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Die 10. ACHTUNG BERLIN new berlin film awards – Ein Fazit und die Preise

Samstag, April 19th, 2014

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Sebastian Brose und Hajo Schäfer, die beiden Festivalleiter von ACHTUNG BERLIN - Foto (C) St. B.

Sebastian Brose und Hajo Schäfer, die beiden Festivalleiter von ACHTUNG BERLIN
Foto (c) St. B.

Das war es also wiedermal. Eine Woche voller Filme ist schnell vorüber, auch wenn sie mehr als vollgepackt mit fast 100 Dokumentar-, Kurz-, Lang- und mittellangen Spielfilmen war. Die Kinostadt Berlin im Fokus von vier Wettbewerbssektionen, Retrospektive, Spezial und Directors‘ Cut Screenings. Und was am Ende übrig bleibt, sind nicht nur viele schöne Filmminuten, sondern auch jede Menge Preise, die wie immer am Mittwochabend im Kino Babylon-Mitte verliehen wurden.

Ganze acht Jurys hatten in elf Kategorien Preise zu vergeben, was ihnen auch diesmal nicht leicht gefallen ist, wie alle Mitglieder betonten. Etwas, was bei der Vielzahl der unterschiedlichen Spielarten und Genres eigentlich auch fast unmöglich erscheint, haben sie dennoch zielsicher und professionell gemeistert. Oder wie es Jakob Lass, selbst Regisseur und diesmal auf der anderen Seite in der Kurzfilmjury, betonte, man sah sich einfach genötigt, eine Entscheidung fällen zu müssen.

Und die fiel in einigen Teilen dann auch durchaus überraschend aus. Altmeister Klaus Lemke, der das Festival in diesem Jahr mit seiner unkonventionellen Art und seinen schräg-schillernden Darstellern schmückte, ging leer aus, ebenso wie Filme, die mit einigen schon bekannteren Gesichtern aufwarten konnten. Isabell Šubas‘ schon im Vorfeld hochgelobte Cannes-Persiflage Männer zeigen Filme und Frauen ihre Brüste konnte lediglich eine lobende Erwähnung aus dem Mund der Deutschen Filmkritiker-Jury einheimsen. Das wachsame Auge der Filmkritik sah sich in erster Linie als Vermittler zwischen Kunst und Publikum und vergab seinen Hauptpreis an ein kleines Familiendrama in der brandenburgischen Provinz.

Preis der Deutschen Fimkritiker für Antons Fest, Regie: John Kolya Reichart - Foto (C) St. B.

Preis der Deutschen Fimkritiker für Antons Fest, Regie: John Kolya Reichart – Foto (c) St. B.

Mit Antons Fest, seinem Abschlussfilm für die Filmhochschule Ludwigsburg, ist Jungregisseur John Kolya Reichart eine wirkungsvolle Versuchsanordnung gelungen. Auf einem brandenburgischen Gehöft finden sich Freunde, Ex-Geliebte sowie die völlig zerrüttete Familie jenes titelgebenden Anton ein. Wer nicht kommt, ist der Gastgeber selbst. Späte Rache oder heimlicher Therapieversuch, man wird es bis zum Schluss nicht genau erfahren. Die stark problembeladenen Protagonisten müssen ein Wochenende wartend und streitend miteinander verbringen, und so manch verdrängte Emotion, Komplexe oder blanker Frust brechen sich plötzlich Bahn. Die größtenteils improvisierten Dialoge und Spielszenen überzeugen durch Witz, große Gefühle und starke schauspielerische Performance.

Der Dokumentarfilm nahm in diesem Jahr einen besonderen Stellenwert im Festival ein und konnte deutlich preiswürdig zum Spielfilm aufschließen. So gingen der Zitty-Leserpreis mit Holanda del Sol (Regie: Florian Lampersberger, Daniel Abma), der Kamerapreis für Paola Calvo (The Visitor) und der Preis der Ökumenischen Jury für Wiener Ecke Manteuffel (Regie: Florian Schewe) an die Dokumentarsparte. Neben dem Preis der Ökumenischen Jury konnte das eindrucksvoll von Florian Schewe gefilmte Portrait zweier Langzeit-Aidserkrankter in Berlin-Kreuzberg auch den Hauptpreis der Dokumentarfilmjury für sich verbuchen.

new berlin film award für die Beste Produktion. Die Geschichte vom Astronauten, Regie: Godehard Gise - Foto (C) St. B.

new berlin film award für die Beste Produktion. Die Geschichte vom Astronauten, Regie: Godehard Gise – Foto (c) St. B.

