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Das 14. Achtung Berlin Filmfestival 2018 – Einige Beiträge aus dem Spielfilmwettbewerb

Freitag, April 20th, 2018

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Berlin als Kulisse und Protagonist von Spielfilmen steht wieder im Fokus des 14. ACHTUNG BERLIN-Filmfestivals, das in diesem Jahr über die Grenzen der Stadt bis ins brandenburgische Beeskow expandiert ist. Aber auch vermehrt international ist das Festival in den letzten Jahren geworden. Filme von in Berlin lebenden RegisseurInnen oder Expats laufen hier ganz selbstverständlich. Ebenfalls erfreulich ist, dass es auch in diesem Jahr wieder einen deutlichen Überhang an Regisseurinnen gab. Im Folgenden stellen wir einige Beiträge aus dem Spielfilmwettbewerb vor.

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To go for a nigth out heißt so viel wie nachts ausgehen oder einen drauf machen. Neun Menschen unterschiedlicher Herkunft verirren sich in einer sommerlichen Samstagnacht bei einem gemeinsamen Abenteuer im Berliner Nachtleben, wie Nigth Out, der neue Spielfilm des in Berlin lebenden griechischen Regisseurs Stratos Tzitzis auch im Untertitel heißt. Man spricht Englisch, die mittlerweile vorherrschende Sprache der Berliner Nacht, wo in wilden Techno-Clubs bis in die frühen Morgenstunden getanzt und gefeiert wird. Alles scheint hier möglich und erlaubt, unabhängig von sexuellen Vorlieben und Ausrichtungen. Ein Fest für hetero- und homosexuellen Singles, Paare und Polyamore, die Spaß, Zerstreuung, Sex oder den totalen Kick suchen.

 

NightoutFoto (c) George Lavantsiotis

 

Ausgehend vom Christopher Street Day, bei dem die jungen Syrer Amir und Farouk (Spyros Markopoulos, Bejean Banner) zunächst Anschluss an Frauen suchen, folgt der sich von seinem Freund trennende Amir den Mädchen Ingrid (Sulaika Lindemann) und Lena (Julia Thomas) durch verschiedene Berliner Konzert-Locations. Amir ist fasziniert von den beiden selbstbewussten jungen Frauen, die sich aber bald mehr für sich als für den liebeshungrigen Syrer interessieren. Im legendären Kit Kat Club stoßen die drei schließlich auf eine weitere Gruppe von Nachtschwärmern. Von der Vernissage einer Ausstellung, die der schwule Gallerist Felix (Thomas Kellner) für den Londoner Künstler Michael (Martin Moeller) ausrichtet, beschließen die beiden mit Michaels Frau Sarah (Alexandra Zoe) und dem Paar Martha und Sebastian (Mara Scherzing, Jens Weber), die fast verzweifelt Sarah für die Finanzierung ihres Projekts einer Wohninsel in der Spree gewinnen wollen, noch durch die Berliner Nacht zu ziehen. In einem dritten Strang sucht die schwangere Layla (Katerina-Martha Clark) nach dem Erzeuger ihres Kindes.

Abgehobener Jetset, Kunstbetrieb und Kreativ-Business treffen im sexuell freizügigen Kit Kat Club auf ungezwungene Lebenslust, deren Reizen sie auf unterschiedlicher Weise ausgeliefert sind und sich dem faszinierenden Treiben nacheinander hingeben. Stratos Tzitzis feiert in seinem Film Berlin als Ort der nächtlichen Freiheit, des Hedonismus und eines schwul-lesbischen Selbstverständnisses, das sich nicht nur in der Vater-Vater-Kind-Familie von Felix und dessen Freund Max (Jörn Linnenbröker) manifestiert, und auch die materiellen Probleme und Lebensnöte der ProtagonistInnen nicht ausblendet. Der treibende Soundtrack und das durchweg spielfreudige Ensemble tun ihr Übriges.

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Nigth Out
Regie und Buch: Stratos Tzitzis
Kamera: Patrick Jasim
Mit: Mara Scherzinger, Jens Weber, Martin Moeller, Thomas Kellner, Alexandra Zoe, Spyros Markopoulos, Sulaika Lindemann, Julia Thomas, Katerina Martha Clark u.a.

Infos: http://www.nightoutmovie.com/

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Filme wie Nigth Out sind natürlich weitab der normalen Wahrnehmung. Selbst im neuen deutschen Film geht es vorwiegend immer noch um die Beziehungsprobleme deutscher Normalbürger. Zwei davon sind in der Beziehungskomödie Zwei im falschen Film von Laura Lackmann zu sehen. Der Film eröffnete am 11. April das Filmfestival im Kino International. Die Regisseurin konnte 2016 mit der Verfilmung des Romans Mängelexemplar von Sarah Kuttner schon einen ersten Erfolg verbuchen. Mit Laura Tonke und Marc Hosemann besetzte Laura Lackmann nun zwei echte Berliner Sympathieträger für die Hauptrollen des Paars Hans und Heinz, wie Hans seine Freundin nennt. Das mutet schon mal etwas komisch an. Merkwürdig auch, dass die beiden in den Büroräumen des Copyshops, den Hans mit einem Partner (David Bredin) betreibt, wohnen und am liebsten vor dem Fernseher sitzend Videogames spielen. Die Luft scheint etwas raus aus der Beziehung. Es stottert wie das altersschwache Auto der beiden. Nicht nur Inspiration und Romantik sind den beiden abhandengekommen, sie haben es sich auch im Mittelmaß bequem gemacht. Bezeichnender Weise hat Heinz ihre Schauspielkarriere für einen Synchronjob als Verkehrsampel aufgeben.

 

Zwei im falschen Film
Foto © Friede Clausz, Studio.TV.Film GmbH

 

Zu Beginn sehen sich die beiden in einem Kinofilm selbst auf der Leinwand als romantisches Paar bei einem Happy End am Meer. Zu unrealistisch, zu kitschig lauten ihre kritischen Reaktionen. Wer braucht das schon? Für Hans besteht das größte Glück aus Ruhe. Um nicht ganz einzuschlafen, beschließen die zwei nach einem tristen Essen zum achtjährigen Beziehungsjubiläum eine Liste mit liebeserweckenden Dingen abzuarbeiten. Das gerät allerdings schon beim nachgestellten Kennenlernen in einer leeren Diskothek zur Farce. Erst der plötzlich auftauchende Exfreund (Hans Longo) von Heinz kann für etwas Durcheinander in der eingerosteten Beziehung sorgen. Lachmanns Plot entwickelt sich dabei zwar recht behäbig aber auch nicht ganz unkomisch. Als mehr oder minder gut funktionierende Gegenpaare sieht man Rolf Becker als Hans‘ Vater und Christine Schorn als demente Mutter, seinen schwulen Bruder (Sebastian Schwarz) und dessen Freund (David Ruland), einen früheren Schulkameraden (Arnd Klawitter) und dessen frustrierte Frau (Josefine Voss) oder Heinz‘ pedantische Schwester (Kathrin Wichmann) und ihren unter der Fuchtel stehenden Mann (Felix Goeser). Da fällt die Einsicht nicht schwer, es vielleicht doch nicht ganz verkehrt zu machen. Ein Singing in the Rain ist der Film nicht gerade, aber mit ganz witzigen Mitteln versucht Laura Lackmann auch eher solche Hollywoodklischees von der großen Liebe auf die Schippe zu nehmen. Die Spielfilmjury verlieh ihr dafür immerhin den Preis für das beste Drehbuch.

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Zwei im falschen Film (D, 2017)
Regie: und Buch: Laura Lackmann
Kamera: Friede Clusz
Mit: Laura Tonke, Marc Hosemann, David Bredin, Katrin Wichmann, Christine Schorn, Hans Longo, Josefine Voss, Sebastian Schwarz, David Ruland, Felix Goeser, Rolf Becker, Marie Meinzenbach, Romina Maria Ostermann, Arnd Klawitter
Verleih: farbfilm verleih
Kinostart 31.05.2018

Infos: http://www.farbfilm-verleih.de/filme/zwei-im-falschen-film/

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39 Jahre, Single und momentan arbeitslos, so beschreibt sich die freie Texterin und Onlineredakteurin Alice (Eva Löbau). Auch sie könnte man im falschen Film vermuten. Sie verfügt über mehrjährige Berufserfahrungen und viele Qualifikationen, aber im Moment will einfach nichts gelingen. Mit kleinen Jobs bei Produkttestaktionen von Marktforschern, bei denen sie allerdings meist nur Gutscheine erhält, versucht sie sich halbwegs über Wasser zu halten und futtert sich hin und wieder bei den Eltern (Veronika Nowag-Jones und Axel Werner) durch, ist aber auch zu stolz, diese um Geld zu bitten. Alice fühlt sich wie beim Spiel Reise nach Jerusalem [so auch der Filmtitel], immer im falschen Moment am falschen Ort. Dazu kommt noch jede Menge Pech. Ein abgebrochener Zahn kurz vor einem Bewerbungsgespräch wird da zum verzweifelten Run nach dem fehlenden Geld für den Zahnarzt. An Einfallsreichtum mangelt es Alice nicht, nur an etwas Glück, dass ihr hier scheinbar nur eine frech verfasste Onlinebewerbung unter Alkoholeinfluss bringt.

 

Reise nach JerusalemFoto (c) Ralf Noack

 

Regisseurin Lucia Chiarla erzählt von den kleinen, andauernden Demütigungen des Alltags, denen Menschen ohne Job und Perspektive in unserer Gesellschaft ausgesetzt sind. Das geht von der Bevormundung des Jobcenters, das einem immer neue Bewerbungsschulungen und andere Maßnahmen aufdrückt, über kleine Lügen bei Freunden, die die Beschäftigungslosigkeit und den Geldmangel kaschieren sollen, bis zu existenziellen Problemen, wenn die Miete oder das Essen nicht mehr bezahlt werden können. Mit einem lachenden und weinenden Auge zeigt Reise nach Jerusalem auch ganz gut die Nöte des Berliner Kreativprekariats. Eva Löbau brilliert in der Rolle der nie aufgebenden Alice, die in ihrem gewitzten Nachbarn (Beniamino Brogi), einem Musiker und Gelegenheitsstripper, nicht nur einen dringend benötigten Freund, sondern auch einen kreativen Antreiber findet.

Der Film Lucia Chiarla gehört zu den Abräumern des achtung berlin new berlin film awards. Neben dem Preis für den besten Film, einer lobenden Erwähnung für das Drehbuch, das Lucia Chiarla selbst verfasst hat, und dem Preis des englischsprachigen Stadtmagazins The Exberliner konnte Eva Löbau auch den Preis für die beste Schauspielerin einheimsen.

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Reise nach Jerusalem (D, 2018)
Regie, Buch: Lucia Chiarla
Kamera: Ralf Noack
Mit: Eva Löbau, Beniamino Brogi, Veronika Nowag-Jones, Axel Werner, Julia Sophie Mink, Constanze Priester, Christian Schmidt, Nils Schulz, und als Gäste Jan Henrik Stahlberg, Antonio Wannek

Infos: https://filmreisenachjerusalem.com/

 

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Im kreativen Künstlermilieu spielt auch der erste Film von Schauspieler und Theaterregisseur Cornelius Schwalm. Er führte Regie, schrieb mit am Drehbuch und spielt auch selbst die Hauptrolle, einen deutschen Theaterregisseur, der mitten in den Proben zum Stück Die Ermittlung von Peter Weiss mit Teilen seines Teams nach Polen fährt, um sich vor Ort in Auschwitz inspirieren zu lassen. Wenn man Schwalm kennt, dann weiß man, dass das kein langweilig korrekter Film zur deutschen Vergangenheitsbewältigung werden konnte. Schwalm drehte eine schwarzhumorige Satire als Kommentar zur auch unter Intellektuellen verbreiteten recht verlogenen Gedenkkultur und den immer noch vorherrschenden Ressentiments vieler Deutscher, Relativierung des Holocausts inbegriffen.

 

Hotel AusschwitzFoto (c) CollaboratorsFilms/MariaKron

 

Was der sich auf dem Karrieresprung nach Hamburg befindende, recht erfolgreiche Theaterregisseur Martin für ein Typ ist, zeigen schon die Proben zu Beginn des Films. Hier soll ganz große Kunst entstehen. Man hat als Ort dafür das Haus der Berliner Festspiele nutzen können. Martin ist einerseits cholerischer Künstler und macht sich zudem noch an seine Hauptdarstellerin Sabine (Franziska Petri) ran. Die hat allerdings ein Verhältnis mit dem Hauptdarsteller Holger (Patrick von Blume), was zu einigen Komplikationen in der kleinen Reisegruppe führt. Zu der gehören weiterhin Martins Assistent Matti (Jörg Kleemann), der eigene künstlerische Ambitionen hegt, und der recht unsensible Fahrer Bronski (Oliver Bigalke). Weitere Reibungen sind da vorprogrammiert und treten auch nachdem eine polnische Darstellerin (Katharina Bellena) mit jüdischer Großmutter zum Team stößt auf.

Hotel Auschwitz karikiert den künstlerischen Gestaltungswillen des Regisseurs, der die geschichtlichen Dimensionen mit zweifelhaften Mitteln erreichen will. In vor Ort zu drehenden Videotrailern werden SS-Uniformen, KZ-Kleidung und Walter Benjamins Engel der Geschichte zu einem kulturhistorischen Klischeebrei verrührt. Die unkonventionelle Herangehensweise des polnischen Filmteams, das einen Nazitrash-Actionfilm dreht, imponiert dem Regisseur, der merklich in einer kreativen Schaffenskrise steckt und nur noch Augen für Sabine hat. Nach einer durchzechten Nacht prallen dann schließlich die aufgestaute Wut des gedemütigten Assistenten und jede Menge Egos ungebremst aufeinander. Schwalm nimmt auf ironische Weise das deutsche Theatersystem auf die Schippe und liefert ein ganz treffendes Bild für hierarchische Abhängigkeiten. Auffällig sind auch die recht bemerkenswerte Kameraführung von Birgit Möller und Florian Lampersberger sowie die eigens für den Film komponierte Musik von David Scheler.

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Hotel Auschwitz (D, 2018)
Regie: Cornelius Schwalm
Buch: Cornelius Schwalm, Christiane Lilge
Kamera: Birgit Möller, Florian Lampersberger
Mit: Cornelius Schwalm, Franziska Petri, Patrick von Blume, Jörg Kleemann, Katharina Bellena, Oliver Bigalke, Harald Siebler, Verena Unbehaun

Infos: http://www.collaboratorsfilms.com/

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Sehr wenig mit Berlin hat der Wettbewerbsbeitrag Sarah joue un loup garou (Sarah spielt einen Werwolf) der Schweizer Regisseurin Katharina Wyss zu tun. Sie studierte in Berlin an der UdK Filmregie. Die Hochschule hat ihr die Finanzierung ihres lange geplanten Erstlings mit ermöglicht. Angesiedelt ist er im schweizerischen Freiburg, der Heimatstadt der Regisseurin, wo gleichsam schweizerdeutsch und französisch gesprochen wird. So auch im Film, der die Geschichte der 17jährigen Schülerin Sarah (Loane Balthasar) erzählt. Sahra ist eher introvertiert und romantisch veranlagt und versucht ihre diffusen Gefühle in einer Jugendtheatergruppe auszuleben. Die Liebe zur Kunst und Musik hat sie von den Eltern. Der Vater liebt Wagneropern, die Mutter ist Musiklehrerin.

 

Sarah joue un loup garouFoto (c) Interemezzo Films

 

Allerdings ist das Elternhaus auch mit Sarahs größtes Problem. Der Vater scheint eine für den Zuschauer recht undurchsichtige, durchaus auch sexuell übergriffige Machtrolle zu spielen, der sich Sarahs älterer Bruder wohl auch durch ein Studium in Heidelberg entzogen hat. Allein gelassen hängt Sarah in Romeo-und-Julia-Rollenspielen ihren morbiden Tagträumen nach. Zudem erfindet sie einen imaginären Freund, der gestorben sein soll. Sarah fühlt sich von ihren Mitschülern unverstanden und isoliert sich immer mehr. Auch die Freundschaft zum Mädchen Alice aus der Theatergruppe, die Georges Batailles Das obszöne Werk liest, hält nicht lange an. Manifestiert Sarah ihre sexuellen Verstörungen in einem von der christlichen Märtyrerin Barbara inspirierten Folterspiel für die Theatergruppe, flieht Alice zu einer echten Beziehung mit einem Jungen.

Katharina Wyss‘ Film ist keine leichte Kost, taucht er doch tief in die Psyche eines heranwachsenden Mädchens ein, das sich zunehmend mit Selbstmordgedanken trägt. In teilweise fast surreal wirkenden Bildern wird der Plot fast ausschließlich aus der Sichte des Mädchens erzählt. Sarah blendet die Realität immer mehr aus, was recht verstörend wirkt, wenn sie an für die anderen nicht mehr nachvollziehbaren hysterischen Wahnvorstellungen leidet. Auch hier trägt eine exzellente Kameraführung zur ästhetischen Versinnbildlichung der inneren Probleme der Hauptdarstellerin bei. Der eindrucksvolle Film empfahl sich durchaus für einige der ausgelobten Preiskategorien, Der eindrucksvolle Film empfahl sich durchaus für einige der ausgelobten Preiskategorien. Katharina Wyss erhielt neben dem Preis für die beste Spielfilmregie auch noch eine lobende Erwähnung des Verbands der deutschen Filmkritik (VdFK).

