Archive for the ‘Achtung Berlin 2016’ Category

Genre- und Experimentalfilme beim 12. Achtung Berlin Filmfestival 2016

Montag, April 25th, 2016

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achtung-berlin-logo-2016Auch zwei vorab schon viel gelobte Genrefilme im Spielfilm-Wettbewerb des 12. achtung berlin-Filmfestivals haben ungewöhnliche Frauenfiguren im Fokus.

Da wäre zunächst der Langspielfilm Der Nachtmahr des Regisseurs und bildenden Künstlers Achim Bornhak (Das wilde Leben), der nun neu unter dem Pseudonym AKIZ firmiert. Ohne Förderung mit nur 80.000 Euro Budget und eigener Produktionsfirma OOO-Films hat er einen kleinen Horrorfilm inszeniert, der sich ähnlich der absurden Groteske Der Bunker von Nikias Chryssos nicht ins übliche Schema pressen lässt. Regisseur AKIZ spielt dabei mit vielerlei kunsthistorischen Anleihen und filmischen Vorbildern, die vom Maler Johann Füssli, von dessen Gemälde Der Nachtmahr sich der Film den Titel leiht, über die Psychoanalyse von Sigmund Freud bis zu Filmregisseuren der Neuzeit wie Steven Spielberg oder David Lynch reichen. Der 1969 geborene AKIZ ist da ganz Kind der 1980er und 90er Jahre, was sich auch in seinem Fabel für Street-Art und Techno-Musik zeigt. Als echter Gimmick ist die Ex-Bassistin der Kult-Band Sonic Youth Kim Gordon als Englischlehrerin besetzt, in deren Unterricht Gedichte des düsteren Romantikers William Blake gelesen werden.

Durchaus zeitgemäß ist aber die eigentliche Story des Films, bei der die 17jährige Tina (Carolyn Genzkow) mit ihren Freundinnen von einer schrillen, wummernden Techno-Party zur nächsten zieht. Der Film arbeitet mit ordentlich Stroboskoplicht und binauralen Beats, die sich stimulierend aufs Hirn legen sollen. Das ist schon echt Hardcore. Es machen Selfies und skurrile Handy-Videos die Runde, Alkohol wird konsumiert und so manch andere Substanz. Das allein wäre schon genug für eine handfeste Psychose. Die wachsende Paranoia der jungen Filmheldin hat aber einen ganz realen Grund, den zunächst nur sie selbst sehen kann und deswegen von den hilflosen Eltern (Julia Jenkins und Arnd Klawitter) zum Psychologen geschickt und von ihrer Clique für verrückt erklärt wird.

 

DER NACHTMAHR - Foto (c) achtung berlin

DER NACHTMAHRFoto (c) achtung berlin

 

Der titelgebende Nachtmahr, der sich in der heimischen Küche und Tinas Kinderzimmer zu schaffen macht, ist ein gnomartiges Wesen zwischen ET und einer Missgeburt in Spiritus aus der Anatomischen Sammlung. AKIZ hat es schon vor der ersten Filmidee modelliert und die Geschichte drum herum nach und nach entworfen. Tina muss nun zum Psychologen (Alexander Scheer), der ihr Tabletten verschreibt und rät die Kreatur in ihren vermeintlichen Albträumen doch einfach anzusprechen oder zu berühren. Der handfeste Beweis der Echtheit zeigt sich dann in Handlungen, die der Nachtmahr vollzieht und die sich wie Selbstverletzungen am Körper Tinas manifestieren.

Zwischen den beiden entwickelt sich eine geistige, fast symbiotische Beziehung. Regisseur AKIZ verarbeitet im Film eigene Nahtoterfahrungen, Teenagerprobleme wie Liebeskummer, Bulimie oder ungewollte Schwangerschaften genauso wie psychologische Projektionen des Unterbewusstseins. Damit hält er den nach Erklärungen suchenden Zuschauer geschickt in einer dauerhaften Spannung. Echt skurril wird es nochmal, wenn der von der Polizei eingefangene Nachtmahr tatsächlich wie ET im Krankenhaus an Drähten hängt. Neben Horrorfilm und Psychothriller ist Der Nachtmahr aber auch eine ganz klassische Coming-of-Age-Geschichte, in der sich die Protagonistin von ihren Ängsten löst und lernt zu sich selbst und ihrem Körper zu stehen.

Der Film hat auf dem Festival den Preis des Verbands der deutschen Filmkritik (VdFk) erhalten und startet bereits am 26. Mai in den deutschen Kinos.

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DER NACHTMAHR
Regie und Buch: AKIZ
Kamera: Clemens Baumeister, Alex Bloom
Mit: Carolyn Genzkow, Kim Gordon, Julia Jenkins, Arnd Klawitter, Alexander Scheer, Wilson Gonzales Ochsenknecht, Sina Tkotsch, Michael Epp, Lynn Femme, Til Schindler, Uwe Preuss, Hagen Stoll

Infos: http://der-nachtmahr.com/

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Bereits mit einem First Step Award für den Kameramann Johannes Waltermann ging der Diplomfilm After Spring Comes Fall von Daniel Carsenty in den Spielfilmwettbewerb. Nun ist noch der Preis für die Beste Produktion beim achtung berlin-Filmfestival hinzugekommen. Während die Dokumentation Research Refugees Kommentare zur allgemeinen Lage von Flüchtenden in Europa abgibt, behandelt Carsentys Film einen ganz konkreten Fall von Flucht und Verfolgung, bei dem der syrische Bürgerkrieg die vor ihm geflohene Mina (Halima Ilter) in Deutschland wieder einholt. Auch Carsenty begann zunächst einen Dokumentarfilm über einen geflüchteten Syrer in Deutschland zu drehen, der vom syrischen Geheimdienst bedrängt wurde. Um seinen Protagonisten zu schützen, hat sich der Regisseur entschlossen, die recherchierten Fakten zu fiktionalisieren.

