Archive for the ‘Berlinale 2012’ Category

Starke Schauspielerinnen in den Filmen der Berlinale 2012 – Eine kleine Auswahl

Freitag, Februar 17th, 2012

„Barbara“ von Christian Petzold mit Nina Hoss und Ronald Zehrfeld (Deutschland 2012, 105 min.) im Wettbewerb

Der Regisseur Christian Petzold ist seit 2003, als sein Film „Wolfsburg“ im Panorama lief, ein regelmäßiger Gast auf der Berlinale. Im letzten Jahr war er neben Christoph Hochhäusler und Dominik Graf mit dem „Dreileben”-Projekt im Forum vertreten. Sehnlichst erwartet wurde nun, nach „Gespenster“ 2005, „Yella“ 2007 und einem kurzen Ausflug mit „Jerichow“ 2008 nach Venedig, Petzolds dritter Anlauf im Berlinale-Wettbewerb. Und wieder ist Nina Hoss seine Hauptdarstellerin. „Barbara “ist bereits die fünfte Zusammenarbeit Petzolds mit der bekannten Film- und Theaterschauspielerin. Kein mystisch aufgeladenes Gegenwartsstück ist es diesmal geworden, Petzolds neuer Film führt ins Jahr 1980 zurück, in die Zeit vor der Wende, angesiedelt in der tiefsten DDR-Provinz. Es ist der Sommer der Olympischen Spiele in Moskau.

dsc06195.JPG Foto: St. B.
Wo sonst Busse die Vergnügungssüchtigen abladen, drängen sich nun die Cineasten. Der Friedrichstadtpalast zur Berlinale.

Die junge Kinderchirurgin Barbara ist nach einem Ausreiseantrag in ein Kinderkrankenhaus auf dem Lande nahe der Ostsee versetzt worden. Sie steht hier unter Sonderbewachung der örtlichen Stasi, ein Wagen ist fast rund um die Uhr zur Beobachtung abgestellt. In diesem paranoiden Klima misstraut sie jedem und „separiert“ sich zunächst auch, wie der ebenfalls noch recht junge Chefarzt feststellt und ihr offen davon abrät. Der von Ronald Zehrfeld, bekannt aus Dominik Grafs ebenfalls bereits auf der Berlinale gezeigtem Russenmafia-Mehrteiler „Im Angesicht des Verbrechens“, gespielte Andre versucht sich der kühl abwehrenden Frau zu nähern. Offen erzählt er seine eigene Geschichte, er wurde wegen eines medizinischen Fehlers in einer Klinik nahe Berlins ebenfalls strafversetzt. Andre ist nicht nur wegen der fachlichen Kompetenz Barbaras beeindruckt und versucht ihr Vertrauen zu erlangen. Sie lässt ihn aber wegen der von ihr vermuteten Stasikontakte zunächst abblitzen.

Barbara birgt ein Geheimnis, ihr Freund (Mark Waschke) aus dem Westen plant ihre Flucht über die Ostsee nach Dänemark. In Treffen mit ihm im Wald oder im Interhotel öffnet sich die bisher verschlossene Frau und zeigt erstmals ihre Gefühle. Wieder in der ihr zugewiesenen Wohnung wartet schon der Stasioffizier Schütz (Rainer Bock) auf sie. Fast regungslos lässt sie die entwürdigenden Durchsuchungen und Leibesvisitationen über sich ergehen. Barbara hat mit ihrem alten Leben abgeschlossen, sie scheint nur noch körperlich anwesend. Als emotionaler Katalysator wirkt dann die Einlieferung der aus dem Jugendwerkhof Torgau ausgerissenen Stella (Jasna Fritzi Bauer). Zu ihr entwickelt Barbara erstmals Zutrauen und fühlt sich verantwortlich. Leise Zweifel an dem neuen Leben mit ihrem Freund im Westen mischen sich mit dem Gefühl helfen zu müssen. Das ist ein Ansatzpunkt für Andre, über die Arbeit bekommt er erstmals einen Zugang zu Barbara. Als noch ein Junge mit inneren Kopfverletzungen nach einem Selbstmordversuch auf der Station liegt, drängt sie auf eine Operation, obwohl der Zeitpunkt der Flucht nahe ist.

Barbara und Andre erkennen nach und nach, dass sie einiges verbindet. Nicht nur über die Arbeit auch über die Kunst zeigt sich eine Art von Geistesverwandtschaft. Er würde gerne nach Den Haag fahren, um sich Rembrandts Bild „Die Anatomie des Dr. Tulp“ anzusehen, sie spielt Klavier. Andre schickt ihr daraufhin einen Klavierstimmer. Anfangs abwährend lässt sie sich darauf ein. Ihr unwirtliches Zimmer, für das sie kein Interesse zeigt, wird so erst zu einem Zufluchtsort. Schlüsselszene für die erste Annäherung ist das gemeinsame Kochen in Andres Wohnung. Barbara stöbert in seinem Bücherschrank und bleibt bei Turgeniews „Aufzeichnungen eines Jägers“ hängen. Er erzählt ihr die Geschichte vom „Kreisarzt“, der einer jungen Patientin die noch nie richtig geliebt hat nicht helfen kann. Diese Geschichte wirkt fast wie ein Symbol für beider Wünsche. Aber auch wenn man Petzolds fast unmerklich ausgestreute Zeichen nicht erkennt, funktioniert dieser Film allein durch seine geschickt aufgebaute Spannung, die fesselt und einen fast vergessen lässt, wo man sich eigentlich befindet.

