Archive for the ‘Berlinale 2017’ Category

Schwierige Zeiten – Die Berlinale 2017 zeigte viele Männer und einige Väter in der Krise.

Dienstag, Februar 28th, 2017

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Große Filmhelden haben es auch nicht immer leicht. Die 67. BERLINALE zeigte uns zum Beginn gleich einige männliche Protagonisten in der Krise. Manchmal kann Mann nämlich auch mal ziemlich am Arsch sein. Der eine früher, der andere später…

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T2 Trainspotting von Danny Boyle außer Konkurrenz im Wettbewerb

Ziemlich fertig ist auch Mark Renton. Den 46jährigen fegt eine Herzattacke vom Fitnesslaufband. Eine Sinnkrise und einen Bypass später landet er als „Tourist in der eigenen Jugend“ in seiner alten Heimatstadt Edinburgh. Der schottische Regisseur Danny Boyle geht bei der Berlinale außer Konkurrenz mit der Fortsetzung seines Kultfilms Trainspotting – Neue Helden an den Start. T2 Trainspotting spielt zwanzig Jahre später und beruht wieder auf einem Roman von Irwin Walsh. Porno erschien bereits 2002. Es hat also lange gedauert, bis sich Danny Boyle und Ewan McGregor, der Darsteller des Junkies Renton, wieder zusammengefunden haben. McGregor begründete auf dieser Rolle seine Karriere. Ob diese Fortsetzung sie weiter befördern wird, sei mal dahingestellt, auf jeden Fall gibt es einige nostalgische Momente, und nach einer Wirtshausschlägerei schwelgen die sich wiederfindenden Kumpels Renton und Sick Boy (Jonny Lee Miller) in alten Erinnerung.

Renton hatte die Gang am Ende von Trainspotting um 16.000 Pfund aus einem Heroingeschäft betrogen und war damit nach Amsterdam abgehauen. Das haben Sick Boy, der sich nun Steven nennen lässt, und der wegen Mordes im Knast sitzende Francis Begbie (Robert Carlyle) nicht vergessen. Nur Spud (Ewen Bremner) hatte von Renton 4.000 Pund aus der Beute erhalten. Spud hängt allerdings immer noch an der Nadel und ist auch sonst überall zu spät. Renton kann den vom Leben Deprimierten gerade noch vor einem Selbstmord retten. Was den Film im Folgenden ausmacht, sind die verzweifelten Versuche der alten Freunde sich auf die nächsten 30 Jahre vorzubereiten.

 

T2 TrainspottingFoto © Sony Pictures Releasing GmbH

 

Und dafür benötigt man in erster Linie Geld. Das haben natürlich weder Renton noch Spud oder Steven. Der hält sich mit einem schlecht gehenden Pub und Erpressungsversuchen mit Sexvideos bei den Kunden seiner Freundin, der bulgarischen Prostituierten Nikki (Anjela Nedyalkova), über Wasser, weswegen er schon mal einen Anwalt braucht. Ein Kurzauftritt von Rentons alter Flamme Diane (Kelly Macdonald), die jetzt in einem schicken Anwaltsbüro sitzt. Aber nur in ein paar witzigen Szenen kommt nun wirklich so etwas wie Spaß auf. Etwa wenn Renton und Steven eine Party von Protestanten aufmischen, die den Sieg Wilhelms von Oranien 1690 gegen die katholischen Jakobiten feiern. Mit den geklauten Kreditkarten und der magischen Jahreszahl lassen sich tatsächlich ein paar Tausend Pfund abheben. Es fließen wieder einige eklige Flüssigkeiten, und die Jungs geraten hier und da ins Hecheln, wie der schlaffe Spud auf Entzug beim Joggen in den Edinburgher Hügeln.

Treibender Motor der drei aufstrebenden Unternehmer in den Vierzigern ist die junge Nikki, die Steven zum Ausbau des Pubs zum Sex-Saunaklub drängt. Hier kann nun auch Renton seine Talente als Wirtschaftskaufmann einbringen. Ein Antrag bei einem regionalen EU-Förderprogramm soll das nötige Kapital bringen. Stolpersteine sind nur die lokale Zuhälterszene und der auf Rache sinnende Begbie, der nach seiner Flucht aus dem Knast hinter Renton her ist. Es hat sich also nicht allzu viel verändert. Außer, dass die TV-Bildschirme etwas flacher und breiter geworden sind, spielen die Clubs immer noch den Retro-Sound der 90er. Eine paar Kokslinien, eingefrorene Stills und schnellgeschnittene Verfolgungsjagden weiter sind wir schon beim Showdown.

