Archive for the ‘Béla Tarr’ Category

Goe East! Die Berlinale 2013 blickte oft und weit in die Regionen Osteuropas. Der Beitrag des deutschen Kinos nahm sich dagen recht bescheiden aus. – Eine Bärennachlese.

Montag, Februar 25th, 2013

berlinale-logo.jpg Der Osteuropäische Film auf Bärenjagd und die derzeitige Situation in Ungarn.

So uninteressant und wenig inspiriert wie die wenigen deutschen Filmbeiträge dieses Jahr daherkamen, die Perspektive deutsches Kino sei hier ausdrücklich ausgenommen, so vehement feierte das postsozialistische, osteuropäische Kino fröhliche Urständ und regelrechte Erfolge auf der Berlinale. Ganze fünf Filme waren im Wettbewerb zu sehen und vier davon wurden sogar mit Preisen gewürdigt. Aber auch in den anderen Sektionen liefen starke Filme aus den Regionen hinter dem einstigen Eisernen Vorhang. Was eigentlich auch nicht wirklich verwunderlich ist. Von ungefähr kommt dieser Erfolg ja nicht gerade. Sind doch die produktiven, gut organisierten Strukturen der ehemals sozialistischen Filmproduktion nicht komplett verschwunden, so dass in diesen Ländern immer noch und dank internationaler Vernetzung mit Europa wieder gute Filme entstehen können. Nur haben zurzeit einige der Filmemacher mit einer ganz besonderen Gefahr zu kämpfen. Die fehlende Möglichkeit der freien Meinungsäußerung bei nationalistischen bis totalitären Tendenzen und die oft negativen Auswirkungen der kapitalistischen Entwicklung schränken die Entstehung unabhängiger Filmproduktionen stark ein.

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Foto: Kolja Hub (Wikipedia)

Besonders in Ungarn und in weiten Teilen der ehemaligen GUS-Staaten sowie Russland selbst ist der Wegfall staatlicher Unterstützung für solche Projekte klar spürbar. So hat der ungarische Regisseur und Gewinner des großen Preises der Berlinalejury von 2011 Béla Tarr (A Torinói ló – The Turin Horse) seine Filmarbeit eingestellt. Er hatte nach der Berlinale 2011 sehr deutlich gegen die sich immer weiter verschlechternden kulturellen Zustände unter der rechtskonservativen Regierung Orban protestiert („Die Regierung muss weg. Nicht ich“, Tagesspiegel vom 07.03.2011). Gerade die Film- und Theaterkünstler haben derzeit mit der politischen Gleichschaltung wichtiger Ämter durch die ungarische Kulturpolitik zu kämpfen. Dazu passt dann auch die noch recht frische Meldung über die Absage des jährlich in Budapest stattfindenden Ungarischen Filmfestivals. Zum ersten Mal übrigens in den fünfzig Jahren seines Bestehens. Der Grund: Es gibt keine neuen ungarischen Filme, die gezeigt werden könnten. Nach Angaben des Verbands der Ungarischen Filmkünstler ist seit 2011, nachdem durch den Ministerpräsidenten Viktor Orban die unabhängigen Stiftung, die bisher über die Vergabe von Film-Fördermitteln entschieden hatte, aufgelöst wurde, kein einziger ungarischer Film mehr fertiggestellt worden. Diese Tatsache ist erschüttert für das Filmland Ungarn. Bei der Berlinale 2012 erhielt mit Bence Fliegauf wieder ein ungarischer Regisseur den Silbernen Bären für die beste Regie. Sein Film „Just The Wind“ behandelt die nationalistische Gewalt gegenüber die in Ungarn lebenden Roma. Auch ein großes Problem, neben dem weiter aufkeimenden Antisemitismus.

Relativ ruhig ist es dagegen um den Regiealtmeister und Oscar-Preisträger István Szabó (u.a. Mephisto, Süße Emma, liebe Böbe), der in diesen Tagen seinen 75. Geburtstag feiern konnte, geworden. Szabó ist selbst Jude und hat in seinen Filmen immer wieder das Thema des Nationalsozialismus aufgegriffen. 2011 verfilmte er mit „Hinter der Tür“ einen Roman der ungarischen Schriftstellerin Magda Szabó über die 1960er Jahre in Ungarn, der auch den Holocaust thematisiert. In den Hauptrollen sind Helen Mirren und die deutsche Schauspielerin Martine Gedeck zu sehen. Auch Szabó hatte bereits 1980 einen Silbernen Regie-Bären für seinen Film „Zimmer ohne Ausgang“ erhalten. Außerdem ist István Szabó der Ehrenpräsident des Filmfestivals in Cottbus, dass sich seit über zwanzig Jahren um den osteuropäischen Film verdient macht. Zur Eröffnung des 22. Festivals 2012 in Cottbus lief der ungarische Film „Final Cut – Ladies and Gentlemen“ des Regisseurs György Pálfi (u.a. Hukkle – Das Dorf, Taxidermia). Er hat diese bereits in Cannes präsentierte Zeitreise durch die gesamte Kino-Geschichte aus Schnipseln von 450 Film-Klassikern zusammengeschnitten. Auch eine Möglichkeit, wie in Ungarn womöglich in Zukunft Filme entstehen müssen. Allerdings ist dabei noch das Problem des Urheberrechts endgültig zu klären. Pálfi beteiligte sich auch an dem Episodenfilm „Magyarország 2011 – Ungarn 2011“ über die katastrophalen künstlerischen Zustände in Ungarn. Der von Béla Tarr produzierte Beitrag von 11 Regisseuren (u.a. auch Bence Fliegauf) lief auf der Berlinale 2012 im Kurzfilmprogramm. Auf dem diesjährigen Berlinale Co-production Market suchte Pálfi nach einem Koproduzenten für seinen neuen Film „The Voice“, der Anfang 2014 Premiere haben soll. Vielleicht ja sogar auf der nächsten Berlinale.

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Schwule Priester, Eisenklopfer, dominante Mütter und Lektionen über Harmonie – Viele Preise für Filme aus Osteuropa und den Regionen der ehemaligen Sowjetunion im Berlinale-Wettbewerb 2013.

Nach dem Ausbleiben der ungarischen Filmschaffenden auf der Berlinale 2013 sind dafür nun andere Regisseure Osteuropas ganz erfolgreich in die entstandene Lücke gesprungen. Filme aus Polen, Rumänien und Russland, Koproduktionen der Balkanstaaten, Bosnien/Herzegowina und Slowenien mit Frankreich sowie der ehemaligen Sowjetrepublik Kasachstan mit Deutschland waren dieses Jahr im Wettbewerb vertreten. Außer Boris Khlebnikovs „Dolgaya schastlivaya zhizn” wurden dabei auch durchweg alle mit Preisen bedacht. Das polnische Drama um einen jungen schwulen Priester, der sich in einen seiner Schüler verliebt, bekam zwar keinen Silber- oder Goldbären, dafür aber den schwul-lesbischen Filmpreis „Teddy“. „W imi…“ (In the Name of – Im Namen…) der Regisseurin Malgoska Szumowska umschifft die Missbrauchsdebatte in der katholischen Kirche und beschäftigt sich lieber mit dem Zölibat und dem in Polen eher noch problematischerem Thema homosexueller Geistlicher. Der Film schließt damit unmittelbar an den Schwerpunkt Religion des 22. Filmfestivals in Cottbus an, bei dem im November 2012 ebenfalls polnische Filme dominierten. Der bosnische Regisseur und Oscarpreisträger Danis Tanović (No Mans Land, Zirkus Columbia) hat sich mit „Epizoda u zivotu beraca zeljeza“ (An Episode in the Life of an Iron Picker- Eine Episode aus dem Leben eines Eisenklopfers), wie Bence Fliegauf im letzten Jahr mit der Diskriminierung der Roma in Ungarn, mit dem Leben einer Roma-Familie in Bosnien auseinandergesetzt. Die schwangere Mutter wird trotz schweren Komplikationen, das Kind ist im Mutterleib gestorben, vom Krankenhaus aus finanziellen Gründen nicht aufgenommen. Der Vater Nazif versucht das Geld für die Behandlung beim Zerlegen von Schrottautos zu verdienen. Was wie ein Dokumentarfilm daherkommt, ist ein durchaus berührend gefilmtes Reanactment. Tanović lässt die Familie vor seiner Handkamera tatsächlich ihre eigene Geschichte nachspielen. Dafür gab es den Großen Preis der Jury und den Silbernen Bären für den Hauptdarsteller Nazif Mujic.

