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Victoria – Der atemlose Berlinfilm in einem Schuss von Sebastian Schipper tanzt die Konkurrenz beim Deutschen Filmpreis 2015 aus

Sonntag, Juni 21st, 2015

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Victoria_FilmposterBlaues Stroboskoplicht, der Beat hämmert, die Körper schwitzen. So steigt der Zuschauer in den neuen Film von Regisseur Sebastian Schipper (Absolute Giganten, Ein Freund von mir) ein. Eine junge Frau schärt aus der Menge, trinkt an der Bar, sucht Anschluss. Sie trifft am Einlass des Clubs auf die lauten Typen Sonne, Blinker, Boxer und Fuß (Frederick Lau, Burak Yigit, Franz Rogowski und Max Mauff), die großmäulig an der Tür scheitern. Fasziniert von der Ungeschliffenheit und dem rumpligen Kumpelgehabe der Vier lässt sich die titelgebende Victoria (Laia Costa) aus Madrid einfangen und schließt sich den Freunden mit Aussicht auf Party und mehr an. Zwar muss sie um 7 Uhr morgens ein Café um die Ecke aufschließen, aber das hat Zeit. Dass die ausgelassene Boys-Gang ebenfalls eine folgenschwere Verabredung hat, ahnt das Mädchen da noch nicht.

Mit wackeligem Englisch und der Wackel-Kamera von Sturla Brandth Grøvlen (Silberner Bär bei der Berlinale 2015) im Nacken, ziehen die Fünf ab vier Uhr morgens ihre Kreise durch das nächtliche Berlin, bis der Morgen graut und Gewissheit ist, dass nichts mehr so sein wird, wie es mal war. Von ausgelassenen Posen über zarte Annährungsversuche bis zum endgültigen Verlust der Unschuld in einem 136minütigen One-Shot-Take, ganz ohne einen erlösenden Schnitt. Der Beat angesagter Nachtclubs an der Grenze des hippen Kreuzberg zur Berlin-Business-Mitte schwappt auf die Straße und mischt sich mit dem Soundtrack der Underdogs. Die Zugezogene erliegt dem Charme aus Herz und Schnauze. Der Funke glimmt erst aus der Flasche, die Neugier facht das zarte Flämmchen immer wieder an. Dem ersten Gang zum Späti folgt der nächste auf die Dächer über der Stadt, bis der Trip in einer Tiefgarage endet und immer noch nicht wirklich zu Ende ist.

Victoria - Foto © Senator Film

VictoriaFoto © Senator Film

Mitgegangen, mitgefangen…! Der Film ist Traum und Alptraum einer Nacht im Adrenalin- und Drogenrausch. Gleichermaßen Euphorie und Ernüchterung für Protagonisten wie Zuschauer. Die Spannung steigt im gefühlten Minutentakt. Zum Atemholen geht die Kamera nur hin und wieder wie in einer Slowmotion zu den meditativen Sounds von Nils Frahm kurz in den Standby. Dann eilt sie weiter, den durch die Nacht Treibenden hinterher. Vom Club-Hopping über die lässige Kumpel-Tour bis hin zum harten Genrestreifen, Victoria rutscht – vor der Enttäuschung des Madrider Konservatorium nach Berlin geflohen – immer tiefer mit hinein. Liszts Mephisto-Walzer im Café ist nur die Ouvertüre für den nachfolgenden Tanz, den keiner so richtig beherrscht. Wobei zunächst noch unklar scheint, wer hier Faust und Mephisto oder der Tod und das Mädchen ist. Erst unfreiwilliger Beifang vom Wegesrand („Wir müssen Boxer einen Gefallen tun.“), mutiert Victoria irgendwann zur coolen Driving-„Bitch“ eines Fluchtwagens.

Victoria_550760_© Senator Film

Victoria
Foto © Senator Film

Sebastian Schipper hat seinen überbordenden Berlin-Plot gut gecastet und konsequent gegen den Strich besetzt. Frederick Lau gibt als Sonne mal nicht den stiernackigen Grübler (Ummah – Unter Freunden), Burak Yigit klopft als cooler Blinker nicht nur Sprüche sondern auch mal das Herz in den Hals, und Franz Rogowski ist nicht mehr der schüchterne Masseur auf Rügen (Love Steaks). Als knastgestählter Boxer treibt er die Bande unentwegt an. Das Max Mauffs Fuß nach einer guten halben Stunde schon aus dem Tritt gerät, fällt da kaum ins Gewicht. Kurz nur ist man versucht einen Gedanken darauf zu verschwenden, was geschehen hätte können, wenn Sonne und Victoria den neuen Morgenüber den Dächern Berlins oder bei einer Tasse Kakao im Café und nicht als Bonny-und-Clyde-Verschnitt erlebt hätten. Aber das wäre dann wohl auch ein anderer Film. Was dieser wert ist, zeigt sich in immerhin sieben Nominierungen für die deutsche LOLA. Auch so ein atemloser Run.

Alle Lola-Gewinner im Überblick

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Victoria (Deutschland 2015)
136 Minuten
Regie: Sebastian Schipper
Drehbuch: Sebastian Schipper, Olivia Neergaard-Holm, Eike Frederik Schulz
Kamera: Sturla Brandth Grøvlen
Schnitt: Olivia Neergaard-Holm
Kostüme: Stefanie Jauss
Ton-Design: Magnus Pflüger
Make-up: Maitie Richter
Musik: Nils Frahm
Mit: Laia Costa, Frederick Lau, Burak Yigit, Franz Rogowski, Max Mauff, André Hennicke u.a.

Kinostart war am 11. Juni 2015

Infos: http://www.wildbunch-germany.de/movie/victoria

Zuerst erschienen am 18.06.2015 auf Kultura-Extra.

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Auf Leipzigs Straßen – Andreas Dresen verfilmt den Wende-Roman von Clemens Meyer „Als wir träumten“ zwischen Partykeller, Großraumdisko, Gehsteig und Gosse.

Freitag, März 6th, 2015

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© Rommel Film / Pandora Film

„Woraus sind wir auferstanden? Aus Ruinen!“ Dieser Ausruf einer fünfköpfigen Jugendgang Anfang der 1990er Jahre beim Fahren mit einem geklauten Auto durch die Straßen von Leipzig-Reudnitz ist nicht etwa nur blanker Zynismus angesichts der sie umgebenden in ein fahles Laternenlicht getauchten traurig-räudigen Altbausubstanz, die selbst Berlin Prenzlauer Berg nach der Wende klar in den Schatten stellte – es ist tatsächlich ein starkes Lebensgefühl, das die nun 16- bis 17jährigen Jungen in ihrem ganz eigenen Wendetaumel, der nichts von Wir-sind-ein-Volk-Stimmungen weiß, ergriffen hat. Der Schriftsteller Clemens Meyer, selbst in dieser Zeit in Leipzig aufgewachsen, hat die Träume, Taten, verpassten Chancen und das Scheitern dieser Jugend in ebenso starken Worten 500 Seiten lang zum Ausdruck gebracht, nicht ohne Großmannssucht und rückschauende Sentimentalität aber auch gnadenlos desillusionierend.

