Archive for the ‘Film’ Category

Für eine Handvoll Kies – Mit „Western“ drehte Regisseurin Valeska Grisebach einen interessanten Film über die Konfrontation von Kulturen und das Funktionieren von Männerbünden

Dienstag, September 5th, 2017

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(c) Komplizen Film

Die Faszination für das Filmgenre des Western scheint auch Jahrzehnte nach seinem eigentlichen Tod ungebrochen. Angefangen bei den US-amerikanischen Coen-Brüdern mit True Grit über den Euro-Western Slow West des schottischen Regisseur John Maclean bis zum Racheepos The Hateful 8 von Quentin Tarantino gab es in den letzten Jahren eine regelrechte Western-Renaissance im Kino. Auch der deutsche Regisseur Thomas Arslan, sonst für Filme der Berliner Schule bekannt, drehte mit Gold einen Western über deutsche Einwanderer, die in Nordamerika ihr Glück versuchen. Nun also kommt von Valeska Grisebach der erste nach den Regeln des Western-Genres gedrehte Film einer Regisseurin ins deutsche Kino. Premiere hatte Western im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes, wo schon im Vorjahr Maren Ade mit Toni Erdmann brillierte.

Es ist nach den preisgekrönten Filmen Mein Stern (2001) und Sehnsucht (2006) der dritte Spielfilm von Valeska Grisebach, den sie ausschließlich mit Laien gedreht hat. Ähnlich wie Toni Erdmann in Rumänien spielt Western nicht im wilden Westen, sondern in Osteuropa, genauer in Bulgarien an der griechischen Grenze. Trotzdem spielt der Film auf fantastische Weise mit den Genremitteln des amerikanischen Spätwestern mit seinen gebrochenen Helden-Figuren. Der Lonesome Rider aus der amerikanischen Frontier-Mythologie ist hier ein zunächst unscheinbarer deutscher Bauarbeiter, der mit seiner Truppe an einem Fluss im bulgarisch-griechischen Grenzgebiet ein Wasserkraftwerk errichten soll. Meinhardt (Meinhard Neumann) entzieht sich mehr und mehr dem Gruppenzwang und den Männerriten seiner Landsleute und schart sich im Gegensatz zu ihnen nicht mehr nur im Camp unter einer aufgepflanzten Deutschlandfahne, sondern beginnt sich für die Einheimischen zu interessieren, um mit ihnen auch ohne die Chance einer wirklichen Verständigung ins Gespräch zu kommen.

 

Western(c) Komplizen Film

 

„Bist du ein Schlitzohr?“ fragt ihn der misstrauische Polier Vincent (Reinhardt Wetrek). Doch Meinhardt will nur Geld verdienen und hat trotzdem auch eine unbekannte, dunkle Seite, von der wir wegen seiner Schweigsamkeit nicht viel erfahren – außer dass er weiß, was Gewalt ist und als angeblicher „Legionär“ in Afghanistan auch erlebt hat. Meinhardt liebt seine Freiheit, wie er auf Fragen der Dorfbewohner nach seiner Familie besteht. Unbeirrt geht er geradlinig seinen eigenen Weg von Freiheit, auch wenn er damit aneckt oder sich zwischen alle Stühle setzt. Das macht ihn in den Augen des machtbewussten Poliers suspekt. Es beginnen sich die klassischen Fronten zu bilden.

Valeska Grisebach entwickelten diesen Konflikt zunächst aber recht langsam. Eine Zwangspause wegen fehlendem Kies und Wasser verurteilt die Bauarbeiter zum Nichtstun. Sie trinken Bier, klopfen Sprüche und baggern ungelenk bulgarische Frauen am Fluss an. Meinhardt dagegen reitet auf einem in den Bergen freilaufenden Pferd ins Dorf und lernt dort den Besitzer und Chef der Gemeinde Adrian (Syuleyman Alilov Letifov) kennen. Von ihm erfährt er den Grund für das abgestellte Wasser, das die Dorfbewohner zur Bewässerung ihrer Tabakfelder benötigen. Doch während sich zwischen Meinhardt und Adrian eine echte Männerfreundschaft und ein Zweckbündnis bilden, fährt der um seine Autorität fürchtende Vincent voll auf Konfrontation. „Wir haben hier was zu schaffen.“ Der Westen bringt dem Osten die Infrastruktur und versteht nicht, warum das die Dorfbewohner nicht interessiert.

 

Western (c) Komplizen Film

 

Natürlich sind auch die Frauen Grund zum Streit, vor allem die junge Studentin Veneta (Veneta Frangova), die den Sommer im Heimatdorf verbringt und nun zwischen Meinhardt und Vincent steht. Aber wir lernen auch Vyara (Vyara Borisova) und ihre alten Mutter (Ivanka Popova) kennen, jede für sich eine interessante, starke Persönlichkeit. Aber vor allem prallen hier zwei patriarchal organisierte Systeme mit starken Führungsfiguren aufeinander. Und doch liegt die Sympathie am Ende beim traditionell funktionierenden Dorfverband gegen die entwurzelten Bauarbeiter fern der Heimat.

Freiheit, Familie, Heimat, Heimweh und Zugehörigkeit sind neben den Männerbünden, deren Funktionsweise man hier wie unter einem Brennglas beobachten kann, das, was die Regisseurin interessiert. Ein fast ausschließlich aus Frauen bestehendes Filmteam mit einem Ensemble von Männern, die die Regisseurin direkt vom Bau oder im Fall des schweigsamen Meinhardt vom Havelländer Pferdemarkt gecastet hat. Man wird bei ihrem Auftreten nicht von ungefähr an den DEFA-Spielfilm Spur der Steine von Frank Beyer erinnert. Auch eine Art Western im Bauarbeiter-Milieu des noch wilden Ostens im Aufbau. Nur Grisebach zeigt den heutigen Bruch an der richtigen Stelle. Der Showdown wird zum Augenblick der Erkenntnis, wohin Mann wirklich gehört.

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Western
(Deutschland/Bulgarien/Österreich 2017)
Länge: 119 min.
Regie: Valeska Grisebach
Künstlerische Assistenz: Lisa Bierwirth
Bildgestaltung: Bernhard Keller
Montage: Bettina Böhler
Szenenbild: Beatrice Schultz
Kostümbild: Veronika Albert
Ton: Uve Haußig
Mischung: Martin Steyer
Tongestaltung: Fabian Schmidt
Casting: Katrin Vorderwülbecke
Produktionsleitung: David Keitsch
Herstellungsleitung: Ben von Dobeneck
Mit: Meinhard Neumann, Reinhardt Wetrek, Syuleyman Alilov Letifov, Veneta Frangova, Vyara Borisova u. a.
Kinostart war am 24.08.2017

Infos: http://www.western-der-film.de/

Zuerst erschienen am 01.09.2017 auf Kultura-Extra.

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„Lucky Loser“ und „Die Hannas“ – Neues deutsches Kino überzeugt mit Witz und Ernsthaftigkeit

Montag, August 21st, 2017

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Sommerzeit ist Open-Air-Kinozeit, und selbst wenn das Wetter derzeit nicht mitspielt, machen zumindest zwei neue deutsche Filme Lust auf Sonne, Ferien und Liebe, auch wenn es zunächst nach Beziehungsstress aussieht. „Camping ist Kacke“, ruft der Lucky Loser in Beziehungspause Mike im gleichnamigen Film von Regisseur Nico Sommer; und Hans aus Die Hannas von Regisseurin Julia C. Kaiser stöhnt auch nur: „Schon wieder ein Beziehungsfilm“. Was also ist das Besondere an diesen beiden Low-Budget-Filmen, dass man sie unbedingt gesehen haben muss?

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Nico Sommer hat mit Filmen wie Silvi (2013) und Familienfieber (2014) schon ganz gut unter Beweis gestellt, dass er sein Handwerk als Regisseur für improvisierte Filme mit hintersinnigem Humor versteht. Nun hat er mit Filmförderung durch das ZDF zum ersten Mal ein richtiges Drehbuch geschrieben. Für das Gelingen am Set sorgte bisher immer ein ausgesuchtes Ensemble von DarstellerInnen, zu denen vor allem sein jetziger Hauptdarsteller und Impro-Könner Peter Trabner gehört. In Lucky Loser gibt Trabner Mike, einen alleinstehenden Mitvierziger, der nach 8 Jahren Beziehungspause immer noch an seiner Ex-Freundin Claudia (gespielt vom TV-Liebling Annette Frier) hängt. Die ist allerdings längst mit dem etwas spießigen Thomas (Kai Wiesinger) liiert. Aber Mike gibt nicht auf. Am Rückspiegel seiner Schrottkarre hängt das Bild seiner Angebeteten – bis sie ihn erhört oder bis zu seinem bitteren Ende, wie er der gemeinsamen 15jährigen Tochter Hannah (Emma Bading) versichert. Hanna ist die einzige, die noch zu Mike hält, und beschließt daher spontan nach einem Streit mit der Mutter und deren Freund, bei ihrem Vater einzuziehen.

Da Mike aber gerade von seinem Vermieter (Gustav Peter Wöhler) wegen Mietrückständen auf die Straße gesetzt wurde, fängt die Sache an etwas kompliziert zu werden. Vom seinem Chef (Tatort-Kommissar Kopper alias Andreas Hoppe auf Kinoabwegen) aus der Autowaschanlage, in der er arbeitet, bekommt Mike einen alten Wohnwagen und beschließt notgedrungen, seine Tochter auf eine Campingtour ins Brandenburgische zu lotsen. Damit wird die Sache aber nicht einfacher, und es beginnt ein „Sommer in der Bredouille“, wie die Beziehungskomödie kalauernd im Untertitel heißt.

 

Lucky Loser(c) Farbfilm Verleih

 

Denn nicht nur Mike hat Tochter und Ex nicht ganz die Wahrheit gesagt, auch Hannah hat ihrem Vater verschwiegen, dass sie ihren Freund Otto (Elvis Clausen) zwecks geplanter Entjungferung zum 16. Geburtstag auf den Campingplatz, auf dem schon Mutter Claudia die verregnetsten Sommer ihres Lebens verbringen musste, eingeladen hat. Nun ist Otto zum Erstaunen Mikes trotz entsprechendem Namen kein sogenannter „Biodeutscher“, sondern ein in Deutschland geborener, großgewachsener Spross ghanaischer Eltern, was nicht nur P.C.-Debatten über das „N“-Wort auslöst, sondern auch Anlass zu Auseinandersetzungen mit rassistischen brandenburgischen Jugendlichen gibt.

Mike macht sich aber zunächst eher Gedanken über Drogenkonsum sowie die Jungfräulichkeit seiner Tochter und wie sie alle gemeinsam die Verwicklungen vor der nun auch noch auf dem Campingplatz angekommenen Mutter verbergen sollen. Der Film schrammt hier natürlich hart an allerhand Klischees vorbei, kann diese aber auch zu jeder Menge Wortwitz nutzen. Mitreißend aber ist, wie Peter Trabner in der Rolle des Mike, ohne dessen Bemühungen um Tochter und Ex ins Lächerliche zu ziehen, den Jungen spielt, der nicht erwachsen werden will und dem als Lucky Loser alle Sympathien gehören.

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Als Komödie beginnt der neue Film von Julia C. Kaiser, der – wie schon ihr Erstling Das Floß! (2015) – wieder beim Achtung Berlin Filmfestival im April lief und dort gleich die Preise für den besten Film, das beste Drehbuch, die beste Darstellerin und den besten Darsteller abräumte. Anna (Anna König) und Hans (Till Butterbach), zusammen Die Hannas, leben seit 15 Jahren zusammen und sind nach der etwas unschmeichelhaften Feststellung von Annas Freundin (Anne Ratte-Polle) das Paar, das im Kompromiss glücklich sein kann. Wir sehen zwei, die ihren Alltag leben ohne durchzudrehen. Scheinbar. Denn eigentlich gehen die beiden jedem Konflikt – sei es die Urlaubsplanung oder nur das gemeinsame Essen – aus dem Weg. Und damit beginnen dann aber auch schon die Probleme.

Nicht nur die Physiotherapeutin Anna verliebt sich für sie ganz überraschend in ihre umtriebige und nicht ganz einfache Patientin Nico (Ines Marie Westernströer), die in einer veganen WG mit Café-Betrieb lebt und einen recht taffen 15jährigen Sohn (Tim Blochwitz) im Heim hat. Auch der etwas gemütliche und korpulente Hans gerät unverhofft auf Abwege, als er beim über seinen Freund Florian (Christian Natter) vermittelten Hardcore-Fitnesstraining die Bondage und anderen Spielen nicht abgeneigte Kim (Julia Becker) kennenlernt. Dass Nico und Kim Schwestern mit zunächst unklaren Vergangenheit sind, erfährt man erst nach und nach, was für weitere Verwirrung sorgt, die Spannung und scheinbare Absurdität der Story aber noch beständig steigert.

 

Die Hannas – (c) W-film

 

Allerdings beginnt hier auch der Wandlungsprozess des Paars, was die durch ihren Psychotherapeuten (Falilou Seck) ermunterte Anna weiter beflügelt ihren Gefühlen nachzugehen und auch Hans immer mehr aus seiner Lethargie reißt. Das bedeutet aber auch, dass die beiden den geschützten Kokon ihrer gewohnten Zweisamkeit verlassen müssen und ihre Beziehung auf eine harte Probe gestellt wird. Wie unwirklich sich das für sie manchmal anfühlt, zeigt der Film in einigen surreal wirkenden Szenen. Einerseits genießen Die Hannas den Reiz der neuen Freiheit und die anderen Erfahrung in Sachen Liebe, andererseits wollen sie sich nicht verlieren, was wiederum die Schwestern in eine Krise stürzt.

Julia C. Kaiser hat einen aufregenden Film gedreht, der abseits normierter Sehgewohnheiten für einen freieren Umgang mit Liebes- und Beziehungsdingen wirbt, Alternativen zur Diskussion stellt, es den Beteiligten aber auch nicht unbedingt einfach macht sich zu entscheiden. Ob Die Hannas, um ihr Leben zu ändern, über den geraden gelben Strich, den ein Straßenarbeiter beständig zieht, springen können, sei hier noch nicht verraten. Es lohnt aber in jedem Fall ihnen beim Versuch zu zusehen.

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Lucky Loser – Ein Sommer in der Bredouille (Deutschland 2017)
Dauer: 94 Minuten
Regie und Buch: Nico Sommer
Kamera: Thomas Förster
Montage: Nico Sommer, Carlotta Kittel BFS
Ton: Tim Stephan
Sounddesign: Manuel Laval
Redakteur: Christian Cloos
Producerin: Katharina Possert
Produzenten: Boris Schönfelder
Mit: Peter Trabner, Annette Frier, Emma Bading, Kai Wiesinger, Elvis Clausen, Ursula Werner, Andreas Hoppe, Harald Polzin, Christin Nichols, Antonio Wannek, Michael Kind, Gustav Peter Wöhler, Karim Cherif, Alexandra Grimaldi, Deborah Kaufmann, Katharina Schlothauer

Weitere Infos: http://www.luckyloser-film.de/

Die Hannas (Deutschland, 2016)
Dauer: 102 Minuten
Regie, Buch: Julia C. Kaiser
Kamera: Dominik Berg
Schnitt: Linda Bosch
Musik: Sorry Gilberto, Dominik Berg, Coleslaw Clubbing
Ton: Tobias Rüther
Kostüm: Ulé Barcelos
Szenenbild: Melanie Peter
Produzenten: Oliver Schütte, Stefan Jäger, Katrin Renz, Milena Klemke
Produktion: tellfilm Deutschland
Mit: Anna König, Till Butterbach, Ines Marie Westernströer, Julia Becker, Anne Ratte-Polle, Christian Natter, Tim Blochwitz, Çetin Ipekkaya, Mandana Mansouri, Cynthia Micas, Robert Nickisch, Jakob Renger, Falilou Seck, Oliver Steffen

Infos: http://diehannas.wfilm.de

Zuerst erschienen am 16.08.2017 auf Kultura-Extra.

