauskommunisten und dass Trotzki ja in Wien im Exil und viel im Theater war.

 

Ursina Lardi als Lenin von Milo Rau & Ensemble an der Schaubühne – Foto (c) Florian Baumgarten

 

Dagegen setzt der in Quedlinburg geborene Schauspieler Kay Bartholomäus Schulze (hier Lenins Leibarzt) die Verwunderung über die Leute im Westen, für die Lenin und Trotzki immer noch Idole sein können. Irgendwie beneidet er sie auch dafür, aber „ich hab’s 23 Jahre lang erlebt, den real existierenden Sozialismus und am Ende diese bleierne Schwere, das reicht mir!“ Damit sind zwei Positionen gesetzt, die nicht unbedingt ein reines Ost-West-Ding sind. Die Zu- und Abneigung gegenüber kommunistischen Thesen dürfte heute relativ gleich verteilt sein. Zwischen den beiden Darstellern sitzt Ursina Lardi. Sie wird Lenin verkörpern, zunächst noch ungeschminkt, später in realistischer Maske mit Spitzbart und Halbglatze. Das wächserne Gesicht der Revolution. Oder wie es Schulze von einem Besuch des Leninmausoleums berichtet, ein Heiligenbild, eine umstrahlte Ikone.

Der Abend beschreibt nun fast minutiös die fortschreitende Isolierung und beginnende Ikonisierung der Person Lenins und die Gleichschaltung eines ganzen Weltanschauungsapparats durch die Perfidie seines plumpen Nachfolgers Stalin (dargestellt von Damir Avdic), der später diesen Personenkult mit der Einbalsamierung Lenins beginnt und systematisch auf sich ausweitet, indem er alle weiteren Figuren aus dem Kreise Lenins kaltstellt, umbringen lässt und so nach und nach zu Randfiguren der Geschichte degradiert. Bemerkenswert hier sein Auftritt bei Lenins Frau (Nina Kunzendorf), der er ins Gesicht und die Augen greift, wie als wolle er plastisch die Einbalsamierung Lenins erklären. Eine brutale Besitzerklärung, ein Ansichreißen des Erbes noch zu Lebzeiten. Lenin bekommt keine Sitzungsprotokolle mehr, das Telefon ist abgeschaltet, und der Revolutionsführer wird rund um die Uhr bewacht. In einem Totenhaus der Revolution, das wie ein düsteres Spukfilmhaus seine Runden dreht.

 

Lenin in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (c) Thomas Aurin

 

Diese bleierne Schwere und Agonie der Szene überträgt sich natürlich auch unweigerlich auf das Publikum, das damit je nach eigener Konditionierung umgehen muss. Wer sich für das genaue Beobachten und Zuhören entscheidet, wird einiges Interessanten finden können, was in der Geschichte politische Machtapparate aller Couleur auszeichnet, verurteilt zum Siegen oder Scheitern zu müssen, zwischen Opportunismus, Kadavergehorsam, Brutalität und Gewissenlosigkeit. Der drohende körperliche Verfall Lenins geht mit einer Verzweiflung einher, etwas nicht beenden zu können, was man einmal angefangen hat. Ursina Lardi spielt ihren Lenin mal herrisch, abweisend und dann wieder anhänglich gegenüber seiner Frau, im Wissen, sich gegen das Ende nicht mehr wehren zu können. Neben ihm Komparsen, Bürokraten und Schlächter im Namen des „Neuen Menschen“. Die Totengräber einer Idee. Ein Riss trennt immer noch oben und unten, die politischen Eliten vom Volk. „Die Revolution hat und nichts gebracht. Die Menschen sind nur noch dreckiger und gemeiner geworden.“ sagt Lenins Leibwächter (Konrad Singer).

Mit aus verschiedenstem Recherchematerial destillierten Gesprächen und einzelnen Monologen baut Rau einen Tag, an dem der Kopf der Revolution dahindämmert und schlussendlich nach einer letzten Rede an die Umstehenden, in der er noch mal Bourgeoisie und „sogenannte Demokraten“ geißelt, zusammenbrechend über der Kloschüssel landet. Eine Ansprache an die Arbeiter, zu denen die Linke heute mehr denn je den Kontakt verloren hat. Das Ergebnis ist bekannt. Dazu lässt Rau viel Bach spielen, leise grollt Donner im Hintergrund, und das Ende markiert „Who by Fire“ von Leonard Cohen, ein Song über verschiedene Todesarten, inspiriert von einem jüdischen Gebet. Nichts ist hier Zufall, alles funktioniert als Kommentar oder Spiel mit den Mitteln des Films und Theaters.

„Wie würden sie Lenin darstellen?“ fragt Lardis Lenin einmal den Volkskommissar für Bildung Lunatscharski (Ulrich Hoppe). Ob nun als Mensch oder Ikone, die Inszenierung wird Lenin nicht vom Thron der geschichtlichen Verklärung stoßen können. Rau will sich auch nicht generell von den Zielen einer politischen Revolution verabschieden, sondern laut Programmbuch alles in einen größeren Zusammenhang setzen. Dazu gibt es weitere Veranstaltungen wie das von ihm Anfang November in der Schaubühne geplante Weltparlament „General Assembly“ oder ein Reenactment des Sturms auf das Winterpalais auf dem Platz vor dem Deutschen Bundestag. Wie man heute revolutionär denken und handeln könnte, verrät der Abend nicht. Das Sterben oder Weiterleben von Utopien dürfte davon auch weitestgehend unberührt bleiben.

 

***

LENIN (Schaubühne, 21.10.2017)
von Milo Rau & Ensemble
Die Uraufführung war am 19.10.2017 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Regie: Milo Rau
Bühne und Kostüme: Anton Lukas, Silvie Naunheim
Video: Kevin Graber
Dramaturgie: Stefan Bläske, Florian Borchmeyer, Nils Haarmann
Recherche: Gleb J. Albert
Licht: Erich Schneider
Mit: Damir Avdic, Veronika Bachfischer, Iris Becher, Ulrich Hoppe, Nina Kunzendorf, Ursina Lardi, Felix Römer, Kay Bartholomäus Schulze, Konrad Singer, Lukas Turtur
Termine: 16., 17., 18., 19.11. / 05., 09., 10.12.2017

Infos: https://www.schaubuehne.de/

Zuerst erschienen am 23.10.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Für eine Handvoll Kies – Mit „Western“ drehte Regisseurin Valeska Grisebach einen interessanten Film über die Konfrontation von Kulturen und das Funktionieren von Männerbünden

Dienstag, September 5th, 2017

___

(c) Komplizen Film

Die Faszination für das Filmgenre des Western scheint auch Jahrzehnte nach seinem eigentlichen Tod ungebrochen. Angefangen bei den US-amerikanischen Coen-Brüdern mit True Grit über den Euro-Western Slow West des schottischen Regisseur John Maclean bis zum Racheepos The Hateful 8 von Quentin Tarantino gab es in den letzten Jahren eine regelrechte Western-Renaissance im Kino. Auch der deutsche Regisseur Thomas Arslan, sonst für Filme der Berliner Schule bekannt, drehte mit Gold einen Western über deutsche Einwanderer, die in Nordamerika ihr Glück versuchen. Nun also kommt von Valeska Grisebach der erste nach den Regeln des Western-Genres gedrehte Film einer Regisseurin ins deutsche Kino. Premiere hatte Western im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes, wo schon im Vorjahr Maren Ade mit Toni Erdmann brillierte.

Es ist nach den preisgekrönten Filmen Mein Stern (2001) und Sehnsucht (2006) der dritte Spielfilm von Valeska Grisebach, den sie ausschließlich mit Laien gedreht hat. Ähnlich wie Toni Erdmann in Rumänien spielt Western nicht im wilden Westen, sondern in Osteuropa, genauer in Bulgarien an der griechischen Grenze. Trotzdem spielt der Film auf fantastische Weise mit den Genremitteln des amerikanischen Spätwestern mit seinen gebrochenen Helden-Figuren. Der Lonesome Rider aus der amerikanischen Frontier-Mythologie ist hier ein zunächst unscheinbarer deutscher Bauarbeiter, der mit seiner Truppe an einem Fluss im bulgarisch-griechischen Grenzgebiet ein Wasserkraftwerk errichten soll. Meinhardt (Meinhard Neumann) entzieht sich mehr und mehr dem Gruppenzwang und den Männerriten seiner Landsleute und schart sich im Gegensatz zu ihnen nicht mehr nur im Camp unter einer aufgepflanzten Deutschlandfahne, sondern beginnt sich für die Einheimischen zu interessieren, um mit ihnen auch ohne die Chance einer wirklichen Verständigung ins Gespräch zu kommen.

 

Western(c) Komplizen Film

 

„Bist du ein Schlitzohr?“ fragt ihn der misstrauische Polier Vincent (Reinhardt Wetrek). Doch Meinhardt will nur Geld verdienen und hat trotzdem auch eine unbekannte, dunkle Seite, von der wir wegen seiner Schweigsamkeit nicht viel erfahren – außer dass er weiß, was Gewalt ist und als angeblicher „Legionär“ in Afghanistan auch erlebt hat. Meinhardt liebt seine Freiheit, wie er auf Fragen der Dorfbewohner nach seiner Familie besteht. Unbeirrt geht er geradlinig seinen eigenen Weg von Freiheit, auch wenn er damit aneckt oder sich zwischen alle Stühle setzt. Das macht ihn in den Augen des machtbewussten Poliers suspekt. Es beginnen sich die klassischen Fronten zu bilden.

Valeska Grisebach entwickelten diesen Konflikt zunächst aber recht langsam. Eine Zwangspause wegen fehlendem Kies und Wasser verurteilt die Bauarbeiter zum Nichtstun. Sie trinken Bier, klopfen Sprüche und baggern ungelenk bulgarische Frauen am Fluss an. Meinhardt dagegen reitet auf einem in den Bergen freilaufenden Pferd ins Dorf und lernt dort den Besitzer und Chef der Gemeinde Adrian (Syuleyman Alilov Letifov) kennen. Von ihm erfährt er den Grund für das abgestellte Wasser, das die Dorfbewohner zur Bewässerung ihrer Tabakfelder benötigen. Doch während sich zwischen Meinhardt und Adrian eine echte Männerfreundschaft und ein Zweckbündnis bilden, fährt der um seine Autorität fürchtende Vincent voll auf Konfrontation. „Wir haben hier was zu schaffen.“ Der Westen bringt dem Osten die Infrastruktur und versteht nicht, warum das die Dorfbewohner nicht interessiert.