Trotz einer ausladenden Ansprache von Renton zum Slogan: „Sag ja zum Leben“ wird man nicht lang von tieferer Sinnsuche behelligt. Hier wollen ein paar ältere Jungs in der Midlifecrisis noch mal ein wenig Spaß haben. Aber es kommt, wie es kommen muss. Zuerst ist da die Gelegenheit und dann passierte der Verrat. Dank Spuds alten Schreibtalenten, die er gerade auch literarisch weiterentwickelt, gehen die schottischen EU-Fördergelder von 100.000 Pfund nach Bulgarien und die Männerrunde leer aus. Was für eine herrliche Pointe für Europa. Der Rest ist wie ein schöner großer Brexit-Kater.

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T2 Trainspotting
Wettbewerb
GBR 2017
von: Danny Boyle
Kinostart: 16. Februar 2017

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Wilde Maus von Joseph Hader im Wettbewerb

Wirklich am Arsch dagegen ist der Konzertkritiker Georg. Der Mann ist in den besten Jahren – wie man so sagt – wird aber von seinem Redaktionschef Waller infolge Einsparmaßnahmen einfach gekündigt. Auf Georgs Einwand, dass es Leserproteste geben würde, antworte der Chef nur: „Die meisten Ihrer Leser sind schon tot.“ Kein Witz, dem altgedienten Qualitätsjournalisten werden unerfahrene Kollegen vorgezogen, die das Abspielen von Bruckners 5. Sinfonie in einer Fußballarena – geklaut von einem „Schlagerfuzzi“ (gemeint ist hier der Song Seven Nation Army des Rockmusikers Jack White) – für das Größte halten und nicht wissen, dass die Zauberflöte keine Oper, sondern ein Singspiel ist. Was sich nun entspinnt ist ein Rachefeldzug gegen seinen Chef, den Georg beim Abreagieren seines ersten Wutrausches auf dem Wiener Würstelprater als „geschissenes Arschloch“ und „deutsche Sau“ tituliert.

 

Wilde MausFoto © WEGA Film

 

Der österreichische Kabarettist und Schauspieler Josef Hader, bekannt durch die Rolle des abgehalfterten Kommissars Brenner in den Verfilmungen der Wolf-Haas-Krimis, wird am 14. Februar 55 und hat sich zum Geburtstag seinen ersten Spielfilm als Regisseur geschenkt. Er kann nicht anders, wie auch Georg nach 25 Jahren als Musikkritiker nichts anderes kann. Seiner Frau Johanna (Pia Hierzegger), einer Psychotherapeutin, die ihren Mann auch gern mal am Frühstückstisch analysiert, verschweigt er seinen Rausschmiss und treibt sich den ganzen Tag im Prater herum, wenn er seinem Ex-Chef Wallner (schön süffisant gespielt vom Tatort-Kommissar und Schaubühnen-Schauspieler Jörg Hartmann) nicht gerade das Dach seines Cabrios zerschneidet oder den Lack zerkratzt.

Der Mann manövriert sich in eine ausgewachsene Lebenskrise, die noch dadurch vergrößert wird, dass seine Frau mit 43 Jahren endlich ein Kind bekommen will, obwohl Georg meint, die letzten 20 ohne wären doch auch ganz lustig gewesen. Haders gewohnt grantelnder Wiener Schmäh schlägt einige Funken, und die trockenen Pointen purzeln anfangs ziemlich flott. Aber der Regisseur will eigentlich noch etwas mehr. Neben der eigenen Sinn- und Beziehungskrise tröpfeln der tägliche Wahnsinn und Terrormeldungen aus dem Fernseher und dem Autoradio. Während die Welt vor die Hunde geht, kauft sich Georg einen Revolver, und sein Racheopfer rüstet sich mit Überwachungskameras.

Einen ersten und einzigen Freund findet Georg im ebenso gebeutelten Gelegenheitsarbeiter Erich (eine Glanzrolle für Georg Friedrich). Gemeinsam sanieren sie eine alte Achterbahn, die titelgebende Wilde Maus, und beginnen ein neues Leben als Schausteller, bis Georg sein altes in Gestalt seiner plötzlich auftauchenden Frau wieder einholt. In der Liebe ist die richtige Kommunikation alles, was auch Erich erfahren muss, der sich mit seiner rumänischen Freundin Nicoleta (Crina Semciuc) nicht unterhalten kann. Da kommt Georg mit Italienisch etwas weiter, während er wiederum bei Johanna wegen seiner Egoeskapaden durchfällt. Mann hat‘s nicht leicht. Die Protagonisten und Fäden der Handlung verwirren sich immer mehr und finden erst in den österreichischen Bergen überraschend wieder zusammen. Doch selbst als Georg mit Whiskyflasche und Schlaftabletten schon nackt im Schnee sitzt, ist die sich mehrfach überschlagende Farce noch nicht am Ende. Allerdings wäre Haders Erstling wie die Haas-Filme zuvor im Panorama der BERLINALE sicher besser aufgehoben gewesen.