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Der 13. ACHTUNG BERLIN new berlin film award – ausgewählte Filme aus dem Programm

Sonntag, April 30th, 2017

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Neben dem Bezugspunkt Berlin gaben die Beiträge des 13. ACHTUNG BERLIN new berlin film award auch wieder einen guten Überblick über alternative Produktionsweisen und Finanzierungsmöglichkeiten jenseits der öffentlichen Film-Fördertöpfe. „Berlin Independent“ heißt dann auch eine der Nebensektionen, in der laut Festivalkatalog Spielfilme präsentiert werden, „die sich vom Mainstream deutlich abheben und formal durch eine eigene Handschrift auszeichnen, Mut beweisen und damit neue Perspektiven auf den deutschen Film eröffnen.“ Eine relativ repräsentative Werksschau des neuen deutschen Kinos aus Berlin als Ergänzung zum Spielfilmwettbewerb.  Hard & Ugly oder Millennials heißen diese typischen Berlinfilme, in denen die Stadt als erweiterte Kulisse immer mit präsent ist.

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Im Wettbewerbsbeitrag Millennials von der jungen Regisseurin Jana Bürgelin spielt Berlin als Kulisse aber eher eine untergeordnete Rolle. Der Generationenstreifen über die heute mittezwanzig- bis mittedreißigjährigen Großstädter könnte auch in jeder anderen europäischen Metropole so oder so ähnlich laufen. Die Regisseurin lässt ihren Film dann auch konsequent in der Nacht spielen. Sie hat sich dazu zwei Menschen aus der breit gestreuten Kreativszene Berlins als Hauptprotagonisten gewählt.

 

MillennialsFoto © Florian Mag

 

Für die Regisseurin Anne, gespielt von Anne Zohra Berrached (selbst erfolgreiche Regisseurin von Filmen wie 24 Wochen), läuft es karrieremäßig eigentlich ganz gut. Nur ein unerfüllter Kinderwunsch lässt der Mitdreißigerin keine Ruhe. Aber der geeignete Partner ist nicht in Sicht. So lässt sie ihre Fruchtbarkeit untersuchen, geht zur Lippenkosmetik oder spielt die Babysitterin für eine Bekannte. Der Wunsch schwanger zu werden, beherrscht sogar ihre filmische Arbeit. Die Kamera begleitet Anne fast dokumentarisch zu Probendrehs, auf Partys mit Freunden, ins Kosmetikstudio oder zu einer Filmpremiere. Letztendlich entscheidet sie sich dazu, ihre Eizellen einfrieren zu lassen.

Ein guter Freund Annas, der Fotograf Leo (Leonel Dietsche), steckt ebenfalls in einer Sinnkrise. Er ist erst vor kurzem wegen seiner Partnerin nach Berlin gezogen. Aber die plötzliche Nähe bekommt der Beziehung auf Dauer nicht gut. Nebenbei versucht Leo noch relativ erfolglos seine Fotografien bei Galerien und Zeitschriften unterzubringen. Die Ergebnisse einer gemeinsamen, recht betrunkenen Fotosession mit einem Freund vom Theater stellt dieser schließlich selbst in einer Galerie aus, ohne dass Leo davon profitieren kann. Die Frustration treibt den ziellosen jungen Mann bei endlosen Fahrten durch die Berliner Nacht in Tabeldancebars und zu Straßenprostituierten.

Die dunkel-melancholische Grundstimmung des Films wird noch durch den emotional aufgeladenen Soundtrack aus Klaviermusik von Chopin und minimalistischer Technomusik verstärkt. Die Darstellung der Ruhelosigkeit einer Generation zwischen beruflicher Selbstverwirklichung und der Suche nach dem ganz persönlichen Glück kann durchaus überzeugen. Nebenbei vermittelt Jana Bürgelins Film auch noch recht gut die geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Sichtweisen auf Lebenssinn und Glücksanspruch.

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Millennials
D 2017, 70 Min
Regie, Buch: Jana Bürgelin
Kamera: Florian Mag

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Dagegen ist Hard & Ugly (Berlin Independent) schon eher eine launige Liebeskomödie. Fitnesstrainer Et (Volksbühnenschauspieler Patrick Güldenberg) wird von seinem sonst recht anhänglichen süddeutschen Chefpärchen (Maximilian Gehrlinger und Nadine Karbacher) nahegelegt eine Pause einzulegen. Er passe nicht so recht ins Geschäftskonzept und wird deswegen kurzerhand gefeuert. Nicht viel besser ergeht es Carla (Kristin Becker), die von ihrem Verlobten kurz vor der Hochzeit vor die Tür gesetzt wird. Carla rettet Et vor dem Sprung von der Brücke und streift eine kurze Zeit mit ihm durch die Cafés und Clubs der Stadt, bis sich die beiden wieder aus den Augen verlieren.

 

Hard & UglyFoto © deja vu filmverleih

 

Vom kluge Ratschläge gebenden Chefpärchen und einer Kollegin (Alina Adam) verfolgt, begibt sich Et auf die Suche nach Carla, die sich mit einem Arnold-Schwarzenegger-Verschnitt (Martin Bergmann) eingelassen hat. Auch hier lernen wir junge Leute kennen, die beruflich gerade nicht immer das machen, was ihnen eigentlich so vorschwebt. Verhinderte Theater- und LebenskünstlerInnen immer auf dem Sprung zur nächsten Performance oder vor die nächste U-Bahn. Berlin ist Hard & Ugly, wie schon ein Theaterstück des Regisseurs Malte Wirtz im Berliner HAU hieß, das er nun mit Hang zum trockenen Wortwitz und spontanen Slapstick verfilmt hat.

Auch die Film- und Theaterbranche selbst kommt hier nicht allzu gut bei weg. Als chaotische Lebensratgeberin lässt Carlas Mutter (Ria Schindler) die Macher eines kleinen Lokalsenders verzweifeln. Leider verfügt Et auf seiner Suche nach Carla nicht über einen geeigneten Schutzengel an seiner Seite, was die in Schwarz-Weiß und auch leicht überdrehte Beziehungskomödie, die zudem noch durch animierte Zwischenbilder von Pauline Flory auffällt, recht abrupt und offen enden lässt.

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HARD & UGLY
D 2017, 71 Min
Buch und Regie: Malte Wirtz
Kamera: Antje Heidemann, Vincent Viebig

Zuerst erschienen am 27.04.2017 auf Kultura-Extra.

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Wie immer bot der ACHTUNG BERLIN new berlin film award auch in diesem Jahr eine bunte Wundertüte an Kinofilmen mit Berlin/Brandenburg-Bezug, was aber gerade in Zeiten internationaler Koproduktionen auch nicht mehr ganz so streng gesehen wird. Die Palette reicht demnach genremäßig von der Liebeskomödie über das Sozial- und Flüchtlingsdrama bis zum spannenden Psychothriller.

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Am Rande der rumänischen Hauptstadt Bukarest spielt der Wettbewerbsbeitrag Vânătoare (dt.: „Auf der Jagd“) von Alexandra Balteanu, Absolventin der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). Die rumänische Regisseurin hat im kalten November unter einer Autobahnbrücke den Alltag dreier Frauen, die sich dort für ein paar hundert Lei am Tag prostituieren, verfilmt. Sie konnte dafür vor Ort drei ausgezeichnete rumänische Theaterschauspielerinnen gewinnen. Lange fast dokumentarische Kameraeinstellungen, die an Cristian Mungiu oder auch die Brüder Dardenne erinnern, aber auch improvisierte Szenen in einer Fernfahrerraststätte kennzeichnen diesen eindrucksvollen Film. Die gesamte Handlung spielt fast ausschließlich im Freien.

 

VânătoareFoto (c) dffb

 

Es beginnt zunächst in einem Vorort von Bukarest, in dem die Hauptprotagonistin Lidia (Corina Moise) mit ihrem Ehemann und zwei Kindern lebt. Sie züchtet Tauben und muss das Geld für die Familie zusammen kratzen. Ihr Sohn hat Probleme in der Schule, ihr Mann tritt kaum in Erscheinung. Freundin Denisa (Iulia Lumânare) hält ihren Freund aus, für den sie neue Turnschuhe kaufen möchte, und die junge Vanessa (Iulia Ciochina) träumt von einem Mann mit grünen Augen und einer Dienstwohnung, den sie per Annonce sucht.

So hat jede der Frauen ihren ganz speziellen Beweggrund für die Prostitution. Der Film verfolgt sie bei der Busfahrt zur Brücke, dem Umziehen vor Ort und dem Warten auf Kundschaft an der dicht befahren Straße. Ihre Gespräche drehen sich ums Geld, die Männer und auch um kleine Revierstreitigkeiten zwischen Lidia und Vanessa, die nicht auf den Mund gefallen ist. Probleme gibt es immer wieder mit Polizeistreifen, die den Frauen als Strafe für die illegale Tätigkeit das verdiente Geld abnehmen. Die korrupten Beamten betrügen die Frauen und schikanieren sie, wenn sie sich beschweren wollen. Halb nackt setzen sie die drei mitten in der Nacht auf einem Feld aus.

Recht anschaulich verdeutlicht der Film die Ohnmacht und Ausweglosigkeit der Frauen, gibt ihnen bei aller Härte aber auch die Würde, für sich einzustehen. In einem langen stummen Abspann keimt sogar etwas wie Hoffnung und ein Rest von Menschlichkeit. Dafür gab es auf dem Festival den Preis des Verbands der deutschen Filmkritik.

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VANATOARE
D 2014-2016, 75 Min
Regie: Alexandra Balteanu
Buch: Xandra Popescu, Alexandra Balteanu
Kamera: Matan Radin

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Mit dem Genrefilmen hatte das Festival nicht so großes Glück, obwohl die Spielfilmjury großzügig den Regiepreis an Tini Tüllmann für den Psychothriller Freddy Eddy vergab. Ihren an das bekannte Dr. Jekyll & Mr. Hyde-Thema angelehnten Langspielerstling hat die Regisseurin sogar selbst finanziert, da Genrefilmideen wohl immer noch ein Förderungshindernis zu sein scheinen. Allerdings schleppt sich die Story des Malers Eddy (Felix Schäfer), der seinen Fantasiedoppelgänger aus frühen Kindheitstagen plötzlich wiedersieht, zunächst recht zäh dahin. Eddy hat seine Frau und ihren Liebhaber in flagranti erwischt und wird nun beschuldigt, beide brutal zusammengeschlagen zu haben. Er schiebt aber alles diesem ominösen Doppelgänger in die Schuhe. Vor Gericht geht Eddy dann aber einen Deal ein, um das Besuchsrecht für seinen 8jährigen Sohn nicht zu verlieren. Nachdem er sich an den heimischen Tegernsee zurückgezogen hat, nistet sich Freddy bei ihm ein und beginnt mit seiner forschen Art dessen Leben und die frische Beziehung zur neuen Nachbarin Paula (Jessica Schwarz) und ihrer 14jährigen Tochter Mizi (Greta Bohacek) zu sabotieren.

 

Freddy EddyFoto (c) Filmlawine

 

Lange bleibt unklar, ob es diesen Freddy tatsächlich gibt, oder ob Eddy doch an einer erblichen Schizophrenie leidet, wie es sein Psychotherapeut Dr. Weiss (Burghart Klaußner) vermutet. Von einem gewalttätigen Vater und möglichem Missbrauch (Eddy hat immer wieder Albträume), über einen toten Zwillingsbruder, der möglicherweise doch noch leben könnte, bis zu einer Genstudie des Arztes packt Tini Tüllmann nun alles ins Skript, was verwirrende Spuren auf den möglichen Doppelgänger Freddy legen könnte oder sich irgendwie mit einer Psychomacke Eddys erklären ließe. Auch ein Halbbruder Eddys (Alexander Finkenwirth) und ihre gemeinsame an Demenz erkrankte Mutter (Renate Serwotke) spielen noch eine Rolle.

Die ganzen aufgeworfenen Themen wie unverarbeitete Familienvergangenheit, neuer Missbrauchsverdacht und die ominöse medizinische Studie dienen allerdings nur der Verwirrung des Zuschauers und werden an einen möglichst satten Thrill verkauft. Irgendwann ist die Katze aber aus dem Sack, und alles läuft beharrlich auf den erwarteten Showdown hin. Selbst das illustre und gut gecastete Ensemble, in dem auch noch Robert Stadlober als neuer Krishna-Macker von Eddys Ex-Frau und Katharina Schüttler als Eddys laszive Galeristin auftauchen, kann nicht über die Drehbuchschwächen des recht banal gestrickten TV-Plots hinwegtäuschen. Da wirkt vieles, selbst das als Überraschungsmoment gesetzte Ende, doch ziemlich bekannt. Freddy ist „die dunkle Seite, die aus dir kriecht“ – heißt es am Anfang. „Ich tue das, was du dich nicht traust.“ Das haben wir dann u.a. in Die dunkle Seite des Mondes oder Stereo schon besser gesehen.

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FREDDY EDDY
D 2016, 95 Min
Regie, Buch, Produzentin: Tini Tüllmann
Kamera: Markus Selikovsky

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Nicht wirklich überzeugen konnte auch Hey Bunny, der erste Langspielfilm des Schauspielerpaars Barnaby Metschurat und Lavinia Wilson, der in der Sektion Berlin Independent lief. Der Ex-KDD-Serienkommissar Metschurat hat einen mit Ideen ziemlich vollgepackten Plot um den leicht soziophoben Computerhacker Adam geschrieben, den er auch gleich noch selbst darstellt. Adam, der sich gerade von seiner in Afrika Brunnen bohrenden Freundin getrennt hat, soll sich im Auftrag einer Computerfirma um die Sicherheit eines Institutsservers kümmern, der aber schon vorher gehackt wird. Zusätzlich zu den Daten verschwinden auch die Versuchskaninchen einer Forschungsreihe, die sich mit der Entdeckung eines Glückshormons für Menschen beschäftigt. Adams seit kurzem an Alzheimer erkrankter Vater hatte diese Studie geleitet. Nun untersteht sie einer auf Effizienz pochenden Professorin (Marie Gruber) und ihrer idealistischen Tochter (Lavinia Wilson).

 

Hey BunnyFoto (c) Christian Schulz

 

Natürlich kennt man sich von früher und Adam gerät sofort in Verdacht hinter der Computerattacke zu stecken. Allerdings könnte es auch eine militante Aktionsgruppe, die gegen Tierversuche demonstriert, gewesen sein. Adam flieht zum Vater (Edin Hasanovic) ins elterliche Heim, wo er nicht nur die Kaninchen, sondern auch wieder zu seinen immer noch dort wohnenden Brüdern findet. Der eine (Harald Schrott) ist ein notorischer Frauenheld, der keine Gelegenheit und Party auslässt, der andre (Sabin Tambrea) vergräbt sich autistisch in Kapuzenpullis und macht Technomusik im Keller.

Regie und Buch können sich nicht so recht zwischen Lovestory, Familiendrama oder Ökothriller im Genforschungs- und Computer-Milieu entscheiden. Weltrettung, neue emotionale Intelligenz oder die Suche nach dem kleinen Glück ist hier die Frage, die der Film über viele Umwege und durchaus witzig inszenierte Szenen natürlich auch nicht beantwortet bekommt. Sehr schön eine alkoholgeschwängerte Technoparty im Haus mit arabischen Stewardessen, die große Fans des in ihrem Land berühmten Technobruders sind, oder der Dreh eines fingierten Bekennervideos im Femen-Stil. Die Hackergeschichte klärt sich zum Schluss natürlich auf, und andere Kräfte übernehmen nun Macht an der Uni. Aber das alles scheint Adam, der weiterhin auf der Suche nach sich selbst bleibt, nicht wirklich zu interessieren. Der Film ist bereits am 27. April in den deutschen Kinos gestartet.

