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Der georgische Film Die langen hellen Tage (Grzeli Nateli Dgeebi / In Bloom) von Nana Ekvtimishvili und Simon Groß zeigt eine schwierige Emanzipation in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs.

Dienstag, August 26th, 2014

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(c) Indiz Film

(c) Indiz Film

Die Geschehnisse in der georgischen Hauptstadt Tiflis (Tblissi), von denen der Film Die langen hellen Tage erzählt, liegen mehr als zwanzig Jahre zurück. Und dennoch sind sie, gerade auch in Hinblick auf die jüngsten Ereignisse in der Ukraine, aktueller denn je. 1992 war es gerade erst ein Jahr her, dass die ehemalige Sowjetrepublik Georgien ihre Unabhängigkeit erklärt hatte. Was nicht ohne regional aufflammende bewaffnete Kämpfe abging. Parallele zur Ostukraine: Die südkaukasische Region Abchasien strebte damals ihre Unabhängigkeit von der Republik Georgien an. Der Status von Abchasien ist nach wie vor völkerrechtlich umstritten. Georgien verfügt de facto bis heute über keinerlei Staatsmacht in dem autonomen Gebiet.

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Die langen hellen Tage ist aber dennoch kein Film über den Bürgerkrieg, sondern über das Aufwachsen einer Jugend in der postkommunistischen Gesellschaft Georgiens. Gewalt ist auch hier latent immer spürbar. Sie kommt aus dem Radio mit heroischen Berichten vom Krieg, geht weiter durch die Familien und macht auch nicht halt vor den Läden, an denen die Menschen nach dem täglichen Brot anstehen müssen. Inmitten dessen die 14jährigen Mädchen Eka (Lika Babluani) und Natia (Mariam Bokeria), Klassenkameradinnen und unzertrennliche Freundinnen. Der Film zeigt die beiden Teenager immer wieder in der Schule, auf dem Weg nach Hause und in ihren Familien, die sich am Rande des Zerfalls befinden.

Ekas Vater sitzt im Gefängnis, die überforderte Mutter (Ana Nijaradze) schweigt sich über die Hintergründe aus. Der Vater (Temiko Chichinadze) von Natia trinkt und streitet ständig mit der Mutter (Tamar Bukhnikashvili). In der Schule versucht die alte Lehrerin vergeblich, die schwindende Autorität aufrecht zu erhalten. Die Mädchen fliehen immer wieder die bröckelnden Verhältnisse ohne wirkliche Vorbilder und Alternativen. Ihre Rückzugsgebiete sind gemeinsame Nachmittage mit Musik und pubertäre Gespräche über erste Geschichten mit Jungs. Eine Zeit im Wandel, bei der alte Werte auf moderne Vorstellungen über die Liebe prallen. Die Pflege von Traditionen zeigt sich einerseits in Form von alten Tänzen und melancholischen Liedern, Zeichen einer uralten Kultur – anderseits aber auch als Vorboten des Rückfalls in patriarchale Muster.

Copyright: Indiz Film

Die langen hellen Tage(c) Indiz Film

Die Jungen stellen den Mädchen ungeniert nach, terrorisieren Eka auf dem Heimweg oder entführen sogar die hübsche Natia mit dem Auto. Von Lado (Data Zakareishvili), einem ihrer Verehrer, bekommt Natia eine Pistole geschenkt. Ein verquerer Liebesbeweis, der sich auf die beschriebene Hilflosigkeit der Mädchen beruft. Natia gibt die Pistole an Eka weiter, und die Möglichkeit des Gebrauchs schwebt nun wie eine drohende und sich selbst erfüllende Prophezeiung über den Beiden. Ein Härtetest, der die Freundschaft der Mädchen belastet, aber auch für ein Umdenken bei Eka sorgt. Während sich Natia fast wie selbstverständlich in ihr vorbestimmtes Schicksal einer Zwangsheirat mit dem Entführer Kote (Zurab Gogaladze) zu fügen scheint, entwickelt die zunächst schüchterne Eka eine trotzige Haltung und den Hunger auf eine andere Zukunft.

Der georgischen Regisseurin Nana Ekvtimishvili ist zusammen mit ihrem deutschen Partner Simon Groß ein eindrückliches Portrait einer heranwachsenden Jugend in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs gelungen, das zeigt, wie sich Gewalt, Agonie und Gleichgültigkeit auf die Emanzipation junger Menschen und vor allem junger Frauen auswirken. Ein Film, der aber auch Mut auf einen eigenen Kopf machen will. Die starken, poetischen Bilder dazu liefert der rumänische Kameramann Oleg Mutu, der eigentlich für seine streng schwarz/weiße, fast dokumentarische Kameraführung in den Filmen von Cristian Mungiu (4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage oder Jenseits der Hügel) bekannt ist.

Copyright: Indiz Film

Die langen hellen Tage(c) Indiz Film

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Die langen hellen Tage (Grzeli Nateli Dgeebi / In Bloom)
Georgien/ D/ F 2013, 102 min.

Beitrag im Forum der Berlinale 2013

Regie: Nana Ekvtimishvili & Simon Groß
Drehbuch: Nana Ekvtimishvili
Produzenten: Simon Groß & Marc Wächter
Kamera: Oleg Mutu (RSC)
Schnitt: Stefan Stabenow
Sound Design: Paata Godziashvili
Produktionsdesign: Konstantine Japharidze
Kostümdesign: Medea Bakradze
Make-Up: Madona Chanturia
Casting: Leli Miminoshvli
Ko-Produzenten: Guillaume de Seille & Nana Ekvtimishvili
Redaktion: Christian Cloos, ZDF – Das kleine Fernsehspiel Doris Hepp, ZDF/Arte

Mit:
Eka Khizanishvili……………………..Lika Babluani
Natia Zaridze………………………….Mariam Bokeria
Kote……………………………………Zurab Gogaladze
Lado…………………………………..Data Zakareishvili
Ana – Ekas Mutter……………….……Ana Nijaradze
Sophiko – Ekas Schwester…….………Maiko Ninua
Natias Mutter……….…………………Tamar Bukhnikashvili
Natias Vater………….……………….Temiko Chichinadze
Natela – Natias Großmutter…………..Berta Khapava
Gio – Natias Bruder……..……………Sandro Shanshiashvili
Kotes Mutter…………………..………Endi Dzidzava
Kotes Vater……………………………Zaza Salia
Kopla…………………………………Giorgi Aladashvili
Koplas Freund………………………..Gia Shonia
Lehrerin………………………………Marina Janashia

Kinostart: 21.08.2014

Weitere Infos: http://dielangenhellentage.wordpress.com/

Zuerst veröffentlicht am 24.08.2014 auf Kultura-Extra.

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DeAD (Deutschland 2013) – Ein schräger Genre-Mix von Sven Halfar neu im Kino.

Mittwoch, Februar 12th, 2014

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© 2014 Aries Images

© 2014 Aries Images

Der Hamburger Filmproduzent und Regisseur Sven Halfar hat einen eindeutigen Hang zum trashig-makabren Genre-Kino. Schon der reißerisch animierte Vorspann zu seinem ersten Langspielfilm DeAD lässt daran keinen Zweifel. Totenköpfe und Blut zu Roadmovie-reifem Retro-Rockabilly-Sound. Auffallend sind zu dem noch der coole Soundtrack von Nils Kacirek (Musik) und Dörte Benzner (Texte und Gesang) sowie die schwere Fifties-Attitüde der Hauptfigur, gespielt vom Berliner Schaubühnenmimen Tilman Strauß. Patrick findet zu Beginn seine in Alkohol- und Sehnsucht nach der Vergangenheit versunkene Mutter im Paillettenkleid an der Küchendecke hängend. Nach fettigem Leichenschmaus an der Würstchenbude macht sich Patrick mit Schmalztolle, dickem roten Ami-Schlitten und seinem schrägen Buddy Elmer (Niklas Kohrt) im Schlepptau auf, seinen unbekannten, vermutlich stinkreichen Erzeuger-Daddy an dessen 60. Geburtstag heimzusuchen.

Patrick und Elmer haben eindeutig zu viele schlechte Filme gesehen, was sich auch in einigen Zitaten von John Wayne, über Quentin Tarantino, bis zu Michael Haneke niederschlägt. So spielen die zwei auch zunächst rein äußerlich die Nice Gays, bis deren Grund auf verdorbener Kern ziemlich bald zum Vorschein kommt. Erste Leiche auf ihrem Weg ist eine Boutiquenbesitzerin, die nebenbei mit dem noch ahnungslosen Daddy in Spe Reimund (Thomas Schendel) eine etwas abseitige außereheliche Sexualbeziehung pflegte. Frisch eingekleidet tauchen Patrick und Elmer dann zum Kaffeekränzchen bei Reimunds Familie auf. Der Leiter eines Internats, bürgerlicher Schöngeist und Zierfischliebhaber, hat es sich in einer Villa am Standrand mit zweiter, wesentlich jüngeren Frau Judith (Judith Rosmair) und pubertierender Tochter Romy (Ruby O. Fee) gut eingerichtet. Ihr Kommen haben außerdem noch Reimunds nervige, dem Alkohol zusprechende Ex-Gattin Birgit (Suzanne von Borsody) nebst degeneriertem Muttersöhnchen und Investmentbanker Holger (Tobias Kay) angekündigt.

DeAD - Foto (C) Aries Images

DeAD – Foto © Aries Images

Der schnöselig-schmierige Yuppie und passionierte Porschefahrer (mit „Eure Armut kotzt mich an“-Aufkleber am weißen Schlitten) tritt dann auch sofort mit dem unterpri­vi­le­gierten, aber wesentlich tafferen Patrick in Konkurrenz um die jahrelang versagt gebliebene Anerkennung des Erzeugers. Was dem zunächst pikierten Jubilar zunehmend außerordentlich imponiert, wird aber schnell zum großen innerfamiliären Debakel. Auf höchst drastische Art und Weise brechen sich nun angestaute Problemchen der fortgeschrittenen Wohlstandsverwahrlosung und ausgeprägte Psychomacken ihre Bahn, und deren Folgen auf die zunehmend alkoholisierte Feiergemeinde nieder. Die bürgerlich-bigotte Fassade bekommt Risse, was Patrick und Elmer genüsslich auskosten und befeuern. Gewinner und Verlierer in diesem fiesen Wahrheitsspielchen lassen sich da nur schwer auszumachen.

Als dann schließlich Holger im Hirschgeweih hängt und die inzwischen mächtig lallende Birgit völlig die Kontenance verliert, bekommt der absurde Streifen allerdings einen mächtigen Knacks. Auch wenn sich streckenweise die Parallelen zum Klassiker Pulp Fiction förmlich aufdrängen, ist der Filmtitel dann doch mehr ungeschickter Hilfeschrei nach Vater-Liebe, als eiskaltes Bekenntnis zum trashigen Action-Kino. Sven Halfar meint es nämlich tatsächlich ernst mit seinem Anspruch, auch noch eine echte Botschaft transportieren zu wollen. Patrick und sein unverbesserlich liebloser Dad bekommen plötzlich irgendwie einen schrecklich Moralischen, was dann doch eher putzig deutsch wirkt, als trashig cool. Auch Zierfisch stinkt vom Kopfe her, und der Plot tappt schließlich in die küchenpsychologische Klischee-Falle. Es beginnt irgendwann sogar gewaltig zu nerven. Handwerklich streckenweise ganz ordentlich gemacht und mit einigen schönen Show- und Dance-Einlagen zu Jan Delays Oh Johnny, kriegt der Film leider hinten raus einfach nicht die richtige Kurve.