Den Goldenen Bären für den besten Film konnte der rumänische Regisseur Calin Peter Netzer für „Pozitia Copilului“ (Child’s Pose – Die Stellung des Kindes) entgegennehmen. Eine Bestätigung für das in den letzten Jahren international wieder sehr präsente rumänische Kino. Bereits 2010 hatte der Rumäne Florin Serban mit „Wenn ich pfeifen will, dann pfeife ich“ einen Silbernen Bären gewonnen. Und Cristian Mungius (4 luni, 3 săptămâni si 2 zile – 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage / După dealuri – Beyond the Hills) oder Cristi Puiu (Moartea domnului Lăzărescu – Der Tod des Herrn Lazarescu) sind in Cannes kene Unbekannten mehr. Aber auch jüngere Filmemacher wie Bogdan George Aperti (Periferic – Outbond, nach einem Buch von Cristian Mungiu) oder Anca Damian (Crulic – Drumul spre Dincolo / Crulic – DerWeg ins Jenseits) waren in den letzen Jahren in Cottbus erfolgreich. Häufig sind in den rumänischen Filmen entweder soziale Probleme oder die Aufarbeitung der Vergangenheit unter der Diktatur Ceauşescus die Hauptthemen. Aber auch ganz alltägliche Geschichten oder rein familiäre Probleme bestimmen immer mehr die Plots der jungen Nachwuchs-Regisseure. Sie drängen mit einer ganz neuen Ästhetik und anderen Themen auf den internationalen Markt. So stellt Paul Negoescu, dessen Debut „O Luna in Thailanda“ (Ein Monat in Thailand) 2012 im Cottbuser Wettbewerb gezeigt wurde, eine Gruppe junger Rumänen aus der Mittelschicht in den Mittelpunkt seines Films, lässt sie in einer Silvesternacht durch Bukarest streifen und über ihr Leben und die Liebe nachsinnen. Calin Peter Netzer hat mit seinem Film über einen antriebsschwachen jungen Mann, der ein Kind überfährt, und dessen dominante Mutter, die ihm mit allen Mitteln die für ihn lästigen Schwierigkeiten aus dem Weg räumen will, Soziales und Innerfamiliäres bestens zu einem Sittenbild der heutigen rumänischen Elite und der staatlichen Institutionen miteinander verbunden.

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Den vielleicht außergewöhnlichsten Film im Wettbewerb zeigte der kasachische Regisseur Emir Baigazin. „Uroki garminii“ (Harmony Lessons – Lektionen in Harmonie) beschäftigt sich in einer fein abgezirkelten Bild-Ästhetik mit dem fast zwanghaften Drang des 13-jährigen Schülers Aslan die vollkommene Perfektion zu erreichen und dabei das für ihn aus dem Gleichgewicht geratene Verhältnis von Körper und Geist wieder in einen harmonischen Einklang zu bringen. Aslan (Timur Aidarbekov) ist ein Außenseiter in der Schule, der von dem kräftigeren Bolat (Aslan Anarbayev) gedemütigt und mit einem Bann belegt wird. Niemand darf ihn beachten oder gar mit ihm reden. Bolat führt unter den Schülern ein Regime aus Erpressung und brutaler Unterwerfung. Alle müssen ihm Geld und andere Abgaben liefern, die er wiederum an ehemalige ältere Schüler weitergibt. Nur der neue Schüler Mirsain (Mukhtar Andassov) aus der Stadt wiedersetzt sich dem Gebot und wird dafür von Bolat brutal zusammengeschlagen. Aslan, der daheim bizarr ausgetüftelte Zurichtungen an Kakerlaken mittels elektrischem Strom vollzieht und sie dann an gefangene Eidechsen verfüttert, lebt seine eigene Ordnung der Dinge und verfällt schließlich auf eine extreme Art der Rache. Bolat wird irgendwann tot aufgefunden und die beiden Jungen geraten durch die Ermittler der Polizei schnell in Verdacht. Die Philosophie der Sehnssucht nach einer stabilen Harmonie von Körper und Seele ist gestört, in einem System, das einerseits auf religiösen Traditionen und archaischen Riten (z.B. das Schächten eines Schafes zu Beginn des Films) beruht, und anderseits aber, diese verneinend, neue Werte lehrt, die wiederum auf Misstrauen und Unterordnung basierend, nur neue Verstörungen zur Folge haben. Der Gott der Ordnung und der kleinen Dinge befindet sich für Aslan in einem Amulett, das er von seiner Großmutter geschenkt bekommt, die um sein Seelenheil besorgt ist. Dieser letzte Halt wird ihm schließlich auch noch von seinen Verhörern genommen.

Baigazin erzählt mit sehr anschaulichen Bildern eine Parabel von der Entstehung und dem Kreislauf der Gewalt in einer Gesellschaft, die bereits ihre Kinder autoritär erzieht, uniformiert und jeglichen Widerstand schon im Ansatz bricht. Die Lehrer in der Schule reden einerseits von Gandhi, dann andererseits wieder von Unterordnung und vom physikalischen Gesetz der Energie. Und meinem doch damit nur die Dynamik des Geldes als Triebfeder der Gesellschaft oder die Darwinsche Regel, das der Stärkere den Schwächeren frisst. Wie eine bewusste, genaueste Nachahmung des Gelernten wirken dazu die Schulhofszenen, in denen sich die Schüler Bolats Befehlen unterordnen oder Arslans Kakerlakenversuchsanordnungen. Als die Staatsmacht in Form der Polizei an die Schule kommt, um den Mord an Bolat aufzuklären, geraten die beiden Verdächtigen in eine nie geahnte Schleife aus Brutalität und perfiden Verhörmethoden, bis das Ganze in ein regelrechtes Prügel- und Folterszenario mündet. Wobei man nie ganz genau weiß, was Realität ist, oder der Phantasie Aslans entspringt.Baigazin formuliert hier nicht eindeutig aus, überlässt die Deutung dem Zuschauer. Zum Schluss wird lediglich das eine System der Unterdrückung durch eine neues stabiles ersetzt. Die Staatsmacht schlägt erbarmungslos zurück. Hatte beim 22. Filmfestival in Cottbus der Kasache Erlan Nurmukhambetov mit „Koktemnin Birinshi zhanbyry“ (erster Regen im Frühling) einen meditativen Film über die Utopie der Liebe zur Natur und deren Kraft zur Reinigung und Reinkarnation der Seele gezeigt. So malt sein Landsmann Emir Baigazin mit „Harmony Lessons“ eine schwarze Dystopie der Gewalt, die dargestellt in ihrer unbegreiflichen Schrecklichkeit, nur durch eine übertriebene Ornamentik der Filmbilder mit ihrer förmlichen Sucht nach Harmonie – Und darin ähneln sie durchaus Ulrich Seidels Hoffnungs-sehnsüchtigen Bildern der Paradies-Trilogie. – wieder gebrochen und somit überhaupt erst künstlerisch darstellbar wird. Dafür bekam sein Kameramann Aziz Zhambakiyev den Silbernern Bären. Es hätte ruhig noch mehr für diesen eindrucksvollen Film herausspringen können.