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Sarah joue un loup garou (D, 2017)
Regie: Katharina Wyss
Buch: Katharina Wyss, Josa Sesink
Kamera: Armin Dierolf
Mit: Loane Balthasar, Manuela Biedermann, Simon Bonvi, Monica Budde, Sabine Timoteo, Michel Voïta, Annina Walt

Infos: http://sarahjoueunloupgarou.ch/

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Der undotierte Preis des Verbands der deutschen Filmkritik (VdFK) in der Kategorie Bester Spielfilm ging dann an Wer hat eigentlich die Liebe erfunden? von Regisseurin Kerstin Polte. Die Tragikomödie beschäftigt sich mit der Liebe, dem Leben und dem Tod, also alles, was man gerne so aufschiebt oder auch verdrängt. Und so fragt sich die 60jährige Charlotte (Corinna Harfouch) nach 38 Ehejahren an der Seite ihres Mannes Paul (Karl Kranzkowski) und einer Alzheimerdiagnose: „Warum muss ich eigentlich verschwinden, wenn ich noch gar nicht richtig da war.“ Diese Frage ist eigentlich an eine höhere Instanz gerichtet, die hier in der Gestalt des melancholischen Gottes Horster (Bruno Cathomas) auf einer kleinen Insel residiert und sich ebenfalls ein paar Fragen zur eigenen Existenz und seinem schöpferischen Wirken stellt, die Frage nach dem Grund für die Liebe aber ebenso wenig schlüssig beantworten kann, wie die nach dem Tod. Letztendlich sind es die Schmetterlinge im Bauch, die auch mit den Jahren nicht wieder heraus kommen wollen, und die die ProtagonistInnen dieses kleinen poetischen Meisterwerks in ihrem Handeln bestimmen.

 

Wer hat eigentlich die Liebe erfunden? – Foto (c) AlamodeFilm

 

Nichts mehr auf die lange Banken schieben möchte Charlotte und lässt Mann Paul kurzentschlossen auf einer Autobahnraststätte stehen. Statt wie immer in die Berge will sie nun endlich mal ans Meer. Begleitet von ihrer Enkelin Jo (Annalee Ranft) trifft sie dort besagten Gott Horster, der, wie er gesteht, in einer depressiven Phase, einiges falsch gepolt hat. Mit viel Witz und Situationskomik schlägt sich das Filmpersonal durch die norddeutsche Landschaft bis an die Küste, wo das Verfolgertrio bestehend aus dem verzweifelten Paul, der chaotischer Tochter und gefeuerter Fahrlehrerin Alex (Meret Becker) sowie der feinfühligen Fernfahrerin Marion (Sabine Timoteo) schließlich mit ein paar Erkenntnissen mehr auf Charlotte und ihr Traumeiland treffen. Ob es hier unbedingt der eingeschobenen Metaebene eines menschgewordenen Gottes bedurft hätte, sei einmal dahingestellt. Begleitet wird das Ganze jedenfalls von einem tollen, zum Teil live eingespielten Soundtrack von Johannes Gwisdek (Sohn von Corinna Harfouch und Käptn-Peng-Musiker) und Meret Becker. Bereits vor sieben Jahren hatte Kerstin Polte erste Ideen zum Film und dann viel Überzeugungsarbeit zu dessen Finanzierung zu leisten, es dann aber auf Anraten ihrer Hauptdarstellerin einfach ohne versucht. Eine Mühe, die sich letztendlich gelohnt hat.

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Wer hat eigentlich die Liebe erfunden? (D, 2017)
Regie und Drehbuch: Kerstin Polte
Kamera: Anina Gmuer
Mit: Corinna Harfouch, Karl Kranzkowski, Meret Becker, Sabine Timoteo, Annalee Ranft, Bruno Cathomas, Nagmeh Alaei, Jonas Müller-Liljeström, David Hugo Schmitz
Kinostart: 03.05.2018

Infos: http://www.alamodefilm.de/kino/detail/wer-hat-eigentlich-die-liebe-erfunden.html

Achtung Berlin new berlin film award
11.04. – 18.04.2018

Infos: https://achtungberlin.de/

Zuerst erschienen am 16.04.2018 auf Kultura-Extra.

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Zwei Herren im Anzug – Josef Bierbichler verfilmt seinen bayrischen Heimatroman „Mittelreich“ als deutsche Geschichtsstunde und Erinnerungsdrama von Vater und Sohn

Freitag, April 6th, 2018

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Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis Josef Bierbichler seinen grandiosen Heimatroman Mittelreich selbst verfilmen würde. Auf die Bühne der Münchner Kammerspiele und zweimal zum THEATERTREFFEN hat es das Generationenportrait einer Gastwirtsfamilie am Starnberger See, das auch autobiografische Züge trägt, schon geschafft. Nun gibt es ihn also auch als Kinofilm. Der Zeitpunkt könnte nicht besser gewählt sein, da doch gerade erst wieder die bayrische CSU und ihre Schwesterpartei CDU mit Heimatministerium im Bund und unsäglichen Ausgrenzungsdebatten ihre Geschichtsvergessenheit demonstrieren. Dem hatte Bierbichler schon 2011 seinen bitterbösen bayrisch-deutschen Geschichtsabriss über zwei Weltkriege, das deutsches Wirtschaftswunder bis zur BRD des Nato-Doppelbeschlusses gesetzt. Zwei Herren im Anzug hat Bierbichler seinen Film genannt. Das Drehbuch mit vier Stunden Material musste der Autor, Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion auf immerhin noch 2,20 Stunden kürzen. Er selbst spielt den alten Seewirt und dessen Sohn Pankraz der Nachkriegsjahre. Der junge Pankraz und dessen erwachsener Sohn Semi wird von Bierbichlers Sohn Simon Donatz gespielt. Auch der im wirklichen Leben ein Kneipenwirt.

Die beiden Hauptprotagonisten treffen zu Beginn bei der Beerdigung von Pankraz Frau und Semis Mutter Theres aufeinander. Man versucht in Rückblenden die Vergangenheit zu erinnern. Zunächst der Vater in schwarz-weißen Bildern, dann der Sohn, der den Bericht des zunehmend stockenden Pankraz fortsetzt. Semis Sicht der Dinge ist eine andere. Der Vater konnte den Sohn nie lieben, ihm nicht mal nahe sein, schon fehlt ihm die Luft zum Atmen. Eine Geschichte aus Pflicht, Tradition, Wegsehen und Verdrängung, die sich hier aufblättert, beginnend mit dem hurra-patriotischen Einzug der jungen Seedorfer Bauern in den Ersten Weltkrieg, aus dem der ältere Seewirtssohn Toni (Florian Karlheim) mit einem Kopfschuss zurückkehrt und später die Kneipengäste mit antisemitischen, national-chauvinistischen Parolen agitiert. Als geisteskrank steht er als Erbe nicht mehr zu Verfügung.

 

Zwei Herren im AnzugFoto (c) Marco Nagel, X Verleih AG

 

Pankraz wird vom alten Seewirt vor die Wahl gestellt, entweder das Erbe anzutreten oder mit einer kleinen Aussteuer den Hof zu verlassen. Der wähnte sich allerdings schon als Opernsänger in der Hauptstadt und fühlt sich nun in eine Pflicht gedrängt, die ihm nicht behagt. Aus dem zuversichtlichen jungen Mann, der um seine Theres (als Mädchen: Sophie Stockinger) kämpft, wird nach dem Zweiten Weltkrieg ein missmutiger Mensch, der an seiner Bürde fast verzagt und im großen Fastnachtssturm seinen Frust über das Schicksal in Wagnerversen in Richtung aufgewühlten See brüllt. „Verfluchtes Erbe, ich hasse dieses Haus und diesen Heimatkram.“ Fast opernhaft steht Bierbichlers Pankraz auf einer Eisscholle und schimpft in Richtung des kleinen Sohns Semi am Ufer. Die Schuld an allem sucht er bei der Frau (Martina Gedeck), die ihn nicht unterstützt und doch selbst genug an den bigotten Schwestern (Irm Hermann, Sarah Camp) des Seewirts zu leiden hat.

Immer mehr flüchtet sich der junge Seewirt ins Frömmeln und in die Tradition. Die Kriegsvergangenheit verschwimmt dabei zunehmend und weicht den Wirtschaftswundern der bundesdeutschen Nachkriegszeit mit Radiogeräten, Fernsehschrank und neuem Lanz-Bulldog-Traktor. Bierbichler zeichnet seinen Seewirt Pankraz als wehleidigen Opportunisten, der die Vergangenheit ruhen lassen will, da sie nur beim Neuanfang stört. Dass der Reiz des Unterbewussten immer noch aktiv ist und in unpassenden Momenten unreflektiert wieder hochkommt, zeigt die fast surreale Fastnachtsszene im Wirtshaus mit Blackfacing und Indianerkostümen, bei der das Fräulein Meinrad (Catrin Striebeck) als aufgeilende Frau Hitler den demokratisch ausgetragenen Maskenwettstreit gewinnt. Das allerdings nur mit Rückversicherung beim schwarzen US-Armee-Kommandeur. Der Ausspruch Pankraz‘ „Ich war nie ein Nazi. Doch kein Nazi war ich nie“ ist nicht nur schöne Pointe, sondern Ausdruck dieser immerwährenden Ambivalenz.

 

Zwei Herren im AnzugFoto (c) Marco Nagel, X Verleih AG

 

Regisseur Bierbichler findet bei aller Künstlichkeit des natürlich im tief-bayrischen Dialekt daherkommenden Dialogs (hier haben sowohl Fassbinder als auch Bierbichler-Spezi Achternbusch Pate gestanden) immer wieder auch schöne, fast surreale Traumbilder wie etwa die Himmelfahrt der alten frommen Magd Mare nach der Papst-Inthronisierung im Fernsehen. Fast unerträglich sind die Szenen im katholischen Internat, bei denen der jugendliche Semi Extraturnstunden beim pädophilen Pater Ezechiel (fast diabolisch: Philipp Hochmayr) an den Ringen bekommt, oder wenn sich der junge Mann Semi zu seiner sterbenden Mutter in einer fast inzestösen Vereinigung ins Bett legt.

Die beiden titelgebenden Herren im Anzug (als Gäste der ehemalige Intendant der Münchner Kammerspiele Johan Simons und Kammerschauspieler Peter Brombacher) sind Geister aus Pankraz‘ Vergangenheit, die schließlich doch noch die verschütteten Kriegserinnerungen des Seewirts, der an der Vergasung von jüdischen Kindern teilnehmen musste, wieder an die Oberfläche spülen. Als weiterer Überraschungsgast ist hier Schaubühnenintendant Thomas Ostermeier als Pankraz´ alter Kriegskamerad zu sehen. Das endgültige Verstummen des Seewirts angesichts dieser Erkenntnisse markiert das bittere Ende eines deutschen Familiendramas, das direkt auf den Sohn nachwirkt. Bierbichler hat seine Verfilmung fast noch unversöhnlicher angelegt als den Roman selbst. Dennoch ist Zwei Herren im Anzug neben dem familiären Dilemma ein guter und aufwühlender Beitrag zur anhaltenden Geschichtsvergessenheit, die sich momentan wieder in Deutschland breit macht.

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Zwei Herren im Anzug (D, 2018)
nach Motiven des Romans Mittelreich von Josef Bierbichler
Regie und Drehbuch: Josef Bierbichler
Tom Fährmann (Kamera)
Josef Sanktjohanser (Szenenbild)
Katharina Ost (Kostümbild)
Anette Keiser (Maskenbild)
Frank Heidbrink (Originalton)
Timo Kreuser (Originalmusik)
Franziska Aigner (Schnitt, Sounddesign, Mischung, Casting)
Martin Rohrbeck (Produktionsleitung)
Ulli Neumann (Herstellungsleitung)
Mit: Josef Bierbichler, Simon Donatz, Martina Gedeck, Sophie Stockinger, Benjamin Cabuk, Irm Hermann, Sarah Camp, Catrin Striebeck, Margarita Broich, Florian Karlheim, Thomas Ostermeier, Philipp Hochmayr, Johan Simons, Peter Brombacher u.a.
Kinostart war am 22.03.2018

Infos: http://www.x-verleih.de/filme/zwei-herren-im-anzug/

Zuerst erschienen am 29.03.2018 auf Kultura-Extra.

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„Die defekte Katze“, „Jibril“, „Rückenwind von vorn“ und „Feierabendbier“ – Junge Deutsche Filme überzeugen auf der Berlinale 2018

Montag, Februar 26th, 2018

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Ein kleiner Rückblick auf junge deutsche Filme im Panorama und in der Perspektive Deutsches Kino bei der Berlinale 2018.

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Ehe auf Probe – Im Panorama und der Perspektive Deutsches Kino kämpfen junge Paare um Liebe, Glück und Selbstbestimmung

Das Gegenteil von perfekt ist vielleicht defekt. So lautet zumindest der Name der etwas merkwürdig aussehenden Katze von Mina (Pegah Ferydoni), die aus dem Iran stammend eine arrangierte Ehe mit Kian (Hadi Khanjanpour) eingeht, einem jungen Anästhesiearzt aus Deutschland. Wie Mina ist er Iraner, aber hier aufgewachsen und spricht deshalb wohl auch ein etwas merkwürdiges Farsi, wie die junge Frau aus Isfahan bemerkt. Der Name der Katze stellt sich als Übersetzungsfehler heraus, ein Gendefekt. Das lässt sich so wenig reparieren, wie man die Liebe und das perfekte Leben arrangieren kann. Die Frau fürs Leben, das wäre ja wie ein Sechser im Lotto, meint Kian bei einem Dating.

Trotzdem versuchen es die beiden. Keiner wird dazu gezwungen. Sie wählen ganz bewusst den traditionellen iranischen Weg der Eheanbahnung. Es entsteht so eine Art Ehe auf Probe in einer noch nicht fertig eingerichteten Wohnung, in der die Katze ihren Platz in einer Umzugskiste hat, und doch immer wieder unkontrolliert für Chaos sorgt. Umstellung bedeutet auch das neue Leben für die beiden Partner. Die eigentlich recht emanzipierte Mina, die im Iran Elektrotechnik studiert hat, versucht sich in der neunen Umgebung zurecht zu finden, geht zum Sprachkurs, allein ins Schwimmbad oder auch in einen Club zum Tanzen. Mit der Sprache hapert es noch ein wenig, aber Kian unterstützt sie bei den Bewerbungen für einen Job, nur kann er die Alleingänge von Mina nicht verstehen. Dennoch ist er nicht das typische Klischee eines Patriarchen, der seine Frau ans Haus binden will. Sie haben einfach verschiedene Interessen und Vorstellungen vom Leben, die nicht nur von den Eltern beeinflusst sind.

 

Die defekte KatzeFoto © Glory Film / Julian Krubasik

 

Beide geraten in Stress und haben Angst, den Vorstellungen des anderen nicht zu genügen. Als es nach ersten auch sexuellen Annäherungen dann zu unglücklichen Eifersuchtsszenen kommt, da Mina durch einen Arbeitskollegen (Constantin von Jascheroff) von Kian bedrängt wird, schnappt die Klischeefalle doch noch zu und Kian sperrt Mina ein. Das bedeutet das vorzeitige Ende dieses fast geglückten Versuchs, Liebe zu lernen. Erst nach der vorläufigen Trennung entsteht durch die Suche nach der verschwundenen Katze ein gemeinsamer spontaner Moment, der bisher in ihrer vorgeplanten Beziehung fehlte.

Susan Gordanshekan [die Regisseurin von Die defekte Katze], deren Eltern selbst in einer arrangierten Ehe leben, versucht hier Traditionen zu hinterfragen, ohne sie zu vorab zu verurteilen und gönnt dem Paar ein offenes Ende.

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Die defekte Katze (Perspektive Deutsches Kino)
Regie, Buch: Susan Gordanshekan
Kamera: Julian Krubasik
Montage: Frank Müller
Musik: Sebastian Fillenberg
Sound Design: Nico Krebs
Ton: Udo Steinhauser
Production Design: Markus Dicklhuber
Kostüm: Katharina Schmidt
Maske: Sylvia Niehues
Regieassistenz: Olga Müller, Merlin Nadj-Torma
Production Manager: Caroline Fischer
Produzent: Ralf Zimmermann
Co-Produzentinnen: Natalie Lambsdorff, Monika Lobkowicz, Barbara Häbe
Co-Produktion: Bayerischer Rundfunk, München, Arte, Straßburg
Mit:
Pegah Ferydoni (Mina)
Hadi Khanjanpour (Kian)
Henrike von Kuick (Sophie)
Constantin von Jascheroff (Lars)
Arash Marandi (Masoud)
Kianoosh Sadigh (Maryam)
Azar Shahidi (Frau Torabian)
Mahdokht Ansari (Rawi)
Marzieh Alivirdi (Frau Faridani)
Massud Rahnama (Herr Faridani)

Infos: http://www.berlinale.de

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Relativ offen und ungewöhnlich ist auch die Beziehung der dreifachen, alleinerziehenden Mutter Maryam (Susana Abdulmajid) zu Gabriel (Malik Adan), der sechs Jahre im Gefängnis abzusitzen hat. Beide hatten sich kurz zuvor bei der Hochzeit von Maryams Freundin gesehen und begegnen sich erneut im Knast, wo Maryam Sachen für den Cousin ihrer Freundin abgeben soll. Um Liebe auf den ersten Blick und auch eine etwas andere Art von Ehe geht es in Jibril von Henrika Kull, die an der HFF Potsdam Regie studierte. Ihr Abschlussfilm lief in der Sektion Panorama, was an sich schon ein großer Erfolg ist. Kull zeigt hier auch einen recht reifen Erstling, der scheinbar wie selbstverständlich Beziehungsprobleme unter jungen Menschen mit arabischem Migrationshintergrund behandelt.