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HEY BUNNY
D 2016, 90 Min
Buch und Regie: Barnaby Metschurat
Kamera: Raphael Beinder, Florian Foest

Infos: https://achtungberlin.de/

Zuerst erschienen am 28.04.2017 auf Kultura-Extra.

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German Mumblecore und eine schräge Sozialfarce beim Spielfilmwettbewerb des 13. ACHTUNG BERLIN new berlin film awards

Mittwoch, April 26th, 2017

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BEAT BEAT HEART – German Mumblecore von Luise Brinkmann eröffnet den 13. ACHTUNG BERLIN new berlin film award

„German Mumblecore“ ist der etwas ungelenke Branchen-Fachbegriff für neue deutsche Filme, deren zumeist noch recht junge MacherInnen sich ihre eigenen Regeln geben und das Improvisieren lieben. Bekannt geworden ist diese neue Produktionsweise durch die Regie-Brüder Tom und Jakob Lass. Ein 20seitiges Skript, wie es die junge Regisseurin Luise Brinkmann für ihren Abschlussfilm an der Internationalen Filmschule Köln geschrieben hat, ist da schon eher eine Seltenheit. Ihre sommerlich leicht daherkommende Beziehungskomödie Beat Beat Heart lief schon erfolgreich auf dem Münchner Filmfest und eröffnete am 19.04.2017 den 13. ACHTUNG BERLIN new berlin film award im Kino International.

Die Protagonistin Kerstin (Lana Cooper aus dem Jakob-Lass-Film Love Steaks) hängt tagträuemend ihrer großen Liebe Thomas (Gorki-Schauspieler Till Wonka) nach. Der hat sie auf dem Land in einem alten Haus mit Tanzsaal sitzen lassen, da er sich von ihre wie ein Trabant umkreist sah. Nun sitzt Kerstin allein da und legt sich manchmal sehnsüchtig auf die Bahngleise. Doch der Zug schmeißt nicht den Verflossen ab, sondern irgendwann steht Mutter Charlotte (Saskia Vester) vor der Tür. Sie hat sich gerade von ihrem Partner Roman getrennt. Die flippige Mitbewohnerin Maya (Christin Nichols) pflückt sich die Männer über eine Dating-App wie es ihr gefällt vom Baum und führt auch Charlotte in den Tindr-Wald (im wahrsten Sinne des Wortes) der einsamen Herzen. Auch beim Nachbarpärchen Paul und Franzi (Wonka-Kollege Aleksandar Radenković und Caroline Erikson) kriselt es in der Beziehung. Als Franzi abhaut, tröstet sich Paul beim Arbeiten und dann auch in Sachen Liebe bei der einsamen Kerstin. Das klingt ein wenig vorhersehbar, sorgt aber neben dem üblichen Liebeskummer auch für einige romantische Verwicklungen und das Reflektieren von Lebensentwürfen.

 

BEAT BEAT HEARTFoto © daredo media GmbH

 

Als Mann für alles und Geber trockener Lebensweisheiten („Warten hat keinen Sinn.“) fungiert Ruhepol Manni (Jörg Bundschuh), der nur am Morgen mal Mutter Charlotte unsanft aus dem Himmelbett auf der Tanzsaalbühne kreissägt. Ansonsten hat hier jeder seine eigenen Theorien von der Liebe und vom Glücklichsein. Nur mit der Praxis hapert es mehr oder weniger bei allen. In recht ruhigen Kamerabildern und langen Nahaufnahmen in der Natur verfolgt der Film seine ländlichen Sommergäste und Liebessehnsüchtigen, die sich in mal mehr, mal weniger witzigen Dialogen das Leben schwer machen, ihren Tagträumen oder der Vergangenheit nachhängen. Auch durchs Probieren werden sie dabei nicht unbedingt viel schlauer. „Sehnsucht macht dich unfrei.“ ist Mayas Maxime, der sich die Romantikerin Kerstin nicht anschließen kann und will. „Ich hab mal wieder Lust auf ’n Liebesfilm.“ ist da ein schönes Schlussword für diesen noch recht verspielten und etwas zu detailverliebten Debütfilm, aber auch ein guter Auftaktslogan für das aktuelle Festival. Also viel Glück weiterhin. Der deutsche Kinostart ist am 27. April.

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BEAT BEAT HEART
Regie: Luise Brinkmann
D 2016, 86 Min, D (E)
Buch: Luise Brinkmann
Kamera: Mathis Hanspach
Schnitt: Maren Unterburger
Ton: Roman Höffgen, Simon Hüging
Szenenbild: Martin Scherm
Kostüm: Flavia Rahobison
Musik: Nadja Rüdebusch, Eike Swoboda
Casting: Anna F. Kohlschütter, Luise Brinkmann
Producerinnen: Luise Brinkmann, Olivia Charamsa
Mit: Lana Cooper, Saskia Vester, Till Wonka, Aleksandar Radenković, Christin Nichols, Jörg Bundschuh, Caroline Erikson, Hans-Heinrich Hardt
Produktion ifs internationale filmschule köln
Verleih: daredo media, www.darlingberlin.de

Kinostart: 27.04.2017

Weitere Infos: https://achtungberlin.de/wettbewerb/spielfilme/beat-beat-heart/

Zuerst erschienen am 20.04.2017 auf Kultura-Extra.

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MANDY – DAS SOZIALDRAMA – Eine schräge Sozialfarce von Aron Craemer im Spielfilmwettbewerb

Der Spielfilmwettbewerb auf dem ACHTUNG BERLIN new berlin film award ist in diesem Jahr wieder reich an Low- bzw. No-Budget-Filmen, in die idealistische FilmemacherInnen ihr ganzes Geld und Herzblut hineingesteckt haben. Etwa 5.000 Euro investierten Regisseur Aron Craemer und die ehemalige Volksbühnenschauspielerin Mandy Rudski (u.a. in Kean, Nord und Die (s)panische Fliege zu sehen) für ihren Film Mandy – Das Sozialdrama. Große Honorare für die Mitwirkenden kann es demzufolge nicht gegeben haben. Ebenso unklar ist auch noch der Verwertungsweg. Erstmal wollen die MacherInnen mit dem Film auf Festivaltour gehen. Dann wird man weitersehen.

 

 

Lose angelehnt an ein echtes ZDF-Sozialdrama von 2012 mit dem Titel Mandy will ans Meer versucht Regisseur Craemer eine Persiflage auf den Stil, wie links-intellektuelle Filmemacher die Realität abbilden und sie mit ihren Filmen verändern wollen. Woran er selbst nicht so recht glauben mag. Und so ist Mandy – Das Sozialdrama auch eher eine Sozialfarce, die sich neben dem Unterschichten-Milieu gleich noch selbstironisch das prekäre Milieu der unterfinanzierten, unabhängigen Filmebranche vornimmt. Dafür haben Aron Craemer, Mandy Rudski und der Kameramann Olivier Kolb eine schräge Film-im-Film-Story entwickelt.

Die Schauspielerin Mandy (Mandy Rudski) will endlich das ganz große Geld mit einem Langspielfilm verdienen. Was heutzutage zieht, ist ihrer Meinung nach ein möglichst authentisches Sozialdrama. Für diesen Film schart sie eine Crew um sich, die sich vom Schauspielensemble bis zur leidensgewohnten Regieassistentin ohne Bezahlung ausbeuten lässt. Schon das Casting ist eine wenig subtile Elendsschau der unterprivilegierten und willigen Opfer, die sich nicht ganz im Klaren sind, worauf sie sich da eingelassen haben. Nebenbei auch eine schöne Studie über die Repräsentation und Besetzungs-Praxis mit möglichst milieuechten DarstellerInnen. Der Deutsch-Russe wird als Russe besetzt und der Araber als Türke. Selbst Namensänderungen schützen da nicht vor der Ethnoschublade.

 

Mandy – Das SozialdramaFoto (c) Birgit Naomi Glatzel

 

Aron Creamer hat für diesen Film ein illustres Ensemble aus Berliner Film-, Theater- und GelegenheitsschauspielerInnen um sich geschart. Dazu gehören u.a. Eva Bay als Mandys Burka tragende türkische Freundin, Nadine Dubois als willige Assistentin, Melanie Schmidli als Mandys behinderte Schwester, Anne Haug als pistolenziehende Kommissarin, Roman Kanonik als russischer Mafiaboss und Rike Schmid als verarmte Filmdiva Madame S., die ständig das Catering einsackt.

In den improvisierten und mit Handykamera gedrehten Making-off-Szenen bleibt kein unangenehmes Thema unangeschnitten und vor allem kein Auge trocken. Gemeinsam erleben alle die Höhen und Tiefen einer unterfinanzierten Filmproduktion, die in ihrem Plot von vernachlässigten Kindern, über Rappen und Frauenboxen (mit Katharina Wackernagel in einem Cameoaufritt als wüste Faustkämpferin) bis zu russischen Hütchenspielern saftig in den üblichen Ghetto-Klischees schwelgt.

Als kritisches Fazit bleibt nur zu erwähnen, dass man Klischeefallen eben nicht dadurch umschifft, dass man die ausgestellten Stereotypen konsequent veralbert. Trotzdem bleibt dieser Versuch in seiner frischen und unverschämten Art des gerade noch Darstellbaren durchaus sehenswert.

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Mandy – Das Sozialdrama (D 2017)
Regie: Aron Craemer
Buch: Aron Craemer und Mandy Rudski
Kamera: Olivier Kolb
Schnitt: Pauline Völker und Olivier Kolb
Ton: Nic Nagel und Emad Soliman
Szenenbild: Eike Böttcher und Jelka Plate
Kostüm: Silke Bartzik und Anke Hammer
Musik: Beat Soler, Raschid Daniel Sidgi, Daniel Baumann und Aron Craemer
ProduzentInnen: Aron Craemer, Mandy Rudski und Olivier Kolb
Mit: Mandy Rudski, Nadine Dubois, Eva Bay, Volkram Zschiesche, Melanie Schmidli, Rike Schmid, Karim Cherif, Andreas Frakowiak, Anne Haug und Roman Kanonik

Weitere Infos: https://achtungberlin.de/wettbewerb/spielfilme/mandy-das-sozialdrama/

Zuerst erschienen am 25.04.2017 auf Kultura-Extra.

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Schwierige Zeiten – Die Berlinale 2017 zeigte viele Männer und einige Väter in der Krise.

Dienstag, Februar 28th, 2017

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Große Filmhelden haben es auch nicht immer leicht. Die 67. BERLINALE zeigte uns zum Beginn gleich einige männliche Protagonisten in der Krise. Manchmal kann Mann nämlich auch mal ziemlich am Arsch sein. Der eine früher, der andere später…

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T2 Trainspotting von Danny Boyle außer Konkurrenz im Wettbewerb

Ziemlich fertig ist auch Mark Renton. Den 46jährigen fegt eine Herzattacke vom Fitnesslaufband. Eine Sinnkrise und einen Bypass später landet er als „Tourist in der eigenen Jugend“ in seiner alten Heimatstadt Edinburgh. Der schottische Regisseur Danny Boyle geht bei der Berlinale außer Konkurrenz mit der Fortsetzung seines Kultfilms Trainspotting – Neue Helden an den Start. T2 Trainspotting spielt zwanzig Jahre später und beruht wieder auf einem Roman von Irwin Walsh. Porno erschien bereits 2002. Es hat also lange gedauert, bis sich Danny Boyle und Ewan McGregor, der Darsteller des Junkies Renton, wieder zusammengefunden haben. McGregor begründete auf dieser Rolle seine Karriere. Ob diese Fortsetzung sie weiter befördern wird, sei mal dahingestellt, auf jeden Fall gibt es einige nostalgische Momente, und nach einer Wirtshausschlägerei schwelgen die sich wiederfindenden Kumpels Renton und Sick Boy (Jonny Lee Miller) in alten Erinnerung.

Renton hatte die Gang am Ende von Trainspotting um 16.000 Pfund aus einem Heroingeschäft betrogen und war damit nach Amsterdam abgehauen. Das haben Sick Boy, der sich nun Steven nennen lässt, und der wegen Mordes im Knast sitzende Francis Begbie (Robert Carlyle) nicht vergessen. Nur Spud (Ewen Bremner) hatte von Renton 4.000 Pund aus der Beute erhalten. Spud hängt allerdings immer noch an der Nadel und ist auch sonst überall zu spät. Renton kann den vom Leben Deprimierten gerade noch vor einem Selbstmord retten. Was den Film im Folgenden ausmacht, sind die verzweifelten Versuche der alten Freunde sich auf die nächsten 30 Jahre vorzubereiten.

 

T2 TrainspottingFoto © Sony Pictures Releasing GmbH

 

Und dafür benötigt man in erster Linie Geld. Das haben natürlich weder Renton noch Spud oder Steven. Der hält sich mit einem schlecht gehenden Pub und Erpressungsversuchen mit Sexvideos bei den Kunden seiner Freundin, der bulgarischen Prostituierten Nikki (Anjela Nedyalkova), über Wasser, weswegen er schon mal einen Anwalt braucht. Ein Kurzauftritt von Rentons alter Flamme Diane (Kelly Macdonald), die jetzt in einem schicken Anwaltsbüro sitzt. Aber nur in ein paar witzigen Szenen kommt nun wirklich so etwas wie Spaß auf. Etwa wenn Renton und Steven eine Party von Protestanten aufmischen, die den Sieg Wilhelms von Oranien 1690 gegen die katholischen Jakobiten feiern. Mit den geklauten Kreditkarten und der magischen Jahreszahl lassen sich tatsächlich ein paar Tausend Pfund abheben. Es fließen wieder einige eklige Flüssigkeiten, und die Jungs geraten hier und da ins Hecheln, wie der schlaffe Spud auf Entzug beim Joggen in den Edinburgher Hügeln.

Treibender Motor der drei aufstrebenden Unternehmer in den Vierzigern ist die junge Nikki, die Steven zum Ausbau des Pubs zum Sex-Saunaklub drängt. Hier kann nun auch Renton seine Talente als Wirtschaftskaufmann einbringen. Ein Antrag bei einem regionalen EU-Förderprogramm soll das nötige Kapital bringen. Stolpersteine sind nur die lokale Zuhälterszene und der auf Rache sinnende Begbie, der nach seiner Flucht aus dem Knast hinter Renton her ist. Es hat sich also nicht allzu viel verändert. Außer, dass die TV-Bildschirme etwas flacher und breiter geworden sind, spielen die Clubs immer noch den Retro-Sound der 90er. Eine paar Kokslinien, eingefrorene Stills und schnellgeschnittene Verfolgungsjagden weiter sind wir schon beim Showdown.

Trotz einer ausladenden Ansprache von Renton zum Slogan: „Sag ja zum Leben“ wird man nicht lang von tieferer Sinnsuche behelligt. Hier wollen ein paar ältere Jungs in der Midlifecrisis noch mal ein wenig Spaß haben. Aber es kommt, wie es kommen muss. Zuerst ist da die Gelegenheit und dann passierte der Verrat. Dank Spuds alten Schreibtalenten, die er gerade auch literarisch weiterentwickelt, gehen die schottischen EU-Fördergelder von 100.000 Pfund nach Bulgarien und die Männerrunde leer aus. Was für eine herrliche Pointe für Europa. Der Rest ist wie ein schöner großer Brexit-Kater.