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DeAD – Deutschland 2013

Beitrag in der Reihe Perspektive Deutsches Kino bei der Berlinale 2013

Regie: Sven Halfar
Drehbuch: Sven Halfar
Kamera: Carol Burandt von Kameke
Schnitt: Angela Tippel
Musik: Nils Kacirek

Darsteller:
Tilman Strauß … Patrick
Thomas Schendel … Reimund Borz
Niklas Kohrt … Elmer
Judith Rosmair … Judith
Ruby O. Fee … Romy
Tobias Kay … Holger
Suzanne von Borsody … Birgit
Matthias Wiebalck … Pfarrer
Hark Bohm … Stiftleiter
Anette Hellwig … Claudia

Produktionsfirma: Skalar Film GmbH (Hamburg)
Produzent: Rike Steyer

Original-Soundtrack:
Musik von Nils Kacirek
Texte von Dörte Benzner
Songs:
Jan Delay – Oh Johnny
Kitty, Daisy & Lewis – Buggin‘ Blues
Nick Curran – Kill my Baby
D-Flame – Revenge

Kinostart: 13.02.0214

Weitere Infos: http://www.dead-derfilm.com/

Zuerst erschienen am 06.02.2014 auf Kultura-Extra.

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Goe East! Die Berlinale 2013 blickte oft und weit in die Regionen Osteuropas. Der Beitrag des deutschen Kinos nahm sich dagen recht bescheiden aus. – Eine Bärennachlese.

Montag, Februar 25th, 2013

berlinale-logo.jpg Der Osteuropäische Film auf Bärenjagd und die derzeitige Situation in Ungarn.

So uninteressant und wenig inspiriert wie die wenigen deutschen Filmbeiträge dieses Jahr daherkamen, die Perspektive deutsches Kino sei hier ausdrücklich ausgenommen, so vehement feierte das postsozialistische, osteuropäische Kino fröhliche Urständ und regelrechte Erfolge auf der Berlinale. Ganze fünf Filme waren im Wettbewerb zu sehen und vier davon wurden sogar mit Preisen gewürdigt. Aber auch in den anderen Sektionen liefen starke Filme aus den Regionen hinter dem einstigen Eisernen Vorhang. Was eigentlich auch nicht wirklich verwunderlich ist. Von ungefähr kommt dieser Erfolg ja nicht gerade. Sind doch die produktiven, gut organisierten Strukturen der ehemals sozialistischen Filmproduktion nicht komplett verschwunden, so dass in diesen Ländern immer noch und dank internationaler Vernetzung mit Europa wieder gute Filme entstehen können. Nur haben zurzeit einige der Filmemacher mit einer ganz besonderen Gefahr zu kämpfen. Die fehlende Möglichkeit der freien Meinungsäußerung bei nationalistischen bis totalitären Tendenzen und die oft negativen Auswirkungen der kapitalistischen Entwicklung schränken die Entstehung unabhängiger Filmproduktionen stark ein.

 Bela Tarr auf dem Sarajevo Film Festival 2007 bela-tarr.jpg
Foto: Kolja Hub (Wikipedia)

Besonders in Ungarn und in weiten Teilen der ehemaligen GUS-Staaten sowie Russland selbst ist der Wegfall staatlicher Unterstützung für solche Projekte klar spürbar. So hat der ungarische Regisseur und Gewinner des großen Preises der Berlinalejury von 2011 Béla Tarr (A Torinói ló – The Turin Horse) seine Filmarbeit eingestellt. Er hatte nach der Berlinale 2011 sehr deutlich gegen die sich immer weiter verschlechternden kulturellen Zustände unter der rechtskonservativen Regierung Orban protestiert („Die Regierung muss weg. Nicht ich“, Tagesspiegel vom 07.03.2011). Gerade die Film- und Theaterkünstler haben derzeit mit der politischen Gleichschaltung wichtiger Ämter durch die ungarische Kulturpolitik zu kämpfen. Dazu passt dann auch die noch recht frische Meldung über die Absage des jährlich in Budapest stattfindenden Ungarischen Filmfestivals. Zum ersten Mal übrigens in den fünfzig Jahren seines Bestehens. Der Grund: Es gibt keine neuen ungarischen Filme, die gezeigt werden könnten. Nach Angaben des Verbands der Ungarischen Filmkünstler ist seit 2011, nachdem durch den Ministerpräsidenten Viktor Orban die unabhängigen Stiftung, die bisher über die Vergabe von Film-Fördermitteln entschieden hatte, aufgelöst wurde, kein einziger ungarischer Film mehr fertiggestellt worden. Diese Tatsache ist erschüttert für das Filmland Ungarn. Bei der Berlinale 2012 erhielt mit Bence Fliegauf wieder ein ungarischer Regisseur den Silbernen Bären für die beste Regie. Sein Film „Just The Wind“ behandelt die nationalistische Gewalt gegenüber die in Ungarn lebenden Roma. Auch ein großes Problem, neben dem weiter aufkeimenden Antisemitismus.

Relativ ruhig ist es dagegen um den Regiealtmeister und Oscar-Preisträger István Szabó (u.a. Mephisto, Süße Emma, liebe Böbe), der in diesen Tagen seinen 75. Geburtstag feiern konnte, geworden. Szabó ist selbst Jude und hat in seinen Filmen immer wieder das Thema des Nationalsozialismus aufgegriffen. 2011 verfilmte er mit „Hinter der Tür“ einen Roman der ungarischen Schriftstellerin Magda Szabó über die 1960er Jahre in Ungarn, der auch den Holocaust thematisiert. In den Hauptrollen sind Helen Mirren und die deutsche Schauspielerin Martine Gedeck zu sehen. Auch Szabó hatte bereits 1980 einen Silbernen Regie-Bären für seinen Film „Zimmer ohne Ausgang“ erhalten. Außerdem ist István Szabó der Ehrenpräsident des Filmfestivals in Cottbus, dass sich seit über zwanzig Jahren um den osteuropäischen Film verdient macht. Zur Eröffnung des 22. Festivals 2012 in Cottbus lief der ungarische Film „Final Cut – Ladies and Gentlemen“ des Regisseurs György Pálfi (u.a. Hukkle – Das Dorf, Taxidermia). Er hat diese bereits in Cannes präsentierte Zeitreise durch die gesamte Kino-Geschichte aus Schnipseln von 450 Film-Klassikern zusammengeschnitten. Auch eine Möglichkeit, wie in Ungarn womöglich in Zukunft Filme entstehen müssen. Allerdings ist dabei noch das Problem des Urheberrechts endgültig zu klären. Pálfi beteiligte sich auch an dem Episodenfilm „Magyarország 2011 – Ungarn 2011“ über die katastrophalen künstlerischen Zustände in Ungarn. Der von Béla Tarr produzierte Beitrag von 11 Regisseuren (u.a. auch Bence Fliegauf) lief auf der Berlinale 2012 im Kurzfilmprogramm. Auf dem diesjährigen Berlinale Co-production Market suchte Pálfi nach einem Koproduzenten für seinen neuen Film „The Voice“, der Anfang 2014 Premiere haben soll. Vielleicht ja sogar auf der nächsten Berlinale.

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Schwule Priester, Eisenklopfer, dominante Mütter und Lektionen über Harmonie – Viele Preise für Filme aus Osteuropa und den Regionen der ehemaligen Sowjetunion im Berlinale-Wettbewerb 2013.

Nach dem Ausbleiben der ungarischen Filmschaffenden auf der Berlinale 2013 sind dafür nun andere Regisseure Osteuropas ganz erfolgreich in die entstandene Lücke gesprungen. Filme aus Polen, Rumänien und Russland, Koproduktionen der Balkanstaaten, Bosnien/Herzegowina und Slowenien mit Frankreich sowie der ehemaligen Sowjetrepublik Kasachstan mit Deutschland waren dieses Jahr im Wettbewerb vertreten. Außer Boris Khlebnikovs „Dolgaya schastlivaya zhizn” wurden dabei auch durchweg alle mit Preisen bedacht. Das polnische Drama um einen jungen schwulen Priester, der sich in einen seiner Schüler verliebt, bekam zwar keinen Silber- oder Goldbären, dafür aber den schwul-lesbischen Filmpreis „Teddy“. „W imi…“ (In the Name of – Im Namen…) der Regisseurin Malgoska Szumowska umschifft die Missbrauchsdebatte in der katholischen Kirche und beschäftigt sich lieber mit dem Zölibat und dem in Polen eher noch problematischerem Thema homosexueller Geistlicher. Der Film schließt damit unmittelbar an den Schwerpunkt Religion des 22. Filmfestivals in Cottbus an, bei dem im November 2012 ebenfalls polnische Filme dominierten. Der bosnische Regisseur und Oscarpreisträger Danis Tanović (No Mans Land, Zirkus Columbia) hat sich mit „Epizoda u zivotu beraca zeljeza“ (An Episode in the Life of an Iron Picker- Eine Episode aus dem Leben eines Eisenklopfers), wie Bence Fliegauf im letzten Jahr mit der Diskriminierung der Roma in Ungarn, mit dem Leben einer Roma-Familie in Bosnien auseinandergesetzt. Die schwangere Mutter wird trotz schweren Komplikationen, das Kind ist im Mutterleib gestorben, vom Krankenhaus aus finanziellen Gründen nicht aufgenommen. Der Vater Nazif versucht das Geld für die Behandlung beim Zerlegen von Schrottautos zu verdienen. Was wie ein Dokumentarfilm daherkommt, ist ein durchaus berührend gefilmtes Reanactment. Tanović lässt die Familie vor seiner Handkamera tatsächlich ihre eigene Geschichte nachspielen. Dafür gab es den Großen Preis der Jury und den Silbernen Bären für den Hauptdarsteller Nazif Mujic.