 

 © Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF

After Spring Comes FallFoto (c) Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF

 

Es beginnt in Damaskus (wofür im Film ein Set in Potsdam-Babelsberg gebaut wurde) mit einer leidenschaftlichen Romanze zwischen Mina und ihrem Geliebten Khaled (Murad Seven), die abrupt durch Schüsse eines Snipers unterbrochen wird. Mina flüchtet nach Berlin und muss Khaled in einem Krankenhaus in Damaskus zurücklassen. Hier lebt sie illegal allein in einem Kreuzberger Apartment. Die Kamera beobachtet sie lange beim Weg zur Arbeit in einer Wäscherei, beim Telefonieren mit dem Geliebten und beim Geldschicken nach Daheim. Mina ist einsam und hat das Gefühl verfolgt zu werden. Die Paranoia ist nicht unbegründet, denn eines Morgens sitzen drei Männer vom syrischen Geheimdienst an ihrem Bett. Sie haben den Weg des Geldes verfolgt.

Mina wird nun mit Drohungen und Foltermethoden zur Mitarbeit für den Geheimdienst in Berlin gezwungen. Sie gibt sich als Journalistin aus und interviewt den syrischen Oppositionellen Mansour (Asad Schwarz), der Professor an der Humboldt-Uni ist und wiederum Beziehungen zu anderen Oppositionellen unterhält. Mina begleite ihn auf Demos und macht Fotos. Ihr Führungsoffizier Abbas (Tamer Yigit) und seine Männer sind zynische Befehlsempfänger, die einfach ihren Job machen, um das marode Assad-Regime am Leben zu halten, an das sie selbst kaum noch glauben. Nicht nur die Schergen, auch die Beamten in der Flüchtlingsaufnahmestelle, in die Mina kurz nach einem Zusammenbruch eingeliefert wird, oder der Schichtleiter der Wäscherei, der sie kurzerhand feuert, überall wo Mina hinkommt, handeln alle mit blankem Zynismus und Gleichgültigkeit.

Daniel Carsenty zeigt ein graues, unwirtliches Berlin, wie man es seit den 1980er Jahren in kleinen, dreckigen Agentenfilmchen wie Der Westen leuchtet! nicht mehr gesehen hat. Der kalte Krieg, der auch autoritäre Systeme wie das syrische geschaffen und gestützt hat, wirkt nun zurück bis in unsere freie Welt, die für die aus den Krisengebieten vor den Restriktionen Geflüchteten wieder zur Falle wird. Der Film schwankt zwischen Agententhriller und persönlichem Martyrium einer Frau, die aus Angst um ihre Liebe handelt und keinen Ausweg aus der Gewaltspirale sieht. Das ist sicher nicht so spektakulär gefilmt wie die gerade im deutschen TV laufende Berlin-Staffel von Homeland, aber ein trauriger Film Noir unserer Tage mit düster-jazzigen Klängen, glaubhaft inszeniert und gut gespielt.

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After Spring Comes Fall (D, 2015), 92 Min.
Regie und Drehbuch: Daniel Carsenty
Kamera: Johannes Waltermann
Mit: Halima Ilter, Tamer Yigit, Asad Schwarz, Murad Seven, Raschid Daniel Sidgi, Marc Philipps

Infos: http://www.filmuniversitaet.de/de/filmeprojekte/filme/detail/kafkanistan/1/0.html

Zuerst erschienen am 22.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Abseits des Spielfilmwettbewerbs in der Sektion „Berlin Highlights“ hatte im kleinen Kino 5 des Filmtheaters am Friedrichshain die kleine filmische Meditation Fideliche ihre Weltpremiere. So nennt zumindest der in Berlin lebende russische Filmregisseur, Theatermacher, Schauspieler und Musiker Alexey Shipenko sein neuestes Werk. Er hat es gemeinsam mit dem Schauspieler Stipe Erceg produziert, der auch eine der Hauptrollen übernahm. Gedreht wurde in Indien und Portugal, was nun nicht gerade Berlin-Bezüge vermuten lässt. Es geht auch eher um ein Gedankenspiel, das sich um den 9. Oktober 1967 dreht und ebenso geschickt im Filmtitel versteckt ist.

 

Fideliche_- Foto (c) Nondual Productions

FidelicheFoto (c) Nondual Productions

 

Vermutlich haben sich Shipenko und Freunde nach Dreharbeiten zu anderen Projekten in Indien bei einem guten Joint gedacht, man müsste mal was zum zufälligen Zusammentreffen des 27. Geburtstags von John Lennon und dem Tag der Exekution Che Guevaras im bolivianischen Urwald machen. John Lennon hielt sich zu dieser Zeit mit Yoko Ono und den Beatles in Indien beim Guru Maharishi Mahesh Yogi auf und schrieb neben der Mediation die Songs zum Weißen Album der Beatles. Wenn man sich so die Bilder von damals ansieht, wirkt der hagere, langhaarige Lennon ein wenig wie die Reinkarnation von Jesus Christus. Später schreibt er mit Yoko Ono Happy Xmas (War ist over).