Mit großer Spannung wurde, wie in jedem Jahr, die Vergabe der new berlin film awards in den Hauptkategorien der Spielfilmsektion erwartet. Zum Regie- und Hauptpreis für den Besten Film gab es diesmal eine neue Kategorie, den new berlin film award für die Beste Produktion. Und der ging an Die Geschichte vom Astronauten in der Regie von Godehard Gise, was diesen sichtlich freute wie auch überraschte. Die Jury überzeugte die herausragende Bildsprache seines Regiedebuts, in dem die Schriftstellerin Charlotte (Stephanie Petrowitz) mal nicht in Berlin, sondern auf einer kleinen Mittelmeerinsel nach Inspiration für ihren neuen Roman sucht. „Godehard Giese gelingt es in Personalunion als Autor, Regisseur, Produzent und Mitglied des Ensembles, im Programm dieses Festivals einen ruhigen, konsequenten und stilistisch eigenwilligen Film vorzustellen.“ (Begründung der Jury)

Im letzten Jahr noch Gewinner des Preises für den Besten Spielfilm konnte Nico Sommer für seine Beziehungskomödie im Brandenburgischen mit melancholisch-ironischem Unterton nun den new berlin film award für die Beste Regie einheimsen. In Familienfieber beeindruckte die Spielfilmjury aus Schauspielerin Franziska Petri, Produzent Martin Heisler und Regisseur Edward Berger wie der Regisseur in der Kürze der Zeit (7 Drehtage) das Maximum aus sich und seinem Team herausholte. Das Ergebnis lässt sich tatsächlich sehen und knüpft in seiner unnachahmlich frischen, improvisierten Machart fast nahtlos an den erfolgreichen Erstling Silvi an.

new berlin film award für die Beste Regie für Nico Sommer - Foto (C) St. B.

new berlin film award für die Beste Regie für Nico Sommer – Foto (c) St. B.

Kaum jemand dürfte aber den Hauptpreisgewinner auf der Rechnung gehabt haben. Etwas überraschend holte sich Regisseur Fabian Möhrke den new berlin film award für den Besten Spielfilm für sein Debut Millionen ab. Hier muss ein Kleinstadtangestellter einen unerwarteten Lottogewinn verdauen und sich gegenüber die großen Verlockungen des plötzlichen Mammons und den Erwartungen aus Familie und Bekanntenkreis positionieren. Geld allein und dazu noch im Überfluss macht bekanntlich nicht nur glücklich.

Die Ambivalenz zwischen Porsche, Edelboutique und seinem alten Leben sowie den Fußballkumpeln machen dem bodenständigen Thorsten arg zu schaffen. Hier spricht die Spielfilmjury zwar von starken noch weitgehend unentdeckten Schauspielern, mit Andreas Döhler in der Hauptrolle verfügt der Film aber über einen am Deutschen Theater bereits seit geraumer Zeit erfolgreich agierenden Theatermimen. Ein Plus, das sich auch im Kinofilm positiv bemerkbar macht. Kinostart ist für Fabian Möhrkes nun preisgekrönten Streifen übrigens bereits am 3. Juli.

new berlin film award für den besten Spielfilm. Millionen, Regie: Fabian Möhrke - Foto (C) St. B.

new berlin film award für den besten Spielfilm. Millionen, Regie: Fabian Möhrke – Foto (c) St. B.

Den Abschluss einer spannenden Preisverleihung bildete die Vorführung des vorher in der Kategorie Bester Kurzfilm prämierten surrealen Handwerkeralbtraums Curcuit von Schauspieler und Musiker Robert Gwisdek, der hier einen Elektriker spielt, der in einem leeren Raum zwischen zwei Schwingtüren gefangen scheint. Tür auf, Tür zu – wie in einer Zeitschleife rennt der junge Mann sich förmlich selbst hinterher. Der Ausbruch will nicht gelingen. Eine herrlich skurrile Parabel auf die sinnlos anmutende Qual der alltäglichen Verrichtungen und wohl auch das Leben selbst. Mit Komik und Slapstick rückt Gwisdek dieser Vergeblichkeit zu Leibe. Ein filmischen Kleinod, das der immerwährenden Kinoverrücktheit huldigt und damit dem Achtung Berlin Filmfestival selbst.

Kurzfilmpreisträger Robert Gwisdek - Foto (c) St. B.

Kurzfilmpreisträger Robert Gwisdek – Foto (c) St. B.

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Weitere Infos und alle Preise hier: http://achtungberlin.de/home/

Achtung Berlin 2014 Wettbewerbsbeiträge Teil 1

Achtung Berlin 2014 Wettbewerbsbeiträge Teil 2

Zuerst erschienen am 17.04.2014 bei Kultura-Extra.