Den Goldenen Bären für den besten Film konnte der rumänische Regisseur Calin Peter Netzer für „Pozitia Copilului“ (Child’s Pose – Die Stellung des Kindes) entgegennehmen. Eine Bestätigung für das in den letzten Jahren international wieder sehr präsente rumänische Kino. Bereits 2010 hatte der Rumäne Florin Serban mit „Wenn ich pfeifen will, dann pfeife ich“ einen Silbernen Bären gewonnen. Und Cristian Mungius (4 luni, 3 săptămâni si 2 zile – 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage / După dealuri – Beyond the Hills) oder Cristi Puiu (Moartea domnului Lăzărescu – Der Tod des Herrn Lazarescu) sind in Cannes kene Unbekannten mehr. Aber auch jüngere Filmemacher wie Bogdan George Aperti (Periferic – Outbond, nach einem Buch von Cristian Mungiu) oder Anca Damian (Crulic – Drumul spre Dincolo / Crulic – DerWeg ins Jenseits) waren in den letzen Jahren in Cottbus erfolgreich. Häufig sind in den rumänischen Filmen entweder soziale Probleme oder die Aufarbeitung der Vergangenheit unter der Diktatur Ceauşescus die Hauptthemen. Aber auch ganz alltägliche Geschichten oder rein familiäre Probleme bestimmen immer mehr die Plots der jungen Nachwuchs-Regisseure. Sie drängen mit einer ganz neuen Ästhetik und anderen Themen auf den internationalen Markt. So stellt Paul Negoescu, dessen Debut „O Luna in Thailanda“ (Ein Monat in Thailand) 2012 im Cottbuser Wettbewerb gezeigt wurde, eine Gruppe junger Rumänen aus der Mittelschicht in den Mittelpunkt seines Films, lässt sie in einer Silvesternacht durch Bukarest streifen und über ihr Leben und die Liebe nachsinnen. Calin Peter Netzer hat mit seinem Film über einen antriebsschwachen jungen Mann, der ein Kind überfährt, und dessen dominante Mutter, die ihm mit allen Mitteln die für ihn lästigen Schwierigkeiten aus dem Weg räumen will, Soziales und Innerfamiliäres bestens zu einem Sittenbild der heutigen rumänischen Elite und der staatlichen Institutionen miteinander verbunden.

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Den vielleicht außergewöhnlichsten Film im Wettbewerb zeigte der kasachische Regisseur Emir Baigazin. „Uroki garminii“ (Harmony Lessons – Lektionen in Harmonie) beschäftigt sich in einer fein abgezirkelten Bild-Ästhetik mit dem fast zwanghaften Drang des 13-jährigen Schülers Aslan die vollkommene Perfektion zu erreichen und dabei das für ihn aus dem Gleichgewicht geratene Verhältnis von Körper und Geist wieder in einen harmonischen Einklang zu bringen. Aslan (Timur Aidarbekov) ist ein Außenseiter in der Schule, der von dem kräftigeren Bolat (Aslan Anarbayev) gedemütigt und mit einem Bann belegt wird. Niemand darf ihn beachten oder gar mit ihm reden. Bolat führt unter den Schülern ein Regime aus Erpressung und brutaler Unterwerfung. Alle müssen ihm Geld und andere Abgaben liefern, die er wiederum an ehemalige ältere Schüler weitergibt. Nur der neue Schüler Mirsain (Mukhtar Andassov) aus der Stadt wiedersetzt sich dem Gebot und wird dafür von Bolat brutal zusammengeschlagen. Aslan, der daheim bizarr ausgetüftelte Zurichtungen an Kakerlaken mittels elektrischem Strom vollzieht und sie dann an gefangene Eidechsen verfüttert, lebt seine eigene Ordnung der Dinge und verfällt schließlich auf eine extreme Art der Rache. Bolat wird irgendwann tot aufgefunden und die beiden Jungen geraten durch die Ermittler der Polizei schnell in Verdacht. Die Philosophie der Sehnssucht nach einer stabilen Harmonie von Körper und Seele ist gestört, in einem System, das einerseits auf religiösen Traditionen und archaischen Riten (z.B. das Schächten eines Schafes zu Beginn des Films) beruht, und anderseits aber, diese verneinend, neue Werte lehrt, die wiederum auf Misstrauen und Unterordnung basierend, nur neue Verstörungen zur Folge haben. Der Gott der Ordnung und der kleinen Dinge befindet sich für Aslan in einem Amulett, das er von seiner Großmutter geschenkt bekommt, die um sein Seelenheil besorgt ist. Dieser letzte Halt wird ihm schließlich auch noch von seinen Verhörern genommen.

Baigazin erzählt mit sehr anschaulichen Bildern eine Parabel von der Entstehung und dem Kreislauf der Gewalt in einer Gesellschaft, die bereits ihre Kinder autoritär erzieht, uniformiert und jeglichen Widerstand schon im Ansatz bricht. Die Lehrer in der Schule reden einerseits von Gandhi, dann andererseits wieder von Unterordnung und vom physikalischen Gesetz der Energie. Und meinem doch damit nur die Dynamik des Geldes als Triebfeder der Gesellschaft oder die Darwinsche Regel, das der Stärkere den Schwächeren frisst. Wie eine bewusste, genaueste Nachahmung des Gelernten wirken dazu die Schulhofszenen, in denen sich die Schüler Bolats Befehlen unterordnen oder Arslans Kakerlakenversuchsanordnungen. Als die Staatsmacht in Form der Polizei an die Schule kommt, um den Mord an Bolat aufzuklären, geraten die beiden Verdächtigen in eine nie geahnte Schleife aus Brutalität und perfiden Verhörmethoden, bis das Ganze in ein regelrechtes Prügel- und Folterszenario mündet. Wobei man nie ganz genau weiß, was Realität ist, oder der Phantasie Aslans entspringt.Baigazin formuliert hier nicht eindeutig aus, überlässt die Deutung dem Zuschauer. Zum Schluss wird lediglich das eine System der Unterdrückung durch eine neues stabiles ersetzt. Die Staatsmacht schlägt erbarmungslos zurück. Hatte beim 22. Filmfestival in Cottbus der Kasache Erlan Nurmukhambetov mit „Koktemnin Birinshi zhanbyry“ (erster Regen im Frühling) einen meditativen Film über die Utopie der Liebe zur Natur und deren Kraft zur Reinigung und Reinkarnation der Seele gezeigt. So malt sein Landsmann Emir Baigazin mit „Harmony Lessons“ eine schwarze Dystopie der Gewalt, die dargestellt in ihrer unbegreiflichen Schrecklichkeit, nur durch eine übertriebene Ornamentik der Filmbilder mit ihrer förmlichen Sucht nach Harmonie – Und darin ähneln sie durchaus Ulrich Seidels Hoffnungs-sehnsüchtigen Bildern der Paradies-Trilogie. – wieder gebrochen und somit überhaupt erst künstlerisch darstellbar wird. Dafür bekam sein Kameramann Aziz Zhambakiyev den Silbernern Bären. Es hätte ruhig noch mehr für diesen eindrucksvollen Film herausspringen können.

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Klassenkampf auf postsowjetisch und Kreise gegen das Vergessen – „Za Marksa…“ (For Marx… – Für Marx…) von Svetlana Baskova mit Sergej Paxomow, Vladimir Elifanzew u.a. (Russland 2012, – 100 Min.) und „Krugovi“ (Circles – Kreise) von Srdan Golubović mit Leon Lučev, Nebojša Glogovac u.a. (Serbien, Kroatien, Slowenien, Deutschland, Frankreich 2013, 112 Min.) im Forum

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Auch in anderen Sektionen der Berlinale waren einige bemerkenswerte Filme aus Osteuropa zu entdecken. So z.B. ein weiterer Beitrag aus Russland im Internationalen Forum des jungen Films. Ähnlich wie im bereits erwähnten russischen Wettbewerbsbeitrag „Dolgaya schastlivaya zhizn” von Boris Khlebnikov arbeitet die russische Regisseurin Svetlana Baskova in ihrem postsowjetischen Klassenkampf-Drama „Za Marksa…“ (For Marx…) mit verschiedenen Elementen des Genrekinos. Hier sind es vor allem Anklänge an das finster brutale Mafiakino a la Scorsese, wobei es am Ende sogar doch noch zu einem echten blutigen Showdown kommt. Aber die Mischung in „Za Marksa“ ist durchaus vielfältiger, als es auf den ersten Blick erscheint. In einem Stahlwerk in der russischen Provinz liefern sich Vertreter neugegründeter unabhängiger Gewerkschaften mit einer skrupellos agierenden Werksleitung einen fast aussichtslosen und verlustreichen Kampf. Nachdem die Arbeitsbedingungen im Werk immer schlechter werden und die offiziellen Gewerkschaften und Provinzpolitiker es sich mit dem Fabrikbesitzer einem alten Oligarchen und früherem KGB-Oberst in einem Netz aus Korruption eingerichtet haben, greifen die Arbeiter zu Eigeninitiative. Ihre Vertreter treffen sich in geheimen Versammlungen, beraten und organisieren eine Streik. Diese Treffen und Unterhaltungen zwischen den Arbeitern aber gestaltet Svetlana Baskova als einen geistigen Austausch auf durchaus hohem Niveau. Man diskutiert über die Ästhetik in Filmen von Godard oder dem amerikanischen Hollywoodkino, die Unterschiede des Theaterbegriffs bei Stanislawski und Brecht, Gogols Roman „Die toten Seelen“ oder auch über die russische Geschichte.

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Regisseurin Svetlana Baskova und Hauptdarsteller Sergej Paxomow aus dem Film „Für Marx…“ – Foto: Maxim Mosin

Der Fabrikarbeiter zeigt sich hier als allseits gebildeter und interessierter Bürger, so wie ihn schon Marx forderte und später dann die 68er zum Ziel ihrer Agitationszirkel machten. Baskova zitiert in ihrem Film auch Klassiker des sowjetischen Kinos der 50er und 60er Jahre wie Wassili Schukschins „Kalina Krasnaja“. Ein Filmplakat hängt im Umkleideraum, in dem sich die Gewerkschafter treffen. Dagegen ist der Sohn des Fabrikbesitzer als Karikatur eines Kapitalisten gezeichnet. Machtbesessen und großspurig regiert er den Betrieb nach Gutdünken und zieht Geld aus der Firma, das eigentlich für die Modernisierung und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen gebraucht würde. Er will dafür in London moderne Kunst ersteigern, denn mit dem vorhanden sozialistischen Realismus lässt sich kein Staat mehr gegenüber Investoren aus dem Westen machen. Baskowa zeigt hier einerseits den Manchesterkapitalisten alter Prägung, und mit dessen postmoderner Überzeichnung nimmt sie andererseits ein von Marx abgewandeltes Hegelzitat zur Wiederholung in der Geschichte auf, das dann auch prompt aus dem Munde eines der Gewerkschafter kommt. Der Film zeigt die Wiederholung der Geschichte als bittere Farce. Einschüchterung, Gewalt und Verrat, die Werksleitung setzt alle Mittel ein, um den Widerstand der Arbeiter zu brechen. Schließlich lässt ein Bruder in Unwissenheit dessen den anderen morden. Eine Genre-Mix also aus Brechts episch dialektischem Theater, griechischer Tragödie und Hollywooddrama. Trotz allem, oder gerade deswegen ist der Film weder platte Kapitalismuskritik noch Genrekino. Er geht viel weiter. Baskowa zeigt eindeutig ihre Sympathie für die sich in Russland neugründende freie Gewerkschaftsbewegung. Der Titel des Films lässt sich natürlich auch nicht ganz ohne Absicht auf das Werk „Für Marx“ des französischen Philosophen und marxistischen Theoretikers Louis Althusser zurückführen. Denn der Klassenkampf in der Theorie ist nicht nur im heutigen Russland wieder bittere Praxis.

Filmausschnitt auf der Website von Svetlana Baskova.

