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Zwischen kaltem Großstadt-Kiez und Sommer auf dem Land – Fazit und Preisträger des 11. Achtung Berlin Filmfestivals 2015

Donnerstag, April 30th, 2015

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AB-LogoDie 11. Ausgabe des Achtung Berlin Filmfestivals 2015 ist Geschichte. Am 21. April vergaben die Jurys im Kino Babylon-Mitte ihre Preise. Und die diesmal mit der Produzentin Nicole Gerhards, der Casterin Suse Marquardt und der Schauspielerin Katharina Marie Schubert (DT) rein weiblich besetzte Wettbewerbsjury verteilte ihre Preise nach dem bewehrten Gießkannenprinzip.

Die Damen entschieden sich beim Preis für den Besten Spielfilm für das sommerliche Feel-Good-Movie Im Sommer wohnt er unten. Regisseur Tom Sommerlatte erhielt dafür  bereits im Februar auf der BERLINALE einen kleinen Preis. Sein Debutspielfilm, der die Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ eröffnete, erhielt von der Jury des Dialogue en perspective eine lobende Erwähnung. Familientraditionen und hohe Erwartungshaltungen überschatten darin das Verhältnis zweier recht ungleicher Brüder. Angesiedelt im recht idyllischen Sommerdomizil einer deutschen Bankiersfamilie in Frankreich, entlädt sich diese spannungsgeladene Konfliktsituation in einem schönes Spiel um Balzgehabe, Rivalitäten und Eifersüchteleien rund um den zentralen Austragungsort Haus und Pool. Die Komödie hat durchaus das Potential zum Publikumsrenner – was wie immer bei Achtung Berlin auch sehr wichtig ist – und zeigt nebenbei auf witzige Art, das Geld eben nicht alles ist. Schauspieler Godehard Giese konnte in seiner Rolle als Ekelpaket David auch noch den neu geschaffenen Darstellerpreis absahnen. Als weibliches Gegenstück, allerdings in der Darstellung nicht ganz so fies und ihrer Widerspenstigkeit auch wieder ungemein sympathisch, bekam die junge Lilli Meinhard für ihre Sarah in dem großartigen Improfilm Liebe mich! den Preis für die beste Schauspielerin.

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Lilli Meinhard und Godehard Giese – Foto: St. B.

Im Folgenden nun eine Auswahl aus dem Wettbewerb der Sektion Langspielfilm, bei dem sich wieder fast alle der thematisch recht vielgestaltigen Beiträge in zwei Kategorien einteilen ließen. Entweder haben die Filme einen direkten Bezug zur Metropole Berlin, oder sie zeigen die dort lebenden Großstädter außerhalb ihres gewohnten Umfelds auf dem Land.

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Christian Moris Müller fügt dem obig Gesagten noch eine weitere Möglichkeit hinzu. In seinem Spielfilm Lichtgestalten, der das Festival eröffnete, sperrt der Regisseur den Moloch Berlin konsequent aus dem Setting aus. Den etwas kryptischen Namen „Lichtgestalten“ geben sich das Paar Katharina und Steffen (Theresa Scholze und Max Riemelt), als sie von heute auf morgen beschließen, alle Spuren ihres bisherigen Daseins auszulöschen, um irgendwo anders noch mal neu zu starten. Die beiden Thirtysomethings mit Berufen im Kreativbereich fühlen sich nicht nur ausgebrannt, sie wollen der Eintönigkeit und Vorhersehbarkeit in ihrem Leben und Job entkommen, und deshalb noch mal ganz zurück auf Anfang. Dazu ist es allerdings erforderlich ihren Besitzstand komplett aufzulösen. Die materiellen Dinge, die sie umgeben, und mit denen sie wie verwoben scheinen – die roten Vorhänge im Film sind dafür ein schönes Bild – engen sie ein. Radikale Freiheit verlangt loslassen zu können.