Als wir träumten heißt nun auch die Verfilmung des 2006 erschienen Romans durch Ost-Spezialist Andreas Dresen der im Wettbewerb der 65. Berlinale 2015 lief. „Es war unsre schönste Zeit.“ hören wir Dani (Merlin Rose), den Hauptprotagonisten und Erzähler in dieser euphorischen, alkoholschwangeren Autonacht aus dem Off sagen. „Es gibt keine Nacht, in der ich nicht von alldem träume, und ständig tanzen die Erinnerungen in meinem Kopf.“ Und das erinnert nicht von ungefähr an den Schlusssatz „Es war die beste Zeit. Das Chaos ist aufgebraucht.“ aus Bertolt Brechts frühem Stück Im Dickicht der Städte. Und so beinhaltet Andreas Dresens Film auch im Beginn schon das kommende Ende. Dani sucht den drogenabhängigen Freund Mark (Joel Basman) in einer dunklen Kino-Ruine und will ihn mit alten Geschichten zu neuem Leben animieren. Aber der Furor ist vergangen, wird sich nur noch einmal wie retrospektiv von einer alten Filmrolle vor unseren Augen abspulen.

Die Clique besteht seit Schultagen aus den fünf Jungen Dani, Mark, Rico (Julius Nitschkoff), Paul (Frederic Haselon) und Pitbull (Marcel Heuperman). Walter fehlt im Film, seinen Autoknackerpart aus dem Roman übernimmt Paul, ein schüchterner Junge mit Brille und einer führsorglichen Mutter, was ihm das Überleben sichert, und eine unglückliche Liebe zu einer „West-Fitschi“ später als Porno-Paul reüssieren lässt. „Immer aktiv sein. Immer mit dem Kollektiv vorneweg. So wird man ein guter Soldat.“ Als gelernter Jungpionier ist man auch nach der ideologischen Wende zu allem bereit. Das Kollektiv trinkt nun das Bier der Sieger und Whiskey statt Apfelkorn. Das Schneller, Höher, Weiter der einstigen Lehrer gerät zu einer neuen Art von sportlichem Klassenkampf auf Leipziger Straßen. Erst jagt man den Glatzen eine gewinnträchtige Kohlenoma ab, später ist man selbst der Gejagte.

Foto: Peter Hartwig © Rommel Film / Pandora Film

Als wir träumtenFoto: Peter Hartwig
© Rommel Film / Pandora Film

Statt Aussichten auf blühende Landschaften öffnen sich nun für die angehenden Techno-Jünger die geschleiften Hallen des ehemals werktätigen Volkes. Aus Kleinganoven werden Geschäftsleute. „Wir werden die Größten sein. Dann kommen auch die Mädchen.“ Aber Kasse machen andere. Kehlmann (Gerdy Zint), der Chef der Reudnitzer Rechten lässt ihren Eastside-Club, ein Pendant zum Berliner Ostgut (heute Berghain), von seinen Glatzen aufräumen. Der Anfang vom Ende der ganzen Scheiße, von der Dani nicht mehr weiß, wie sie angefangen hat. Die Auflösung beginnt schleichend. Eine Schrifteinblendung in Dresens Film verheißt in großen Lettern die Zeit großer Kämpfe. Rico, der Boxer, der schon damals enttäuscht von seinem Offiziersvater kämpferisch das rote Halstuch verbrannt hatte, wird alle seine zukünftigen Kämpfe verlieren. Der pragmatische Pitbull wird Drogendealer, Mark sein bester Kunde. Und Dani, der klügste unter ihnen, verrät als erster die verschworene Bruderschaft.

Andreas Dresen jagt das alles in schnellen, dreckigen Bildern über die Leinwand. Ein ewig lauter Party- Keller-Traum, aus dem niemand erwachen will. Zeitlupenartige Stroboskoplichtszenen in der Großraumdisco bilden kurze Inseln der Ruhe, in denen Dani mit seiner großen Liebe Sternchen aus der Zeit zu kippen scheint. Ruby O. Fee spielt die traurige Romantikerin, die nicht warten kann auf Danis Versprechen in die Zukunft. Sternchen treibt von Kehlmann zu anderen Männern, wird vom Kiezliebchen zur Stangenware. „Ich wollte schon immer was mit eigenem Ausdruck machen.“ sagt sie etwas später zu Dani und Rico.

Foto: Peter Hartwig © Rommel Film / Pandora Film

Als wir träumtenFoto: Peter Hartwig
© Rommel Film / Pandora Film

Die Frauen im Film wirken verhärmt. Ihre Männer sind schlagende Alkoholiker, nicht anwesend, oder beides. Die Jungs bewegen sich wie eine Lost Generation aus mehr oder weniger Vaterlosen im Auf- und Abbruch der Wendejahre. Ihre leerlaufende Rebellion überträgt sich auf Fensterscheiben, Lagerhallen und endet im Tagesarrest oder nach einem verpatzten Sparkassenbruch im Jugendknast. Armin Petras hat in seiner 2007 entstandenen Theateradaption das Pathos der unbändigen Rowdy-Attitüde durch die Besetzung mit fünf Schauspielerinnen brechen wollen. Anja Schneider, damals in der Rolle des Dani, steht diesem nun selbst als einsam Gebrochene gegenüber.

Viel tiefer steigt Dresen nicht ein in Meyers Leipziger No-Futur-Soziotop aus Suff, traditionellen Fußballritualen und Kneipenschlägereien. Anekdotische, wie nachkoloriert wirkende Rückblenden beschränken sich auf die Schulzeit der Freunde mit Wehrunterricht, Fahnenapell und Übungen in Selbstkritik. Erster Liebe folgt erste Enttäuschung. Als die ersten Leipziger demonstrieren, steht der Lehrkörper noch wortreich im Abwehrgefecht, gerät darüber aber auch in Erklärungsnot. Ihren Direktor (Ronald Kukulies) werden die Kleinkriminellen beim Ableisten von Arbeitsstunden wiedertreffen. Der einstige Welterklärer weiß sogar beim Wändeweißen immer noch alles besser.

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„Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen.” heißt es bei Christa Wolf. Regisseur Andreas Dresen und sein Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, der schon 50 Jahre vor Clemens Meyer den Nachkriegs-Halbstarken Ost für den Film Berlin – Ecke Schönhauser die passenden Dialoge schrieb, verheddern sich bei dem Versuch, aus den ausufernden, semiautobiografischen Aufzeichnungen Meyers über die chaotischen Leipziger Wendejahre eine Essens zu filtern. Jede Kritik birgt da auch den Wunsch, über einen Film zu schreiben, den man gerne gesehen hätte. „Wo soll’s denn hingehen?“ ist am Ende des Films die fast beiläufige Frage eines Taxifahrers an Dani. Dresens Verfilmung wirkt da mit all dem schönen anarchischen Untergangs-Pathos wie ein uneingelöstes Versprechen, dass es irgendwann wieder so werden könne, wie es nie war. Und nicht nur das hinterlässt auch einen etwas unbefriedigenden, schalen Nachgeschmack.

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„ALS WIR TRÄUMTEN“
Regie ANDREAS DRESEN
Drehbuch WOLFGANG KOHLHAASE
nach dem Roman von CLEMENS MEYER
Kamera MICHAEL HAMMON bvk
Schnitt JÖRG HAUSCHILD
Szenenbild SUSANNE HOPF
Kostüm SABINE GREUNIG
Maske GRIT KOSSE · UTA SPIKERMANN
Ton PETER SCHMIDT
Mischung RALF KRAUSE
Musikberatung JENS QUANDT
Redaktion COOKY ZIESCHE · CORNELIA ACKERS · WOLFGANG VOIGT · DAGMAR MIELKE · ANDREAS SCHREITMÜLLER · OLIVIER PÈRE · RÉMI BURAH
Produktionsleitung PETER HARTWIG
Koproduzenten ANDREAS DRESEN · ANDREAS LEUSINK · TOM DERCOURT
Produzent PETER ROMMEL
mit MERLIN ROSE · JULIUS NITSCHKOFF · JOEL BASMAN · MARCEL HEUPERMAN · FREDERIC HASELON und RUBY O. FEE

seit 26.02.2015 im Kino

Infos: http://www.pandorafilm.de/filme/als-wir-traeumten.html
http://www.alswirtraeumten.de/

Zuerst erschienen am 05.03.2015 auf Kultura-Extra.