 

JibrilFoto © Carolina Steinbrecher

 

Miryam hat ihren ersten Mann, einen Patriarchen, verlassen und erzieht ihre Kinder allein. Nur mit der ältesten Tochter gibt es hin und wieder Stress, wegen des Vaters. Die Sehnsucht nach Liebe hat Miryam aber noch nicht aufgegeben, auch wenn sie dem Drängen der Mutter nach einem neuen Mann nicht nachgibt und einen Schüler aus der Sprachschule, wo sie arbeitet, auf Distanz hält. Sie beginnt intuitiv Gabriel (Jibril) öfter im Knast zu besuchen und ermuntert ihn auch etwas für seine Bildung zu tun. Gabriel ist nicht abgeneigt und beginnt zu flirten, obwohl er aus seiner Gruppe beim Gefängnispfarrer weiß, dass Liebesbeziehungen von Häftlingen zu Frauen draußen meistens scheitern.

Dieses Scheitern hängt auch immer in der Luft. Dennoch entwickelt sich eine zunächst noch recht zarte Zuneigung, die durch sehnsuchtsvolle Telefongespräche immer weiter angeheizt wird. Nähe und Distanz wechseln beständig, auch wenn Miryam einen Besuch spontan abbricht und dann wieder im Gegenlicht vor den Gitterstäben des Zauns entlanggeht. Die Kamera ist dabei immer nah dran an den DarstellerInnen und ihren Gesichtern, selbst beim ganz intimen Blick in den Spiegel oder auch beim Masturbieren. Über die vier Jahreszeiten verfolgt der Film fast dokumentarisch in kurzen Alltagsszenen und den Treffen im Knast das Leben der beiden. Miryam versucht die schwebende Situation durch eine Heirat zu verbessern. Die erste Nacht zusammen im Besucherzimmer ist aber von krampfhafter Unsicherheit geprägt. Als Gabriel bei einer Zellendurchsuchung das Handy weggenommen wird, reagiert er zunehmend aggressiv und stößt Miryam ohne Erklärung von sich.

Die Chancen stehen schlecht, und für eine gemeinsame Zukunft scheint die wenige gemeinsame Zeit auch nicht ausreichend. Gefühle und Liebe entwickeln sich hier nicht wie von Miryam erhofft, oder beim ständigen Verfolgen einer romantischen arabischen TV-Soap ersehnt. Dazu scheint Gabriel auch viel zu stolz. Der Film setzt mehr auf atmosphärische Bilder und die Darstellung der unmittelbaren Gefühlswelt des Paars als auf eine stringente Handlung und schlüssige Erklärungen. Ob den beiden noch ein weiterer Jahreszeitenzyklus gegönnt ist, muss dabei letztlich offen bleiben.

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Jibril (Panorama)
Deutschland 2018, 83 Min
Regie, Buch: Henrika Kull
Kamera: Carolina Steinbrecher
Montage: Henrika Kull
Ton: Tarek Soltani, Louis Marioth, Niklas Kammertöns
Mischung: Martin Steyer
Musik: Dascha Dauenhauer
Szenenbild: Theresa Reiwer
Kostüm: Wiebke Lebus
Casting: Henrika Kull
Regieassistenz: Benjamin Cantu
Montageassistenz: Benedikt Strick
Herstellungsleitung: Andrea Wohlfeil
Produktionsleitung: Sophie Lakow
Producerinnen: Henrika Kull, Sophie Lakow, Carolina Steinbrecher
Mit:
Susana Abdulmajid (Maryam)
Malik Adan (Gabriel)
Doua Rahal (Sus)
Emna El-Aouni (Sadah)
Regina Schulte am Hülse (Maggi)
Tobias Müller-Monning (Pfarrer)

Infos: http://www.plutofilm.de/films/jibril/0034

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Rückenwind von vorn und Feierabendbier – Frauen- und Männerselbstfindung auf recht unterschiedliche Art in der Perspektive Deutsches Kino

Relativ deutsch-normal in eingefahrenen Bahnen läuft die Beziehung von Charly (Victoria Schulz) und Marco (Aleksandar Radenković) im neuen Film von Philipp Eichholtz, der in der Sektion Perspektive Deutsches Kino zu sehen war. Rückenwind von vorn bekommt die junge Lehrerin, die sich gerade ihre Karriere aufbauen will und plötzlich mit den Kinderwünschen ihres Partners konfrontiert wird. Charly geht dem Beziehungsstress zunächst aus dem Weg, indem sie ohne es Marco zu sagen, einfach die Pille weiternimmt. Sie vermisst die Spontanität der ersten Jahre und möchte lieber zu ihrer Freundin (Amelie Kiefer) nach Südkorea fahren als mit Marco auf eine größere Wohnung zu sparen. Charly ist hin- und hergerissen zwischen Ausbruchssehnsucht, Job, ihrer kranken Oma Lisbeth (Angelika Waller) und der Familienplanung mit Lebenspartner Marco, der lieber zu Hause vorm Computer sitzt, als mit ihr tanzen zu gehen. Interessenkonflikte sind da vorprogrammiert.

 

Rückenwind von vorn(c) von Oma gefördert / Berlinale

 

Der Schmu mit der Pille fliegt natürlich auf. Und nachdem sich plötzlich auch noch Charly und ihr Kollege Gerry (Ex-Volksbühnenschauspieler Daniel Zillmann) in einer tollen Nebenrolle) etwas näher kommen, zieht Marco aus und heult sich bei seiner Schwester (Karin Hanczewski) aus. Für die verzweifelte Charly ist der nette Gerry allerdings mehr ein Retter in der Not als neuer Liebhaber. Als kulinarischer Reiseleiter entführt er sie und Oma Lisbeth spontan auf Knödel-Tour nach Tschechien.

Die richtige Ausfahrt vom absehbar vorgezeichneten Lebensweg zu finden fällt Charly nicht gerade leicht, auch nachdem sie sich von Marco getrennt hat. In der Eingangssequenz sehen wir sie als Kind mit ihren bereits verstorbenen Eltern an der Ostsee. Zwischen dieser Sicherheit und dem Wunsch auch verrückte Träume zu leben, sich allein der Böe entgegenzustellen, gestaltet Philipp Eichholtz die spannende Ich-Suche einer jungen Frau, die sich nicht in vorgezeichnete Muster drücken lassen will und mit den Erwartungen der anderen um sie herum hadert. Der Film schwankt geschickt zwischen Tragik und Komik und hat ein hervorragendes Ensemble am Start, zu dem auch Martina Schöne-Radunski aus Eichholtz‘ letztem Film Luca tanzt leise in einem Kurzauftritt gehört.

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Rückenwind von vorn (Perspektive Deutsches Kino)
Deutschland 2018, 77 Min
Regie, Buch: Philipp Eichholtz
Kamera: Fee Scherer
Montage: Markus Morkötter, Daniel Stephan
Musik: Tina Pepper
Sound Design: Olga Molchanova Reed
Ton: Max Hachemeister
Kostüm: Alexandra Wasserthal
Maske: Martina Klein
Casting: Philipp Eichholtz
Production Manager: Oliver Jerke
Kameraassistenz: Manuel Ruge
Produzenten: Oliver Jerke, Philipp Eichholtz
Mit:
Victoria Schulz (Charlie)
Aleksandar Radenković (Marco)
Daniel Zillmann (Gerry)
Angelika Waller (Oma Lisbeth)
Karin Hanczewski (Marcos Schwester)
Amelie Kiefer (Charlies Freundin)
Claudius von Stolzmann (Arzt)
Martina Schöne-Radunski (Luca)
Ruth Bickelhaupt (Lucas Oma)

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Um einen Mann mit gescheiterter Beziehung und Sohn, den er nicht sieht, geht es im Spielfilm Feierabendbier von Ben Brummer, ebenfalls in der Sektion Perspektive Deutsches Kino gezeigt. Magnus (Ex-Schaubühnenschauspieler Tilman Strauß) ist Barbesitzer aus Passion und fährt einen Mercedes SEC Baujahr 1981, der für ihn fast schon Fetisch-Charakter besitzt. In seiner Bar, die den titelgebenden Namen „Feierabendbier“ trägt, bedient er all abendlich hinterm Tresen die immer gleiche Stammkundschaft bestehend aus seinem sexbesessenen Kumpel und Autoschrauber Dimi (Johann Jürgens) und dem Hobbyesoteriker Manfred. Comedian Christian Tramitz spielt hier in einer begnadeten Nebenrolle den typischen Kneipenphilosophen in hässlichen Katzenpullis. Dazu stößt noch Patrick (Jonathan Berlin), schwuler Besitzer der Autowerkstadt, in der Dimi arbeitet, ein junger Erbe und Vatersöhnchen vom Dienst. Deren Geschichten hört sich Magnus meist geduldig an, ist aber ansonsten eigentlich ein ziemlich miesepetriger Misanthrop.

 

Feierabendbier (c) GAZE Film / Jakob Wiessner

 

Eines Abends taucht ein ziemlich durchgeknallten Typ (James Newton) in der Bar auf und will Magnus seinen geliebten Oldtimer abkaufen, was der natürlich vehement ablehnt und ihn rauswirft. Als am nächsten Abend der Wagen weg ist, hängt Magnus natürlich ziemlich deprimiert rum, und Kumpel Dimi schlägt im zur Aufheiterung eine nächtliche Tour in einen Swingerclub vor. Dort trifft Markus zufällig den von ihm verdächtigten Unbekannten wieder. Diesmal fliegt er nach einer Schlägerei mit dem Typen raus und sinnt nun die ganze Zeit darüber nach, wie er an den vermeintlichen Dieb seines Autos herankommt. Soweit der Grundplot dieser recht spritzigen Bodykomödie um Markus und Dimi, die sich zumeist in der Münchner Vorstadtnacht mit ihrem abgehalfterten Typenpersonal abspielt.

Da es hier nicht nur nebenbei auch um Frauen geht, spielen selbstverständlich auch ein paar mit. Wir lernen sie zunächst als fesche Anhängsel von Dimi kennen, der in jedem Nachtklub mit Handschlag und Küsschen begrüßt wird, und seine erlesene Auswahl u.a. in Philosophievorlesungen an der Uni trifft. Zunächst ist da Vivian (Julia Dietze), die sich aber bald für den coolen Schweiger Magnus zu interessieren beginnt. Und weil Dimi das unter Freunden nicht so eng sieht, taucht an seiner Seite bald die taffe Tini (Sophia Schober) auf. Im Grunde die etwas moderne Version eines typischen Klaus-Lemke-Films, nur dass die Story hier eben nicht improvisiert sondern ziemlich konstruiert wirkt und es trotz der etwas überraschenden Wendung am Ende auch ist.

Bis dahin liegt es an der wegen Beziehungsproblemen aus New York zurückgekehrten Designkünstlerin Vivian, den Eisblock Magnus aufzutauen. Durch den Verlust des Autos beginnt der sich nun auch wieder mehr für seinen Sohn Sevi (Levi Schäfer) zu interessieren, was seine Ex Svenja (Korinna Krauss) ziemlich verwundert, da er das seit der Trennung nicht getan hatte. Warum, das ist Magnus Geheimnis, über das er nicht sprechen kann. Alles weiter kennt man: Vater streitet mit Mutter, die einen Neuen (Manuel Rubey) hat, um die Besuchszeiten. Das Frauenbild des Regisseurs lässt da schon ein wenig zu wünschen übrig. Wie weit geht Frau für ihren Mann? Und da ist Magnus nicht gerade zimperlich im Einspannen von Vivian und Tini für seine Zwecke. Um an den Namen des Unbekannten heranzukommen, schickt er Vivian mal eben in den Swingerclub, was diese auch bereitwillig tut. Und Tini hat da zum Spaß des Publikums noch ganz andere Sachen drauf. Man kann das natürlich auch als eine spezielle Form der Emanzipation sehen oder des Vorführens von Machoklischees. Aber Regisseur Brummer geht es hier eigentlich vorrangig um die Wandlung seines männlichen Helden, wofür ihm allerdings jeder noch so derbe Witz recht zu sein scheint.

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Feierabendbier (Perspektive Deutsches Kino)
Deutschland 2018, 113 Min
Regie: Ben Brummer
Buch: Ben Brummer, Adrian Mikkat
Kamera: Jakob Wiessner
Montage: Ben Brummer
Musik: Dr. Will
Sound Design: Dr. Will
Ton: Martial Kuchelmeister
Production Design: Verena Kaupert
Kostüm: Marcella Büchler
Maske: Alexandra Batke
Casting: Ben Brummer, Ina Mikkat
Regieassistenz: Aenn-Sophie Siebert
Production Manager: Ina Mikkat
Produzenten: Ina Mikkat, Adrian Mikkat
Mit:
Tilman Strauß (Magnus)
Julia Dietze (Vivian)
Johann Jürgens (Dimi)
Christian Tramitz (Manfred)
Jonathan Berlin (Patrick)
Sophia Schober (Tini)
James Newton (Bene)
Korinna Krauss (Svenja)
Manuel Rubey (Christoph)
Levi Schäfer (Severin)

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de

Zuerst erschienen am 21.02.2018 auf Kultura-Extra.

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„Fever Room“ und „News Crime Sports“ – Kunstvoll Installatives und Dilettantisch Performatives aus dem Bereich der bildenden Kunst in der neuen Volksbühne Berlin

Donnerstag, Dezember 14th, 2017

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Fever Room – Die Volksbühne Berlin zeigt in deutscher Erstaufführung die audiovisuelle Projektions-Performance des thailändischen Filmregisseurs Apichatpong Weerasethakul

Apichatpong Weerasethakul
Foto (c) Kick the Machine Films

Den thailändischen Filmregisseur Apichatpong Weerasethakul kennen Kinoenthusiasten vorrangig durch seine preisgekrönten Spielfilme wie etwa Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben, der 2010 in Cannes die Goldene Palme erhielt. Sein letzter Spielfilm Cemetery of Splendour wurde 2015 ebenfalls beim Filmfestival Cannes gezeigt und kam unter dem Titel Friedhof der Könige im Januar 2016 in die deutschen Kinos. Die Bezeichnung Spielfilm ist hier allerdings etwas irreführend. Cemetery of Splendour bewegt sich in seinen meditativen Naturaufnahmen und beschreibenden Dialogen eher zwischen Dokumentar- und Kunstfilm. Weerasethakul beschäftigt sich hier mit dem Thema der transzendentalen Seelenwanderung, die Teil des religiösen Empfindens der Einwohner im Nordosten Thailands, der Heimat des Regisseurs, sind. Parallel zu seinen Filmen arbeitet Apichatpong Weerasethakul auch für den internationalen Kunstbetrieb. Seine Videoinstallationen wurden bei der Saitama Triennale in Japan, der Biennale in Sidney, der 13. Documenta in Kassel oder in der Tate Modern in London gezeigt. Dabei kam sicherlich auch die Verbindung zu Chris Dercon zustande.

Bei der Pressekonferenz zur Programmvorstellung der neuen Volksbühne wurde Weerasethakuls für den internationalen Festivalbetrieb entwickelte Projektions-Performance Fever Room als weitere große Regiearbeit zwischen Film und Schauspiel angekündigt. Premiere hatte die Produktion 2015 im Asian Arts Theatre Gwangju, Südkorea. Die Erstaufführung im deutschsprachigen Raum fand im September dieses Jahres beim Steirischen Herbst im Orpheum-Konzerthaus in Graz statt. Wenn auch für die Bühne konzipiert, hat Fever Room mit herkömmlichem Schauspiel allerdings kaum etwas zu tun. Schauspieler sieht man nur in den aus Cemetery of Splendour stammenden Filmszenen, auf denen die Videoinstallation zum größten Teil beruht. Ansonsten ist Fever Room eher dem Bereich bildende Kunst zuzuordnen, dem sich die Volksbühne unter Chris Dercon ja zunehmend verschrieben hat.

 

Fever RoomFoto (c) Kick the Machine Films

 

Das Publikum sitzt bei der Vorführung in der Volksbühne auf Stühlen bzw. direkt auf dem Boden der abgedunkelten Bühne im großen Saal. Aus dem Schnürboden senkt sich zunächst im Bereich des Bühnenportals vor dem noch geschlossenen Vorhang eine Videoleinwand, auf die besagte Filmszenen projiziert werden. Später kommen eine Leinwand darüber und zwei weitere links und rechts davon hinzu. Zu sehen sind Bilder aus einem Krankenhaus, von Hunden, Bäumen und Pavillons in einem Park, oder von Bergen und dem Meer, die von den beiden ProtagonistInnen, einem an der Schlafkrankheit leidenden Soldaten und einer Krankenschwester, die sich als Medium in seine Träume hineinversetzt, nacheinander beschrieben werden. Diese Sequenzen laufen nacheinander in sich wiederholenden Schleifen. Nach einer längeren Bootsfahrt auf dem Mekong, bei der Bilder der Landschaft mit denen von befestigte Uferböschungen wechseln, sieht man noch das Innere einer Höhle. Es entsteht dabei eine zunehmende visuelle und akustische Überlagerung von gleichzeitig ablaufenden Filmszenen und der aus Originalgeräuschen der Umgebung bestehenden Tonspur.