LICHTGESTALTEN© Christian Moris Müller Filmproduktion

Lichtgestalten © Christian Moris Müller Filmproduktion

Ihren Ausbruchsversuch halten Katharina und Steffen mit der Videokamera fest. Ein Tagebuch für die Zurückgebliebenen wie das befreundete Pärchen Robert und Paul (Sebastian Schwarz und Max Woelky) – zur Nachahmung gedacht. Demonstrativ zerlegen die Beiden nun das Mobiliar und die Einrichtungsgegenstände ihrer teuren Loft-Wohnung auf der Kreissäge. Steffen verzichet auf den beruflichen Aufstieg, hebt alles Geld von der Bank ab und verteilt es in Plastiktüten in der Stadt. Doch irgendwann verlangt die anfängliche Radikalität ihren Tribut. Letztendlich entsteht bei der Löschung der eigenen Identität auch eine innere Leere, die das Paar mit nichts Neuem anfüllen kann. Die gemeinsame Liebe scheint nicht zu reichen, um den bedingungslosen Neuanfang zu wagen. Der neue Lebensentwurf nimmt außer in den Köpfen der Beiden kaum Gestalt an. Vor allem Steffen scheint noch zu sehr verhangen in den alten Gewohnheiten.

Lichtgestalten im International_Hauptdarsteller Theresa Scholze und Max Riemelt - Foto: St. B.

Lichtgestalten im International. Hauptdarsteller Theresa Scholze und Max Riemelt – Foto: St. B.

Theresa Scholze und Max Riemelt gelingt es dabei über weite Strecken des Films, die innere Not ihrer Figuren anschaulich zu machen. Allerdings verschenkt in diesem interessanten Gedankenexperiment Regisseur Christian Moris Müller seine Idee immer wieder an filmische Spielereien wie Slowmotion-Einstellungen, Unschärfen, Nahaufnahmen. Überhaupt verliert sich die Kameraführung von Mario Krause, die in den privaten Videoaufnahmen noch sehr rau und direkt ist, in den mit Musik unterlegten Passagen vollends im Künstlichen. Sicher ist der Film dadurch vor allem auch etwas für cineastische Ästheten. Den gedanklich philosophischen Aspekt vermag Müller in den eingestreuten Traumsequenzen, inneren Monolog und Reflektionen seiner Protagonisten kaum näher auszuloten. Der Plot dieses Vier-Wände-Kammerspiels bleibt da leider viel zu vage. Aus einer besenrein leeren Wohnung öffnet sich am Ende der Blick durchs Fenster auf die Stadt Berlin.

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LICHTGESTALTEN
D 2015 | 81 Min
Regie, Buch: Christian Moris Müller
Kamera: Mario Krause
Mit: Theresa Scholze, Max Riemelt, Sebastian Schwarz, Max Woelky

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Liebe mich!  (c) Von Oma Gefördert„Sarah ist laut, unangepasst, taktlos, ehrlich und provokant. Sie wirkt unverwundbar, doch der Schein trügt. Sarah ist einsam.“ So Regisseur Philipp Eichholtz über die Protagonistin seines ersten langen Spielfilms Liebe mich! Eine Aufforderung, der man zumindest bei der Schauspielerin Lilli Meinhard kaum widerstehen kann. Ihre Sarah allerdings macht es einem in dieser Hinsicht nicht gerade einfach. Sie kann im wahrsten Sinne des Wortes eine rechte Nervensäge sein. Freund Markus (Davide Brizzi) bezeichnet es dann am Morgen nach einer anstrengenden Liebesnacht, an dem ihm Sahra nebst Frühstück am Bett auch noch eine handfeste Debatte serviert, in etwa so: „Du saugst mich aus.“ Er braucht eine Pause und Zeit für sich, was die impulsive Emotionsgranate Sarah reflexartig mit ihrem MacBook als Frisbeescheibe kontert. Ihr angeknackstes Gefühlsleben und die traurigen Reste des Laptops, die sie von der Straße klaubt, soll nun Computernerd Oliver (Christian Ehrich) wieder kitten.

Der Mann hat die Ruhe weg, und zunächst auch ein offenes Ohr und Herz für die Nöte der angehenden Webdesignerin im Abgabestress. Sahra vermietet kurzerhand ihre Wohnung an koreanische Künstler, um das nötige Kleingeld für die Reparatur der gecrashte Festplatte aufzutreiben und zieht spontan wieder bei ihrem „allerbesten“ Papa Dieter (Achtung-Berlin-Urgestein Peter Trabner) ein. Das der mit seiner schwangeren Freundin Natascha (Eva Bay) gerade auf heile Familie machen will, ist der unkonventionellen Tochter dabei ziemlich schnurz. Doch unter der taffen Schale hat Sarah eine ziemlich verletzliche Seele. Hallo Tiefseetaucher, ist ihr stiller Hilferuf, den aber bei dem ganzen Chaos, das die junge Frau veranstaltet, kaum jemand hören kann.