Der Balkan ist eine Region Osteuropas, die aus dem internationalen Kino so gut wie nicht mehr wegzudenken ist. Besonders mit Filmen von Emir Kusturica (Regie) und Goran Bregović (Musik) sind die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens seit Ende der 80er Jahre zu einiger Bekanntheit gelangt. In Kusturicas Filmen (Time of the Gypsis, Underground, Schwarze Katze, weißer Kater (ohne Bregović)) stand vor allem das Leben der Roma im ehemaligen Jugoslawien und natürlich der Balkan-Krieg im Vordergrund. Mit ihren teilweise mystisch aufgeladenen Bildern und einer kraftvollen traditionellen Musikuntermalung haben sie in Westeuropa einen reglerechten Balkanbrass-Boom ausgelöst, der immer noch anhält. Die Vermarktung der Filmmusik war dann aber auch einer der Gründe, die zum Zerwürfnis der beiden Künstler führte. Die zahlreichen Pro-serbischen Statements des in Sarajevo geborenen Regisseurs Emir Kusturica haben ihm nach den Kriegen auf dem Balkan immer wieder Kritik einbrachte. Sein internationaler Ruhm ist aber nach wie vor ungebrochen, was regelmäßige Einladungen zu den Filmfestspielen in Cannes und Venedig sowie zahlreiche Filmpreise bezeugen.

Der Krieg auf dem Balkan ist auch in den neueren Filmproduktionen aus Kroatien, Serbien und Bosnien-Herzegowina immer noch vorherrschendes Thema, wie auch in diversen Filmen der letzten Jahre auf dem Filmfestival in Cottbus. Bei der diesjährigen Berlinale war es daher neben dem Wettbewerbsbeitrag von Danis Tanović über eine Roma-Familie im heutigen Bosnien vor allem die serbisch-kroatisch-slowenische Koproduktion „Krugovi“ (Circles – Kreise) des Regisseurs Srdan Golubović im Forum, die in Verbindung mit Deutschland und Frankreich mit ihrem nationenübergreifenden Plädoyer wider das Vergessen der Kriegsereignisse auffiel. Der Film beschreibt in den Anfangsminuten ein Ereignis aus den Tagen des serbisch-bosnischen Kriegs 1993 in Trebinje (im heute serbischen Südteil der Herzegowina (Republik Srpska) gelegen) bei der der bosnische Kioskbetreiber Haris (Leon Lucev) aus nichtigem Grund von drei serbischen Soldaten brutal misshandelt wird. Ihm kommt der Serbe Marko (Vuk Kostic) zu Hilfe. Es wird zunächst offen gelassen, was aus den Beteiligten in Folge dessen geschieht. Unausgesprochene Wahrheit ist aber, dass Marko seinen mutigen Einsatz für Haris mit dem Leben bezahlen musste. Der Film setzt 12 Jahre nach dem Ereignis wieder ein, und führt einige der Menschen aus dem Umkreis der damaligen Geschehnisse wieder zusammen. Haris lebt inzwischen mit seiner deutschen Frau und zwei Kindern in Halle/Saale. Er ist, wie es Markos Vater einmal treffend sagen wird, der Mann der nie vergisst. Selbstlos, ohne an die Folgen für sich und seine Familie zu denken, hilft er der ehemaligen Freundin von Marko Nada (Hristina Popovic), als sie mit ihrem Sohn vor ihrem brutalen Mann nach Halle flieht. Er setzt schließlich sogar sein eigenes Leben für sie ein.

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Kreise der Hoffnung. Foto: Kurt Bouda / pixelio.de

Ganz anders verhält sich einer der Täter. Todor (Boris Isakovic) liegt in Belgrad als Unfallopfer auf dem Operationstisch des Arztes Nebojša (Nebojša Glogovac), einem Freund von Marko. In mehreren Gesprächen mit Nebojša ist Todor nicht bereit aus freien Stücken sein Schuld einzugestehen und bringt den Arzt und Freund damit in einen moralischen Zwiespalt. Die Tat von damals zieht ihre Kreise weiter bis in das heutige Leben der Protagonisten. Markos Vater Ranko (Aleksandar Bercek), der immer noch in Trebinje lebt, baut eine im Krieg zerstörte orthodoxe Kirche wieder auf. In diesem Teil der Handlung kommt es zur Begegnung zwischen dem alten verbitterten Mann und Boddan, dem Sohn (Nikola Rakocevic) eines der Mörder. Aus der anfänglichen Abneigung des Alten entwickelt sich aber im Laufe der Zeit schließlich eine fast väterliche Zuneigung. Im Nachdenken darüber, ob der Tod des Sohnes umsonst war, prägt Markos Vater dann auch das Bild des Steins, der ins Wasser geworfen, Kreise gegen das Vergessen aber auch für eine Hoffnung auf Aussöhnung ziehen kann. Hier in der Zusammenarbeit mit der Folgegeneration der Täter vollzieht er einen Anfang. Wie schon Arsen Anton Ostojić mit seinem bosnischen Drama „Halimin Put” (Halimas Weg) im Wettbewerb des 22. Filmfestivals Cottbus ist Srdan Golubović mit „Krugovi“ ein einfühlsamer und nachdenklich stimmender Beitrag zur notwendigen Aufarbeitung der Kriegsereignisse auf dem Balkan gelungen. Der Film erhielt den Preis der Ökumenischen Jury im Forum.

Deutsche Beiträge im Internationalen Forum des jungen Films sowie Preisträger und Gäste der Perspektive Deutsches Kino

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Zum Schluss dann doch noch ein kleines Fazit  zum deutschen Film auf der Berlinale 2013. Nach drei recht guten Filmen im Wettbewerb der letzten Berlinale gab es in diesem Jahr nur den mäßig spannenden Westernverschnitt „Gold“ von Thomas Arslan nach Machart der Berliner Schule und die recht schmale deutsch-französisch-südafrikanische Koproduktion „Layla Fourie“ der jungen Regisseurin Pia Marais. Gegenüber den Preisträgerfilmen fielen diese Beiträge doch qualitativ etwas ab. Noch schmaler war  der Auftritt das deutschen Films in den anderen Sektionen des Festivals. Im Internationalen Forum des jungen Films liefen einige Produktionen aus dem Dunstkreis des Berliner Schule wie „Echolot“ von Athanasios Karanikolas, der Regieseminare an der Schauspielschule Ernst-Busch gibt und zusammen mit zehn Schauspielabsolventen des Jahres 2011 dieses Filmexperiment entwickelt hat. In fast dokumentarischen, improvisiert wirkendenden Einstellungen beobachtet Karanikolas die jungen Menschen bei einer sehr eigenen Art von Trauerarbeit an einem Wochenende in einem brandenburgischen Landhaus. Dorthin hatte sich einer ihrer Freunde zurückgezogen, bis er sich von allen unerwartet im See ertränkte. Teilweise unfähig, sich zu dieser Tat zu verhalten, feiern sie eine zügellose Party und ergeben sich ihren spontanen Gefühlen. Sie trinken, philosophieren, streiten oder lieben sich, ohne dabei an irgendwelche Konsequenzen zu denken. Das Ergebnis ist daraufhin auch eher ernüchternd.

Karanikolas Bestandsaufnahme der Clique aus lauter zum Teil typisch kreativ mit sich selbst beschäftigten Mitzwanzigern zeigt, dass der Zusammenhalt der Gruppe und die Anteilnahme am früheren Leben des Toten schon länger nicht mehr wirklich existierte. Der Regisseur holt einige der Freunde wie zur Erklärung noch mal vor die Kamera. In diesen dokumentarisch gefilmten Reflektionen geht es noch einmal um die Aufarbeitung der Vergangenheit und ihren Nachhall in der Gegenwart. Eine gemeinsame Zukunft scheint jedoch nicht vorstellbar. Durch das gezwungene Nachdenken über das kaum fassbare Ereignis sind alle plötzlich auch mit ihrem eigenen Leben konfrontiert. Leider fällt ihnen dabei nicht viel zum Thema ein. Dieses allzu spontane filmische Ausloten von gruppendynamischen Prozessen verhallt ohne großes Echo. So können auch nur 77 min. recht lang werden. Einige der Darsteller waren schon 2009 während des Schauspielstudiums an Berliner Theatern zu sehen. Wie z.B. Bettina Burchard und Nina Horvath in „Klassen Feind“ an der Schaubühne oder Thomas Halle, Julian Keck, Aenne Schwarz, Marco Portmann, Arndt Wille und Henning Bosse in Andreas Kriegenburgs „Hamlet“-Inszenierung in der Box des Deutschen Theaters. Momentan befinden sich alle von Rostock über Berlin, Cottbus, Jena, Mannheim, Karlsruhe, Nürnberg oder Ingolstadt bis hin nach Wien in ersten festen Theaterengagements.

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Mit Anne Ratte-Polle ist eine weitere bereits bekannte Theaterschauspielerin der Berliner Volksbühne im Forumsbeitrag „Halbschatten“ von Nicolas Wackerbarth zu sehen. Sie war bereits einmal 2004 mit der Verfilmung des Theaterstücks „Die Nacht singt ihre Lieder“ von Jon Fosse in der Regie von Romuald Karmakar mit dem verstorbenen Frank Giering als Filmpartner im Wettbewerb der Berlinale vertreten. Sie spielte damals eine junge Frau die ihren antriebsschwachen und erfolglosen Schriftstellerehemann verlassen will. In „Halbschatten“ tritt ein Mann erst gar nicht in Aktion. Merle reist in das Ferienhaus ihres Geliebten an der südfranzösischen Côte d’Azur, trifft dort aber nur auf seine Kinder. Man zeigt erst kein sehr großes Interesse aneinander. Erst als der Geliebte weiterhin ausbleibt, lässt sich Merle eher notgedrungen auf die anfänglich spröden Kinder ein. So gerne man Anne Ratte-Polle bei ihrem Spiel zusieht, es wirkt doch etwas zu abgeklärt. Obwohl Merles Motive die ganze Zeit wie im besagten Halbschatten bleiben, besitzt die Figur kaum Geheimnisvolles oder irgendwelche Ambivalenzen. Der Film strahlt keine Dringlichkeit aus und verliert sich mehr und mehr in den Befindlichkeiten der Protagonisten. Die erst stille Beobachterin Merle, die anfänglich so ungewollt von außen in diese Familie einzudringen scheint, steigt auch nur wie zum Schein in die Welt der Kinder ein, um sich dann doch schnell wieder gelangweilt abzuwenden. Die Flucht am Ende scheint wie geplant, obwohl sie doch eher spontan wirken soll.

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bei der Vorführung des Films „Halbschatten“ im Kino Arsenal – Foto: St. B.

Wesentlich interessanter und thematisch breit gefächerter sind da meist die Filme der Perspektive Deutsches Kino. Die in diesem Jahr wieder einmal ihren Preis „Dialogue en perspective“ an zwei künstlerisch und gesellschaftlich sehr engagierter Spielfilm verlieh. Der 26-minütige Kurzfilm „Chiralia“ von Santiago Gil spielt in ruhigen fast meditativen Einstellungen an einem Waldsee mit den Wahrnehmungen und Gefühlen der durch das Verschwinden eines Jungen beim Baden im See zufällig aufeinander treffenden Personen, die über sich, den jeweils anderen oder eigene Kindheitserinnerungen zu reflektieren beginnen. Der Vater, ein junges Paar und eine ältere Frau zwischen Angst, Apathie, Gleichgültigkeit und Mitfühlen, das Ereignis zieht alle unweigerlich kurzzeitig in ihren Bann.