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Filme aus Österreich, Schweiz und Deutschland auf der 65. Berlinale 2015 – Eine etwas verspätete deutschsprachige Bärennachlese.

Freitag, Februar 27th, 2015

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Cinemaxx

Die 65. Berlinale 2015Foto: St. B.

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DORA oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern – Ein Film von Stina Werenfels nach einem Theaterstück von Lukas Bärfuss im Panorama

Der Trend, Kinofilme für das Theater zu adaptieren, ist nach wie vor ungebrochen. Dass es auch andersherum ganz gut funktionieren kann, zeigt nun die Schweizer Regisseurin Stina Werenfels mit ihrem neuen Werk DORA oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern. Der Film basiert auf einem Theaterstück des bekannten Schweizer Dramatikers Lukas Bärfuss, das 2003 in Basel von Barbara Frey mit Sandra Hüller in der Hauptrolle uraufgeführt wurde. Im Film ist nun die vielversprechende Nachwuchsschauspielerin Victoria Schulz in der Rolle der 18jährigen Dora, die nach dem Absetzen der Medikamente ihren Körper entdeckt, zu erleben. Ihr Spiel der sexuell Erwachenden und ganz naiv aber bewusst ihren Trieben folgenden jungen Frau wirkt vollkommen natürlich und niemals peinlich.

Ausgehend von einer ausgelassen Kindergeburtstagsparty beginnt nach dem Absetzen der Pillen bei Dora eine Pubertät im Schnelldurchlauf, der die verständnisvollen Eltern (Jenny Schily und Urs Jucker) nicht gewachsen sind. Das sogenannte „Scheidenpimmelchen-Spiel“, das bei ihnen nur noch gelegentlich für Lust sorgt, soll nun für Dora zum festen Bestandteil ihres neuen Lebens werden. Und in Peter (Lars Eidinger, den Part des geheimnisvollen, zwielichtigen Manns in Filmen auf der Berlinale einmal mehr grandios verkörpernd) trifft sie auf den Mann, der ihr das, wenn auch nicht ganz ohne Eigennutz ermöglicht. Das erste Treffen der beiden in einer U-Bahn-Toilette, auf die Dora dem von ihr angehimmelten Pharmavertreter folgt, inszeniert Regisseurin Werenfels als Mischung aus unschuldig, neugierigem Flirt mit Granatapfelsymbol und brutaler Vergewaltigung.

DORA oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern - Foto © Alamode Film

DORA oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern
Foto © Alamode Film

Die „Neurosen“ der Eltern entspinnen sich dann ob der sexuellen Aktivitäten ihrer Tochter zwischen angespannter Liberalität und Kontrollwahn bis hin zu vollkommener Hilflosigkeit und sexuellem Frust, der angesichts der Schwangerschaft Doras in Eifersuchtsanfälle der Mutter münden, die selbst gern noch ein „gesundes“ Kind bekommen würde. Das auch Dora ihre unangenehmen Erfahrungen mit Liebe und Sex macht, spart der Film aber nicht aus. Beim Versuch Peters sie zu einem Dreier mit einem Kollegen zu animieren, sagt Dora zum ersten Mal nein, was Peter dann zwar akzeptiert, sich aber mehr und mehr aus der für ihn schwierig werdenden Beziehung verabschiedet.

Die unklare Figur des völlig frei von jedweder Verantwortung agierenden Peter ist ein anderer Aspekt des Films, dem Stina Werenfels allerdings weiter nicht allzu viel an Bedeutung beimisst. Da sind dann der Projektionslust der Zuschauer keine Grenzen gesetzt. Wie Mutter und Tochter, wenn auch auf recht dramatische Weise, doch noch zu einer letztendlich für beide Seiten akzeptierten und entspannten Sexualität finden, ist eine schöne Pointe am Schluss und kann in den Schweizer Kinos schon ab dem 19. Februar bewundert werden. In Deutschland startet der Film am 21. Mai 2015.

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Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern
Schweiz / Deutschland 2015, 90 Min
Regie: Stina Werenfels
Buch: Stina Werenfels, Boris Treyer
Kamera: Lukas Strebel
Mit: Victoria Schulz, Jenny Schily, Lars Eidinger, Urs Jucker u.a.

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Die Filme Ein idealer Ort und Im Sommer wohnt er unten sind die Preisträger des ‚Dialogue en perspective‘ in der Perspektive Deutsches Kino

Neben dem Schweizer Max-Ophüls-Preisträger Chrieg gab es noch zwei weitere Preise in der Sektion Perspektive Deutsches Kino. Den DFJW-Preis ‚Dialogue en perspective‘ teilten sich diesmal zwei Filme. Den Hauptpreis der Jury erhielt der mittellange Spielfilm Ein idealer Ort von Anatol Schuster. Der 40minüter des 30jährigen Regisseurs beschäftigt sich mit der weit verbreiteten Landflucht in Mecklenburg-Vorpommern. Während sich hier nur noch eine die Blaskapelle in kämpferischen Tönen übt, ist das Dorf zwischen Ferkelfabrik und Biosphärenreservat am Verfallen.

Ein idealer Ort - Foto (c) wirFILM

Ein idealer OrtFoto (c) wirFILM

In den Hauptrollen des Ehepaars Frank und Kathrin, das sich nach Jahren entschließt ihr Haus zu verkaufen und die Stadt zu ziehen, sind mit Matthias Neukirch und Jule Böwe zwei weitere prominente Berliner Theaterschauspieler besetzt. Frank hat sich so gut es geht mit Job und Blaskapellenmitgliedschaft in die Dorfgemeinschaft integriert und möchte eigentlich auch lieber bleiben. Kathrin dagegen plagen Ängste, auch bedingt durch einen nicht näher beschriebenen Autounfall, die sie mittels ominöser Klopftherapie-Anleitungen aus dem Internet aufzulösen versucht.

Das Lebensgefühl ihrer Tochter Anna zwischen Techno, zwei Dorfjungen und dem Kampf gegen die Ferkelfabrik ist ihnen genauso fremd wie ihr Sohn Otto mit seiner autistisch künstlerischen Überbegabung. Auf den Teenager Anna wirkt der Vater nur noch peinlich. Der Film beschreibt das Unvermögen von Menschen Entscheidungen zu treffen und ihr gemeinsames Leben wieder neu zu gestalten. Das Foto einer glücklichen Familie vor ihrem Haus für den Immobilienmakler ist nur gestellt. Es herrschen allgemeine Stagnation und Zweifel. Trotzdem bieten die Charaktere des Films noch jede Menge Raum zur Ausgestaltung. Der Stoff von Anatol Schuster hat durchaus Potential für einen 90minüter in Petto.