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Klassenkampf auf postsowjetisch und Kreise gegen das Vergessen – „Za Marksa…“ (For Marx… – Für Marx…) von Svetlana Baskova mit Sergej Paxomow, Vladimir Elifanzew u.a. (Russland 2012, – 100 Min.) und „Krugovi“ (Circles – Kreise) von Srdan Golubović mit Leon Lučev, Nebojša Glogovac u.a. (Serbien, Kroatien, Slowenien, Deutschland, Frankreich 2013, 112 Min.) im Forum

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Auch in anderen Sektionen der Berlinale waren einige bemerkenswerte Filme aus Osteuropa zu entdecken. So z.B. ein weiterer Beitrag aus Russland im Internationalen Forum des jungen Films. Ähnlich wie im bereits erwähnten russischen Wettbewerbsbeitrag „Dolgaya schastlivaya zhizn” von Boris Khlebnikov arbeitet die russische Regisseurin Svetlana Baskova in ihrem postsowjetischen Klassenkampf-Drama „Za Marksa…“ (For Marx…) mit verschiedenen Elementen des Genrekinos. Hier sind es vor allem Anklänge an das finster brutale Mafiakino a la Scorsese, wobei es am Ende sogar doch noch zu einem echten blutigen Showdown kommt. Aber die Mischung in „Za Marksa“ ist durchaus vielfältiger, als es auf den ersten Blick erscheint. In einem Stahlwerk in der russischen Provinz liefern sich Vertreter neugegründeter unabhängiger Gewerkschaften mit einer skrupellos agierenden Werksleitung einen fast aussichtslosen und verlustreichen Kampf. Nachdem die Arbeitsbedingungen im Werk immer schlechter werden und die offiziellen Gewerkschaften und Provinzpolitiker es sich mit dem Fabrikbesitzer einem alten Oligarchen und früherem KGB-Oberst in einem Netz aus Korruption eingerichtet haben, greifen die Arbeiter zu Eigeninitiative. Ihre Vertreter treffen sich in geheimen Versammlungen, beraten und organisieren eine Streik. Diese Treffen und Unterhaltungen zwischen den Arbeitern aber gestaltet Svetlana Baskova als einen geistigen Austausch auf durchaus hohem Niveau. Man diskutiert über die Ästhetik in Filmen von Godard oder dem amerikanischen Hollywoodkino, die Unterschiede des Theaterbegriffs bei Stanislawski und Brecht, Gogols Roman „Die toten Seelen“ oder auch über die russische Geschichte.

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Regisseurin Svetlana Baskova und Hauptdarsteller Sergej Paxomow aus dem Film „Für Marx…“ – Foto: Maxim Mosin

Der Fabrikarbeiter zeigt sich hier als allseits gebildeter und interessierter Bürger, so wie ihn schon Marx forderte und später dann die 68er zum Ziel ihrer Agitationszirkel machten. Baskova zitiert in ihrem Film auch Klassiker des sowjetischen Kinos der 50er und 60er Jahre wie Wassili Schukschins „Kalina Krasnaja“. Ein Filmplakat hängt im Umkleideraum, in dem sich die Gewerkschafter treffen. Dagegen ist der Sohn des Fabrikbesitzer als Karikatur eines Kapitalisten gezeichnet. Machtbesessen und großspurig regiert er den Betrieb nach Gutdünken und zieht Geld aus der Firma, das eigentlich für die Modernisierung und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen gebraucht würde. Er will dafür in London moderne Kunst ersteigern, denn mit dem vorhanden sozialistischen Realismus lässt sich kein Staat mehr gegenüber Investoren aus dem Westen machen. Baskowa zeigt hier einerseits den Manchesterkapitalisten alter Prägung, und mit dessen postmoderner Überzeichnung nimmt sie andererseits ein von Marx abgewandeltes Hegelzitat zur Wiederholung in der Geschichte auf, das dann auch prompt aus dem Munde eines der Gewerkschafter kommt. Der Film zeigt die Wiederholung der Geschichte als bittere Farce. Einschüchterung, Gewalt und Verrat, die Werksleitung setzt alle Mittel ein, um den Widerstand der Arbeiter zu brechen. Schließlich lässt ein Bruder in Unwissenheit dessen den anderen morden. Eine Genre-Mix also aus Brechts episch dialektischem Theater, griechischer Tragödie und Hollywooddrama. Trotz allem, oder gerade deswegen ist der Film weder platte Kapitalismuskritik noch Genrekino. Er geht viel weiter. Baskowa zeigt eindeutig ihre Sympathie für die sich in Russland neugründende freie Gewerkschaftsbewegung. Der Titel des Films lässt sich natürlich auch nicht ganz ohne Absicht auf das Werk „Für Marx“ des französischen Philosophen und marxistischen Theoretikers Louis Althusser zurückführen. Denn der Klassenkampf in der Theorie ist nicht nur im heutigen Russland wieder bittere Praxis.

Filmausschnitt auf der Website von Svetlana Baskova.

Der Balkan ist eine Region Osteuropas, die aus dem internationalen Kino so gut wie nicht mehr wegzudenken ist. Besonders mit Filmen von Emir Kusturica (Regie) und Goran Bregović (Musik) sind die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens seit Ende der 80er Jahre zu einiger Bekanntheit gelangt. In Kusturicas Filmen (Time of the Gypsis, Underground, Schwarze Katze, weißer Kater (ohne Bregović)) stand vor allem das Leben der Roma im ehemaligen Jugoslawien und natürlich der Balkan-Krieg im Vordergrund. Mit ihren teilweise mystisch aufgeladenen Bildern und einer kraftvollen traditionellen Musikuntermalung haben sie in Westeuropa einen reglerechten Balkanbrass-Boom ausgelöst, der immer noch anhält. Die Vermarktung der Filmmusik war dann aber auch einer der Gründe, die zum Zerwürfnis der beiden Künstler führte. Die zahlreichen Pro-serbischen Statements des in Sarajevo geborenen Regisseurs Emir Kusturica haben ihm nach den Kriegen auf dem Balkan immer wieder Kritik einbrachte. Sein internationaler Ruhm ist aber nach wie vor ungebrochen, was regelmäßige Einladungen zu den Filmfestspielen in Cannes und Venedig sowie zahlreiche Filmpreise bezeugen.

Der Krieg auf dem Balkan ist auch in den neueren Filmproduktionen aus Kroatien, Serbien und Bosnien-Herzegowina immer noch vorherrschendes Thema, wie auch in diversen Filmen der letzten Jahre auf dem Filmfestival in Cottbus. Bei der diesjährigen Berlinale war es daher neben dem Wettbewerbsbeitrag von Danis Tanović über eine Roma-Familie im heutigen Bosnien vor allem die serbisch-kroatisch-slowenische Koproduktion „Krugovi“ (Circles – Kreise) des Regisseurs Srdan Golubović im Forum, die in Verbindung mit Deutschland und Frankreich mit ihrem nationenübergreifenden Plädoyer wider das Vergessen der Kriegsereignisse auffiel. Der Film beschreibt in den Anfangsminuten ein Ereignis aus den Tagen des serbisch-bosnischen Kriegs 1993 in Trebinje (im heute serbischen Südteil der Herzegowina (Republik Srpska) gelegen) bei der der bosnische Kioskbetreiber Haris (Leon Lucev) aus nichtigem Grund von drei serbischen Soldaten brutal misshandelt wird. Ihm kommt der Serbe Marko (Vuk Kostic) zu Hilfe. Es wird zunächst offen gelassen, was aus den Beteiligten in Folge dessen geschieht. Unausgesprochene Wahrheit ist aber, dass Marko seinen mutigen Einsatz für Haris mit dem Leben bezahlen musste. Der Film setzt 12 Jahre nach dem Ereignis wieder ein, und führt einige der Menschen aus dem Umkreis der damaligen Geschehnisse wieder zusammen. Haris lebt inzwischen mit seiner deutschen Frau und zwei Kindern in Halle/Saale. Er ist, wie es Markos Vater einmal treffend sagen wird, der Mann der nie vergisst. Selbstlos, ohne an die Folgen für sich und seine Familie zu denken, hilft er der ehemaligen Freundin von Marko Nada (Hristina Popovic), als sie mit ihrem Sohn vor ihrem brutalen Mann nach Halle flieht. Er setzt schließlich sogar sein eigenes Leben für sie ein.