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Hauptrolle Berlin – Weitere Wettbewerbsfilme mit künstlerischem Berlinbezug beim 10. ACHTUNG BERLIN new berlin film award 2014

Freitag, April 18th, 2014

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Als coole Film-Location steht Berlin immer wieder auch ganz bewusst im Mittelpunkt von Geschichten, mit denen Filmemacher das ganz spezielle Lebensgefühl in dieser Stadt beschreiben wollen. Ob nun Kiezkultur, Soziotop oder angesagte Kunstmetropole, Berlin hat von allem etwas zu bieten. Das ACHTUNG BERLIN Filmfestival veranstaltete in diesem Jahr sogar eine Videobustour zum Thema „Filmstadt Berlin – Das rollende Festival“ und zeigte zu Ausschnitten von Filmen deren wahre Entstehungsorte. Berlin ist bereits seit langem der Ort für Kreative jeglicher Couleur. Neue Galerien schießen hier nach wie vor aus dem Boden und buhlen um die Gunst von Kunstliebhabern oder Leuten, die Werke angesagter Künstler als Geldanlage betrachten. Daneben gibt es einen unüberschaubaren Pool von Künstlern, die noch mehr oder minder erfolgreich ihre Existenz am Rande des etablierten Kunstbetriebs fristen, auf der Straße performen, bei Vernissagen oder in Cafés rumhängen und auf Entdeckung bzw. Förderer warten.

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Reality creates Art

Den Art Girls im gleichnamigen Wettbewerbsbeitrag von Regisseur Robert Bramkamp geht es da ganz ähnlich. Gedreht wurde in der alten Bötzow Brauerei im Prenzlauer Berg und den Galerien der schicken Berlin-Mitte-Kunstszene. Objektkünstlerin Nikita (Inga Busch) geht langsam das Geld aus. Der Kühlschrank ist leer, der Freund weg und die Inspirationen sind in der ganzen Wohnung verstreut. Behalten oder aus dem Fenster werfen? Alles liegt bei allem, wie bei den richtigen Kreativen. Freundin und Videokünstlerin Una (Megan Gay) fehlt ebenfalls ein Sponsor für eine neue Installation. Ihr Galerist und Lover setzt jedenfalls lieber auf leicht verkäufliche Kunst. Gemeinsam versucht man nun neue Wege zur „Kunst die wirkt“ zu beschreiten. Die Lösung des Problems kommt dann plötzlich in Gestalt des geheimnisvollen Kurators Peter (Peter Lohmeyer) im Rollstuhl daher gefahren. Er legt den Frauen – zu den beiden stößt noch die leicht aggressive Raumdesignerin Fiona (Jana Schulz) – 10.000 Euro zur freien Verfügung auf den Tisch.

ART GIRLS_Inga Busch, Megan Gay, Saralisa Volm und Peter Lohmeyer vor dem Kino Babylon

ART GIRLS – Inga Busch, Megan Gay, Saralisa Volm und Peter Lohmeyer vor dem Kino Babylon – Foto: St. B.

Peter ist der experimentierfreudige Teil eines erfolglosen Wissenschaftler-Zwillingspaars und hat sich bei einem Selbstversuch Beine und Männlichkeit aufgeweicht. Die beiden Brüder wollten für eine Biotech-Firma mittels einer lebendigen Software biosynchronisierte Wesen kreieren. Was später auf den Menschen übertragen werden soll, haben sie bisher erfolglos mit fliegenden Fröschen getestet. Leider fehlt es noch an einer stabilen Strahlungsquelle und einem geeigneten Verstärker. In der Berliner Kunstszene mit ihrer speziellen kreativen Ausstrahlung will Peter fündig werden. Und in Nikita findet er schließlich auch das ideale Medium mit einem besonders ausgeprägten Strahlungssignal. Fasziniert wühlt Peter in Nikitas Kreativmüll, und nach wiedererlangter Manneskraft besiegelt eine Runde Sex mit dem Kurator den Kontrakt.

Das erinnert ein wenig an den Pakt zwischen Faust und Mephisto, nur dass hier statt Blut andere Körpersäfte fließen und Energien übertragen werden. Das Ergebnis der Übertragung überrascht zunächst Künstlerinnen wie Kurator gleichermaßen. Die Kunstfiguren der Art Girls beginnen zu leben, die Sonne färbt sich blau, und es kriechen bunte Regenwürmer auf der Erde herum. Draußen wird wirklich, was wir drinnen machen, stellen Nikita und Una fasziniert fest. Alles Reale verbindet sich mit dem Fiktiven, was auch entsprechend wahrgenommen und in der Stadtbevölkerung breit rezipiert wird. Absolut wirkungsvolle Kunst, der Traum eines jeden Künstlers.