„Von Oma gefördert“, wie es heißt, und gedreht nach den Kriterien des „Sehr gute Filme“-Manifests von Axel Ranisch (der in einer schönen Nebenrolle als Verteiler von Flyern für Singlepartys im Biene-Willi-Outfit auftritt), ist Liebe mich! einer dieser kleinen, feinen mit nur sechsseitigem Skript auskommenden Lowbudget-Improfilme, für die man das Achtung Berlin Filmfestival liebt. Und mit Lilli Meinhard hat es bereits eine heiße Anwärterin für den neu geschaffenen Darstellerinnenpreis.

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Liebe mich!
Buch und Regie: Philipp Eichholtz
Kamera: Fee Scherer
Mit: Lilli Meinhardt, Christian Ehrich, Peter Trabner, Eva Bay, Axel Ranisch, Davide Brizzi, Maggy Domschke u.a.

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Nicht in Berlin sondern in Frankfurt/M ist der Wettbewerbsbeitrag von Regisseurin Maria Hengge angesiedelt. Dabei könnte der Plot von Sin & Illy Still Alive auch gut an der Spree spielen. Allerdings streifen die Protagonisten des Films nicht etwa durch das feine Bankenviertel der Mainmetropole, sondern durch das Sex- und Drogenmilieu rund um den Frankfurter Hauptbahnhof. Die drogenabhängige Sin (Ceci Chuh) versucht zum wiederholten Mal den Heroinentzug und will deshalb der kalten, grauen Stadt auf eine griechische Insel entfliehen. Das Geld für den Flug treibt die junge Frau durch den Verkauf von Blankorezepten auf, die sie in der Arztpraxis ihres Vaters gestohlen hat.

Sin & Illy © Abadon Production

Sin & Illy – Foto © Abadon Production

Sin trennt sich von ihrem Freund Leon (Ulrich Fastnacht) und holt die bei ihrem Zuhälter Mesuth (Burak Yigit) rausgeflogene Illy (Cosima Ciupek) vom Straßenstrich. Die Freundinnen kommen allerdings nicht allzu weit. Auf der Suche nach Illys Reisepass stranden die Beiden schon auf einem Dauercampingplatz in der Nähe des Frankfurter Flughafens. Im Wohnwagen von Illys alkoholkranker Mutter (Pascale Schiller) offenbart sich all das Elend aus Sucht und Hoffnungslosigkeit.

Maria Hengge zeigt einen realistischen, schonungslosen Blick auf den endlosen Kreislaufs aus Drogen, Alkohol und Beschaffungskriminalität, dem sich Sin mit letzter Kraft entziehen will, was sie allerdings nur schaffen kann, wenn sie konsequent alle Brücken hinter sich abbricht. Die Reise zum Sehnsuchtsort Griechenland endet für die körperlich vollkommen ausgelaugte Sin erst einmal nur wieder in der Entzugsklinik. Eine beeindruckende schauspielerische Leistung der 24jährigen Ceci Chuh, die gerade erst als Hanna in Moritz Krämers Bube Stur auf der BERLINALE zu sehen war. Die bekannte Berliner Theaterschauspielerin Angela Winkler spielt in einer Nebenrolle als Sins Ärztin.

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SIN & ILLY STILL ALIVE
D, AT 2014 | 70 min
Regie, Buch: Maria Hengge
Kamera: Peter Roehsler
Mit: Ceci Chuh, Cosima Ciupek, Ulrich Fastnacht, Angela Winkler, Pascale Schiller, Burak Yigit

