Archive for the ‘Andres Veiel’ Category

Biopics, Dokus und Literaturadaptionen im Wettbewerb der Berlinale 2017

Dienstag, Februar 28th, 2017

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Die 67. BERLINALE wartete im diesjährigen Wettbewerb mit einigen Biopics, Dokumentationen und Literaturadaptionen auf, die große Künstler zum Thema haben. Portraits von Django Reinhardt, Alberto Giacometti, Josef Beuys und Max Frisch – wiederum alles Männer – bis auf Django Reinhardt meist in ihren späten Jahren und mithin nun auch schon etwas länger ziemlich tot. Ihrer Kunst und Berühmtheit tut das keinen Abbruch, über die Qualität der Filme lässt sich aber wie immer streiten…

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Django von Etienne Comar im Wettbewerb

Ein besonders männliches Exemplar ist der berühmte Jazzgitarrist Django Reinhardt, den uns der französische Produzent Etienne Comar in seinem ersten Spielfilm als Regisseur vorstellt. Django eröffnete die Berlinale und gab damit auch gleich so etwas wie eine programmatische Richtung vor. Politische Anliegen, Vergangenheitsbewältigung, Künstlerkino und emotionale Geschichten. All das lässt sich mühelos mit der Person von Django Reinhardt erzählen.

Comars Film spielt 1943 in der Zeit der deutschen Besatzung von Paris. Dass Reinhardt nicht nur in Frankreich berühmt und sogar von den Deutschen heiß umworben war, sondern auch ein Angehöriger der Sinti-Minderheit, die in ständiger Gefahr der Verfolgung durch die Nazis lebte, wird uns gleich zu Beginn vor Augen geführt. In den Ardennen löscht ein deutsches Kommando eine ganze Sinti-Familie beim Campieren und Muszieren aus. Davon noch unbehelligt steht Reinhard zur gleichen Zeit in Paris an der Seine, fängt Fische, raucht und betrinkt sich genüsslich, während im Theater die Pariser Gesellschaft auf seinen Auftritt wartet. Sie werden dennoch nicht enttäuscht.

 

DjangoFoto © Roger Arpajou

 

Der begnadete Musiker, eigenwillige Künstler und allseits geliebte Macho mit Moustache hält Hitler für einen schreienden Clown mit schlechtem Schnurrbart. Mit den deutschen Benimmregeln für einen Konzertertrag über eine Deutschland-Tournee wischt sich Reinhardt beim Essen den Mund ab. Keine unarischen Instrumente wie Kuhglocken, langsamer spielen, keinen Blues und nur 5% Synkopen, diese Forderungen sind für den Musiker nur ein schlechter Witz. Dass den Nazis nicht zum Scherzen ist, geht ihm erstmals beim Arzt auf, der seine durch einen Brand verkrüppelte Hand für ein Zeichen der Degeneration hält. Der Lebemensch Reinhardt wird nun nach und nach immer mehr durch verschiedene politische Interessen vereinnahmt, was ihn zunächst aber noch ziemlich kalt lässt.

Verkörpert wird dieser Django Reinhardt durch den Schauspieler Reda Kateb, der gerade erst in dem spätsommerlichen Konversationsfilm Die schönen Tage von Aranjuez, den Wim Wender nach dem gleichnamigen Theaterstück seines Freundes Peter Handke drehte, zu sehen war. In Django ist es bereits sehr herbstlich und düster. In Paris fallen Bomben und dem sonst eher lebenslustigen und gegenüber politischen Dingen recht gleichgültigen Reinhardt wird es langsam ungemütlich. Er will sich im Kino wegträumen. Seine geheimnisvolle niederländische Geliebte Louise (Cécile de France) rät ihm mit seiner schwangeren Frau und der Mutter in die Schweiz zu fliehen. An der Schweizer Grenze muss Reinhardt nun sehr lange auf die Gelegenheit der Flucht mit einem Schlepper warten.

Hier trifft der Musiker auch Mitglieder seiner Sinti-Familie, die am See lagern, und verdient sich mit ihnen das Geld für die Unterkunft und den Schlepper bei Konzerten in der Dorfkneipe. Comars Film zeigt Reinhardt nun als einen immer ängstlicher werdenden, fast gebrochenen Mann, der von den Nazis gedemütigt und zum Aufritt bei einem Fest gezwungen wird. Was Sie ihm nicht nehmen können, ist sein Stolz. Und wie zum Trotz setzt sich Reinhardt über die Regeln der Deutschen hinweg und spielt die Tanzgesellschaft mit seinem Gypsy-Swing geradezu in einen Höllenrausch, während ein verwundeter englischer Flieger von der Résistance über den See gerudert wird.

Comar will uns hier natürlich auch die Macht der Musik demonstrieren und die Angst der Nazis vor ihrem rhythmischen Sog. Die eigene Flucht über die tief verschneiten Berge gelingt nicht. In dramatischen Bildern will der Film nun nachholen, was er zunächst in seinen etwas dahinplätschernden Pariser Szenen wohl versäumt hat. Der Zuschauer wird nie richtig warm mit der Figur des Django, auch wenn Comar noch die Geschichte der von Reinhard komponierten und hochemotionalen Gypsy-Messe für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma mit einflicht. Als Mensch bleibt einem Django Reinhardt doch fremd und als großer Held taugt dieser Mann eh nicht. Django zeigt die innere Zerrissenheit eines Künstlers in schwierigen Zeiten aber dennoch recht gut.