 

Western (c) Komplizen Film

 

Natürlich sind auch die Frauen Grund zum Streit, vor allem die junge Studentin Veneta (Veneta Frangova), die den Sommer im Heimatdorf verbringt und nun zwischen Meinhardt und Vincent steht. Aber wir lernen auch Vyara (Vyara Borisova) und ihre alten Mutter (Ivanka Popova) kennen, jede für sich eine interessante, starke Persönlichkeit. Aber vor allem prallen hier zwei patriarchal organisierte Systeme mit starken Führungsfiguren aufeinander. Und doch liegt die Sympathie am Ende beim traditionell funktionierenden Dorfverband gegen die entwurzelten Bauarbeiter fern der Heimat.

Freiheit, Familie, Heimat, Heimweh und Zugehörigkeit sind neben den Männerbünden, deren Funktionsweise man hier wie unter einem Brennglas beobachten kann, das, was die Regisseurin interessiert. Ein fast ausschließlich aus Frauen bestehendes Filmteam mit einem Ensemble von Männern, die die Regisseurin direkt vom Bau oder im Fall des schweigsamen Meinhardt vom Havelländer Pferdemarkt gecastet hat. Man wird bei ihrem Auftreten nicht von ungefähr an den DEFA-Spielfilm Spur der Steine von Frank Beyer erinnert. Auch eine Art Western im Bauarbeiter-Milieu des noch wilden Ostens im Aufbau. Nur Grisebach zeigt den heutigen Bruch an der richtigen Stelle. Der Showdown wird zum Augenblick der Erkenntnis, wohin Mann wirklich gehört.

***

Western
(Deutschland/Bulgarien/Österreich 2017)
Länge: 119 min.
Regie: Valeska Grisebach
Künstlerische Assistenz: Lisa Bierwirth
Bildgestaltung: Bernhard Keller
Montage: Bettina Böhler
Szenenbild: Beatrice Schultz
Kostümbild: Veronika Albert
Ton: Uve Haußig
Mischung: Martin Steyer
Tongestaltung: Fabian Schmidt
Casting: Katrin Vorderwülbecke
Produktionsleitung: David Keitsch
Herstellungsleitung: Ben von Dobeneck
Mit: Meinhard Neumann, Reinhardt Wetrek, Syuleyman Alilov Letifov, Veneta Frangova, Vyara Borisova u. a.
Kinostart war am 24.08.2017

Infos: http://www.western-der-film.de/

Zuerst erschienen am 01.09.2017 auf Kultura-Extra.

__________

„Lucky Loser“ und „Die Hannas“ – Neues deutsches Kino überzeugt mit Witz und Ernsthaftigkeit

Montag, August 21st, 2017

___

Sommerzeit ist Open-Air-Kinozeit, und selbst wenn das Wetter derzeit nicht mitspielt, machen zumindest zwei neue deutsche Filme Lust auf Sonne, Ferien und Liebe, auch wenn es zunächst nach Beziehungsstress aussieht. „Camping ist Kacke“, ruft der Lucky Loser in Beziehungspause Mike im gleichnamigen Film von Regisseur Nico Sommer; und Hans aus Die Hannas von Regisseurin Julia C. Kaiser stöhnt auch nur: „Schon wieder ein Beziehungsfilm“. Was also ist das Besondere an diesen beiden Low-Budget-Filmen, dass man sie unbedingt gesehen haben muss?

*

Nico Sommer hat mit Filmen wie Silvi (2013) und Familienfieber (2014) schon ganz gut unter Beweis gestellt, dass er sein Handwerk als Regisseur für improvisierte Filme mit hintersinnigem Humor versteht. Nun hat er mit Filmförderung durch das ZDF zum ersten Mal ein richtiges Drehbuch geschrieben. Für das Gelingen am Set sorgte bisher immer ein ausgesuchtes Ensemble von DarstellerInnen, zu denen vor allem sein jetziger Hauptdarsteller und Impro-Könner Peter Trabner gehört. In Lucky Loser gibt Trabner Mike, einen alleinstehenden Mitvierziger, der nach 8 Jahren Beziehungspause immer noch an seiner Ex-Freundin Claudia (gespielt vom TV-Liebling Annette Frier) hängt. Die ist allerdings längst mit dem etwas spießigen Thomas (Kai Wiesinger) liiert. Aber Mike gibt nicht auf. Am Rückspiegel seiner Schrottkarre hängt das Bild seiner Angebeteten – bis sie ihn erhört oder bis zu seinem bitteren Ende, wie er der gemeinsamen 15jährigen Tochter Hannah (Emma Bading) versichert. Hanna ist die einzige, die noch zu Mike hält, und beschließt daher spontan nach einem Streit mit der Mutter und deren Freund, bei ihrem Vater einzuziehen.

Da Mike aber gerade von seinem Vermieter (Gustav Peter Wöhler) wegen Mietrückständen auf die Straße gesetzt wurde, fängt die Sache an etwas kompliziert zu werden. Vom seinem Chef (Tatort-Kommissar Kopper alias Andreas Hoppe auf Kinoabwegen) aus der Autowaschanlage, in der er arbeitet, bekommt Mike einen alten Wohnwagen und beschließt notgedrungen, seine Tochter auf eine Campingtour ins Brandenburgische zu lotsen. Damit wird die Sache aber nicht einfacher, und es beginnt ein „Sommer in der Bredouille“, wie die Beziehungskomödie kalauernd im Untertitel heißt.

 

Lucky Loser(c) Farbfilm Verleih

 

Denn nicht nur Mike hat Tochter und Ex nicht ganz die Wahrheit gesagt, auch Hannah hat ihrem Vater verschwiegen, dass sie ihren Freund Otto (Elvis Clausen) zwecks geplanter Entjungferung zum 16. Geburtstag auf den Campingplatz, auf dem schon Mutter Claudia die verregnetsten Sommer ihres Lebens verbringen musste, eingeladen hat. Nun ist Otto zum Erstaunen Mikes trotz entsprechendem Namen kein sogenannter „Biodeutscher“, sondern ein in Deutschland geborener, großgewachsener Spross ghanaischer Eltern, was nicht nur P.C.-Debatten über das „N“-Wort auslöst, sondern auch Anlass zu Auseinandersetzungen mit rassistischen brandenburgischen Jugendlichen gibt.

Mike macht sich aber zunächst eher Gedanken über Drogenkonsum sowie die Jungfräulichkeit seiner Tochter und wie sie alle gemeinsam die Verwicklungen vor der nun auch noch auf dem Campingplatz angekommenen Mutter verbergen sollen. Der Film schrammt hier natürlich hart an allerhand Klischees vorbei, kann diese aber auch zu jeder Menge Wortwitz nutzen. Mitreißend aber ist, wie Peter Trabner in der Rolle des Mike, ohne dessen Bemühungen um Tochter und Ex ins Lächerliche zu ziehen, den Jungen spielt, der nicht erwachsen werden will und dem als Lucky Loser alle Sympathien gehören.

**

Als Komödie beginnt der neue Film von Julia C. Kaiser, der – wie schon ihr Erstling Das Floß! (2015) – wieder beim Achtung Berlin Filmfestival im April lief und dort gleich die Preise für den besten Film, das beste Drehbuch, die beste Darstellerin und den besten Darsteller abräumte. Anna (Anna König) und Hans (Till Butterbach), zusammen Die Hannas, leben seit 15 Jahren zusammen und sind nach der etwas unschmeichelhaften Feststellung von Annas Freundin (Anne Ratte-Polle) das Paar, das im Kompromiss glücklich sein kann. Wir sehen zwei, die ihren Alltag leben ohne durchzudrehen. Scheinbar. Denn eigentlich gehen die beiden jedem Konflikt – sei es die Urlaubsplanung oder nur das gemeinsame Essen – aus dem Weg. Und damit beginnen dann aber auch schon die Probleme.

Nicht nur die Physiotherapeutin Anna verliebt sich für sie ganz überraschend in ihre umtriebige und nicht ganz einfache Patientin Nico (Ines Marie Westernströer), die in einer veganen WG mit Café-Betrieb lebt und einen recht taffen 15jährigen Sohn (Tim Blochwitz) im Heim hat. Auch der etwas gemütliche und korpulente Hans gerät unverhofft auf Abwege, als er beim über seinen Freund Florian (Christian Natter) vermittelten Hardcore-Fitnesstraining die Bondage und anderen Spielen nicht abgeneigte Kim (Julia Becker) kennenlernt. Dass Nico und Kim Schwestern mit zunächst unklaren Vergangenheit sind, erfährt man erst nach und nach, was für weitere Verwirrung sorgt, die Spannung und scheinbare Absurdität der Story aber noch beständig steigert.

 

Die Hannas – (c) W-film

 

Allerdings beginnt hier auch der Wandlungsprozess des Paars, was die durch ihren Psychotherapeuten (Falilou Seck) ermunterte Anna weiter beflügelt ihren Gefühlen nachzugehen und auch Hans immer mehr aus seiner Lethargie reißt. Das bedeutet aber auch, dass die beiden den geschützten Kokon ihrer gewohnten Zweisamkeit verlassen müssen und ihre Beziehung auf eine harte Probe gestellt wird. Wie unwirklich sich das für sie manchmal anfühlt, zeigt der Film in einigen surreal wirkenden Szenen. Einerseits genießen Die Hannas den Reiz der neuen Freiheit und die anderen Erfahrung in Sachen Liebe, andererseits wollen sie sich nicht verlieren, was wiederum die Schwestern in eine Krise stürzt.

Julia C. Kaiser hat einen aufregenden Film gedreht, der abseits normierter Sehgewohnheiten für einen freieren Umgang mit Liebes- und Beziehungsdingen wirbt, Alternativen zur Diskussion stellt, es den Beteiligten aber auch nicht unbedingt einfach macht sich zu entscheiden. Ob Die Hannas, um ihr Leben zu ändern, über den geraden gelben Strich, den ein Straßenarbeiter beständig zieht, springen können, sei hier noch nicht verraten. Es lohnt aber in jedem Fall ihnen beim Versuch zu zusehen.