Schon das allein hat eine sehr meditative und fast magische Wirkung, die nach etwa 50 Minuten noch durch den Einsatz eines Laserstrahls verstärkt wird. Nachdem die Leinwände wieder hochgefahren werden, öffnet sich der Vorhang zum Zuschauerraum. Der sich in Trockeneisnebel drehende Laserstrahl bildet dabei wechselnd eine trichterartige Höhle oder eine sich hebende und senkende zentralperspektivische Ebene, die einem das Gefühl geben, in diese dreidimensionale Lichtinstallation eingesogen zu werden. Musik, einzelne Stimmen und schattenartige Projektionen von Menschen sollen das Geschehen und die Gedanken der sich in ihren Träumen an frühere Begebenheiten Erinnernden in eine Dimension der Transzendenz überführen. Was recht esoterisch klingt und ein wenig auch an die Intension der Performance Women in Trouble von Susanne Kennedy erinnert. Nur dass deren Arbeit nicht die immersive Kraft von Fever Room entfalten kann. Auch wenn man sich auf Weerasethakuls Denkart nicht einlassen möchte, überzeugt zumindest die technische Perfektion dieser audiovisuellen Installation, die den Raum der Volksbühne perfekt nutzt, ohne wirklich Theater zu sein.

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Fever Room (Volksbühne, 08.12.2017)
Regie: Apichatpong Weerasethakul
Visual Design: Rueangrith Suntisuk
Licht Design: Pornpan Arayaveerasid
Sound Design: Akritchalerm Kalayanamitr
Komposition: Koichi Shimizu
Produktion: Asian Culture Centre Theatre – Korea, Kick the Machine Films, Volksbühne Berlin
Die Berlin-Premiere war am 07.12.2017
Dauer: 90 min., keine Pause
Thailändisch mit deutschen und englischen Untertiteln
Termine: 26., 27., 28.01.2018

Infos: https://www.volksbuehne.berlin/de

Zuerst erschienen am 10.12.2017 auf Kultura-Extra.

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Seelen reisen in Gruppen und bevorzugt mit Rollkoffern – Im Grünen Salon der neuen Volksbühne laden das Künstler-Duo Calla Henkel & Max Pitegoff zu einer News Crime Sports genannten Performances- und Konzertreihe

News Crime SportsFoto (c) Calla Henkel & Max Pitegoff

Im Grüner Salon der Volksbühne sieht’s derzeit ein wenig aus wie bei Hempels unterm Sofa. Die lotterige Bühneninstallation für die neue Performance-Reihe News Crime Sports stammt von Calla Henkel & Max Pitegoff, denen Chris Dercon die Programmgestaltung der kleinen Nebenspielstätte im 1. Stock des Hauses überantwortet hat. Das in den USA geborene und seit 7 Jahren in Berlin lebende Künstler-Duo zeichnet auch für Text und Regie dieser als in loser Folge entwickelten Performances- und Konzertreihe verantwortlich. Die Musik stammt von Katrin Vellrath und dem allseits bekannten Volksbühnenurgestein Sir Henry, der hier auch den Part des Manns an den Tasten übernommen hat und in einer Art Tattoo-Überzieher den Captain Cook mimt.

Calla Henkel & Max Pitegoff sind in der Kunstszene Berlins bestens vernetzt und haben ihre Fotografien und installationsartigen Wohnräume bereits in New York, London, Rotterdam und bei der letzten Berlin Biennale 2016 ausgestellt. Vertreten werden sie von der Schöneberger Galerie Isabella Bortolozzi. Von 2013 – 2015 bespielten die beiden mit englischsprachigen Stücken auch das New Theater in einem Kreuzberger Ladenlokal. Dann kam der Ruf von Chris Dercon an die neue Volksbühne. Im ersten Teil von News Crime Sports, der zur Eröffnung des Grünen Salons uraufgeführt wurde, sieht man einer internationalen Entourage aus Kunstgroupies und Partypeople beim Zeittotschlagen zu. Das Ganze handelt laut Website „in einer undeutlichen Vergangenheit, in der Wahnsinn die Passagiere eines Kreuzfahrtschiffs wellenartig überfällt, während sie die Stunden, Wochen und Jahre zu füllen versuchen, die wie auf einen Schlag zu vergehen scheinen.“

 

News Crime SportsFoto (c) Calla Henkel & Max Pitegoff

 

Auf der Bühne steht dabei eine Gruppe von bildenden Künstlern, Tänzern, Performern und Musikern. Sogar ein Model mit Mick-Jagger-Schmollmund mimt hier eine Tochter aus besserem Hause, die sich in der „City of lazy, hazy, grazy People“, die sich hier auf den rumstehenden Sofas lümmeln, zunehmend langweilt. Und auch die Mutter ist als Journalistin auf der Suche nach besagten News, Crime and Sports. Zunächst gibt’s aber nur Champagner, Dosenpfirsiche und gute Ratschläge vom Hausphilosophen („Seelen reisen in Gruppen“), bis irgendwann eine mysteriöse Dame mit Rollkoffer und Einkaufstaschen die träge Gesellschaft aufmischt. „Kollektives Träumen ist möglich.“ heißt es da. Die Stimme kommt vom Band und gehört Silvia Rieger, die neben Sir Henry weiterhin zum Rumpf-Ensemble der neuen Volksbühne gehört. Dazwischen gibt es etwas Musik und ein paar Anspielungen auf das schwere und prekäre Künstlerleben. „We all need Jobs.“ Leider kann hier niemand wirklich Theater spielen und tänzelt und feudelt sich dann halt irgendwie durch.

Vor drei Jahren hat das Ballhaus Ost mit einer Romanadaption von Franz Hessels Heimliches Berlin schon mal das ewige Künstlertum in einer sich beständig wandelnden Metropole beschrieben. Seit den wilden Zwanzigern scheint sich da in Berlin nicht viel geändert zu haben. Was sich ändert sind nur die Vorzeichen, und die stehen zurzeit auf Austauschbarkeit. Worte wie Vergangenheit oder Zukunft haben hier keinerlei Bedeutung mehr, da sich die Kunst längst von Ort und Kontext befreit hat. Dabei wirkt die Performance so Old School, dass man erstaunt ist, dass es so etwas wirklich noch gibt. Oder besser, dass die Kapelle des untergehenden Kreuzfahrtdampfers immer noch so lange einfach weiterspielt, bis der Kahn tatsächlich gesunken ist. „What Time it ist?“ oder „How long are we here?“ sind dann auch die großen Fragen des Abends, die man sich notgedrungen beginnt selbst zu stellen. Wenn dann auch noch von einem von Polizisten abgesperrten Theater die Rede ist, ist das schon etwas kokett, und man fragt sich ernsthaft, warum sich die Volksbühne erst von hinten den Dilettantismus in den Grünen Salon reinholt, den sie durch die Polizei vorne hat rausholen lassen.

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News Crime Sports (Grüner Salon, 08.12.12017)
Regie und Text: Calla Henkel & Max Pitegoff
Kostüme: Ella Plevin
Komposition: Sir Henry, Katrin Vellrath
Stimme von: Silvia Rieger
Choreographie: Tarren Johnson
Musik: Sir Henry
Redaktion und Übersetzung: Alex Scrimgeour
Kuratorin: Elodie Evers
Mit: Agathe Bommier, Mia von Matt, Lily McMenamy, Leon Kahane, Theresa Patzschke, Elias Pitegoff
Die Premiere war am 17.11.2017 im Grünen Salon der Volksbühne
Mehrsprachig (Englisch, Deutsch, Französisch)

Infos und Termine: https://www.volksbuehne.berlin/de/

Zuerst erschienen am 11.12.2017 auf Kultura-Extra.

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27. Film Festival Cottbus – Ein Fazit des Spielfilmwettbewerbs

Montag, November 20th, 2017

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Betrachtet man das diesjährige Angebot im Spielfilmwettbewerb des 27. FILMFESTIVALS COTTBUS, fällt auf, dass sich mehr als 25 Jahre nach dem Zusammenbruch des ehemaligen Ostblocks viele der Beiträge wieder mit den sozialen Verwerfungen der post-sozialistischen Gesellschaften in den Ländern Osteuropas beschäftigen. Die zum Teil radikal-ökonomischen Umwälzungen haben ihre Folgen hinterlassen. Nicht für jeden konnten sich die Träume von Freiheit und Wohlstand erfüllen.

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Besonders düster zeigen das zwei Spielfilme aus Albanien und Slowenien, die sich mit dem unmittelbaren sozialen Absturz ihrer Protagonisten beschäftigen. In Tagesanbruch / Daybreak von Regisseur Gentian Koçi kämpft die alleinerziehende Krankenschwester Violeta (Ornela Kapetani) um das tägliche Überleben. Sie ist nach einem Fall von Sterbehilfe aus der Klinik entlassen worden und verdingt sich nun als Pflegerin der ans Bett gefesselten Sophia, deren Tochter Ariana mit ihrem Mann in Frankreich lebt. Vom spärlichen Lohn kann Violeta ihre Wohnung nicht mehr bezahlen und wird von ihrem Vermieter kurzerhand vor die Tür gesetzt. Auch die Tagesmutter will den kleinen Sohn nicht mehr ohne Geld nehmen. Nachdem auch eine Freundin nicht mehr aushelfen kann, zieht Violeta ganz in Sophias Wohnung.

 

DAYBREAKFoto © OYMO

 

Als Ariana mit ihrem Mann bei einem Autounfall stirbt, ist Violeta ganz auf die schmale Rente der alten Frau angewiesen, von der nun auch noch die teuren Medikamente bezahlt werden müssen. In der beengten Wohnung steht die verzweifelte Frau zwischen dem neuen Leben ihres Sohns und einem, das sich dem Ende neigt. Zudem bittet Sophia um die Erlösung von ihren Leiden. Der Film zeigt die Ausweglosigkeit einer Frau, für die es keine Alternative oder soziale Sicherung gibt und sich jeder der Nächste ist. Violeta lässt sich schließlich auf eine folgenschwere Affäre mit dem Postmann, der jeden Monat die Rente bringt, ein. Der eindrucksvolle Film endet als verstörender Kriminalfall.

Den trostlosen Bildern von ghettogleichen Wohnburgen Tiranas stehen die einer zunächst noch relativ heilen Familienwelt im Film Die Familie / The Basics Of Killing gegenüber. Der slowenische Regisseur Jan Cvitkovič ist langjähriger Teilnehmer des Cottbuser Filmfestivals und hat schon einige Preise mitnehmen können. Mit seinem düsteren Sozialdrama, das die Auswüchse eines existenzvernichtenden Sozialgesetzes behandelt, konnte er allerdings bei der Jury nicht punkten. Eine gehobene Mittelklassefamilie aus Ljubljana fällt, nachdem beide Elternteile auf unglückliche Weise ihre Arbeit verlieren, ins sprichwörtlich Bodenlose. Sie sind, da für die Sozialleistungen Schätzungen ihres Gehalts von vor zwei Jahren herangezogen werden, nicht zuschussberechtigt. Cvitkovič malt den Abstieg in aller Dramatik aus. Der Zerfall der Familien, bedingt durch Streit der Eltern und Alkoholexzesse des Vaters, hinterlässt vor allem bei den Kindern seine Spuren, die schließlich damit beginnen, für die handlungsunfähig gewordenen Eltern Essen zu stehlen.

 

THE BASICS OF KILLINGFoto (c) Soul Food Distribution

 

Auch im aserbaidschanischen Spielfilm Der Granatapfelgarten / Pomegranate Orchad von Regisseur Ilgar Najaf führen ökonomische Zwänge zum familiären Drama. Der alte Shamil (Gurban Ismayilov) lebt mit seiner Schwiegertochter und deren Sohn von den Früchten seines Granatapfelgartens. Als nach 12 Jahren sein Sohn Gabil (Samimi Farhad) aus Russland wieder heimkehrt, gerät das sichere Gleichgewicht zwischen Natur und Familie aus den Fugen. Gabil hatte vor zwölf Jahren Frau und Kind verlassen, ohne je wieder von sich hören zu lassen. Durch Geschäfte angeblich reich geworden, will er nun seine Familie nach Moskau holen. Doch der Rückkehrer verheimlicht allen seine wahren Gründe. Regisseur Najaf ließ sich von Anton Tschechows Kirschgarten inspirieren und zeichnet in ruhigen Einstellungen eine Bild zwischen Tradition und Fortschritt, Einklang mit der Natur und rein wirtschaftlichen Interessen, denen nicht nur der Sohn sich gebeugt hat, sondern schließlich auch der Vater nachgeben muss.

Dass sich post-sozialistische Tristes auch ganz ohne Worte vermitteln lässt, zeigt der ukrainische Beitrag Black Level, der vom seelischen Verfall des Fotografen Kostya (Kostyantyn Mokhnach) handelt. In vielen stummen Einzelszenen führt Regisseur Valentyn Vasynovitch den eintönigen Alltag seines Protagonisten vor. Zwischen Auftragsarbeiten wie dem Fotografieren von Hochzeitpaaren und Kinderfesten sieht man Kostya bei langen Fahrten durch eine labyrinthartige Tiefgarage, beim Sex im Auto, dem Archivieren von alten Fotos und beim Klettertraining. Nachdem erst sein Vater und dann auch noch die Katze sterben, verfällt der schweigsame 50jährige immer mehr in eine stille Depression. Bilder von trüber Winterlandschaft, Plattenbauten und qualmenden Industrieanlagen erzeugen zusätzlich ein Bild der totalen Trostlosigkeit. Mitunter wirkt dieser semidokumentarische Stil allerdings schon etwas zu plakativ.

 

HEAD. TWO EARSFoto (c) Vitaly Suslin

 

Das den Wettbewerb in den letzten Jahren dominierende russische Kino war mit dem Spielfilm Ein Kopf. Zwei Ohren / Head, Two Ears von Regisseur Vitaly Suslin vertreten. Mit fast schon dokumentarischer Strenge zeigt Suslin zu Beginn den Alltag seines jungen Protagonisten auf dem russischen Land, der sich zwischen Viehstall, Suppe löffeln und Bier aus dem Dorfkonsum holen erschöpft. Ivan (Ivan Lashin) ist ein naiver, fast schon treudummer Kindskopf, der auf die Offerte eines Fremden ihn in die Stadt mitzunehmen, ohne lange zu überlegen eingeht. Dort wird er in einem schicken Konsumtempel neu eingekleidet, auf eine Kredit-Betrugs-Tour geschickt und schließlich in einem Edel-McDonald‘s allein zurückgelassen. Der Film begleitet Ivan nun dabei, wie er in stoischer Beharrlichkeit jeden noch so aussichtslosen Straßenverkaufsshop annimmt, um sich seinen Traum vom Glück, das in einem immer wieder eingespielten Naturidyll mit der Partnerin des Betrügers besteht, zu erfüllen. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit, die der Hauptdarsteller, der sich hier tatsächlich auch selbst spielt, dem Regisseur erzählt hat.

Wahre Begebenheiten sind immer wieder Inspirationsquellen für Filmemacher. So auch für den polnischen Regisseur Maciej Piepryza, der einen Kriminalfall aus den 1970er Jahren erst als Dokumentar- und nun als Spielfilm aufgegriffen hat. In I’m A Killer / Ich bin der Mörder verfilmte Piepryza die Suche nach dem berüchtigten „Vampir von Oberschlesien“. Der Mann hatte gedroht, zum 30. Jahrestag Volkspolens für jedes Jahr eine Frau zu ermorden. „Der Kommunismus ist rot wie Blut“, heißt es in einem Bekennerschreiben. Auf immerhin 12 Opfer hatte es der Serienmörder geschafft.

 

I’M A KILLERFoto (c) The Moonshot Company

 

Hauptakteur ist der junge Kommissar Janusz (Mirosław Haniszewski), der zur Lösung des Falls unverhofft zum Chef einer Sondereinheit ernannt wird. Da dem Killer auch die Schwägerin eines hohen Parteisekretärs zum Opfer fiel, müssen schnellstens Ergebnisse her, die Janusz mit Hilfe von psychologischen Profilen und neuester Computerauswertung erzielen will. Der Film zeigt nicht ohne Humor die graue Tristes des Katowicer Kohlereviers, seine prekären Gestalten und politischen Zwänge, denen das Team um den jungen aufstrebenden Kommissar ausgesetzt ist. Trotz dass bei einigen seiner Kollegen Zweifel an der Täterschaft des gefassten Verdächtigen aufkommen, bleibt Janusz hart und beginnt ein psychologisches Spiel mit dem Inhaftierten. Schließlich lässt er sich von den Vorgesetzen und politischen Machthabern korrumpieren und setzt alles daran, Zeugen, Gericht und sogar die Familie des Angeklagten zu manipulieren. Das ist spannend und glaubwürdig erzählt. Auch wenn der Film nach dem Mainstream und einer kommerziellen Verwertung schielt, mindert das die Regieleistung von Piepryza nicht und wurde von der Spielfilm-Jury sogar für preiswürdig erachtet. Mirosław Haniszewski bekam dazu noch den Preis für den besten männlichen Darsteller.

Auch der Preis für die beste Darstellerin geht nach Polen und komplettiert den polnischen Erfolg im Wettbewerb mit dem Spielfilm Wilde Rosen / Wild Roses der Regisseurin Anna Jadowska, was durchaus erfreulich ist, wird hier nicht nur das eindrückliche Portrait einer fragilen Frauenfigur prämiert, sondern geht der Hauptpreis für den besten Film endlich mal wieder an das Werk einer Regisseurin, wobei es in diesem Jahr tatsächlich nur ganze zwei Frauen mit ihren Filmen in den Wettbewerb geschafft hatten. Das konnte das Film Festival Cottbus durchaus schon besser.

 

WILD ROSESFoto (c) Ant!pode

 

Wilde Rosen führt aufs polnische Land, wo traditionell die katholische Kirche und geordnete Familienverhältnisse den Alltag bestimmen. Marta Nieradkiewicz spielt die junge Mutter Ewa, die sichtlich von dem Erwartungsdruck, der auf ihr lastet, überfordert scheint. Zudem fühlt sie sich von ihrem Mann, der lange Zeit auf Montage im Ausland war, alleingelassen und geht eine folgenschwere Affäre mit einem 16jährigen Jungen ein. Als ihr Mann zurückkehrt und von den Gerüchten im Dorf erfährt, bricht der Konflikt offen aus und drängt Ewa dazu, sich anzupassen, oder die Verantwortung für ihr Leben selbst zu übernehmen. Das ist eindrucksvoll gespielt und lässt einen nicht unberührt.