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Kreise der Hoffnung. Foto: Kurt Bouda / pixelio.de

Ganz anders verhält sich einer der Täter. Todor (Boris Isakovic) liegt in Belgrad als Unfallopfer auf dem Operationstisch des Arztes Nebojša (Nebojša Glogovac), einem Freund von Marko. In mehreren Gesprächen mit Nebojša ist Todor nicht bereit aus freien Stücken sein Schuld einzugestehen und bringt den Arzt und Freund damit in einen moralischen Zwiespalt. Die Tat von damals zieht ihre Kreise weiter bis in das heutige Leben der Protagonisten. Markos Vater Ranko (Aleksandar Bercek), der immer noch in Trebinje lebt, baut eine im Krieg zerstörte orthodoxe Kirche wieder auf. In diesem Teil der Handlung kommt es zur Begegnung zwischen dem alten verbitterten Mann und Boddan, dem Sohn (Nikola Rakocevic) eines der Mörder. Aus der anfänglichen Abneigung des Alten entwickelt sich aber im Laufe der Zeit schließlich eine fast väterliche Zuneigung. Im Nachdenken darüber, ob der Tod des Sohnes umsonst war, prägt Markos Vater dann auch das Bild des Steins, der ins Wasser geworfen, Kreise gegen das Vergessen aber auch für eine Hoffnung auf Aussöhnung ziehen kann. Hier in der Zusammenarbeit mit der Folgegeneration der Täter vollzieht er einen Anfang. Wie schon Arsen Anton Ostojić mit seinem bosnischen Drama „Halimin Put” (Halimas Weg) im Wettbewerb des 22. Filmfestivals Cottbus ist Srdan Golubović mit „Krugovi“ ein einfühlsamer und nachdenklich stimmender Beitrag zur notwendigen Aufarbeitung der Kriegsereignisse auf dem Balkan gelungen. Der Film erhielt den Preis der Ökumenischen Jury im Forum.

Deutsche Beiträge im Internationalen Forum des jungen Films sowie Preisträger und Gäste der Perspektive Deutsches Kino

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Zum Schluss dann doch noch ein kleines Fazit  zum deutschen Film auf der Berlinale 2013. Nach drei recht guten Filmen im Wettbewerb der letzten Berlinale gab es in diesem Jahr nur den mäßig spannenden Westernverschnitt „Gold“ von Thomas Arslan nach Machart der Berliner Schule und die recht schmale deutsch-französisch-südafrikanische Koproduktion „Layla Fourie“ der jungen Regisseurin Pia Marais. Gegenüber den Preisträgerfilmen fielen diese Beiträge doch qualitativ etwas ab. Noch schmaler war  der Auftritt das deutschen Films in den anderen Sektionen des Festivals. Im Internationalen Forum des jungen Films liefen einige Produktionen aus dem Dunstkreis des Berliner Schule wie „Echolot“ von Athanasios Karanikolas, der Regieseminare an der Schauspielschule Ernst-Busch gibt und zusammen mit zehn Schauspielabsolventen des Jahres 2011 dieses Filmexperiment entwickelt hat. In fast dokumentarischen, improvisiert wirkendenden Einstellungen beobachtet Karanikolas die jungen Menschen bei einer sehr eigenen Art von Trauerarbeit an einem Wochenende in einem brandenburgischen Landhaus. Dorthin hatte sich einer ihrer Freunde zurückgezogen, bis er sich von allen unerwartet im See ertränkte. Teilweise unfähig, sich zu dieser Tat zu verhalten, feiern sie eine zügellose Party und ergeben sich ihren spontanen Gefühlen. Sie trinken, philosophieren, streiten oder lieben sich, ohne dabei an irgendwelche Konsequenzen zu denken. Das Ergebnis ist daraufhin auch eher ernüchternd.

Karanikolas Bestandsaufnahme der Clique aus lauter zum Teil typisch kreativ mit sich selbst beschäftigten Mitzwanzigern zeigt, dass der Zusammenhalt der Gruppe und die Anteilnahme am früheren Leben des Toten schon länger nicht mehr wirklich existierte. Der Regisseur holt einige der Freunde wie zur Erklärung noch mal vor die Kamera. In diesen dokumentarisch gefilmten Reflektionen geht es noch einmal um die Aufarbeitung der Vergangenheit und ihren Nachhall in der Gegenwart. Eine gemeinsame Zukunft scheint jedoch nicht vorstellbar. Durch das gezwungene Nachdenken über das kaum fassbare Ereignis sind alle plötzlich auch mit ihrem eigenen Leben konfrontiert. Leider fällt ihnen dabei nicht viel zum Thema ein. Dieses allzu spontane filmische Ausloten von gruppendynamischen Prozessen verhallt ohne großes Echo. So können auch nur 77 min. recht lang werden. Einige der Darsteller waren schon 2009 während des Schauspielstudiums an Berliner Theatern zu sehen. Wie z.B. Bettina Burchard und Nina Horvath in „Klassen Feind“ an der Schaubühne oder Thomas Halle, Julian Keck, Aenne Schwarz, Marco Portmann, Arndt Wille und Henning Bosse in Andreas Kriegenburgs „Hamlet“-Inszenierung in der Box des Deutschen Theaters. Momentan befinden sich alle von Rostock über Berlin, Cottbus, Jena, Mannheim, Karlsruhe, Nürnberg oder Ingolstadt bis hin nach Wien in ersten festen Theaterengagements.

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Mit Anne Ratte-Polle ist eine weitere bereits bekannte Theaterschauspielerin der Berliner Volksbühne im Forumsbeitrag „Halbschatten“ von Nicolas Wackerbarth zu sehen. Sie war bereits einmal 2004 mit der Verfilmung des Theaterstücks „Die Nacht singt ihre Lieder“ von Jon Fosse in der Regie von Romuald Karmakar mit dem verstorbenen Frank Giering als Filmpartner im Wettbewerb der Berlinale vertreten. Sie spielte damals eine junge Frau die ihren antriebsschwachen und erfolglosen Schriftstellerehemann verlassen will. In „Halbschatten“ tritt ein Mann erst gar nicht in Aktion. Merle reist in das Ferienhaus ihres Geliebten an der südfranzösischen Côte d’Azur, trifft dort aber nur auf seine Kinder. Man zeigt erst kein sehr großes Interesse aneinander. Erst als der Geliebte weiterhin ausbleibt, lässt sich Merle eher notgedrungen auf die anfänglich spröden Kinder ein. So gerne man Anne Ratte-Polle bei ihrem Spiel zusieht, es wirkt doch etwas zu abgeklärt. Obwohl Merles Motive die ganze Zeit wie im besagten Halbschatten bleiben, besitzt die Figur kaum Geheimnisvolles oder irgendwelche Ambivalenzen. Der Film strahlt keine Dringlichkeit aus und verliert sich mehr und mehr in den Befindlichkeiten der Protagonisten. Die erst stille Beobachterin Merle, die anfänglich so ungewollt von außen in diese Familie einzudringen scheint, steigt auch nur wie zum Schein in die Welt der Kinder ein, um sich dann doch schnell wieder gelangweilt abzuwenden. Die Flucht am Ende scheint wie geplant, obwohl sie doch eher spontan wirken soll.

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bei der Vorführung des Films „Halbschatten“ im Kino Arsenal – Foto: St. B.