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Ins Brandenburgische führt der Spielfilm Nachthelle von Florian Gottschick. Anna (Anna Grisebach) und ihr jüngerer Freund Stefan (Vladimir Burlakov) fahren zum letzten Mal in Annas Heimatdorf in der Lausitz, das kurz vorm Abbaggern für die Braunkohle steht. Dort treffen sie auf Bernd (Benno Fürmann) und seinen Lebensgefährten Marc (Kai Ivo Baulitz). Anna und Bernd kennen sich seit der Schule und hatten auch eine 4 Jahre dauernde Beziehung, was erst nach und nach herauskommt. Und auch ein weiteres, düsteres Geheimnis aus der Vergangenheit um den Suizid eines Mitschülers holt die Protagonisten ein. Der Psychologe Marc holt mit seinen provokanten Fragen das im Unterbewusstsein von Anne verschütte Trauma langsam wieder an die Oberfläche. Dazu kommen allgemeine Eifersüchteleien und Diskussionen Sex, Treue und freie Liebe. Eine schonungslose Trauma-Bewältigung bei viel Rotwein und Liedern aus der Jugend. Das gottverlassene Dorf dient dabei als leere Projektionsfläche für die verlorenen Erinnerungen. Titelgebend schwebt das von Franz Schubert vertont Gedicht „Nachthelle“ des österreichischen Dichters Johann Gabriel Seidl wie eine düster romantische Metapher über dem Ganzen.

Nachthelle - Foto 8c) achtung berlin

Nachthelle – Foto (c) achtung berlin

Regisseur Florian Gottschick hat nach eigener Aussage eine psychotherapeutische Hypnosesitzung bebildern wollen, was ihm im ersten Teil des Films durch die Gespräche der Protagonisten, die vielen Erinnerungsstücke im Haus und Annas geheimnisvolle Träume auch ganz gut gelingt. Allerdings läuft das Experiment irgendwann etwas aus dem Ruder. Nach Siegmund Freuds Theorie trennt sich bei einem Autounfall Annas Ichs vom Trauma-Ich und geistert aus einer anderen Perspektive rückwärts durch den schon bekannten Plot. Das nimmt Anklänge beim Mystery-Genre, wirkt aber auch etwas bemüht. Das Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten nach Freud wird für Annas Doppel-Ich zu einer albtraumhaften aber heilsamen Reise durch die Vergangenheit. In schönen kleinen Nebenrollen sind hier noch Michael Gwisdek und Gudrun Ritter als letzte geheimnisvolle Bewohnerin des bereits wie leergefegten Dorfes zu sehen.

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NACHTHELLE
D 2014 | 83 min
Regie: Florian Gottschick
Buch: Carsten Happe, Florian Gottschick
Kamera: Jakob Seemann
mit: Anna Grisebach, Benno Fürmann, Ivo Baulitz, Vladimir Burlakov, Gudrun Ritter,  Michael Gwisdek

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Politisch sehr engagiert, aber keinesfalls korrekt geht es im Film Nachspielzeit von Andreas Pieper zu. Der alte Sponti-Spruch „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt.“, längst auch am rechten Rand zu Hause, und das ebenso allseits beliebte Mannschaftsspiel Fußball bilden hierfür die Klammer. Dazwischen fächert der Regisseur aber noch eine ganze Menge weiterer Themen und Fragen auf, die den jungen, politisch interessierten Berliner Deutsch-Türken Cem (Mehmet Atesci vom Ensemble des Maxim Gorki Theaters) bewegen. In seinem Neuköllner Kiez bekommt er es mit hohen Mieten, der um sich greifenden Gentrifizierung, Ausländerhass, Arbeitslosigkeit und Gewalt zu tun. Wobei die Gewalt- bzw. die Gewaltenfrage wohl am immanentesten ist, dass Cem ihr auf Dauer auch nicht ausweichen kann.

Nachspielzeit - Foto © Lichtblick Media GmbH

NachspielzeitFoto © Lichtblick Media GmbH

Und das beginnt schon auf dem Fußballplatz. Wem also gehört die Stadt? Man wähnt sich dabei fast schon bei lautstark martialisch geführten Revierkämpfen, wenn Cems bunt gemischte Truppe aus dem Süden-Westen gegen die eher deutschstämmige Mannschaft aus dem Nord-Osten Berlins zum normalen Ligaspiel auflaufen. Cem gerät hier mit Roman (Frederick Lau) aus der gegnerischen Mannschaft nicht nur verbal aneinander. Aus dieser Fußballplatzrangelei entwickelt sich schließlich eine handfeste Rivalität, die auch nicht vor Romans Auto Halt macht. Im Gegenzug vergreift sich Roman an Cems Freundin und Kollegin Astrid (Friederike Becht) aus dem Altenheim, in dem Cem ein freiwilliges Jahr absolviert.