***

Lucky Loser – Ein Sommer in der Bredouille (Deutschland 2017)
Dauer: 94 Minuten
Regie und Buch: Nico Sommer
Kamera: Thomas Förster
Montage: Nico Sommer, Carlotta Kittel BFS
Ton: Tim Stephan
Sounddesign: Manuel Laval
Redakteur: Christian Cloos
Producerin: Katharina Possert
Produzenten: Boris Schönfelder
Mit: Peter Trabner, Annette Frier, Emma Bading, Kai Wiesinger, Elvis Clausen, Ursula Werner, Andreas Hoppe, Harald Polzin, Christin Nichols, Antonio Wannek, Michael Kind, Gustav Peter Wöhler, Karim Cherif, Alexandra Grimaldi, Deborah Kaufmann, Katharina Schlothauer

Weitere Infos: http://www.luckyloser-film.de/

Die Hannas (Deutschland, 2016)
Dauer: 102 Minuten
Regie, Buch: Julia C. Kaiser
Kamera: Dominik Berg
Schnitt: Linda Bosch
Musik: Sorry Gilberto, Dominik Berg, Coleslaw Clubbing
Ton: Tobias Rüther
Kostüm: Ulé Barcelos
Szenenbild: Melanie Peter
Produzenten: Oliver Schütte, Stefan Jäger, Katrin Renz, Milena Klemke
Produktion: tellfilm Deutschland
Mit: Anna König, Till Butterbach, Ines Marie Westernströer, Julia Becker, Anne Ratte-Polle, Christian Natter, Tim Blochwitz, Çetin Ipekkaya, Mandana Mansouri, Cynthia Micas, Robert Nickisch, Jakob Renger, Falilou Seck, Oliver Steffen

Infos: http://diehannas.wfilm.de

Zuerst erschienen am 16.08.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Der 13. ACHTUNG BERLIN new berlin film award – ausgewählte Filme aus dem Programm

Sonntag, April 30th, 2017

___

Neben dem Bezugspunkt Berlin gaben die Beiträge des 13. ACHTUNG BERLIN new berlin film award auch wieder einen guten Überblick über alternative Produktionsweisen und Finanzierungsmöglichkeiten jenseits der öffentlichen Film-Fördertöpfe. „Berlin Independent“ heißt dann auch eine der Nebensektionen, in der laut Festivalkatalog Spielfilme präsentiert werden, „die sich vom Mainstream deutlich abheben und formal durch eine eigene Handschrift auszeichnen, Mut beweisen und damit neue Perspektiven auf den deutschen Film eröffnen.“ Eine relativ repräsentative Werksschau des neuen deutschen Kinos aus Berlin als Ergänzung zum Spielfilmwettbewerb.  Hard & Ugly oder Millennials heißen diese typischen Berlinfilme, in denen die Stadt als erweiterte Kulisse immer mit präsent ist.

*

Im Wettbewerbsbeitrag Millennials von der jungen Regisseurin Jana Bürgelin spielt Berlin als Kulisse aber eher eine untergeordnete Rolle. Der Generationenstreifen über die heute mittezwanzig- bis mittedreißigjährigen Großstädter könnte auch in jeder anderen europäischen Metropole so oder so ähnlich laufen. Die Regisseurin lässt ihren Film dann auch konsequent in der Nacht spielen. Sie hat sich dazu zwei Menschen aus der breit gestreuten Kreativszene Berlins als Hauptprotagonisten gewählt.

 

MillennialsFoto © Florian Mag

 

Für die Regisseurin Anne, gespielt von Anne Zohra Berrached (selbst erfolgreiche Regisseurin von Filmen wie 24 Wochen), läuft es karrieremäßig eigentlich ganz gut. Nur ein unerfüllter Kinderwunsch lässt der Mitdreißigerin keine Ruhe. Aber der geeignete Partner ist nicht in Sicht. So lässt sie ihre Fruchtbarkeit untersuchen, geht zur Lippenkosmetik oder spielt die Babysitterin für eine Bekannte. Der Wunsch schwanger zu werden, beherrscht sogar ihre filmische Arbeit. Die Kamera begleitet Anne fast dokumentarisch zu Probendrehs, auf Partys mit Freunden, ins Kosmetikstudio oder zu einer Filmpremiere. Letztendlich entscheidet sie sich dazu, ihre Eizellen einfrieren zu lassen.

Ein guter Freund Annas, der Fotograf Leo (Leonel Dietsche), steckt ebenfalls in einer Sinnkrise. Er ist erst vor kurzem wegen seiner Partnerin nach Berlin gezogen. Aber die plötzliche Nähe bekommt der Beziehung auf Dauer nicht gut. Nebenbei versucht Leo noch relativ erfolglos seine Fotografien bei Galerien und Zeitschriften unterzubringen. Die Ergebnisse einer gemeinsamen, recht betrunkenen Fotosession mit einem Freund vom Theater stellt dieser schließlich selbst in einer Galerie aus, ohne dass Leo davon profitieren kann. Die Frustration treibt den ziellosen jungen Mann bei endlosen Fahrten durch die Berliner Nacht in Tabeldancebars und zu Straßenprostituierten.

Die dunkel-melancholische Grundstimmung des Films wird noch durch den emotional aufgeladenen Soundtrack aus Klaviermusik von Chopin und minimalistischer Technomusik verstärkt. Die Darstellung der Ruhelosigkeit einer Generation zwischen beruflicher Selbstverwirklichung und der Suche nach dem ganz persönlichen Glück kann durchaus überzeugen. Nebenbei vermittelt Jana Bürgelins Film auch noch recht gut die geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Sichtweisen auf Lebenssinn und Glücksanspruch.

***

Millennials
D 2017, 70 Min
Regie, Buch: Jana Bürgelin
Kamera: Florian Mag

*

Dagegen ist Hard & Ugly (Berlin Independent) schon eher eine launige Liebeskomödie. Fitnesstrainer Et (Volksbühnenschauspieler Patrick Güldenberg) wird von seinem sonst recht anhänglichen süddeutschen Chefpärchen (Maximilian Gehrlinger und Nadine Karbacher) nahegelegt eine Pause einzulegen. Er passe nicht so recht ins Geschäftskonzept und wird deswegen kurzerhand gefeuert. Nicht viel besser ergeht es Carla (Kristin Becker), die von ihrem Verlobten kurz vor der Hochzeit vor die Tür gesetzt wird. Carla rettet Et vor dem Sprung von der Brücke und streift eine kurze Zeit mit ihm durch die Cafés und Clubs der Stadt, bis sich die beiden wieder aus den Augen verlieren.

 

Hard & UglyFoto © deja vu filmverleih

 

Vom kluge Ratschläge gebenden Chefpärchen und einer Kollegin (Alina Adam) verfolgt, begibt sich Et auf die Suche nach Carla, die sich mit einem Arnold-Schwarzenegger-Verschnitt (Martin Bergmann) eingelassen hat. Auch hier lernen wir junge Leute kennen, die beruflich gerade nicht immer das machen, was ihnen eigentlich so vorschwebt. Verhinderte Theater- und LebenskünstlerInnen immer auf dem Sprung zur nächsten Performance oder vor die nächste U-Bahn. Berlin ist Hard & Ugly, wie schon ein Theaterstück des Regisseurs Malte Wirtz im Berliner HAU hieß, das er nun mit Hang zum trockenen Wortwitz und spontanen Slapstick verfilmt hat.

Auch die Film- und Theaterbranche selbst kommt hier nicht allzu gut bei weg. Als chaotische Lebensratgeberin lässt Carlas Mutter (Ria Schindler) die Macher eines kleinen Lokalsenders verzweifeln. Leider verfügt Et auf seiner Suche nach Carla nicht über einen geeigneten Schutzengel an seiner Seite, was die in Schwarz-Weiß und auch leicht überdrehte Beziehungskomödie, die zudem noch durch animierte Zwischenbilder von Pauline Flory auffällt, recht abrupt und offen enden lässt.

***

HARD & UGLY
D 2017, 71 Min
Buch und Regie: Malte Wirtz
Kamera: Antje Heidemann, Vincent Viebig

Zuerst erschienen am 27.04.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

Wie immer bot der ACHTUNG BERLIN new berlin film award auch in diesem Jahr eine bunte Wundertüte an Kinofilmen mit Berlin/Brandenburg-Bezug, was aber gerade in Zeiten internationaler Koproduktionen auch nicht mehr ganz so streng gesehen wird. Die Palette reicht demnach genremäßig von der Liebeskomödie über das Sozial- und Flüchtlingsdrama bis zum spannenden Psychothriller.

*

Am Rande der rumänischen Hauptstadt Bukarest spielt der Wettbewerbsbeitrag Vânătoare (dt.: „Auf der Jagd“) von Alexandra Balteanu, Absolventin der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). Die rumänische Regisseurin hat im kalten November unter einer Autobahnbrücke den Alltag dreier Frauen, die sich dort für ein paar hundert Lei am Tag prostituieren, verfilmt. Sie konnte dafür vor Ort drei ausgezeichnete rumänische Theaterschauspielerinnen gewinnen. Lange fast dokumentarische Kameraeinstellungen, die an Cristian Mungiu oder auch die Brüder Dardenne erinnern, aber auch improvisierte Szenen in einer Fernfahrerraststätte kennzeichnen diesen eindrucksvollen Film. Die gesamte Handlung spielt fast ausschließlich im Freien.

 

VânătoareFoto (c) dffb

 

Es beginnt zunächst in einem Vorort von Bukarest, in dem die Hauptprotagonistin Lidia (Corina Moise) mit ihrem Ehemann und zwei Kindern lebt. Sie züchtet Tauben und muss das Geld für die Familie zusammen kratzen. Ihr Sohn hat Probleme in der Schule, ihr Mann tritt kaum in Erscheinung. Freundin Denisa (Iulia Lumânare) hält ihren Freund aus, für den sie neue Turnschuhe kaufen möchte, und die junge Vanessa (Iulia Ciochina) träumt von einem Mann mit grünen Augen und einer Dienstwohnung, den sie per Annonce sucht.

So hat jede der Frauen ihren ganz speziellen Beweggrund für die Prostitution. Der Film verfolgt sie bei der Busfahrt zur Brücke, dem Umziehen vor Ort und dem Warten auf Kundschaft an der dicht befahren Straße. Ihre Gespräche drehen sich ums Geld, die Männer und auch um kleine Revierstreitigkeiten zwischen Lidia und Vanessa, die nicht auf den Mund gefallen ist. Probleme gibt es immer wieder mit Polizeistreifen, die den Frauen als Strafe für die illegale Tätigkeit das verdiente Geld abnehmen. Die korrupten Beamten betrügen die Frauen und schikanieren sie, wenn sie sich beschweren wollen. Halb nackt setzen sie die drei mitten in der Nacht auf einem Feld aus.

Recht anschaulich verdeutlicht der Film die Ohnmacht und Ausweglosigkeit der Frauen, gibt ihnen bei aller Härte aber auch die Würde, für sich einzustehen. In einem langen stummen Abspann keimt sogar etwas wie Hoffnung und ein Rest von Menschlichkeit. Dafür gab es auf dem Festival den Preis des Verbands der deutschen Filmkritik.