Wilde Rosen führt aufs polnische Land, wo traditionell die katholische Kirche und geordnete Familienverhältnisse den Alltag bestimmen. Marta Nieradkiewicz spielt die junge Mutter Ewa, die sichtlich von dem Erwartungsdruck, der auf ihr lastet, überfordert zu sein scheint. Zudem fühlt sie sich von ihrem Mann, der lange Zeit auf Montage im Ausland war, alleingelassen und geht eine folgenschwere Affäre mit einem 16jährigen Jungen ein. Als ihr Mann zurückkehrt und von den Gerüchten im Dorf erfährt, bricht der Konflikt offen aus und drängt Ewa dazu sich anzupassen oder die Verantwortung für ihr Leben selbst zu übernehmen. Das ist eindrucksvoll gespielt und lässt einen nicht unberührt.

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Mit Medienkritik beschäftige sich der rumänische Beitrag Breaking News von Regisseurin Julia Rugină. Der Film erzählt von der Recherche des Fernsehreporters Alex (Andi Vasluianu) für einen Nachruf auf seinen Kameramann, der bei einer gewagten Reportage in einer explodierten Fabrik ums Leben gekommen ist. Alex fühlt sich am Tod des Kollegen schuldig und beginnt dessen Tochter über das ihm unbekannte Leben ihres Vaters auszufragen.

Auch der bulgarische Beitrag Omnipräsent / Omnipresent von Regisseur Ilian Djevelekov behandelt mit einer ständig in der Öffentlichkeit präsenten Videoüberwachung ein gesellschaftliches Problem. Allerdings verlegt der Regisseur seinen Plot in den privaten Bereich, in dem der Werbemanager Emil (Velislav Pavlov) seine zur Entlarvung eines Diebs installierte Technik zunehmend für persönliche Zwecke ausnutzt und beginnt Gott zu spielen. Das führt neben dem Gefühl der absoluten Macht auch zu einigen unangenehmen Enthüllungen. Leider ist der recht geschwätzige Film auf die Dauer nicht wirklich interessant.

 

OUTFoto (c) Cercamon

 

Kommerzieller Erfolg sollte auch der slowakisch-ukrainischen Koproduktion Die Linie / The Line vom slowakischen Regisseur Peter Bebjak beschieden sein. Die tragikomische Mafia-Story über eine Bande Zigarettenschmuggler im Wandel der Zeit an der slowakisch-ukrainischen Grenze erinnert mit ihrem Soundtrack, den skurrilen Typen und einem guten Schuss schwarzem Humor an Balkanfilme von Emir Kusturica. Nebenbei behandelt der Film auch aktuelle Problemthemen wie durch skrupellose Schleuserbanden ausgenutzte Flüchtlinge, den Drogenschmuggel und korrupte Polizeibeamte.

Auch der ebenfalls breit koproduzierte Spielfilm Out vom ungarischen Regisseur György Kristóf ist ein filmischen Kleinod, das nicht unerwähnt bleiben sollte. Der Film folgt dem mit seiner Familie in der Slowakei lebenden Ungarn Ágoston (Sándor Terhes) auf Arbeitssuche nach Lettland. Schon sein Anstellungsgespräch auf einer Werft ist mehr als merkwürdig. Der gutmütige Anglerfreund Ágoston ist Ausländerfeindlichkeit ausgesetzt und muss sich nach seiner Entlassung durch die lettische Winterlandschaft schlagen, wo er ausgestattet mit einem ausgestopften Hasen ohne Ohren auf weitere skurrile Typen wie einen russischen Geschäftsmann mit seiner schönheitsoperierten Superfrau trifft. Was Ágoston antreibt, ist die Sehnsucht nach dem Meer. Mit seinem alkoholgeschwängerten aber sonst recht trockenen Humor atmet der Streifen ein gehörige Prise Kaurismäki-Flair.

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27. FilmFestival Cottbus
Festival des osteuropäischen Films
07. bis 12.11.2017
Infos: http://www.filmfestivalcottbus.de/de/

Zuerst erschienen am 14.11.2017 auf Kultura-Extra.

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Nationale Vergangenheitsaufarbeitung beim 27. Festival für den osteuropäischen Films in Cottbus

Montag, November 20th, 2017

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Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist immer wieder Thema vieler Filme auf dem 27. Cottbuser Festival des osteuropäischen Films. So auch in diesem Jahr, das an Jubiläen nicht arm ist. Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution in Russland gab es z.B. die deutsche Animations-Doku 1917 – Der wahre Oktober und einen georgischen Spielfilm über die letzten Tage des bis heute umstrittenen ersten, 1991 demokratisch gewählten Präsidenten Zviad Gamsakhurdia zu sehen. Khibula / Vor dem Frühling von George Ovashvili lief im offiziellen Wettbewerb. Der georgische Regisseur konnte bereits 2014 mit seinem poetisch stillen Filmdrama Die Maisinsel im Wettbewerb überzeugen. In Khibula kämpft sich ein erschöpfter Ex-Präsident (Hossein Mahjoub) mit ein paar getreuen Kämpfern von Unterschlupf zu Unterschlupf durch die verschneiten Wälder und Berge Georgiens.

Die Männer singen, halten patriotischen Reden zum Zusammenhalt des Landes. Doch den Präsidenten plagen sichtlich Selbstzweifel. Immer wieder träumt er von einer „Judas“ rufenden Menge. Auf die Frage nach seinen Plänen verweist der alte Mann nur auf Gott, den Allmächtigen, dessen Pläne er als sein Werkzeug ausführe. Immer wieder holt er eine Pistole aus seiner Aktentasche, was wohl auf die bis heute ungeklärten Todesursachen in einem verlassenen Haus im besagten Ort Khibula anspielen soll. Der Tod ist hier die ganze Zeit anwesend. George Ovashvili zeigt ein entthrontes Idol, das einst Hoffnung auf Einheit, Brüderlichkeit und Freiheit nun vom Sockel gestoßen nicht abzutreten vermag.

 

KHIBULAFoto © Pluto Film Distribution Network GmbH

 

Der Film verliert sich in den Weiten der Natur, deren Stille laut Regisseur ein Symbol für das alles umgebende Chaos sein soll. Es bricht hier mit Granateinschlägen und Hubschrauberlärm ein. Zur Wahrheitsfindung trägt dieser Film sicher nicht bei, dazu gibt es bis auf ein paar Radioeinspielungen kaum Informationen zu den Hintergründen des Putsches und der Rolle Gamsakhurdias, der von der Opposition auch als Diktator bezeichnet wurde. Ovashvili bleibt mit Khibula seinem poetischen Filmstil treu und konzentriert sich ganz auf die Natur und die Einsamkeit seines Protagonisten.

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Neben den postsozialistischen Umwälzungen liegt nach wie vor auch der Zweite Weltkrieg im Fokus der osteuropäischen Filmschaffenden. Nach Filmen zum Massaker an polnischen Offizieren durch die Rote Armee im Jahr 1940 und dem Warschauer Aufstand im Jahr 1944 ist nun die filmische Aufarbeitung des 1943-44 von der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) an der polnischen Zivilbevölkerung verübten Massakers von Wolhynien an der Reihe.

Kaum ein Landstrich in Europa ist dermaßen vom Wandel der Zeiten und Regime geprägt worden wie das im Osten der damaligen Republik Polen gelegene Grenzgebiet zur Ukraine. Die Herren wechselten hier immer wieder. Vor dem Ersten Weltkrieg gehörte Wolhynien wie das benachbarte Galizien zur Habsburger Donaumonarchie. Nach deren Auflösung fiel das Gebiet an die neu gegründete Republik Polen. Die erste Vertreibungswelle infolge des Ersten Weltkriegs traf die im 19. Jahrhundert dort angesiedelten Wolhynien-Deutschen. 1939 setzte sich die Bevölkerung Wolhyniens aus etwa 70 Prozent Ukrainern, 16 Prozent Polen und 10 Prozent Juden zusammen.

Im Sommer 1939 setzt auch der von Regisseur Wojtek Smarzowski gedrehte polnische Spielfilm Wolhynien ein. Der Streifen lief in Cottbus in der Sektion „Nationale Hits“, was das momentane nationale Interesse des bereits vor einem Jahr in den polnischen Kinos angelaufenen Films bestens wiederspiegeln dürfte. Die Massaker von Wolhynien sind eines der wohl traumatischsten Ereignisse der polnischen Geschichte und wurden während der Zeit des Ostblocks so gut wie totgeschwiegen. Auch jetzt noch sorgt dieses Thema für Unstimmigkeiten in den Beziehungen zum Nachbarland Ukraine. Bereits zum 70. Jahrestag 2013 sprach man von polnischer Seite über ethnische Säuberungen. Im Juli 2016 hat das polnische Parlament, in dem die PiS die absolute Mehrheit hat, eine Resolution verabschiedet, die das Massaker an ca. 100.000 Polen sogar als Genozid bezeichnet.

Der Film hat alte Wunden wieder aufgerissen und einen Streit über alten und neuen Nationalismus in Polen und der Ukraine entfacht, sind doch beide Seiten nicht frei davon. „Reinigen wir das Land von den Polen!“ predigt ein orthodoxer Priester im Film und segnet hochgereckte Äxte, Sicheln und Heugabeln. Das Blut der Polen soll die Flüsse tränken. Was dann auch im letzten Drittel des Films bildlich umgesetzt wird. Die Gräueltaten der Ukrainer kennen da keine Grenze mehr. Dabei lässt Regisseur Smarzowski seinen Film im sommerlichen Idyll einer polnisch-ukrainischen Hochzeit beginnen. Doch schon bei den traditionellen Feierlichkeiten kommt es immer wieder zu Sticheleien und dem Austausch offener Ressentiments zwischen den beiden Volksgruppen. Wolhynien zeigt den Konflikt anhand zweier ethnisch gemischter Liebespaare. Eines, das seine Liebe zunächst feiern kann und eines, das voneinander getrennt Krieg, Hass persönliches Leid erleben muss.

Die Zuschauer erleben die Niederlage der polnischen Armee gegen die deutsche Wehrmacht im September 1939, den Einmarsch der Roten Armee nach dem Stalin-Hitler-Pakt, bei dem die Ukrainer zumeist noch den neuen kommunistischen Machthabern zujubeln, während die als reiche Kulaken verschrienen Polen enteignet und nach Sibirien transportiert werden. Die Fahnen wechselt man wieder, als die Wehrmacht 1941 die Russen vertreibt und Hitler der neue Herr und Garant für die ukrainische Unabhängigkeit wird. Schikaniert stehen dazwischen immer wieder die Polen, sieht man mal vom systematischen Mord an der jüdischen Bevölkerung ab, der hier nicht ausgeblendet wird.

 

VOLHYNIAStill (c)Krzysztof Wiktor, Film it

 

Emotional packend ist die filmische Umsetzung gerade durch die Entscheidung, den Konflikt aus Sicht einer jungen polnischen Frau zu erzählen, die wider Willen einen älteren polnischen Witwer heiraten muss, ihrem ukrainischen Geliebten aber nicht vergessen kann. Zofia (Michalina Łabacz) erwartet ein Kind von ihm und zieht später auch noch die Kinder ihres von Ukrainern ermordeten Manns mit auf. Sie versteckt Juden und pflegt einen verwundeten polnischen Widerstandskämpfer. Ob nun Opferrolle oder Identitätsfigur für nationales Heldentum, dem aufkeimenden Nationalismus in Polen bieten sich hier natürlich viele Anknüpfungspunkte, auch wenn die Ressentiments der Polen gegenüber den Ukrainern und Racheaktionen von Polen an ukrainischen Familien nicht ausgespart werden. Spätestens wenn die Protagonistin durch die Nacht des Brandschatzens und der äußerst blutig geschilderten Mordtaten der Ukrainer an den polnischen Dorfbewohner geistert und wie durch ein Wunder überlebt, lassen einen die Bilder nicht mehr los.

Der ukrainische Nationalismus wird hier vor allem durch orthodoxe Würdenträger und fanatische Freischärler der UPA geschürt, auch wenn es durchaus mahnende Gegenstimmen im Film gibt. Einerseits feiert man die Mitglieder der UPA in der Ukraine wieder offiziell als nationale Helden, anderseits kniete Präsident Petro Poroschenko bei einem Polenbesuch vor dem Wolhynien-Mahnmal in Warschau. Auch von russischer Seite gab es ein reges Medieninteresse an den Filmarbeiten. Die Versuchung, das Thema propagandistisch auszuschlachten ist groß. Wojtek Smarzowski wehrt sich aber tapfer gegen jede Art der politischen Vereinnahmung und hat polnische Preisgelder für Projekte zur Völkerverständigung gespendet. Der Regisseur will mit diesem Film, wie er selbst betont, Brücken bauen. Ob diese Form der Aufarbeitung dazu taugt, wird sich noch zeigen müssen.

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Ganz anders geht der junge, in Deutschland lebende, polnische Regisseur Kristof Gerega an das schwierige Thema Wolhynien. In der Reihe „Specials“ zeigte das Festival seinen Dokumentarfilm Nicht mehr unsere Heimat / No longer our Homeland. Geregas Großeltern lebten vor dem Zweiten Weltkrieg im Dorf Hanaczów in Wolhynien. Nach deren Tod tauchten etliche Briefe und Fotografien aus der Zeit und noch mehr Fragen beim 1981 geborenen Regisseur auf. Er hat sich zunächst mit kleinem Filmteam auf eine Reise nach Radzimów an der deutsch-polnischen Grenze gemacht, wo die Familie seit der Umsiedlung nach dem Krieg lebte. Dort treffen sie zunächst Geregas Onkel Jan und weitere ehemalige polnische Bewohner Wolhyniens, die von ihren Kindheitserlebnissen berichten.

 

NO LONGER OUR HOMELAND Foto © Schuldenberg Films

 

Der Regisseur stellt seinem Film ein Zitat voran, das von der Erinnerung als einem kollektiven Prozess, der einer gewissen Evolution unterworfen ist, spricht. Ein alter polnischer Bauer möchte dann die Tragödie auch lieber ruhen zu lassen. Schlussstrichdebatten sind nicht unbekannt bei der Verdrängung schmerzhafter Ereignisse aus der nationalen Vergangenheit. Andererseits haben sich zwei Seiten der Wahrheit über die Ereignisse herausgebildet, was auch in den Befragungen von den heute in den Dörfern Wolhyniens lebenden Ukrainern zeigt. Es geht Gerega letztendlich aber nicht um die Suche nach einer endgültigen Wahrheit, sondern um das Reden über die Vergangenheit, was für ihn vor allem ein Prozess des Lernens ist.

Während sich in Polen immer mehr Leute dafür interessieren, es einen Rat für das Gedenken an die Opfer gibt und Pfadfindergruppen die alten Friedhöfe in der Ukraine säubern, tut man sich dort mit der Erinnerung eher schwer. Gerega lässt sich die Orte zeigen und die Menschen reden, fragt nur hin und wieder behutsam nach. Alte Frauen singen ukrainische Nationalweisen, bei einem Dorffest preist man die Heimat, aber ein Redner verweist auch auf die einstigen polnischen Mitbürger. Weitere Protagonisten sind Andrij, ein junger polnischer Historiker und der 87jährige Edward, der sich seit den 1970er Jahren für die Errichtung eines Denkmals am Ort des Massakers einsetzt und dem Regisseur seine Pläne dafür vorstellt. Später zeigt Gerega ihm sein Filmmaterial aus der alten Heimat, die der alte Mann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr besuchen kann.

Man erfährt auch von der Errichtung eines Kreuzes, das polnische Pfadfinder ohne Erlaubnis der ukrainischen Behörden dort aufgestellt haben. Wer seine Vergangenheit nicht bewältigt, riskiert, dass national eingestellte Kreise sich dieser bemächtigen. Gerega spricht davon, dass beide Seiten sich als Opfer sehen und gegenseitig beschuldigen. Eine dritte Seite zeigt der Regisseur mit der Vorstellung eines in Niederschlesien aufgewachsenen Deutschen, der Fahrten ins polnische Grenzgebiet organisiert, wo heute die Nachfahren der zwangsumgesiedelten Wolhynier in den Häusern der 1945 vertriebenen Deutschen leben, die ebenfalls noch lange die Hoffnung auf eine Rückkehr hatten. Der Krieg hat Tatsachen geschaffen, denen sich auch spätere Generationen stellen müssen.