Nachdem der lateinamerikanische Befreiungskampf nach dem Tod Che Guevaras beendet war, wurde Che zur bekannten Ikone, die ebenso an Jesus erinnert und die Hoffnung auf die Auferstehung der Revolution in sich trägt. Ob das nun genau die Intensionen Shipenkos waren, lässt sich nicht genau aus dem Gezeigten eruieren. Möglich wäre es schon. Zumindest wird auf zwei Ebenen in einer portugiesischen Theatergarderobe in spanischer Sprache viel über die Revolution sinniert und in einem indischen Landhaus über Jesus und das Leben an sich. Dazu treffen in besagtem Theater ein Fidel-Castro-Darsteller (Rui Madeira) und ein Toter in Militäruniform (Carlos Feio) aufeinander. Während Fidel revolutionäre Reden vor leeren Rängen schwingt, wäscht sich Che den Dreck des bolivianischen Dschungels vom Körper und raucht genüsslich eine letzte Zigarre.

Als Reinkarnation in dreifacher Hinsicht dürfte sich die Figur Stipe Ercegs, ein Musiker, der mit japanischer Freundin (Fumie Kimura) und Kind Ferien auf dem indischen Land macht, fühlen. Er schwingt sich aufs Motorrad und fährt – wie Jesus einst in die Wüste -in den indischen Dschungel und macht sich dort seinen eigenen brennenden Dornbusch als Zeichen der Auferstehung. Dazu hören wir noch den Working Class Hero von John Lennon und erfahren von einem lächelnden Rastafari (Pranaji Bindoobaba), dass Ringo Star the King und Paul McCartney the Queen of Clubs ist. Auch Lennon wurde 1980 erschossen und ist zur Pop-Ikone auferstanden. So weit, so gut und in unserer kurzlebigen Zeit der TV-Stars und Sternchen ein paar Gedanken wert. Aber ob sich dafür ein Kinopublikum finden lässt?

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Fideliche
Regie und Buch: Alexey Shipenko
Kamera: Christian Thiem
Mit: Stipe Erceg, Rui Madeira, Fumie Kimura, Carlos Feio, Shion Kimura Jones, Frederico Bustorff, Pranaji Bindoobaba

Infos: http://nondual-productions.org/de/projekte/fideliche/

Fazit Teil 1

Weiter Infos: https://achtungberlin.de/

Zuerst erschienen am 22.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Junge Filmemacherinnen und neue Frauenfiguren im Spielfilmwettbewerb des 12. Achtung Berlin Filmfestivals 2016

Sonntag, April 24th, 2016

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achtung berlin_plakatIn sieben von zwölf Filmen des diesjährigen achtung berlin-Spielfilmwettbewerbs stünden Frauen im Mittelpunkt, rühmte sich das Festival zu Beginn. Das Thema „Neue Frauenfiguren“ war den Machern dann sogar ein eigenes Gesprächspanel wert, bei dem die bereits seit einigen Jahren spürbare Hinwendung zu Frauen im Film diskutiert werden sollte. Schaut man aber auf den Anteil von Regisseurinnen im Wettbewerb, sieht die Sache allerdings schon wieder etwas anders aus. Mit Bernadette Knoller, Leonie Krippendorff, Linnea Saasen (in Coworking mit Regie-Kollegen Alex Holdridge), Mia Maariel Meyer und Nicolette Krebitz (mit Wild außer Konkurrenz) waren ganze fünf Filmfrauen im Wettbewerb vertreten. Und so ist zwar eine gehobene Frauenquote feststellbar, ebenso bemerkenswert war aber auch der hohe Anteil von Debüt- und Diplomfilmen.

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Treppe Aufwärts_FilmplakatMia Maariel Meyer hat in ihrem Spielfilmdebut Treppe aufwärts sogar eine reine Männerriege am Start. Taxifahrer Adam (Hanno Kofler) manipuliert nachts Spielautomaten, um die hohen Schulden seines spielsüchtigen und mittlerweile dementen Vaters (Ex-Falkenau-Förster Christian Wolff) abzubezahlen. Eine im wahrsten Sinne des Wortes reine Männerwirtschaft, zu der sich noch Adams 16jähriger Sohn Ben (Matti Schmidt-Schaller) gesellt, der von seiner Mutter ausgerissen ist und einfach beim getrennt lebenden Vater einzieht. Statt wieder in die Schule zu gehen, gerät Ben unter den Einfluss des zwielichtigen Bardo (Patrick Wollf), der ihn zum Geldeintreiben bei säumigen Spielern schickt. Da es Adam wegen seines Geheimnisses nicht gelingt, Ben ein gutes Beispiel für die Zukunft zu geben, droht die Situation bald schon zu eskalieren. Ein ruhig gefilmtes aber dennoch eindrucksvolles und spannendes Generationenportrait, das schon in dieser Woche in die Kinos kommt.