***

VANATOARE
D 2014-2016, 75 Min
Regie: Alexandra Balteanu
Buch: Xandra Popescu, Alexandra Balteanu
Kamera: Matan Radin

*

Mit dem Genrefilmen hatte das Festival nicht so großes Glück, obwohl die Spielfilmjury großzügig den Regiepreis an Tini Tüllmann für den Psychothriller Freddy Eddy vergab. Ihren an das bekannte Dr. Jekyll & Mr. Hyde-Thema angelehnten Langspielerstling hat die Regisseurin sogar selbst finanziert, da Genrefilmideen wohl immer noch ein Förderungshindernis zu sein scheinen. Allerdings schleppt sich die Story des Malers Eddy (Felix Schäfer), der seinen Fantasiedoppelgänger aus frühen Kindheitstagen plötzlich wiedersieht, zunächst recht zäh dahin. Eddy hat seine Frau und ihren Liebhaber in flagranti erwischt und wird nun beschuldigt, beide brutal zusammengeschlagen zu haben. Er schiebt aber alles diesem ominösen Doppelgänger in die Schuhe. Vor Gericht geht Eddy dann aber einen Deal ein, um das Besuchsrecht für seinen 8jährigen Sohn nicht zu verlieren. Nachdem er sich an den heimischen Tegernsee zurückgezogen hat, nistet sich Freddy bei ihm ein und beginnt mit seiner forschen Art dessen Leben und die frische Beziehung zur neuen Nachbarin Paula (Jessica Schwarz) und ihrer 14jährigen Tochter Mizi (Greta Bohacek) zu sabotieren.

 

Freddy EddyFoto (c) Filmlawine

 

Lange bleibt unklar, ob es diesen Freddy tatsächlich gibt, oder ob Eddy doch an einer erblichen Schizophrenie leidet, wie es sein Psychotherapeut Dr. Weiss (Burghart Klaußner) vermutet. Von einem gewalttätigen Vater und möglichem Missbrauch (Eddy hat immer wieder Albträume), über einen toten Zwillingsbruder, der möglicherweise doch noch leben könnte, bis zu einer Genstudie des Arztes packt Tini Tüllmann nun alles ins Skript, was verwirrende Spuren auf den möglichen Doppelgänger Freddy legen könnte oder sich irgendwie mit einer Psychomacke Eddys erklären ließe. Auch ein Halbbruder Eddys (Alexander Finkenwirth) und ihre gemeinsame an Demenz erkrankte Mutter (Renate Serwotke) spielen noch eine Rolle.

Die ganzen aufgeworfenen Themen wie unverarbeitete Familienvergangenheit, neuer Missbrauchsverdacht und die ominöse medizinische Studie dienen allerdings nur der Verwirrung des Zuschauers und werden an einen möglichst satten Thrill verkauft. Irgendwann ist die Katze aber aus dem Sack, und alles läuft beharrlich auf den erwarteten Showdown hin. Selbst das illustre und gut gecastete Ensemble, in dem auch noch Robert Stadlober als neuer Krishna-Macker von Eddys Ex-Frau und Katharina Schüttler als Eddys laszive Galeristin auftauchen, kann nicht über die Drehbuchschwächen des recht banal gestrickten TV-Plots hinwegtäuschen. Da wirkt vieles, selbst das als Überraschungsmoment gesetzte Ende, doch ziemlich bekannt. Freddy ist „die dunkle Seite, die aus dir kriecht“ – heißt es am Anfang. „Ich tue das, was du dich nicht traust.“ Das haben wir dann u.a. in Die dunkle Seite des Mondes oder Stereo schon besser gesehen.

***

FREDDY EDDY
D 2016, 95 Min
Regie, Buch, Produzentin: Tini Tüllmann
Kamera: Markus Selikovsky

*

Nicht wirklich überzeugen konnte auch Hey Bunny, der erste Langspielfilm des Schauspielerpaars Barnaby Metschurat und Lavinia Wilson, der in der Sektion Berlin Independent lief. Der Ex-KDD-Serienkommissar Metschurat hat einen mit Ideen ziemlich vollgepackten Plot um den leicht soziophoben Computerhacker Adam geschrieben, den er auch gleich noch selbst darstellt. Adam, der sich gerade von seiner in Afrika Brunnen bohrenden Freundin getrennt hat, soll sich im Auftrag einer Computerfirma um die Sicherheit eines Institutsservers kümmern, der aber schon vorher gehackt wird. Zusätzlich zu den Daten verschwinden auch die Versuchskaninchen einer Forschungsreihe, die sich mit der Entdeckung eines Glückshormons für Menschen beschäftigt. Adams seit kurzem an Alzheimer erkrankter Vater hatte diese Studie geleitet. Nun untersteht sie einer auf Effizienz pochenden Professorin (Marie Gruber) und ihrer idealistischen Tochter (Lavinia Wilson).

 

Hey BunnyFoto (c) Christian Schulz

 

Natürlich kennt man sich von früher und Adam gerät sofort in Verdacht hinter der Computerattacke zu stecken. Allerdings könnte es auch eine militante Aktionsgruppe, die gegen Tierversuche demonstriert, gewesen sein. Adam flieht zum Vater (Edin Hasanovic) ins elterliche Heim, wo er nicht nur die Kaninchen, sondern auch wieder zu seinen immer noch dort wohnenden Brüdern findet. Der eine (Harald Schrott) ist ein notorischer Frauenheld, der keine Gelegenheit und Party auslässt, der andre (Sabin Tambrea) vergräbt sich autistisch in Kapuzenpullis und macht Technomusik im Keller.

Regie und Buch können sich nicht so recht zwischen Lovestory, Familiendrama oder Ökothriller im Genforschungs- und Computer-Milieu entscheiden. Weltrettung, neue emotionale Intelligenz oder die Suche nach dem kleinen Glück ist hier die Frage, die der Film über viele Umwege und durchaus witzig inszenierte Szenen natürlich auch nicht beantwortet bekommt. Sehr schön eine alkoholgeschwängerte Technoparty im Haus mit arabischen Stewardessen, die große Fans des in ihrem Land berühmten Technobruders sind, oder der Dreh eines fingierten Bekennervideos im Femen-Stil. Die Hackergeschichte klärt sich zum Schluss natürlich auf, und andere Kräfte übernehmen nun Macht an der Uni. Aber das alles scheint Adam, der weiterhin auf der Suche nach sich selbst bleibt, nicht wirklich zu interessieren. Der Film ist bereits am 27. April in den deutschen Kinos gestartet.

***

HEY BUNNY
D 2016, 90 Min
Buch und Regie: Barnaby Metschurat
Kamera: Raphael Beinder, Florian Foest

Infos: https://achtungberlin.de/

Zuerst erschienen am 28.04.2017 auf Kultura-Extra.

__________

German Mumblecore und eine schräge Sozialfarce beim Spielfilmwettbewerb des 13. ACHTUNG BERLIN new berlin film awards

Mittwoch, April 26th, 2017

___

BEAT BEAT HEART – German Mumblecore von Luise Brinkmann eröffnet den 13. ACHTUNG BERLIN new berlin film award

„German Mumblecore“ ist der etwas ungelenke Branchen-Fachbegriff für neue deutsche Filme, deren zumeist noch recht junge MacherInnen sich ihre eigenen Regeln geben und das Improvisieren lieben. Bekannt geworden ist diese neue Produktionsweise durch die Regie-Brüder Tom und Jakob Lass. Ein 20seitiges Skript, wie es die junge Regisseurin Luise Brinkmann für ihren Abschlussfilm an der Internationalen Filmschule Köln geschrieben hat, ist da schon eher eine Seltenheit. Ihre sommerlich leicht daherkommende Beziehungskomödie Beat Beat Heart lief schon erfolgreich auf dem Münchner Filmfest und eröffnete am 19.04.2017 den 13. ACHTUNG BERLIN new berlin film award im Kino International.

Die Protagonistin Kerstin (Lana Cooper aus dem Jakob-Lass-Film Love Steaks) hängt tagträuemend ihrer großen Liebe Thomas (Gorki-Schauspieler Till Wonka) nach. Der hat sie auf dem Land in einem alten Haus mit Tanzsaal sitzen lassen, da er sich von ihre wie ein Trabant umkreist sah. Nun sitzt Kerstin allein da und legt sich manchmal sehnsüchtig auf die Bahngleise. Doch der Zug schmeißt nicht den Verflossen ab, sondern irgendwann steht Mutter Charlotte (Saskia Vester) vor der Tür. Sie hat sich gerade von ihrem Partner Roman getrennt. Die flippige Mitbewohnerin Maya (Christin Nichols) pflückt sich die Männer über eine Dating-App wie es ihr gefällt vom Baum und führt auch Charlotte in den Tindr-Wald (im wahrsten Sinne des Wortes) der einsamen Herzen. Auch beim Nachbarpärchen Paul und Franzi (Wonka-Kollege Aleksandar Radenković und Caroline Erikson) kriselt es in der Beziehung. Als Franzi abhaut, tröstet sich Paul beim Arbeiten und dann auch in Sachen Liebe bei der einsamen Kerstin. Das klingt ein wenig vorhersehbar, sorgt aber neben dem üblichen Liebeskummer auch für einige romantische Verwicklungen und das Reflektieren von Lebensentwürfen.

 

BEAT BEAT HEARTFoto © daredo media GmbH

 

Als Mann für alles und Geber trockener Lebensweisheiten („Warten hat keinen Sinn.“) fungiert Ruhepol Manni (Jörg Bundschuh), der nur am Morgen mal Mutter Charlotte unsanft aus dem Himmelbett auf der Tanzsaalbühne kreissägt. Ansonsten hat hier jeder seine eigenen Theorien von der Liebe und vom Glücklichsein. Nur mit der Praxis hapert es mehr oder weniger bei allen. In recht ruhigen Kamerabildern und langen Nahaufnahmen in der Natur verfolgt der Film seine ländlichen Sommergäste und Liebessehnsüchtigen, die sich in mal mehr, mal weniger witzigen Dialogen das Leben schwer machen, ihren Tagträumen oder der Vergangenheit nachhängen. Auch durchs Probieren werden sie dabei nicht unbedingt viel schlauer. „Sehnsucht macht dich unfrei.“ ist Mayas Maxime, der sich die Romantikerin Kerstin nicht anschließen kann und will. „Ich hab mal wieder Lust auf ’n Liebesfilm.“ ist da ein schönes Schlussword für diesen noch recht verspielten und etwas zu detailverliebten Debütfilm, aber auch ein guter Auftaktslogan für das aktuelle Festival. Also viel Glück weiterhin. Der deutsche Kinostart ist am 27. April.