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Khibula / Vor dem Frühling
Georgien, Deutschland, Frankreich, 2017, 99 Min
Regie: George Ovashvili
Drehbuch: Roelof Jan Minneboo, George Ovashvili
Kamera: Enrico Lucidi
Ton: Johannes Doberenz
Schnitt: Sun-Min Kim
Ausstattung: Ariunsaichan Dawaachu
Musik: Josef Bardanashvili
Darsteller: Hossein Mahjoob, Kishvard Manvelishvili, Nodar Dzidziguri, Lika Babluani, Zurab Antelava, Lidia Chilashvili, Galoba Gambarov
Produzent: George Ovashvili
Produktion: Alamdary
Co-Produktion: 42 film, Arizona Productions

Infos: http://www.plutofilm.de

Wołyń / Wolhynien / Volhynia
Polen, 2016, 150 Min
Regie und Drehbuch: Wojtek Smarzowski
Kamera: Piotr Sobociński jr.
Ton: Jacek Hamela, Katarzyna Dzida-Hamela
Schnitt: Paweł Laskowski
Ausstattung: Marek Zawierucha
Musik: Mikołaj Trzaska
Darsteller: Michalina Łabacz, Lech Dyblik, Arkadiusz Jakubik, Vasili Vasylyk, Adrian Zaremba, Jacek Braciak, Iza Kuna, Oleksandr Chesherov
Produzent: Dariusz Pietrykowski, Andrzej Połeć, Feliks Pastusiak
Produktion: Film It
Co-Produktion: National Audiovisual Institute, OXY Net, Polish Public Television TVP S.A., Canal+ Poland, Andrzej Łudziński Productions, Odra Film, National Centre for Culture

Infos: http://www.filmit.com.pl

Nicht mehr unsere Heimat / No longer our Homeland
Deutschland, 2017, 92 Min
Regie und Drehbuch: Kristof Gerega
Kamera: Fabian Altenried
Ton: Kristof Gerega
Schnitt: Kristof Gerega
Produzent: Kristof Gerega
Produktion: Schuldenberg Films
Co-Produktion: Weltfilm, Film Art Production

Infos: http://www.schuldenbergfilms.com

Weitere Infos siehe auch: http://www.filmfestivalcottbus.de/

Zuerst erschienen am 12.11.2017 auf Kultura-Extra.

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Revolutionsgedenken im Kino und Theater – „1917 – Der wahre Oktober“ von Katrin Rothe beim 27. Filmfestival Cottbus und „Lenin“ von Milo Rau in der Berliner Schaubühne

Montag, November 13th, 2017

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1917 – Der wahre Oktober – Regisseurin Katrin Rothe erzählt in ihrer Animations-Doku die russische Oktoberrevolution aus Sicht der Künstler

2017 jährt sich zum 100. Mal die sogenannte Oktoberrevolution, bei der die Bolschewiki gewaltsam die Macht über Russland an sich riss. Zu diesem Thema ist in unzähligen Geschichtsbüchern viel geschrieben worden. Fünf Jahre nach der Oktoberrevolution begann Lenin auch das Medium Film für Propagandazwecke zu nutzen. Bekanntestes Filmzeugnis der damaligen Ereignisse ist der 1927 von Sergei Eisenstein (Regisseur des berühmten Stummfilms Panzerkreuzer Potemkin über die gescheiterte Revolution von 1905) gemeinsam mit seinem Kollegen Grigorij Alexandrow gedrehte Revolutionsfilm Oktober, in dem der legendäre Sturm auf das Winterpalais im Stile eines Dokumentarfilms nacherzählt wird. Das sind nach wie vor die Bilder, die im Gedächtnis der Menschheit mit diesem die Welt erschütternden Ereignis in Verbindung gebracht werden.

Regisseurin Katrin Rothe wollte aber wissen, „wie die Revolution damals von Künstlern erlebt wurde“. Geschichten aus erster Hand sozusagen. Die Grimme-Preisträgerin hat anhand der Aufzeichnungen von 5 Protagonisten aus der St. Petersburger Künstlerszene, die in jener Zeit aktiv an den Umwälzungen beteiligt waren, eine ganz spezielle filmische Dokumentation aus Sicht der kreativen russischen Avantgarde und Intelligenzija auf das Jahr 1917 geschaffen. Rothe projiziert die Ereignisse ausgehend von der Februar-Revolution und der Abdankung des Zaren über die Zeit der Doppelherrschaft der Sowjets und provisorischen Kerenski-Regierung bis zum Sturm auf das Winterpalais durch die Bolschewiki im Oktober auf einem roten Zeitstrahl in ihrem Wohnzimmer.

Für ihren dokumentarischen Animationsfilm 1917- Der wahre Oktober benutzte die Regisseurin die konventionelle Legetricktechnik, bei der Figuren aus Papier, Pappe und Stoff in vielen Einzelaufnahmen vor einem gezeichneten oder auch realen Hintergrund bewegt werden. So entstehen recht kunstvolle und lebendige Bilder, die heraus aus den Salons der Künstler immer wieder die Stimmung auf den Straßen zeigen und reflektieren. So etwa in den Tagebuchaufzeichnungen der skandalumwitterten Dichterin Sinaida Hippius, die einen legendären Künstlersalon in Petersburger unterhielt und eng mit dem Chef der Übergangsregierung Alexander Kerenski befreundet war. Über damaligen Massenproteste gegen den Krieg und Hunger in Russland vor der Duma schrieb sie: „Gut wäre es, wenn man blind und taub wäre, einfach kein Interesse zeigte, Gedichte schriebe von Ewigkeit und Schönheit. Ach wenn ich das nur könnte.“ Aber sie weiß auch um bevorstehenden Zusammenbruch der alten Macht der Obrigkeit und ihrer erfolglosen Politik der immer weiteren Entfernung vom Volk. „Deshalb wird das, was kommen wird, nackt und bloß sein, von unten kommend“, prophezeit die düster aus ihrer Wohnung schauende Dichterin den kommenden Umsturz.

 

1917 – Der wahre Oktober(c) Katrin Rothe Filmproduktion

 

Dagegen ist die Begeisterung des jungen futuristischen Dichters Wladimir Majakowski, der bei den motorisierten Truppen in Petersburg stationiert ist, nahezu grenzenlos. Er schreibt eine Poetokronik der Revolution, beteiligt sich an Demonstrationen und Versammlungen und sieht die Bolschewiki der Kunst heraufziehen. Seine Aufritte mit Schiebermütze und roter Schleife am Reverse sind mit Beatboxing unterlegt. Ähnlich ist es mit dem avantgardistischen Maler und Soldaten Kasimir Malewitsch, der ein revolutionäres Manifest der Kunst nach dem anderen veröffentlicht und in einer farbig bunten, seine suprematistischen Kunst wiederspiegelnden Kleidung dargestellt ist. Allerdings blieb es nicht bei der anfänglichen Euphorie. Malewitsch wurde 1926 als avantgardistischer Künstler und Hochschullehrer von Stalin kaltgestellt. Majakowski nahm sich 1930 enttäuscht das Leben.

Nachdenklicher und reflektierten sind da die später in Paris geschriebenen Memoiren des Maler und Kunstkritikers Alexander Benois. Er engagiert sich zusammen mit dem Schriftsteller Maxim Gorki in einem marxistischen Künstlerkomitee, das zunächst in Gorkis Wohnung tagte, sich später nach der Oktoberrevolution aber wieder auflöste. Auch Gorki als Marxist und langjähriger Weggefährte Lenins ist skeptisch und glaubt nicht an den Sieg der Straße. Er schreibt viel in der Zeitschrift Nowaja Shisn, kritisiert Plünderungen und Kunstvandalismus, ist sogar für eine Weiterführung des Krieges. Mehr oder weniger aber werden diese kritischen intellektuellen Geister, wie auch die gegen die wachsende Agitation der Bolschewiki argumentierende Dichterin Hippius, vom Druck der Straße überrollt.

 

1917 – Der wahre Oktober(c) Katrin Rothe Filmproduktion

 

Was die unzufriedenen Massen eint, sind der Hunger und der Hass auf den Krieg und die nicht handelnde provisorische Regierung. Immer wieder schneidet die Regisseurin schwarze bewaffnete Kämpferreihen aus und lässt sie über blutrote Straßen marschieren. Die alte Macht bricht zusammen. Erste Struktur bekommt der Aufstand durch die Bildung der Arbeiter- und Soldaten-Räte. Das Volk aus Arbeitern, Bauern und desertierten Soldaten, dem die zumeist noch im Exil oder der Verbannung lebenden Führer fehlen, organisiert sich selbst. Dafür, wie diese revolutionäre Situation durch die zahlenmäßig gar nicht so bedeutende Bolschewiki unter Lenin und Trotzki ausgenutzt werden konnte, kann der Film zwar auch endgültige keine Erklärung bieten. Er bildet aber ein der Ästhetik der Zeit gerechtes filmisches Kunstwerk, das gut die schwierige Rolle der Kunst in der Revolution zeigt.

Erfreulich ist, dass der bereits im Mai angelaufene Film nun nochmal in der Reihe „Bruderkuss: Vision und Alltag – Sozialistische Realitäten im osteuropäischen Kino“ beim 27. Filmfestival Cottbus zu sehen war. Der 90minütige Streifen kann noch bis zum 1. Dezember in einer gekürzten Fassung in der Mediathek des koproduzierenden Senders arte gesehen werden.

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1917 – Der wahre Oktober
Deutschland/Schweiz (2017)
Buch & Regie: Katrin Rothe
Musik: Thomas Mävers
Montage: Silke Botsch
Storyboard: Caroline Hamann
Maximilian Brauer spricht Wladimir Majakowski
Hanns Zischler spricht Benois
Claudia Michelsen spricht Sinaida Hippius
Martin Schneider spricht Maxim Gorki
Arno Fuhrmann spricht Kasimir Malewitsch
Thomas Mävers, Komposition
Silke Botsch, Montage
Caroline Hamann, Storyboard
Jonathan Webber, Character Design
Werner Schweizer, Koproduzent, Dschoint Ventschr
Peter Roloff, Koproduzent für maxim film
Character-Design: Jonathan Webber
Schattenfiguren-Design: Nino Christen, Keti Zautashvili
Hintergrundzeichnung: Alma Weber, Caterina Wölfle
Siebdruck: Susann Pönisch
Farbgestaltung und Lettering: Tonina Matamalas
Figurenbau/Kostüm: Hélène Tragesser, Alma Weber, Lydia Günther, Doris Weinberger, Tamari Bunjes, Maria Steimetz
Animation: Lydia Günther, Lisa Neubauer, Caroline Hamann Gabriel Möhring Matthias Daenschel, Jule Körperich
Weitere Animationen: Karin Demuth, Kirill Abdrakhmanov, Caterina Wölfle, Donata Schmidt-Werthern, Thurit Antonia Kremer, Maria Szeliga
Lineproducing Animation: Katrin Rothe
Compositing: Matthias Daenschel, Rainer Ludwigs, Felix Knöpfle, Thorsten Pengel, Katrin Rothe
Kamera Animation: Björn Ullrich, Markus Wustmann
Assistenzen: Anna Maysuk, Gregor Stephani, Donata Schmidt-Werthern, Lara Czielinski, Lina Walde, Knut Rothe, Jenefer Flach
Kamera: Thomas Schneider, Robert Laatz
Ausstattung: Dennis Hannig
Standfotos: Thomas Funk
Sound Design: Anders Wasserfall
Beatbox-Artist: Das Friedl
Geräuschemacher: André Feldhaus, Urs Krüger
Sprachaufnahmen Deutsch: Klemens Fuhrmann, soundcompany berlin audiopost
Sprachaufnahmen Englisch: Ramon Orza, Tonstudios Z.
Musikaufnahmen: Stefan Ulrich, palais aux etoiles
Tonmischung: Oliver Sroweleit, Studio Nord Bremen

Infos: http://www.1917-derfilm.de/

Zuerst erschienen am 09.11.2017 auf Kultura-Extra.

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A schöne Leich – An der Berliner Schaubühne inszeniert Milo Rau einen Tag im Sterben des großen Revolutionsführers Lenin.

Ursina Lardi als Lenin von Milo Rau & Ensemble an der Schaubühne
Foto (c) Thomas Aurin

Wladimir Iljitsch Uljanow (1870-1924), genannt Lenin, ist eine unsterbliche russische Revolutionsikone, einbalsamiert und zur Schau gestellt in einem Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau. Man kann sein Konterfei auf T-Shirts kaufen, es ziert Fahnen und Bücher. Ähnliche Popularität genießen nur noch Männer wie Mao Zedong, Hồ Chí Minh oder Che Guevara. Alle samt Pop-Ikonen der kommunistischen Weltrevolution. Lenin könnte man aber als deren Vater bezeichnen. Der nach ihm benannte Leninismus ist eine an die Gegebenheiten des zaristischen Russlands angepasste Variante der politisch-ökonomischen Lehren von Karl Marx. Nach Lenins Tod nannte es sein Nachfolger Stalin dann auch ganz pragmatisch Marxismus-Leninismus. Bestimmend für diese Weltanschauung ist die Führung einer sogenannten kommunistischen Partei neuen Typus. Letztendlich kann man diese Parteiideologie auch als einen wissenschaftlich verbrämten Personenkult bezeichnen, womit wir dann wohl auch beim Thema des Theaterabends Lenin, den der Schweizer Recherchetheatermacher Milo Rau für die Schaubühne am Lehniner Platz inszeniert hat, wären.

Pünktlich zum 100. Jahrestag der von Lenin mitinitiierten Großen Sozialistischen Oktoberrevolution in Russland widmet man sich also an der Schaubühne – nach einem Ausflug in die Ursachen des Niedergangs der europäischen Linken mit der Ostermeier-Adaption von Didier Eribons vieldiskutiertem Sachbuch Rückkehr nach Reims – nun den Anfängen des Umsturzes bürgerlich-kapitalistischer Regierungssysteme und der Machtergreifung marxistisch-leninistischer Diktaturen des Proletariats. In Russland musste im Februar 1917 der Zar infolge einer bürgerlichen Revolution abdanken. Es kam zunächst zu einer Doppelherrschaft von Parlament (Duma) und Arbeiter- und Soldatenräten (Sowjets). Für Herbst war die Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung geplant. Im Oktober stürzten dann aber bewaffnete Teile der Sowjets unter der Führung der Bolschewiki die provisorische Kerenski-Regierung und ergriffen die Macht. Über die Fakten im Hintergrund des Streits um den Austritt Russlands aus dem Ersten Weltkrieg kann man viel diskutieren. Der revolutionären Situation in Russland gilt hier aber nicht vorrangig das Interesse Milo Raus.

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Das Stück setzt erst wesentlich später kurz vor Lenins Tod ein. Auf einer Datscha vor Moskau siecht der durch einen Schlaganfall gezeichnete Revolutionsführer vor sich hin. Auf der Bühne ist dazu eine recht detailgetreue Nachbildung des Hauses mit mehreren Zimmern und Veranda gebaut. Zwei Live-Kameramänner verfolgen das Geschehen im Inneren des sich beständig drehenden Bühnenbilds. Das Schaubühne-Ensemble sitzt am Beginn noch außerhalb auf Stühlen vor Schminktischen und lässt sich für den Abend vorbereiten. Eine kleine Einführung gibt der in Österreich geborene Schauspieler Felix Römer. Im breiten Wienerisch erzählt er über seinen Vater, der Trotzkist war und ihm ein Buch Trotzkis zum Lesen gab, was ihn bis heute tief beeindruckt. Römer wird an diesem Abend den Parteigenossen Lenins und Mitbegründer der Roten Armee spielen. Er referiert noch eine wenig über Wiener Kaffeehauskommunisten und dass Trotzki ja in Wien im Exil und viel im Theater war.

 

Ursina Lardi als Lenin von Milo Rau & Ensemble an der Schaubühne – Foto (c) Florian Baumgarten

 

Dagegen setzt der in Quedlinburg geborene Schauspieler Kay Bartholomäus Schulze (hier Lenins Leibarzt) die Verwunderung über die Leute im Westen, für die Lenin und Trotzki immer noch Idole sein können. Irgendwie beneidet er sie auch dafür, aber „ich hab’s 23 Jahre lang erlebt, den real existierenden Sozialismus und am Ende diese bleierne Schwere, das reicht mir!“ Damit sind zwei Positionen gesetzt, die nicht unbedingt ein reines Ost-West-Ding sind. Die Zu- und Abneigung gegenüber kommunistischen Thesen dürfte heute relativ gleich verteilt sein. Zwischen den beiden Darstellern sitzt Ursina Lardi. Sie wird Lenin verkörpern, zunächst noch ungeschminkt, später in realistischer Maske mit Spitzbart und Halbglatze. Das wächserne Gesicht der Revolution. Oder wie es Schulze von einem Besuch des Leninmausoleums berichtet, ein Heiligenbild, eine umstrahlte Ikone.

Der Abend beschreibt nun fast minutiös die fortschreitende Isolierung und beginnende Ikonisierung der Person Lenins und die Gleichschaltung eines ganzen Weltanschauungsapparats durch die Perfidie seines plumpen Nachfolgers Stalin (dargestellt von Damir Avdic), der später diesen Personenkult mit der Einbalsamierung Lenins beginnt und systematisch auf sich ausweitet, indem er alle weiteren Figuren aus dem Kreise Lenins kaltstellt, umbringen lässt und so nach und nach zu Randfiguren der Geschichte degradiert. Bemerkenswert hier sein Auftritt bei Lenins Frau (Nina Kunzendorf), der er ins Gesicht und die Augen greift, wie als wolle er plastisch die Einbalsamierung Lenins erklären. Eine brutale Besitzerklärung, ein Ansichreißen des Erbes noch zu Lebzeiten. Lenin bekommt keine Sitzungsprotokolle mehr, das Telefon ist abgeschaltet, und der Revolutionsführer wird rund um die Uhr bewacht. In einem Totenhaus der Revolution, das wie ein düsteres Spukfilmhaus seine Runden dreht.