Von Frauen aus drei Generationen erzählt Regisseurin Leonie Krippendorff in Looping. Der Titel ihres Diplomfilms ist durchaus doppeldeutig. Die 19jährige Leila (Jella Haase aus Fack ju Göhte) lebt als Rummelkind zwischen Auto-Scooter und Zuckerwatte und wird durch die heimliche Liebe zu ihrer Freundin Sarah (Luisa-Céline Gaffron) und einer Vergewaltigung psychisch aus der Bahn geworfen. In der Psychiatrie trifft sie auf die 35jährige verheiratete Mutter Frenja (Lana Cooper aus Love Steaks) und die alleinstehende 52jährige Ann (Marie-Lou Sellem), deren Probleme sich in Essstörungen und Beziehungsunfähigkeit äußern. Durch gemeinsame Aktivitäten finden die drei Frauen langsam wieder zu sich. Das ist gut gespielt, einfühlsam und nicht ohne Witz inszeniert. Lana Cooper konnte „durch ihr unaufgeregtes Spiel“ den Preis für die Beste Schauspielerin einheimsen.

 

LOOPING_Foto © Salzgeber & Co. Medien GmbH

LOOPINGFoto © Salzgeber & Co. Medien GmbH

 

Auffallend mental krisengeschüttelt sind auch die Frauenfiguren in den Filmen Lotte von Julius Schultheiß, Luka tanzt leise von Philipp Eichholtz und Ferien von Bernadette Knoller. Wobei in allen drei Filmen nicht so sehr viel Zeit auf das Warum verwendet wird, sondern eher auf die langsame Entwicklung der Figuren.

Lotte (Karin Hanczewski) ist so etwa Anfang/Mitte dreißig, ziemlich flapsig und pflegt einen sehr lockeren Lebensstil mit nächtlichen Unternehmungen, reichlich Alkohol und hin und wieder Drogen. Obwohl es ihr als Krankenschwester nicht an Empathie zu Menschen in Not fehlt, halten ihre privaten Beziehungen meist nicht lang, und sie ist stets auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Nach 15 Jahren begegnen ihr plötzlich zuerst ihr kopfverletzter Ex-Freund (Paul Matzke) aus dem Heimatort und dann im Krankenhaus auch noch die verunfallte Tochter Greta (Zita Aretz), die sie damals beim Weggang nach Berlin zurückgelassen hatte. Greta hängt sich nun an ihre wiedergefundene Mutter, die damit zunächst überhaupt nicht klar kommt und weiter die Coole gibt. So entsteht nach und nach ein doch eher kumpelhafter Umgang, der sich in Discobesuchen und dem Erlernen von Rauchen, Saufen, Rülpsen erschöpft. Das wirkt mitunter merkwürdig, ist aber nur die konsequente Umkehr der gewohnten Geschlechterrollen und was man gemeinhin unter mütterlicher Verantwortung versteht.

 

LOTTE - Foto (c) Martin Neumeyer

Karin Hanczewski als LOTTEFoto (c) Martin Neumeyer

 

Selbst als die Elternzusammenführung erwartungsgemäß genau an diesen gegenseitigen Vorwürfen scheitert, lässt Greta nicht locker und schreckt auch nicht vor einem Wetttrinken zurück, um die Mutter in Richtung Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – von der wie nie Näheres erfahren – zu drängen. Lotte weiß sich zu wehren und wirkt eigentlich nie unsympathisch dabei oder gar wirklich unglücklich. Wobei sie das in ihrer Art natürlich auch gut zu kaschieren weiß. Trotzdem fragt man sich mitunter, warum sie sich so unbedingt ändern sollte. Für die Spielfilmjury war das zumindest der überzeugendste Beitrag im Wettbewerb und den Hauptpreis für den besten Langspielfilm wert. Der zweite Hauptpreis hintereinander für Schauspielerin Karin Hanczewski nach Im Sommer wohnt er unten von Tom Sommerlatte im letzten Jahr, der (wie Lotte) zuvor schon auf der Berlinale lief.

Seinen zweiten Film im Wettbewerb des Festivals hat Philipp Eichholtz mit Luca tanzt leise. War die Sarah (Lilli Meinhard, die hier mal in einer kleinen Nebelrolle vorbeirennt) aus Liebe mich! ziemlich flippig und laut, so ist die Luca der Martina Schöne-Radunski umso leiser und eher melancholisch veranlagt. Das liegt daran, dass Luca eine etwas längere dunkle Phase in ihrem Leben hinter sich hat. Nun macht die 25jährige ihr Abitur nach und will dann ein Praktikum bei der Tierärztin beginnen, zu der sie mit ihrer Hündin Martha geht. Das Kümmern um Martha gibt der jungen Frau Struktur für ihr Leben, das durch den zur Gewalt neigenden Ex-Freund (Sebastian Fräsdorf) immer wieder aus der Bahn gerät. Durch Mutti, die auch noch die Englischlehrerin ist, gegängelt und „Von Oma gefördert“ (die typische Eichholtz-Finanzierung), ringt die junge Frau um ihre Selbstbestimmung. Der Deal mit dem älteren Automechaniker Herrn Pfeiffer (Hans-Heinrich Hardt), durch gemeinsames Lernen die Prüfungen zu schaffen, gerät durch eine erneute Depri-Phase Lucas in Gefahr.

 

Luca tanzt leise - Foto (c) von Oma gefördert

Luca tanzt leiseFoto (c) von Oma gefördert

 

Philipp Eichholtz hat eine weitere kleine Improvisation nach dem „Sehr gute Filme“-Manifest von Axel Ranisch vorgelegt, die eine junge Frau bei der Selbstfindung zeigt. Trotz der sympathisch agierenden Hauptdarstellerin krankt der Film ein wenig an seiner bewusst ausgestellten, fast schon dokumentarischen Schlichtheit. Die plötzliche Dramatik reißt zwar die Protagonistin aus ihrer Lethargie, den Film aber auch etwas aus dem Fluss. Die Probleme lösen sich am Ende etwas zu schnell in Wohlgefallen auf. Das kann nicht wirklich überzeugen.