***

BEAT BEAT HEART
Regie: Luise Brinkmann
D 2016, 86 Min, D (E)
Buch: Luise Brinkmann
Kamera: Mathis Hanspach
Schnitt: Maren Unterburger
Ton: Roman Höffgen, Simon Hüging
Szenenbild: Martin Scherm
Kostüm: Flavia Rahobison
Musik: Nadja Rüdebusch, Eike Swoboda
Casting: Anna F. Kohlschütter, Luise Brinkmann
Producerinnen: Luise Brinkmann, Olivia Charamsa
Mit: Lana Cooper, Saskia Vester, Till Wonka, Aleksandar Radenković, Christin Nichols, Jörg Bundschuh, Caroline Erikson, Hans-Heinrich Hardt
Produktion ifs internationale filmschule köln
Verleih: daredo media, www.darlingberlin.de

Kinostart: 27.04.2017

Weitere Infos: https://achtungberlin.de/wettbewerb/spielfilme/beat-beat-heart/

Zuerst erschienen am 20.04.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

MANDY – DAS SOZIALDRAMA – Eine schräge Sozialfarce von Aron Craemer im Spielfilmwettbewerb

Der Spielfilmwettbewerb auf dem ACHTUNG BERLIN new berlin film award ist in diesem Jahr wieder reich an Low- bzw. No-Budget-Filmen, in die idealistische FilmemacherInnen ihr ganzes Geld und Herzblut hineingesteckt haben. Etwa 5.000 Euro investierten Regisseur Aron Craemer und die ehemalige Volksbühnenschauspielerin Mandy Rudski (u.a. in Kean, Nord und Die (s)panische Fliege zu sehen) für ihren Film Mandy – Das Sozialdrama. Große Honorare für die Mitwirkenden kann es demzufolge nicht gegeben haben. Ebenso unklar ist auch noch der Verwertungsweg. Erstmal wollen die MacherInnen mit dem Film auf Festivaltour gehen. Dann wird man weitersehen.

 

 

Lose angelehnt an ein echtes ZDF-Sozialdrama von 2012 mit dem Titel Mandy will ans Meer versucht Regisseur Craemer eine Persiflage auf den Stil, wie links-intellektuelle Filmemacher die Realität abbilden und sie mit ihren Filmen verändern wollen. Woran er selbst nicht so recht glauben mag. Und so ist Mandy – Das Sozialdrama auch eher eine Sozialfarce, die sich neben dem Unterschichten-Milieu gleich noch selbstironisch das prekäre Milieu der unterfinanzierten, unabhängigen Filmebranche vornimmt. Dafür haben Aron Craemer, Mandy Rudski und der Kameramann Olivier Kolb eine schräge Film-im-Film-Story entwickelt.

Die Schauspielerin Mandy (Mandy Rudski) will endlich das ganz große Geld mit einem Langspielfilm verdienen. Was heutzutage zieht, ist ihrer Meinung nach ein möglichst authentisches Sozialdrama. Für diesen Film schart sie eine Crew um sich, die sich vom Schauspielensemble bis zur leidensgewohnten Regieassistentin ohne Bezahlung ausbeuten lässt. Schon das Casting ist eine wenig subtile Elendsschau der unterprivilegierten und willigen Opfer, die sich nicht ganz im Klaren sind, worauf sie sich da eingelassen haben. Nebenbei auch eine schöne Studie über die Repräsentation und Besetzungs-Praxis mit möglichst milieuechten DarstellerInnen. Der Deutsch-Russe wird als Russe besetzt und der Araber als Türke. Selbst Namensänderungen schützen da nicht vor der Ethnoschublade.

 

Mandy – Das SozialdramaFoto (c) Birgit Naomi Glatzel

 

Aron Creamer hat für diesen Film ein illustres Ensemble aus Berliner Film-, Theater- und GelegenheitsschauspielerInnen um sich geschart. Dazu gehören u.a. Eva Bay als Mandys Burka tragende türkische Freundin, Nadine Dubois als willige Assistentin, Melanie Schmidli als Mandys behinderte Schwester, Anne Haug als pistolenziehende Kommissarin, Roman Kanonik als russischer Mafiaboss und Rike Schmid als verarmte Filmdiva Madame S., die ständig das Catering einsackt.

In den improvisierten und mit Handykamera gedrehten Making-off-Szenen bleibt kein unangenehmes Thema unangeschnitten und vor allem kein Auge trocken. Gemeinsam erleben alle die Höhen und Tiefen einer unterfinanzierten Filmproduktion, die in ihrem Plot von vernachlässigten Kindern, über Rappen und Frauenboxen (mit Katharina Wackernagel in einem Cameoaufritt als wüste Faustkämpferin) bis zu russischen Hütchenspielern saftig in den üblichen Ghetto-Klischees schwelgt.

Als kritisches Fazit bleibt nur zu erwähnen, dass man Klischeefallen eben nicht dadurch umschifft, dass man die ausgestellten Stereotypen konsequent veralbert. Trotzdem bleibt dieser Versuch in seiner frischen und unverschämten Art des gerade noch Darstellbaren durchaus sehenswert.

***

Mandy – Das Sozialdrama (D 2017)
Regie: Aron Craemer
Buch: Aron Craemer und Mandy Rudski
Kamera: Olivier Kolb
Schnitt: Pauline Völker und Olivier Kolb
Ton: Nic Nagel und Emad Soliman
Szenenbild: Eike Böttcher und Jelka Plate
Kostüm: Silke Bartzik und Anke Hammer
Musik: Beat Soler, Raschid Daniel Sidgi, Daniel Baumann und Aron Craemer
ProduzentInnen: Aron Craemer, Mandy Rudski und Olivier Kolb
Mit: Mandy Rudski, Nadine Dubois, Eva Bay, Volkram Zschiesche, Melanie Schmidli, Rike Schmid, Karim Cherif, Andreas Frakowiak, Anne Haug und Roman Kanonik

Weitere Infos: https://achtungberlin.de/wettbewerb/spielfilme/mandy-das-sozialdrama/

Zuerst erschienen am 25.04.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Schwierige Zeiten – Die Berlinale 2017 zeigte viele Männer und einige Väter in der Krise.

Dienstag, Februar 28th, 2017

___

Große Filmhelden haben es auch nicht immer leicht. Die 67. BERLINALE zeigte uns zum Beginn gleich einige männliche Protagonisten in der Krise. Manchmal kann Mann nämlich auch mal ziemlich am Arsch sein. Der eine früher, der andere später…

*

T2 Trainspotting von Danny Boyle außer Konkurrenz im Wettbewerb

Ziemlich fertig ist auch Mark Renton. Den 46jährigen fegt eine Herzattacke vom Fitnesslaufband. Eine Sinnkrise und einen Bypass später landet er als „Tourist in der eigenen Jugend“ in seiner alten Heimatstadt Edinburgh. Der schottische Regisseur Danny Boyle geht bei der Berlinale außer Konkurrenz mit der Fortsetzung seines Kultfilms Trainspotting – Neue Helden an den Start. T2 Trainspotting spielt zwanzig Jahre später und beruht wieder auf einem Roman von Irwin Walsh. Porno erschien bereits 2002. Es hat also lange gedauert, bis sich Danny Boyle und Ewan McGregor, der Darsteller des Junkies Renton, wieder zusammengefunden haben. McGregor begründete auf dieser Rolle seine Karriere. Ob diese Fortsetzung sie weiter befördern wird, sei mal dahingestellt, auf jeden Fall gibt es einige nostalgische Momente, und nach einer Wirtshausschlägerei schwelgen die sich wiederfindenden Kumpels Renton und Sick Boy (Jonny Lee Miller) in alten Erinnerung.

Renton hatte die Gang am Ende von Trainspotting um 16.000 Pfund aus einem Heroingeschäft betrogen und war damit nach Amsterdam abgehauen. Das haben Sick Boy, der sich nun Steven nennen lässt, und der wegen Mordes im Knast sitzende Francis Begbie (Robert Carlyle) nicht vergessen. Nur Spud (Ewen Bremner) hatte von Renton 4.000 Pund aus der Beute erhalten. Spud hängt allerdings immer noch an der Nadel und ist auch sonst überall zu spät. Renton kann den vom Leben Deprimierten gerade noch vor einem Selbstmord retten. Was den Film im Folgenden ausmacht, sind die verzweifelten Versuche der alten Freunde sich auf die nächsten 30 Jahre vorzubereiten.

 

T2 TrainspottingFoto © Sony Pictures Releasing GmbH

 

Und dafür benötigt man in erster Linie Geld. Das haben natürlich weder Renton noch Spud oder Steven. Der hält sich mit einem schlecht gehenden Pub und Erpressungsversuchen mit Sexvideos bei den Kunden seiner Freundin, der bulgarischen Prostituierten Nikki (Anjela Nedyalkova), über Wasser, weswegen er schon mal einen Anwalt braucht. Ein Kurzauftritt von Rentons alter Flamme Diane (Kelly Macdonald), die jetzt in einem schicken Anwaltsbüro sitzt. Aber nur in ein paar witzigen Szenen kommt nun wirklich so etwas wie Spaß auf. Etwa wenn Renton und Steven eine Party von Protestanten aufmischen, die den Sieg Wilhelms von Oranien 1690 gegen die katholischen Jakobiten feiern. Mit den geklauten Kreditkarten und der magischen Jahreszahl lassen sich tatsächlich ein paar Tausend Pfund abheben. Es fließen wieder einige eklige Flüssigkeiten, und die Jungs geraten hier und da ins Hecheln, wie der schlaffe Spud auf Entzug beim Joggen in den Edinburgher Hügeln.

Treibender Motor der drei aufstrebenden Unternehmer in den Vierzigern ist die junge Nikki, die Steven zum Ausbau des Pubs zum Sex-Saunaklub drängt. Hier kann nun auch Renton seine Talente als Wirtschaftskaufmann einbringen. Ein Antrag bei einem regionalen EU-Förderprogramm soll das nötige Kapital bringen. Stolpersteine sind nur die lokale Zuhälterszene und der auf Rache sinnende Begbie, der nach seiner Flucht aus dem Knast hinter Renton her ist. Es hat sich also nicht allzu viel verändert. Außer, dass die TV-Bildschirme etwas flacher und breiter geworden sind, spielen die Clubs immer noch den Retro-Sound der 90er. Eine paar Kokslinien, eingefrorene Stills und schnellgeschnittene Verfolgungsjagden weiter sind wir schon beim Showdown.

Trotz einer ausladenden Ansprache von Renton zum Slogan: „Sag ja zum Leben“ wird man nicht lang von tieferer Sinnsuche behelligt. Hier wollen ein paar ältere Jungs in der Midlifecrisis noch mal ein wenig Spaß haben. Aber es kommt, wie es kommen muss. Zuerst ist da die Gelegenheit und dann passierte der Verrat. Dank Spuds alten Schreibtalenten, die er gerade auch literarisch weiterentwickelt, gehen die schottischen EU-Fördergelder von 100.000 Pfund nach Bulgarien und die Männerrunde leer aus. Was für eine herrliche Pointe für Europa. Der Rest ist wie ein schöner großer Brexit-Kater.