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T2 Trainspotting
Wettbewerb
GBR 2017
von: Danny Boyle
Kinostart: 16. Februar 2017

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Wilde Maus von Joseph Hader im Wettbewerb

Wirklich am Arsch dagegen ist der Konzertkritiker Georg. Der Mann ist in den besten Jahren – wie man so sagt – wird aber von seinem Redaktionschef Waller infolge Einsparmaßnahmen einfach gekündigt. Auf Georgs Einwand, dass es Leserproteste geben würde, antworte der Chef nur: „Die meisten Ihrer Leser sind schon tot.“ Kein Witz, dem altgedienten Qualitätsjournalisten werden unerfahrene Kollegen vorgezogen, die das Abspielen von Bruckners 5. Sinfonie in einer Fußballarena – geklaut von einem „Schlagerfuzzi“ (gemeint ist hier der Song Seven Nation Army des Rockmusikers Jack White) – für das Größte halten und nicht wissen, dass die Zauberflöte keine Oper, sondern ein Singspiel ist. Was sich nun entspinnt ist ein Rachefeldzug gegen seinen Chef, den Georg beim Abreagieren seines ersten Wutrausches auf dem Wiener Würstelprater als „geschissenes Arschloch“ und „deutsche Sau“ tituliert.

 

Wilde MausFoto © WEGA Film

 

Der österreichische Kabarettist und Schauspieler Josef Hader, bekannt durch die Rolle des abgehalfterten Kommissars Brenner in den Verfilmungen der Wolf-Haas-Krimis, wird am 14. Februar 55 und hat sich zum Geburtstag seinen ersten Spielfilm als Regisseur geschenkt. Er kann nicht anders, wie auch Georg nach 25 Jahren als Musikkritiker nichts anderes kann. Seiner Frau Johanna (Pia Hierzegger), einer Psychotherapeutin, die ihren Mann auch gern mal am Frühstückstisch analysiert, verschweigt er seinen Rausschmiss und treibt sich den ganzen Tag im Prater herum, wenn er seinem Ex-Chef Wallner (schön süffisant gespielt vom Tatort-Kommissar und Schaubühnen-Schauspieler Jörg Hartmann) nicht gerade das Dach seines Cabrios zerschneidet oder den Lack zerkratzt.

Der Mann manövriert sich in eine ausgewachsene Lebenskrise, die noch dadurch vergrößert wird, dass seine Frau mit 43 Jahren endlich ein Kind bekommen will, obwohl Georg meint, die letzten 20 ohne wären doch auch ganz lustig gewesen. Haders gewohnt grantelnder Wiener Schmäh schlägt einige Funken, und die trockenen Pointen purzeln anfangs ziemlich flott. Aber der Regisseur will eigentlich noch etwas mehr. Neben der eigenen Sinn- und Beziehungskrise tröpfeln der tägliche Wahnsinn und Terrormeldungen aus dem Fernseher und dem Autoradio. Während die Welt vor die Hunde geht, kauft sich Georg einen Revolver, und sein Racheopfer rüstet sich mit Überwachungskameras.

Einen ersten und einzigen Freund findet Georg im ebenso gebeutelten Gelegenheitsarbeiter Erich (eine Glanzrolle für Georg Friedrich). Gemeinsam sanieren sie eine alte Achterbahn, die titelgebende Wilde Maus, und beginnen ein neues Leben als Schausteller, bis Georg sein altes in Gestalt seiner plötzlich auftauchenden Frau wieder einholt. In der Liebe ist die richtige Kommunikation alles, was auch Erich erfahren muss, der sich mit seiner rumänischen Freundin Nicoleta (Crina Semciuc) nicht unterhalten kann. Da kommt Georg mit Italienisch etwas weiter, während er wiederum bei Johanna wegen seiner Egoeskapaden durchfällt. Mann hat‘s nicht leicht. Die Protagonisten und Fäden der Handlung verwirren sich immer mehr und finden erst in den österreichischen Bergen überraschend wieder zusammen. Doch selbst als Georg mit Whiskyflasche und Schlaftabletten schon nackt im Schnee sitzt, ist die sich mehrfach überschlagende Farce noch nicht am Ende. Allerdings wäre Haders Erstling wie die Haas-Filme zuvor im Panorama der BERLINALE sicher besser aufgehoben gewesen.

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Wilde Maus
Wettbewerb
AUT 2017
von: Josef Hader
Filmstart: 9. März 2017
Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de

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Centaur von Aktan Arym Kubat im Panorama

Ein Schrei nach künstlerischer Freiheit ist der kirgisischen Panoramabeitrag Centaur. Für den Filmvorführer Centaur gilt das Motto: „Die Pferde sind die Flügel des Menschen.“ Er lebt mit seiner taubstummen Frau am Rande von Bishkek und erzählt seinem Sohn alte Märchen von den mythischen Mischwesen aus Mensch und Pferd. Von den Leuten wird er daher auch Centaur genannt. Seine Frau kann nur Russisch von den Lippen ablesen und lebt in einer früheren Welt aus sowjetischen Filmen. Um der Einsamkeit zu entfliehen, trifft sich Centaur auch mit der Witwe eines ehemaligen Afghanistankämpfers und redet mit ihr über alte kirgisische und bunte Bollywood-Filme.

 

CentauerFoto © The Match Factory

 

Nachts stiehlt Centaur Pferde, um sich beim Reiten frei und mit der Natur verbunden zu fühlen. Die alte Nomadenkultur kollidiert aber nicht nur mit der Moderne, sondern auch mit den islamischen Traditionen, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder in Kirgistan etabliert haben. Durch den Verrat seines Kontrahenten, einem ortsbekannten Viehdieb, wird Centaur schließlich geschnappt und kommt vor den nun muslimisch dominierten Dorfsowjet. Eine aufgebrachte Menge diskutiert in zwei Lager gespalten über sein Schuld. Schließlich setzen sich aber die Neumuslime durch. Die Strafe des Ausschlusses von Centaur aus der Dorfgemeinschaft kann vom Rat der Alten nur noch in einen Haddsch nach Mekka abgewandelt werden.

Regisseur Aktan Arym Kubat, bekannt durch seinen Film Dieb des Lichts, spielt die Hauptrolle des arbeitslosen Filmvorführers selbst. Sein Kino dient nun auch als Moschee, in der er nun auf den bevorstehenden Haddsch vorbereitet werden soll. In einer schönen Szene projiziert er seine geliebten bewegten Bilder durch das alte Filmvorführgerät in den Gebetsraum. Aktan Arym Kubat wollte keinen Film gegen den Islam drehen, aber gegen eine aufoktroyierte Religion, in der er nicht in seiner Sprache beten kann. Sein Gott und seine Sprache seien seine Filme, sagte er im Anschluss an die Vorführung. Dass seine Hauptfigur trotzdem an wachsender Ignoranz und Bosheit scheitert, zeigt, wie es um eine solche Art der Spiritualität bestellt ist.

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Centaur
Panorama
KGZ/FRA/DEU/NLD 2017
von: Aktan Arym Kubat

Zuerst erschienen am 12.02.2017 auf Kultura-Extra.

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Die Krisen von Männern jenseits der Vierzig ziehen sich weiter durch den Wettbewerb der BERLINALE. Ihre Gefühlslagen sind mehr oder weniger gezeichnet durch eine fortschreitende Orientierungs- bzw. Sprachlosigkeit. Letzteres ist dann ja auch eines der Hauptprobleme in zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Auslöser dafür sind dabei recht verschieden…

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Helle Nächte von Thomas Arslan im Wettbewerb

In Helle Nächte, dem ersten deutschen Wettbewerbsbeitrag von Thomas Arslan, hat der Bauingenieur Michael (Georg Friedrich mal wieder in einer ernsteren Charakterrolle) ein doppeltes Vater-Sohn-Problem aufzuarbeiten. Gewohnt beiläufig, ein Stilmerkmal der sogenannten Berliner Schule, erfährt der Zuschauer, dass Michaels Vater, der die letzten Jahre zurückgezogen in Nordnorwegen gelebt hat, gestorben ist. Man stand sich nicht sehr nahe. Das Warum bleibt wie die momentane Gefühlslage Michaels im Dunkeln. Auch in der Beziehung zu seiner Freundin scheint einiges Unausgesprochen zu sein. Dass sie der Karriere wegen ein Jahr als Korrespondentin nach Washington will, ist ein weiterer Schlag für Michael. Das klingt schon sehr nach Beziehungspause.

Wenig später sitzt der wortkarge Grübler schon mit seinem eigenen Sohn im Flieger. Luis (Tristan Göbel, der gerade als Maik in Fatih Akins Tschick-Verfilmung brillierte) lebt bei der Mutter auf dem Land und ist wenig begeistert vom plötzlichen Interesse des Vaters, der sich einige Jahre nicht um ihn gekümmert hat. Michael scheint die Fehler seines Vaters zu wiederholen. Um Maik wieder näher zu kommen, nimmt er ihn mit zum Begräbnis des Großvaters nach Norwegen. Aber Maik lässt Michael ständig spüren, dass er an einer neuerlichen Vertiefung der Beziehung nicht besonders interessiert ist. Und wie die zunächst schweigsame Autofahrt, kommt auch der Film nur recht langsam in die Gänge.

 

Helle Nächte Foto © Schramm Film / Marco Krüger

 

Arslan nutzt die karge zum Teil nebelverhangene Berglandschaft Norwegens, um die quälende Sprachlosigkeit seiner Protagonisten noch zu verstärken. Und doch bietet die Natur auch erste Anknüpfungspunkte. Maik meint, es sehe hier aus wie im Film Herr der Ringe. Allerdings hat Michael nur das Buch gelesen, das Maik langweilig findet, wie auch die etwas älteren Lieblingsfilme seines Vaters. Auf den Mund gefallen ist Luis trotz seiner durch die Handyohrstöpsel bedingten Abwesenheit jedenfalls nicht. Nur findet Michael den Draht zu seinem Sohn ebenso wenig wie den richtigen Weg. Analoges Kartenlesen gegen digitales Navigationsgerät. Autofahren gegen Wandern. Der Generationenkonflikt vermittelt sich hier über kommunikationstötende Technik. Auch der erste Fußmarsch, nachdem das Benzin ausgegangen ist, bringt nicht die erwünschte Erlösung.

Anschluss findet Luis eher zu einer Hardcore liebenden Fee aus Oslo, die der Urlaub mit den Eltern ebenfalls anödet. Der Sohn wehrt alle ungeschickten Annäherungsversuche des Vaters barsch ab. Er solle ihn nicht wie einen Idioten behandeln, schreit ihn Luis an. Zur aufkommenden Aggression gesellt sich Michaels quälende Schlaflosigkeit in den hellen Mitsommernächten. Lost in Landscape. Das Ausgeliefertsein an die endlose Weite der norwegischen Natur setzt bei Michael eine Art Katharsis in Gang. Der Versuch einer Lebensbeichte des Vaters schlägt den Sohn aber erst recht in die Flucht. Ob sich beide am Ende trotzdem dauerhaft wiedergefunden haben, lässt Regisseur Arslan offen wie die zumeist losen Kommunikationsenden. So läuft der Film in langen Einstellungen fast gänzlich ohne Spannungsbögen auch ziemlich ins Leere.

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Helle Nächte
von Thomas Arslan
Deutschland / Norwegen 2017
Wettbewerb

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Colo von Teresa Villaverde im Wettbewerb

Wie Berliner Schule auf Portugiesisch fühlt sich Colo, der Wettbewerbsbeitrag von Teresa Villaverde an. Auch hier ein Vater in tiefer Krise und Sprachlosigkeit. „Was ist los, mit unserem Leben?“ fragt den arbeitslosen Mann (João Pedro Vaz) irgendwann seine 17jährige Tochter Marta (Alice Albergaria Borges). Darauf eine adäquate Antwort zu geben, tut sich der Film allerdings 135 Minuten lang recht schwer. Man muss sich schon eine Weile einsehen, um wirklich warm zu werden. Villaverde liefert dann aber doch eine ziemlich eindrückliche Studie einer Mittelstandsfamilie im krisengeschüttelten Portugal, die an der drohenden Existenznot zu zerfallen droht. Notdürftig zusammengehalten wird sie von der berufstätigen Mutter (Beatriz Batarda), die auch noch einen Zweitjob annimmt und dadurch immer müder wird. Den recht schweigsamen Vater plagen Ängste, dass sie die Familie verlassen wird. Er ist tagsüber zu Hause und versucht krampfhaft Leuten hinterher zu telefonieren, die sich auf seine Bewerbungen nicht mehr zurückmelden. Ansonsten steht er viel auf dem Dach des Hochhauses in seiner Plattenbausiedlung am Rande Lissabons und schaut in die Ferne.

 

ColoFoto (c) Alce Films

 

Lange Einstellungen und Handlungsarmut machen es auch hier schwer, dem Plot zu folgen. Überhaupt ist der leere Blick nach draußen oder unser Blick von außen in die Fenster der Wohnung beherrschendes Mittel, die Einsamkeit der Protagonisten zu verdeutlichen. Als Sehnsuchtsort und Naturmetapher dient hier der Tejo oder das nahe Meer, zu dem es Marta mit ihrer Freundin und auch den Vater immer wieder zieht. Er spürt seine Nutzlosigkeit und greift sogar einmal zu einer Art Verzweiflungstat, als er einen ehemaligen Schulfreund den Firmenchef entführt, der ihn wegen eines Jobs nicht zurückruft. Seine Depressionen ziehen die gesamte Familie mit in den Abgrund. Marta ritzt sich heimlich und ist eigentlich mit ihrem Liebesleben und der eigenen Identitätssuche beschäftigt. Ihre Freundin Júlia (Clara Jost) ist schwanger und will nicht mehr zu ihrer ebenfalls zerrütteten Familie, die sie ablehnt, zurück. Die Mädchen schwänzen immer häufiger die Schule. Freude haben sie nur bei nächtlichen Partys mit Rock-Musik und Drogen.

Und dennoch taucht immer mal wieder sowas wie Hoffnung auf. Es sind kurze Momente der Solidarität. Ein Schluck Wasser von Fremden für den Vater. Das gemeinsame Essen bei Kerzenschein in der dunklen Wohnung. Wegen des abgedreht Stroms laden Nachbarn die Handys der Familie auf. Der Zerfall ist dennoch nicht aufzuhalten. Marthas Vogel stirbt wie die eingesperrte Hoffnung auf eine Besserung der Situation. Familien müssen in schweren Zeit wie Krieg oder bei Krankheit zusammenhalten, sagt die Mutter. „Es ist aber kein Krieg“, antwortet Marta trotzig. Es fehlt zwar nicht an Liebe, aber an einer gemeinsamen Zukunft. Die Mutter zieht schließlich aus. Der Vater soll mit Martha zur Großmutter aufs Land, bis wieder genug Geld da ist, um zusammen zu leben. Hier beginnt der Vater erstmals wieder Initiative zu zeigen, als er sich um die suizidgefährdete Júlia kümmert, während sich Marta in einer Hütte am Meer verbarrikadiert. In zweierlei Hinsicht porträtiert Teresa Villaverde ihr Heimatland Portugal als geschlossene und gestörte Gesellschaft.

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Colo
von Teresa Villaverde
Portugal / Frankreich 2017
Wettbewerb

 

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de

Zuerst erschienen am 17.02.2017 auf Kultura-Extra.