Als Komödie kommt der Erstling von Bernadette Knoller, Ferien, daher. Die an sich zweifelnde junge Staatsanwältin Vivian (Britta Hamelstein) verlässt Job, Freund (Golo Euler) und neu eingerichtete Wohnung, um sich auf der „Insel der Träume“ Borkum eine Auszeit zu nehmen. Was mit Heul- und Wutattacken wie ein Post-Examens-Burn-Out daherkommt, ist eine veritable Lebenskrise, womit sie auf der Insel nicht ganz alleine ist. Hier hat so ziemlich jeder einen kleinen, sympathischen Sockenschuss. Vivi zieht bei der etwas schrägen, alleinerziehenden Biene (Inga Busch) ein, die sich nach gescheitertem Bastelkurs mal wieder neuerfinden will. Mit deren Sohn Eric (Jerome Hirthammer), der ohne echten Anschluss ist, anleingelassen, muss sich Vivi sofort wieder behaupten. Was sie dann trotz ständiger Bevormundung durch ihren hyperaktiven Vater (Detlev Buck, Vater der Regisseurin) auch relativ relaxt mit einem Job im Kramladen des herrlich verhuschten Otto Mukitz (Ferdinand von Schirach) angeht. Der Film ist gut und witzig in Szene gesetzt und zudem noch bis in die Nebenrollen ausgezeichnet besetzt. Das Berliner Nachwuchstalent Jerome Hirthammer bekam für seine Rolle des 13jährigen Eric den Preis für den Besten Schauspieler zuerkannt.

 

FERIEN - Foto (c) Nicolai Mehring

FERIENFoto (c) Nicolai Mehring

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Weiter Infos: https://achtungberlin.de/programm0/madeinberlinbrandenburg0/spielfilme/

Fortsetzung folgt

Zuerst erschienen am 22.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Research Refugees – Fluchtrecherchen – Ein gelungener aktuell-politischer Beitrag im Dokumentarfilm-Wettbewerb des Achtung Berlin Filmfestivals

Freitag, April 22nd, 2016

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achtung berlin_plakatKaum eine Kunstgattung kommt heute noch an der uns umgebenden Realität vorbei. Die Verarbeitung aktuell-politischer Themen wie Krieg, Flucht und Vertreibung in der bildenden und darstellenden Kunst gewinnt vor allem nach dem Beginn des Bürgerkriegs in Syrien immer mehr an Bedeutung. Vor allem das Genre des Dokumentarfilms eignet sich hier, möglichst schnell und direkt vor Ort auf die Ereignisse zu reagieren. Beweis dafür ist nicht nur der Goldene Bär für die Flüchtlings-Doku Fuocoammare auf der diesjährigen Berlinale. Auch auf anderen Filmfestivals ist der vermehrte Einbruch des realen Weltgeschehens in die Filmkunst zu verzeichnen.

So haben Studierende der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf und der Bauhaus Universität Weimar 2015 begonnen, in einem von Michael Klier betreuten Projekt die Flüchtlingsbewegungen in Europa aus verschiedenen Perspektiven filmisch einzufangen. Das Ergebnis hatte am vergangenen Sonntag im Rahmen des Dokumentarfilm-Wettbewerbs beim 12. achtung berlin-Filmfestival im Kino Babylon Weltpremiere. Herausgekommen sind elf filmische Skizzen zusammengefasst in einer 98minütigen Dokumentation mit dem Titel Research Refugees – Fluchtrecherchen.

Es beginnt mit einer essayistischen Betrachtung über den Zufall von Ort und Zeit, bei der die in der Schweiz geborene Regisseurin Thaïs Odermatt ihre eigene Biografie und die Geschichte der Schweiz vom Franzoseneinfall zweihundert Jahre bzw. den Hungersnöten und Auswanderungen ungefähr einhundert Jahre vor ihrer Geburt mit dem Schicksal heutiger Flüchtlingskinder verbindet. Einleuchtendes Fazit: Kriege und Flucht sind kein Zufall, wo und wann man geboren ist schon.

Auch der Film Wegweiser von Laura Laabs verwebt geschickt europäische Geschichte an den Grenzen von Österreich und Deutschland mit der jüdischen Familiengeschichte der Regisseurin. In einer sehr poetischen Sprache und mit entsprechenden Bildern geht es von Braunau, dem Geburtsort Hitlers, über Bayreuth, der Weihestätte für Wagner, bis zu einem Runengrenzstein in Jamel im Norden Deutschlands. Als Beispiel für Flucht und eine gelungene Integration zeigt Laura Laabs die Erlebnisse ihrer jüdischen Verwandten, die aus Breslau fliehen mussten und nach dem Krieg im bayrischen Trostberg in einem Bauerngehöft unterkamen, mit deren Bewohnern ihr altes Geschäft wieder aufgebaut haben. Auch eine Chance für Deutschland heute. Nur will keiner die Flüchtenden haben, die wie die drei Könige aus dem Morgenland in goldene Kältedecken gehüllt, auf ein Zeichen warten.