 

Lenin in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (c) Thomas Aurin

 

Diese bleierne Schwere und Agonie der Szene überträgt sich natürlich auch unweigerlich auf das Publikum, das damit je nach eigener Konditionierung umgehen muss. Wer sich für das genaue Beobachten und Zuhören entscheidet, wird einiges Interessanten finden können, was in der Geschichte politische Machtapparate aller Couleur auszeichnet, verurteilt zum Siegen oder Scheitern zu müssen, zwischen Opportunismus, Kadavergehorsam, Brutalität und Gewissenlosigkeit. Der drohende körperliche Verfall Lenins geht mit einer Verzweiflung einher, etwas nicht beenden zu können, was man einmal angefangen hat. Ursina Lardi spielt ihren Lenin mal herrisch, abweisend und dann wieder anhänglich gegenüber seiner Frau, im Wissen, sich gegen das Ende nicht mehr wehren zu können. Neben ihm Komparsen, Bürokraten und Schlächter im Namen des „Neuen Menschen“. Die Totengräber einer Idee. Ein Riss trennt immer noch oben und unten, die politischen Eliten vom Volk. „Die Revolution hat und nichts gebracht. Die Menschen sind nur noch dreckiger und gemeiner geworden.“ sagt Lenins Leibwächter (Konrad Singer).

Mit aus verschiedenstem Recherchematerial destillierten Gesprächen und einzelnen Monologen baut Rau einen Tag, an dem der Kopf der Revolution dahindämmert und schlussendlich nach einer letzten Rede an die Umstehenden, in der er noch mal Bourgeoisie und „sogenannte Demokraten“ geißelt, zusammenbrechend über der Kloschüssel landet. Eine Ansprache an die Arbeiter, zu denen die Linke heute mehr denn je den Kontakt verloren hat. Das Ergebnis ist bekannt. Dazu lässt Rau viel Bach spielen, leise grollt Donner im Hintergrund, und das Ende markiert „Who by Fire“ von Leonard Cohen, ein Song über verschiedene Todesarten, inspiriert von einem jüdischen Gebet. Nichts ist hier Zufall, alles funktioniert als Kommentar oder Spiel mit den Mitteln des Films und Theaters.

„Wie würden sie Lenin darstellen?“ fragt Lardis Lenin einmal den Volkskommissar für Bildung Lunatscharski (Ulrich Hoppe). Ob nun als Mensch oder Ikone, die Inszenierung wird Lenin nicht vom Thron der geschichtlichen Verklärung stoßen können. Rau will sich auch nicht generell von den Zielen einer politischen Revolution verabschieden, sondern laut Programmbuch alles in einen größeren Zusammenhang setzen. Dazu gibt es weitere Veranstaltungen wie das von ihm Anfang November in der Schaubühne geplante Weltparlament „General Assembly“ oder ein Reenactment des Sturms auf das Winterpalais auf dem Platz vor dem Deutschen Bundestag. Wie man heute revolutionär denken und handeln könnte, verrät der Abend nicht. Das Sterben oder Weiterleben von Utopien dürfte davon auch weitestgehend unberührt bleiben.

 

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LENIN (Schaubühne, 21.10.2017)
von Milo Rau & Ensemble
Die Uraufführung war am 19.10.2017 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Regie: Milo Rau
Bühne und Kostüme: Anton Lukas, Silvie Naunheim
Video: Kevin Graber
Dramaturgie: Stefan Bläske, Florian Borchmeyer, Nils Haarmann
Recherche: Gleb J. Albert
Licht: Erich Schneider
Mit: Damir Avdic, Veronika Bachfischer, Iris Becher, Ulrich Hoppe, Nina Kunzendorf, Ursina Lardi, Felix Römer, Kay Bartholomäus Schulze, Konrad Singer, Lukas Turtur
Termine: 16., 17., 18., 19.11. / 05., 09., 10.12.2017

Infos: https://www.schaubuehne.de/

Zuerst erschienen am 23.10.2017 auf Kultura-Extra.

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Für eine Handvoll Kies – Mit „Western“ drehte Regisseurin Valeska Grisebach einen interessanten Film über die Konfrontation von Kulturen und das Funktionieren von Männerbünden

Dienstag, September 5th, 2017

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(c) Komplizen Film

Die Faszination für das Filmgenre des Western scheint auch Jahrzehnte nach seinem eigentlichen Tod ungebrochen. Angefangen bei den US-amerikanischen Coen-Brüdern mit True Grit über den Euro-Western Slow West des schottischen Regisseur John Maclean bis zum Racheepos The Hateful 8 von Quentin Tarantino gab es in den letzten Jahren eine regelrechte Western-Renaissance im Kino. Auch der deutsche Regisseur Thomas Arslan, sonst für Filme der Berliner Schule bekannt, drehte mit Gold einen Western über deutsche Einwanderer, die in Nordamerika ihr Glück versuchen. Nun also kommt von Valeska Grisebach der erste nach den Regeln des Western-Genres gedrehte Film einer Regisseurin ins deutsche Kino. Premiere hatte Western im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes, wo schon im Vorjahr Maren Ade mit Toni Erdmann brillierte.

Es ist nach den preisgekrönten Filmen Mein Stern (2001) und Sehnsucht (2006) der dritte Spielfilm von Valeska Grisebach, den sie ausschließlich mit Laien gedreht hat. Ähnlich wie Toni Erdmann in Rumänien spielt Western nicht im wilden Westen, sondern in Osteuropa, genauer in Bulgarien an der griechischen Grenze. Trotzdem spielt der Film auf fantastische Weise mit den Genremitteln des amerikanischen Spätwestern mit seinen gebrochenen Helden-Figuren. Der Lonesome Rider aus der amerikanischen Frontier-Mythologie ist hier ein zunächst unscheinbarer deutscher Bauarbeiter, der mit seiner Truppe an einem Fluss im bulgarisch-griechischen Grenzgebiet ein Wasserkraftwerk errichten soll. Meinhardt (Meinhard Neumann) entzieht sich mehr und mehr dem Gruppenzwang und den Männerriten seiner Landsleute und schart sich im Gegensatz zu ihnen nicht mehr nur im Camp unter einer aufgepflanzten Deutschlandfahne, sondern beginnt sich für die Einheimischen zu interessieren, um mit ihnen auch ohne die Chance einer wirklichen Verständigung ins Gespräch zu kommen.

 

Western(c) Komplizen Film

 

„Bist du ein Schlitzohr?“ fragt ihn der misstrauische Polier Vincent (Reinhardt Wetrek). Doch Meinhardt will nur Geld verdienen und hat trotzdem auch eine unbekannte, dunkle Seite, von der wir wegen seiner Schweigsamkeit nicht viel erfahren – außer dass er weiß, was Gewalt ist und als angeblicher „Legionär“ in Afghanistan auch erlebt hat. Meinhardt liebt seine Freiheit, wie er auf Fragen der Dorfbewohner nach seiner Familie besteht. Unbeirrt geht er geradlinig seinen eigenen Weg von Freiheit, auch wenn er damit aneckt oder sich zwischen alle Stühle setzt. Das macht ihn in den Augen des machtbewussten Poliers suspekt. Es beginnen sich die klassischen Fronten zu bilden.

Valeska Grisebach entwickelten diesen Konflikt zunächst aber recht langsam. Eine Zwangspause wegen fehlendem Kies und Wasser verurteilt die Bauarbeiter zum Nichtstun. Sie trinken Bier, klopfen Sprüche und baggern ungelenk bulgarische Frauen am Fluss an. Meinhardt dagegen reitet auf einem in den Bergen freilaufenden Pferd ins Dorf und lernt dort den Besitzer und Chef der Gemeinde Adrian (Syuleyman Alilov Letifov) kennen. Von ihm erfährt er den Grund für das abgestellte Wasser, das die Dorfbewohner zur Bewässerung ihrer Tabakfelder benötigen. Doch während sich zwischen Meinhardt und Adrian eine echte Männerfreundschaft und ein Zweckbündnis bilden, fährt der um seine Autorität fürchtende Vincent voll auf Konfrontation. „Wir haben hier was zu schaffen.“ Der Westen bringt dem Osten die Infrastruktur und versteht nicht, warum das die Dorfbewohner nicht interessiert.

 

Western (c) Komplizen Film

 

Natürlich sind auch die Frauen Grund zum Streit, vor allem die junge Studentin Veneta (Veneta Frangova), die den Sommer im Heimatdorf verbringt und nun zwischen Meinhardt und Vincent steht. Aber wir lernen auch Vyara (Vyara Borisova) und ihre alten Mutter (Ivanka Popova) kennen, jede für sich eine interessante, starke Persönlichkeit. Aber vor allem prallen hier zwei patriarchal organisierte Systeme mit starken Führungsfiguren aufeinander. Und doch liegt die Sympathie am Ende beim traditionell funktionierenden Dorfverband gegen die entwurzelten Bauarbeiter fern der Heimat.

Freiheit, Familie, Heimat, Heimweh und Zugehörigkeit sind neben den Männerbünden, deren Funktionsweise man hier wie unter einem Brennglas beobachten kann, das, was die Regisseurin interessiert. Ein fast ausschließlich aus Frauen bestehendes Filmteam mit einem Ensemble von Männern, die die Regisseurin direkt vom Bau oder im Fall des schweigsamen Meinhardt vom Havelländer Pferdemarkt gecastet hat. Man wird bei ihrem Auftreten nicht von ungefähr an den DEFA-Spielfilm Spur der Steine von Frank Beyer erinnert. Auch eine Art Western im Bauarbeiter-Milieu des noch wilden Ostens im Aufbau. Nur Grisebach zeigt den heutigen Bruch an der richtigen Stelle. Der Showdown wird zum Augenblick der Erkenntnis, wohin Mann wirklich gehört.

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Western
(Deutschland/Bulgarien/Österreich 2017)
Länge: 119 min.
Regie: Valeska Grisebach
Künstlerische Assistenz: Lisa Bierwirth
Bildgestaltung: Bernhard Keller
Montage: Bettina Böhler
Szenenbild: Beatrice Schultz
Kostümbild: Veronika Albert
Ton: Uve Haußig
Mischung: Martin Steyer
Tongestaltung: Fabian Schmidt
Casting: Katrin Vorderwülbecke
Produktionsleitung: David Keitsch
Herstellungsleitung: Ben von Dobeneck
Mit: Meinhard Neumann, Reinhardt Wetrek, Syuleyman Alilov Letifov, Veneta Frangova, Vyara Borisova u. a.
Kinostart war am 24.08.2017

Infos: http://www.western-der-film.de/

Zuerst erschienen am 01.09.2017 auf Kultura-Extra.

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„Lucky Loser“ und „Die Hannas“ – Neues deutsches Kino überzeugt mit Witz und Ernsthaftigkeit

Montag, August 21st, 2017

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Sommerzeit ist Open-Air-Kinozeit, und selbst wenn das Wetter derzeit nicht mitspielt, machen zumindest zwei neue deutsche Filme Lust auf Sonne, Ferien und Liebe, auch wenn es zunächst nach Beziehungsstress aussieht. „Camping ist Kacke“, ruft der Lucky Loser in Beziehungspause Mike im gleichnamigen Film von Regisseur Nico Sommer; und Hans aus Die Hannas von Regisseurin Julia C. Kaiser stöhnt auch nur: „Schon wieder ein Beziehungsfilm“. Was also ist das Besondere an diesen beiden Low-Budget-Filmen, dass man sie unbedingt gesehen haben muss?

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Nico Sommer hat mit Filmen wie Silvi (2013) und Familienfieber (2014) schon ganz gut unter Beweis gestellt, dass er sein Handwerk als Regisseur für improvisierte Filme mit hintersinnigem Humor versteht. Nun hat er mit Filmförderung durch das ZDF zum ersten Mal ein richtiges Drehbuch geschrieben. Für das Gelingen am Set sorgte bisher immer ein ausgesuchtes Ensemble von DarstellerInnen, zu denen vor allem sein jetziger Hauptdarsteller und Impro-Könner Peter Trabner gehört. In Lucky Loser gibt Trabner Mike, einen alleinstehenden Mitvierziger, der nach 8 Jahren Beziehungspause immer noch an seiner Ex-Freundin Claudia (gespielt vom TV-Liebling Annette Frier) hängt. Die ist allerdings längst mit dem etwas spießigen Thomas (Kai Wiesinger) liiert. Aber Mike gibt nicht auf. Am Rückspiegel seiner Schrottkarre hängt das Bild seiner Angebeteten – bis sie ihn erhört oder bis zu seinem bitteren Ende, wie er der gemeinsamen 15jährigen Tochter Hannah (Emma Bading) versichert. Hanna ist die einzige, die noch zu Mike hält, und beschließt daher spontan nach einem Streit mit der Mutter und deren Freund, bei ihrem Vater einzuziehen.

Da Mike aber gerade von seinem Vermieter (Gustav Peter Wöhler) wegen Mietrückständen auf die Straße gesetzt wurde, fängt die Sache an etwas kompliziert zu werden. Vom seinem Chef (Tatort-Kommissar Kopper alias Andreas Hoppe auf Kinoabwegen) aus der Autowaschanlage, in der er arbeitet, bekommt Mike einen alten Wohnwagen und beschließt notgedrungen, seine Tochter auf eine Campingtour ins Brandenburgische zu lotsen. Damit wird die Sache aber nicht einfacher, und es beginnt ein „Sommer in der Bredouille“, wie die Beziehungskomödie kalauernd im Untertitel heißt.

 

Lucky Loser(c) Farbfilm Verleih

 

Denn nicht nur Mike hat Tochter und Ex nicht ganz die Wahrheit gesagt, auch Hannah hat ihrem Vater verschwiegen, dass sie ihren Freund Otto (Elvis Clausen) zwecks geplanter Entjungferung zum 16. Geburtstag auf den Campingplatz, auf dem schon Mutter Claudia die verregnetsten Sommer ihres Lebens verbringen musste, eingeladen hat. Nun ist Otto zum Erstaunen Mikes trotz entsprechendem Namen kein sogenannter „Biodeutscher“, sondern ein in Deutschland geborener, großgewachsener Spross ghanaischer Eltern, was nicht nur P.C.-Debatten über das „N“-Wort auslöst, sondern auch Anlass zu Auseinandersetzungen mit rassistischen brandenburgischen Jugendlichen gibt.

Mike macht sich aber zunächst eher Gedanken über Drogenkonsum sowie die Jungfräulichkeit seiner Tochter und wie sie alle gemeinsam die Verwicklungen vor der nun auch noch auf dem Campingplatz angekommenen Mutter verbergen sollen. Der Film schrammt hier natürlich hart an allerhand Klischees vorbei, kann diese aber auch zu jeder Menge Wortwitz nutzen. Mitreißend aber ist, wie Peter Trabner in der Rolle des Mike, ohne dessen Bemühungen um Tochter und Ex ins Lächerliche zu ziehen, den Jungen spielt, der nicht erwachsen werden will und dem als Lucky Loser alle Sympathien gehören.

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Als Komödie beginnt der neue Film von Julia C. Kaiser, der – wie schon ihr Erstling Das Floß! (2015) – wieder beim Achtung Berlin Filmfestival im April lief und dort gleich die Preise für den besten Film, das beste Drehbuch, die beste Darstellerin und den besten Darsteller abräumte. Anna (Anna König) und Hans (Till Butterbach), zusammen Die Hannas, leben seit 15 Jahren zusammen und sind nach der etwas unschmeichelhaften Feststellung von Annas Freundin (Anne Ratte-Polle) das Paar, das im Kompromiss glücklich sein kann. Wir sehen zwei, die ihren Alltag leben ohne durchzudrehen. Scheinbar. Denn eigentlich gehen die beiden jedem Konflikt – sei es die Urlaubsplanung oder nur das gemeinsame Essen – aus dem Weg. Und damit beginnen dann aber auch schon die Probleme.

Nicht nur die Physiotherapeutin Anna verliebt sich für sie ganz überraschend in ihre umtriebige und nicht ganz einfache Patientin Nico (Ines Marie Westernströer), die in einer veganen WG mit Café-Betrieb lebt und einen recht taffen 15jährigen Sohn (Tim Blochwitz) im Heim hat. Auch der etwas gemütliche und korpulente Hans gerät unverhofft auf Abwege, als er beim über seinen Freund Florian (Christian Natter) vermittelten Hardcore-Fitnesstraining die Bondage und anderen Spielen nicht abgeneigte Kim (Julia Becker) kennenlernt. Dass Nico und Kim Schwestern mit zunächst unklaren Vergangenheit sind, erfährt man erst nach und nach, was für weitere Verwirrung sorgt, die Spannung und scheinbare Absurdität der Story aber noch beständig steigert.

 

Die Hannas – (c) W-film

 

Allerdings beginnt hier auch der Wandlungsprozess des Paars, was die durch ihren Psychotherapeuten (Falilou Seck) ermunterte Anna weiter beflügelt ihren Gefühlen nachzugehen und auch Hans immer mehr aus seiner Lethargie reißt. Das bedeutet aber auch, dass die beiden den geschützten Kokon ihrer gewohnten Zweisamkeit verlassen müssen und ihre Beziehung auf eine harte Probe gestellt wird. Wie unwirklich sich das für sie manchmal anfühlt, zeigt der Film in einigen surreal wirkenden Szenen. Einerseits genießen Die Hannas den Reiz der neuen Freiheit und die anderen Erfahrung in Sachen Liebe, andererseits wollen sie sich nicht verlieren, was wiederum die Schwestern in eine Krise stürzt.

Julia C. Kaiser hat einen aufregenden Film gedreht, der abseits normierter Sehgewohnheiten für einen freieren Umgang mit Liebes- und Beziehungsdingen wirbt, Alternativen zur Diskussion stellt, es den Beteiligten aber auch nicht unbedingt einfach macht sich zu entscheiden. Ob Die Hannas, um ihr Leben zu ändern, über den geraden gelben Strich, den ein Straßenarbeiter beständig zieht, springen können, sei hier noch nicht verraten. Es lohnt aber in jedem Fall ihnen beim Versuch zu zusehen.