Um die beiden Kontrahenten gegeneinander auszuspielen, nutzt der zwielichtige Calli (Aleksandar Teslar), Chef eines Sicherheitsdienstes, der u.a. auch kalte Entmietung für Immobilienbesitzer betreibt, das stetige Aufschaukeln der Gewalt. Da dem arbeitslosen Roman von der Arbeitsagentur die Stütze gekürzt wird, kann er seine Miete nicht mehr zahlen und auch Cem hat Calli schon länger wegen seines heimlichen, nicht vollkommen spaßbetont gewaltfreien Engagements für eine sich im Internet formierende Armada gegen Miethaie auf dem Kieker. Nebenbei interessiert sich Calli noch für das schlechtgehende Lokal von Cems Vater (Vedat Erincin) und drängt sich in das Privatleben der Familie.

Mehmet Atesci und Regisseur Andreas Pieper von Nachspielzeit_Beste Produktion_St. Bock

Nachspielzeit. Hauptdarsteller Mehmet Atesci und Regisseur Andreas Pieper – Foto: St. B.

Beide Jungen, die sich aus unterschiedlichen Motiven und Überzeugungen für ihren heimischen Kiez zur Wehr setzen, geraten so immer mehr unter Druck und ins Abseits. Auf der einen Seite steht das durch klare Regeln definierte Fußballspiel, auf der anderen Gewalt und Anarchie zur Konfliktlösung. „Wer im Kapitalismus nicht kämpft, hat schon verloren“ heißt da das Postulat des alten widerständigen Ost-Sportjournalisten Liebach (Horst Westphal), den Cem im Altenheim betreut. Ein weiterer Knackpunkt ist Romans familiäre Verbindung zum alten Liebach. Das Leben als Kampf. Cem steht schließlich irgendwann zwischen allen Fronten und muss sich entscheiden. Alt-Linke Ansätze (Wir haben nichts zu verlieren außer unserer Angst) stoßen hier auf Resignation und Ohnmacht gegenüber einem mit unfairen Mitteln agierenden, kaum greifbaren System. Regisseur Andreas Pieper webt einen relativ dichten, spannungsgeladenen Plot, der vieles anschneidet aber auch zur Diskussion offen lässt. Dafür gab es von der Spielfilmjury zu Recht den Preis für die beste Produktion.

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NACHSPIELZEIT
D 2014 | 84 Min
Regie, Buch: Andreas Pieper
Kamera: Armin Dierolf
Mit: Mehmet Atesci, Frederick Lau, Friederike Becht, Uwe Preuss, Aleksandar Teslar, Horst Westphal, Jacob Matschenz

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Etwas ratlos lässt einen der Spielfilm Limbo von Anna Sofie Hartmann zurück. Der Erstling der jungen dänischen Regieabsolventin wurde von der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) mit produziert und lief bereits 2014 auf dem 62. Festival de San Sebastián und den 48. Hofer Filmtagen. Die recht sparsame Handlung führt in die dänische Kleinstadt Nakskov am Meer, in der in einer großen Raffinerie aus Rüben Zucker hergestellt wird. Die Kamera zeigt immer wieder in langen Fahrten das Fabrikgelände, oder die Erntemaschinen auf dem Feld. Ein eher herbstlich trostloses Bild.

Limbo_© Gourmet Film

LimboFoto © Gourmet Film

Hier geht das Mädchen Sara (Annika Nuka Matthiassen) aufs Gymnasium. Sie wohnt gemeinsam mit ihren Mitschüler*innen im Wohnheim. Ihre neue recht progressive Lehrerin Karen (Sofia Nolsø) behandelt in der Schule Genderfragen und diskutiert dabei auch über männliche und weibliche Geschlechterzuschreibungen im Alltag und in der Kunst. In einem Theaterkurs probt sie mit der Klasse Antigone oder Nora ein Puppenheim. Die etwas schüchterne Sara verliebt sich dabei in ihre Lehrerin. Nachdem sich beide beim Renovieren von Karens Wohnung etwas näher kennengelernt haben, gesteht Sara ihr offen ihre Liebe. Als sie von der ungläubigen Karen abgelehnt wird, zieht sich das Mädchen wohl aus Enttäuschung darüber wieder zurück. Viel mehr erfährt man nicht.

Anna Sofie Hartmann, Regisseurin von Limbo Foto: St. B.

Anna Sofie Hartmann, Regisseurin von Limbo
Foto: St. B.