Der Einbruch der Natur in die Kunst bleibt natürlich nicht ohne Negativ-Folgen. Fiona verschwindet bei einer Performance am Berliner Fernsehturm, der dabei auch noch kunstvoll in die Knie geht. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Eine Versuchsgruppe gleichgeschalteter Biosyncs gerät wie einst die fliegenden Frösche aus dem Gleichgewicht und die Welt bald vollends aus den Fugen. Ein total synchronisierter Kunstalbtraum ergreift von der Menschheit Besitz. Una wechselt die Seiten und macht mit Peters geschäftstüchtiger Zwillingsbruder Laurens gemeinsame Sache. Der will den Evolutionssprung in die kollektive Wir-Intelligenz profitabel ausnutzen. Nur durch ein von Nikita geschaffenes Tor kann der Eingang in die neue Welt wieder stabilisiert werden.

ART GIRLS mit Inga Busch als Nikita - Foto (c) achtung berlin

ART GIRLS mit Inga Busch als Nikita

Wer hier noch nicht den Faden verloren hat, bekommt vermutlich am Ausgang des Kinos ein Diplom. Was zunächst noch wie eine ironische Zustandsbeschreibung des elitären Berliner Kunstbetriebs aussieht, entpuppt sich bald als eine Mischung aus Kunstdesign and Science Fiction. In seiner Retro-Ästhetik der 80er und 90er Jahre kommt dieser Film aber mindestens zwei Dekaden zu spät. Er erinnert an Experimentalfilmversuche wie Conceiving Ada von der Videokünstlerin Lynn Herschman-Leeson, in dem bereits 1998 Tilda Swinton die Rolle einer nach künstlichem Leben forschenden Wissenschaftlerin spielte.

Trotz schmalem Budget ziehen Regisseur Robert Bramkamp und Produzentin Susanne Weirich in Art Girls die Geschichte nur noch wesentlich größer und phantastischer auf. Dabei geht einem leider ziemlich bald das ganze pseudowissenschaftliche Gedöns auf die Nerven. Und was die Kunstwirkung betrifft, mit den stylischen Kostümen der Art Girls und den dauernden Video-, Computer- und Animationseffekten beginnt das Filmteam irgendwann den Größenwahn und die Schnelllebigkeit der Kunstszene, die sie kritisieren wollen, selbst zu reproduzieren. Der ziemlich überambitionierte Film geht sich somit in die eigene Falle.

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Kunst oder Knast – Jedes Wort ist Waffe

Kein großes Ding von Klaus Lemke mit Henning Gronkowski und Thomas Mahmoud     Kein großes Ding  mit Henning Gronkowski und Thomas Mahmoud     Foto (c) achtung berlin

Kein großes Ding mit Henning Gronkowski und Thomas Mahmoud
Foto (c) achtung berlin

Ein ganz spezielles Bild vom Berliner Kreativ-Prekariat vermittelt der neue Film Kein großes Ding von Kultregisseur Klaus Lemke. Er zeigt den Typus des Kreativen, der das Wort Prekariat vermutlich nie in den Mund nehmen würde, uneingeschränkt an sich selbst glaubt und nie auf die Idee käme, das ihm irgendetwas fehlen würde, schon gar nicht das nötige Talent. Ein Musterbeispiel dieses Typs einsamer, unverstandener Künstler ist Mahmoud (Thomas Mahmoud). Ein Nerd mit ganz eigenem Style und der selbstermächtigte, einzig legitime Erbe von fuckin‘ Sex Machine James Brown. Immer unterwegs, immer erfolglos, ein verhinderter Glücksritter in eigener Sache.

In Sachen Kult-DVDs versteht der ehemalige Filmvorführer jedenfalls keinen Spaß. Für sein alternatives Vertriebsmodel im großen Stil hat er sogar zwei Jahre gesessen. Wieder draußen, versucht es Mahmoud nun selbst mit dem Videodreh. Seine auserkorene Hauptdarstellerin Tini (Tini Bönig) ist allerdings die lebende Antithese von dem, was er künstlerisch vermitteln will. Sie findet, er sieht aus wie ein Provinz-Honk und zieht ihr weißes Kleidchen vom Trödel lieber für einen großen polnischen Schnauzbart mit Cowboyhut (Gregor Biermann) an und aus. Für Mahmoud ist Berlin voll von laufenden Fakes, die in sein Leben eindringen. Umso deutlicher grenzt er sich dagegen ab und ist stets gewappnet gegen die Bakterien der Ansteckung, wenn es sein muss mit Desinfektionsspray. Zuviel Nähe bedeutet Gefahr für die Schärfe und korrumpiert den eigenen Kreativvorrat.