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Ein idealer Ort
Deutschland 2015, 40 Min
Regie, Buch: Anatol Schuster
Kamera: Julian Krubasik
DARSTELLER: Matthias Neukirch, Jule Böwe, Raja Rexin, Lukas Kühl, Robert Schupp, Radik Golovkov, Barbara Philipp, Jürgen Hartmann, Eva-Maria Blumentrath, Sebastian und Martin Fulbrecht

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Die Jury vergab noch eine Lobende Erwähnung an Im Sommer wohnt er unten, den Debutlangspielfilm von Regisseur Tom Sommerlatte. Familientraditionen und hohe Erwartungshaltungen überschatten hier das Verhältnis zweier recht ungleicher Brüder. Eine nicht ganz unübliche Konfliktsituation, die hier in dem doch recht idyllischen Sommerdomizil einer deutschen Bankiersfamilie in Frankreich angesiedelt ist. Im elterlichen Ferienhaus hat es sich Matthias (Sebastian Fräsdorf) mit Freundin Camille (Alice Pehlivanyan) und ihrem Sohn Etienne (William Peiro) gemütlich gemacht. Er hält nicht viel von beruflicher Karriere und lebt auf Vaters Kosten in den Tag hinein. Die Ruhe ist vorbei, als Bruder David (Godehard Giese) mit seiner Frau Lena (Karin Hanczewski) eine Woche zu früh ins Idyll mit Swimmingpool platzt. Das recht geschäftstüchtige Alphatier ist ziemlich angespannt, da er wegen des Fortpflanzungswillens seiner Frau und auch geschäftlich stark unter Druck steht. David beginnt sofort Bruder und Freundin zu gängeln und besteht darauf, das Zimmer zu wechseln sowie den Sohn Camilles wegzuschicken.

Im Sommer wohnt er unten - Foto (c) SamuelArnaud

Im Sommer wohnt er untenFoto (c) Samuel Arnaud

Der eher antrieblose Matthias lässt sich das zunächst gefallen. Erst als Camille beginnt David immer wieder erfolgreich herauszufordern, fängt auch er an, seine Lage zu überdenken. Es entspinnt sich ein schönes Spiel um Balzgehabe, Eifersucht und Rivalität zwischen den Brüdern und ihren Frauen, das den zentralen Austragungsort Haus und Pool bestens zu nutzen weiß. Es macht Spaß den beiden Paaren bei ihrem Kampf um männlichen Herrschaftsanspruch und weibliche Autonomie zuzusehen, bei dem die beiden konträren Brüder sich auch endlich wieder etwas näher kommen. Blut erweist sich hier auf eine andere Art dicker als Wasser und das leidige Geld, das David in Mengen verzockt hat, als ziemliche Erotikbremse. Regisseur Tom Sommerlatte nimmt bewusst auch Anleihen bei bekannten französischen Autoren-Filmen, mixt aber einen ganz eigenen Sommer-Cocktail, der beim Publikum gut ankommen dürfte. Der Kinostart ist für Herbst 2015 geplant.

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Im Sommer wohnt er unten
Deutschland / Frankreich 2015, 100 Min
Regie, Buch: Tom Sommerlatte
Produktion: Iris Sommerlatte
Kamera: Willi Böhm
Montage: Anna Kappelmann
Szenebild: Babett Klimmeck
Mit: Sebastian Fräsdorf, Godehard Giese, Karin Hanczewski, Alice Pehlivanyan und William Peiro

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Der letzte Sommer der Reichen und Superwelt – Zwei österreichische Spielfilme in den Sektionen Panorama und Forum

Um Machtspiele und Familienhierarchien geht es auch in Der letzte Sommer der Reichen, dem neuen Spielfilm des österreichischen Regie- und Schauspiel-Enfant-terribles Peter Kern, der im letzten Jahr seinen 65. Geburtstag feierte. Der Verfechter einer ganz speziellen Filmästhetik und eines etwas abseitigeren Humors findet dafür jedoch wieder wesentlich explizitere Bilder. Kern lässt die Liebe zur Schönheit des Lebens wie der Ekel über die Welt, wie sie ist, nicht in Ruhe. Und da ein Prophet im eigenen Land bekanntlich wenig gilt, hat Peter Kern wohl auch schon seit längerem ein Panorama-Abo auf der Berlinale.

Hanna von Stezewitz (die franz. Schauspielerin Amira Casar), die Hauptfigur in Kerns Film, ist eine Frau, die weiß was sie will, und es sich im Zweifelsfall auch nimmt. Die mondäne Modedesignerin und reiche Konzernerbin nutzt ihre Macht dabei schamlos aus, sexueller Missbrauch junger, naiver Models inklusive. Sie schreitet in Lack und Leder durch die feine Wiener Gesellschaft aus reichen Gönnern, Bankiers sowie anderen Aasgeiern aus Kunst und Politik. Ihren Ekel darüber lässt die als Mäzenin gern Gesehene mit einem exquisiten Hang zur Provokation freien Lauf. So sind der Zynikerin auch Bordelle lieber als ein Kunst- und Kulturzentrum mit ihrem Namen. Denn nur bei den Prostituierten zeigt die harte Hanna auch ihre weiche, verletzliche Seite. Natürlich auf eine recht bizarre und eher masochistische Art.

Der letzte Sommer der Reichen – (c) Nanook Film

Im zwielichtigen Milieu der Zuhälter engagiert Hanna auch den Mörder ihres verhassten Großvaters (Heinz Trixner) mit Nazivergangenheit, der ans Bett gefesselt in einem Schloss mit riesigen Räumen und willfährigen Bediensteten haust. Hier taucht Kern auch wieder tief in dunkle Kapitel deutsch-österreichischer Geschichte ein. Dass die sich nach echter Liebe sehnende Hanna dann aber ausgerechnet der jungen Nonne Sarah (Nicole Gerdon), die den Großvater pflegte, verfällt, wird ihr schließlich zum Verhängnis. Hanna sind nun außerdem selbst geheimnisvolle Killer auf den Fersen, was Kerns thematisch überbordenden Film etwas in Richtung pittoreske Krimigroteske kippen lässt, die er wieder satt mit klassischer Musik von Mozart bis zu Wagners Tristan und Isolde untermalt.

Ob nun SM, Prostitution, Geldgier, Macht- und sexueller Missbrauch oder die Kritik an Medien, Korruption, Finanzkapital und Kirche, mit dem Beackern von gleich mehreren gesellschaftlichen Tabuthemen gleichzeitig verliert der Film etwas sein Ziel aus den Augen. Kern vermag schon sehr gut die wahren Perversionen der kapitalistischen Konsumwelt zu offenbaren. Sein als große Gesellschaftssatire angelegter Film ist aber als Farce nicht überdreht oder schräg genug und als echte Provokation wiederum etwas zu brav. Neben dem Ex-Model Casar vermag einzig Ex-DDR-Schauspielstar Winfried Glatzeder in einer schönen Nebenrolle als Hannas geheimnisvoll devoter Privatsekretär zu brillieren, und ist sich auch eines kleinen Seitenhiebs auf seine Dschungelcamp-Vergangenheit nicht zu schade.