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Biopics, Dokus und Literaturadaptionen im Wettbewerb der Berlinale 2017

Dienstag, Februar 28th, 2017

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Die 67. BERLINALE wartete im diesjährigen Wettbewerb mit einigen Biopics, Dokumentationen und Literaturadaptionen auf, die große Künstler zum Thema haben. Portraits von Django Reinhardt, Alberto Giacometti, Josef Beuys und Max Frisch – wiederum alles Männer – bis auf Django Reinhardt meist in ihren späten Jahren und mithin nun auch schon etwas länger ziemlich tot. Ihrer Kunst und Berühmtheit tut das keinen Abbruch, über die Qualität der Filme lässt sich aber wie immer streiten…

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Django von Etienne Comar im Wettbewerb

Ein besonders männliches Exemplar ist der berühmte Jazzgitarrist Django Reinhardt, den uns der französische Produzent Etienne Comar in seinem ersten Spielfilm als Regisseur vorstellt. Django eröffnete die Berlinale und gab damit auch gleich so etwas wie eine programmatische Richtung vor. Politische Anliegen, Vergangenheitsbewältigung, Künstlerkino und emotionale Geschichten. All das lässt sich mühelos mit der Person von Django Reinhardt erzählen.

Comars Film spielt 1943 in der Zeit der deutschen Besatzung von Paris. Dass Reinhardt nicht nur in Frankreich berühmt und sogar von den Deutschen heiß umworben war, sondern auch ein Angehöriger der Sinti-Minderheit, die in ständiger Gefahr der Verfolgung durch die Nazis lebte, wird uns gleich zu Beginn vor Augen geführt. In den Ardennen löscht ein deutsches Kommando eine ganze Sinti-Familie beim Campieren und Muszieren aus. Davon noch unbehelligt steht Reinhard zur gleichen Zeit in Paris an der Seine, fängt Fische, raucht und betrinkt sich genüsslich, während im Theater die Pariser Gesellschaft auf seinen Auftritt wartet. Sie werden dennoch nicht enttäuscht.

 

DjangoFoto © Roger Arpajou

 

Der begnadete Musiker, eigenwillige Künstler und allseits geliebte Macho mit Moustache hält Hitler für einen schreienden Clown mit schlechtem Schnurrbart. Mit den deutschen Benimmregeln für einen Konzertertrag über eine Deutschland-Tournee wischt sich Reinhardt beim Essen den Mund ab. Keine unarischen Instrumente wie Kuhglocken, langsamer spielen, keinen Blues und nur 5% Synkopen, diese Forderungen sind für den Musiker nur ein schlechter Witz. Dass den Nazis nicht zum Scherzen ist, geht ihm erstmals beim Arzt auf, der seine durch einen Brand verkrüppelte Hand für ein Zeichen der Degeneration hält. Der Lebemensch Reinhardt wird nun nach und nach immer mehr durch verschiedene politische Interessen vereinnahmt, was ihn zunächst aber noch ziemlich kalt lässt.

Verkörpert wird dieser Django Reinhardt durch den Schauspieler Reda Kateb, der gerade erst in dem spätsommerlichen Konversationsfilm Die schönen Tage von Aranjuez, den Wim Wender nach dem gleichnamigen Theaterstück seines Freundes Peter Handke drehte, zu sehen war. In Django ist es bereits sehr herbstlich und düster. In Paris fallen Bomben und dem sonst eher lebenslustigen und gegenüber politischen Dingen recht gleichgültigen Reinhardt wird es langsam ungemütlich. Er will sich im Kino wegträumen. Seine geheimnisvolle niederländische Geliebte Louise (Cécile de France) rät ihm mit seiner schwangeren Frau und der Mutter in die Schweiz zu fliehen. An der Schweizer Grenze muss Reinhardt nun sehr lange auf die Gelegenheit der Flucht mit einem Schlepper warten.

Hier trifft der Musiker auch Mitglieder seiner Sinti-Familie, die am See lagern, und verdient sich mit ihnen das Geld für die Unterkunft und den Schlepper bei Konzerten in der Dorfkneipe. Comars Film zeigt Reinhardt nun als einen immer ängstlicher werdenden, fast gebrochenen Mann, der von den Nazis gedemütigt und zum Aufritt bei einem Fest gezwungen wird. Was Sie ihm nicht nehmen können, ist sein Stolz. Und wie zum Trotz setzt sich Reinhardt über die Regeln der Deutschen hinweg und spielt die Tanzgesellschaft mit seinem Gypsy-Swing geradezu in einen Höllenrausch, während ein verwundeter englischer Flieger von der Résistance über den See gerudert wird.

Comar will uns hier natürlich auch die Macht der Musik demonstrieren und die Angst der Nazis vor ihrem rhythmischen Sog. Die eigene Flucht über die tief verschneiten Berge gelingt nicht. In dramatischen Bildern will der Film nun nachholen, was er zunächst in seinen etwas dahinplätschernden Pariser Szenen wohl versäumt hat. Der Zuschauer wird nie richtig warm mit der Figur des Django, auch wenn Comar noch die Geschichte der von Reinhard komponierten und hochemotionalen Gypsy-Messe für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma mit einflicht. Als Mensch bleibt einem Django Reinhardt doch fremd und als großer Held taugt dieser Mann eh nicht. Django zeigt die innere Zerrissenheit eines Künstlers in schwierigen Zeiten aber dennoch recht gut.

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Django
von Etienne Comar
FRA 2017
Wettbewerb
Kinostart: 27. Juni 2017

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Return to Montauk von Volker Schlöndorff im Wettbewerb

Streiten lässt sich über den von der autobiografischen Novelle Montauk des Schweizer Schriftstellers Max Frisch inspirierten Spielfilm Return to Montauk. Volker Schlöndorff, der bereits 1991 mit Homo Faber ein Werk von Max Frisch verfilmte, spinnt hier die Geschichte des Schriftstellers Max Frisch, der in den 1970er Jahren auf einer Lesereise in die USA in New York eine junge Frau kennenlernt und mit ihr ein Wochenende in Montauk, einem Küstenstädtchen an der Spitze Long Islands, verbringt, einfach fiktiv weiter. Dazu verlegt er den Plot in die heutige Zeit. Max (Stellan Skarsgård), Anfang 60, heißt hier mit Nachnamen Zorn, stammt aus Berlin und kommt nach Jahren zur Vorstellung seines neuen Romans wieder nach New York. Hier lebt auch seine Frau Clara (Susanne Wolff), die für seinen amerikanischen Verlag arbeitet. Das Buch The Hunter And The Hunted trägt ebenfalls autobiografische Züge und handelt u.a. von der Beziehung zu seinem Vater und von einer verlorenen Liebe zu einer Frau. Bei einem zufälligen Treffen mit seinem Jugendfreund und Mentor, dem Kunstsammler Walter (Niels Arestrup als geheimnisvoller W. aus Frischs Montauk), erfährt Max, dass seine alte Liebe Rebecca (Nina Hoss) als erfolgreiche Anwältin immer noch in New York lebt.

 

Return to MontaukFoto © Franziska Strauss

 

Wie bei Max Frisch geht es auch bei Volker Schlöndorff und seinem irischen Drehbuchautoren Colm Tóibín um verpasste Chancen im Leben, um das Bereuen von etwas, das man getan oder auch das man versäumt hat zu tun. Und natürlich um Frauen, die dabei noch mal davon und die nicht darüber hinweg gekommen sind. Als letztere stellt sich auch die zunächst noch recht kühl und abweisend auftretende Rebecca heraus, der Schlöndorff auch noch eine verdrängte DDR-Biografie andichtet. Erst nachdem Max hartnäckig auf einem Treffen besteht, lädt sie ihn zu einer als Hausbesichtigung getarnten Fahrt nach Montauk an den Ort ihrer früheren Liebe ein.

Nun wirkt dieser gealterte Schriftsteller, der in seinem Tweed-Jackett, wie sein amerikanischer Verleger ironisch anmerkt, wie ein europäischer Antiquitätenhändler aussieht und sich in den New Yorker Nightclubs, in die ihn seine jüngere Frau Clara schleppt, sichtlich unwohl fühlt, nicht gerade wie ein unwiderstehlichen Frauenschwarm. Auch die phrasenhaften Antworten des links-intellektuellen Alt-Achtundsechzigers auf Fragen von amerikanischen Journalisten nach dem Zustand der europäischen Kultur entsprechen nur einem inneren Wunsch nach Wandlungsfähigkeit. Im Grunde ist Max doch eher der unflexible Baum, der seinen Erinnerungen nachhängt und diese verklärt. Mit der von Frisch angestrebten „maximalen Aufrichtigkeit gegenüber sich selbst“ ist es da nicht weit her. Die flippige Verlagsassistentin Lindsey (Isi Laborde) muss Max erst ein etwas moderneres Outfit verpassen. Für ihn wegen seines Ausflugs zu lügen, fällt ihr allerdings schon etwas schwerer.

Bis hierhin sind die Charaktere ganz gut gezeichnet. Nur verläuft dann jene Fahrt in die Vergangenheit im sprichwörtlichen Sand der Dünen, in dem Auto und klischeehafter Plot schließlich stecken bleiben. Mit den sehr persönlichen Reflexionen von Max Frisch hat dieser Film wenig zu tun. „Du träumst mich.“ erwidert die spröde Rebecca als Max ihr vorschlägt, mit ihm ein neues Leben zu beginnen, und returniert weiter mit einer langen Beichte über ihr eigenes Liebesglück und -leid. Allein, das macht die Altherrenfantasien des Helden und seines Regisseurs nicht unbedingt erträglicher. Fragen nach Wahrhaftigkeit, Schicksal, Lebenslügen und Selbstbetrug werden hier im Stile einer Vorabendserie für gehobene Intellektuelle abgehandelt. Vielleicht wollte Volker Schlöndorff Max Frisch im Nachhinein auch nur ein Schnippchen schlagen. Wenn sie ihn damals auch einen Lügner nannte, hat Frisch seine echte Lynn aus Montauk Jahre später doch rumgekriegt. Besonders bitter aber ist es, dass Schlöndorff seinen Film auch noch Max Fritsch gewidmet hat. Ein glatter Fall von Selbstüberschätzung.

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Return to Montauk
von Volker Schlöndorff
Deutschland / Frankreich / Irland 2017
Wettbewerb
Kinostart: 11. Mai 2017

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Beuys von Andres Veiel im Wettbewerb

Streitbar ist sicher auch der deutsche Künstler Joseph Beuys, dessen Leben und Werk der Dokumentar- und Spielfilmregisseur Andres Veiel in seinem zweiten Wettbewerbsbeitrag auf der BERLINALE ein fast vollständig aus Archivmaterial geschnittenes filmisches Portrait widmet. In Beuys ist Andres Veiel nicht nur dem Künstler und Menschen auf der Spur, sondern v.a. dem Phänomen, dass die zeitgenössische Kunst einmal das Potential zur Veränderung der Gesellschaft in sich trug. Zumindest war Beuys davon überzeugt, mit der Ahnung dessen, was Menschen an der Kunst interessiert, mit dem Stellen der richtigen Fragen und gezielter Provokation ein Bewusstsein für Veränderungen zu schaffen. Dazu prägte Beuys die Definition des „Erweiterten Kunstbegriffs“ und die der „Sozialen Plastik“. Kreatives Handeln zur Strukturierung und Formung der Gesellschaft.

Man muss allerdings keine Angst haben, hier ginge es vorrangig um sozialwissenschaftliche Theorien oder die genaue Einordung Joseph Beuys in die allgemeine Kunstgeschichte. Veiel interessiert Beuys in erster Linie als politisch denkender Künstler. Es geht um den gesellschaftspolitischen Diskurs, den Beuys ab den 1960er Jahren durch verschiedene Kunstaktionen verstärkt in die Öffentlichkeit trug. Für Beuys ist jeder Mensch ein Künstler und könne durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen. Die Kunst dient dabei zur Bewusstmachung dieses Prozesses. Kunst sei „Nährsubstanz“, erklärt Beuys 1970 in der legendären Podiumsdiskussion „Provokation – Lebenselement der Gesellschaft“ mit Max Bill, Arnold Gehlen und Max Ben, aus der Veiel u.a. auch das schöne Statement hat, dass der Künstler bei einer Revolution natürlich auch auf seine Kosten kommen wolle. Der lachende Beuys ist die Entdeckung Veiels – aber auch der charismatische Selbstdarsteller, der 1965 in einer Galerie in Düsseldorf mit Blattgold im Haar einem toten Hasen die Bilder erklärt.

Veiel geht die wichtigsten Stationen des künstlerischen und politischen Schaffens von Beuys ab. Fettecke, Honigpumpe, The Pack, ein Rudel aus 24 Schlitten mit Filzrollen, oder die 7000 Eichen auf der Documenta 7 1982 in Kassel – eine urbane und ökologische Kunstaktion, auf die Veiel in seinem Film immer wieder zurückkommt. Es ist aber auch Beuys als Lehrer zu sehen, der als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf alle abgelehnten Studenten aufnehmen will und der versammelten Kulturbürokratie eine Öh-Öh-Öh-Rede entgegenhält. Beuys ist auf Windstärke 12 („Vor Hurrikan kommt Sturm.“), wird aber vom damaligen NRW-Wissenschaftsminister Johannes Rau entlassen. Viel Zeit lässt sich Veiel dann für Beuys‘ USA-Aufenthalte mit der großen New Yorker Guggenheim-Ausstellung 1979/80 und seiner bekannten Performance I like America and America likes Me, in der der Künstler sich 1974 mit dem kriegerischen Konflikten der US-Amerikaner auseinandersetzte.

 

Beuys – Foto: Ute Klophaus © zeroonefilm / bpk_ErnstvonSiemensKunststiftung_StiftungMuseumSchlossMoyland

 

Der politische Beuys boxt später für direkte Demokratie und gründet 1980 die Partei der Grünen mit. Der unbequeme Geist wird allerdings 1983 nicht auf einen der vorderen Listenplätze für den Deutschen Bundestag nominiert. Beuys zieht sich enttäuscht zurück. Den privaten Beuys, Beuys als Mensch, gibt es aber kaum zu sehen. Beuys ist immer in Aktion auch im Kreis der Familie. Er ist einer der sich lieber endlos verschleißt. „Wer will schon sterben, wenn er noch gut ist?“ Das wäre ja Verschwendung. Nur einmal, schon recht krank, ein Foto ohne den berühmten Hut als Schutz für seinen selbst diagnostizierten „Dachschaden“, den man ihm im Zweiten Weltkrieg als Jagdflieger „zurechtgeschossen“ hatte. Hier zeigt Veiel Filmbilder des jungen Beuys mit Model- und größerem Segelflieger, später dann ein Foto des 20jährigen Freiwilligen in Wehrmachtsuniform.

Sein Kriegstrauma hat Beuys u.a. 1976 in der Installation zeige deine Wunde thematisiert. Beuys ist hier nicht nur Guru von Düsseldorf, Magier, Medizinmann, Schamane oder Scharlatan, alles Bezeichnungen, mit denen ihn Gesprächspartner Hermann Schreiber 1980 in der Sendereihe „Lebensläufe“ konfrontiert, sondern auch ein „Schmerzensmann der Kunst“. Für den Mitstreiter und Plakatkünstler Klaus Staeck ist der „der Mann am Schalthebel“. Weitere Beglaubigungen bekommt Beuys von seinem ehemaligen Schüler Johannes Stüttgen, der Kunsthistorikerin und Beuys-Mitarbeiterin Rhea Thönges-Stringaris, der Kunstkritikerin und Beuys-Versteherin Caroline Tisdall sowie dem Jugendfreund Franz Joseph van der Grinten, bei dessen Familie der Kunstschüler Beuys seine Depressionen in den 1950er Jahren mit Feldarbeit und verstörenden Zeichnungen bekämpft.

Veiel montiert diese Zeitzeugenberichte zwischen die Filmbilder und Fotos, die er oft im Stil von Kontaktbögen arrangiert und auch nebeneinander abspielt. Das gibt der Collage einen gewissen Drive, der zum Ende hin in immer schnelleren Bildfolgen kulminiert. Man wird in diesem Portrait kaum kritische Stimmen finden oder etwas vom Einfluss auf nachfolgende Künstler wie etwa Christoph Schlingensief erfahren. Es zeigt aber einen Menschen, der Kunst als Kapital ansah, die kapitalistische Ökonomie verändern und das Geld als Ware abschaffen wollte. Darin ist Beuys nach wie vor aktuell.