Trotz all dem läuft Mahmoud irgendwann der schlaksige Streuner Henning (Henning Gronkowski) zu und fortan hinterher. Der Ex-Grower hat keinen Bock mehr auf das dunkle Shit-Bergwerk des Holländers Tom (Tom Laterveer) und will lieber im Scheinwerferlicht des Wild at Heart als Strip-Tänzer reüssieren. Um Mahmoud zu seinem ersten Auftritt zu verhelfen, übernimmt er einfach ungefragt dessen Management, um ihn ebenfalls groß raus zu bringen. Sein unumstößliches Credo: Wenn du ihn noch nicht verstanden hast, dann kommt das später. Allerdings hält die Chefin im Burlesk-Club (Hanni Bergesch) den Eigenbrötler mit Netto-Tüte voll für assi. Mit ihm, das geht gar nicht, sagt ihr das professionelle Kennerauge, und so muss nach gescheitertem Debüt an der Seite von Busenwunder Leila Lowfire zunächst der Frauenschwarm und gute Schlecker Henning das Duo wieder über Wasser halten.

Kein großes Ding mit Thomas Mahmoud, Tini Boenig und Gregor Biermann

Kein großes Ding mit Thomas Mahmoud, Tini Boenig und Gregor Biermann
Foto (c) achtung berlin

Seine Methoden sind unorthodox und 5.000 Euro Vorschuss für das aufwendige Equipment einer Keller-Marihuana-Plantage werden spontan für Designerklamotten ausgegeben, mit denen er den völlig konsternierten Mahmoud beschenkt. Doch der hat seine festen Prinzipien. Der unfreiwillige Sponsor Tom darf sich anschließend seine Kohle an den Mülltonnen im Hof wieder abholen. Als selbst Spontanität und aller Einfallsreichtum nicht den gewünschten Durchbruch bringen, ergreift Mahmoud wieder die Initiative der notwendigen Geldbeschaffung. Diesmal muss es klappen, schließlich hatte er schon mal zwei Jahre Zeit sich das zu überlegen.

Regisseur Klaus Lemke lässt seine unglaublichen Protagonisten hier völlig ohne Leine durch Friedrichshain-Kreuzberg mit seinen Szene-Cafés, Clubs und Späties laufen. Immer auf der Suche nach dem Glück und selbst bei miesestem Wetter stets mit einem coolen Spruch auf den Lippen. Zwei liebenswerte Originale wie sie die Straßen und Casting-Alleen der Hauptstadt zu Hauf bevölkern, gleichermaßen sympathisch wie durchgeknallt.

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weitere Infos: http://achtungberlin.de/programm0/made-in-berlin-brandenburg0/spielfilme/

Achtung Berlin 2014 – Wettbewerbsbeiträge Teil 1

Zuerst erschienen am 15.04.2014 bei Kultura-Extra.

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Willkommen im Hauptstadtkino! – Erste Wettbewerbsfilme beim 10. ACHTUNG BERLIN new berlin film award

Montag, April 14th, 2014

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achtung_berlin_Plakat_2014„Zehn Jahre kreatives Hauptstadtkino, zehn Jahre mutige Filmkunst, zehn Jahre Heimat für Filmschaffende und Cineasten.“ Das mittlerweile zweitgrößte Filmfestival der Hauptstadt Berlin feiert sich im Jubiläumsjahr gleich mit drei wichtigen Eigenschaften oder Merkmalen, die der alternativen Kreativszene in Berlin und Brandenburg immer schon nachgesagt wurden. Also Mut zur Kreativität gepaart mit regionaler Bodenständigkeit. Man schwört auf den Standort Berlin. Auch wenn die Kassen an der Spree nicht gerade voller geworden sind und das Anträge schreiben für die öffentliche Filmförderung eher frustet als fruchtet. Viele Filmemacher haben eigene Firmen zur Produktion ihrer Werke gegründet. Man greift immer mehr zu alternativen Finanzierungsmodellen und setzt u.a. auf die Mithilfe von Filmverrückten und Kino-Fans, sprich der Crowd, oder anderen kreativen Methoden zur Geldbeschaffung bzw. Optimierung des Prozesses bis zum fertigen Film.

Jung wäre eine weitere Eigenschaft, die das Achtung Berlin Filmfestival 2014 auszeichnet. Die meisten der Regisseure, die hier auf dem Festival und dem Spielfilmwettbewerb ihr Filme zeigen, haben die magischen Vierzig noch nicht überschritten. Ausnahmen, wie der seit den 60er Jahren aktive Underground-Altmeister Klaus Lemke, der mit Kein großes Ding im Spielfilmfestival vertreten ist (Kritik folgt) bestätigen da nur die Regel, und dass man für den jungen, frischen Berlinfilm nie zu alt sein kann. Es dauert nur manchmal etwas länger, bis man aus dem Süden der Republik in der Hauptstadt angekommen ist.