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Wilde Maus
Wettbewerb
AUT 2017
von: Josef Hader
Filmstart: 9. März 2017
Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de

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Centaur von Aktan Arym Kubat im Panorama

Ein Schrei nach künstlerischer Freiheit ist der kirgisischen Panoramabeitrag Centaur. Für den Filmvorführer Centaur gilt das Motto: „Die Pferde sind die Flügel des Menschen.“ Er lebt mit seiner taubstummen Frau am Rande von Bishkek und erzählt seinem Sohn alte Märchen von den mythischen Mischwesen aus Mensch und Pferd. Von den Leuten wird er daher auch Centaur genannt. Seine Frau kann nur Russisch von den Lippen ablesen und lebt in einer früheren Welt aus sowjetischen Filmen. Um der Einsamkeit zu entfliehen, trifft sich Centaur auch mit der Witwe eines ehemaligen Afghanistankämpfers und redet mit ihr über alte kirgisische und bunte Bollywood-Filme.

 

CentauerFoto © The Match Factory

 

Nachts stiehlt Centaur Pferde, um sich beim Reiten frei und mit der Natur verbunden zu fühlen. Die alte Nomadenkultur kollidiert aber nicht nur mit der Moderne, sondern auch mit den islamischen Traditionen, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder in Kirgistan etabliert haben. Durch den Verrat seines Kontrahenten, einem ortsbekannten Viehdieb, wird Centaur schließlich geschnappt und kommt vor den nun muslimisch dominierten Dorfsowjet. Eine aufgebrachte Menge diskutiert in zwei Lager gespalten über sein Schuld. Schließlich setzen sich aber die Neumuslime durch. Die Strafe des Ausschlusses von Centaur aus der Dorfgemeinschaft kann vom Rat der Alten nur noch in einen Haddsch nach Mekka abgewandelt werden.

Regisseur Aktan Arym Kubat, bekannt durch seinen Film Dieb des Lichts, spielt die Hauptrolle des arbeitslosen Filmvorführers selbst. Sein Kino dient nun auch als Moschee, in der er nun auf den bevorstehenden Haddsch vorbereitet werden soll. In einer schönen Szene projiziert er seine geliebten bewegten Bilder durch das alte Filmvorführgerät in den Gebetsraum. Aktan Arym Kubat wollte keinen Film gegen den Islam drehen, aber gegen eine aufoktroyierte Religion, in der er nicht in seiner Sprache beten kann. Sein Gott und seine Sprache seien seine Filme, sagte er im Anschluss an die Vorführung. Dass seine Hauptfigur trotzdem an wachsender Ignoranz und Bosheit scheitert, zeigt, wie es um eine solche Art der Spiritualität bestellt ist.

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Centaur
Panorama
KGZ/FRA/DEU/NLD 2017
von: Aktan Arym Kubat

Zuerst erschienen am 12.02.2017 auf Kultura-Extra.

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Die Krisen von Männern jenseits der Vierzig ziehen sich weiter durch den Wettbewerb der BERLINALE. Ihre Gefühlslagen sind mehr oder weniger gezeichnet durch eine fortschreitende Orientierungs- bzw. Sprachlosigkeit. Letzteres ist dann ja auch eines der Hauptprobleme in zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Auslöser dafür sind dabei recht verschieden…

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Helle Nächte von Thomas Arslan im Wettbewerb

In Helle Nächte, dem ersten deutschen Wettbewerbsbeitrag von Thomas Arslan, hat der Bauingenieur Michael (Georg Friedrich mal wieder in einer ernsteren Charakterrolle) ein doppeltes Vater-Sohn-Problem aufzuarbeiten. Gewohnt beiläufig, ein Stilmerkmal der sogenannten Berliner Schule, erfährt der Zuschauer, dass Michaels Vater, der die letzten Jahre zurückgezogen in Nordnorwegen gelebt hat, gestorben ist. Man stand sich nicht sehr nahe. Das Warum bleibt wie die momentane Gefühlslage Michaels im Dunkeln. Auch in der Beziehung zu seiner Freundin scheint einiges Unausgesprochen zu sein. Dass sie der Karriere wegen ein Jahr als Korrespondentin nach Washington will, ist ein weiterer Schlag für Michael. Das klingt schon sehr nach Beziehungspause.