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Django
von Etienne Comar
FRA 2017
Wettbewerb
Kinostart: 27. Juni 2017

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Return to Montauk von Volker Schlöndorff im Wettbewerb

Streiten lässt sich über den von der autobiografischen Novelle Montauk des Schweizer Schriftstellers Max Frisch inspirierten Spielfilm Return to Montauk. Volker Schlöndorff, der bereits 1991 mit Homo Faber ein Werk von Max Frisch verfilmte, spinnt hier die Geschichte des Schriftstellers Max Frisch, der in den 1970er Jahren auf einer Lesereise in die USA in New York eine junge Frau kennenlernt und mit ihr ein Wochenende in Montauk, einem Küstenstädtchen an der Spitze Long Islands, verbringt, einfach fiktiv weiter. Dazu verlegt er den Plot in die heutige Zeit. Max (Stellan Skarsgård), Anfang 60, heißt hier mit Nachnamen Zorn, stammt aus Berlin und kommt nach Jahren zur Vorstellung seines neuen Romans wieder nach New York. Hier lebt auch seine Frau Clara (Susanne Wolff), die für seinen amerikanischen Verlag arbeitet. Das Buch The Hunter And The Hunted trägt ebenfalls autobiografische Züge und handelt u.a. von der Beziehung zu seinem Vater und von einer verlorenen Liebe zu einer Frau. Bei einem zufälligen Treffen mit seinem Jugendfreund und Mentor, dem Kunstsammler Walter (Niels Arestrup als geheimnisvoller W. aus Frischs Montauk), erfährt Max, dass seine alte Liebe Rebecca (Nina Hoss) als erfolgreiche Anwältin immer noch in New York lebt.

 

Return to MontaukFoto © Franziska Strauss

 

Wie bei Max Frisch geht es auch bei Volker Schlöndorff und seinem irischen Drehbuchautoren Colm Tóibín um verpasste Chancen im Leben, um das Bereuen von etwas, das man getan oder auch das man versäumt hat zu tun. Und natürlich um Frauen, die dabei noch mal davon und die nicht darüber hinweg gekommen sind. Als letztere stellt sich auch die zunächst noch recht kühl und abweisend auftretende Rebecca heraus, der Schlöndorff auch noch eine verdrängte DDR-Biografie andichtet. Erst nachdem Max hartnäckig auf einem Treffen besteht, lädt sie ihn zu einer als Hausbesichtigung getarnten Fahrt nach Montauk an den Ort ihrer früheren Liebe ein.

Nun wirkt dieser gealterte Schriftsteller, der in seinem Tweed-Jackett, wie sein amerikanischer Verleger ironisch anmerkt, wie ein europäischer Antiquitätenhändler aussieht und sich in den New Yorker Nightclubs, in die ihn seine jüngere Frau Clara schleppt, sichtlich unwohl fühlt, nicht gerade wie ein unwiderstehlichen Frauenschwarm. Auch die phrasenhaften Antworten des links-intellektuellen Alt-Achtundsechzigers auf Fragen von amerikanischen Journalisten nach dem Zustand der europäischen Kultur entsprechen nur einem inneren Wunsch nach Wandlungsfähigkeit. Im Grunde ist Max doch eher der unflexible Baum, der seinen Erinnerungen nachhängt und diese verklärt. Mit der von Frisch angestrebten „maximalen Aufrichtigkeit gegenüber sich selbst“ ist es da nicht weit her. Die flippige Verlagsassistentin Lindsey (Isi Laborde) muss Max erst ein etwas moderneres Outfit verpassen. Für ihn wegen seines Ausflugs zu lügen, fällt ihr allerdings schon etwas schwerer.

Bis hierhin sind die Charaktere ganz gut gezeichnet. Nur verläuft dann jene Fahrt in die Vergangenheit im sprichwörtlichen Sand der Dünen, in dem Auto und klischeehafter Plot schließlich stecken bleiben. Mit den sehr persönlichen Reflexionen von Max Frisch hat dieser Film wenig zu tun. „Du träumst mich.“ erwidert die spröde Rebecca als Max ihr vorschlägt, mit ihm ein neues Leben zu beginnen, und returniert weiter mit einer langen Beichte über ihr eigenes Liebesglück und -leid. Allein, das macht die Altherrenfantasien des Helden und seines Regisseurs nicht unbedingt erträglicher. Fragen nach Wahrhaftigkeit, Schicksal, Lebenslügen und Selbstbetrug werden hier im Stile einer Vorabendserie für gehobene Intellektuelle abgehandelt. Vielleicht wollte Volker Schlöndorff Max Frisch im Nachhinein auch nur ein Schnippchen schlagen. Wenn sie ihn damals auch einen Lügner nannte, hat Frisch seine echte Lynn aus Montauk Jahre später doch rumgekriegt. Besonders bitter aber ist es, dass Schlöndorff seinen Film auch noch Max Fritsch gewidmet hat. Ein glatter Fall von Selbstüberschätzung.