Christian Petzold zeigt die DDR nicht als düsteren starren Funktionärsstaat, sondern stellt die Menschen jenseits des Systems in den Vordergrund. Selbst der Stasimann vermag Schmerz und Leid zu empfinden, Andre spritzt seiner krebskranken Frau einmal Morphium. Er lebt sein Berufsethos ohne große Pose, Karriere ist ihm nicht wichtig. Petzolds DDR-Provinz ist nicht nur besonders detailgetreu nachgestellt, gedreht wurde in Brandenburg-Kirchmöser, sie gleicht auch einer Tschechow´schen Gesellschaftsstudie. Ein Land im Erstarren, mit sehnsuchtsvollen Menschen, die nach einer glücklicheren Zukunft Ausschau halten. Für die einen ist es der Quellekatalog, für die anderen ist es eine Liebe, ein sinnerfülltes Leben, oder der reine Traum von Freiheit. Auch Barbara muss sich entscheiden. Nina Hoss prägt diesen Film von Christian Petzold rein durch ihre Präsens, kaum eine Szene kommt ohne sie aus. So kann man die innere Zerrissenheit der Figur genauestens beobachten. Das Ende – ein kleiner und ein großer Findling am Meer, Blicke, ein geheilter Patient und zwei die leben und arbeiten werden, um irgendwann ihr Recht auf Glück einzufordern.

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„Captive“ von Brillante Mendoza mit Isabelle Huppert (Frankreich, Philippinen, Deutschland, Großbritannien 2011, 120 min.) im Wettbewerb

Dass eine große Schauspielerein auch relativ verloren wirken kann, zeigt der erste Film von Brillante Mendoza im Berlinale-Wettbewerb. Der bereits in Cannes preisgekrönte Regisseur von den Philippinen hat für sein aus Frankreich, Deutschland und Großbritannien koproduziertes Entführungsdrama „Captive“ nach wahren Begebenheiten den französischen Filmstar Isabelle Huppert, die bei der Spielzeit Europa 2011 in Berlin auch auf der Bühne zu sehen war, gewinnen können. Im Jahr 2001 entführten Rebellen der islamistischen Abu-Sayyaf-Bewegung eine Gruppe von Touristen und ausländischen Hilfskräften auf der philippinischen Insel Mindanao. Unter ihnen ist die französische Missionarin Thérèse Bourgoine, gespielt von Isabelle Huppert. Es beginnt eine über 377 Tage dauernde Odyssee der Geiseln und ihrer Entführer durch den Philippinischen Dschungel der Insel Basilan, Heimat und Rückzugsgebiet der muslimischen Minderheit auf Mindanao.

Mendoza geht wie bereits in seinen Filmen Kinatay (2009) und Lola (2009) sehr realistisch und fast dokumentarisch vor. Wackelnde Handkamera und der Befehlston, in dem die Entführer ihre Regeln verkünden, beherrschen den Großteil des Films. Eine Entwicklung von Handlung und Charakteren findet kaum statt. Mendoza setzt die brutale Gewalt, der die Geiseln ausgesetzt sind, in einen Kontext zur Naturgewalt. Die Flora und Fauna des Dschungels als stille Metapher der menschlichen Disparität. Der Mensch als Fremdkörper in einer mystischen, undurchdringlichen Umgebung. Von der philippinischen Armee verfolgt und beschossen, von unendlichen Fußmärschen und scheiternden Lösegeldverhandlungen zermürbt, verzweifeln die Geiseln. Erschöpfung und Tod sind ständiger Begleiter. In wenigen Szenen kommt es zu etwas wie Annährung und Dialog. Terror, Vergewaltigung und Zwangsheirat stehen neben dem Leid, das der muslimischen Bevölkerung Mindanaos in jahrelanger Unterdrückung zu teil wurde und den Hass befördert hat.