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Beuys
von Andres Veiel
Deutschland 2017
Wettbewerb
Kinostart: 1. Juni 2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de

Zuerst erschienen am 18.02.2017 auf Kultura-Extra.

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Berlinale 2017 – Der osteuropäische Film triumphiert im Wettbewerb. Interessante Beiträge zeigten auch die Nebenreihen Panorama und Forum.

Donnerstag, Februar 23rd, 2017

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Das osteuropäische Kino triumphiert auf der 67. Berlinale. Das ist durchaus nichts Ungewöhnliches. Einen Goldenen Bären gab es auch schon 2013 für den Film Mutter und Sohn vom rumänischen Regisseur Călin Peter Netzer und auf der Berlinale 2015 teilten sich die polnische Regisseurin Małgorzata Szumowska (Body) und der rumänische Regisseur Radu Jude (Aferim!) einen Silbernen Regiebären. Aber in dieser Breite wie beim diesjährigen Wettbewerb der Berlinale ist die Präsenz guter Filme aus Osteuropa schon durchaus bemerkenswert. Und das liegt sicher nicht nur daran, dass bereits erprobte Berlinale-Regisseure und Regisseurinnen wie Thomas Arslan, Oren Moverman, Sally Potter, Sabu, Volker Schlöndorff oder Hong Sang-soo, der seine besseren Filme wohl lieber in Locarno zeigt, eher etwas schwächelten. Auch große Stars wie Kristin Scott Thomas, Bruno Ganz oder Richard Gere in den englischsprachigen Konversationsdramen The Party und The Dinner konnten nicht überzeugen.

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On Body and Soul von Ildikó Enyedi und Ana, mon amour von Călin Peter Netzer im Wettbewerb

Dafür gelang es der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi mit ihrem Spielfilm Testről és lélekről / On Body and Soul das Publikum wie auch die Kritiker und Wettbewerbsjury gleichermaßen zu berühren. Es holt sich damit nach 8 Jahren wieder eine Frau und nach 42 Jahren eine Ungarin den Goldenen Bären ab. 1975 gelang das überraschend der Regisseurin Márta Mészáros mit ihren Film Die Adoption. So überraschend war das diesmal allerdings nicht. Der Film wurde von Beginn an als Mitfavorit bei den Kritikern gehandelt. Und das durchaus zurecht. Ist es doch auch ein Beleg für die Wirkung von einfühlsamen Beziehungsdramen in einer zunehmend von Schnelligkeit, Brutalität und Gefühlsarmut gezeichneten Welt. Dass hier zwei leicht gehandicapte Außenseiter – die dazu noch in einem von emotionsloser, mechanisierter Gewalt bestimmten Schlachthof arbeiten – zunächst nur in einem gemeinsamen, friedlichen Traum als Hirsch und Hirschkuh zusammenfinden, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, was die Regisseurin auch mit Sinn für subtilen Humor inszeniert.

 

Testről és lélekről (c) Berlinale

 

Nach der Entdeckung dieses vermeintlichen Zufalls bei einer psychologischen Untersuchung wegen eines Diebstahls von Bullenpulver im Schlachthof beginnen die spröde Qualitätsprüferin Mária (Alexandra Borbély) und der Wirtschaftsdirektor Endre (Géza Morcsányi) über ihre Gefühle nachzudenken. In den anfänglich noch etwas ungelenken Annäherungsversuchen zwischen der leicht autistischen jungen Frau, die ihre Berührungsängste bei andauernden Sitzungen mit einem Kinderpsychologen analysieren lässt, und dem älteren Mann mit gelähmten Arm, der glaubte, mit der Liebe eigentlich schon durch zu sein, spielt der Film die Themen Sehnsucht nach körperlicher Nähe und Seelenverwandtschaft auf durchaus witzige Weise durch, ohne die beiden Träumer der Peinlichkeit preiszugeben. Während Mária die Treffen mit Endre mittels Salz- und Pfefferstreuer nachspielt, versucht auch Endre seine eingeübte Zurückhaltung gegenüber anderen abzulegen. Die wenigen drastischen Szenen zeigen nur den bestehenden Kontrast zwischen Traum und Wirklichkeit.

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Zum Ende des Wettbewerbs legte sich die Berlinale noch mal auf die Couch. Es begann mit Nietzsches Jenseits von Gut und Böse und endete dementsprechend mit der Psychoanalyse nach Freud. Der rumänische Regisseur Călin Peter Netzer übt mit seinem neuen Film Ana, mon amour Kritik an den überkommenen Moralvorstellungen einer kranken Gesellschaft, die sich tief bis in die Psyche seiner Protagonisten eingegraben hat. Die junge Studentin Ana (Diana Cavalliotis) leidet seit ihrem 17. Lebensjahr an einer Angststörung und bekommt gleich beim ersten Treffen und besagtem Nietzschedisput mit ihrem Kommilitonen Toma (Mircea Postelnicus) eine Panikattacke. Aber Toma steht ihr ab jetzt fürsorglich bei. Aus den beiden wird schnell ein Paar, dessen Beziehung der Film nun die nächsten sechs Jahre verfolgt und dabei immer wieder in den Zeitebenen hin und her springt.

Ana, mon Amour 
© Real Fiction

Es ergibt sich dadurch ein vielschichtiges Psychogramm zweier Menschen, die aneinander hängen, sich dadurch aber immer mehr zu erdrücken drohen. Die Probleme Anas scheinen aus der Kindheit zu kommen. Ihr Vater hat sich ziemlich zeitig nach Frankreich abgesetzt, mit dem Stiefvater Igor (Igor Caras Romanov) musste sie lange Zeit in einem Bett schlafen. Missbrauchsahnungen schweben unausgesprochen in der Luft. In Tomas intellektuellem Elternhaus ist es nicht viel besser. Die Besuche des Paars enden in beiden Familien jeweils im Eklat mit Vorwürfen und Beschimpfungen. Tomas Vater (Vasile Muraru) ist ein dominanter Mensch, der seinem Sohn den Umgang mit einer Verrückten verbieten will. Die Mutter erweist sich als Glucke, die Toma ein zu großes Herz attestiert. Dass in der Beziehung seiner Eltern auch etwas verdrängt wird, erfahren wir erst in den Einblendungen, in denen Toma Jahre später seine verkorkste Ehe mit Ana analysieren lässt.

Bis dahin macht das Liebespaar gute und schlechte Zeiten durch, die zunächst durch Anas Attacken, ihre Psychopharmaka-Abhängigkeit und eine ungewollte Schwangerschaft gekennzeichnet sind. Hier erweist sich Toma als guter Samariter, der allerdings auch zunehmend in Anas Leben eingreift. „Moral ist nur die Konsequenz von Angst.“ hatte Ana beim ersten Treffen der beiden gesagt. Dass sie diese These selbst tief verinnerlicht haben, beweisen ihre ständigen Versuche neben der Psychoanalyse auch in der orthodoxen Religion der Eltern nach Erlösung und Buße für begangene Sünden suchen. Besonders skurril ist z.B. eine Beichte, bei der Toma vom Priester u.a. das für seine Zigarettensucht verschwendete Geld vorgerechnet bekommt. Hier fallen auch die Worte vom unter den Teppich gekehrten Dreck, der irgendwann wieder zum Vorschein kommt. Hier erweist sich der gestrenge Diener Gottes auf seine ganz spezielle Weise bereits als hellsichtiger Analytiker.

Bis zum bitteren Ende durchlaufen die mittlerweile Verheirateten allerdings weiter ihren fast schicksalhaft vorbestimmten Leidensweg, der sicher bis in alle Ewigkeit andauern würde, begänne Ana sich nach ihrer Therapie nicht aus dem mittlerweile paranoiden Kontrollzwang Tomas zu lösen. Aus der Abhängigen wird nicht ganz ohne Egoismus eine ihr Leben selbst bestimmende Frau. „Kein Gott, keine Moral“ ist Tomas Vorwurf. Er beginnt damit das Verhaltensmuster des eigenen Vaters zu kopieren. Einen Alptraum, bei dem auch ein Pyjama vom Anfang eine Rolle spielt, und ein wenig zu viel Traumdeutung später steht Toma mit seiner Vergangenheitsbewältigung immer noch am Anfang. Nach seinem Goldenen Bären für Mutter und Sohn bei der Berlinale 2013 hat sich Călin Peter Netzer mit Ana, mon amour mindestens für einen Regiepreis bei der Wettbewerbs-Jury empfohlen.

Zuerst erschienen am 18.02.2017 auf Kutura-Extra.

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The Other Side of Hope von Aki Kaurismäki im Wettbewerb

Nach seinem Goldenen Bären bei der Berlinale 2013 empfahl sich Călin Peter Netzer mit Ana, mon amour aber auch für den Silbernen Regiebären, den die Wettbewerbs-Jury allerdings dem finnischen Altmeister Aki Kaurismäki nach dessen angesagtem Rückzug vom Filmgeschäft für seine Flüchtlings-Tragikomödie The Other Side of Hope sozusagen als Ehrengabe überreichte. Auch diese Entscheidung kann man akzeptieren, setzt Kaurismäki mit seinem Film doch auch ein wichtiges Signal für mehr Solidarität und Menschlichkeit.

 

The Other Side of Hope – © Sputnik Oy / Malla Hukkanen

 

Der finnische Sonderling unter den europäischen Regisseuren ist seiner Ästhetik aus 50er Jahre Interieur, lakonisch sparsamen Dialogen, alkoholgeschwängerter Melancholie und Rockabilly-Sound seit Jahren fast schon stoisch treu geblieben. Mit The Other Side of Hope spinnt er konsequent seine Geschichten von den einsamen aber unverwüstlichen Unterdogs aus Wolken ziehen vorüber, Lichter der Vorstadt, Der Mann ohne Eigenschaften oder Le Havre weiter. Die zwei zunächst parallel verlaufenden Handlungen um den älteren Hemdenverkäufer Wikström (Sakari Kuosmanen), der mit dem Gewinn aus einer Pokerparty seinen Traum vom eigenen Restaurant verwirklichen will und den syrischen Flüchtling Khaled (Sherwan Haji), der als blinder Passagier auf einem Kohlefrachter in Helsinki ankommt und in die Mühlen einer emotionslosen Einwanderungsbürokratie gerät, führt Kaurismäki auf gewohnt kuriose Weise zusammen.

Auch in diesem Film wimmelt es von skurrilen Typen, die rauchen, trinken und melancholische Lieder singen. Dabei versucht jeder nur irgendwie über die Runden zu kommen. Da fügt sich Khaled mit seinem Traum vom Glück und der Hoffnung, seine auf der Flucht verlorene Schwester irgendwann wieder zu finden, nahtlos ein. Es entspinnt sich ein utopisches Gesellschaftsmärchen von der Macht des Zusammenhalts kleiner Leute, die trotz eigener Probleme und gut gepflegter Eigenheiten ihren sympathischen Sinn für Gerechtigkeit auch jenseits von Legalität und staatlicher Autorität noch nicht ganz verloren haben. Dass das kaum der Realität entsprechen dürfte, aber immer auch denkbar bleibt, entspricht der einfachen und trotzdem wirkmächtigen Philosophie von Kaurismäkis Filmen.

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Insyriated von Philippe Van Leeuw und Inflame von Ceylan Özgün Özçelik im Panorama sowie My Happy Family von Nana & Simon im Forum

Die Berlinale bleibt das Festival der kleineren Produktionen auch in den Nebensektionen Forum und Panorama. Dort wurde zumindest der politische Anspruch des Internationalen Berliner Filmfestivals eingelöst. Und so kann es auch nur verwundern, dass der Gewinner des Panorama-Publikumspreises Insyriated von Philippe Van Leeuw, oder der äußerst ambitionierte türkische Spielfilm Kaygı / Inflame von Ceylan Özgün Özçelik nicht im Wettbewerb liefen. Während sich die Berlinale-Verantwortlichen auf der Abschlussfeier demonstrativ mit dem in der Türkei inhaftierten Journalisten und Welt-Korrespondenten Deniz Yücel solidarisierten, schob man den einzigen türkischen Filmbeitrag, der noch dazu von Zensur und Einschränkung der Pressefreiheit handelt, in die Nebenreihe Panorama Special ab.

Der im Libanon gedrehte Spielfilm Insyriated zeigt eine syrische Familie, bestehend aus Mutter, Kindern, Großvater, philippinischer Haushälterin und einem Paar mit Baby, die in einer Wohnung im umkämpften Damaskus festsitzen, in ständiger Bedrohung durch Bomben, Scharfschützen und marodierende Einbrecherbanden, die nach Wertsachen in den verlassenen Wohnungen suchen. Der belgische Regisseur Philippe Van Leeuw lässt die Zuschauer dieses klaustrophobischen Kammerspiels ziemlich unmittelbar am Alltag im Ausnahmezustand teilhaben. Die Entscheidung zu gehen oder zu bleiben, kann zu einer unmittelbaren Entscheidung über Leben und Tod werden. Der fast gefühllos erscheinende Pragmatismus der Mutter (dargestellt von der aus den Berlinale-Filmen Paradise Now und Lemon Tree bekannten israelisch-arabischen Schauspielerin Hiam Abbass) dient dabei allein dem Überleben der Familie während der Abwesenheit des Vaters.

 

Insyriated© Altitude 100 / Virginie Surdej

 

Ähnlich düster und beklemmend ist auch der türkische Spielfilm Kaygı, der zunächst einer jungen Cutterin bei ihrem Arbeitsalltag in einem Fernsehsender in Ankara folgt. Hasret (Algı Eke) muss erleben, wie Inhalte von Nachrichten und Interviews auf Anweisung der Senderverantwortlichen manipuliert werden. Auch die Benutzung sozialer Netzwerke auf den Firmencomputern wird untersagt und die politisch interessierte und ihre Meinung engagiert vertretende Hasret verliert schließlich ihren Job. In der großen Wohnung, in der sie nach dem Tod der Eltern allein lebt, beginnt sie nun, deren 20 Jahre zurückliegenden Unfall auf dem Weg zu einem Musikfestival in Anatolien neu zu untersuchen. Auch hier scheint die Wahrheit verfälscht worden zu sein. In einer zunehmenden Paranoia vermischen sich immer mehr fremde Stimmen mit hochkommenden Erinnerungssplittern im Kopf der jungen Frau.

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Auch im Forum der jungen internationalen Films gab es einen Beitrag aus dem erweiterten osteuropäischen Raum, der im Wettbewerb durchaus hätte bestehen können. Nana Ekvtimishvili und Simon Groß waren bereits 2013 mit ihrem ersten gemeinsamen Spielfilm Grzeli nateli dgeebi / In Bloom zu Gast im Forum. Damals portraitierte das georgisch-deutsche Regiepaar zwei 14jährige Mädchen im postsowjetischen Georgien zwischen patriarchaler Tradition und Moderne. In der deutsch-georgisch-französischen Koproduktion Chemi bednieri ojakhi / My Happy Family beschäftigen sich Nana & Simon nun mit der Müttergeneration.