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Return to Montauk
von Volker Schlöndorff
Deutschland / Frankreich / Irland 2017
Wettbewerb
Kinostart: 11. Mai 2017

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Beuys von Andres Veiel im Wettbewerb

Streitbar ist sicher auch der deutsche Künstler Joseph Beuys, dessen Leben und Werk der Dokumentar- und Spielfilmregisseur Andres Veiel in seinem zweiten Wettbewerbsbeitrag auf der BERLINALE ein fast vollständig aus Archivmaterial geschnittenes filmisches Portrait widmet. In Beuys ist Andres Veiel nicht nur dem Künstler und Menschen auf der Spur, sondern v.a. dem Phänomen, dass die zeitgenössische Kunst einmal das Potential zur Veränderung der Gesellschaft in sich trug. Zumindest war Beuys davon überzeugt, mit der Ahnung dessen, was Menschen an der Kunst interessiert, mit dem Stellen der richtigen Fragen und gezielter Provokation ein Bewusstsein für Veränderungen zu schaffen. Dazu prägte Beuys die Definition des „Erweiterten Kunstbegriffs“ und die der „Sozialen Plastik“. Kreatives Handeln zur Strukturierung und Formung der Gesellschaft.

Man muss allerdings keine Angst haben, hier ginge es vorrangig um sozialwissenschaftliche Theorien oder die genaue Einordung Joseph Beuys in die allgemeine Kunstgeschichte. Veiel interessiert Beuys in erster Linie als politisch denkender Künstler. Es geht um den gesellschaftspolitischen Diskurs, den Beuys ab den 1960er Jahren durch verschiedene Kunstaktionen verstärkt in die Öffentlichkeit trug. Für Beuys ist jeder Mensch ein Künstler und könne durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen. Die Kunst dient dabei zur Bewusstmachung dieses Prozesses. Kunst sei „Nährsubstanz“, erklärt Beuys 1970 in der legendären Podiumsdiskussion „Provokation – Lebenselement der Gesellschaft“ mit Max Bill, Arnold Gehlen und Max Ben, aus der Veiel u.a. auch das schöne Statement hat, dass der Künstler bei einer Revolution natürlich auch auf seine Kosten kommen wolle. Der lachende Beuys ist die Entdeckung Veiels – aber auch der charismatische Selbstdarsteller, der 1965 in einer Galerie in Düsseldorf mit Blattgold im Haar einem toten Hasen die Bilder erklärt.

Veiel geht die wichtigsten Stationen des künstlerischen und politischen Schaffens von Beuys ab. Fettecke, Honigpumpe, The Pack, ein Rudel aus 24 Schlitten mit Filzrollen, oder die 7000 Eichen auf der Documenta 7 1982 in Kassel – eine urbane und ökologische Kunstaktion, auf die Veiel in seinem Film immer wieder zurückkommt. Es ist aber auch Beuys als Lehrer zu sehen, der als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf alle abgelehnten Studenten aufnehmen will und der versammelten Kulturbürokratie eine Öh-Öh-Öh-Rede entgegenhält. Beuys ist auf Windstärke 12 („Vor Hurrikan kommt Sturm.“), wird aber vom damaligen NRW-Wissenschaftsminister Johannes Rau entlassen. Viel Zeit lässt sich Veiel dann für Beuys‘ USA-Aufenthalte mit der großen New Yorker Guggenheim-Ausstellung 1979/80 und seiner bekannten Performance I like America and America likes Me, in der der Künstler sich 1974 mit dem kriegerischen Konflikten der US-Amerikaner auseinandersetzte.

 

Beuys – Foto: Ute Klophaus © zeroonefilm / bpk_ErnstvonSiemensKunststiftung_StiftungMuseumSchlossMoyland

 

Der politische Beuys boxt später für direkte Demokratie und gründet 1980 die Partei der Grünen mit. Der unbequeme Geist wird allerdings 1983 nicht auf einen der vorderen Listenplätze für den Deutschen Bundestag nominiert. Beuys zieht sich enttäuscht zurück. Den privaten Beuys, Beuys als Mensch, gibt es aber kaum zu sehen. Beuys ist immer in Aktion auch im Kreis der Familie. Er ist einer der sich lieber endlos verschleißt. „Wer will schon sterben, wenn er noch gut ist?“ Das wäre ja Verschwendung. Nur einmal, schon recht krank, ein Foto ohne den berühmten Hut als Schutz für seinen selbst diagnostizierten „Dachschaden“, den man ihm im Zweiten Weltkrieg als Jagdflieger „zurechtgeschossen“ hatte. Hier zeigt Veiel Filmbilder des jungen Beuys mit Model- und größerem Segelflieger, später dann ein Foto des 20jährigen Freiwilligen in Wehrmachtsuniform.

Sein Kriegstrauma hat Beuys u.a. 1976 in der Installation zeige deine Wunde thematisiert. Beuys ist hier nicht nur Guru von Düsseldorf, Magier, Medizinmann, Schamane oder Scharlatan, alles Bezeichnungen, mit denen ihn Gesprächspartner Hermann Schreiber 1980 in der Sendereihe „Lebensläufe“ konfrontiert, sondern auch ein „Schmerzensmann der Kunst“. Für den Mitstreiter und Plakatkünstler Klaus Staeck ist der „der Mann am Schalthebel“. Weitere Beglaubigungen bekommt Beuys von seinem ehemaligen Schüler Johannes Stüttgen, der Kunsthistorikerin und Beuys-Mitarbeiterin Rhea Thönges-Stringaris, der Kunstkritikerin und Beuys-Versteherin Caroline Tisdall sowie dem Jugendfreund Franz Joseph van der Grinten, bei dessen Familie der Kunstschüler Beuys seine Depressionen in den 1950er Jahren mit Feldarbeit und verstörenden Zeichnungen bekämpft.