Wenig später sitzt der wortkarge Grübler schon mit seinem eigenen Sohn im Flieger. Luis (Tristan Göbel, der gerade als Maik in Fatih Akins Tschick-Verfilmung brillierte) lebt bei der Mutter auf dem Land und ist wenig begeistert vom plötzlichen Interesse des Vaters, der sich einige Jahre nicht um ihn gekümmert hat. Michael scheint die Fehler seines Vaters zu wiederholen. Um Maik wieder näher zu kommen, nimmt er ihn mit zum Begräbnis des Großvaters nach Norwegen. Aber Maik lässt Michael ständig spüren, dass er an einer neuerlichen Vertiefung der Beziehung nicht besonders interessiert ist. Und wie die zunächst schweigsame Autofahrt, kommt auch der Film nur recht langsam in die Gänge.

 

Helle Nächte Foto © Schramm Film / Marco Krüger

 

Arslan nutzt die karge zum Teil nebelverhangene Berglandschaft Norwegens, um die quälende Sprachlosigkeit seiner Protagonisten noch zu verstärken. Und doch bietet die Natur auch erste Anknüpfungspunkte. Maik meint, es sehe hier aus wie im Film Herr der Ringe. Allerdings hat Michael nur das Buch gelesen, das Maik langweilig findet, wie auch die etwas älteren Lieblingsfilme seines Vaters. Auf den Mund gefallen ist Luis trotz seiner durch die Handyohrstöpsel bedingten Abwesenheit jedenfalls nicht. Nur findet Michael den Draht zu seinem Sohn ebenso wenig wie den richtigen Weg. Analoges Kartenlesen gegen digitales Navigationsgerät. Autofahren gegen Wandern. Der Generationenkonflikt vermittelt sich hier über kommunikationstötende Technik. Auch der erste Fußmarsch, nachdem das Benzin ausgegangen ist, bringt nicht die erwünschte Erlösung.

Anschluss findet Luis eher zu einer Hardcore liebenden Fee aus Oslo, die der Urlaub mit den Eltern ebenfalls anödet. Der Sohn wehrt alle ungeschickten Annäherungsversuche des Vaters barsch ab. Er solle ihn nicht wie einen Idioten behandeln, schreit ihn Luis an. Zur aufkommenden Aggression gesellt sich Michaels quälende Schlaflosigkeit in den hellen Mitsommernächten. Lost in Landscape. Das Ausgeliefertsein an die endlose Weite der norwegischen Natur setzt bei Michael eine Art Katharsis in Gang. Der Versuch einer Lebensbeichte des Vaters schlägt den Sohn aber erst recht in die Flucht. Ob sich beide am Ende trotzdem dauerhaft wiedergefunden haben, lässt Regisseur Arslan offen wie die zumeist losen Kommunikationsenden. So läuft der Film in langen Einstellungen fast gänzlich ohne Spannungsbögen auch ziemlich ins Leere.

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Helle Nächte
von Thomas Arslan
Deutschland / Norwegen 2017
Wettbewerb

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Colo von Teresa Villaverde im Wettbewerb

Wie Berliner Schule auf Portugiesisch fühlt sich Colo, der Wettbewerbsbeitrag von Teresa Villaverde an. Auch hier ein Vater in tiefer Krise und Sprachlosigkeit. „Was ist los, mit unserem Leben?“ fragt den arbeitslosen Mann (João Pedro Vaz) irgendwann seine 17jährige Tochter Marta (Alice Albergaria Borges). Darauf eine adäquate Antwort zu geben, tut sich der Film allerdings 135 Minuten lang recht schwer. Man muss sich schon eine Weile einsehen, um wirklich warm zu werden. Villaverde liefert dann aber doch eine ziemlich eindrückliche Studie einer Mittelstandsfamilie im krisengeschüttelten Portugal, die an der drohenden Existenznot zu zerfallen droht. Notdürftig zusammengehalten wird sie von der berufstätigen Mutter (Beatriz Batarda), die auch noch einen Zweitjob annimmt und dadurch immer müder wird. Den recht schweigsamen Vater plagen Ängste, dass sie die Familie verlassen wird. Er ist tagsüber zu Hause und versucht krampfhaft Leuten hinterher zu telefonieren, die sich auf seine Bewerbungen nicht mehr zurückmelden. Ansonsten steht er viel auf dem Dach des Hochhauses in seiner Plattenbausiedlung am Rande Lissabons und schaut in die Ferne.