Wesentlich interessanter und thematisch breit gefächerter sind da meist die Filme der Perspektive Deutsches Kino. Die in diesem Jahr wieder einmal ihren Preis „Dialogue en perspective“ an zwei künstlerisch und gesellschaftlich sehr engagierter Spielfilm verlieh. Der 26-minütige Kurzfilm „Chiralia“ von Santiago Gil spielt in ruhigen fast meditativen Einstellungen an einem Waldsee mit den Wahrnehmungen und Gefühlen der durch das Verschwinden eines Jungen beim Baden im See zufällig aufeinander treffenden Personen, die über sich, den jeweils anderen oder eigene Kindheitserinnerungen zu reflektieren beginnen. Der Vater, ein junges Paar und eine ältere Frau zwischen Angst, Apathie, Gleichgültigkeit und Mitfühlen, das Ereignis zieht alle unweigerlich kurzzeitig in ihren Bann.

In „Zwei Mütter“ von Anne Zohra Berrached ringt ein lesbisches Paar (Karina Plachetka und Sabine Wolf) mit ihrem Wunsch ein Kind zu bekommen und den bürokratischen Hürden in Deutschland. Die juristisch ungeklärten Folgen einer künstlichen Befruchtung und dem daraus entstehenden Nachwuchs machen es ihnen unmöglich auf üblichem normalen Weg ihren Kinderwunsch zu verwirklichen. Nur wenige Ärzte lassen sich auf diese Konstellation ohne Erzeuger oder solventem Vater ein. Als endlich ein Arzt gefunden ist, will die Behandlung trotz mehreren Versuchen nicht anschlagen. Aus finanziellen Erwägungen entschließen sich die beiden die teure Behandlung abzubrechen und in der Grauzone der Internetforen nach einem Spender zu suchen. Dabei gehen die Vorstellungen und Erwartungen zu den potentiellen Vätern sowie deren Motivationen und Forderungen bald sehr weit auseinander und strapazieren die Beziehung der beiden Frauen bis zur unvermeidlichen Zerreisprobe. Das kompromisslose Vorgehen der eine Frau auf dem Weg schwanger zu werden, verletzt die andere Frau in ihrem Selbstverständnis als Partnerin und lässt sie sich als Mutter zurückgesetzt fühlen.

Anne Zohra Berrached hat viel in den verschiedenen Szenen recherchiert und einige authentische Protagonisten wie Ärzte und Samenspender für ihren Film gewinnen können. Auch die beiden Schauspielerinnen zeigen des strapazierte Gefühls- und Alltagsleben des Paars mit sehr viel darstellerischem Einsatz und Einfühlungsvermögen. Ein dringliches Statement für die Gleichstellung lesbischer Paare und die juristische Klärung der dargestellten Grauzone bei der künstlichen Befruchtung und der leidlichen finanziellen Versorgungsfrage. Zwar geht der Kinderwunsch irgendwann in Erfüllung, die Beziehung ist auf dem Weg dahin aber fast schon auf der Strecke geblieben. Der Film lässt letztendlich offen, ob sich die beiden noch zu ihrem Glück als zwei gleichberechtigte Mütter finden können.

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Ein Highlight zum Ende der Berlinale war mit Sicherheit der Gast des Filmfests Saarbrücken.Der mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnete österreichische Film „Der Glanz der Tage“ der Regiesseure Tizza Covi und Rainer Frimmel (u.a. „La Pivellina“) lief wie immer am Berlinale-Sonntag im Rahmen derPerspektive Deutsches Kino. In den Hauptrollen sind der bekannte österreichische Theaterschauspieler Philipp Hochmaier, der sich selbst, und der Zirkuskünstler und ehemalige Bärendompteur Walter Saabl, der den unverhofft nach Jahren auftauchenden Onkel Walter spielt, zu sehen. Die semidokumentarische Produktion begleitet beide bei ihrem langsamen Kennenlernen. Sie führen viele  Gespräche über die Vergangenheit der Familie und ihre sehr ähnlichen Berufe, bei denen beide ständig auf Achse sind. Hochmaier an verschiedenen Theatern zwischen Hamburger Thalia und Wiener Burg und der bereits im Ruhestand befindliche Walter bei der Suche nach den Orten seiner schwierigen Kindheit. Nach und nach entwickelt sich zwischen den beiden, durch die plötzliche Notwendigkeit einander zuhören zu müssen, eine gegenseitige Achtung und Freundschaft. Wofür der vielbeschäftigte Hochmaier früher kaum Zeit hatte, da er sich nur durch seine kreative Arbeit definiert und seine Träume und Süchte am Theater auslebt. Der Erfolg auf der Bühne ist dann auch das, was Hochmaier den „Glanz des Tages“ nennt. Erst die Geschichten des Onkels lassen ihn inne halten und sich erstmalig selbst reflektieren.

Walter Saabel und Philipp Hochmaier in DER GLANZ DES TAGES / THE SHINE OF DAY – Ausschnitt / ventofilmproductions auf YouTube

Der Film, der bereits im August 2012 auf dem 65. Filmfestival in Locarno Premiere hatte, besitzt auch eine spannende Nebenhandlung. Der Nachbar von Philipp Hochmaier in Wien stammt aus Moldavien. Victor lebt zur seit allein mit seinem beiden kleinen Kindern, da seine Frau zu einem Begräbnis in die Heimat zurückgefahren ist. Eine Wiedereinreise nach Österreich wird ihr verweigert, da sie als Asylbewerberin das Land nicht hätte verlassen dürfen. Da Victor tagsüber arbeiten muss, kann er sich nicht immer um seine Kinder kümmern. Hier nun springt Walter ein. Aus seiner schlechten Erfahrung als Heimkind heraus, beginnt er, ohne erst lange zu überlegen, sich der Kinder anzunehmen. Und er plant sogar eine Reise nach Moldavien. Spätestens hier schließt sich dann auch wieder der Kreis nach Osteuropa. Walter Saales bekam für seine Rolle in Locarno den Preis als bester Darsteller. „Der Glanz des Tages“ ist einerseits eine genaue Lebensbeschreibung des Extrem-Schauspielers Philipp Hochmaier, der erst im letzten Jahr mit dem Faust-Projekt von Nicolas Stemann beim Berliner Theatertreffen gastierte, und seiner Welt des Theaters. Man sieht ihn z.B. bei Proben zu Büchners „Woyzeck“ am Thalia Theater Hamburg (Regie: Jette Steckel) und in Peter Handkes „Untertagblues“ am Akademietheater Wien (Regie: Friederike Heller). Dagegen werden die realen Alltagsgeschichten aus dem Leben Walters und Victors geschnitten, was zusammen eine interessante Mischung aus Biografischem und Fiktion ergibt. Ein filmisches Schmankerl nicht nur für Theaterinteressierte.

Kinostart: 19.04.2013

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 Die Ticket-Kassen haben wieder geschlossen. berlinale-tickets-2013.jpg

Alle Preisträger der 63. Berlinale 2013 im Überblick.

Die 64. Berlinale findet vom 13.02. – 23.02.2014 statt. Dann auch wieder im neueröffneten Zoo-Palast.

Fotos, wenn nicht anders angegeben: St. B.

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Das Tier und der menschliche Wahnsinn in den Filmen des Wettbewerbs auf der Berlinale 2011

Samstag, Februar 19th, 2011

Die diesjährige Berlinale scheint ihr Thema gefunden zu haben, es ist das Tier in allen möglichen Gattungen und seine Wirkung auf die menschliche Psyche. Mal beruhigend bei Trennungsschmerz, mal als Auslöser von Torschlusspanik bei Mitdreißigern, als Symbol für den Tod oder das Fremde und als mystisches Sehnsuchtswesen eines afrikaverrückten Arztes. Der Wahnsinn in seinen verschiedenen Spielarten ist allen diese Figuren in irgendeiner Weise eingeschrieben.