Veiel montiert diese Zeitzeugenberichte zwischen die Filmbilder und Fotos, die er oft im Stil von Kontaktbögen arrangiert und auch nebeneinander abspielt. Das gibt der Collage einen gewissen Drive, der zum Ende hin in immer schnelleren Bildfolgen kulminiert. Man wird in diesem Portrait kaum kritische Stimmen finden oder etwas vom Einfluss auf nachfolgende Künstler wie etwa Christoph Schlingensief erfahren. Es zeigt aber einen Menschen, der Kunst als Kapital ansah, die kapitalistische Ökonomie verändern und das Geld als Ware abschaffen wollte. Darin ist Beuys nach wie vor aktuell.

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Beuys
von Andres Veiel
Deutschland 2017
Wettbewerb
Kinostart: 1. Juni 2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de

Zuerst erschienen am 18.02.2017 auf Kultura-Extra.

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Das Tier und der menschliche Wahnsinn in den Filmen des Wettbewerbs auf der Berlinale 2011

Samstag, Februar 19th, 2011

Die diesjährige Berlinale scheint ihr Thema gefunden zu haben, es ist das Tier in allen möglichen Gattungen und seine Wirkung auf die menschliche Psyche. Mal beruhigend bei Trennungsschmerz, mal als Auslöser von Torschlusspanik bei Mitdreißigern, als Symbol für den Tod oder das Fremde und als mystisches Sehnsuchtswesen eines afrikaverrückten Arztes. Der Wahnsinn in seinen verschiedenen Spielarten ist allen diese Figuren in irgendeiner Weise eingeschrieben.

Béla Tarr erzählt uns in seinem neuen Film einen vom Turiner Pferd

“Der Mensch als Gattung stellt keinen Fortschritt im Vergleich zu irgendeinem Tier dar. Die gesamte Tier- und Pflanzenwelt entwickelt sich nicht vom Niederen zum Höheren…” – Friedrich Nietzsche

Dieses Zitat Nietzsches muss der ungarische Regisseur Béla Tarr wörtlich genommen haben. Ausgehend von einem nicht näher belegten Ereignis in Turin des Jahres 1889, in dem Nietzsche dem von einem Kutscher misshandeltem Pferd weinend um den Hals fällt, erzählt er die unbekannte Geschichte dieses Kutschers und seinem Pferd als dumpfes Untergangsszenario in einem nie enden wollenden Sturm der in völlige Finsternis mündet. Nietzsche sah in dieser Begegnung seine Vision bestätigt, die er bereits 1888 in einem Brief an den Maler und Schriftsteller Reinhart von Seydlitz schilderte: „Winterlandschaft. Ein alter Fuhrmann, der mit dem Ausdruck des brutalsten Cynismus, härter noch als der Winter ringsherum, sein Wasser an seinem Pferd abschlägt. Das Pferd, die arme geschundene Creatur, blickt sich um, dankbar, sehr dankbar“. Nietzsche fällt daraufhin in eine geistige Umnachtung, die 10 Jahre andauern soll und mit seinem Tod endet.
Tarr ist ein Meister langer Einstellungen und harter Schwarz-Weiß-Bilder. In seinen Filmen stellt er in teils surrealen Bildern immer wieder die Unfähigkeit der Menschen zu Empathie und wahrer Liebe dar. In „Werckmeister Harmonies“ wird ein Wanderzirkus mit einem riesigen Wal zum Sinnbild für das Fremde, das Gefüge einer Kleinstadt störend, deren Bewohner sich in einem von einem Demagogen angestachelten Exzess von Gewalt Luft verschaffen. Dabei gab es aber immer auch einen Protagonisten, der sich diesen Bestrebungen mit Witz und dem naiven Glauben an die Menschlichkeit entgegenstellte. In „The Turin Horse” gibt es diese Figur nicht mehr. Der Stumpfsinn hat gesiegt, das Ende der Welt ist nahe. Innerhalb von 6 Tagen wird diese gewohnte Welt des Kutschers und seiner Tochter aus den Fugen geraten, jeder Ausbruchsversuch ist schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt. Der Wind heult unentwegt und die minimalistische Musik von Mihály Víg verdichtet diesen 2 1/2-stündigen Film zu einer Tour de Force für alle Zuschauer. Die Kamera von Fred Kelemen folgt zunächst stringent in langen Einstellungen dem immer gleichen Tagesablauf der Protagonisten, vom An- und Auskleiden, Wasserholen, dem obligatorischen Schnaps zum Frühstück, dem vergeblichen Anschirren des kranken Pferdes bis zum Abendmahl mit heißer Pellkartoffel. Diese eindrücklichen langsamen Bilder des deutschen Regisseurs und langjährigen Kameramanns von Béla Tarr erzählen von der Härte der Natur und der Verlorenheit des Menschen darin.
Nur wenige Variationen lässt Béla Tarr zu. Einmal kommt der Nachbar, dem der Palinka ausgegangen ist, durch den Sturm zum Haus der Beiden und erzählt vom Untergang der Stadt in Dekadenz und dem immer währenden Kampf zwischen Herrschaft und Unterwerfung. Das Drehbuch stammt wieder vom Schriftsteller László Krasznahorkai, viel gesprochen wird dennoch nicht. Der Alte (János Derzsi) knurrt nur und herrscht seine Tochter (Erika Bók) an. Sie muss ihn immer wieder an- und auskleiden, da er einen steifen Arm hat. Bisweilen trocken und mehlig, wie die Pellkartoffeln an denen sie still kauen, wirkt dieser Film. Da das Pferd nicht mehr frisst und nicht aus dem Stall will, bleibt die Hütte der Ort des weiteren Geschehens. Der Alte sieht müde aus dem Fenster in den Sturm. Ein Wagen mit Zigeunern kommt vorbei auf dem Weg nach Amerika, sie wollen aus dem Brunnen trinken. Der Alte verjagt sie wütend mit der Axt. Die Tochter liest zögerlich religiöse Verse aus einem Buch, das ihr einer der Zigeuner geschenkt hat. Am nächsten Tag ist der Sturm vorbei und der Brunnen versiegt. Es wird nicht mehr hell und das Feuer geht langsam aus. Dennoch bleiben sie bei ihrem Tagesablauf, der Alte beißt in die rohe Kartoffel und befiehlt seiner Tochter ebenfalls zu essen, doch sie hat wie das Pferd bereits aufgegeben.
Das Leben als sinnloser Kreislauf des Werden und Vergehens, das ist das filmische Vermächtnis des Béla Tarr, das sich in seiner ausweglosen Entgültigkeit gewaschen hat, auch ohne Wasser. Tarrs Nihilismus demontiert Nietzsches Theorie vom Übermenschen konsequent. „Die Schwachen und Mißratnen sollen zugrunde gehn: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.“ (Nietzsche aus „Antichrist“) Nach Tarr haben sie das nun gründlich selbst besorgt. Der Meister schickt uns nach dem Film mit einer knappen Geste nach Hause. Das Mitleiden hat für dieses Mal ein Ende.