***

T2 Trainspotting
Wettbewerb
GBR 2017
von: Danny Boyle
Kinostart: 16. Februar 2017

*

Wilde Maus von Joseph Hader im Wettbewerb

Wirklich am Arsch dagegen ist der Konzertkritiker Georg. Der Mann ist in den besten Jahren – wie man so sagt – wird aber von seinem Redaktionschef Waller infolge Einsparmaßnahmen einfach gekündigt. Auf Georgs Einwand, dass es Leserproteste geben würde, antworte der Chef nur: „Die meisten Ihrer Leser sind schon tot.“ Kein Witz, dem altgedienten Qualitätsjournalisten werden unerfahrene Kollegen vorgezogen, die das Abspielen von Bruckners 5. Sinfonie in einer Fußballarena – geklaut von einem „Schlagerfuzzi“ (gemeint ist hier der Song Seven Nation Army des Rockmusikers Jack White) – für das Größte halten und nicht wissen, dass die Zauberflöte keine Oper, sondern ein Singspiel ist. Was sich nun entspinnt ist ein Rachefeldzug gegen seinen Chef, den Georg beim Abreagieren seines ersten Wutrausches auf dem Wiener Würstelprater als „geschissenes Arschloch“ und „deutsche Sau“ tituliert.

 

Wilde MausFoto © WEGA Film

 

Der österreichische Kabarettist und Schauspieler Josef Hader, bekannt durch die Rolle des abgehalfterten Kommissars Brenner in den Verfilmungen der Wolf-Haas-Krimis, wird am 14. Februar 55 und hat sich zum Geburtstag seinen ersten Spielfilm als Regisseur geschenkt. Er kann nicht anders, wie auch Georg nach 25 Jahren als Musikkritiker nichts anderes kann. Seiner Frau Johanna (Pia Hierzegger), einer Psychotherapeutin, die ihren Mann auch gern mal am Frühstückstisch analysiert, verschweigt er seinen Rausschmiss und treibt sich den ganzen Tag im Prater herum, wenn er seinem Ex-Chef Wallner (schön süffisant gespielt vom Tatort-Kommissar und Schaubühnen-Schauspieler Jörg Hartmann) nicht gerade das Dach seines Cabrios zerschneidet oder den Lack zerkratzt.

Der Mann manövriert sich in eine ausgewachsene Lebenskrise, die noch dadurch vergrößert wird, dass seine Frau mit 43 Jahren endlich ein Kind bekommen will, obwohl Georg meint, die letzten 20 ohne wären doch auch ganz lustig gewesen. Haders gewohnt grantelnder Wiener Schmäh schlägt einige Funken, und die trockenen Pointen purzeln anfangs ziemlich flott. Aber der Regisseur will eigentlich noch etwas mehr. Neben der eigenen Sinn- und Beziehungskrise tröpfeln der tägliche Wahnsinn und Terrormeldungen aus dem Fernseher und dem Autoradio. Während die Welt vor die Hunde geht, kauft sich Georg einen Revolver, und sein Racheopfer rüstet sich mit Überwachungskameras.

Einen ersten und einzigen Freund findet Georg im ebenso gebeutelten Gelegenheitsarbeiter Erich (eine Glanzrolle für Georg Friedrich). Gemeinsam sanieren sie eine alte Achterbahn, die titelgebende Wilde Maus, und beginnen ein neues Leben als Schausteller, bis Georg sein altes in Gestalt seiner plötzlich auftauchenden Frau wieder einholt. In der Liebe ist die richtige Kommunikation alles, was auch Erich erfahren muss, der sich mit seiner rumänischen Freundin Nicoleta (Crina Semciuc) nicht unterhalten kann. Da kommt Georg mit Italienisch etwas weiter, während er wiederum bei Johanna wegen seiner Egoeskapaden durchfällt. Mann hat‘s nicht leicht. Die Protagonisten und Fäden der Handlung verwirren sich immer mehr und finden erst in den österreichischen Bergen überraschend wieder zusammen. Doch selbst als Georg mit Whiskyflasche und Schlaftabletten schon nackt im Schnee sitzt, ist die sich mehrfach überschlagende Farce noch nicht am Ende. Allerdings wäre Haders Erstling wie die Haas-Filme zuvor im Panorama der BERLINALE sicher besser aufgehoben gewesen.

***

Wilde Maus
Wettbewerb
AUT 2017
von: Josef Hader
Filmstart: 9. März 2017
Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de

*

Centaur von Aktan Arym Kubat im Panorama

Ein Schrei nach künstlerischer Freiheit ist der kirgisischen Panoramabeitrag Centaur. Für den Filmvorführer Centaur gilt das Motto: „Die Pferde sind die Flügel des Menschen.“ Er lebt mit seiner taubstummen Frau am Rande von Bishkek und erzählt seinem Sohn alte Märchen von den mythischen Mischwesen aus Mensch und Pferd. Von den Leuten wird er daher auch Centaur genannt. Seine Frau kann nur Russisch von den Lippen ablesen und lebt in einer früheren Welt aus sowjetischen Filmen. Um der Einsamkeit zu entfliehen, trifft sich Centaur auch mit der Witwe eines ehemaligen Afghanistankämpfers und redet mit ihr über alte kirgisische und bunte Bollywood-Filme.

 

CentauerFoto © The Match Factory

 

Nachts stiehlt Centaur Pferde, um sich beim Reiten frei und mit der Natur verbunden zu fühlen. Die alte Nomadenkultur kollidiert aber nicht nur mit der Moderne, sondern auch mit den islamischen Traditionen, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder in Kirgistan etabliert haben. Durch den Verrat seines Kontrahenten, einem ortsbekannten Viehdieb, wird Centaur schließlich geschnappt und kommt vor den nun muslimisch dominierten Dorfsowjet. Eine aufgebrachte Menge diskutiert in zwei Lager gespalten über sein Schuld. Schließlich setzen sich aber die Neumuslime durch. Die Strafe des Ausschlusses von Centaur aus der Dorfgemeinschaft kann vom Rat der Alten nur noch in einen Haddsch nach Mekka abgewandelt werden.

Regisseur Aktan Arym Kubat, bekannt durch seinen Film Dieb des Lichts, spielt die Hauptrolle des arbeitslosen Filmvorführers selbst. Sein Kino dient nun auch als Moschee, in der er nun auf den bevorstehenden Haddsch vorbereitet werden soll. In einer schönen Szene projiziert er seine geliebten bewegten Bilder durch das alte Filmvorführgerät in den Gebetsraum. Aktan Arym Kubat wollte keinen Film gegen den Islam drehen, aber gegen eine aufoktroyierte Religion, in der er nicht in seiner Sprache beten kann. Sein Gott und seine Sprache seien seine Filme, sagte er im Anschluss an die Vorführung. Dass seine Hauptfigur trotzdem an wachsender Ignoranz und Bosheit scheitert, zeigt, wie es um eine solche Art der Spiritualität bestellt ist.

***

Centaur
Panorama
KGZ/FRA/DEU/NLD 2017
von: Aktan Arym Kubat

Zuerst erschienen am 12.02.2017 auf Kultura-Extra.

**

Die Krisen von Männern jenseits der Vierzig ziehen sich weiter durch den Wettbewerb der BERLINALE. Ihre Gefühlslagen sind mehr oder weniger gezeichnet durch eine fortschreitende Orientierungs- bzw. Sprachlosigkeit. Letzteres ist dann ja auch eines der Hauptprobleme in zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Auslöser dafür sind dabei recht verschieden…

*

Helle Nächte von Thomas Arslan im Wettbewerb

In Helle Nächte, dem ersten deutschen Wettbewerbsbeitrag von Thomas Arslan, hat der Bauingenieur Michael (Georg Friedrich mal wieder in einer ernsteren Charakterrolle) ein doppeltes Vater-Sohn-Problem aufzuarbeiten. Gewohnt beiläufig, ein Stilmerkmal der sogenannten Berliner Schule, erfährt der Zuschauer, dass Michaels Vater, der die letzten Jahre zurückgezogen in Nordnorwegen gelebt hat, gestorben ist. Man stand sich nicht sehr nahe. Das Warum bleibt wie die momentane Gefühlslage Michaels im Dunkeln. Auch in der Beziehung zu seiner Freundin scheint einiges Unausgesprochen zu sein. Dass sie der Karriere wegen ein Jahr als Korrespondentin nach Washington will, ist ein weiterer Schlag für Michael. Das klingt schon sehr nach Beziehungspause.

Wenig später sitzt der wortkarge Grübler schon mit seinem eigenen Sohn im Flieger. Luis (Tristan Göbel, der gerade als Maik in Fatih Akins Tschick-Verfilmung brillierte) lebt bei der Mutter auf dem Land und ist wenig begeistert vom plötzlichen Interesse des Vaters, der sich einige Jahre nicht um ihn gekümmert hat. Michael scheint die Fehler seines Vaters zu wiederholen. Um Maik wieder näher zu kommen, nimmt er ihn mit zum Begräbnis des Großvaters nach Norwegen. Aber Maik lässt Michael ständig spüren, dass er an einer neuerlichen Vertiefung der Beziehung nicht besonders interessiert ist. Und wie die zunächst schweigsame Autofahrt, kommt auch der Film nur recht langsam in die Gänge.

 

Helle Nächte Foto © Schramm Film / Marco Krüger

 

Arslan nutzt die karge zum Teil nebelverhangene Berglandschaft Norwegens, um die quälende Sprachlosigkeit seiner Protagonisten noch zu verstärken. Und doch bietet die Natur auch erste Anknüpfungspunkte. Maik meint, es sehe hier aus wie im Film Herr der Ringe. Allerdings hat Michael nur das Buch gelesen, das Maik langweilig findet, wie auch die etwas älteren Lieblingsfilme seines Vaters. Auf den Mund gefallen ist Luis trotz seiner durch die Handyohrstöpsel bedingten Abwesenheit jedenfalls nicht. Nur findet Michael den Draht zu seinem Sohn ebenso wenig wie den richtigen Weg. Analoges Kartenlesen gegen digitales Navigationsgerät. Autofahren gegen Wandern. Der Generationenkonflikt vermittelt sich hier über kommunikationstötende Technik. Auch der erste Fußmarsch, nachdem das Benzin ausgegangen ist, bringt nicht die erwünschte Erlösung.

Anschluss findet Luis eher zu einer Hardcore liebenden Fee aus Oslo, die der Urlaub mit den Eltern ebenfalls anödet. Der Sohn wehrt alle ungeschickten Annäherungsversuche des Vaters barsch ab. Er solle ihn nicht wie einen Idioten behandeln, schreit ihn Luis an. Zur aufkommenden Aggression gesellt sich Michaels quälende Schlaflosigkeit in den hellen Mitsommernächten. Lost in Landscape. Das Ausgeliefertsein an die endlose Weite der norwegischen Natur setzt bei Michael eine Art Katharsis in Gang. Der Versuch einer Lebensbeichte des Vaters schlägt den Sohn aber erst recht in die Flucht. Ob sich beide am Ende trotzdem dauerhaft wiedergefunden haben, lässt Regisseur Arslan offen wie die zumeist losen Kommunikationsenden. So läuft der Film in langen Einstellungen fast gänzlich ohne Spannungsbögen auch ziemlich ins Leere.