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Lucky Loser – Ein Sommer in der Bredouille (Deutschland 2017)
Dauer: 94 Minuten
Regie und Buch: Nico Sommer
Kamera: Thomas Förster
Montage: Nico Sommer, Carlotta Kittel BFS
Ton: Tim Stephan
Sounddesign: Manuel Laval
Redakteur: Christian Cloos
Producerin: Katharina Possert
Produzenten: Boris Schönfelder
Mit: Peter Trabner, Annette Frier, Emma Bading, Kai Wiesinger, Elvis Clausen, Ursula Werner, Andreas Hoppe, Harald Polzin, Christin Nichols, Antonio Wannek, Michael Kind, Gustav Peter Wöhler, Karim Cherif, Alexandra Grimaldi, Deborah Kaufmann, Katharina Schlothauer

Weitere Infos: http://www.luckyloser-film.de/

Die Hannas (Deutschland, 2016)
Dauer: 102 Minuten
Regie, Buch: Julia C. Kaiser
Kamera: Dominik Berg
Schnitt: Linda Bosch
Musik: Sorry Gilberto, Dominik Berg, Coleslaw Clubbing
Ton: Tobias Rüther
Kostüm: Ulé Barcelos
Szenenbild: Melanie Peter
Produzenten: Oliver Schütte, Stefan Jäger, Katrin Renz, Milena Klemke
Produktion: tellfilm Deutschland
Mit: Anna König, Till Butterbach, Ines Marie Westernströer, Julia Becker, Anne Ratte-Polle, Christian Natter, Tim Blochwitz, Çetin Ipekkaya, Mandana Mansouri, Cynthia Micas, Robert Nickisch, Jakob Renger, Falilou Seck, Oliver Steffen

Infos: http://diehannas.wfilm.de

Zuerst erschienen am 16.08.2017 auf Kultura-Extra.

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Der 13. ACHTUNG BERLIN new berlin film award – ausgewählte Filme aus dem Programm

Sonntag, April 30th, 2017

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Neben dem Bezugspunkt Berlin gaben die Beiträge des 13. ACHTUNG BERLIN new berlin film award auch wieder einen guten Überblick über alternative Produktionsweisen und Finanzierungsmöglichkeiten jenseits der öffentlichen Film-Fördertöpfe. „Berlin Independent“ heißt dann auch eine der Nebensektionen, in der laut Festivalkatalog Spielfilme präsentiert werden, „die sich vom Mainstream deutlich abheben und formal durch eine eigene Handschrift auszeichnen, Mut beweisen und damit neue Perspektiven auf den deutschen Film eröffnen.“ Eine relativ repräsentative Werksschau des neuen deutschen Kinos aus Berlin als Ergänzung zum Spielfilmwettbewerb.  Hard & Ugly oder Millennials heißen diese typischen Berlinfilme, in denen die Stadt als erweiterte Kulisse immer mit präsent ist.

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Im Wettbewerbsbeitrag Millennials von der jungen Regisseurin Jana Bürgelin spielt Berlin als Kulisse aber eher eine untergeordnete Rolle. Der Generationenstreifen über die heute mittezwanzig- bis mittedreißigjährigen Großstädter könnte auch in jeder anderen europäischen Metropole so oder so ähnlich laufen. Die Regisseurin lässt ihren Film dann auch konsequent in der Nacht spielen. Sie hat sich dazu zwei Menschen aus der breit gestreuten Kreativszene Berlins als Hauptprotagonisten gewählt.

 

MillennialsFoto © Florian Mag

 

Für die Regisseurin Anne, gespielt von Anne Zohra Berrached (selbst erfolgreiche Regisseurin von Filmen wie 24 Wochen), läuft es karrieremäßig eigentlich ganz gut. Nur ein unerfüllter Kinderwunsch lässt der Mitdreißigerin keine Ruhe. Aber der geeignete Partner ist nicht in Sicht. So lässt sie ihre Fruchtbarkeit untersuchen, geht zur Lippenkosmetik oder spielt die Babysitterin für eine Bekannte. Der Wunsch schwanger zu werden, beherrscht sogar ihre filmische Arbeit. Die Kamera begleitet Anne fast dokumentarisch zu Probendrehs, auf Partys mit Freunden, ins Kosmetikstudio oder zu einer Filmpremiere. Letztendlich entscheidet sie sich dazu, ihre Eizellen einfrieren zu lassen.

Ein guter Freund Annas, der Fotograf Leo (Leonel Dietsche), steckt ebenfalls in einer Sinnkrise. Er ist erst vor kurzem wegen seiner Partnerin nach Berlin gezogen. Aber die plötzliche Nähe bekommt der Beziehung auf Dauer nicht gut. Nebenbei versucht Leo noch relativ erfolglos seine Fotografien bei Galerien und Zeitschriften unterzubringen. Die Ergebnisse einer gemeinsamen, recht betrunkenen Fotosession mit einem Freund vom Theater stellt dieser schließlich selbst in einer Galerie aus, ohne dass Leo davon profitieren kann. Die Frustration treibt den ziellosen jungen Mann bei endlosen Fahrten durch die Berliner Nacht in Tabeldancebars und zu Straßenprostituierten.

Die dunkel-melancholische Grundstimmung des Films wird noch durch den emotional aufgeladenen Soundtrack aus Klaviermusik von Chopin und minimalistischer Technomusik verstärkt. Die Darstellung der Ruhelosigkeit einer Generation zwischen beruflicher Selbstverwirklichung und der Suche nach dem ganz persönlichen Glück kann durchaus überzeugen. Nebenbei vermittelt Jana Bürgelins Film auch noch recht gut die geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Sichtweisen auf Lebenssinn und Glücksanspruch.

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Millennials
D 2017, 70 Min
Regie, Buch: Jana Bürgelin
Kamera: Florian Mag

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Dagegen ist Hard & Ugly (Berlin Independent) schon eher eine launige Liebeskomödie. Fitnesstrainer Et (Volksbühnenschauspieler Patrick Güldenberg) wird von seinem sonst recht anhänglichen süddeutschen Chefpärchen (Maximilian Gehrlinger und Nadine Karbacher) nahegelegt eine Pause einzulegen. Er passe nicht so recht ins Geschäftskonzept und wird deswegen kurzerhand gefeuert. Nicht viel besser ergeht es Carla (Kristin Becker), die von ihrem Verlobten kurz vor der Hochzeit vor die Tür gesetzt wird. Carla rettet Et vor dem Sprung von der Brücke und streift eine kurze Zeit mit ihm durch die Cafés und Clubs der Stadt, bis sich die beiden wieder aus den Augen verlieren.

 

Hard & UglyFoto © deja vu filmverleih

 

Vom kluge Ratschläge gebenden Chefpärchen und einer Kollegin (Alina Adam) verfolgt, begibt sich Et auf die Suche nach Carla, die sich mit einem Arnold-Schwarzenegger-Verschnitt (Martin Bergmann) eingelassen hat. Auch hier lernen wir junge Leute kennen, die beruflich gerade nicht immer das machen, was ihnen eigentlich so vorschwebt. Verhinderte Theater- und LebenskünstlerInnen immer auf dem Sprung zur nächsten Performance oder vor die nächste U-Bahn. Berlin ist Hard & Ugly, wie schon ein Theaterstück des Regisseurs Malte Wirtz im Berliner HAU hieß, das er nun mit Hang zum trockenen Wortwitz und spontanen Slapstick verfilmt hat.

Auch die Film- und Theaterbranche selbst kommt hier nicht allzu gut bei weg. Als chaotische Lebensratgeberin lässt Carlas Mutter (Ria Schindler) die Macher eines kleinen Lokalsenders verzweifeln. Leider verfügt Et auf seiner Suche nach Carla nicht über einen geeigneten Schutzengel an seiner Seite, was die in Schwarz-Weiß und auch leicht überdrehte Beziehungskomödie, die zudem noch durch animierte Zwischenbilder von Pauline Flory auffällt, recht abrupt und offen enden lässt.

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HARD & UGLY
D 2017, 71 Min
Buch und Regie: Malte Wirtz
Kamera: Antje Heidemann, Vincent Viebig

Zuerst erschienen am 27.04.2017 auf Kultura-Extra.

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Wie immer bot der ACHTUNG BERLIN new berlin film award auch in diesem Jahr eine bunte Wundertüte an Kinofilmen mit Berlin/Brandenburg-Bezug, was aber gerade in Zeiten internationaler Koproduktionen auch nicht mehr ganz so streng gesehen wird. Die Palette reicht demnach genremäßig von der Liebeskomödie über das Sozial- und Flüchtlingsdrama bis zum spannenden Psychothriller.

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Am Rande der rumänischen Hauptstadt Bukarest spielt der Wettbewerbsbeitrag Vânătoare (dt.: „Auf der Jagd“) von Alexandra Balteanu, Absolventin der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). Die rumänische Regisseurin hat im kalten November unter einer Autobahnbrücke den Alltag dreier Frauen, die sich dort für ein paar hundert Lei am Tag prostituieren, verfilmt. Sie konnte dafür vor Ort drei ausgezeichnete rumänische Theaterschauspielerinnen gewinnen. Lange fast dokumentarische Kameraeinstellungen, die an Cristian Mungiu oder auch die Brüder Dardenne erinnern, aber auch improvisierte Szenen in einer Fernfahrerraststätte kennzeichnen diesen eindrucksvollen Film. Die gesamte Handlung spielt fast ausschließlich im Freien.

 

VânătoareFoto (c) dffb

 

Es beginnt zunächst in einem Vorort von Bukarest, in dem die Hauptprotagonistin Lidia (Corina Moise) mit ihrem Ehemann und zwei Kindern lebt. Sie züchtet Tauben und muss das Geld für die Familie zusammen kratzen. Ihr Sohn hat Probleme in der Schule, ihr Mann tritt kaum in Erscheinung. Freundin Denisa (Iulia Lumânare) hält ihren Freund aus, für den sie neue Turnschuhe kaufen möchte, und die junge Vanessa (Iulia Ciochina) träumt von einem Mann mit grünen Augen und einer Dienstwohnung, den sie per Annonce sucht.

So hat jede der Frauen ihren ganz speziellen Beweggrund für die Prostitution. Der Film verfolgt sie bei der Busfahrt zur Brücke, dem Umziehen vor Ort und dem Warten auf Kundschaft an der dicht befahren Straße. Ihre Gespräche drehen sich ums Geld, die Männer und auch um kleine Revierstreitigkeiten zwischen Lidia und Vanessa, die nicht auf den Mund gefallen ist. Probleme gibt es immer wieder mit Polizeistreifen, die den Frauen als Strafe für die illegale Tätigkeit das verdiente Geld abnehmen. Die korrupten Beamten betrügen die Frauen und schikanieren sie, wenn sie sich beschweren wollen. Halb nackt setzen sie die drei mitten in der Nacht auf einem Feld aus.

Recht anschaulich verdeutlicht der Film die Ohnmacht und Ausweglosigkeit der Frauen, gibt ihnen bei aller Härte aber auch die Würde, für sich einzustehen. In einem langen stummen Abspann keimt sogar etwas wie Hoffnung und ein Rest von Menschlichkeit. Dafür gab es auf dem Festival den Preis des Verbands der deutschen Filmkritik.

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VANATOARE
D 2014-2016, 75 Min
Regie: Alexandra Balteanu
Buch: Xandra Popescu, Alexandra Balteanu
Kamera: Matan Radin

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Mit dem Genrefilmen hatte das Festival nicht so großes Glück, obwohl die Spielfilmjury großzügig den Regiepreis an Tini Tüllmann für den Psychothriller Freddy Eddy vergab. Ihren an das bekannte Dr. Jekyll & Mr. Hyde-Thema angelehnten Langspielerstling hat die Regisseurin sogar selbst finanziert, da Genrefilmideen wohl immer noch ein Förderungshindernis zu sein scheinen. Allerdings schleppt sich die Story des Malers Eddy (Felix Schäfer), der seinen Fantasiedoppelgänger aus frühen Kindheitstagen plötzlich wiedersieht, zunächst recht zäh dahin. Eddy hat seine Frau und ihren Liebhaber in flagranti erwischt und wird nun beschuldigt, beide brutal zusammengeschlagen zu haben. Er schiebt aber alles diesem ominösen Doppelgänger in die Schuhe. Vor Gericht geht Eddy dann aber einen Deal ein, um das Besuchsrecht für seinen 8jährigen Sohn nicht zu verlieren. Nachdem er sich an den heimischen Tegernsee zurückgezogen hat, nistet sich Freddy bei ihm ein und beginnt mit seiner forschen Art dessen Leben und die frische Beziehung zur neuen Nachbarin Paula (Jessica Schwarz) und ihrer 14jährigen Tochter Mizi (Greta Bohacek) zu sabotieren.

 

Freddy EddyFoto (c) Filmlawine

 

Lange bleibt unklar, ob es diesen Freddy tatsächlich gibt, oder ob Eddy doch an einer erblichen Schizophrenie leidet, wie es sein Psychotherapeut Dr. Weiss (Burghart Klaußner) vermutet. Von einem gewalttätigen Vater und möglichem Missbrauch (Eddy hat immer wieder Albträume), über einen toten Zwillingsbruder, der möglicherweise doch noch leben könnte, bis zu einer Genstudie des Arztes packt Tini Tüllmann nun alles ins Skript, was verwirrende Spuren auf den möglichen Doppelgänger Freddy legen könnte oder sich irgendwie mit einer Psychomacke Eddys erklären ließe. Auch ein Halbbruder Eddys (Alexander Finkenwirth) und ihre gemeinsame an Demenz erkrankte Mutter (Renate Serwotke) spielen noch eine Rolle.

Die ganzen aufgeworfenen Themen wie unverarbeitete Familienvergangenheit, neuer Missbrauchsverdacht und die ominöse medizinische Studie dienen allerdings nur der Verwirrung des Zuschauers und werden an einen möglichst satten Thrill verkauft. Irgendwann ist die Katze aber aus dem Sack, und alles läuft beharrlich auf den erwarteten Showdown hin. Selbst das illustre und gut gecastete Ensemble, in dem auch noch Robert Stadlober als neuer Krishna-Macker von Eddys Ex-Frau und Katharina Schüttler als Eddys laszive Galeristin auftauchen, kann nicht über die Drehbuchschwächen des recht banal gestrickten TV-Plots hinwegtäuschen. Da wirkt vieles, selbst das als Überraschungsmoment gesetzte Ende, doch ziemlich bekannt. Freddy ist „die dunkle Seite, die aus dir kriecht“ – heißt es am Anfang. „Ich tue das, was du dich nicht traust.“ Das haben wir dann u.a. in Die dunkle Seite des Mondes oder Stereo schon besser gesehen.

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FREDDY EDDY
D 2016, 95 Min
Regie, Buch, Produzentin: Tini Tüllmann
Kamera: Markus Selikovsky

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Nicht wirklich überzeugen konnte auch Hey Bunny, der erste Langspielfilm des Schauspielerpaars Barnaby Metschurat und Lavinia Wilson, der in der Sektion Berlin Independent lief. Der Ex-KDD-Serienkommissar Metschurat hat einen mit Ideen ziemlich vollgepackten Plot um den leicht soziophoben Computerhacker Adam geschrieben, den er auch gleich noch selbst darstellt. Adam, der sich gerade von seiner in Afrika Brunnen bohrenden Freundin getrennt hat, soll sich im Auftrag einer Computerfirma um die Sicherheit eines Institutsservers kümmern, der aber schon vorher gehackt wird. Zusätzlich zu den Daten verschwinden auch die Versuchskaninchen einer Forschungsreihe, die sich mit der Entdeckung eines Glückshormons für Menschen beschäftigt. Adams seit kurzem an Alzheimer erkrankter Vater hatte diese Studie geleitet. Nun untersteht sie einer auf Effizienz pochenden Professorin (Marie Gruber) und ihrer idealistischen Tochter (Lavinia Wilson).

 

Hey BunnyFoto (c) Christian Schulz

 

Natürlich kennt man sich von früher und Adam gerät sofort in Verdacht hinter der Computerattacke zu stecken. Allerdings könnte es auch eine militante Aktionsgruppe, die gegen Tierversuche demonstriert, gewesen sein. Adam flieht zum Vater (Edin Hasanovic) ins elterliche Heim, wo er nicht nur die Kaninchen, sondern auch wieder zu seinen immer noch dort wohnenden Brüdern findet. Der eine (Harald Schrott) ist ein notorischer Frauenheld, der keine Gelegenheit und Party auslässt, der andre (Sabin Tambrea) vergräbt sich autistisch in Kapuzenpullis und macht Technomusik im Keller.

Regie und Buch können sich nicht so recht zwischen Lovestory, Familiendrama oder Ökothriller im Genforschungs- und Computer-Milieu entscheiden. Weltrettung, neue emotionale Intelligenz oder die Suche nach dem kleinen Glück ist hier die Frage, die der Film über viele Umwege und durchaus witzig inszenierte Szenen natürlich auch nicht beantwortet bekommt. Sehr schön eine alkoholgeschwängerte Technoparty im Haus mit arabischen Stewardessen, die große Fans des in ihrem Land berühmten Technobruders sind, oder der Dreh eines fingierten Bekennervideos im Femen-Stil. Die Hackergeschichte klärt sich zum Schluss natürlich auf, und andere Kräfte übernehmen nun Macht an der Uni. Aber das alles scheint Adam, der weiterhin auf der Suche nach sich selbst bleibt, nicht wirklich zu interessieren. Der Film ist bereits am 27. April in den deutschen Kinos gestartet.

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HEY BUNNY
D 2016, 90 Min
Buch und Regie: Barnaby Metschurat
Kamera: Raphael Beinder, Florian Foest

Infos: https://achtungberlin.de/

Zuerst erschienen am 28.04.2017 auf Kultura-Extra.

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