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Der letzte Sommer der Reichen
Österreich 2015, 91 Min
Regie und Buch: Peter Kern
Kamera und Produktion: Peter Roehsler
Mit: Amira Casar, Nicole Gerdon, Winfried Glatzeder, Helmut Berger, Margarete Tiesel, Nicole Beutler, Paul Matic, Florian Feik

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Nicht ganz so forsch und bunt wie Peter Kern geht sein österreichischer Schauspielkollege Karl Markovics mit seinem zweiten Spielfilm an die ganz menschlichen Verwerfungen der modernen Gesellschaft heran. Er schlägt mit Superwelt leicht ironische, wesentlich leisere, damit aber nicht weniger treffende Töne an. Diese offenbaren sich der Supermarktangestellten Gabi (Ulrike Beimpold) als göttliche Eingebungen, die sie erst unmerklich dann aber immer öfter sehr intensiv heimsuchen. Gabis Mann Hannes (Rainer Wöss) arbeitet bei der Straßenmeisterei einer kleinen Gemeinde in der Steiermark. Beide haben Haus, Garten und erwachsene Kinder, wobei Tochter Sabine bereits selbst verheiratet ist, Sohn Ronni (Nikolai Gemel) als Unteroffizier aber noch die Vorzüge des Hotels Mama genießt.

Superwelt - Foto (c) Thimfilm / Petro Domenigg

SuperweltFoto (c) Thimfilm / Petro Domenigg

Regisseur Markovics zeichnet hier den typischen Alltag einer berufstätigen Frau, die nebenbei auch noch ganz traditionell und selbstverständlich den Haushalt schmeißt. Das Ausscheren Gabis aus den eingefahrenen Gleisen einer Ehe, die nichts Überraschendes mehr bringt, ist Hannes dann auch zunächst vollkommen unbegreiflich. Sie haben es doch fast geschafft, ist sein zynischer Kommentar. Gabis Fasten und Aerobic-Training hält er in ihrem Alter schlicht für nutzlos. Eine neue Waschmaschine oder ein neuer Kühlschrank wären drin, die Küche muss reichen bis zum Ende. Aber kann denn das schon alles sein? Irgendwann verlässt Gabi einfach Supermarkt, Mann und Haus, um sich, den Einsagungen der inneren Stimme folgend, auf eine kleine Reise zu machen.

Mit Liebe und Verständnis für die Wünsche und Ängste seiner Protagonistin folgt Markovics Gabis Weg, der sie wie auf eine kleine, wundersame Passion durch die malerische Landschaft mit weiten Feldern und langen Straßen führt, auf einen gestressten Kurierfahrer, Bauarbeiter bei der Vesper, Soldaten und eine kleine Hochzeitgesellschaft treffen lässt. Brennende Büsche, Zweifel, Verwünschungen, die Verleugnung des eigenen Sohnes und ein reinigender Gewitterguss machen daraus aber kein biblisches Martyrium, sondern die Geschichte einer ganz gegenwärtigen Frau, der die Spießigkeit und die sie umgebende Ignoranz, der Fluch der ständigen Verfügbarkeit und Verlust jeglicher Zukunftsträume zu schaffen machen. Karl Markovics ist ein feinsinniges Gesellschaftsportrait gelungen, dem es nicht an nötigem Humor und Weltsicht mangelt. Kinostart Österreich: 20.03.2015

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Superwelt
Österreich 2015, 120 Min.
Regie, Buch: Karl Markovics
Kamera: Michael Bindlechner
Mit: Ulrike Beimpold, Rainer Wöss, Nikolai Gemel, Angelika Strahser, Thomas Mraz, Sibylle Kos, Michael Scherff, Harri Stojka

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Chrieg – Der Max-Ophüls-Preisträgerfilm von Simon Jaquemet zu Gast bei der Perspektive Deutsches Kino

Dienstag, Februar 17th, 2015

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Der Max-Ophüls-Preisträger 2015 Chrieg hat es in sich. Wucht, Klarheit und Authentizität bescheinigte die Jury in Saarbrücken dem Debutfilm des Schweizers Simon Jaquemet in der Preisbegründung. Und er ist nicht nur visuell ein Schlag in die Magengrube, wie es der 37jährige Regisseur seinem Film vorrausschickt. Die Bilder und Handlung von Chrieg verstören nachhaltig. Nicht dass Filme über ungezügelte Jugendgewalt neu wären, aber Simon Jaquemet erzählt hier eine ungeschönte Geschichte vom völligen Scheitern der Institutionen Familie und Staat, ohne jemanden direkt mit erhobenen Zeigefinger in die Verantwortung zu nehmen. Die Gründe für den Ausbruch der Gewalt, die uns immer wieder durch Pressemeldungen erschüttert, bleiben so rätselhaft wie die Story des Films insgesamt.

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Chrieg_FilmplakatDer 15jährige Matteo ist seinen Eltern ein Rätsel. Der stille Einzelgänger passt sich nicht an, dealt mit Drogen und bringt, um seinem Vater zu imponieren, auch schon mal eine Prostituierte mit nach Hause. Der Vater geht mit harter Hand gegen die Opposition des Sohnes vor. Die Mutter hat nur Augen für das neue Baby. Da ist kein Platz für Matteo, der sich allen institutionellen Erziehungsmaßnahmen widersetzt. Letzte Hoffnung für die Eltern ist ein sogenanntes Bootcamp in den Schweizer Alpen. Bei Nacht und Nebel dahin verschleppt, gerät der Junge in die Mühlen eines aus dem Ruder gelaufenen Experiments. Die Jungen Anton, Deon und das Mädchen Ali haben den versoffenen Almbauern Hanspeter entmachtet und das Regime auf dem Hof übernommen. Der Neuankömmling wird einer entwürdigenden Initiation mit anschließender Mutprobe unterzogen und in die Gruppe integriert.

Lange weiß man nicht, ob dies alles nicht einem perfiden Erziehungsplan entspringt. Man ist wie Matteo selbst den sich für ihn zunächst kaum erklärenden Vorgängen ausgesetzt. Fast wie ein Spiel zelebriert die Gruppe ihre Art von Krieg. Die Kamera ist immer hart an den Protagonisten dran, so dass sich ein dynamisch dichter Spannungsbogen aufbaut, der sich immer wieder in Szenen der Gewalt entlädt. Das ist letztendlich auch die Stärke des Films, ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Der Film zeigt und baut Wut auf, ohne sie zu erklären, verklärt sie aber auch nicht als unumgänglich. In den wenigen Szenen der Ruhe kann man kleine Rückzugsgebiete, Wünsche und Hoffnungen der Protagonisten ausmachen. Die zum größten Teil noch filmisch unbeleckten Darsteller, allen voran Benjamin Lutzke als Matteo, überzeugen in jeder Minute.

Chrieg_(c) Foto Lorenz Merz © Hugofilm Production

Chrieg – Foto: Lorenz Merz © Hugofilm Production

Die unkontrollierte Bande nimmt den Jungen dann aber bald mit auf ihre Fahrten in die Stadt. Sie rauben brutal potenzielle Drogenkäufer aus, stehlen Autos, mischen eine Großraumdisco auf und verwüsten das Elternhaus der wohlstandsverwahrlosten Ali. Bis auf den schon mal im Knast gewesenen Anton, der das Kommando führt und unter keinen Umständen wieder zurück will, haben die anderen zumindest einen halbwegs nachvollziehbaren familiären Hintergrund. Der Serbe Deon sehnt sich nach seiner Großmutter, hat aber Angst vor einer Abschiebung; Ali, die sich als Junge in der Gruppe akzeptiert fühlt, fehlt Zuneigung, die sie hier aber vergeblich sucht. Der Gruppendruck verlangt bedingungslose Unterordnung, bis die freilaufende Dynamik die Gewalt eskalieren lässt.