Außer in den Schulstunden oder bei Kneipenbesuchen der Teenager wird in Anna Sofie Hartmanns Film eher wenig geredet. Persönliche Gespräche sind selten und oberflächlich, was eigentlich im krassen Gegensatz zum direkten Unterrichtsstil der Lehrerin steht. Es herrscht ein kühler, distanzierter Blick von außen auf die Figuren. Atmosphärisch assoziativ wirken dagegen die langen Kamerafahrten in der Natur oder die in einer Einstellung gedrehten Beobachtungen beim Sport. Ein Autounfall lässt die Situation schließlich völlig erstarren. Karen geht nach einigen Szenen des stummen Nachdenkens, schnell wieder zum Alltag über. Der mit fast ausschließlich Laien gedrehte Film wirkt wie eine kommentarlose Dokumentation über das Erwachsenwerden in der Provinz. Inspiration für den düsteren Titel Limbo (auch Limbus oder dt. Vorhölle) könnte das dänische Computergame gleichen Namens sein. Ein Suchspiel, bei dem Vorgeschichte, Handlung und Ausgang relativ ungewiss sind.

Tatsächlich eher ein Film für eingefleischte Cine-Cracks. Limbo erhielt den Preis des Verbandes der Deutschen Filmkritik. Aber auch die Spielfilmjury konnte sich für Anne Sofie Hartmann erwärmen und vergab an die Regisseurin eine lobende Erwähnung.

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LIMBO
D, DK 2014 | 80 Min | OmdU
Regie, Buch: Anna Sofie Hartmann
Kamera: Matilda Mester
Mit: Annika Nuka Matthiassen, Sofia Nolsø, Laura Gustavsen, Sarai Randzorff

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Die internationalen Berlin-Globetrotter kamen dann fast zum Schluss noch auf ihre Kosten. Mit Lost in the Living vom irischen Regisseur Robert Manson stand wieder mal ein rein in englischer Sprache gedrehter Berlinfilm im Achtung-Berlin-Programm. Und das sogar noch als einzige richtige Weltpremiere des Wettbewerbs. Es ist eine filmische Hommage an die Szenestadt Berlin, die jeden Tag tausende jugendlicher Traveller aus aller Welt anzieht, nachts in ihre heißen Clubs aufsaugt und am nächsten Morgen kalt wieder ausspuckt. Und so kommt der junge Dubliner Musiker Oisín (Tadgh Murphy) trotz sommerlichen Temperaturen auch im wärmenden Parka nach Berlin, um mit seiner Band hier ein paar Gigs zu spielen. Da das irgendwie schief läuft, findet sich Oisín plötzlich allein in der nächtlichen Berliner Clubszene wieder und wird schließlich von Sabine (Almanya – Willkommen in Deutschland-Star Aylin Tezel) aufgegabelt und abgeschleppt.

Lost in the Living © Ballyrogan Films

Lost in the LivingFoto © Ballyrogan Films

Mit sich rum schleppt der herrlich stoffelige Oisín allerdings auch einiges an familiären Ballast, den er bei ein paar durchzechten Partynächten eigentlich abstreifen wollte. Mit Sabine scheint ihm das zunächst auch ganz gut zu gelingen. Die beiden finden schließlich aneinander Gefallen und verabreden sich immer wieder lose in den Parks oder Cafés der Stadt, ziehen durch Clubs und Wohnungen, und es dauert auch ein wenig, bis es dann endlich richtig funkt. Sogar einen kleinen Trip zu Sabines Mutter (Adelheid Kleineidam) ins Berliner Umland machen die beiden, bis Sabine sich unter Tränen wieder von Oisín trennt. Selbst dabei schaut man dem flüchtigen Paar noch gerne zu, bevor der enttäuschte Oisín zur finalen nächtlichen Sauftour mit Liquid-Ecstasy-Absturz im Golden Gate aufbricht. Robert Manson gelingt eine ganz eigene Sicht auf die Szenestadt Berlin auch fernab ihrer coolen Party-Locations, sowie ein schönes Portrait eines jungen Paars mit dem vielleicht sympathischsten Silberblick der Filmgeschichte. Dafür vergab die Wettbewerbsjury dann auch den Preis für die beste Regie.