Trotzdem oder auch gerade deswegen, schauen die beiden enthusiastischen Festivalleiter Sebastian Brose und Hajo Schäfer mittlerweile stolz auf 10 Jahre Berliner Filmschaffen zurück und widmen die diesjährige Retrospektive dem Berliner Film der 90er Jahre, also einer Zeit, da die Stadt nach dem Mauerfall neuen kreativen Zulauf aus allen Teilen der Republik bzw. sogar der ganzen Welt erhielt und sich damit nachhaltig zu wandeln begann. Junge Filmemacher wie z.B. Thomas Arslan, Andreas Dresen oder RP Kahl zeigten damals ihre ersten Filme mit Berlinbezug. Manche begründeten so eine ganze Schule und fanden sich schnell im Berlinale-Wettbewerb wieder, andere sind bis heute dem alternativen Großstadt-Kino treu geblieben.

Kein Bett an der Croisette

Am Mittwoch wurde das 10. Achtung Berlin Filmfestival mit dem ersten Film im Wettbewerb eröffnet, der auch der erste Langspielfilm der 1981 in Berlin geborenen Regisseurin Isabell Šuba ist. 2012 wurde sie mit ihrem Kurzfilm Chica XX Mujer zum Filmfestival nach Cannes eingeladen. Ihren fünftägigen Aufenthalt an der Croisette, Traumort für so viele junge Filmschaffende, hat sie in einer Art Mokumentary festgehalten. Dazu übernahm die Schauspielerin Anne Haug ihre Identität, während sich Isabell Šuba als Filmstudentin akkreditierte. Ihr Produzent Matthias Weidenhöfer spielte sich in der Rolle des überforderten Produzenten und Geschäfts-Partners der Regisseurin David Wendlandt sozusagen selbst. In Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste entsteht so ein ziemlich genaues Bild des Filmgeschäfts, in dem Frauen immer noch nicht die Rolle spielen, die ihnen qualitativ wie quantitativ zukäme.

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Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste von Isabell Šuba – Foto: achtung berlin 2014

Ausgehend von der Tatsache, dass 2012 in Cannes kein einziger Film einer Frau im Wettbewerb vertreten war, versucht Isabell Šuba die These aus dem Titel ihres Films (einem ähnlich lautenden Protestbrief von Regisseurinnen gegen die Einladungspraxis in Cannes entlehnt) mit dem entsprechenden Hintergrund vor Ort zu untermauern. Schon die Ankunft in Cannes lässt die Katastrophe erahnen. Der vorgereiste Produzent hat den Ankunftstermin verpennt und noch zwei weitere Freunde im gemeinsamen Appartement einquartiert. Termine und Einladungen zu wichtigen Interviews und Filmpartys werden verpasst und das Promoten eines geplanten Filmprojekts der Regisseurin droht an der Unfähigkeit und Ignoranz des Produzenten zu scheitern. Er nimmt seine Partnerin nicht ernst und hat auch die Log Line für den Film nicht gelesen – eine etwas komplizierte Frauengeschichte im ländlichen Milieu, aus der er kurzerhand einen Body-Western machen will.

So kabbeln sich die beiden selbst vor Interviewpartnern, rennen gestresst durch die Straßen der Filmmetropole an der Côte d’Azur, versuchen auf Filmpartys zu kommen und ihr neues Projekt an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Immer wieder stehen sich die beiden dabei selbst im Weg und im wahrsten Sinne des Wortes im Regen von Cannes. Die Zusammenarbeit zwischen Männern und Frauen scheint hier ein Ding der Unmöglichkeit, zu weit auseinander steht man in den Ansichten zu Beruf und Genderfragen. Dass dann auch noch die Ex der Regisseurin (Eva Bay) mit ins Appartement zieht, sorgt für zusätzliche Spannungen. Die Kamera fängt dazu Bilder von Celebrities, Groupies, Hedonisten und dem ganzen unvermeidlichen Anhang des Kino-Jet-Sets ein. Eine treffsichere Studie mit viel Sarkasmus und einem selbstironischen Blick, der nicht nur Filmleuten gefallen dürfte.