In „Zwei Mütter“ von Anne Zohra Berrached ringt ein lesbisches Paar (Karina Plachetka und Sabine Wolf) mit ihrem Wunsch ein Kind zu bekommen und den bürokratischen Hürden in Deutschland. Die juristisch ungeklärten Folgen einer künstlichen Befruchtung und dem daraus entstehenden Nachwuchs machen es ihnen unmöglich auf üblichem normalen Weg ihren Kinderwunsch zu verwirklichen. Nur wenige Ärzte lassen sich auf diese Konstellation ohne Erzeuger oder solventem Vater ein. Als endlich ein Arzt gefunden ist, will die Behandlung trotz mehreren Versuchen nicht anschlagen. Aus finanziellen Erwägungen entschließen sich die beiden die teure Behandlung abzubrechen und in der Grauzone der Internetforen nach einem Spender zu suchen. Dabei gehen die Vorstellungen und Erwartungen zu den potentiellen Vätern sowie deren Motivationen und Forderungen bald sehr weit auseinander und strapazieren die Beziehung der beiden Frauen bis zur unvermeidlichen Zerreisprobe. Das kompromisslose Vorgehen der eine Frau auf dem Weg schwanger zu werden, verletzt die andere Frau in ihrem Selbstverständnis als Partnerin und lässt sie sich als Mutter zurückgesetzt fühlen.

Anne Zohra Berrached hat viel in den verschiedenen Szenen recherchiert und einige authentische Protagonisten wie Ärzte und Samenspender für ihren Film gewinnen können. Auch die beiden Schauspielerinnen zeigen des strapazierte Gefühls- und Alltagsleben des Paars mit sehr viel darstellerischem Einsatz und Einfühlungsvermögen. Ein dringliches Statement für die Gleichstellung lesbischer Paare und die juristische Klärung der dargestellten Grauzone bei der künstlichen Befruchtung und der leidlichen finanziellen Versorgungsfrage. Zwar geht der Kinderwunsch irgendwann in Erfüllung, die Beziehung ist auf dem Weg dahin aber fast schon auf der Strecke geblieben. Der Film lässt letztendlich offen, ob sich die beiden noch zu ihrem Glück als zwei gleichberechtigte Mütter finden können.

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Ein Highlight zum Ende der Berlinale war mit Sicherheit der Gast des Filmfests Saarbrücken.Der mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnete österreichische Film „Der Glanz der Tage“ der Regiesseure Tizza Covi und Rainer Frimmel (u.a. „La Pivellina“) lief wie immer am Berlinale-Sonntag im Rahmen derPerspektive Deutsches Kino. In den Hauptrollen sind der bekannte österreichische Theaterschauspieler Philipp Hochmaier, der sich selbst, und der Zirkuskünstler und ehemalige Bärendompteur Walter Saabl, der den unverhofft nach Jahren auftauchenden Onkel Walter spielt, zu sehen. Die semidokumentarische Produktion begleitet beide bei ihrem langsamen Kennenlernen. Sie führen viele  Gespräche über die Vergangenheit der Familie und ihre sehr ähnlichen Berufe, bei denen beide ständig auf Achse sind. Hochmaier an verschiedenen Theatern zwischen Hamburger Thalia und Wiener Burg und der bereits im Ruhestand befindliche Walter bei der Suche nach den Orten seiner schwierigen Kindheit. Nach und nach entwickelt sich zwischen den beiden, durch die plötzliche Notwendigkeit einander zuhören zu müssen, eine gegenseitige Achtung und Freundschaft. Wofür der vielbeschäftigte Hochmaier früher kaum Zeit hatte, da er sich nur durch seine kreative Arbeit definiert und seine Träume und Süchte am Theater auslebt. Der Erfolg auf der Bühne ist dann auch das, was Hochmaier den „Glanz des Tages“ nennt. Erst die Geschichten des Onkels lassen ihn inne halten und sich erstmalig selbst reflektieren.

Walter Saabel und Philipp Hochmaier in DER GLANZ DES TAGES / THE SHINE OF DAY – Ausschnitt / ventofilmproductions auf YouTube

Der Film, der bereits im August 2012 auf dem 65. Filmfestival in Locarno Premiere hatte, besitzt auch eine spannende Nebenhandlung. Der Nachbar von Philipp Hochmaier in Wien stammt aus Moldavien. Victor lebt zur seit allein mit seinem beiden kleinen Kindern, da seine Frau zu einem Begräbnis in die Heimat zurückgefahren ist. Eine Wiedereinreise nach Österreich wird ihr verweigert, da sie als Asylbewerberin das Land nicht hätte verlassen dürfen. Da Victor tagsüber arbeiten muss, kann er sich nicht immer um seine Kinder kümmern. Hier nun springt Walter ein. Aus seiner schlechten Erfahrung als Heimkind heraus, beginnt er, ohne erst lange zu überlegen, sich der Kinder anzunehmen. Und er plant sogar eine Reise nach Moldavien. Spätestens hier schließt sich dann auch wieder der Kreis nach Osteuropa. Walter Saales bekam für seine Rolle in Locarno den Preis als bester Darsteller. „Der Glanz des Tages“ ist einerseits eine genaue Lebensbeschreibung des Extrem-Schauspielers Philipp Hochmaier, der erst im letzten Jahr mit dem Faust-Projekt von Nicolas Stemann beim Berliner Theatertreffen gastierte, und seiner Welt des Theaters. Man sieht ihn z.B. bei Proben zu Büchners „Woyzeck“ am Thalia Theater Hamburg (Regie: Jette Steckel) und in Peter Handkes „Untertagblues“ am Akademietheater Wien (Regie: Friederike Heller). Dagegen werden die realen Alltagsgeschichten aus dem Leben Walters und Victors geschnitten, was zusammen eine interessante Mischung aus Biografischem und Fiktion ergibt. Ein filmisches Schmankerl nicht nur für Theaterinteressierte.

Kinostart: 19.04.2013

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Alle Preisträger der 63. Berlinale 2013 im Überblick.

Die 64. Berlinale findet vom 13.02. – 23.02.2014 statt. Dann auch wieder im neueröffneten Zoo-Palast.

Fotos, wenn nicht anders angegeben: St. B.

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Berlinale 2013 (Teil 2) – Go East! Go West! Gas, Geld oder Heimat in Filmen aus den USA und Russland

Montag, Februar 18th, 2013

Die Premieren der Wettbewerbsfilme liefen wie immer im

berlinalepalast2.JPG am Potsdamer Platz.

Die Verheißungen des Fortschritts – „Promised Land” von Gus Van Sant mit Matt Damon, John Krasinski und Frances McDormand, (USA 2013, 106 min.) im Wettbewerb

Das Land und im weiteren Sinne dessen Besitz, Beackerung oder Ausbeutung ist neben den Weiten Kanadas im deutschen Wettbewerbsbeitrag „Gold“ auch das Thema weiterer Filme im Berlinale-Wettbewerb, an denen sich Ost und West, wenn auch von ähnlichen Motiven ausgehend, unterscheiden. Um die Besitzer von kleinen Farmen in der amerikanischen Provinz geht es in Gus van Sants Wettbewerbsbeitrag „Promised Land”. Sie kämpfen täglich um ihre Existenz und sehen in der Verpachtung des nicht genug Ertrag abwerfenden Lands an einen Gaskonzern ihre letzte Chance. Die Erdgasförderung aus den tief im Boden unterer dem Land der Farmer liegenden Gesteinsschichten soll mit Hilfe des ökologisch umstrittenen Verfahrens Fracking erfolgen. Um das Land der Farmern günstig zu pachten, werden der junge Ingenieur Steven (Matt Damon), selbst Enkel eines gescheiterten kleinen Landmaschinenfabrikanten, und seine Kollegin Sue (Frances McDormand) von der Gasfödergesellschaft Global in eine Kleinstadt in Pennsylvania geschickt. Von ihrem Geschick hängt der Profit des Unternehmens ab, dessen Bosse große Stücke auf den recht erfolgreichen Steven halten. Gemeinsam versuchen die beiden nun den hoffnungslosen Farmern den neuen amerikanischen Traum in Form von Geld und der darin verheißenen Chance für eine neue bessere Zukunft, fernab ihres als Ackerland wertlos geworden Grund und Bodens, schmackhaft zu machen.

Hauptdarsteller Matt Damon hat das Drehbuch für den Film gemeinsam mit John Krasinski geschrieben, der auch die Rolle des zwielichtigen Umweltaktivisten Dustin Noble übernahm. Es stehen sich in dieser Geschichte zwei Urmythen der über 200 Jahre alten amerikanischen Identität und des daraus erwachsenden Selbstverständnisses jedes Amerikaners plötzlich unvereinbar gegenüber. Einerseits die Besiedelung Amerikas durch europäische Einwanderer, die wie in „Gold“ von Thomas Arslan ihre alte Heimat für eine neue Chance auf Freiheit und eigenen Besitzstand eintauschten und andererseits der immer währende amerikanische Pioniergeist, der in den vielen Goldräuschen des Nordamerikanischen Kontinents kulminierte und sich nun in der Moderne zur reinen Gewinnmaximierung einzelner Konzerne pervertiert hat. Das heilige Prinzip der selbstbestimmten Eigenverantwortlichkeit jedes Amerikaners scheint damit unmittelbar in Frage gestellt. Und daher ist das für das alte Europa doch so vordergründige Umweltthema hier auch eher als zweitrangig zu betrachten. Die Farmer auf ihrem finanziell abgewirtschafteten Land in der amerikanischen Weite scheinen viel zu unbedeutend für das Interesse von Ökoaktivisten zu sein, was sich im Verlauf des Films auf eine ganz besonders perfide Art auch bewahrheiten wird.

Nur eine lobende Erwähnung wert. matt-damon-at-the-incirlik-hospital-dec-7-2001.jpg
Hauptdarsteller und Drehbuchautor Matt Damon Foto: Wikipedia

Dieser Ansatz hätte eigentlich Stoff für einen hoch interessanten spannenden Film bedeuten können. Doch Damens und Krasinskis Plot folgt viel zu vorhersehbar einer ziemlich schlichten Hollywood-Dramaturgie, der sich Gus Van Sant mit einer recht konventionellen Regiearbeit auch voll und ganz unterordnet. Steve und Sue ringen mit allzu bekannten Versprechungen, wie der Aussicht auf schnellen Reichtum oder bessere Collegebildung für die Kinder, um die Sympathie der Farmer. Zwar haben sie damit anfänglich auch einige Erfolge. Steve versucht dabei sogar mit der jungen, sympathischen Lehrein Alice (Rosemarie DeWitt) anzubandeln. Doch schlägt ihnen bald  auch Gegenwehr in Person des ehemaligen Boeing-Ingenieurs, Physikers und pensionierten Collegelehres Frank Yates (Hal Holbrook) entgegen, der mit seinen ruhig und klug vorgetragenen Bedenken die von dem vorab von Steve geschmierten Bürgermeister zur schnellen Entscheidung einberufene Gemeindeversammlung platzen lässt. Als dann auch noch ein Ökoaktivist in der Stadt auftaucht und mit gezielten Aktionen Steves Bemühungen untergräbt, scheint sich das Blatt zu wenden. Steve sieht sich plötzlich nicht nur in Liebesangelegenheiten einer unerwarteten Konkurrenz gegenüber, was mächtig an seinem Ego kratzt. Bemühungen sich an den Stil der kleinen Leute vom Lande anzupassen, z.B. mit Flanellhemden aus dem örtlichen Shop für Gas, Guns und Guitars sowie peinlichen Saufspielchen oder Karaokeeinsätzen im örtlichen Pub, scheitern aber ebenso kläglich, wie eine sich im Regen auflösende Kirmesveranstaltung, für deren Vorbereitung Steve selbst tatkräftig Hand anlegt.