 

My happy Family© Tudor Vladimir Panduru

 

Die 52jährige Lehrerin Manana (Ia Shugliashvili) lebt mit ihrem Mann, Sohn und Tochter, die ebenfalls verheiratet ist, und ihren Eltern zusammen in einer Wohnung in Tiflis. Ein Dreigenerationenhaushalt, wie er in Georgien nicht unüblich ist. Es wird früh geheiratet. Das Glück der Frauen ist es, Kinder zu kriegen und sich allseits für die Familie aufzuopfern. An ihrem Geburtstag, der wie immer groß gefeierte werden muss, eröffnet die erschöpfte Manana der versammelten Großfamilie, dass sie eine kleine Wohnung gemietet hat und ausziehen wird. Daraufhin beruft der erweiterte Verwandtenkreis den großen Familienrat ein. Mutter, Bruder, Ehemann, Tanten und Onkel reden der Abtrünnigen unablässig ins Gewissen und in deren neues Leben hinein. Es steht das Ansehen der Familie auf dem Spiel. Davon bekommt die Großmutter Schnappatmung und Mananas Bruder sorgt sich um die Ehre seiner Schwester.

Natürlich haben auch die Kinder ihre ersten Liebesprobleme, was die Mutter immer wieder in den Kreis der Familie zurücktreibt. Ansonsten genießt Manana die Ruhe, trifft alte Schulfreunde und beginnt sich wieder um ihre eigenen Interessen zu kümmern, wie etwa dem Gitarrenspiel. Die Kamera wechselt beständig zwischen Großszenen, in denen geredet, getrunken und auch viel gesungen wird, und den ruhigen Bildern in Mananas neuem Refugium. Nana & Simon bringen der Frau auf Suche nach sich selbst viel Verständnis entgegen und lassen ihr jede Zeit zum Nachdenken. Ob sich die angeknackste Beziehung zu ihrem Ehmann Soso (Merab Ninidze) wieder kitten lässt der Film offen. My Happy Family zeigt neben einem eindrücklichen Gesellschaftsbild auch weiteres interessantes Frauenportrait, das ebenso gut auch den Wettbewerb hätte bereichern können.

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Testről és lélekről / On Body and Soul
von Ildikó Enyedi
Ungarn 2017
Wettbewerb

Ana, mon amour
von Călin Peter Netzer
Rumänien / Deutschland / Frankreich 2016
Wettbewerb

The Other Side of Hope
von Aki Kaurismäki
Finnland / Deutschland 2017
Wettbewerb
Kinostart: 30. März 2017

Insyriated
von Philippe Van Leeuw
Belgien / Frankreich / Libanon 2017
Panorama

Kaygı / Inflame
von Ceylan Özgün Özçelik
Türkei 2017
Panorama Special

Chemi bednieri ojakhi / My Happy Family
von Nana & Simon
Deutschland / Georgien / Frankreich 2017
Forum

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de

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Filme aus Polen, Ungarn und Russland dominieren den Spielfilm-Wettbewerb auf dem 26. FilmFestival Cottbus – Ein Fazit und die Preisträger

Dienstag, November 15th, 2016

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26-ffc2016_jahrgangsmotiv_hoch_4c-rucksackEchte Komödien sind in den Wettbewerbs-Sektionen internationaler Filmfestspiele rar gesät. Meist verbinden die FilmemacherInnen in ihren Werken den Humor mit einer Geschichte über eher tragische Figuren oder auch mit Elementen des Genres. Und so ist es dann auch etwas verwunderlich, wie es relativ mainstreamhaft produzierte Blockbuster wie Planet Single (vom polnischen Regisseur Mitja Okorn) in den Spielfilm-Wettbewerb des FilmFestivals Cottbus schaffen. Wohl auch eine Konzession ans Publikum, das hier ausgiebig über das Format von Reality-TV-Shows privater Sender und deren Ausnutzung von Online-Dating-Opfern lachen kann. Mit gutgemachter Satire hat das leider wenig zu tun und zerrt mit 135 Minuten auch etwas an feiner ausgebildeten Geschmacksnerven. Trotzdem war der Publikumspreis wohl unausweichlich. Sei’s drum. Humor geht auch anders.

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Das beweisen Beiträge wie die Fake-Documentary Houston, wir haben ein Problem! über das angebliche jugoslawische Raumfahrtprogramm von Regisseur Žiga Virc oder der ungarische Spielfilm Kills on Wheels von Regisseur Attila Till, der auf mehreren Ebenen punkten kann. Mit der Geschichte über zwei Teenager mit körperlichem Handicap, die sich mit einem ebenfalls im Rollstuhl sitzenden Ex-Knacki zusammentun, setzt der Regisseur auf sogenannte gesellschaftliche Außenseiter, denen er mit einem Gangsterplot auch noch eine unerwartete Genre-Identität verpasst. Der junge Zoli (Zoltán Fenyvesi) hat eine progressive spinale Muskelatrophie und benötigt dringend eine kostspielige Wirbelsäulenoperation, die er sich nicht von seinem Vater, der die Mutter verlassen hat, bezahlen lassen will. Im Krankenhaus lernt er den querschnittsgelähmten ehemaligen Feuerwehrmann Janos Rupaszov (Szabolcs Thuróczy) kennen, der nach einem Knastaufenthalt Mordaufträge des serbischen Mafiaboss‘ Radoš (Dusan Vitanovics) ausführt. Gemeinsam mit seinem Freund Barba (Ádám Fekete), der an einer Zerebralparese mit Tremor leidet, beginnt Zoli Janos bei seinen gefährlichen Aufträgen zu helfen. Die Erlebnisse hält der Junge in einer Comic Novell fest, die bildlich in die Story integriert ist. So verbindet der Film auf interessante Weise Genre-Kino mit Animation und Humor, der nie zu Lasten der Protagonisten geht. Dafür gab es den FIPRESCI-Preis.

 

Kills on Wheels beim 26. FilmFestival Cottbus - (c) HNFF World

Kills on Wheels beim 26. FilmFestival Cottbus – (c) HNFF World

 

Auch ein rumänischer Tarantino (vermutlich wegen eines geheimnisvoll abgetrennten Fußes) war für den Spielfilmwettbewerb angekündigt. In Cannes vermochte Câini (Hunde) von Regisseur Bogdan Mirica zumindest noch die Kritikerjury zu begeistern. In Cottbus ging der Streifen über mafiöse Grundstücksgeschäfte in der rumänischen Einöde, die von einem alten, krebskranken Gesetzeshüter verfolgt werden, bis nach etwa 100 Minuten endlich mehrere Leichen im Steppengras liegen, leer aus. Ähnlich wie die unerfüllten Preishoffnungen der beiden georgischen Beiträge, die entweder in Das Haus der Anderen, einem Film über den Krieg in Abchasien von Rusudan Glurjidze, im pathetischen Dauerregen ertranken, oder in Annas Leben von Nino Basilia über ein überambitionierten Drehbuch stolperten, in dem eine alleinerziehende Mutter mit autistischem Sohn für ein Visum in die USA alles nur Erdenklich tut – bis hin zur verzweifelten Kindesentführung. Zumindest vermittelte das neben einer gewissen Spannung auch noch einen durchaus sozialkritischen Hintergrund, während All the Cities of the North vom serbischen Regisseur Dane Komljen mit Architektur-Ruinen nur sehr elegisch postsozialistische Agonie bebilderte.

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Aber nicht nur Komödie, Krimi oder Sozial-Drama – in die Reihe der Beiträge des 26. FilmFestival Cottbus, die sich durch ein geschicktes Spiel mit Wirklichkeit und Fiktion auszeichneten, fügten sich auch nahtlos sogenannte Biopics ein. Ob nun im Kino oder TV, das Genre ist mehr denn je in Mode. So gab es auch neben dem Spielfilm-Wettbewerb in der Sektion Spektrum einen filmischen Beitrag über die Anarchistin, Sozialrevolutionärin und angeblich Lenin-Attentäterin Fanny Kaplan. Der ukrainische Spielfilm Meine Großmutter Fanny Kaplan von der Regisseurin Olena Demyanenko ist sehr um die Rehabilitierung der fast vergessenen, in Russland verpönten und in alten Propagandafilmen verunglimpften Frau bemüht. Einige fehlende Seiten in den Geheimdienstakten Fanny Kaplans nimmt der Film zum Anlass, ein rührendes Liebesdrama zu erzählen, verbunden mit einer Räuberpistole um den Anarchisten und Kaplan-Geliebten Viktor Garskiy sowie einer Geheimdienstverschwörung, in der die Beziehung der zeitweilig erblindeten Fanny Kaplan zu ihrem Arzt und Lenin-Bruder Dmitri Iljitsch Uljanow eine Rolle spielt. Gestützt wird das Ganze durch Interviews mit einer Enkelin Fanny Kaplans. Allerdings kann und will der Film zwischen Fiktion und Fakten nicht wirklich zur Aufklärung der tatsächlichen Geschehnisse beitragen.

 

The Last Family beim 26. FilmFestival Cottbus - (c) Hubert Komerski

The Last Family beim 26. FilmFestival Cottbus
(c) Hubert Komerski

 

Auf vielen originalen Film- und Tonaufnahmen, die der polnischen Maler Zdzisław Beksiński über drei Jahrzehnte in seiner Warschauer Wohnung aufgenommen hat, basiert dagegen der polnische Wettbewerbsbeitrag The Last Family (Die letzte Familie) von Jan P. Matuszyński. Der Regisseur hat die Unmengen an Archivmaterial durchstöbert und daraus einen bemerkenswerten Spielfilm gemacht, der uns die Familie des Malers (Andrzej Seweryn) und vor allem seines psychisch kranken Sohnes Tomasz, einem bekannten polnischen Radiomoderator der 1980 Jahre, näher bringt. Die Beiden genießen einen gewissen Kultstatus in Polen. Trotz dass der Film kaum auf die politischen Ereignisse und gesellschaftliche Umbrüche im Land eingeht, zeigt er ein eindrucksvolles Lebens-Portrait einer Familie, die sich eine Welt aus Malerei, Film und Musik in ihren eigenen vier Wänden aufbaut. Für die Rolle des Tomasz erhielt Dawid Ogrodnik den Preis für den besten Darsteller.

Ebenfalls in der eigenen Wohnung gedreht ist der ungarische Wettbewerbs-Beitrag It’s not the time of my Life von Regisseur Szabolcs Hajdu. Man verzichtete ganz bewusst auf die Beantragung von Fördermitteln beim ungarischen Staat, um so ganz unabhängig in der Arbeit und Produktion zu sein. Die Kamera übernahmen wechselnd einige Filmstudierende des Regisseurs, der hier sein eigens Theaterstück über zwei gut bürgerliche, mit einander verwandte Familien verfilmt hat. Es wird über Lebensentwürfe, Beziehungsprobleme und Kinderziehung gestritten. Ein starkes Filmportrait einer über soziale und politische Themen entzweiten Gesellschaft. Das war der Wettbewerbs-Jury den Preis für die beste Regie wert. Das unabhängige ungarische Kino ist wieder da.

 

It's not the Time of my Life beim 26. FilmFestival Cottbus - (c) Filmworks-Ltd

It’s not the Time of my Life beim 26. FilmFestival Cottbus 
(c) Filmworks-Ltd

 

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Was nie wirklich weg war, ist das russische Kino, das seit Jahren mit dem „Russkiy Den“ seinen festen Platz im Cottbuser Festivalprogramm einnimmt. Ob nun mit einer Mediensatire über einen angeblichen Mann aus der Zukunft, der die Zeugung des Erlösers der Welt verspricht, einem Omnibusfilm mit verschiedenen Frauenportraits aus dem modernen St. Petersburg (St. Petersburg-Selfie), oder einer Gaunerkomödie (S/W), die auf einer Flucht durch die russische Provinz einen Kaukasier und einen russischen Rechts-Nationalisten zusammenbringt; die filmische Qualität und Beliebtheit der russischen Beiträge ist ungebrochen. So verwundert es auch nicht, dass der russische Regisseur Tverdovskiy nach Klass Korrektsii vor zwei Jahren auch bei seiner zweiten Teilnahme am Cottbuser Wettbewerb den Preis für den besten Film einheimste.

 

Zoologiya beim 26. FilmFestival Cottbus - (c) New Europe Film Sales

Zoologiya beim 26. FilmFestival Cottbus
(c) New Europe Film Sales

 

In Zoologiya (Zoologie) erzählt Ivan I. Tverdovskiy die Kafka‘sche Gregor-Samsa-Parabel einmal ganz anders. Als die unscheinbare Zoo-Angestellte Natascha eines Tages entdeckt, dass ihr ein Schwanz wächst, lebt sie einerseits in ihrer Liebe zum Röntgenarzt auf, erfährt aber auch gesellschaftliche Ablehnung von Kollegen und in religiösem Aberglauben verhafteten Nachbarn. Für ihre Darstellung der Natascha erhielt Natalia Pavlenkova den Preis für die beste Schauspielerin. Ein Betrag, „der die perfekte Verbindung schafft zwischen hoher künstlerischer Qualität und einem außerordentlichen Feingefühl für menschliche Werte. In einer starken Metapher erzählt uns der Film eine originelle und emotionale Geschichte über Einsamkeit, Liebe, Hoffnung und Lebenswillen in einer Gesellschaft voller Bigotterie, Vorurteile und Gefühllosigkeit gegenüber anderen. Mit viel Humor, Ironie und echtem Gefühl hat uns dieser Film eine andere Perspektive auf Menschlichkeit gezeigt“. Der Jury-Begründung ist da nichts weiter hinzuzufügen.

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26. FilmFestival Cottbus
08. – 13.11.2016
Infos: http://www.filmfestivalcottbus.de/de/

Zuerst erschienen am 14.11.2016 auf Kultura-Extra.

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Wirklichkeit und Fiktion in einigen Beiträgen des recht vielfältigen Programms auf dem 26. FilmFestival Cottbus

Montag, November 14th, 2016

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26-ffc2016_jahrgangsmotiv_hoch_4c-koffer

Neben zwölf Spielfilmen aus immerhin 18 Koproduktionsländern, die das Rennen um die Gläserne Lubina bestreiten, ist auch in den anderen Sektionen des 26. FilmFestivals Cottbus das Programm und die Themenauswahl der FilmemachereInnen recht vielfältig. Ob Filme nach wahren Begebenheiten, sogenannte Mockumentarys oder rein Dokumentarisches, das Publikum wird gleich zu Beginn des Festivals in mehreren Beiträgen vom Spiel zwischen Wirklichkeit und Fiktion in Bann geschlagen.

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Die bulgarische Regisseurin Iglika Triffonova beschäftigt sich in Der Ankläger, der Verteidiger, der Vater und sein Sohn – nach Investigation (2007), ihrem zweiten Spielfilm im Cottbusser Wettbewerb – wieder mit der wahren Geschichte eines Gerichtsprozesses. Der international breit koproduzierte Streifen handelt von einem Kriegsverbrecherprozesses vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag. Hier soll ein Zeuge der engagierten Anklägerin gegen einen Kommandeur der Armee der bosnischen Serben aussagen, der wegen der Erschießungen von bosnischen Muslimen in Bratunac in der Nähe von Srebrenica angeklagt ist. Die Identität des jungen Sodaten, der in einer serbischen Garde gedient hatte und in Sarajevo in Haft sitzt, ist aber zweifelhaft. Die ehrgeizige, katholische Anwältin stellt das Gesetz als Korrektiv in der Welt über alles. Sie will den serbischen Offizier, für den Bosnien nur das Land des Hasses ist, unbedingt verurteilt sehen.

 

The Prosecutor the defender the father and his Son beim 26. FilmFestival Cottbus - (c) East West Filmdistribution GmbH

The Prosecutor the defender the father and his Son beim 26. FilmFestival Cottbus – (c) East West Filmdistribution GmbH

 

Der Verteidiger findet bei seinen Nachforschungen aber die Eltern des sich als Waise ausgebenden Jungen und holt dessen Vater aus Bosnien nach Den Haag. Das Wiedererkennen der Beiden lässt das fragile Kartenhaus der Anklage vor Gericht zusammenbrechen. In den parallelen Handlungssträngen verfolgt die Regisseurin die Geschichten der Anklägerin, des Verteidigers und die von Vater und Sohn. Die Ansichten von Recht und Gesetz, Lüge, Wahrheit und Gerechtigkeit gehen dabei oft weit auseinander und ihre ganz eigenen Wege als von den Protagonisten vorhergesehen. Während die Freude der unerwarteten Familienzusammenführung bald wieder im Dschungel der Paragrafen verloren zu gehen droht und sich der Verteidiger mehr und mehr zum Anwalt von Sohn und Vater macht, erschwert auch der unüberlegte Deal der Anklägerin die Gerechtigkeit für die Opfer. Die Wahrheitsfindung erweist sich wieder mal als schweres, langwieriges Geschäft.