 

ColoFoto (c) Alce Films

 

Lange Einstellungen und Handlungsarmut machen es auch hier schwer, dem Plot zu folgen. Überhaupt ist der leere Blick nach draußen oder unser Blick von außen in die Fenster der Wohnung beherrschendes Mittel, die Einsamkeit der Protagonisten zu verdeutlichen. Als Sehnsuchtsort und Naturmetapher dient hier der Tejo oder das nahe Meer, zu dem es Marta mit ihrer Freundin und auch den Vater immer wieder zieht. Er spürt seine Nutzlosigkeit und greift sogar einmal zu einer Art Verzweiflungstat, als er einen ehemaligen Schulfreund den Firmenchef entführt, der ihn wegen eines Jobs nicht zurückruft. Seine Depressionen ziehen die gesamte Familie mit in den Abgrund. Marta ritzt sich heimlich und ist eigentlich mit ihrem Liebesleben und der eigenen Identitätssuche beschäftigt. Ihre Freundin Júlia (Clara Jost) ist schwanger und will nicht mehr zu ihrer ebenfalls zerrütteten Familie, die sie ablehnt, zurück. Die Mädchen schwänzen immer häufiger die Schule. Freude haben sie nur bei nächtlichen Partys mit Rock-Musik und Drogen.

Und dennoch taucht immer mal wieder sowas wie Hoffnung auf. Es sind kurze Momente der Solidarität. Ein Schluck Wasser von Fremden für den Vater. Das gemeinsame Essen bei Kerzenschein in der dunklen Wohnung. Wegen des abgedreht Stroms laden Nachbarn die Handys der Familie auf. Der Zerfall ist dennoch nicht aufzuhalten. Marthas Vogel stirbt wie die eingesperrte Hoffnung auf eine Besserung der Situation. Familien müssen in schweren Zeit wie Krieg oder bei Krankheit zusammenhalten, sagt die Mutter. „Es ist aber kein Krieg“, antwortet Marta trotzig. Es fehlt zwar nicht an Liebe, aber an einer gemeinsamen Zukunft. Die Mutter zieht schließlich aus. Der Vater soll mit Martha zur Großmutter aufs Land, bis wieder genug Geld da ist, um zusammen zu leben. Hier beginnt der Vater erstmals wieder Initiative zu zeigen, als er sich um die suizidgefährdete Júlia kümmert, während sich Marta in einer Hütte am Meer verbarrikadiert. In zweierlei Hinsicht porträtiert Teresa Villaverde ihr Heimatland Portugal als geschlossene und gestörte Gesellschaft.

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Colo
von Teresa Villaverde
Portugal / Frankreich 2017
Wettbewerb

 

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de

Zuerst erschienen am 17.02.2017 auf Kultura-Extra.

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Biopics, Dokus und Literaturadaptionen im Wettbewerb der Berlinale 2017

Dienstag, Februar 28th, 2017

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Die 67. BERLINALE wartete im diesjährigen Wettbewerb mit einigen Biopics, Dokumentationen und Literaturadaptionen auf, die große Künstler zum Thema haben. Portraits von Django Reinhardt, Alberto Giacometti, Josef Beuys und Max Frisch – wiederum alles Männer – bis auf Django Reinhardt meist in ihren späten Jahren und mithin nun auch schon etwas länger ziemlich tot. Ihrer Kunst und Berühmtheit tut das keinen Abbruch, über die Qualität der Filme lässt sich aber wie immer streiten…

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Django von Etienne Comar im Wettbewerb

Ein besonders männliches Exemplar ist der berühmte Jazzgitarrist Django Reinhardt, den uns der französische Produzent Etienne Comar in seinem ersten Spielfilm als Regisseur vorstellt. Django eröffnete die Berlinale und gab damit auch gleich so etwas wie eine programmatische Richtung vor. Politische Anliegen, Vergangenheitsbewältigung, Künstlerkino und emotionale Geschichten. All das lässt sich mühelos mit der Person von Django Reinhardt erzählen.

Comars Film spielt 1943 in der Zeit der deutschen Besatzung von Paris. Dass Reinhardt nicht nur in Frankreich berühmt und sogar von den Deutschen heiß umworben war, sondern auch ein Angehöriger der Sinti-Minderheit, die in ständiger Gefahr der Verfolgung durch die Nazis lebte, wird uns gleich zu Beginn vor Augen geführt. In den Ardennen löscht ein deutsches Kommando eine ganze Sinti-Familie beim Campieren und Muszieren aus. Davon noch unbehelligt steht Reinhard zur gleichen Zeit in Paris an der Seine, fängt Fische, raucht und betrinkt sich genüsslich, während im Theater die Pariser Gesellschaft auf seinen Auftritt wartet. Sie werden dennoch nicht enttäuscht.