***

Helle Nächte
von Thomas Arslan
Deutschland / Norwegen 2017
Wettbewerb

*

Colo von Teresa Villaverde im Wettbewerb

Wie Berliner Schule auf Portugiesisch fühlt sich Colo, der Wettbewerbsbeitrag von Teresa Villaverde an. Auch hier ein Vater in tiefer Krise und Sprachlosigkeit. „Was ist los, mit unserem Leben?“ fragt den arbeitslosen Mann (João Pedro Vaz) irgendwann seine 17jährige Tochter Marta (Alice Albergaria Borges). Darauf eine adäquate Antwort zu geben, tut sich der Film allerdings 135 Minuten lang recht schwer. Man muss sich schon eine Weile einsehen, um wirklich warm zu werden. Villaverde liefert dann aber doch eine ziemlich eindrückliche Studie einer Mittelstandsfamilie im krisengeschüttelten Portugal, die an der drohenden Existenznot zu zerfallen droht. Notdürftig zusammengehalten wird sie von der berufstätigen Mutter (Beatriz Batarda), die auch noch einen Zweitjob annimmt und dadurch immer müder wird. Den recht schweigsamen Vater plagen Ängste, dass sie die Familie verlassen wird. Er ist tagsüber zu Hause und versucht krampfhaft Leuten hinterher zu telefonieren, die sich auf seine Bewerbungen nicht mehr zurückmelden. Ansonsten steht er viel auf dem Dach des Hochhauses in seiner Plattenbausiedlung am Rande Lissabons und schaut in die Ferne.

 

ColoFoto (c) Alce Films

 

Lange Einstellungen und Handlungsarmut machen es auch hier schwer, dem Plot zu folgen. Überhaupt ist der leere Blick nach draußen oder unser Blick von außen in die Fenster der Wohnung beherrschendes Mittel, die Einsamkeit der Protagonisten zu verdeutlichen. Als Sehnsuchtsort und Naturmetapher dient hier der Tejo oder das nahe Meer, zu dem es Marta mit ihrer Freundin und auch den Vater immer wieder zieht. Er spürt seine Nutzlosigkeit und greift sogar einmal zu einer Art Verzweiflungstat, als er einen ehemaligen Schulfreund den Firmenchef entführt, der ihn wegen eines Jobs nicht zurückruft. Seine Depressionen ziehen die gesamte Familie mit in den Abgrund. Marta ritzt sich heimlich und ist eigentlich mit ihrem Liebesleben und der eigenen Identitätssuche beschäftigt. Ihre Freundin Júlia (Clara Jost) ist schwanger und will nicht mehr zu ihrer ebenfalls zerrütteten Familie, die sie ablehnt, zurück. Die Mädchen schwänzen immer häufiger die Schule. Freude haben sie nur bei nächtlichen Partys mit Rock-Musik und Drogen.

Und dennoch taucht immer mal wieder sowas wie Hoffnung auf. Es sind kurze Momente der Solidarität. Ein Schluck Wasser von Fremden für den Vater. Das gemeinsame Essen bei Kerzenschein in der dunklen Wohnung. Wegen des abgedreht Stroms laden Nachbarn die Handys der Familie auf. Der Zerfall ist dennoch nicht aufzuhalten. Marthas Vogel stirbt wie die eingesperrte Hoffnung auf eine Besserung der Situation. Familien müssen in schweren Zeit wie Krieg oder bei Krankheit zusammenhalten, sagt die Mutter. „Es ist aber kein Krieg“, antwortet Marta trotzig. Es fehlt zwar nicht an Liebe, aber an einer gemeinsamen Zukunft. Die Mutter zieht schließlich aus. Der Vater soll mit Martha zur Großmutter aufs Land, bis wieder genug Geld da ist, um zusammen zu leben. Hier beginnt der Vater erstmals wieder Initiative zu zeigen, als er sich um die suizidgefährdete Júlia kümmert, während sich Marta in einer Hütte am Meer verbarrikadiert. In zweierlei Hinsicht porträtiert Teresa Villaverde ihr Heimatland Portugal als geschlossene und gestörte Gesellschaft.

***

Colo
von Teresa Villaverde
Portugal / Frankreich 2017
Wettbewerb

 

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de

Zuerst erschienen am 17.02.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Biopics, Dokus und Literaturadaptionen im Wettbewerb der Berlinale 2017

Dienstag, Februar 28th, 2017

___

Die 67. BERLINALE wartete im diesjährigen Wettbewerb mit einigen Biopics, Dokumentationen und Literaturadaptionen auf, die große Künstler zum Thema haben. Portraits von Django Reinhardt, Alberto Giacometti, Josef Beuys und Max Frisch – wiederum alles Männer – bis auf Django Reinhardt meist in ihren späten Jahren und mithin nun auch schon etwas länger ziemlich tot. Ihrer Kunst und Berühmtheit tut das keinen Abbruch, über die Qualität der Filme lässt sich aber wie immer streiten…

*

Django von Etienne Comar im Wettbewerb

Ein besonders männliches Exemplar ist der berühmte Jazzgitarrist Django Reinhardt, den uns der französische Produzent Etienne Comar in seinem ersten Spielfilm als Regisseur vorstellt. Django eröffnete die Berlinale und gab damit auch gleich so etwas wie eine programmatische Richtung vor. Politische Anliegen, Vergangenheitsbewältigung, Künstlerkino und emotionale Geschichten. All das lässt sich mühelos mit der Person von Django Reinhardt erzählen.

Comars Film spielt 1943 in der Zeit der deutschen Besatzung von Paris. Dass Reinhardt nicht nur in Frankreich berühmt und sogar von den Deutschen heiß umworben war, sondern auch ein Angehöriger der Sinti-Minderheit, die in ständiger Gefahr der Verfolgung durch die Nazis lebte, wird uns gleich zu Beginn vor Augen geführt. In den Ardennen löscht ein deutsches Kommando eine ganze Sinti-Familie beim Campieren und Muszieren aus. Davon noch unbehelligt steht Reinhard zur gleichen Zeit in Paris an der Seine, fängt Fische, raucht und betrinkt sich genüsslich, während im Theater die Pariser Gesellschaft auf seinen Auftritt wartet. Sie werden dennoch nicht enttäuscht.

 

DjangoFoto © Roger Arpajou

 

Der begnadete Musiker, eigenwillige Künstler und allseits geliebte Macho mit Moustache hält Hitler für einen schreienden Clown mit schlechtem Schnurrbart. Mit den deutschen Benimmregeln für einen Konzertertrag über eine Deutschland-Tournee wischt sich Reinhardt beim Essen den Mund ab. Keine unarischen Instrumente wie Kuhglocken, langsamer spielen, keinen Blues und nur 5% Synkopen, diese Forderungen sind für den Musiker nur ein schlechter Witz. Dass den Nazis nicht zum Scherzen ist, geht ihm erstmals beim Arzt auf, der seine durch einen Brand verkrüppelte Hand für ein Zeichen der Degeneration hält. Der Lebemensch Reinhardt wird nun nach und nach immer mehr durch verschiedene politische Interessen vereinnahmt, was ihn zunächst aber noch ziemlich kalt lässt.

Verkörpert wird dieser Django Reinhardt durch den Schauspieler Reda Kateb, der gerade erst in dem spätsommerlichen Konversationsfilm Die schönen Tage von Aranjuez, den Wim Wender nach dem gleichnamigen Theaterstück seines Freundes Peter Handke drehte, zu sehen war. In Django ist es bereits sehr herbstlich und düster. In Paris fallen Bomben und dem sonst eher lebenslustigen und gegenüber politischen Dingen recht gleichgültigen Reinhardt wird es langsam ungemütlich. Er will sich im Kino wegträumen. Seine geheimnisvolle niederländische Geliebte Louise (Cécile de France) rät ihm mit seiner schwangeren Frau und der Mutter in die Schweiz zu fliehen. An der Schweizer Grenze muss Reinhardt nun sehr lange auf die Gelegenheit der Flucht mit einem Schlepper warten.

Hier trifft der Musiker auch Mitglieder seiner Sinti-Familie, die am See lagern, und verdient sich mit ihnen das Geld für die Unterkunft und den Schlepper bei Konzerten in der Dorfkneipe. Comars Film zeigt Reinhardt nun als einen immer ängstlicher werdenden, fast gebrochenen Mann, der von den Nazis gedemütigt und zum Aufritt bei einem Fest gezwungen wird. Was Sie ihm nicht nehmen können, ist sein Stolz. Und wie zum Trotz setzt sich Reinhardt über die Regeln der Deutschen hinweg und spielt die Tanzgesellschaft mit seinem Gypsy-Swing geradezu in einen Höllenrausch, während ein verwundeter englischer Flieger von der Résistance über den See gerudert wird.

Comar will uns hier natürlich auch die Macht der Musik demonstrieren und die Angst der Nazis vor ihrem rhythmischen Sog. Die eigene Flucht über die tief verschneiten Berge gelingt nicht. In dramatischen Bildern will der Film nun nachholen, was er zunächst in seinen etwas dahinplätschernden Pariser Szenen wohl versäumt hat. Der Zuschauer wird nie richtig warm mit der Figur des Django, auch wenn Comar noch die Geschichte der von Reinhard komponierten und hochemotionalen Gypsy-Messe für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma mit einflicht. Als Mensch bleibt einem Django Reinhardt doch fremd und als großer Held taugt dieser Mann eh nicht. Django zeigt die innere Zerrissenheit eines Künstlers in schwierigen Zeiten aber dennoch recht gut.