 

Research Refugees - Fluchtrecherchen - (c) Carlos Vasquez

Research Refugees – Fluchtrecherchen  (c) Carlos Vasquez

 

Der Beitrag Police Woman & Dragon Rider von Duc Ngo Ngoc porträtiert Helfer und Betroffene vor dem LAGeSo in der Berliner Turmstraße, das in der letzten Zeit für etliche Negativschlagzeilen (die Versorgung der Flüchtenden betreffend) gesorgt hat. Die Mutter des 5jährigen Fabian und andere freiwillige Helfer sorgen hier vor Ort für die Verteilung von Kleidung und anderen Sachspenden. Der Film betrachtet das durch die Augen von Fabian und der 12jährigen Jaqueline aus Syrien und hält dabei Träume und Wünsche der Kinder für ihre Zukunft fest.

Fast ohne Sprache kommt der Beitrag Autum Songs von Valérie Anex aus. Der Film zeigt die Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft in der Luise-und-Wilhelm-Teske-Schule in Berlin-Schöneberg bei ihren täglichen Verrichtungen und dem Singen von Liedern aus ihrer Heimat. Mittlerweile mussten die Geflüchteten wieder aus der Schule ausziehen, da sie für die Eröffnung eines Bildungszentrums umgebaut werden soll. Der Film Kurzaufenthalt von Felix Pauschinger thematisiert das mit Bildern von Protesten vor der Schule und den leeren Räumen danach. Auf ironische Weise legt der Beitrag Meinungsaustausch von Sophia Bösch und Sophie Linnenbaum O-Töne mit deutschen Ängsten, Vorurteilen und Klischees über Fremde den betroffenen Flüchtlingen in den Mund.

 

Research Refugees - Fluchtrecherchen - (c) Janine Paetzold

Research Refugees – Fluchtrecherchen  (c) Janine Paetzold

 

Weitere Beiträge beschäftigen sich auch mit den Fluchtwegen und den Geschehnissen in den europäischen Erstankunftsländern. So etwa Griechenland, wo junge Senegalesen am Strand Souvenirs verkaufen müssen und von ihrer Zukunft in Europa träumen (Nordwärts von Therese Koppe) oder Flüchtende an einem Grenzimbiss und einer Akkuladestation (Regie: Christoph Eder und Jonas Eisenschmidt) gefilmt werden. 0,5 m² von Tobias Wilhelm zeigt das Leben der Angekommenen in einem Flüchtlingsheim für christliche Männer in Deutschland.

Ganz vom Dokumentarischen weg bewegen sich nur zwei der filmischen Beiträge. In Umut schwimmt eine muslimische Frau auf einer Europalette übers Meer und landet erst in einem idyllisch menschenverlassenen Olivenhain, bevor die Reise an einem überfüllten Touristenstrand endet. Der Schlussfilm Veto zeigt ironisch eine Festival-Kommission, die sich über der Auswahl passender Dokumentarfilmbeiträge zur Flüchtlingssituation in die Haare bekommt und dabei sämtliche bekannte Exoten-Klischees durchdekliniert. Eine ratlose Veranstaltung, der es nach dem vorher Gezeigten eigentlich nicht mehr bedarf. Also Licht aus und Spot an für zukünftige Fluchtrecherchen.

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Fluchtrecherchen_FilmposterResearch Refugees – Fluchtrecherchen
Dokumentarfilm (D 2016) 98 Min, OmeU
Regie: Laura Laabs, Duc Ngo Ngoc, Tobias Wilhelm, Natalia Sinelnikova, Sophia Bösch, Sophie Linnenbaum, Christoph Eder, Therese Koppe, Thaïs Odermatt, Felix Pauschinger, Jonas Eisenschmidt, Valérie Anex, Baturay Ertas
Kamera: Omri Aloni, Christoph Eder, Jonas Eisenschmidt, David-Simon Groß, Therese Koppe, Lilian Nix, Felix Pauschinger, Janine Pätzold, David Schittek, Domenik Schuster, Carlos Vasques
Schnitt: Valérie Anex, Christoph Eder, Jonas Eisenschmidt, Emma Gräf, Andrea Herda-Muñoz, Friederike Hohmuth, Therese Koppe, Lena Köhler, Thais Odermatt, Felix Pauschinger, Laura Sabogal Espinel, Tobias Wilhelm, Martin Wunschick
Musik: Franziska Henke

Infos: https://achtungberlin.de

Zuerst erschienen am 20.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Ausbruch mit Wolf – Wild, der neue Film von Nicolette Krebitz mit einer bemerkenswerten Lilith Stangenberg in der Hauptrolle

Montag, April 18th, 2016

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WILD_PlakatDie Schauspielerin und Regisseurin Nicolette Krebitz hat ihren dritten Spielfilm Wild nicht auf der Berlinale sondern beim renommierten Sundance Film Festival für internationale unabhängige Produktionen gezeigt. Der Film hat dort für einiges Aufsehen gesorgt und war nun parallel zum deutschen Kinostart als Gast im Wettbewerb des diesjährigen achtung berlin-Festivals zu sehen.

Wild handelt von der jungen Frau Ania, die sich nach der Begegnung mit einem Wolf aus ihren bisherigen Lebenszwängen befreit und zu einer selbstbestimmten Sexualität findet. In der Hauptrolle ist die bemerkenswert vielseitige Volksbühnenschauspielerin Lilith Stangenberg zu bewundern.