Béla Tarr erzählt uns in seinem neuen Film einen vom Turiner Pferd

“Der Mensch als Gattung stellt keinen Fortschritt im Vergleich zu irgendeinem Tier dar. Die gesamte Tier- und Pflanzenwelt entwickelt sich nicht vom Niederen zum Höheren…” – Friedrich Nietzsche

Dieses Zitat Nietzsches muss der ungarische Regisseur Béla Tarr wörtlich genommen haben. Ausgehend von einem nicht näher belegten Ereignis in Turin des Jahres 1889, in dem Nietzsche dem von einem Kutscher misshandeltem Pferd weinend um den Hals fällt, erzählt er die unbekannte Geschichte dieses Kutschers und seinem Pferd als dumpfes Untergangsszenario in einem nie enden wollenden Sturm der in völlige Finsternis mündet. Nietzsche sah in dieser Begegnung seine Vision bestätigt, die er bereits 1888 in einem Brief an den Maler und Schriftsteller Reinhart von Seydlitz schilderte: „Winterlandschaft. Ein alter Fuhrmann, der mit dem Ausdruck des brutalsten Cynismus, härter noch als der Winter ringsherum, sein Wasser an seinem Pferd abschlägt. Das Pferd, die arme geschundene Creatur, blickt sich um, dankbar, sehr dankbar“. Nietzsche fällt daraufhin in eine geistige Umnachtung, die 10 Jahre andauern soll und mit seinem Tod endet.
Tarr ist ein Meister langer Einstellungen und harter Schwarz-Weiß-Bilder. In seinen Filmen stellt er in teils surrealen Bildern immer wieder die Unfähigkeit der Menschen zu Empathie und wahrer Liebe dar. In „Werckmeister Harmonies“ wird ein Wanderzirkus mit einem riesigen Wal zum Sinnbild für das Fremde, das Gefüge einer Kleinstadt störend, deren Bewohner sich in einem von einem Demagogen angestachelten Exzess von Gewalt Luft verschaffen. Dabei gab es aber immer auch einen Protagonisten, der sich diesen Bestrebungen mit Witz und dem naiven Glauben an die Menschlichkeit entgegenstellte. In „The Turin Horse” gibt es diese Figur nicht mehr. Der Stumpfsinn hat gesiegt, das Ende der Welt ist nahe. Innerhalb von 6 Tagen wird diese gewohnte Welt des Kutschers und seiner Tochter aus den Fugen geraten, jeder Ausbruchsversuch ist schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt. Der Wind heult unentwegt und die minimalistische Musik von Mihály Víg verdichtet diesen 2 1/2-stündigen Film zu einer Tour de Force für alle Zuschauer. Die Kamera von Fred Kelemen folgt zunächst stringent in langen Einstellungen dem immer gleichen Tagesablauf der Protagonisten, vom An- und Auskleiden, Wasserholen, dem obligatorischen Schnaps zum Frühstück, dem vergeblichen Anschirren des kranken Pferdes bis zum Abendmahl mit heißer Pellkartoffel. Diese eindrücklichen langsamen Bilder des deutschen Regisseurs und langjährigen Kameramanns von Béla Tarr erzählen von der Härte der Natur und der Verlorenheit des Menschen darin.
Nur wenige Variationen lässt Béla Tarr zu. Einmal kommt der Nachbar, dem der Palinka ausgegangen ist, durch den Sturm zum Haus der Beiden und erzählt vom Untergang der Stadt in Dekadenz und dem immer währenden Kampf zwischen Herrschaft und Unterwerfung. Das Drehbuch stammt wieder vom Schriftsteller László Krasznahorkai, viel gesprochen wird dennoch nicht. Der Alte (János Derzsi) knurrt nur und herrscht seine Tochter (Erika Bók) an. Sie muss ihn immer wieder an- und auskleiden, da er einen steifen Arm hat. Bisweilen trocken und mehlig, wie die Pellkartoffeln an denen sie still kauen, wirkt dieser Film. Da das Pferd nicht mehr frisst und nicht aus dem Stall will, bleibt die Hütte der Ort des weiteren Geschehens. Der Alte sieht müde aus dem Fenster in den Sturm. Ein Wagen mit Zigeunern kommt vorbei auf dem Weg nach Amerika, sie wollen aus dem Brunnen trinken. Der Alte verjagt sie wütend mit der Axt. Die Tochter liest zögerlich religiöse Verse aus einem Buch, das ihr einer der Zigeuner geschenkt hat. Am nächsten Tag ist der Sturm vorbei und der Brunnen versiegt. Es wird nicht mehr hell und das Feuer geht langsam aus. Dennoch bleiben sie bei ihrem Tagesablauf, der Alte beißt in die rohe Kartoffel und befiehlt seiner Tochter ebenfalls zu essen, doch sie hat wie das Pferd bereits aufgegeben.
Das Leben als sinnloser Kreislauf des Werden und Vergehens, das ist das filmische Vermächtnis des Béla Tarr, das sich in seiner ausweglosen Entgültigkeit gewaschen hat, auch ohne Wasser. Tarrs Nihilismus demontiert Nietzsches Theorie vom Übermenschen konsequent. „Die Schwachen und Mißratnen sollen zugrunde gehn: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.“ (Nietzsche aus „Antichrist“) Nach Tarr haben sie das nun gründlich selbst besorgt. Der Meister schickt uns nach dem Film mit einer knappen Geste nach Hause. Das Mitleiden hat für dieses Mal ein Ende.

Der Mensch ist nur ein Seil, gespannt zwischen dem Tier und dem Übermensch. Ein Seil über einem Abgrunde. – Friedrich Nietzsche aus „Also sprach Zarathustra“

Afrika for ever – In „Schlafkrankheit“ von Ulrich Köhler verliert sich ein Arzt im Dschungel seiner Sehnsüchte

Mit Ulrich Köhler ist in diesem Jahr wieder ein Vertreter der „Berliner Schule“ im Wettbewerb vertreten. 2009 gewann Maren Ade, Lebensgefährtin von Ulrich Köhler, mit „Alle anderen“ den großen Preis der Berlinale-Jury. Köhler dürfte das mit seinem Film wohl schwerlich gelingen. Er ist so etwas wie der Mystiker unter den Regisseuren der „Berliner Schule“, seine Figuren brechen aus gewohnten Bahnen aus und verlieren sich an unwirklich anmutenden Orten wie einem Ferienhaus in „Bungalow“ und einem surrealen Hotel in „Montag kommen die Fenster“.
In Schlafkrankheit geht es um eine Paar, das jahrelang Entwicklungshilfe in Afrika geleistet hat. Ebbo (Pierre Bokma, niederländischer Schauspieler, z.Zt. an den Münchner Kammerspielen) und Vera Velten (Jenny Schily, bekannt aus Inszenierungen der Schaubühne Berlin) wollen nun wegen ihrer Tochter nach Deutschland zurück kehren. Ebbo ist Arzt und leitet ein Projekt zur Bekämpfung der Schlafkrankheit in Kamerun. Auch Köhler hat mit seinen Eltern einige Zeit in Afrika verbracht. Ganz ruhig und unspektakulär erzählt er die Geschichte von verlorenen Illusionen und dem ewigen Kampf um Geld und die Zweckentfremdung von Fördermitteln. Dennoch hält Ebbo etwas in Afrika, er liebt das Land, die Arbeit hier füllt ihn aus, in Deutschland erwartet in nichts. Unter Tränen erklärt er seiner Frau am Telefon, dass er nicht zurückkehren wird.
Als nach Jahren Alex Nzila (Jean-Christophe Folly), ein junger französischer Arzt mit afrikanischen Wurzeln, zu einer Einschätzung des Schlafkrankheitsprogramms nach Afrika fährt, trifft er nach längere Fahrt in den Dschungel und einiger Wartezeit auf Ebbo, der sich häuslich eingerichtet hat, eine einheimische Frau besitzt, die schwanger von ihm ist und zweifelhafte Projekte wie ein Hüttendorf für Touristen betreibt. Ein Ähnlichkeit zu Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ ist nicht von der Hand zu weisen. Alex, der wegen seiner Hautfarbe und Homosexualität erst selbst noch in Frankreich diskriminiert wurde, bewegt sich wie ein ignoranter Europäer durch Afrika, voller Vorurteile und ständig auf der Hut übervorteilt zu werden. Er findet keine Beziehung zu Ebbo, alles ist ihm fremd. Ebbo dagegen gefällt sich in der Rolle des Wohltäters, herrscht seine Bediensteten an und hat sich an die Korrumpierbarkeit der Beamten und des Militärs gewöhnt. Mit einem Franzosen geht er zur Nilpferdjagd. Dieses mystische Tier Afrikas steht als Sinnbild für Kraft und ist gefürchtet für seine Gewaltausbrüche. Nach einem Streit verlieren sich die Jäger im Dunkel des Dschungels. Ein Schuss fällt, Alex sieht am nächsten morgen ein Nilpferd, das kurz durchs Bild läuft. Es bleibt offen, was mit Ebbo passiert ist. Der undurchdringliche Dschungel hat ihn verschluckt, er ist an seinem Sehnsuchtsort verloren gegangen.
Das wäre eine gute Story für den Mystiker unter den Dramatikern Roland Schimmelpfennig, der sich aber lieber mit einer Holzpuppe und dem Gesichts Gottes als Metapher für das unerklärbare Afrika beschäftigt hat. Ulrich Köhler weiß auch nicht so recht, was er dem Stoff anfangen soll, der Europäer als Fremdkörper und ewiger Kolonist, kann nicht von diesem Kontinent seiner Träume lassen. Es tun sich aber keine wirklichen Abgründe der Seelen wie bei Conrads Roman auf. „Der Mensch ist ein bösartiges Tier. Seine Bösartigkeit muss organisiert werden. Das Verbrechen ist eine notwendige Bedingung der organisierten Existenz. Die Gesellschaft ist ihrem Wesen nach kriminell, sonst würde sie nicht existieren (…) Wir gehen mit Worten Kompromisse ein. Es hilft uns auch nicht weiter. Es ist wie ein Wald, in dem niemand den Weg kennt. Man ist verloren, während man noch ruft: `Ich bin gerettet!`“ – Joseph Conrad