***

Django
von Etienne Comar
FRA 2017
Wettbewerb
Kinostart: 27. Juni 2017

*

Return to Montauk von Volker Schlöndorff im Wettbewerb

Streiten lässt sich über den von der autobiografischen Novelle Montauk des Schweizer Schriftstellers Max Frisch inspirierten Spielfilm Return to Montauk. Volker Schlöndorff, der bereits 1991 mit Homo Faber ein Werk von Max Frisch verfilmte, spinnt hier die Geschichte des Schriftstellers Max Frisch, der in den 1970er Jahren auf einer Lesereise in die USA in New York eine junge Frau kennenlernt und mit ihr ein Wochenende in Montauk, einem Küstenstädtchen an der Spitze Long Islands, verbringt, einfach fiktiv weiter. Dazu verlegt er den Plot in die heutige Zeit. Max (Stellan Skarsgård), Anfang 60, heißt hier mit Nachnamen Zorn, stammt aus Berlin und kommt nach Jahren zur Vorstellung seines neuen Romans wieder nach New York. Hier lebt auch seine Frau Clara (Susanne Wolff), die für seinen amerikanischen Verlag arbeitet. Das Buch The Hunter And The Hunted trägt ebenfalls autobiografische Züge und handelt u.a. von der Beziehung zu seinem Vater und von einer verlorenen Liebe zu einer Frau. Bei einem zufälligen Treffen mit seinem Jugendfreund und Mentor, dem Kunstsammler Walter (Niels Arestrup als geheimnisvoller W. aus Frischs Montauk), erfährt Max, dass seine alte Liebe Rebecca (Nina Hoss) als erfolgreiche Anwältin immer noch in New York lebt.

 

Return to MontaukFoto © Franziska Strauss

 

Wie bei Max Frisch geht es auch bei Volker Schlöndorff und seinem irischen Drehbuchautoren Colm Tóibín um verpasste Chancen im Leben, um das Bereuen von etwas, das man getan oder auch das man versäumt hat zu tun. Und natürlich um Frauen, die dabei noch mal davon und die nicht darüber hinweg gekommen sind. Als letztere stellt sich auch die zunächst noch recht kühl und abweisend auftretende Rebecca heraus, der Schlöndorff auch noch eine verdrängte DDR-Biografie andichtet. Erst nachdem Max hartnäckig auf einem Treffen besteht, lädt sie ihn zu einer als Hausbesichtigung getarnten Fahrt nach Montauk an den Ort ihrer früheren Liebe ein.

Nun wirkt dieser gealterte Schriftsteller, der in seinem Tweed-Jackett, wie sein amerikanischer Verleger ironisch anmerkt, wie ein europäischer Antiquitätenhändler aussieht und sich in den New Yorker Nightclubs, in die ihn seine jüngere Frau Clara schleppt, sichtlich unwohl fühlt, nicht gerade wie ein unwiderstehlichen Frauenschwarm. Auch die phrasenhaften Antworten des links-intellektuellen Alt-Achtundsechzigers auf Fragen von amerikanischen Journalisten nach dem Zustand der europäischen Kultur entsprechen nur einem inneren Wunsch nach Wandlungsfähigkeit. Im Grunde ist Max doch eher der unflexible Baum, der seinen Erinnerungen nachhängt und diese verklärt. Mit der von Frisch angestrebten „maximalen Aufrichtigkeit gegenüber sich selbst“ ist es da nicht weit her. Die flippige Verlagsassistentin Lindsey (Isi Laborde) muss Max erst ein etwas moderneres Outfit verpassen. Für ihn wegen seines Ausflugs zu lügen, fällt ihr allerdings schon etwas schwerer.

Bis hierhin sind die Charaktere ganz gut gezeichnet. Nur verläuft dann jene Fahrt in die Vergangenheit im sprichwörtlichen Sand der Dünen, in dem Auto und klischeehafter Plot schließlich stecken bleiben. Mit den sehr persönlichen Reflexionen von Max Frisch hat dieser Film wenig zu tun. „Du träumst mich.“ erwidert die spröde Rebecca als Max ihr vorschlägt, mit ihm ein neues Leben zu beginnen, und returniert weiter mit einer langen Beichte über ihr eigenes Liebesglück und -leid. Allein, das macht die Altherrenfantasien des Helden und seines Regisseurs nicht unbedingt erträglicher. Fragen nach Wahrhaftigkeit, Schicksal, Lebenslügen und Selbstbetrug werden hier im Stile einer Vorabendserie für gehobene Intellektuelle abgehandelt. Vielleicht wollte Volker Schlöndorff Max Frisch im Nachhinein auch nur ein Schnippchen schlagen. Wenn sie ihn damals auch einen Lügner nannte, hat Frisch seine echte Lynn aus Montauk Jahre später doch rumgekriegt. Besonders bitter aber ist es, dass Schlöndorff seinen Film auch noch Max Fritsch gewidmet hat. Ein glatter Fall von Selbstüberschätzung.

***

Return to Montauk
von Volker Schlöndorff
Deutschland / Frankreich / Irland 2017
Wettbewerb
Kinostart: 11. Mai 2017

*

Beuys von Andres Veiel im Wettbewerb

Streitbar ist sicher auch der deutsche Künstler Joseph Beuys, dessen Leben und Werk der Dokumentar- und Spielfilmregisseur Andres Veiel in seinem zweiten Wettbewerbsbeitrag auf der BERLINALE ein fast vollständig aus Archivmaterial geschnittenes filmisches Portrait widmet. In Beuys ist Andres Veiel nicht nur dem Künstler und Menschen auf der Spur, sondern v.a. dem Phänomen, dass die zeitgenössische Kunst einmal das Potential zur Veränderung der Gesellschaft in sich trug. Zumindest war Beuys davon überzeugt, mit der Ahnung dessen, was Menschen an der Kunst interessiert, mit dem Stellen der richtigen Fragen und gezielter Provokation ein Bewusstsein für Veränderungen zu schaffen. Dazu prägte Beuys die Definition des „Erweiterten Kunstbegriffs“ und die der „Sozialen Plastik“. Kreatives Handeln zur Strukturierung und Formung der Gesellschaft.

Man muss allerdings keine Angst haben, hier ginge es vorrangig um sozialwissenschaftliche Theorien oder die genaue Einordung Joseph Beuys in die allgemeine Kunstgeschichte. Veiel interessiert Beuys in erster Linie als politisch denkender Künstler. Es geht um den gesellschaftspolitischen Diskurs, den Beuys ab den 1960er Jahren durch verschiedene Kunstaktionen verstärkt in die Öffentlichkeit trug. Für Beuys ist jeder Mensch ein Künstler und könne durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen. Die Kunst dient dabei zur Bewusstmachung dieses Prozesses. Kunst sei „Nährsubstanz“, erklärt Beuys 1970 in der legendären Podiumsdiskussion „Provokation – Lebenselement der Gesellschaft“ mit Max Bill, Arnold Gehlen und Max Ben, aus der Veiel u.a. auch das schöne Statement hat, dass der Künstler bei einer Revolution natürlich auch auf seine Kosten kommen wolle. Der lachende Beuys ist die Entdeckung Veiels – aber auch der charismatische Selbstdarsteller, der 1965 in einer Galerie in Düsseldorf mit Blattgold im Haar einem toten Hasen die Bilder erklärt.

Veiel geht die wichtigsten Stationen des künstlerischen und politischen Schaffens von Beuys ab. Fettecke, Honigpumpe, The Pack, ein Rudel aus 24 Schlitten mit Filzrollen, oder die 7000 Eichen auf der Documenta 7 1982 in Kassel – eine urbane und ökologische Kunstaktion, auf die Veiel in seinem Film immer wieder zurückkommt. Es ist aber auch Beuys als Lehrer zu sehen, der als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf alle abgelehnten Studenten aufnehmen will und der versammelten Kulturbürokratie eine Öh-Öh-Öh-Rede entgegenhält. Beuys ist auf Windstärke 12 („Vor Hurrikan kommt Sturm.“), wird aber vom damaligen NRW-Wissenschaftsminister Johannes Rau entlassen. Viel Zeit lässt sich Veiel dann für Beuys‘ USA-Aufenthalte mit der großen New Yorker Guggenheim-Ausstellung 1979/80 und seiner bekannten Performance I like America and America likes Me, in der der Künstler sich 1974 mit dem kriegerischen Konflikten der US-Amerikaner auseinandersetzte.

 

Beuys – Foto: Ute Klophaus © zeroonefilm / bpk_ErnstvonSiemensKunststiftung_StiftungMuseumSchlossMoyland

 

Der politische Beuys boxt später für direkte Demokratie und gründet 1980 die Partei der Grünen mit. Der unbequeme Geist wird allerdings 1983 nicht auf einen der vorderen Listenplätze für den Deutschen Bundestag nominiert. Beuys zieht sich enttäuscht zurück. Den privaten Beuys, Beuys als Mensch, gibt es aber kaum zu sehen. Beuys ist immer in Aktion auch im Kreis der Familie. Er ist einer der sich lieber endlos verschleißt. „Wer will schon sterben, wenn er noch gut ist?“ Das wäre ja Verschwendung. Nur einmal, schon recht krank, ein Foto ohne den berühmten Hut als Schutz für seinen selbst diagnostizierten „Dachschaden“, den man ihm im Zweiten Weltkrieg als Jagdflieger „zurechtgeschossen“ hatte. Hier zeigt Veiel Filmbilder des jungen Beuys mit Model- und größerem Segelflieger, später dann ein Foto des 20jährigen Freiwilligen in Wehrmachtsuniform.

Sein Kriegstrauma hat Beuys u.a. 1976 in der Installation zeige deine Wunde thematisiert. Beuys ist hier nicht nur Guru von Düsseldorf, Magier, Medizinmann, Schamane oder Scharlatan, alles Bezeichnungen, mit denen ihn Gesprächspartner Hermann Schreiber 1980 in der Sendereihe „Lebensläufe“ konfrontiert, sondern auch ein „Schmerzensmann der Kunst“. Für den Mitstreiter und Plakatkünstler Klaus Staeck ist der „der Mann am Schalthebel“. Weitere Beglaubigungen bekommt Beuys von seinem ehemaligen Schüler Johannes Stüttgen, der Kunsthistorikerin und Beuys-Mitarbeiterin Rhea Thönges-Stringaris, der Kunstkritikerin und Beuys-Versteherin Caroline Tisdall sowie dem Jugendfreund Franz Joseph van der Grinten, bei dessen Familie der Kunstschüler Beuys seine Depressionen in den 1950er Jahren mit Feldarbeit und verstörenden Zeichnungen bekämpft.

Veiel montiert diese Zeitzeugenberichte zwischen die Filmbilder und Fotos, die er oft im Stil von Kontaktbögen arrangiert und auch nebeneinander abspielt. Das gibt der Collage einen gewissen Drive, der zum Ende hin in immer schnelleren Bildfolgen kulminiert. Man wird in diesem Portrait kaum kritische Stimmen finden oder etwas vom Einfluss auf nachfolgende Künstler wie etwa Christoph Schlingensief erfahren. Es zeigt aber einen Menschen, der Kunst als Kapital ansah, die kapitalistische Ökonomie verändern und das Geld als Ware abschaffen wollte. Darin ist Beuys nach wie vor aktuell.

***

Beuys
von Andres Veiel
Deutschland 2017
Wettbewerb
Kinostart: 1. Juni 2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de

Zuerst erschienen am 18.02.2017 auf Kultura-Extra.

__________