 

DjangoFoto © Roger Arpajou

 

Der begnadete Musiker, eigenwillige Künstler und allseits geliebte Macho mit Moustache hält Hitler für einen schreienden Clown mit schlechtem Schnurrbart. Mit den deutschen Benimmregeln für einen Konzertertrag über eine Deutschland-Tournee wischt sich Reinhardt beim Essen den Mund ab. Keine unarischen Instrumente wie Kuhglocken, langsamer spielen, keinen Blues und nur 5% Synkopen, diese Forderungen sind für den Musiker nur ein schlechter Witz. Dass den Nazis nicht zum Scherzen ist, geht ihm erstmals beim Arzt auf, der seine durch einen Brand verkrüppelte Hand für ein Zeichen der Degeneration hält. Der Lebemensch Reinhardt wird nun nach und nach immer mehr durch verschiedene politische Interessen vereinnahmt, was ihn zunächst aber noch ziemlich kalt lässt.

Verkörpert wird dieser Django Reinhardt durch den Schauspieler Reda Kateb, der gerade erst in dem spätsommerlichen Konversationsfilm Die schönen Tage von Aranjuez, den Wim Wender nach dem gleichnamigen Theaterstück seines Freundes Peter Handke drehte, zu sehen war. In Django ist es bereits sehr herbstlich und düster. In Paris fallen Bomben und dem sonst eher lebenslustigen und gegenüber politischen Dingen recht gleichgültigen Reinhardt wird es langsam ungemütlich. Er will sich im Kino wegträumen. Seine geheimnisvolle niederländische Geliebte Louise (Cécile de France) rät ihm mit seiner schwangeren Frau und der Mutter in die Schweiz zu fliehen. An der Schweizer Grenze muss Reinhardt nun sehr lange auf die Gelegenheit der Flucht mit einem Schlepper warten.

Hier trifft der Musiker auch Mitglieder seiner Sinti-Familie, die am See lagern, und verdient sich mit ihnen das Geld für die Unterkunft und den Schlepper bei Konzerten in der Dorfkneipe. Comars Film zeigt Reinhardt nun als einen immer ängstlicher werdenden, fast gebrochenen Mann, der von den Nazis gedemütigt und zum Aufritt bei einem Fest gezwungen wird. Was Sie ihm nicht nehmen können, ist sein Stolz. Und wie zum Trotz setzt sich Reinhardt über die Regeln der Deutschen hinweg und spielt die Tanzgesellschaft mit seinem Gypsy-Swing geradezu in einen Höllenrausch, während ein verwundeter englischer Flieger von der Résistance über den See gerudert wird.

Comar will uns hier natürlich auch die Macht der Musik demonstrieren und die Angst der Nazis vor ihrem rhythmischen Sog. Die eigene Flucht über die tief verschneiten Berge gelingt nicht. In dramatischen Bildern will der Film nun nachholen, was er zunächst in seinen etwas dahinplätschernden Pariser Szenen wohl versäumt hat. Der Zuschauer wird nie richtig warm mit der Figur des Django, auch wenn Comar noch die Geschichte der von Reinhard komponierten und hochemotionalen Gypsy-Messe für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma mit einflicht. Als Mensch bleibt einem Django Reinhardt doch fremd und als großer Held taugt dieser Mann eh nicht. Django zeigt die innere Zerrissenheit eines Künstlers in schwierigen Zeiten aber dennoch recht gut.

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Django
von Etienne Comar
FRA 2017
Wettbewerb
Kinostart: 27. Juni 2017

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Return to Montauk von Volker Schlöndorff im Wettbewerb

Streiten lässt sich über den von der autobiografischen Novelle Montauk des Schweizer Schriftstellers Max Frisch inspirierten Spielfilm Return to Montauk. Volker Schlöndorff, der bereits 1991 mit Homo Faber ein Werk von Max Frisch verfilmte, spinnt hier die Geschichte des Schriftstellers Max Frisch, der in den 1970er Jahren auf einer Lesereise in die USA in New York eine junge Frau kennenlernt und mit ihr ein Wochenende in Montauk, einem Küstenstädtchen an der Spitze Long Islands, verbringt, einfach fiktiv weiter. Dazu verlegt er den Plot in die heutige Zeit. Max (Stellan Skarsgård), Anfang 60, heißt hier mit Nachnamen Zorn, stammt aus Berlin und kommt nach Jahren zur Vorstellung seines neuen Romans wieder nach New York. Hier lebt auch seine Frau Clara (Susanne Wolff), die für seinen amerikanischen Verlag arbeitet. Das Buch The Hunter And The Hunted trägt ebenfalls autobiografische Züge und handelt u.a. von der Beziehung zu seinem Vater und von einer verlorenen Liebe zu einer Frau. Bei einem zufälligen Treffen mit seinem Jugendfreund und Mentor, dem Kunstsammler Walter (Niels Arestrup als geheimnisvoller W. aus Frischs Montauk), erfährt Max, dass seine alte Liebe Rebecca (Nina Hoss) als erfolgreiche Anwältin immer noch in New York lebt.