Ania ist die graue IT-Maus in einem äußerlich sterilen PR-Büro in Halle. Ihr Chef Boris (Georg Friedrich) wirft mit Bällen gegen die Bürotrennwand, wenn sie ihm einen Kaffee bringen soll. Die Kamera verfolgt Ania zunächst auf ihrem täglichen Weg zur Arbeit vorbei an stillgelegten Bahngleisen entlang eines verwilderten Parks in der Betonwüste Halle-Neustadts. Dort lebt sie allein, die Schwester ist zu ihrem Freund gezogen. Über den Flur befindet sich die Wohnung der Großeltern, um die sie sich kümmert, während der Großvater (Hermann Beyer) nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus liegt und schließlich stirbt. Auf einem geselligen Abend mit den Kollegen fühlt sich die stille Frau deplatziert. Einzige Freizeitunternehmung scheint der regelmäßige Gang zum Schießstand.

Das monotone Einerlei ihres Alltags ändert sich, als Ania am Rand des Wäldchens einen Wolf sieht. Man kann es schon im Leuchten ihrer Augen erkennen. Sie beginnt den Wolf zunächst mit einem riesigen Kottelet zu locken. Da er das Stück Fleisch verschmäht, kauft sie zwei lebendige Kaninchen und setzt diese aus. Als auch das fehlschlägt, erwacht in Ania der Jagdinstinkt. Dabei helfen ihr die Affinität zum Schießen und ein altes Buch des Großvaters über die sogenannte Lappjagd, bei der das Wildtier mit an Bäumen aufgefädelten Stofflappen in ein bestimmtes Gebiet getrieben wird.

 

Lilith Stangenberg im Film Wild von Nicolette Krebitz - (c) Heimatfilm

Lilith Stangenberg im Film Wild von Nicolette Krebitz
Foto (c) Heimatfilm

 

Ania vernachlässigt ihren Job und konzentriert sich voll auf die Jagd nach dem Wolf, bei der ihr drei Vietnamesinnen aus einer Lumpenfabrik helfen, in die sie wegen eines Kunden mit ihrem Chef gefahren war. Mit Fackeln und Blasrohr wird der Wolf schließlich gestellt und betäubt. Ania beginnt nun in ihrer Plattenbauwohnung mit dem die absolute Freiheit gewohnten Tier ein gefährliches Annäherungsspiel, das den Wolf in ihrer Fantasie sogar über ein Menstruationsrinnsal zwischen ihre Beine führt und dann beim gemeinsamen Eierfrühstück endet. Erst durch ein Loch in der Wand beobachtet, schlägt sich der Wolf schließlich zu ihr durch und beschnuppert seine Bezwingerin.

Je mehr sie den Wolf domestiziert, umso mehr beginnt auch die junge Frau selbst zu verwildern. Das zeigt sich u.a. im plötzlich aufmüpfigen Verhalten gegenüber ihrem Chef, der davon sichtlich irritiert ist und sich nun ebenfalls zu ihr hingezogen fühlt. Nach wildem Sex auf dem Bürotisch versagt Boris allerdings, da er nicht aus seiner angestammten Rolle findet. Ania hinterlässt ihre Marke auf dem Tisch und zündet das nach künstlichem Bodenbelag riechende Büro einfach an.

Der Ausbruch mit Wolf erst auf die Dächer über Halle-Neustadt und schließlich in die Wildnis eines verlassenen Tagebaus ist konsequenter Abschied aus der einengenden Zivilisation als Sinnbild des alten unfreien Lebens. Die Sehnsüchte und Wünsche dieser Frau lassen sich dabei nur schwerlich durch die Symbolik der Bilder oder gar durch Anleihen an Freud’sche Psychologiemodelle erklären. Das ist auch gut so. In dem sorgfältig fotografierten Film wirkt nichts aufgesetzt oder voyeuristisch. Es ist sogar Platz für eine leicht subtile Komik, die nie die Hauptfigur denunziert und jede Menge Platz für eigene Fantasien und Interpretationsmöglichkeiten lässt.

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WILD (D 2016), 97 Min.
Regie und Drehbuch: Nicolette Krebitz
Kamera: Reinhold Vorschneider
Schnitt: Bettina Böhler
Szenenbild: Sylvester Koziolek
Kostümbild: Tabassom Charaf
Darsteller: Lilith Stangenberg, Georg Friedrich, Silke Bodenbender, Saskia Rosendahl, Kotti Yun, Laurie Young, Pit Bukowski, Nelson und Cossa, Hermann Beyer
Eine Produktion von Heimatfilm in Koproduktion mit WDR, ARTE
Produzentin: Bettina Brokemper
Kinostart: 14. April 2016

Infos unter: http://www.heimatfilm.biz/?portfolio=wild&lang=de

Infos Festival unter: https://achtungberlin.de/

Zuerst erschienen am 16.04.2016 auf Kultura Extra.

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Freischwimmer am Nagel – Der 12. achtung berlin – new berlin film award wurde mit MANN IM SPAGAT – PACE, COWBOY von Timo Jacobs eröffnet

Sonntag, April 17th, 2016

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achtung berlin_plakat

(c) achtung berlin

Wie uns die Kino-Experten seit Jahren weiß machen wollen, steckt der deutsche Film tief in der Krise. Viel Grund zum Jammern, wie noch bei der Berlinale im Februar, haben Hajo Schäfer und Sebastian Brose, die beiden Leiter des achtung berlin-Filmfestivals, dessen 12. Ausgabe am vergangenen Donnerstag im Kino International eröffnet wurde, allerdings nicht. Spielt das Festival auch in einer anderen Liga, so hat es sich doch über die Jahre fest im Kalender der Berliner Filmenthusiasten etabliert. Und nun wird es nach dem letzten Jahr sogar noch etwas internationaler. Viele Filme des reichhaltigen Programms sind von Berliner Filmschaffenden mit verschiedenstem Migrationshintergrund, oder von RegisseurInnen, die gerade neu nach Berlin gezogen sind. Und was man internationalen Großfestivals voraus hat: Sieben der zwölf Filme im Spielfilm-Wettbewerb sind oder handeln von Frauen. Noch bis zum 20. April laufen die rund 80 Spiel-, Dokumentar-, Kurz- und mittellangen Filme in vier Berliner Kinos und den Neuen Kammerspielen in Kleinmachnow.