Noch 30 Tage bis Paw Paw – Eine Katze verändert das eingefahrene Leben zweier Mitdreißiger in „The Futur“ von Miranda July

Das Leben und dazu eine Katze, das gibt eine unglaubliche Summe. – Rainer Maria Rilke

So ist es auch im zweitem Spielfilm des US-amerikanischen Multi-Talents Miranda July, in dem sie auch wieder wie in „Ich und Du und Alle, die wir kennen“ (Goldene Kamera in Cannes 2005 für das beste Debüt) die weibliche Hauptrolle übernimmt. Die Katze heißt Paw Paw (Pfötchen) und ist einem Paar in den Dreißigern zugelaufen. Sie wollen es adoptieren, um mehr Verantwortung in ihrem Leben zu übernehmen. Sie bekommen aber noch mal 30 Tage Bedenkzeit, da die verletzte Pfote des Streuners erst im Tierheim gesund gepflegt werden muss. Dass die kranke Katze nicht nur ein paar Monate zu leben hat, sondern auch gut und gerne 5 Jahre, versetzt die beiden, die ihr Leben fast nur noch im Internet verbringen, in totale Torschlusspanik. In 5 Jahren ist man schließlich schon 40 und das ist ja fast schon 50. Sie wollen die letzten 30 Tage ohne Verantwortung dann auch voll nutzen, kündigen spontan ihre langweiligen Jobs als IT-Serviceberater und Tanzlehrerin für Kinder und stürzen sich in neue Projekte. Jason (Hamish Linklater) widmet sich dem Klimaschutz und zieht von Haustür zu Haustür, um Bäume zu verkaufen. Sophie will 30 Tänze kreieren, jeden Tag einen neuen und ins Internet stellen. Sie scheitern natürlich beide an ihren zu hoch geschraubten Zielen. Letztendlich sind das alles nur vergebliche Ausbruchsversuche aus ihrer lahm liegenden Beziehung.
Aus dem Off reflektiert die Katze mit der verfremdeten Stimme von Miranda July über das ungebundene Leben in der Wildnis, freut sich aber auf ein ruhiges Leben bei den Beiden, die sie nun aufnehmen werden und sie signalisiert schon mal durch Schnurren Bereitschaft. Bereit für einen gemeinsamen Neuanfang ist das Paar aber nicht wirklich. Sophie drängt es zu einem alleinerziehenden Schilderdesigner aus einer Vorstadtsiedlung und einer schnellen Affäre, Jason trifft einen bereits 60 Jahre verheirateten Mann, dem er einen alten Fön abkauft und sich seine Weisheiten über die Liebe und Paarbeziehungen im allgemeinen anhört. Seine erst 4 Jahre währende Beziehung zu Sophie erscheint Jason bereits ewig, ist aber in den Augen des Alten nur der Anfang und der ist ja bekanntlich schwer. Der Film ist auch eine Geschichte über das Vergehen von Lebenszeit und die unterschiedliche Wahrnehmung dessen. In einer albtraumhaften Sequenz sieht Sophie ihre Freundinnen vor sich, erst schwanger, dann mit Kindern und schließlich stehen diese dann vor ihr und wollen ihre Kind zum Tanzkurs anmelden. Die Zeit rast in ihren Augen und auch Jason versucht diese einfach anzuhalten, muss aber erkennen, das die gemeinsame Zeit nur in seiner Vorstellung fest steht und Sophie sich auch so längst von ihm entfernt hat.
Beide verpassen den Abholtermin für die Katze, die bereits voll Ungeduld gewartet hatte und sich die Länge von 30 Tage vorzustellen versucht. Sie stirbt am Ende, ob es einen Neuanfang für Sophie und Jason geben wird bleibt offen. Miranda July gelingt mit viel Selbstironie und Humor, der auch in seinen leicht kitschig melancholischen Momenten nie aufgesetzt wirkt, ein durchaus überzeugendes Porträt von zwei Menschen, die nicht so richtig zu wissen scheinen, worum es ihnen im Leben geht. Miranda July hat diesen Stoff, wie sie im anschließenden Gespräch erklärt, aus einer ihrer Kurzgeschichten entlehnt und die ihrer Meinung nach etwas langweilige Story durch entsprechend assoziative Bilder zu verstärken versucht. Durchaus sehr sympathisch dieser Versuch, leider aber auch etwas zu nett. Der Konfliktstoff bleibt bisweilen in diesen visuellen Fantastereien stecken.

Der Film, der an diesem Abend in der Reihe „Berlinale goes Kiez“ im Kino Adria an der Steglitzer Schloßstraße lief, wurde von Maren Ade präsentiert, deren Lebensgefährte Ulrich Köhler seinen Film „Schlafkrankheit“ im Wettbewerb zeigte. Und so wurde der Abend noch zu einer Veranstaltung der „Berliner Schule“, mit der Miranda July auch persönlich verbandelt ist. Zum zweiten Film des Abends erschienen doch tatsächlich Dieter Kosslick und Christoph Terhechte und stellten mit Christian Petzold und seinem Film „Etwas Besseres als den Tod“ einen weiteren Vertreter dieser Richtung vor. Alle sprühten geradezu vor Witzigkeit und hatten sichtlich Spaß mal abseits des stressigen Berlinale-Alltags.
Der Film von Petzold ist ein Beitrag zu dem dreiteiligen Projekt „DreiLeben mit den Regisseuren Dominik Graf und Christoph Hochhäusler, das im Forum der Berlinale lief. Es erzählt mit jeweils anderen Protagonisten in den Hauptrollen, die Geschichte eines entlaufenen Frauenmörders (Stefan Kurt) und weiterer Figuren aus dem Umfeld einer kleinen Stadt im Thüringer Wald. Der erste Teil von Christian Petzold dreht sich um die Liebesgeschichte zwischen einem Medizinstudenten (Jacob Matschenz) der in einem Krankenhaus ein Praktikum macht und einem bosnischen Zimmermädchen (Luna Mijovic, bekannt aus dem Berlinalesieger von 2006 „Grbavica“). Die Liebe scheitert an Vorurteilen und den verschieden Vorstellungen über eine gemeinsame Zukunft. Das Mädchen wird schließlich dem Mörder zum Opfer fallen, es gibt eine kurze Horrorschockszene in Petzolds Film und unheimlich gefilmte Bilder des Waldes. Man kann sich sicher auf die Ausstrahlung im Herbst in der ARD freuen, zwischen Tagesschau, Wetter und Anne Will, wie Petzold gut aufgelegt witzelte. Aber vielleicht kommt ja auch ein Championsleaguespiel dazwischen.