Der Mensch ist nur ein Seil, gespannt zwischen dem Tier und dem Übermensch. Ein Seil über einem Abgrunde. – Friedrich Nietzsche aus „Also sprach Zarathustra“

Afrika for ever – In „Schlafkrankheit“ von Ulrich Köhler verliert sich ein Arzt im Dschungel seiner Sehnsüchte

Mit Ulrich Köhler ist in diesem Jahr wieder ein Vertreter der „Berliner Schule“ im Wettbewerb vertreten. 2009 gewann Maren Ade, Lebensgefährtin von Ulrich Köhler, mit „Alle anderen“ den großen Preis der Berlinale-Jury. Köhler dürfte das mit seinem Film wohl schwerlich gelingen. Er ist so etwas wie der Mystiker unter den Regisseuren der „Berliner Schule“, seine Figuren brechen aus gewohnten Bahnen aus und verlieren sich an unwirklich anmutenden Orten wie einem Ferienhaus in „Bungalow“ und einem surrealen Hotel in „Montag kommen die Fenster“.
In Schlafkrankheit geht es um eine Paar, das jahrelang Entwicklungshilfe in Afrika geleistet hat. Ebbo (Pierre Bokma, niederländischer Schauspieler, z.Zt. an den Münchner Kammerspielen) und Vera Velten (Jenny Schily, bekannt aus Inszenierungen der Schaubühne Berlin) wollen nun wegen ihrer Tochter nach Deutschland zurück kehren. Ebbo ist Arzt und leitet ein Projekt zur Bekämpfung der Schlafkrankheit in Kamerun. Auch Köhler hat mit seinen Eltern einige Zeit in Afrika verbracht. Ganz ruhig und unspektakulär erzählt er die Geschichte von verlorenen Illusionen und dem ewigen Kampf um Geld und die Zweckentfremdung von Fördermitteln. Dennoch hält Ebbo etwas in Afrika, er liebt das Land, die Arbeit hier füllt ihn aus, in Deutschland erwartet in nichts. Unter Tränen erklärt er seiner Frau am Telefon, dass er nicht zurückkehren wird.
Als nach Jahren Alex Nzila (Jean-Christophe Folly), ein junger französischer Arzt mit afrikanischen Wurzeln, zu einer Einschätzung des Schlafkrankheitsprogramms nach Afrika fährt, trifft er nach längere Fahrt in den Dschungel und einiger Wartezeit auf Ebbo, der sich häuslich eingerichtet hat, eine einheimische Frau besitzt, die schwanger von ihm ist und zweifelhafte Projekte wie ein Hüttendorf für Touristen betreibt. Ein Ähnlichkeit zu Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ ist nicht von der Hand zu weisen. Alex, der wegen seiner Hautfarbe und Homosexualität erst selbst noch in Frankreich diskriminiert wurde, bewegt sich wie ein ignoranter Europäer durch Afrika, voller Vorurteile und ständig auf der Hut übervorteilt zu werden. Er findet keine Beziehung zu Ebbo, alles ist ihm fremd. Ebbo dagegen gefällt sich in der Rolle des Wohltäters, herrscht seine Bediensteten an und hat sich an die Korrumpierbarkeit der Beamten und des Militärs gewöhnt. Mit einem Franzosen geht er zur Nilpferdjagd. Dieses mystische Tier Afrikas steht als Sinnbild für Kraft und ist gefürchtet für seine Gewaltausbrüche. Nach einem Streit verlieren sich die Jäger im Dunkel des Dschungels. Ein Schuss fällt, Alex sieht am nächsten morgen ein Nilpferd, das kurz durchs Bild läuft. Es bleibt offen, was mit Ebbo passiert ist. Der undurchdringliche Dschungel hat ihn verschluckt, er ist an seinem Sehnsuchtsort verloren gegangen.
Das wäre eine gute Story für den Mystiker unter den Dramatikern Roland Schimmelpfennig, der sich aber lieber mit einer Holzpuppe und dem Gesichts Gottes als Metapher für das unerklärbare Afrika beschäftigt hat. Ulrich Köhler weiß auch nicht so recht, was er dem Stoff anfangen soll, der Europäer als Fremdkörper und ewiger Kolonist, kann nicht von diesem Kontinent seiner Träume lassen. Es tun sich aber keine wirklichen Abgründe der Seelen wie bei Conrads Roman auf. „Der Mensch ist ein bösartiges Tier. Seine Bösartigkeit muss organisiert werden. Das Verbrechen ist eine notwendige Bedingung der organisierten Existenz. Die Gesellschaft ist ihrem Wesen nach kriminell, sonst würde sie nicht existieren (…) Wir gehen mit Worten Kompromisse ein. Es hilft uns auch nicht weiter. Es ist wie ein Wald, in dem niemand den Weg kennt. Man ist verloren, während man noch ruft: `Ich bin gerettet!`“ – Joseph Conrad