 

Return to MontaukFoto © Franziska Strauss

 

Wie bei Max Frisch geht es auch bei Volker Schlöndorff und seinem irischen Drehbuchautoren Colm Tóibín um verpasste Chancen im Leben, um das Bereuen von etwas, das man getan oder auch das man versäumt hat zu tun. Und natürlich um Frauen, die dabei noch mal davon und die nicht darüber hinweg gekommen sind. Als letztere stellt sich auch die zunächst noch recht kühl und abweisend auftretende Rebecca heraus, der Schlöndorff auch noch eine verdrängte DDR-Biografie andichtet. Erst nachdem Max hartnäckig auf einem Treffen besteht, lädt sie ihn zu einer als Hausbesichtigung getarnten Fahrt nach Montauk an den Ort ihrer früheren Liebe ein.

Nun wirkt dieser gealterte Schriftsteller, der in seinem Tweed-Jackett, wie sein amerikanischer Verleger ironisch anmerkt, wie ein europäischer Antiquitätenhändler aussieht und sich in den New Yorker Nightclubs, in die ihn seine jüngere Frau Clara schleppt, sichtlich unwohl fühlt, nicht gerade wie ein unwiderstehlichen Frauenschwarm. Auch die phrasenhaften Antworten des links-intellektuellen Alt-Achtundsechzigers auf Fragen von amerikanischen Journalisten nach dem Zustand der europäischen Kultur entsprechen nur einem inneren Wunsch nach Wandlungsfähigkeit. Im Grunde ist Max doch eher der unflexible Baum, der seinen Erinnerungen nachhängt und diese verklärt. Mit der von Frisch angestrebten „maximalen Aufrichtigkeit gegenüber sich selbst“ ist es da nicht weit her. Die flippige Verlagsassistentin Lindsey (Isi Laborde) muss Max erst ein etwas moderneres Outfit verpassen. Für ihn wegen seines Ausflugs zu lügen, fällt ihr allerdings schon etwas schwerer.

Bis hierhin sind die Charaktere ganz gut gezeichnet. Nur verläuft dann jene Fahrt in die Vergangenheit im sprichwörtlichen Sand der Dünen, in dem Auto und klischeehafter Plot schließlich stecken bleiben. Mit den sehr persönlichen Reflexionen von Max Frisch hat dieser Film wenig zu tun. „Du träumst mich.“ erwidert die spröde Rebecca als Max ihr vorschlägt, mit ihm ein neues Leben zu beginnen, und returniert weiter mit einer langen Beichte über ihr eigenes Liebesglück und -leid. Allein, das macht die Altherrenfantasien des Helden und seines Regisseurs nicht unbedingt erträglicher. Fragen nach Wahrhaftigkeit, Schicksal, Lebenslügen und Selbstbetrug werden hier im Stile einer Vorabendserie für gehobene Intellektuelle abgehandelt. Vielleicht wollte Volker Schlöndorff Max Frisch im Nachhinein auch nur ein Schnippchen schlagen. Wenn sie ihn damals auch einen Lügner nannte, hat Frisch seine echte Lynn aus Montauk Jahre später doch rumgekriegt. Besonders bitter aber ist es, dass Schlöndorff seinen Film auch noch Max Fritsch gewidmet hat. Ein glatter Fall von Selbstüberschätzung.

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Return to Montauk
von Volker Schlöndorff
Deutschland / Frankreich / Irland 2017
Wettbewerb
Kinostart: 11. Mai 2017

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Beuys von Andres Veiel im Wettbewerb

Streitbar ist sicher auch der deutsche Künstler Joseph Beuys, dessen Leben und Werk der Dokumentar- und Spielfilmregisseur Andres Veiel in seinem zweiten Wettbewerbsbeitrag auf der BERLINALE ein fast vollständig aus Archivmaterial geschnittenes filmisches Portrait widmet. In Beuys ist Andres Veiel nicht nur dem Künstler und Menschen auf der Spur, sondern v.a. dem Phänomen, dass die zeitgenössische Kunst einmal das Potential zur Veränderung der Gesellschaft in sich trug. Zumindest war Beuys davon überzeugt, mit der Ahnung dessen, was Menschen an der Kunst interessiert, mit dem Stellen der richtigen Fragen und gezielter Provokation ein Bewusstsein für Veränderungen zu schaffen. Dazu prägte Beuys die Definition des „Erweiterten Kunstbegriffs“ und die der „Sozialen Plastik“. Kreatives Handeln zur Strukturierung und Formung der Gesellschaft.