Und die Kuh schaut staunend zu

Ein weiteres Improfilmprojekt stammt vom Gewinner des letzten achtung berlin new berlin film award für den besten Film Nico Sommer (Silvi). Sommer ist es auch in seiner neuen Komödie Familienfieber. Die reine Drehzeit betrug hier sieben Tage. Ein frisch verliebtes Teenagerpärchen (Anais Urban und Jan Amazigh Sid) überrascht seine sehr unterschiedlich sozialisierten Eltern mit einem Kennenlernen-Wochenende auf dem Landsitz der Eltern des Jungen. Dieser entpuppt sich dann nicht etwa, wie in der Erinnerung des Mädchens, nur als großes Haus, sondern als ausgewachsenes Schloss. Was den bodenständig berlinernden Vater Uwe (Achtung-Berlin-Urgestein Peter Trabner) plötzlich vor das Problem „Kuck doch mal, wie ich aussehe“ stellt und die Mutter Maja (Kathrin Waligura) peinlicherweise mit Freitagsliebschaft und Chef Stefan (Jörg Witte) konfrontiert.

Familienfieber von Nico Sommer
Foto: achtung berlin 2014

Stefan und Frau Birgit (Deborah Kaufmann) sind „irgendwie“ zu Geld gekommen, was sie in ein tief in der brandenburgischen Provinz abgelegenes ehemals adliges Anwesen zwischen Schönefeld und Schöneweide (oder so ähnlich) gesteckt haben. Hier lebt Birgit ihre Kreativität als Malerin aus, während Mann Stefan in Berlin für das nötige Kleingeld und die Befriedigung seiner Libido sorgt. Der Plakatkleber und großmäulige Pantoffelheld Uwe lebt ganz in der Angst, seiner Frau nichts mehr bieten zu können, worauf sich die liebesbedürftige Maja immer mehr von ihm entfernt hat. Das Geheimnis zwischen Maja und Stefan ist schnell gelüftet, der Minibus für die Flucht springt nicht mehr an, und so verleben die vier in Liebesdingen frustrierten Narren und Genarrten nun ganz ungewollt eine Art schräge Woody Allen’sche Midsummer Night’s Sex Comedy auf Berlin-Brandenburgisch.

Zwischen männlichem Balzverhalten und weiblichem Zickenkrieg ereilt alle irgendwann auch die Ernüchterung und eine Ahnung, dass es so nicht weitergehen kann. Um eine Lösung zu erzwingen, kommt Uwe die Idee von paartherapeutischen Interviews mit allen Beteiligten, die, mit der Videokamera von Stefans Sohn aufgenommen, wie kleine Zwischenkommentare zum Film immer wieder in die Geschichte eingeblendet werden. Was die beiden routinierten Paare inzwischen ganz vergessen haben, ist die Tatsache, dass sich neben ihrem Beziehungsstress noch ein junges Nachwuchspaar in der brandenburgischen Natur mit ganz eigenen, aber durchaus ähnlichen Problemen quält. Nico Sommer ist mit dieser witzigen, in vollständig improvisierten Dialogen gedrehten Beziehungskomödie ein großer Spaß mit melancholisch-ironischem Hintersinn nicht nur für gestandene Familientiere gelungen.

Realität und Fantasie, Traum- und Nebenwelten

Zwei weitere Wettbewerbsfilme verlassen sich dann wieder eher konventionell auf ein klassisches Drehbuch. Alles andere als konventionell kann man dabei aber die Ergebnisse nennen. Willkommen im Klub von Regisseur Andreas Schimmelbusch fällt aber zunächst durch eine erlesene Schauspielriege auf. Patrycia Ziolkowska, Bibiana Beglau, Wolfram Koch, Samuel Finzi und Almut Zilcher sind allesamt erfolgreiche Theaterschauspieler in Berlin, Hamburg und München. Koch, Finzi und Zilcher bildeten am Deutschen Theater und der Volksbühne Berlin die sogenannte Gotscheff-Familie. Eine der Locations im Film ist dann auch das Theater am Rosa-Luxemburg-Platz. Hauptspielort ist jedoch ein Hotel mit einem dunklen Geheimnis. Die Gäste kommen hier eher zum stilvollen „Auschecken“. Kate(Patrycia Ziolkowska), eine junge Frau mit Selbstmordabsichten, verliebt sich in den diskreten, zuvorkommenden Portier Victor (Wolfram Koch). Sie gibt ihr Vorhaben zunächst auf und zieht sogar mit dem geheimnisvollen Mann zusammen. Die Beziehung der beiden krankt aber schnell an den dunklen Stimmungen Kates und ihren übersteigerten Vorstellungen über die Beziehung. Zweifel machen sich breit und den Liebhaber zusehends krank.