Noch 30 Tage bis Paw Paw – Eine Katze verändert das eingefahrene Leben zweier Mitdreißiger in „The Futur“ von Miranda July

Das Leben und dazu eine Katze, das gibt eine unglaubliche Summe. – Rainer Maria Rilke

So ist es auch im zweitem Spielfilm des US-amerikanischen Multi-Talents Miranda July, in dem sie auch wieder wie in „Ich und Du und Alle, die wir kennen“ (Goldene Kamera in Cannes 2005 für das beste Debüt) die weibliche Hauptrolle übernimmt. Die Katze heißt Paw Paw (Pfötchen) und ist einem Paar in den Dreißigern zugelaufen. Sie wollen es adoptieren, um mehr Verantwortung in ihrem Leben zu übernehmen. Sie bekommen aber noch mal 30 Tage Bedenkzeit, da die verletzte Pfote des Streuners erst im Tierheim gesund gepflegt werden muss. Dass die kranke Katze nicht nur ein paar Monate zu leben hat, sondern auch gut und gerne 5 Jahre, versetzt die beiden, die ihr Leben fast nur noch im Internet verbringen, in totale Torschlusspanik. In 5 Jahren ist man schließlich schon 40 und das ist ja fast schon 50. Sie wollen die letzten 30 Tage ohne Verantwortung dann auch voll nutzen, kündigen spontan ihre langweiligen Jobs als IT-Serviceberater und Tanzlehrerin für Kinder und stürzen sich in neue Projekte. Jason (Hamish Linklater) widmet sich dem Klimaschutz und zieht von Haustür zu Haustür, um Bäume zu verkaufen. Sophie will 30 Tänze kreieren, jeden Tag einen neuen und ins Internet stellen. Sie scheitern natürlich beide an ihren zu hoch geschraubten Zielen. Letztendlich sind das alles nur vergebliche Ausbruchsversuche aus ihrer lahm liegenden Beziehung.
Aus dem Off reflektiert die Katze mit der verfremdeten Stimme von Miranda July über das ungebundene Leben in der Wildnis, freut sich aber auf ein ruhiges Leben bei den Beiden, die sie nun aufnehmen werden und sie signalisiert schon mal durch Schnurren Bereitschaft. Bereit für einen gemeinsamen Neuanfang ist das Paar aber nicht wirklich. Sophie drängt es zu einem alleinerziehenden Schilderdesigner aus einer Vorstadtsiedlung und einer schnellen Affäre, Jason trifft einen bereits 60 Jahre verheirateten Mann, dem er einen alten Fön abkauft und sich seine Weisheiten über die Liebe und Paarbeziehungen im allgemeinen anhört. Seine erst 4 Jahre währende Beziehung zu Sophie erscheint Jason bereits ewig, ist aber in den Augen des Alten nur der Anfang und der ist ja bekanntlich schwer. Der Film ist auch eine Geschichte über das Vergehen von Lebenszeit und die unterschiedliche Wahrnehmung dessen. In einer albtraumhaften Sequenz sieht Sophie ihre Freundinnen vor sich, erst schwanger, dann mit Kindern und schließlich stehen diese dann vor ihr und wollen ihre Kind zum Tanzkurs anmelden. Die Zeit rast in ihren Augen und auch Jason versucht diese einfach anzuhalten, muss aber erkennen, das die gemeinsame Zeit nur in seiner Vorstellung fest steht und Sophie sich auch so längst von ihm entfernt hat.
Beide verpassen den Abholtermin für die Katze, die bereits voll Ungeduld gewartet hatte und sich die Länge von 30 Tage vorzustellen versucht. Sie stirbt am Ende, ob es einen Neuanfang für Sophie und Jason geben wird bleibt offen. Miranda July gelingt mit viel Selbstironie und Humor, der auch in seinen leicht kitschig melancholischen Momenten nie aufgesetzt wirkt, ein durchaus überzeugendes Porträt von zwei Menschen, die nicht so richtig zu wissen scheinen, worum es ihnen im Leben geht. Miranda July hat diesen Stoff, wie sie im anschließenden Gespräch erklärt, aus einer ihrer Kurzgeschichten entlehnt und die ihrer Meinung nach etwas langweilige Story durch entsprechend assoziative Bilder zu verstärken versucht. Durchaus sehr sympathisch dieser Versuch, leider aber auch etwas zu nett. Der Konfliktstoff bleibt bisweilen in diesen visuellen Fantastereien stecken.