Wie die Väter, so die Söhne und Töchter – Andres Veiel psychologisiert die 68er in seinem ersten Spielfilm „Wer wenn nicht wir“, einem Portrait von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper

Eine Katze steht auch im Mittelpunkt der Schlüsselszene des ersten Spielfilms des Dokumentarfilmers Andres Veiel. Veil wurde bekannt durch wunderbare Dokumentationen, wie etwa über junge Schauspielschüler (Die Spielwütigen, 2004), über den brutalen Mord an einem 16-jährigen Jungen im brandenburgischen Potzlow (Der Kick, 2006, nach seinem gleichnamigen Theaterstück am Gorki Berlin, 2001) und nicht zu letzt durch den 2001 gedrehten Dokumentarfilm „Black Box BRD“, in dem er die Biografien des von der RAF ermordeten Deutsche-Bank-Vorstandssprechers Alfred Herrhausen und die des bei seiner Festnahme in Bad Kleinen auf bisher ungeklärte Weise ums Leben gekommenen RAF-Terroristen Wolfgang Grams. Nun hat sich Veiel der Biografie des Paares Gudrun Ensslin und Bernward Vesper angenommen, beide Leitfiguren der 68er Studentenbewegung, deren Liebe letztendlich nicht nur an den unterschiedlichen Ansichten über den Weg zu notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen scheitern.
Der Film beginnt kurz nach dem 2. Weltkrieg im Elternhaus des 8jährigen Bernward im niedersächsischen Triangel. Die besagte Katze gehört dem Jungen. Der Vater erschießt die Katze, weil sie den Nachtigallen im Park nachstellt. Im ruhigen Verständnis heischenden Ton erklärt er Bernward, das Katzen nicht zum Menschen passen, da sie die Juden unter den Tieren sind. Diese Szene ist prägend für den jungen Vesper, er hat sie auch in seinem Drogentrip „Die Reise“, einer Abrechnung mit der Elterngeneration, beschrieben. Der Roman blieb Fragment, da sich Vesper im Jahr 1971 in der Psychiatrie das leben nahm. Der Vater Will Vesper, dargestellt vom Theaterschauspieler Thomas Thieme, war eine glühender Hitler-Verehrer und sogenannter Blut-und-Boden-Dichter, der gegen jüdische und liberale Schriftsteller und Verleger hetzte. Dennoch verehrte Bernward Vesper sehr seinen Vater auch noch nach dem Krieg und begann auf des Zuraten hin selbst zu schreiben. August Diel stellt ihn sehr schön zwischen selbstbewusstem politischem Verleger und schwankend in der Distanz zu seinem Vater dar. 1961 lernt er Gudrun Ensslin an der Uni Tübingen kennen, wo sie u.a. Germanistik studieren und Vorlesungen bei Walter Jens besuchen. Beide gründen einen Verlag, um die alten Bücher Will Vespers aber auch linke Schriften und ein Buch von Stokely Carmichael, einem der Führer der afroamerikanischen Black Panther Party, heraus zu bringen.
Der Film, der auf dem Buch „Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus“ des Publizisten und Historikers Gerd Koenen beruht, beschreibt das in allen Einzelheiten. Die Annäherung der beiden erfolgt erst zögerlich, dann aber um so heftiger. Sie ziehen zusammen, erst zu dritt mit einer Freundin Gudruns. Dann entsteht aber schnell, eine fast symbiotische Beziehung zwischen Bernward und Gudrun. Beide versuchen sich aber auch unabhängig von einander zu verwirklichen, eine ständiger Kampf um Anerkennung und Abgrenzung zu den Eltern beginnt. Vesper geht fremd und Ensslin verletzt sich aus enttäuschter Liebe selbst. Sie geht eine kurze Beziehung zu Klaus Roehler ein, der ihr bei ihrer Dissertation über Hans Henny Jahnn helfen soll. Schließlich mündet der Kampf doch in den bürgerlichen Akt der Verlobung. Es folgen Verbindungen zur SPD-nahen Gruppe 47, die aber nicht ihrem Streben nach radikaleren Forderungen entsprechen. Veiel spult den Film wie ein Biopic ab. Es werden dokumentarische Szenen aus Nachrichten und alten schwarz-weiß-Dokumentationen eingespielt, um den zeitgeschichtlichen Bezug herzustellen. Von den ersten Atombombenversuchen in den USA, über den Beginn der großen Koalition von CDU mit Kiesinger und derSPD, dem obligatorischen Schahbesuch mit den Prügelszenen in Berlin, bis zum Kaufhausbrandprozess in Frankfurt geht die Kette direkt zur Begegnung mit Andreas Baader. Alexander Fehling spielt ihn als zwischen androgynem Wesen und dem üblichen Revolutionsposer. Seine Fotzenrhetorik hat Veiel aber bewusst vermieden, Gudrun Ensslin darf auch mal zurückschlagen und so ist sein Film im Gegensatz zum Bader-Meinhoff-Komplex auch nicht so reißerisch inszeniert. Es geht Veiel eher um ein Psychogramm dieser Zeit.
Gudrun Ensslin ist eine Figur, die aus Ablehnung gegen den Opportunismus der Vätergeneration heraus, zu der Einsicht gelangt, das man etwas tun muss. Eine Entdeckung ist dabei die junge Lena Lauzemis, die Gudrun Ensslins große Emotionalität und ihre emanzipierte Entschlossenheit wirklich anschaulich rüberbringen kann. Ensslin ist Vesper in jedem Moment geistig und in ihrer Entschlossenheit überlegen. Er kann ihr nicht mehr Paroli bieten. Aus der Erkenntnis, dass die Bundesrepublik mit ihrer angeblich freiheitlichen demokratischen Grundordnung die Geschichte des Nationalsozialismus nicht wirklich aufarbeitet und das im Bewusstsein der Menschen nicht ankommt, stellt sie sich gegen ihre bürgerliche Familie und radikalisiert sich, um den Massen ein Beispiel zu geben. Man muss das in gewisser Weise auch psychologisch sehen. Der Druck für intellektuelle Leute wie Ensslin, Meinhoff und auch Vesper war so groß, das es nur zwei Möglichkeiten für sie gab, entweder zerbrechen wie Vesper oder, oder der Weg in den Terror der RAF, der andere Wahnsinn, wie ihn Baader propagierte. Ein dazwischen gibt es für sie nicht, entweder dafür sein oder dagegen. Das ist auch der Widerspruch, der sich für viele nicht lösen ließ. Radikale Forderungen lassen sich in einer Demokratie nicht so schnell umsetzten. Eine im Knast eingefügte Szene zeigt Ensslin im Gespräch mit der Anstaltsleiterin, die an ihr Gewissen appelliert, mit dem Verweis auf kleine Schritte der Veränderung, um sie vom bewaffneten Kampf abzubringen. Dennoch steigen die Protagonisten der RAF aus und bilden eine in ihren Strukturen klar hierarchisch und diktatorisch durchorganisierte Organisation. Sie sind damit aber wieder im System der Väter angekommen. Diesen Weg will Veiel mit seinem Film beschreiben, leider pathologisiert er damit auch die gesamte 68er-Bewegung. Die Geschichte hat keine passende Lösung parat, es bleibt ein ewiges Suchen nach der Wahrheit. Hier bietet der Film auch keinen Antworten.

„Die Hoffnung ist wie ein wildes Tier“ – aus dem Briefwechsel von Heinrich Böll mit Ernst-Adolf Kunz 1945-1953

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