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Ein System aus Angst und Misstrauen beschreibt der slowenische Regisseur Damian Kozole in seinem Wettbewerbsbeitrag Nightlife. Auch hier geht es nach einer wahren Begebenheit um einen erfolgreichen politischen Anwalt, der eines Nachts nackt und mit blutigen Hundebissen auf der Straße aufgefunden wird. Als auch noch ein großer Dildo bei dem Verletzen gefunden wird und die Polizei im Privatleben des Anwalts zu ermitteln beginnt, befürchtet seine Frau eine politische Intrige und den medialen Rufmord an ihrem Mann. Der Film verfolgt in düsteren, klaustrophoben Bildern im Krankenhaus und auf einer Polizeistation die Bemühungen der Frau, ihren Mann, der im OP mit dem Tode ringt, zu entlasten. Dabei versucht sie sogar den Notarzt zu bestechen, da sie kein Vertrauen in die schlampigen Ermittlungsmethoden der Polizei hat. Kennen wir uns wirklich, und wie kommt es zu solchen Szenarien der Angst in einer Gesellschaft – das sind die brennenden Fragen, die der Film aufwirft. Leider verliert er sich dabei mit seinen langen Kameraeinstellungen auch etwas in der Einsamkeit seiner von der bekannten slowenischen Schauspielerin Pia Zemljič dargestellten Hauptfigur.

 

Nightlife beim 26. FilmFestival Cottbus - (c) Vertigo

Nightlife beim 26. FilmFestival Cottbus – (c) Vertigo

 

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Eine schräge, fiktive Dokumentation (ein sogenanntes Mockumentary) hat der slowenische Regisseur Žiga Virc mit Houston, wir haben ein Problem! gedreht. Er nutzt dabei eine in Ex-Jugoslawien verbreitete Verschwörungstheorie, Tito hätte das jugoslawische Raumfahrtprogramm in den 1960er Jahren für 2,5 Mrd. US-Dollar Entwicklungshilfe an die USA verkauft. Dafür werden fiktive Zeitzeugen, wie etwa ein ehemaliger, kroatischer Raumfahrt-Ingenieur und seine Tochter, die er damals verlassen musste, sowie ein ehemaliger serbischer Sicherheitschef aufgefahren, um diese steile These glaubhaft darzulegen. Mit jeder Menge filmischem Archivmaterial und der Hilfe von US-amerikanischer Historikern, die die Zeitzeugen zu ehemaligen unterirdischen Bunkern und Ruinen eines Testgeländes führen, entsteht ein politisches Panorama des ehemaligen Jugoslawien, das über die Zeit von 1961 bis in die 1990er Jahre und mehreren Besuchen Titos in Amerika bei US-Präsidenten wie Kennedy, Nixon, Carter und Clinton reicht.

 

Houston, wir haben ein Problem! beim 26. FilmFestival Cottbus - (c) Catdocs

Houston, wir haben ein Problem! beim 26. FilmFestival Cottbus – (c) Catdocs

 

Im klassischen Stil wird mit viel Aufwand eine Verschwörung behauptet, die die Amerikaner zur Destabilisierung Jugoslawiens angezettelt hätten, nachdem sie die Unausgereiftheit der jugoslawischen Weltraumpläne erkennen mussten. Das geht von einem Attentat an Tito in Kennedys Zeit über einen geplatzten Autodeal bis zu den Balkankriegen und der Bombardierung Serbiens durch die NATO. Und Žiga Virc inszeniert das wirklich spannend und witzig. Allerdings nimmt der Regisseur mit diesem gefakten Dokumentarfilm auch die Leichtgläubigkeit der Menschen aufs Korn. Als entlarvenden Sidekick hat er den bekannten slowenischen Philosophen Slavoj Žižek engagiert, der das Ganze in Interviews über Mythenbildung und Manipulationspraktiken spricht. Mit recht einfachen Behauptungen lassen sich so die komplexesten Vorgänge relativ schnell in Zweifel ziehen.

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Kein Fake ist der Dokumentarfilm Transit Havanna, den Daniel Abma als Abschlussfilm für sein Regiestudium an der Filmuniversität Babelsberg vor Ort in Kuba gedreht hat. Das FilmFestival des osteuropäischen Films in Cottbus gönnt sich in diesem Jahr also einen Kuba-Fokus und begründet das mit dem politischen und wirtschaftlichen Wandel, auf dessen Weg sich Kuba seit 1995 befindet und den man durchaus mit der Transition, die viele Länder Ost- und Mitteleuropas nach dem Zusammenbruch des Kommunismus Anfang der 1990er Jahre erlebt haben, vergleichen könne. Der „diskrete Charme des tropischen Sozialismus“ befindet sich als in der Transformation, was bestens zu den ProtagonistInnen des Films passt, deren Geschlecht ein Binnen-I noch nicht ausreichend klärt.

 

Transit Havanna beim 26. FilmFestival Cottbus - (c) Rise and Shine World Sales

Transit Havanna beim 26. FilmFestival Cottbus
(c) Rise and Shine World Sales

 

Daniel Abma, der 2015 für seinen ebenfalls in Cottbus gezeigten Dokumentarfilm Nach Wriezen den Grimme-Preis erhielt, porträtiert in seinem neuen Film drei kubanische Transsexuelle. Die in der LGBT-Community sehr engagierte Malú, die sehr religiöse Odette, die früher Offizier in der kubanischen Armee war, und Juani, den älteste Transsexuellen Kubas, der seit 1970 für seine Rechte kämpft. Alle drei haben sehr mit der fehlenden Toleranz in der zumeist traditionellen oder religiös geprägten kubanischen Gesellschaft zu kämpfen. Ihnen sollen einmal im Jahr ins Land kommende, niederländische Ärzte und ein staatliches Programm, das von der Tochter des jetzigen Staatschefs Raúl Castro, Mariela Castro, und ihrem Nationalen Zentrum für sexuelle Aufklärung (CENESEX) unterstützt wird, helfen. Dabei geht es neben der Aufklärung der Familienangehörigen auch um die Information der kubanischen Bevölkerung, um die Akzeptanz für Trans-Menschen zu fördern.

Natürlich fängt die europäische Filmcrew bei ihrem Dreh auch den normalen, durch Wohnungs- und Geldnot sowie Lebensmittelrationierung geprägten Alltag auf Kuba ein. Einmal fällt mitten in einem Fernsehinterview mit Mariela Castro der Strom aus, und auch der Notstrom-Akku ist leer. In eindrucksvollen Bildern und Interviews werden die Probleme der einfachen Leute in der Stadt und auf dem Land dargestellt. Man hat gelernt sich in der Situation einzurichten, repariert vieles selbst und hofft stets auf Besserung – genau wie auf die jedes Jahr neu anstehende Entscheidung einer Kommission über die geschlechtsumwandelnde Operation. Kuba, ein Land im Wartestand zwischen sozialistischen Parolen und dem fast unaufhaltsam scheinenden Wandel. Der bereits mit mehreren Preisen bedachte Festivalrenner ist letzte Woche in den deutschen Kinos gestartet.

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TRANSIT HAVANA | TRANSIT HAVANNA | TRANSIT HAVANA (Niederlande, Deutschland 2016, 89 min)
Regie: Daniel Abma
Kamera: Johannes Praus
Kinostart in Deutschland: 03.11.2016

Fazit mit Preisen des Spielfilm-Wettbewerbs folgt.

26. FilmFestival Cottbus
08. – 13.11.2016
Infos: http://www.filmfestivalcottbus.de/de/

Zuerst erschienen am 11.11.2016 auf Kultura-Extra.

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Tschick – Fatih Akin hat den Jugendbuch-Bestseller von Wolfgang Herrndorf verfilmt

Mittwoch, September 28th, 2016

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tschick_filmposterDer 2010 erschienene und mittlerweile in 24 Sprachen übersetzte Jugendroman Tschick von Wolfgang Herrndorf hat lange auf eine Verfilmung warten müssen, obwohl der 2013 verstorbene Autor die Filmrechte bereits 2011 verkauft hatte. Zur gleichen Zeit kam die erste Bühnenadaption des Dramaturgen Robert Koall am Staatsschauspiel Dresden heraus. Es sollten viele weitere folgen. Mittlerweile ist Tschick das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen. Der posthum veröffentlichte Roman Bilder deiner großen Liebe (Dresden, Potsdam, Zürich) tut es dem Vorgänger nach. Das Theater, das sich gern in der Literatur und beim Film bedient, hat hier klar die Nase vorn. Auch weil Filmfinanzierungen immer etwas länger dauern oder andere Probleme ein Projekt in die Länge ziehen können.

So auch hier. David Wnendt (Kriegerin, Feuchtgebiete, Er ist wieder da), der zuerst als Regisseur vorgesehen war, sprang ab (aus Termingründen, wie es heißt) und Fatih Akin ebenfalls schon länger am Buch interessiert, kam doch noch zum Zug. Es folgten eine Drehbuchüberarbeitung zusammen mit Hark Bohm und die Umbesetzungen der Hauptrollen. Man geriet in Zeitdruck. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für den Erfolg eines so ambitionierten Projekts. Trotz allen Widrigkeiten lässt sich das Ergebnis (seit letzter Woche in den deutschen Kinos) durchaus sehen.

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Fatih Akin hat die Geschichte der beiden 14jährigen Jungen Maik und Tschick, die in einem geklauten Lada quer durch den Süden Brandenburgs unterwegs sind, recht behutsam adaptiert. Es ist kein krachiges Road-Movie geworden, obwohl es schon mit einem großen Knall beginnt und sich dann von Station zu Station wieder zum finalen Anfang hinbewegt. Auch wird neben der leiernden Richard-Clayderman-Kassette im Auto mit dem Gefühlsreißer „Pour Adeline“ noch so manch anderer zeitgemäßer Sound von K.I.Z., den Beginners, Betasteaks oder SEEED eingespielt. Und zu „Willkommen im Dschungel“ von Bilderbuch heizt man mit Begeisterung in Schleifen durchs Maisfeld.

Ein paar Nebenstränge sind gekappt, die Vorgeschichte ist sinnvoll gestrafft, und im letzten Teil der Reise hat Fatih Akin die Story etwas umgeschrieben. Ansonsten streift der Film alle wichtigen Orte. Etwa Maiks Heim mit der dauerbetrunkenen, Tennis spielenden Mutter, die zur Entziehung auf die „Beautyfarm“ fährt und dem Immobilien-Vater, der, bevor er mit seiner jungen Assistentin auf Geschäftsreise geht, dem Sohn noch zweihundert Euro rüberschiebt, nicht ohne den Hinweis, keinen Scheiß zu bauen. Oder die Schule, in der Maik nur der „Psycho“ ist und von der schönen Tatjana nicht bemerkt wird, bis er mit Tschick, dem „Asi“ und Spätaussiedler aus Russland, und einer Beyoncé-Zeichnung mit dem Lada-Niva auf der Geburtstagsparty der Angebeteten auftaucht, nur um diese mit quietschenden Reifen wieder zu verlassen.

 

Tschick - Foto (c) Studiocanal GmbH

TschickFoto (c) Studiocanal GmbH

 

Die beiden Außenseiter werfen Smartphone und Schnapspulle über Bord und machen sich ohne Landkarte auf die Suche nach Tschicks Großvater in der Walachei. Herrndorfs Buch beschreibt hier das unbekümmerte Lebensgefühl, jung zu sein. Eine Bandbreite der Gefühle von Himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Der Trick Herrndorfs ist, dass Maik und Tschick zwar die Welt der Erwachsenen fliehen, diese aber klug beobachtend immer wieder reflektieren, was Maik als Erzähler auch im Film manchmal tut. Akin hat einiger dieser Passagen fast im Wortlaut übernommen, auch viele tolle Dialoge der Jungen, in denen ein Stichwort das nächste gibt und ganze Reflexionsketten entstehen. So wird ein Blick in den Nachthimmel unter Windrädern und ein Gespräch über den Science-Fiction-Film Starship Troopers zur kleinen Philosophiestunde über die Unendlichkeit.

Herrndorfs Roman ist eine Hommage ans Kino wie den Lesestoff ganzer Jugendgenerationen von Huckleberry Finn über den Steppenwolf bis zum Fänger im Roggen. Mit Goethe und Eichendorfs Entwicklungsromanen ist Herrndorfs Stoff verglichen worden. Superlative, die im Buch nie abheben und immer wieder schön lakonisch geerdet werden. Diesem Sprachstil müssen Fatih Akins Bilder einfach hinterherhinken. Der Film macht das mit zwei außergewöhnlichen Hauptdarstellern wett. Tristan Göbel als Maik und Anand Batbileg als Tschick, die nicht nur vom Äußeren her ihre Rollen bestens ausfüllen. Natürlich kommt auch der schräge Humor Herrndorfs nicht zur kurz. Er spiegelt sich in den zahlreichen skurrilen Nebenfiguren vom „Adel auf dem Radel“ über die Nachtisch-Quiz-Familie auf dem Land bis zu Eltern, Lehrern und Dorfpolizisten, alle hochkarätig besetzt.

Bleibt noch die wichtigste Nebenfigur. Isa von der Müllkippe (Mercedes Müller), der Herrndorf bekanntlich seinen letzten, unvollendeten Roman gewidmet hat. Sie ist das weibliche Pendant der beiden träumenden Jungs. Im Film leider etwas zu strength im Ton. Dass sie auch leisere, verletzliche Seiten hat, klingt in der kurzen Flirtszene mit dem unsicheren Maik an. Ein Charakter, der mehr Raum verdient hätte. Auch das Nilpferd mit dem Feuerlöscher oder der Rentner Horst Fricke, der vom Krieg und der Liebe erzählt, sind gestrichen. Den Fuß verletzt sich Tschick durch einen Splitter des schmalen Holzstegs, über den Maik dann erstmals selbst fahren muss. Dass Herrndorf hier immer wieder das Große im Kleinen spiegelt, schien Fatih Akin wohl etwas zu redundant. Das zieht dem guten Sound trotz geiler Mugge etwas den Stecker. Bleibt ein unterhaltsamer Road-Trip, an dessen Ende Maik gemeinsam mit seiner Mutter den Ballast der Vergangenheit in den Pool werfen kann.

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Tschick
Deutschland, 2016, 93 Minuten
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Lars Hubrich, Hark Bohm, Fatih Akin
Kamera: Rainer Klausmann
Produktion: Marco Mehlitz
Musik: Vince Pope
Schnitt: Andrew Bird
Szenenbild: Jenny Roesler
Kostüme: Anna Wübber
Maske: Kitty Kratschke
Besetzung:
Tristan Göbel: Maik Klingenberg
Anand Batbileg: Andrej „Tschick“ Tschichatschow
Mercedes Müller: Isa Schmidt
Aniya Wendel: Tatjana Cosic
Anja Schneider: Maiks Mutter
Uwe Bohm: Maiks Vater
Udo Samel: Herr Wagenbach
Claudia Geisler: Mutter Risi-Pisi-Familie
Marc Hosemann: Dorfpolizist
Alexander Scheer: Jugendrichter
Friederike Kempter: Anwältin

Infos: http://tschick-film.de/

Zuerst erschienen am 23.09.2016 auf Kultura-Extra.

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