Der Film, der an diesem Abend in der Reihe „Berlinale goes Kiez“ im Kino Adria an der Steglitzer Schloßstraße lief, wurde von Maren Ade präsentiert, deren Lebensgefährte Ulrich Köhler seinen Film „Schlafkrankheit“ im Wettbewerb zeigte. Und so wurde der Abend noch zu einer Veranstaltung der „Berliner Schule“, mit der Miranda July auch persönlich verbandelt ist. Zum zweiten Film des Abends erschienen doch tatsächlich Dieter Kosslick und Christoph Terhechte und stellten mit Christian Petzold und seinem Film „Etwas Besseres als den Tod“ einen weiteren Vertreter dieser Richtung vor. Alle sprühten geradezu vor Witzigkeit und hatten sichtlich Spaß mal abseits des stressigen Berlinale-Alltags.
Der Film von Petzold ist ein Beitrag zu dem dreiteiligen Projekt „DreiLeben mit den Regisseuren Dominik Graf und Christoph Hochhäusler, das im Forum der Berlinale lief. Es erzählt mit jeweils anderen Protagonisten in den Hauptrollen, die Geschichte eines entlaufenen Frauenmörders (Stefan Kurt) und weiterer Figuren aus dem Umfeld einer kleinen Stadt im Thüringer Wald. Der erste Teil von Christian Petzold dreht sich um die Liebesgeschichte zwischen einem Medizinstudenten (Jacob Matschenz) der in einem Krankenhaus ein Praktikum macht und einem bosnischen Zimmermädchen (Luna Mijovic, bekannt aus dem Berlinalesieger von 2006 „Grbavica“). Die Liebe scheitert an Vorurteilen und den verschieden Vorstellungen über eine gemeinsame Zukunft. Das Mädchen wird schließlich dem Mörder zum Opfer fallen, es gibt eine kurze Horrorschockszene in Petzolds Film und unheimlich gefilmte Bilder des Waldes. Man kann sich sicher auf die Ausstrahlung im Herbst in der ARD freuen, zwischen Tagesschau, Wetter und Anne Will, wie Petzold gut aufgelegt witzelte. Aber vielleicht kommt ja auch ein Championsleaguespiel dazwischen.

Wie die Väter, so die Söhne und Töchter – Andres Veiel psychologisiert die 68er in seinem ersten Spielfilm „Wer wenn nicht wir“, einem Portrait von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper

Eine Katze steht auch im Mittelpunkt der Schlüsselszene des ersten Spielfilms des Dokumentarfilmers Andres Veiel. Veil wurde bekannt durch wunderbare Dokumentationen, wie etwa über junge Schauspielschüler (Die Spielwütigen, 2004), über den brutalen Mord an einem 16-jährigen Jungen im brandenburgischen Potzlow (Der Kick, 2006, nach seinem gleichnamigen Theaterstück am Gorki Berlin, 2001) und nicht zu letzt durch den 2001 gedrehten Dokumentarfilm „Black Box BRD“, in dem er die Biografien des von der RAF ermordeten Deutsche-Bank-Vorstandssprechers Alfred Herrhausen und die des bei seiner Festnahme in Bad Kleinen auf bisher ungeklärte Weise ums Leben gekommenen RAF-Terroristen Wolfgang Grams. Nun hat sich Veiel der Biografie des Paares Gudrun Ensslin und Bernward Vesper angenommen, beide Leitfiguren der 68er Studentenbewegung, deren Liebe letztendlich nicht nur an den unterschiedlichen Ansichten über den Weg zu notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen scheitern.
Der Film beginnt kurz nach dem 2. Weltkrieg im Elternhaus des 8jährigen Bernward im niedersächsischen Triangel. Die besagte Katze gehört dem Jungen. Der Vater erschießt die Katze, weil sie den Nachtigallen im Park nachstellt. Im ruhigen Verständnis heischenden Ton erklärt er Bernward, das Katzen nicht zum Menschen passen, da sie die Juden unter den Tieren sind. Diese Szene ist prägend für den jungen Vesper, er hat sie auch in seinem Drogentrip „Die Reise“, einer Abrechnung mit der Elterngeneration, beschrieben. Der Roman blieb Fragment, da sich Vesper im Jahr 1971 in der Psychiatrie das leben nahm. Der Vater Will Vesper, dargestellt vom Theaterschauspieler Thomas Thieme, war eine glühender Hitler-Verehrer und sogenannter Blut-und-Boden-Dichter, der gegen jüdische und liberale Schriftsteller und Verleger hetzte. Dennoch verehrte Bernward Vesper sehr seinen Vater auch noch nach dem Krieg und begann auf des Zuraten hin selbst zu schreiben. August Diel stellt ihn sehr schön zwischen selbstbewusstem politischem Verleger und schwankend in der Distanz zu seinem Vater dar. 1961 lernt er Gudrun Ensslin an der Uni Tübingen kennen, wo sie u.a. Germanistik studieren und Vorlesungen bei Walter Jens besuchen. Beide gründen einen Verlag, um die alten Bücher Will Vespers aber auch linke Schriften und ein Buch von Stokely Carmichael, einem der Führer der afroamerikanischen Black Panther Party, heraus zu bringen.
Der Film, der auf dem Buch „Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus“ des Publizisten und Historikers Gerd Koenen beruht, beschreibt das in allen Einzelheiten. Die Annäherung der beiden erfolgt erst zögerlich, dann aber um so heftiger. Sie ziehen zusammen, erst zu dritt mit einer Freundin Gudruns. Dann entsteht aber schnell, eine fast symbiotische Beziehung zwischen Bernward und Gudrun. Beide versuchen sich aber auch unabhängig von einander zu verwirklichen, eine ständiger Kampf um Anerkennung und Abgrenzung zu den Eltern beginnt. Vesper geht fremd und Ensslin verletzt sich aus enttäuschter Liebe selbst. Sie geht eine kurze Beziehung zu Klaus Roehler ein, der ihr bei ihrer Dissertation über Hans Henny Jahnn helfen soll. Schließlich mündet der Kampf doch in den bürgerlichen Akt der Verlobung. Es folgen Verbindungen zur SPD-nahen Gruppe 47, die aber nicht ihrem Streben nach radikaleren Forderungen entsprechen. Veiel spult den Film wie ein Biopic ab. Es werden dokumentarische Szenen aus Nachrichten und alten schwarz-weiß-Dokumentationen eingespielt, um den zeitgeschichtlichen Bezug herzustellen. Von den ersten Atombombenversuchen in den USA, über den Beginn der großen Koalition von CDU mit Kiesinger und derSPD, dem obligatorischen Schahbesuch mit den Prügelszenen in Berlin, bis zum Kaufhausbrandprozess in Frankfurt geht die Kette direkt zur Begegnung mit Andreas Baader. Alexander Fehling spielt ihn als zwischen androgynem Wesen und dem üblichen Revolutionsposer. Seine Fotzenrhetorik hat Veiel aber bewusst vermieden, Gudrun Ensslin darf auch mal zurückschlagen und so ist sein Film im Gegensatz zum Bader-Meinhoff-Komplex auch nicht so reißerisch inszeniert. Es geht Veiel eher um ein Psychogramm dieser Zeit.
Gudrun Ensslin ist eine Figur, die aus Ablehnung gegen den Opportunismus der Vätergeneration heraus, zu der Einsicht gelangt, das man etwas tun muss. Eine Entdeckung ist dabei die junge Lena Lauzemis, die Gudrun Ensslins große Emotionalität und ihre emanzipierte Entschlossenheit wirklich anschaulich rüberbringen kann. Ensslin ist Vesper in jedem Moment geistig und in ihrer Entschlossenheit überlegen. Er kann ihr nicht mehr Paroli bieten. Aus der Erkenntnis, dass die Bundesrepublik mit ihrer angeblich freiheitlichen demokratischen Grundordnung die Geschichte des Nationalsozialismus nicht wirklich aufarbeitet und das im Bewusstsein der Menschen nicht ankommt, stellt sie sich gegen ihre bürgerliche Familie und radikalisiert sich, um den Massen ein Beispiel zu geben. Man muss das in gewisser Weise auch psychologisch sehen. Der Druck für intellektuelle Leute wie Ensslin, Meinhoff und auch Vesper war so groß, das es nur zwei Möglichkeiten für sie gab, entweder zerbrechen wie Vesper oder, oder der Weg in den Terror der RAF, der andere Wahnsinn, wie ihn Baader propagierte. Ein dazwischen gibt es für sie nicht, entweder dafür sein oder dagegen. Das ist auch der Widerspruch, der sich für viele nicht lösen ließ. Radikale Forderungen lassen sich in einer Demokratie nicht so schnell umsetzten. Eine im Knast eingefügte Szene zeigt Ensslin im Gespräch mit der Anstaltsleiterin, die an ihr Gewissen appelliert, mit dem Verweis auf kleine Schritte der Veränderung, um sie vom bewaffneten Kampf abzubringen. Dennoch steigen die Protagonisten der RAF aus und bilden eine in ihren Strukturen klar hierarchisch und diktatorisch durchorganisierte Organisation. Sie sind damit aber wieder im System der Väter angekommen. Diesen Weg will Veiel mit seinem Film beschreiben, leider pathologisiert er damit auch die gesamte 68er-Bewegung. Die Geschichte hat keine passende Lösung parat, es bleibt ein ewiges Suchen nach der Wahrheit. Hier bietet der Film auch keinen Antworten.

„Die Hoffnung ist wie ein wildes Tier“ – aus dem Briefwechsel von Heinrich Böll mit Ernst-Adolf Kunz 1945-1953

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