Da ist es nicht verwunderlich, dass sich die besorgten Bosse, denen Steve täglich via Videokonferenz Bericht erstatten muss, sich nicht mehr allein nur auf seine Überredungskünste verlassen wollen. Das perfide dieser unterstützenden Aktion aus dem Hintergrund überrascht dann eigentümlicher Weise nur den eigentlich dadurch wieder in Winner-Position geratenden Steve. Ansonsten gibt sich der Film alle erdenkliche Mühe, die beiden angeblichen Retter und Abgesandten des technischen Fortschritts mit ihrem ewigen Gerede vom Geld als Fremdkörper in einer Welt aus eher konservativ ausgerichteter Tradition darzustellen. Die will mit Alice und dem alten Frank aber so gar nicht verstaubt und hinterwäldlerisch erscheinen. Hinter ihren Geschichten stehen eben nur andere, ehrliche und geerdete Lebensentwürfe vom Glück im Kleinen. Und so fragt man sich die ganze Zeit, wann Steve endlich sein Herz nicht nur für Alice, sondern auch die Nöte und wahren Bedürfnisse der Einheimischen entdecken wird. Das es schließlich auch so kommt, und Steve vor der Gemeinde in einer Art selbstkritischen Rückbesinnung auf seine Wurzeln an die gut alte Selbstverantwortung des kleinen Amerikaners appelliert, ist die eigentliche, aber eben auch typisch amerikanische Botschaft des Films.

Dagegen versickern kleine gesellschaftskritische Einwürfe zum Krieg ums Öl im Irak ebenso wie die giftige Chemie des Frackings fast unbemerkt in der ländlichen Ackerfurche. Wer aber glaubt, dass das „Fracking“ eher ein amerikanisches Problem sei, der wird mit der ziemlich frischen Meldung, dass sich auch Deutschland dieser zukunftsträchtigen Technologie nicht verschließen und deren Entwicklung offiziell fördern wird, eines Besseren belehrt. Diese zweite Zusammenarbeit von Matt Damon und Gus Van Sant nach dem Oscar-gekrönten „Good Will Hunting“ hatte wie auch „The Necessary Death of Charlie Countryman” bereits ihre Premiere in den USA und ist dabei eher gefloppt. Aus einem „Bad Steve“ lässt sich eben nicht so ohne Weiteres ein „Good Will“ machen. Das diese Filme nun zur Zweitverwertung im Wettbewerb der Berlinale laufen, scheint da eine zu hohe Konzession an das amerikanische Kino und die Notwendigkeit von großen Hollywoodstars auf dem roten Teppich zu sein. Das mit Steven Soderbergs Psychopillen-Thriller „Side Effects“ ein weiterer mittelmäßiger US-Film mit Starbesetzung im Wettbewerb der Berlinale lief, ist dafür sicherster Beleg. Außer Konkurrenz wäre ja nicht allzu viel dagegen einzuwenden. Zählbare Nebenwirkungen für die Qualität des Festivals gehen jedenfalls eher gegen Null. Fragen Sie Ihren Videodealer oder Kritiker des Vertrauens. Damons und Soderbergs Hollywood-Kollege George Clooney hat da in Sachen Enthüllung schon wesentlich Relevanteres auch auf der Berlinale gezeigt, bei der er allerdings in diesem Jahr nur als großes Phantom durch den Blätterwald und nicht über den roten Teppich rauschte.

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Bad connected, either way. – „Prince Avalanche“ von David Gordon Green (USA 2013, 94 min.) mit Paul Rudd und Emile Hirsch im Wettbewerb

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On the line or bad connected? – Foto: W. Broemme / pixelio.de

Einen Bären gab es dann doch noch für das US-amerikanische Kino. Die enge Zusammenarbeit der Berlinale mit dem Sundance Festival für den amerikanischen Independentfilm hat sich damit wohl ausgezahlt. David Gordon Green erhielt den Silbernen Regie-Bären für seine lakonische Tragikomödie „Prince Avalanche“. Nach einem verheerenden Waldbrand Ende der 1980er Jahre irgendwo fern ab in der texanischen Wildnis sind Alvin (Paul Rudd) und Lance (Emile Hirsch) unterwegs, um zerstörte Fahrbahnmarkierungen wieder zu erneuern. Die beiden strange guys bewegen sich dabei, obschon auf gerader gelber Linie unterwegs, irgendwie doch unablässig wie im Kreis. Die alkoholgeschwängerte und befreiende Selbsterkenntnis lautet dann schließlich auch irgendwann „bad connection“. Schlecht angeschlossen oder sogar komplett falsch verbunden scheinen die intellektuell völlig gegensätzlich gestrickten Männer zunächst auch in ihrer Konversation, wenn man das anfänglich überhaupt so nennen kann. Ihre über Wochen mehr oder weniger notgedrungen enge Beziehung verlangt den beiden bezüglich ihrer gegenseitigen Fremd- bzw. eigenen Selbstwahrnehmung so einiges ab, was wiederum das Vergnügen beim Zuschauer und vor allem -hörer der verhinderten Lebensphilosophen wesentlich erhöht.

An Alvin ist sogar ein regelrechter Naturphilosoph verloren gegangen. Er fühlt sich beim Zelten im Wald wie daheim, entspannt beim Fischen oder in der Hängematte, lernt Deutsch und schreibt poetische Briefe an seine Freundin. Ansonsten genießt er mit Freuden die Vorzüge der Einsamkeit und kann sogar den Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein erklären. Ganz im Gegenteil zum jüngeren eher oberflächlichen Lance, der es ohne die Aussicht auf den nächsten Fick kaum eine paar Tage aushält, und seine Chancen auf Erfolg genauestens vorher abschätzt. Für Alvin ist Lance daher nur ein verantwortungsloser, willensschwacher Looser, der es im Leben zu nichts bringen wird. Was er ihn auch deutlich spüren lässt. Alvin hängt den Boss raus und wirft dem Jungen auch ständig dessen Schwächen vor. Selbst als Lance sich wegen eines versauten Wochenendes, das bezüglich des erhofften Aufrisses nicht wie erhofft verlaufen ist, beim Älteren ausheulen will, hat dieser nur Sarkasmus für ihn übrig. Das Eis zwischen beiden beginnt erst zu brechen, als auch Alvin plötzlich wieder auf den Boden der Realitäten zurückgeholt wird. Seine Freundin, die auch noch dazu Lance’ Schwester ist, hat ihn für einen Anderen verlassen. Wofür er wiederum Lance und dessen gesamter Sippe die Schuld gibt. Nachdem sich daraufhin beide ordentlich gezofft haben und Alvin nicht nur emotional ziemlich abgestürzt ist, fangen sie endlich an, wirklich miteinander zu reden und sich zuzuhören.

Dazu bedarf es allerdings noch eines extrastarken Katalysators in Form von Selbstgeranntem, den ihnen unverhofft ein skurriler alter LKW-Fahrer nebst ein paar echter Männerweisheiten überlässt. Nachdem Lance Alvin das Versagen bezüglich der Beziehung zu seiner Schwester vorhält, beginnt dieser erstmals sich wirklich selbst zu reflektieren. Das Leben in der Natur ist nämlich für Alvin auch nur ein Vorwand, sich nicht endgültig binden zu müssen. Und auch Lance ist aus Angst vor einer Entscheidung davongelaufen. Das Remake des 2011 von Hafsteinn Gunnar Sigurðsson gedrehten isländischen Films „Á annan veg“ (Either way – Ein anderer Weg), was sinngemäß übersetzt auf andere Weise oder auch so oder so heißen kann, zieht seinen Wortwitz aus den kurzen, schlagfertigen Dialogen und einem guten Händchen für Situationskomik. Der rauen Naturgewalt des eher wortkargeren Originals versucht David Gordon Green längere mit Musik unterlegte Naturaufnahmen der texanischen Flora und Fauna entgegenzusetzen. Fast mystisch wirkt das Auftreten einer alten Frau, die in der Asche ihres Hauses ihren Pilotenschein und so manch verschüttete Erinnerung sucht. Egal wie rum man es nun nehmen mag, auf die eine oder andere Weise tragen auch diese Ereignisse zur Wandlung der Protagonisten bei. Step by step in the middle of the road nähern sich beider Linien irgendwo in einem Punkte an. And by the way, das ist endlich auch ein kleiner Überraschungserfolg für das amerikanische Independentkino auf dieser Berlinale. Was nicht unbedingt heißen soll, nur weil kein Bär im Film auftaucht, dass ihm gleich von der Festivaljury einer nachgeworfen werden muss.

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Zwischen postsowjetischem Kirschgarten und High Noon – „Dolgaya schastlivaya zhizn” (A Long And Happy Life) von Boris Khlebnikov mit Alexander Yatsenko und Anna Kotova, (Russland 2013, 77 min.) im Wettbewerb

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Boris Khlebnikov 2010 in Moskau – Foto: A. Savin (Wikipedia)

Eine ähnlich enge Beziehung zu ihrem Land wie die Farmer in „Promised Land”, haben auch die postsozialistischen Kolchosbauern in Boris Khlebnikovs (Koktebel, Berlinale 2003) neuem Film „Dolgaya schastlivaya zhizn” (A Long And Happy Life – Ein langes, glückliches Leben). Allerdings sind hier die Besitzverhältnisse nicht so eindeutig geklärt, so dass die Bezirksregierung das von Sascha Segeevich (Alexander Yatsenko) gepachtete Land kurzer Hand anderweitig verkaufen will und Sascha lediglich eine kleine Entschädigung dafür zuerkennt. Die Ernte steht aber kurz bevor und der junge Kolchosvorsitzende plant schon für das nächste Jahr. Da ihm von Seiten der Bezirksbeamten keine Wahl gelassen wird und auch auf Anraten seiner Freundin Anya (Anna Kotova) aus dem Sekretariat der Verwaltung, willig Sascha zunächst ein. Lässt sich dann aber von seinen entrüstet reagierenden Angestellten umstimmen, die nichts außer ihren kleinen Häuschen am Fluss besitzen und daher nicht aufgeben wollen. Gemeinsam ermutigt sich die kleine Gemeinschaft zum Bleiben, repariert alte Maschinen, baut Hühnerstelle und rüstet sich sogar zum Kampf. Die bedingungslose Unterstützung und Solidarität der Bauern ist aber leider nicht von allzu großer Dauer. Einer nach dem anderen fällt aus unterschiedlichen meist rein pekuniären Gründen von seinem Entschluss ab, so dass Sascha am Ende ganz allein gegen die korrupten Beamten der Staatsgewalt steht.