Matteo will sich an seinem verhassten Vater rächen, dem der Regisseur und Drehbuchautor hier noch zusätzlich ein dunkles Geheimnis anheftet, das Matteos Vaterbild endgültig zerstört. Nach vollendeter Tat zieht sich die Truppe in ihr Lager zurück. Die eingeschworene Gemeinschaft scheint in Auflösung und wie gelähmt vor der Erwartung der Strafe. Die Taten bleiben für Matteo zwar ungesühnt, allerdings ist er am Ende inmitten der schroffen Bergwelt noch einsamer als zuvor.

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Simon Jaquemet wollte einen Film über bestimmte Konstellationen, in denen es zu Gewalt kommen kann, machen. Das Vorhaben ist ihm in Teilen gelungen. Dass sich die angestaute Wut Jugendlicher ohne angemessenes Ventil in ziellose Zerstörung entlädt, resultiert aber nicht nur aus unlösbaren Generationenkonflikten. Die gesellschaftliche Komponente wird im Film nur in Ansätzen deutlich. Die Ratlosigkeit des Regisseurs überträgt sich somit auch aufs Publikum. Trotz fehlender Unterfütterung der Story und ihrer Charaktere mit etwas mehr Hintergrund, stehen die ungelösten Fragen aber weiter zur Diskussion im Raum.

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CHRIEG (WAR)
Schweiz, 2014  / 100′
Buch und Regie: Simon Jaquemet
Regieassistenz: Beatrice Minger
Kamera: Lorenz Merz
Schnitt: Christof Schertenleib
Szenenbild: Michael Baumgartner
Kostümbild: Laura Gerster
Maskenbild: Marina Aebi
Originalton: Jean-Pierre Gerth
Tongestaltung: Roland Widmer
Produktionsleitung: Florian Widmeier, Franziska Arnold, Philipp Moravetz
Aufnahmeleitung: Olga Zachariadis
Casting: Lisa Oláh, Bea Minger
Produzenten: Christian Davi, Christof Neracher, Thomas Thümena
Ausführender Produzent Christian Davi
Darsteller:
Matteo: Benjamin Lutzke
Ali: Ella Rumpf
Anton: Ste
Dion: Sascha Gisler
Matteos Vater: John Leuppi
Matteos Mutter: Livia S. Reinhardt
Hanspeter: Ernst Sigrist
Callgirl: Ivana Nicolic

Kinostart: 12.03.2015

Weitere Infos:

http://www.firsthandfilms.com/page/8c7a3961

http://hugofilm.ch/filme.php?id_film=79

https://www.berlinale.de

Zuerst erschienen am 16.02.2015 auf Kultura-Extra.

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Andere Länder, andere Sitten – Ein Silberner Regiebär für den Balkanwestern von Radu Jude, Peter Greenaways Eisenstein-Biopic, eingeschworene Jungfrauen in Albanien und ein Mädchenschicksal in Kabul auf der 65. Berlinale 2015.

Montag, Februar 16th, 2015

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Foto: St. B.

Austragungsort des Wettbewerbs der Berlinale 2015 – Foto: St. B.

Ein Ritt in die dunkle Vergangenheit der Donaufürstentümer – Aferim! Ein Schwarz-weiß-Film des Rumänen Radu Jude

Schwarz-weiß ist die karge Landschaft, schwarz-weiß ist auch das Denken der in ihr umherirrenden Protagonisten des im Stile eines Balkan-Western gedrehten rumänischen Wettbewerbsbeitrags von Regisseur Radu Jude. Er entführt uns in eine vermeintlich längst vergangene Zeit des Donaufürstentums Walachei, in dem 1835 die Angehörigen der Roma-Minderheit noch als Arbeitssklaven gehalten wurden und auf Gedeih und Verderb ihren ländlichen Herren, den Bojaren und der Kirche, ausgeliefert waren. Einem dieser mittelalterlich absolutistischen Exemplare ist der Rom Carfin (Cuzin Toma) davongelaufen. Er hat mit der Frau des Bojaren geschlafen und fürchtet nun dessen gnadenlose Rache. Das erfährt man erst etwas später. Zunächst sieht man nur zwei schwatzende Gestalten auf Pferden, die sich auf die Suche nach der entflohenen „Krähe“ gemacht haben.

Der Gendarmenhauptmann Constandin (Teodor Corban) und sein Sohn Ionita (Mihai Comanoiu) philosophieren in langen Kameraeinstellungen über Gott und die Welt, wie sie ist. Der junge Möchtegern-Haudrauf, noch etwas ungelenk, will seinem Vater nacheifern. Der Alte prahlt nur von früher, als er noch ein schlimmer Finger war, hat aber schon das Reißen in den Knochen und das Brennen im Schwanz. Den baldigen Tod vor Augen gilt seine einzige Sorge dem Sohn, der von der Mutter etwas zu sehr verzärtelt wurde. Der berittene walachische Pegida-Stammtisch begegnet auf seiner Reise durch das osmanisch beherrschte Gebiet, was außerdem noch vom bösen Russen bedroht ist, in einem Kloster unterjochte und am Fluss frei goldwaschende Roma, konkurrierende, korrupte Bezirkspolizisten und betrügt nebenbei arme Bauern und Fischer. Constandin schickt noch einen dummen, türkischen Handlungsreisenden in die Irre, bevor sie den Flüchtigen dingfest machen und mit einem kleinen Roma-Jungen über die Sättel werfen. Das greinende „Krähenküken“ wird auf dem Sklavenmarkt zur Aufbesserung der Reisekasse einfach an den erstbesten Popen verhökert.

Aferim! von Radu Jude - © Silviu Ghetie

Aferim! von Radu Jude – © Silviu Ghetie

Radu Jude inszeniert das alles sehr ironisch mit einem guten Schuss Zynismus. Man braucht eigentlich keine weiteren Erklärungen und Figurenentwicklungen, hat man im Grunde doch alles, was man wissen muss, ständig direkt vor der Nase. Letzte Gewissheit gibt es bei einer ordentlichen Hasspredigt eines Pfaffen vom gerade reparierten Eselskarren herunter. Hier erfährt man nun auch den Unterschied vom noch zu den Menschen gerechneten „Zigeuner“ zum bösen „Riesenjuden“. Und für jede Nation hat der Priester ein schönes Vorurteil parat, nur der Rumäne leidet still. Und sind es nicht die Juden oder die Zigeuner, dann sind es die Sodomisten und die Frauen. Aferim! Der aus dem Türkischen stammende Ausruf bedeutet so viel wie Bravo, gut gesprochen. Der Film könnte im Untertitel auch „Wie die Dummheit in die Welt kam“ heißen. Das kann man sich natürlich gar nicht alles ausdenken. Im Abspann gibt es eine lange Liste von Quellen. Der Regisseur hat dem Volk und seinen Führern aufs Maul geschaut.

Es erübrigt sich fast zu erwähnen, dass der Bojar zum Ende hin seine verletzte Mannesehre blutig wieder herstellt, umringt von einer johlenden Meute. Da ist selbst der hartgesottene Constandin etwas konsterniert. Seinem lernbegierigen Filius kann er da nur mit auf den Weg geben, es sich nicht so zu Herzen zu nehmen. Die Welt bleibt so, wie sie ist. „Gott schützt jeden Wurm. Nur wir können nicht aufeinander aufpassen.“ Bravo! Zu diesen Film kann man Radu Jude nur beglückwünschen und natürlich auch für den verdienten Bären in Silber für seine Regie. Er bewegt sich hier durchaus auch stilistisch in den Fußstapfen des vor einigen Jahren zurückgetretenen Ungarn Béla Tarr, wenn auch mit einem etwas schwärzeren Humor, bei dem einem das anfängliche Lachen erst nach und nach im Halse stecken bleibt. Auch Radu Jude arbeitet mit versteckter Symbolik, wenn er schon zu Beginn in langer Einstellung eine Distel zeigt. Ein Zeichen des christlichen Leids, aber auch für heidnische Wehrhaftigkeit. Es muss nicht immer der stark reduzierte Gegenwartsrealismus von Cristian Mungiu sein, um etwas über das dunkle Wesen des modernen Menschen zu erfahren. Die meisten Geister und Ängste kommen direkt aus der Vergangenheit.