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Zum Auftakt des Wettbewerbs gab es aber einen echten Jungsfilm von Timo Jacobs zu sehen. Nach Klappe Cowboy! (2012) ist Mann im Spagat – Pace Cowboy, Pace die zweite Arbeit des Schauspielers und Regisseurs über sein Alter-Ego, den pfiffigen Berliner Lebenskünstler und BMX-Radler Cowboy. Entdecker von Timo Jacobs ist Kult-Regisseur Klaus Lemke, der sich bekanntlich seine DarstellerInnen immer direkt von der Straße castet. Mit Kein großes Ding war Lemke 2014 erstmals bei achtung berlinMann im Spagat deutlich anzumerken. Auch Cowboy (Timo Jacobs selbst) sprüht vor verrückter Ideen. Als praktizierender Freischwinger sowie Erfinder und Hersteller des dazu passenden esoterischen Wassers leitet er außerdem noch das Chapter Kreuzberg der „Agentur für Weltatem“.

Doch der Vertrieb des Freischwinger-Wassers stagniert ebenso wie die allgemeine finanzielle Lage Cowboys, der seine kranke Mutter (Dorothea Hagena) anstatt in den mondänen Seniorensitz „Soho Savoy Ritz“ mit Elvis-Hologramm-Show ins Altersheim für Briefmarkensammler und BVG-Mitarbeiter geben muss. Bisher hatte Cowboy sich mit Diensten in der Sado-Maso-Szene über Wasser gehalten, nun will er einen ökologisch nachhaltigen Fahrradkurierdienst gegen das stinkende Pendant des benachbarten Motorockers Tschick McQueen (herrlich finster Clemens Schick) und seiner Partnerin Angel (Hanni Bergesch) etablieren. Worauf diese den bösen Teufel vom Herrmannplatz (wie immer sehr diabolisch: Claude-Oliver Rudolph) aus der Flasche lassen.

 

Mann im Spagat_Foto -® Timo Jacobs Productions

Ein Cowboy für alle Fälle – Timo Jacobs als Mann im Spagat 
Foto (c) Timo Jacobs Productions

 

Außerdem schneit Cowboy noch die schöne Fey (DT-Schauspielerin Natalia Belitski) von der „Agentur für Weltatem“ ins Haus, die sein Unternehmen zwecks finanzieller Zuschüsse evaluieren soll, aber schnell Job mit Gefühl vermengt und gleich bei ihm einzieht. Mit einer Fahrrad-Rallye der schrägen Typen quer durch Berlin will Cowboy punkten und das nötige Personal für den Kurierdienst an den Start bringen. Die große Flucht nach vorn, die zunächst auf dem Berliner Pflaster landet.

Der Berliner Großstadtdschungel war schon immer Filmset, Spielwiese und Rennstrecke für Leute mit Kreativwahn und erhöhtem Hang zur Selbstdarstellung. Auch Timo Jacobs feiert das als Parade der unbeirrten Lebenskünstler und großspurigen Originale. Mann im Spagat ist dabei nicht nur als ironische Persiflage und komödiantische Farce angelegt, sondern auch als ein großes, filmisches Märchen über sympathische Verlierer, die wie Stehaufmännchen jeden Tag immer wieder am Start sind, ob es nun um die Kunst, Liebe oder den großen Weltfrieden geht.

Leider ist das inhaltlich auf Dauer doch etwas dünn und redundant. Zum großen Spaß taugt es allemal, und was das sicher mit viel Herzblut und Engagement entstandene Filmchen halbwegs rettet, ist neben den tollen Kostümen der Einsatz von großen Mimen und Entertainern wie Meret Becker, Rolf Zacher, Friedrich Liechtenstein oder Olli Schulz, die selbst in Nebenrollen, oder als nölender Running Gag noch eine blendende Figur machen.

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MANN IM SPAGAT – PACE, COWBOY, PACE. (D 2016) 90 Min.
Regie: Timo Jacobs
Buch: Federico Avino, Timo Jacobs
Kamera: Dominik Friebel
Ton: Robert Fuhrmann
Szenenbild: Claudia Steinert
Kostüm: Anna Schmidbauer
Produzent: Timo Jacobs Produktion
Darsteller: Timo Jacobs, Clemens Schick, Natalia Belitski, David Scheller, Meret Becker, Hanni Bergesch, Rolf Zacher, Claude Oliver Rudolph, Olli Schulz, Dorothea Hagena, Friedrich Liechtenstein

Infos: http://mannimspagat.de/

Infos Festival unter: https://achtungberlin.de/

Infos Wettbewerb Spielfilm: https://achtungberlin.de/programm0/madeinberlinbrandenburg0/spielfilme/

Zuerst erschienen am 16.04.2016 auf Kultura Extra.

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