Khlebnikov hat seinen Film in sehr sparsamen Bildern gedreht, die fast ausschließlich auf seinen jungen, aufrechten Helden fokussiert sind. Man sieht Sascha beim Reden mit den Beamten und vor seinen Bauern, immer beschäftigt und auf Achse. Die wenigen ruhigen Momente verbringt er mit Anya, mit der er aber auch immer wieder in Streit über die bereits geplante Zukunft in der Stadt gerät. Angestachelt durch die Verlogenheit der Provinzbosse und ihrer Mauschelei mit einem bekannten lokalen Unternehmer, der das Land am Fluss erschließen will, und von dem sich Sascha zudem auch noch Geld für seine Mitarbeiter geborgt hat, geht er schließlich in die offene Konfrontation mit dem System. Sascha ähnelt darin einem einsamen, für Gerechtigkeit kämpfendem Westernhelden, was Khlebnikov auch tatsächlich so beabsichtigt hat. Wie einst Gary Cooper in „High Noon“ (12 Uhr mittags) wehrt sich Sascha am Ende allein gegen die Übermacht der Staatsorgane. Wo allerdings die Farmer in „Promised Land“ noch die freie Entscheidung haben, bleibt Sascha im Prinzip keine andere Wahl zur Erlangung seiner Rechte.

Mit dieser Rebellion, der sich die anderen Bewohner der Siedlung nicht anschließen wollen, setzt Sascha allerdings nicht nur endgültig die Existenz der Kolchose aufs Spiel. Der Entschluss nicht davon zu laufen, wird auch sein weiteres Leben unwiderruflich verändern. Der einsame, ungleiche Kampf ändert leider nichts an der Tatsache, dass das Land für immer verloren ist, was Sascha am Ende auch erkennen muss. Der weiter vor seinem Fenster dahinfließende Strom wird zum Sinnbild für den Gleichmut der Umwelt. Khlebnikovs postsowjetischer Eastern ist eine Parabel auf die Uneinigkeit und Gleichgültigkeit der Landbevölkerung und deren Wahl eines schnellen, bequemen Wegs aus der Misere, die durch ein stetiges System aus Gier und Korruption erst geschaffen und befördert wird. Wie einst die lebensuntüchtigen Besitzer in Tschechows „Kirschgarten“ verlieren die apathischen Landarbeiter trotz Saschas Opferbereitschaft ihren Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben. Die sparsame Handlung des Films bewegt sich ruhig und unspektakulär auf diesen unvermeidbar erscheinenden Showdown hin. Kein großes filmisches Ereignis, aber das liegt auch hier eher im Auge des Betrachters. Das Leben ist wie der Fluss, oder „Panta rhei“, wie die alten Philosophen zu sagen pflegten.

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Filmstarts:

  • Promised Land am 13.06. 2013
  • Prince Avalanche und A Long And Happy Life noch ohne Termin

berlinale-logo_bar.jpg Berlinale-Fazit folgt

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Berlinale 2013 (Teil 1) – Go East! Go West! Go North! Gold oder Liebe und ein wenig Hoffnung in Wettbewerbsfilmen aus den USA, Deutschland und Österreich.

Mittwoch, Februar 13th, 2013

„The same procedure as every year.“

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Wiedermal Anstehen für Tickets in den Potsdamer Platz Arkaden.

Go East for Love! „The Necessary Death of Charlie Countryman” von Fredrik Bond mit Shia LaBeouf, Evan Rachel Wood, Mads Mikkelsen und Til Schweiger – USA 2013, 107 min.

Wer sehen will, womit der deutsche Schauspieler Til Schweiger das Geld für die Produktionen seiner Kassenschlager „Keinohrhasen oder „Kokowääh“ verdient, der ist im amerikanischen Action Movie „The Necessary Death of Charlie Countryman” des schwedischen Muiskvideofilmers Fredrik Bond bestens aufgehoben. Schweiger verkörpert hier den rumänischen Killer Darko, den Bad Guy schlechthin, der zum schlechten Spiel nur noch die passende Mine machen muss. Und das kann er wirklich gut. He looks very serious, really. Und versteht sich natürlich nicht nur auf die rein visuelle Abschreckung. Das muss leider auch der junge Amerikaner Charly (Shia LaBeouf) in einem echten Backpackeralbtraum zu treibenden Moby-Beats quer durch die techno-, sex- und drogengeschwängerte Club-Szene von Bukarest nicht ganz freiwillig am eigen Körper erfahren.

Nach dem Tod seiner Mutter (Melissa Leo – bei der Berlinale 2012 noch als „Francine“ im Forum zu sehen) ist der eh schon recht antriebslose Charly ziemlich down. In einem Schmerzmittelrausch erscheint ihm seine Mutter, die ihn dazu auffordert, nach Bukarest zu reisen, um seinen Kopf und auch das Herz wieder freizubekommen. Im Flugzeug macht er die Bekanntschaft eines älteren rumänischen Musikers (Ion Caramitru), der aber nach einer Flasche Champagner ebenfalls das Zeitliche segnet, nicht ohne ihm noch einen Gruß und eine lustige Krümelmonstermütze für seine Tochter Gaby (Evan Rachel Wood) mit auf den Weg zu geben. Nach der Landung fangen damit aber prompt die Schwierigkeiten für den arg naiven Charly an. Bereits auf dem Flughafen macht er Bekanntschaft mit finsteren Polizisten, bei denen Elektroschocker und Schlagstock recht locker sitzen, und Charly damit eine kleine Vorahnung auf den wilden Osten geben.

Was Charly aber von da ab antreiben wird, ist die unbedingte, kompromisslose Liebe, die ihn fortan unauflöslich an die Augen, Lippen und Fersen der schönen Cellospielerin Gaby vom Sinfonieorchester der Bukarester Oper – ein wenig Kultur muss schließlich auch im dunklen Osteuropa sein – heftet. Die betrachtet allerdings der noch viel düsterer blickende Drogenboss Nigel (Mads Mikkelsen) als sein persönliches Anhängsel und macht dies Charly auch immer wieder schlagkräftig klar. Der rennt aber wie einst Lola ohne Rast und Ruh durch das nächtliche Bukarest und leider immer wieder gegen die Fäuste von Nigel, Darko und dessen Handlangern, die nun auch noch wegen eines geheimnisvollen Videobandes hinter ihm her sind. Furchtlos- und unermüdlich wie ein Stehaufmännchen schwingt sich Charly zum Retter seiner geliebten Gaby auf. Selbst mit der Notwendigkeit dafür sterben zu müssen konfrontiert, bleibt er noch kopfüber an einem Seil hängend, optimistisch und felsenfest von seiner Liebe überzeugt. Das ist dann doch in seiner sentimental-kitschigen Art etwas zu fett aufgetragen. Und dazu noch mit bedeutungsschwanger aufgeladenen Kommentaren von John Hurt aus dem Off viel zu hoch angehängt. Trotzdem erscheint diese Actionkomödie in ihrer künstlich aufgepuschten Emotionalität immer noch wesentlich lebendiger als so manch anderer Film des ersten Wochenendes auf der Berlinale.

friedrichstadtpalast_2.jpg Foto: St. B.

In einer weiteren schrägen Nebenrolle ist der als Ron aus den Harry-Potter-Filmen bekannte Rupert Grint zu sehen. Er spielt den rothaarigen Karl, der in Bukarest unter dem Künstlernamen Boris Becker (Charly says Pecker) zu einem Pornocasting will, und mit seiner durch ein paar rumänische Viagra verursachten Dauererektion die Schwierigkeiten für Charly erst so richtig eruptiv eskalieren lässt. Wäre der Film, der bereits auf dem Sundance Festival Premiere feierte, in der Sektion Panorama gelaufen, er hätte durchaus einen kleinen Achtungserfolg beim Publikum erzielen können. Eine fast ausgelassene Heiterkeit war im Kinosaal des Friedrichstadtpalastes förmlich greifbar. Für den Wettbewerb ist diese verunglückte Genrepersiflage trotz der schweren Jungs allerdings etwas zu leichtgewichtig geraten. Aber genau so abenteuerlich stellt man sich in Amerika wohl das Leben hinter dem ehemaligen eisernen Vorhang vor. Ob nun Bukarest oder Budapest, bleibt dabei sicherlich einerlei, und ist nur ein weiterer abgenutzter Gag unter vielen.

Kinostart in Deutschland noch nicht bekannt

Go West for Gold! „Gold” von Thomas Arslan mit Nina Hoss, Marko Mandić, Uwe Bohm, Lars Rudolph, Peter Kurth, Rosa Enskat und Wolfgang Packhäuser – Deutschland 2013, 112 min.

Eigentlich müsste es korrekter Weise Go North! heißen. Denn die Reise geht im Nordwesten Amerikas quer durch British Columbia ins Yukon-Territorium nach Dawson City, der berühmten Goldgräberstadt im hohen Norden Kanadas. Traumziel all jener die ab 1896 dem Lockruf des Goldes folgend, die angestammte Heimat und ihr bisheriges Leben hinter sich ließen, um im Norden Kanadas Glück und Reichtum zu finden. Der deutsch-türkische Regisseur Thomas Arslan hat in seinen Filmen bisher immer wieder Außenseiterfiguren meist aus der Berliner Postmigrantenszene (Geschwister, Dealer, Der schöne Tag) in den Mittelpunkt seiner Filme gestellt. Nun hat er inspiriert von alten Fotos deutscher Auswanderer, deren Schicksal in der neuen Welt Amerikas genauer unter die Lupe genommen. Also Ausgangspunkt der sieben Protagonisten aus „Gold ist die alte Welt Europas. Und wie heute viele aus der dritten Welt oder dem Süden Europas auf der Suche nach Glück und einem Auskommen für ihre Familien, der Armut ihrer Heimat entfliehen wollen, taten dies am Ende des 19. Jahrhunderts auch schon die Verlierer der industriellen Revolution auf unserem Kontinent.

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Die wahre Emily Meyer? Martha Black aus Chicago. The First Lady of the Yukon. (1898) – Foto auf whitepinepictures.com, Women of the Klondike 

Die Deutsche Emily Meyer (Nina Hoss), ein ehemaliges Dienstmädchen aus Chicago, schließt sich 1898 allein einer Gruppe deutscher Goldsucher um den zwielichtiger Treckführer Wilhelm Laser (Peter Kurth) an. Sie wählen die billige Landroute und vertrauen den angeblichen Wegkenntnissen Lasers, der sich aber schnell verfranst und dann klammheimlich stiften gehen will. Emily ist der ruhende Pol der Gruppe, im Gegensatz zum selbstgefällig schwafelnden Journalisten Gustav Müller (Uwe Bohm), der an einen Reisebericht schreibt, gerne mal einen trinkt und den Beschützer raushängen lässt. Allerdings blitzt er schnell bei Emily ab. Sie gibt wenig über sich Preis, macht sich wo sie kann nützlich und will ansonsten in Ruhe gelassen werden. Ruhe ist das entscheidende Element des Films. In sparsamen, fast elegischen Bildern sieht man die Truppe durch die unbekannte Wildnis streifen, immer wieder unterbrochen durch Achs- oder Schlüsselbeinbruch, erschöpfte Pferde oder Menschen, sowie anderen Unwägbarkeiten der beschwerlichen Reise. Die Weite der Landschaft öffnet sich nur für wenige, kurze Augenblicke.