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Aferim!
Rumänien / Bulgarien / Tschechische Republik 2015, 108 Min
Regie: Radu Jude
Buch: Radu Jude, Florin Lazarescu
Kamera: Marius Panduru
Mit: Teodor Corban, Mihai Comanoiu, Cuzin Toma, Alexandru Dabija, Luminita Gheorghiu, Victor Rebengiuc, Alberto Dinache, Mihaela Sirbu, Alexandru Bindea, Adina Cristescu

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Wettbewerb: Eisenstein in Guanajuato – Regiealtmeister Peter Greenaway feiert in seinem Eisensteinportrait ein visuelles Fest der Sinne

Nur ein Jahrhundert weiter springt Regiealtmeister Peter Greenaway in seinem Biopic Eisenstein in Guanajuato, das auf der Berlinale ebenfalls seine Weltpremiere im Wettbewerb feierte. Und auch dieser Film ist durchaus Historie, gewürzt mit einem deftigen Schuss Fiktion. Verbürgt ist zumindest die Reise des russischen Kultfilmers Sergei Eisenstein 1931 nach Mexiko. Der Regisseur von so berühmten Werken der sowjet-revolutionären Stummfilmära wie Panzerkreuzer Potemkin und Oktober wollte dort einen vom US-amerikanischen Schriftsteller Upton Sinclair finanzierten Dokumentarfilm mit dem Titel ¡Que viva México! drehen. Es kamen immerhin 400 km Filmmaterial zusammen, das Eisenstein allerdings nie fertig schneiden sollte. Wie im Untertitel zu Oktober, mit dem zum 10. Jahrestag der Oktoberrevolution filmisch nachgestellten Sturm auf das Petersburger Winterpalais, ging es für ihn in Guanajuato dennoch recht stürmisch zu. Nicht gerade Zehn Tage, die die Welt erschütterten, dafür aber das Leben des Regisseurs umso mehr.

Eisenstein_in_Guanajuato_Filmposter

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Um das Leben geht es dann auch im Allgemeinen, und im Speziellen um Liebe und Tod, Eros und Thanatos. Für Greenaways Filme mindestens so bedeutend wie für das Werk Eisensteins. Der Regisseur opulenter Cineastenkost wie Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber, Der Kontrakt des Zeichners oder Prosperos Bücher vollzieht hier eine bedeutungsschwangere, bildlich stark auskomponierte Zusammenführung von miteinander korrespondierenden Gegensätzen. Mexiko als Land, in dem sich Liebe und Tod fast lustvoll freundschaftlich umgarnen. Umschwärmt von Fliegen, in seinen Augen stalinistische Spione, kommt Eisenstein (grandios: Elmer Bäck) froh den entbehrungsreichen sowjetischen Verhältnissen für kurze Zeit entkommen zu sein, voll Tatendrang in Mexiko an. Beargwöhnt von mexikanischen Pistoleros, begrüßt von Frida Kahlo und Diego Rivera, schwebt auch spürbar der berühmte Eispickel des russischen Diktators über ihm. Eisenstein lässt sich gefangen nehmen vom katholischen Totenkult mit Knochenmännern und jeder Menge mythischem Mummenschanz. Dazu läutet ein tauber und blinder Azteke die Kirchenglocken.

Sichtlich erfreut über luxuriöse Bäder und große Betten ergeht sich Eisenstein beim Warmduschen in aufschneiderischen Posen und Zwiegesprächen mit seinem besten Stück, das er zwecks Frustgewinn zum besseren Kreativoutput wohl seit längerem nur zum Pinkeln gebraucht hat. Dem zügellosen Lustgewinn argwöhnt der libidinös unterversorgte und leicht verklemmte Clown im jungfräulichen Weiß. Beim Coming Out steht Eisenstein dann ein gutaussehender mexikanischer Begleiter in Schwarz zur Seite. Luis Alberti macht sowohl als Religionslehrer wie Anthropologe und natürlich auch als echter Latin-Lover eine äußerst gute Figur. Die Deflorierung des Regisseurs des roten Oktobers findet als eine Art Eindringen der neuen in die alte Welt durch die Hintertür statt. Ein durchaus doppeldeutig zu verstehender kolonisatorischer Rollback zum Jahrestag der großen Revolution inklusive Hissen der roten Fahne im verlängerten Rückenteil.

Zum Glück für ihn und die Zuschauer nimmt Greenaway das große Vorbild nicht allzu ernst, es darf ausgiebig gelacht werden. Daneben gibt es noch eine Hommage an alte, längst verstorbene Filmgrößen, einen Seitenhieb auf Hollywood und Schwarz-Weiß-Einblendungen historischer Szenen aus Eisensteins Filmen. Greenaway benutzt hier auch ganz bewusst digitale Tricks, Überblendungen, Dreifachteilungen (wie in sakralen Triptychen), großzügige Weitwinkelaufnahmen und rasante Kamerafahrten im Kreis, bis einem auch schon mal ganz schwindelig vor Augen wird. Und selbstverständlich untermalt Greenaway seine farbenprächtigen Bilder wie immer mit viel pathetisch klassischer Musik und hier natürlich vor allem der des von Eisenstein geschätzten Komponisten Sergei Prokofjew.

Irgendwie verliert der Film dabei aber auch etwas sein Ziel und Zentrum. Beide Regisseure erliegen sichtlich erschöpft dem katastrophenartigen Regen und den fremden, morbiden Reizen Mexikos. Letztendlich geht es neben Sex und Selbstfindung, auch um Macht und Geld. Denn nicht nur seinem mexikanischen Führer in erotischen Dingen gibt sich Eisenstein hin, er muss auch vor der dumpfen Macht seines Financiers kapitulieren, verkörpert durch die abgesandten bigotten Vertreter Upton Sinclairs, die dem überdrehten Regisseur in Gestalt der snobistischen Ehefrau des großen Schriftstellers und ihres noch verständnisloseren Bankiers mangels verwertbarer Ergebnisse einfach den Geldhahn zudrehen.

Sichtlich frustriert fährt Eisenstein am Ende wieder seinem ungewissen Schicksal in der Sowjetunion entgegen, das für schwule, jüdische Künstler nicht besonders rosig aussieht. Parallelen zum heutigen Russland drängen sich auf. Hier platziert Greenaway nicht nur eine bildgewaltige Pointe auf die unheilige Verflechtung von Kunst und Geld, in der sich die Protagonisten in slalomartigen Zick-Zack-Bewegungen durch den Set eines weitläufigen, mit Säulen ausgestatteten Cafés schlängeln. Er gibt zu guter Letzt auch einen zwar ironischen, aber wenig optimistischen Ausblick auf das Ende des großen Regisseurs, der mit seinem Werk die Filmwelt revolutionierte, und dennoch 1948 – just beim Erstellen einer Chronik des sowjetischen Films – trotz Hämmern an der Heizung ungehört von den Nachbarn einem Herzinfarkt erlag. Der Klempner lässt grüßen.