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LOST IN THE LIVING
IRL 2015 | 77 min
Regie, Buch: Robert Manson
Kamera: Narayan Van Maele
Mit: Aylin Tezel, Tadgh Murphy, Ian Mc Farlane, Roy Duffy, Ruan van Vliet, Stefan Richter, Jamila Saab, Adelheid Kleineidam

Tom Sommerlatte und Team Im Sommer... mit der Jury_St. Bock

Siegerbild mit Jury. Tom Sommerlatte und das Team von
Im Sommer wohnt er untenFoto: St. B.

Alle weiteren Preisträger und Infos auf: http://achtungberlin.de/home/

Die Filmkritiken sind zuerst erschienen am 20.04. und am 24.04.2015 auf Kultura Extra.

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Müdigkeitsgesellschaft – Byung-Chul Han in Seoul / Berlin – Ein filmischer Essay von Isabella Gresser im Dokumentarfilm-Wettbewerb des 11. Achtung Berlin Filmfestivals 2015

Freitag, April 24th, 2015

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Ein besonderes cineastisches Häppchen, nicht nur wegen seiner leicht verdaulichen Länge von nur 61 Minuten, ist der dokumentarische Filmessay Müdigkeitsgesellschaft – Byung-Chul Han in Seoul / Berlin von der Medien- und bildenden Künstlerin Isabella Gresser. Sie hat den öffentlichkeitsscheuen koreanischen Philosophen Byung-Chul Han über einige Jahre begleitet und legt nun mit ihrem Dokumentarfilm ein erstes sehr persönliches Portrait des seit 30 Jahren in Deutschland lebenden Han und seiner philosophischen Denkweise vor. Keine Bange: Hans überaus freundliches Wesen und seine am konkreten Beispiel der koreanischen Wachstumsgesellschaft leicht verständlich dargelegten Theorien sind selbst für philosophische Laien recht gut nachvollziehbar, was ihnen nicht unbedingt den Anschein des Populären verleiht, auch wenn ihn sein neuer Verlag S. Fischer, zu dem Han vom kleinen Berliner Verlag Matthes & Seitz gewechselt ist, mittlerweile schon als „neuen Star der deutschen Philosophie“ anpreist.

Müdigkeitsgesellschaft - Byung-Chul Han in Seoul / Berlin - Foto (C) Isabella Gresser

Müdigkeitsgesellschaft – Byung-Chul Han in Seoul / Berlin
Foto (C) Isabella Gresser

Han kam 1980 nach Deutschland, um Metallurgie zu studieren. Sein Plan war aber immer das Studium der deutschen Literatur und Philosophie, das er mit einer Dissertation über Martin Heidegger in Freiburg abschloss. Sein Referenzphilosoph aber ist, wie er selbst bekennt, Friedrich Hegel – was im Film leider nicht näher ausgeführt wird. Mittlerweile lebt Han in Berlin und hält Vorlesungen in Kulturwissenschaften an der UdK. Isabella Gresser lässt zu Beginn in fast meditativen Schwarz-weiß-Bildern Han selbst in gewohnter Umgebung seines Schöneberger Kiezes aus seinem Leben erzählen. Dabei besucht er Lieblingsorte wie den nahegelegene Friedhof und den Trödelladen an der Ecke, eine „Festung gegen die Konsumgesellschaft“. Han liebt die Ruhe und Weite (oder besser gesagt:) die Leere des Raums als meditativen Inspirationsquell für die Philosophie und Kunst. Und nicht von ungefähr zieht der genaue Beobachter unserer Gesellschaft auch die Inspiration für seine Gedanken aus Werken von Walter Benjamin, Michael Ende oder Peter Handke.

Besonders Peter Handke, der das Drehbuch zu Wim Wenders Filmklassiker Himmel über Berlin schrieb, hat es Han angetan. So führt er uns zur bekannten Brücke aus dem Film in Schöneberg und liest Handkes Eingangsverse Lied über das Kindsein. Zum eigentlichen Kern von Hans Thesen über die moderne Gesellschaft kommt der Film dann bei einer Reise nach Südkorea. Die Kamera folgt dem Philosophen auf seinem Weg durch das winterliche Seoul. Die Menschen in der asiatischen Wachstumsmetropole scheinen einer permanenten Müdigkeit verfallen. Gresser, die auch für Kamera und Schnitt verantwortlich zeichnet, verschneidet Bilder der Seouler U-Bahn mit animierten Schlafenden. Die hochtechnisierte Welt fordert ihren Tribut. Das Projekt Freiheit, das die westliche Welt so geprägt hat, ist für Han gescheitert. „Der Exzess der individuellen Freiheit, erweist sich letztendlich als Exzess des Kapitals.“ 