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Percy Pond auf dem Weg zu den Goldfeldern. Viele Goldsucher führten Tagebücher über ihre Goldrausch-Reise. Foto: Yukon Archives, Gillis family fonds (auf tc.gov.yk.ca)

Nichts Heroisches hat der Film an sich. Die Motivationen und Sehnsüchte der Menschen beschränken sich auf das Blinken des Goldes in Lasers Hand. Ihre Vergangenheit behalten sie größtenteils für sich. Einzelschicksale werden nur gestreift, vom vierfachen Familienvater Joseph Rossmann aus New York (Lars Rudolph) über das ehemalige Restaurantbesitzerpaar Maria und Otto Dietz (Rosa Enskat und Wolfgang Packhäuser) bis zum Packer Carl Boehmer (Marko Mandić), der von zwei Viehdieben wegen des Mordes an ihrem Bruder verfolgt wird. Ihren Weg kreuzen Indianer, die sie für Geld kurze Zeit führen, ein irrlichternder Rückkehrer oder gar ein Gehängter, der es allein in der Wildnis nicht mehr ausgehalten hat. Einer nach dem Anderen gibt auf, bleibt zurück, verfällt dem Wahnsinn oder tritt in eine Bärenfalle und stirbt trotz Whiskydesinfektion an einem eindrücklich in Echtzeit abgesägtem Bein. Allein Emily beißt sich durch an der Seite Boehmers, zu dem sie sich immer mehr hingezogen fühlt. Und so bekommt der Film doch noch so etwas wie einen Showdown in Telegraph Creek, der allerdings auch recht unspektakulär und vorhersehbar ausfällt. Nur Nina Hoss reitet, alle männlichen Beteiligten hinter sich lassend, mit stoischer Entschlossenheit und hoch erhobenen Hauptes weiter durch die kanadische Wildnis Richtung Dawson. Ein echter Beitrag zum von der Berlinale ausgerufenen Festival der starken Frauen, für das Nina Hoss mit „Barbara“ ja auch schon im letzten Jahr stand.

Zwischen Fiktion und dem unbedingten Willen zur detailgetreuen Dokumentation eines solchen Trecks tappt der Film nicht nur in Bärenfallen, sondern auch in jede Menge Wild-West-Klischees. Allerdings ohne daraus wenigstens etwas Spannung erzeugen zu können. Arslan geht es auch nicht um die unbedingte Erzeugung von genrebedingter Spannung, auch wenn er mit an Neil Young erinnernde schräg zerrende Gitarrenriffs den Film immer wieder vorantreiben will. Zumindest dockt er mit seinem ruhigen Stil phasenweise an den epischen und illusionslosen Spätwestern „Haevens`s Gate“ (1980) von Michael Cimino oder den lakonischen „Dead Man“ (1995) von Jim Jarmus an. Dieser Film hatte mit seiner mystischen Symbolik einen durchaus ähnlichen Ausgangspunkt. Nämlich das Verlorensein eines Menschen aus der Stadt, wie die deutschen Siedler von der technischen Revolution ausgespieen (Zugmotiv zu Beginn beider Filme), in eine ihm völlig fremde Welt. Die Berliner Schule schlägt bei Arslan aber leider immer wieder gnadenlos durch, von den fast peinlich banalen Dialogen bis zum ungeschönt normalen Alltag, der auch oder gerade in den Weiten Kanadas kaum Abwechslung verheißt. Das Ganze kommt dann eben am Ende doch zu deutsch, bieder und kleinlich genau daher.

18 Filme sind im Wettbewerb der Berlinale wieder auf Bärenjagd.

 Foto: St. B. berlinale-2013_baren.jpg

Nach dem krankheitsbedingtem Ausfall von Nina Hoss, die im letzten Jahr noch den Silbernen Bären für die Hauptrolle in Christian Petzolds Film „Barbara“ in Empfang nehmen konnte, war es dann doch Til Schweiger als einzigem verbliebenen, wahren deutschen Kinostar vorbehalten, erstmals zu einem Wettbewerbsbeitrag über den Berlinaleteppich zu schreiten. Wer hätte das je für möglich gehalten. Von einem Silber- bzw. sogar Goldbären sind aber beide Filme eigentlich ziemlich weit entfernt. „„Was für ein verfluchtes Pech“, darf dann zumindest Lars Rudolph in Thomas Arslans „Gold völlig ironiefrei konstatieren, „in einem so riesigen Land in eine Bärenfalle zu treten!“. Das wird wohl beiden Filmen auf der Berlinale, trotz allem gewollten oder auch unfreiwillig gekonntem Einsatz seiner Protagonisten, mit einiger Sicherheit erspart bleiben.

Kinostart: 15.08.2013

Verlorene Hoffnung im Diätcamp – „PARADIES: Hoffnung“ von Ulrich Seidl mit Melanie Lenz, Vivian Bartsch, Joseph Lorenz, Michael Thomas und Verena Lehbauer – Österreich 2013, 91 min.

Seine Paradies-Trilogie hat der österreichische Film- und Theaterregisseur Ulrich Seidl nach „Liebe“ in Cannes und „Glaube“ in Venedig mit „Paradies: Hoffnung“ nun bei der Berlinale zu einem Ende gebracht. Kein Ende mit Schrecken, obschon die ersten beiden Teile nicht gerade Beiträge zum Wohlfühlkino darstellen. Drei Frauen, drei göttliche Tugenden, drei unerfüllte Sehnsüchte nach dem Glück, so ließe sich die Grundidee der Trilogie auch kurz beschreiben. Die drei göttlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung sind untrennbar miteinander verbunden. Aus diesem Grund hatte Ulrich Seidl auch ursprünglich einen geschlossenen Episodenfilm geplant, wegen der Fülle des gedrehten Materials sich dann aber für drei eigenständige Filme entschieden.  In „Paradies: Liebe“ fährt eine verlassene, alleinerziehende Frau als Sextouristin nach Kenia. Sie erlebt im scheinbaren Liebesparadies nach anfänglichem Glück die plötzliche Ernüchterung und erfährt dabei den tatsächlichen Preis für Gefühle und die Wahre Liebe, was letztendlich in blanken Rassismus mündet. In „Paradies: Glaube“ sieht ihre Schwester die Erfüllung oder besser Erlösung in einer obsessiv gelebten Religiosität, und wird dabei mit Problemen der ehelichen Pflichterfüllung und der Toleranz gegenüber anderen Glaubensvorstellungen konfrontiert. In „Paradies: Hoffnung“ ist das verheißene Paradies mit einem uniformen Schönheitsideal verknüpft, dem die jugendlichen etwas zu dick geratenen Protagonisten nicht entsprechen und daher von ihren Eltern in ein Diätcamp in der österreichischen Natur verschickt werden.

Dieser dritte Film schließt den Kreis und geht wieder zum Ausgangspunkt der Paradies-Trilogie, über den Glauben vor allem aber zurück zur Liebe, die hier zudem noch aus der naiven Unbedingtheit einer ersten Teenagerschwärmerei der 13jährigen Melanie (Melanie Lenz) zum 40 Jahre älteren Diätarzt des Camps (Joseph Lorenz) entspringt. Ermutigt durch die etwas joviale, aufgeschlossene Art des bereits ergrauten, aber immer noch, entgegen des seinen Bauch einziehenden sadistischen Sportlehrers (Michael Thomas), recht sportlich aussehende Mitfünfziger, beginnt sie ihn immer wieder in seinem Sprechzimmer aufzusuchen oder ihm gar vor dem Heim aufzulauern. Melanie schwärmt unschuldig vor ihrer sich in Liebesdingen bereits erfahrener gebenden Freundin (Verena Lehbauer) und beginnt sich für ihren Angebeteten sogar schön zu machen. Nur kurz kommen sich die beiden einmal bei einem Ausflug im Wald näher. Nach einer verbotenen nächtlichen Disko- und Sauftour mit ihrer Freundin kommt es zu einer einzigen etwas verstörenden Szene zwischen Arzt und Mädchen. Danach distanziert er sich um so stärker und weist Melanie schroff zurück. Die unschuldige Welt aus Teenagerspielen, und zwanglosem Austausch erster Liebesgeheimnisse kontrastiert Seidl immer wieder mit seinen formal streng symmetrisch arrangierten Bildern von Turnübungen, Disziplinierung und Bestrafung. Leider bleibt diesmal in Seidls Film vieles, vor allem was die Motivation des Arztes gegenüber der jungen Protagonistin betrifft, im vagen. Die Unmöglichkeit eines nicht akzeptierten Ausbruchs aus einem genormten System klingt aber dennoch unterschwellig an.

Kreuz, Herz und Anker versinnbildlichen die drei göttlichen Tugenden in der christlichen Bildsprache. In „Paradies: Liebe“ und „Paradies: Glaube“ tauchen die ersten beiden Symbole auch immer wieder auf. Der Anker ist die Hoffnung oder wenn man so will das Vertrauen, das die junge Melanie in dem viel älteren Mann sucht. Ihre Sehnsucht nach Glück erfüllt sich, wie auch bei Teresa (Liebe) und Anna Maria (Glaube), jedoch nicht. Wo das Verlangen nach Liebe und Glauben bei den anderen beiden Frauen zur Obsession wird, fällt Melanie fast apathisch wieder in die Gruppe der anderen Jugendlichen zurück. Man kann das auch als ein Aufgeben des Glaubens an die Kraft die Liebe oder eine Absage an die Hoffnung interpretieren. So ruhig und unspektakulär wie der Abschluss der Paradies-Trilogie von Ulrich Seidl auch in Szene gesetzt sein mag, er verdeutlich doch klar diesen Zusammenhang. Ohne Hoffnung kein Glaube an die Liebe und ohne Glaube an die Liebe ist der Mensch hoffnungslos verloren. Und das muss man heute Gott sei Dank auch gar nicht mehr religiös begründen.

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„Paradies. Liebe, Glaube, Hoffnung“. Eine Ausstellung mit Film-Stills aus der Trilogie von Ulrich Seidl ist noch bis zum 08.03.13 in der Galerie C/O Berlin zu sehen.

Ulrich Seidl wird sich, nachdem er im letzten Jahr einen kurzen Abstecher mit „Böse Buben / Fiese Männer“ nach David Foster Wallace auf die Theaterbühne bei den Wiener Festwochen wagte, vermutlich auch weiterhin mit den Sehnsüchten und Obsessionen beiderlei Geschlechter beschäftigen und demnächst wohl die unterirdischen Hobbyräumen der Österreicher filmisch etwas näher beleuchten. Man kann durchaus wieder darauf gespannt sein, was er dabei zu Tage fördern wird. Nach dem ersten Wochenende der Berlinale muss man jedenfalls dem nach Cannes und Venedig drittgrößten A-Festival einen eher recht fahlen und schwachen Beginn attestieren. Ideen sind schon vorhanden, es fehlt nur noch etwas an der nötigen Strahlkraft. Stärkeres ist scheinbar auch weiterhin nicht in Sicht. Aber wie schon das vielbemühte Sprichwort besagt, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Fortsetzung folgt

Kinostarts:

  • „Paradies: Liebe“ ist bereits angelaufen.
  • „Paradies: Glaube“ am 21.03.2013
  • „Paradies: Hoffnung“ am 16.03.2013

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