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EISENSTEIN IN GUANAJUATO
Niederlande / Mexiko / Finnland / Belgien 2014, 105 Min
Regie und Buch: Peter Greenaway
Kamera: Reinier van Brummelen
Mit: Elmer Bäck, Luis Alberti, Rasmus Slatis, Jakob Öhrman, Maya Zapata, Lisa Owen, Stelio Savante

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Eingeschworene Jungfrauen in den Bergen Albaniens – Vergine giurata (Sworn Virgin) – Ein Film von Laura Bispuri im Wettbewerb

Sworn Virgin_Filmposter

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Die italienische Regisseurin Laura Bisputi erzählt in ihrem Debutfilm die Geschichte von Hana (Alba Rohrwacher), die nach dem Tod der Eltern bei Pflegeeltern in den nordalbanischen Bergen aufwächst. Während sich ihre Stiefschwester Lila (Flonja Kodheli) der Zwangsverheiratung durch Flucht entzieht, wählt die schon früh von einem unbändigen Freiheitsdrang geprägte Hana einen anderen Weg. Um die gleichen Rechte wie die alles beherrschenden Männer zu erlangen – auch weil sie ihren Ziehvater und die heimatlichen Berge liebt – , legt sie das Gelübde ab, aller körperlichen Liebe zu entsagen. Sie darf nun ausgestattet mit den nötigen Attributen wie Kleidung und Gewehr als Mann Mark in der Gemeinschaft weiterleben. Eine Tatsache, die traditionell in den Gewohnheitsrechten der albanischen Bergbevölkerung verankert ist.

Die gelebte Verleugnung des eigenen Geschlechts hält jedoch nicht dauernd an. Nach einigen Jahren fährt Mark zur Stiefschwester, die nun mit ihrer Familie in Mailand lebt. Das Ziel dieser späten Flucht ist zunächst nicht ganz klar. Lange kreist der Film um seine Protagonisten, ihr gegenseitiges Ausweichen und die schüchternen Wiederannährungsversuche von Mark an sein ursprüngliches Geschlecht. Über Lilas Tochter, die ihren „Onkel“ erst für etwas merkwürdig oder gar eine als Mann verkleidete Lesbe hält, erhält Mark dann schließlich eine Möglichkeit sich zu finden. Das Mädchen (Emily Ferratello) ist im Wasserballett, und über den freien Blick im Schwimmbad sieht Mark nun zum ersten Mal die Vielfalt von Körperlichkeit. Fast wie eine Art Erweckungserlebnis oder auch zweite Pubertät.

Hier hat dann der Berliner Schaubühnenstar Lars Eidinger seinen Auftritt als italienischer Bademeister und erstes Objekt des erwachenden sexuellen Interesses, der nach neuer Freiheit suchenden Frau. Die Häutung samt Überstreifen neuer Bekleidungs-Accessoires vollzieht sich aber recht gemächlich. So einfach lässt sich eine alte, als nicht mehr passend empfundene Haut dann doch nicht abstreifen. Und auch die sich einst innig liebenden Geschwister finden erst langsam wieder zueinander. Die Geschichte der beiden Mädchen in der rauen Bergwelt wird in mehreren Rückblenden erzählt. Der ruhige Film von Laura Bispuri hat auch keine klare Lösung parat. Außer der vielleicht, dass Freiheit, wie Hana am Ende meint, auch bedeuten kann, mal nicht irgendetwas sein zu müssen. Das ist dann auch eine irgendwie beruhigende Antwort auf die oft nicht ganz einfache Genderfrage. Neben den silbernen Regie-Bären für Malgorzata Szumowska und Radu Jude trägt auch Vergine giurata zum insgesamt wieder sehr starken Auftritt des osteuropäischen Films beim Wettbewerb der 65. Berlinale bei.

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VERGINE GIURATA
Italien / Schweiz / Deutschland / Albanien / Republik Kosovo 2015, 90 Min
Regie: Laura Bispuri
Buch: Francesca Manieri und Laura Bispuri, nach einem Buch von Elvira Dones
Mit: Alba Rohrwacher, Flonja Kodheli, Lars Eidinger, Luan Jaha, Bruno Shllaku, Ilire Celaj, Drenica Selimaj, Dajana Selimaj, Emily Ferratello

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Eine Kindheit in Kabul – Mina Walking von Yosef Baraki in der Reihe Generation 14plus

Mina Walking. Hauptdarstellerin Farzana Nawabi - Foto (c) St. Bock

Mina Walking. Hauptdarstellerin Farzana Nawabi auf der Premiere
Foto (c) St. Bock

Ein weiteres eindrucksvolles Frauenschicksal erzählt der afghanische Regisseur Yosef Baraki in seinem im kleinen Wettbewerb der Reihe „Generation 14plus“ laufenden Film Mina Walking. Dabei ist Mina (Farzana Nawabi) ein erst 12jähriges Mädchen aus Kabul, das aber bereits die Familie im Alleingang ernähren muss. Ihre Mutter wurde einst von den Taliban getötet. Der Großvater ist senil und träumt nur noch vom Geldverdienen. Mina muss ihn mit einem Strick anbinden, damit er nicht davonläuft. Die Hauspforte besitzt kein Schloss, da der Hausherr, Minas Vater, das Geld und die Medikamente des Großvaters für Heroin ausgibt. Wenn das Mädchen nicht auf dem Markt Ramschware verkauft, dann geht es in die Schule, wo meist nur der Koran gelehrt wird. Es stehen gerade Präsidentenwahlen an und die junge Lehrerin schwört auf die neue Demokratie, wogegen Mina ganz andere Probleme hat.

Als der Großvater stirbt und der Vater mal wieder seinen Drogenrausch ausschläft, muss sie sich ganz allein mit den Nachbarn um das traditionell islamische Begräbnis kümmern. Doch Mina lässt sich nicht unterkriegen. Um den Vater von den Drogen fernzuhalten, greift sie auch zu recht drastischen Mitteln. Allein es hilft alles nichts. Einer Zwangsheirat entkommt das Mädchen nur durch die Flucht ausgerechnet im Gewand einer Burka. Mina verkauft ihre einziges Habe, eine alte russische Nähmaschine, und macht sich auf den Weg in eine ungewisse Freiheit. Der Film erzählt in ruhigen fast dokumentarischen, mit der Handkamera gedrehten Bildern vom harten Leben der Kabuler Kinder. Es ist mal nicht der Blick des waffenstrotzenden oder mitleidigen Europäers, hier sieht man ein selbstbewusstes Mädchen, das sich beharrlich durchzuschlagen weiß, aber an den traditionellen und den neuen Marktgesetzen zu scheitern droht. Mit der großartig spielenden jungen Farzana Nawabi besitzt der Film ein eindrückliches Gesicht, das einem so schnell nicht mehr aus dem Kopf geht.

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MINA WALKING
Kanada/Afghanistan 2015, 125 Min.
Regie, Buch: Yosef Baraki
Kamera: Yosef Baraki
Mit: Farzana Nawabi, Hashmatullah Fanaie, Qadir Aryaie, Marina Golbahari, Safi Fanaie, Massoud Fanaie, Shahwali Nawabi, Hamidullah Wafa, Mohammad Nabi Attaie, Gholam Farouq Baraki

Die Kritiken sind zuerst am 13. und 14.02.2015 auf Kultura-Extra erschienen.

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