Müdigkeitsgesellschaft - Byung-Chul Han in Seoul / Berlin - Foto (C) Isabella Gresser

Müdigkeitsgesellschaft – Byung-Chul Han in Seoul / Berlin
Foto (C) Isabella Gresser

Das positive „Yes, we can!“ ist vielen schon zum Verhängnis geworden. Südkorea besitzt die größte Selbstmordrate der Welt. Psychische Krankheiten wie Depression und Burnout sind auf dem Vormarsch. Han referiert über die suggerierte Freiwilligkeit und das ewige Können der Leistungsgesellschaft, das bald mehr und mehr Zwänge zur ständigen Selbstoptimierung erzeugt. Man wähnt sich zwar anfänglich frei, beutet sich aber in Wirklichkeit freiwillig und leidenschaftlich aus, bis man zusammenbricht. Auch hier geht Han zu einer Brücke, an deren Geländer elektronische Spruchbänder mit positiven Botschaften die Lebensmüden vom Sprung abhalten sollen. Sogenannte Selbstmordseminare schießen in Seoul wie Pilze aus dem Boden. Han spricht mit Kunstschaffenden, liest auf Kongressen aus seinem Buch Die Transparente Gesellschaft und besucht buddhistische Klöster.

Isabella Gresser_Regisseurin von Müdigkeitsgesellschaft_St. Bock

Isabella Gresser bei der Preisverleihung
Foto: St. B.

Den Ausweg aus der „aporetischen Sackgasse“ der neoliberalen Effizienzlogik sieht Han aber nicht einfach nur in der Entschleunigung oder rein taoistischen Philosophieansätzen, sondern in einer freundlichen Müdigkeit. Das gelassene Nichtstun als Quelle neuer Inspiration. Grundlage dafür ist ihm Peter Handkes Essay Versuch über die Müdigkeit. „Die Inspiration der Müdigkeit sagt weniger, was zu tun ist, als was gelassen werden kann.“ Vorrangig meint das natürlich auch den exzessiven Gebrauch der digitalen Kommunikation. Viele haben sich wie Zombies ans Smartphone verkauft und sind mit ihm wie mit einem Körperteil verwachsen, berichtet Han. Was allerdings die wahren Verursacher der Probleme betrifft, da bleibt der Philosoph eher unbestimmt. So erscheint seine transzendente Heilskunde dann auch anfällig für jede Art von Esoterik, die in Westeuropa immer wieder erfolgreich den Blick auf das Wesentliche versperrt. Einer Kritik Hans enthält sich dieses sonst sehr aufschlussreiche Portrait aber völlig.

Auch geht der Film nicht mehr auf seine neuesten Schriften wie etwa Im Schwarm – Ansichten des Digitalen oder Psychopolitik ein, die einen weiteren Bogen von der digitalen Welt zurück in die analoge, z.B. die des Schriftstellers Botho Strauß, schlagen, der sich eher konservativ dem Schwarm des allgemeinen Meinungsgeraunes entzieht und recht elitär vom wissenden „Idioten“ spricht. Philosophie ist für Han aber nicht nur als Orientierungshilfe wie die eines Ratgebers zu verstehen, man muss schon genauer zuhören und selbst weiterdenken. In der Kunst (besonders der darstellenden im Theater) werden Hans Theorien aber bereits rege rezipiert. Am Ende führt der Film zurück nach Berlin auf das weite Tempelhofer Feld, das sich wie ein Tempel der Leere und Stille dem Kommerz entzieht. Ein großes Potential der Hoffnung inmitten der Stadt. Das war dann auch Grund genug für die Ökumenische Jury des ACHTUNG BERLIN-Festivals, dem Film ihren Preis zu verleihen.

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MÜDIGKEITSGESELLSCHAFT – BYUNG-CHUL HAN IN SEOUL / BERLIN
AB-LogoD 2015 | 61 Min
Regie: Isabella Gresser
Kamera: Isabella Gresser
Schnitt: Isabella Gresser
Produzentin: Isabella Gresser
Produktion: ISOLA Bella Production

Infos: http://achtungberlin.de/home/
http://www.isabellagresser.com/video.html

Zuerst erschienen am 23.04.2015 auf Kultura-Extra.

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