Willkommen im Klub - Foto © Schimmelbusch GmbH

Willkommen im Klub von Andreas Schimmelbusch – Foto © Schimmelbusch GmbH

Es ist viel Alkohol im Spiel und ein ungelöstes Problem aus der Kindheit. Die dominante Mutter (Almut Zilcher) hat der Tochter den gewaltsamen Tod des Vaters verschwiegen. In den Albträumen Kates verschwimmen zusehends Realität und Wahnvorstellungen. Victor wird zur Vaterfigur. Die eifersüchtige Hotelbesitzerin (Bibiana Beglau) managt nebenbei noch einen Selbstmörderklub, in dem man sozusagen das richtige, erfolgversprechende Handanlegen erlernen kann. Der zu rekrutierenden Kundschaft wird anhand der gescheiterten Versuche einiger Verzweifelter das richtige Ableben näher gebracht. Inspiriert durch das Buch Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod des österreichischen Schriftstellers Jean Améry entwickelt Schimmelbusch einen etwas wirren, pseudopsychologischen Plot aus literarischen und filmischen Anspielungen, in dem Samuel Finzi auch noch als Psychologe mit Wirkung auf Frauen eine freudsche Wiederkehr seiner bekannten Pathologenrolle geben muss. Liebe oder Selbstmord auf Rezept? Eine Frage die hier auf Dauer nicht wirklich interessiert.

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Eher im Bereich des Genrefilms ist das Regiedebut Vergrabene Stimmen des Schauspielers Numan Acar, der auch das Drehbuch schrieb und die Hauptrolle übernahm, angesiedelt. Nach acht Jahren Knast kommt der Kleinkriminelle Kaan (Numan Acar) wieder zurück in seinen alten Berliner Kiez. Seine geliebte Mutter Selda ist gestorben, der Vater schmeißt Kaan verbittert raus. Die alten Kumpels Eko (Kida Ramadan) und Bilo (Tyron Ricketts) haben es sich mit Hartz IV in ihrer Mittelmäßigkeit gut eingerichtet. Es läuft der alte Trott, nur dass Kaan nach all der Zeit irgendwie nicht mehr dazugehört. Um dem Schicksal zu entfliehen, versucht Kaan sein Glück auf dem Arbeitsamt. Da ihm hier aber nur ein würdeloser Ein-Euro-Job angeboten wird, geht er auf den Vorschlag seines Freundes Mo (Stipe Erceg) ein und heuert beim Unterweltboss Mr. Omar (Ralph Herforth) als Fahrer an. Vorher hat er mit den alten Kumpels schnell noch das Ersparte der Kiez-Prostituierten Magda (Katy Karrenbauer) durchgebracht.

Vergrabene Stimmen von Numan Acar -  Foto: achtung berlin 2014

Vergrabene Stimmen von Numan Acar
Foto: achtung berlin 2014

Bei dem Mädchen Aenna (Julia Dietze), die Kaan auf dem Friedhof trifft, versucht er Liebe und etwas Geborgenheit zu finden. Er will sich endlich wieder spüren. Sie vergräbt Kassetten mit Texten, die Kaan an seine eigene schwierige Kindheit, Jugend und die Knastzeit erinnern. Der Traum vom gemeinsamen Glück scheitert aber an seinem Unvermögen zu wirklichen Empfindungen, genauso wie die Karriere als Geldeintreiber für Mr. Omar am abgekarteten Spiel des Gangsters Franky (Dirk Borchardt), der rechten Hand von Mr. Omar. Das Leben besteht aus Entscheidungen, sinniert Aenna auf einer der Kassetten. Nur welche Kaan auch trifft, „Ich bleibe immer der Selbe hinter meiner verfickten Visage.“ Kaan hat keine Chance und ergreift sie.

In mehreren Traumsequenzen steht Kaan vor eine Mauer und reibt mit den Händen eine Unterwasserwelt mit Fischen an die Wand. Ein Sinnbild für das Eingesperrtsein wie in einem Aquarium. Der Film taucht tief in diese parallelen Nebenwelten ab. Mit seinen düsteren Bildern nah am Film Noir angelehnt, besitzt er in seiner schicksalhaften Ausweglosigkeit durchaus die Kraft einer griechischen Tragödie, die seinem gebrochenen Protagonisten jedoch keine Katharsis vergönnt. Laut Angabe des Regisseurs Acar, war ihm das auch sehr wichtig. Eine Darstellungsweise, die die Zerrissenheit der Hauptfigur nicht auflöst, sondern Kaan so sein lässt, wie er ist. Und das ist dann trotz aller Pathetik schon auch ansehenswert.

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Das Festival läuft noch bis zum 16.04.14 in den Kinos Babylon Mitte, Filmtheater am Friedrichshain, Tilsiter Lichtspiele und Passage Neukölln.

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Weitere Infos: http://achtungberlin.de/

Achtung Berlin 2014 – Wettbewerbsbeiträge Teil 2

Zuerst erschienen am 13.04.2014 auf Kultur-Extra.

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