Die Lehren des Korans, die von den Entführern gepredigt werden, bilden einen Kontrast zur christlichen Botschaft der Hilfe und Nächstenliebe. Diese wird von Thérèse repräsentiert. Als Heldin stellt sie Mendoza aber nicht dar. Sie versucht trotz Angst und Verzweiflung menschlich zu bleiben und freundet sich mit einem Jungen an, der seit dem Tod seiner Familie bei den Kämpfern eine neue Heimat gefunden hat. In einigen Ausbrüchen stellt sich Thérèse offen gegen die Praktiken der Entführer, erzwingt eine Beerdingung ihrer Begleiterin, kann aber ansonsten nicht viel ausrichten. Isabelle Huppert ist hier zwar körperlichen und emotionalen Strapazen ausgesetzt, aber als Charakter eher unterfordert. Eine politische Botschaft verfolgt Mendoza ebenso wenig, wie er auch künstlerisch nicht überzeugen kann. Er lässt allein die Bilder sprechen, wertet das Geschehen kaum. Die Entführer kommen dabei ebenso schlecht weg, wie das philippinische Militär, das waffenstrotzend auffährt, sich aber sonst wenig um das Leben der Geiseln kümmert. In einer Szene hören alle die Nachricht über den Terroranschlag auf die New Yorker Twin-Towers. Das Allāhu akbar der muslimischen Kämpfer wirkt wie eine reine Pose. Sie haben ihre Ideale längst der Aussicht auf Lösegeld, das sie für rein persönliche Zwecke nutzen wollen, geopfert. Noch einmal bemüht Mendoza ein Naturgleichnis, wenn er Thérèse einen großen bunten Vogel mit breiten Flügeln und langem Schweif sehen lässt. Danach folgt der letzte Befreiungsschlag.

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„Francine“ von Brian M. Cassidy und Melanie Shatzky mit Melissa Leo (USA, Kanada 2012, 74 min.) im Forum

Ein großes Gesicht, wie das von Isabelle Hubert, kann einem gutgemeinten Film durchaus die nötige Aufmerksamkeit bringen. Es macht ihn dadurch aber nicht unbedingt besser. In „Francine“, dem Spielfilmdebut der US-amerikanischen Independentfilmer Brian M. Cassidy und Melanie Shatzky, ist es die Oscar-Preisträgerin Melissa Leo (The Fighter), die sich ganz den Intensionen des Autoren-Teams Cassidy / Shatzky unterordnet und diesem Film dennoch eine ganz besondere Note verleiht. Der Film ist sparsam mit Worten und im Gegensatz zu den 120 enervierenden Minuten von „Captive“ wohltuend kurz geraten. Das liegt sicher am schmalen Budget und wohl auch an dem nur 10 Seiten langen Skript des Films. Shatzky und Cassidy wollten die Geschichte vom Scheitern eines Lebens erzählen, was ihnen auch eindrücklich gelungen ist.

Francine (Melissa Leo) wird am Anfang des Films aus dem Gefängnis entlassen. In einer Duschsequenz sieht man ihren Körper, den das Leben gezeichnet hat. Ihr Blick sagt mehr als Worte es oft können. Sie bezieht ein kleines Häuschen in der Provinz nahe New Yorks. Sie ist einsam dort. In einer Szene lässt sich Francine vom wilden Sound einer Hardcore Metallband mitreißen, die am Parkplatz des Supermarkts spielt. Ansonsten ist sie eher scheu und wortkarg. In ihrem ersten Job als Verkäuferin in einem Geschäft für Haustiere wird sie wieder entlassen. Ersten Kontakt findet sie über eine Nachbarin (Victoria Charkut), die sie zu einer von der Kirche veranstalteten Party einlädt. Durch Linda lernt sie auch den trockenen Alkoholiker Ned (Keith Leonard) kennen, der ihr einen neuen Job in einem Gestüt besorgt. Sie verbringt mit ihm einen glücklichen Nachmittag, blockt aber seine Annährungsversuche strickt ab. Mit Linda schläft sie nach einer feuchtfröhlichen Party, aber mehr Nähe lässt Francine nicht zu.

Einen weiteren Job bekommt sie in einer Tierarztpraxis. Tiere sind auch die einzigen Lebewesen, die Francine in ihre Wohnung lässt. Dort haben mittlerweile mehrere Katzen, Hunde, und Mäuse ein Heim gefunden. Mit Ihnen kapselt sich Francine in ihre eigene Welt ein und scheint einige glückliche Stunden zu verbringen. Aber die Tierliebe wird zur Manie, die Wohnung verwahrlost zusehends. Man kann Francines Not nur erahnen, sie drückt sich schließlich in einer Verzweiflungstat aus. Der Weg scheint vorbestimmt. Der Kreis schließt sich wieder und so landet Francine letztendlich da wo der Film begann. Müde und leer sitzt sie auf dem Rücksitz eines Streifenwagens. Dieses Bild der Endgültigkeit brennt sich ein. Man muss also nicht unbedingt bis in den Urwald fahren, um physisches und psychisches Leid erfahrbar zu machen. Francine ist eine Frau die sich nicht aus ihrer Isolation zu selbstbestimmtem Handeln befreien kann, was wiederum den Bogen zu Petzolds Barbara schlägt, die dazu nach reiflicher Überlegung sehr wohl in der Lage ist.

Foto: St. B. dsc06186.JPG

Welche Schauspielerin kann morgen dieses nette Tierchen mit nach Hause nehmen?

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