Man muss allerdings keine Angst haben, hier ginge es vorrangig um sozialwissenschaftliche Theorien oder die genaue Einordung Joseph Beuys in die allgemeine Kunstgeschichte. Veiel interessiert Beuys in erster Linie als politisch denkender Künstler. Es geht um den gesellschaftspolitischen Diskurs, den Beuys ab den 1960er Jahren durch verschiedene Kunstaktionen verstärkt in die Öffentlichkeit trug. Für Beuys ist jeder Mensch ein Künstler und könne durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen. Die Kunst dient dabei zur Bewusstmachung dieses Prozesses. Kunst sei „Nährsubstanz“, erklärt Beuys 1970 in der legendären Podiumsdiskussion „Provokation – Lebenselement der Gesellschaft“ mit Max Bill, Arnold Gehlen und Max Ben, aus der Veiel u.a. auch das schöne Statement hat, dass der Künstler bei einer Revolution natürlich auch auf seine Kosten kommen wolle. Der lachende Beuys ist die Entdeckung Veiels – aber auch der charismatische Selbstdarsteller, der 1965 in einer Galerie in Düsseldorf mit Blattgold im Haar einem toten Hasen die Bilder erklärt.

Veiel geht die wichtigsten Stationen des künstlerischen und politischen Schaffens von Beuys ab. Fettecke, Honigpumpe, The Pack, ein Rudel aus 24 Schlitten mit Filzrollen, oder die 7000 Eichen auf der Documenta 7 1982 in Kassel – eine urbane und ökologische Kunstaktion, auf die Veiel in seinem Film immer wieder zurückkommt. Es ist aber auch Beuys als Lehrer zu sehen, der als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf alle abgelehnten Studenten aufnehmen will und der versammelten Kulturbürokratie eine Öh-Öh-Öh-Rede entgegenhält. Beuys ist auf Windstärke 12 („Vor Hurrikan kommt Sturm.“), wird aber vom damaligen NRW-Wissenschaftsminister Johannes Rau entlassen. Viel Zeit lässt sich Veiel dann für Beuys‘ USA-Aufenthalte mit der großen New Yorker Guggenheim-Ausstellung 1979/80 und seiner bekannten Performance I like America and America likes Me, in der der Künstler sich 1974 mit dem kriegerischen Konflikten der US-Amerikaner auseinandersetzte.

 

Beuys – Foto: Ute Klophaus © zeroonefilm / bpk_ErnstvonSiemensKunststiftung_StiftungMuseumSchlossMoyland

 

Der politische Beuys boxt später für direkte Demokratie und gründet 1980 die Partei der Grünen mit. Der unbequeme Geist wird allerdings 1983 nicht auf einen der vorderen Listenplätze für den Deutschen Bundestag nominiert. Beuys zieht sich enttäuscht zurück. Den privaten Beuys, Beuys als Mensch, gibt es aber kaum zu sehen. Beuys ist immer in Aktion auch im Kreis der Familie. Er ist einer der sich lieber endlos verschleißt. „Wer will schon sterben, wenn er noch gut ist?“ Das wäre ja Verschwendung. Nur einmal, schon recht krank, ein Foto ohne den berühmten Hut als Schutz für seinen selbst diagnostizierten „Dachschaden“, den man ihm im Zweiten Weltkrieg als Jagdflieger „zurechtgeschossen“ hatte. Hier zeigt Veiel Filmbilder des jungen Beuys mit Model- und größerem Segelflieger, später dann ein Foto des 20jährigen Freiwilligen in Wehrmachtsuniform.

Sein Kriegstrauma hat Beuys u.a. 1976 in der Installation zeige deine Wunde thematisiert. Beuys ist hier nicht nur Guru von Düsseldorf, Magier, Medizinmann, Schamane oder Scharlatan, alles Bezeichnungen, mit denen ihn Gesprächspartner Hermann Schreiber 1980 in der Sendereihe „Lebensläufe“ konfrontiert, sondern auch ein „Schmerzensmann der Kunst“. Für den Mitstreiter und Plakatkünstler Klaus Staeck ist der „der Mann am Schalthebel“. Weitere Beglaubigungen bekommt Beuys von seinem ehemaligen Schüler Johannes Stüttgen, der Kunsthistorikerin und Beuys-Mitarbeiterin Rhea Thönges-Stringaris, der Kunstkritikerin und Beuys-Versteherin Caroline Tisdall sowie dem Jugendfreund Franz Joseph van der Grinten, bei dessen Familie der Kunstschüler Beuys seine Depressionen in den 1950er Jahren mit Feldarbeit und verstörenden Zeichnungen bekämpft.

Veiel montiert diese Zeitzeugenberichte zwischen die Filmbilder und Fotos, die er oft im Stil von Kontaktbögen arrangiert und auch nebeneinander abspielt. Das gibt der Collage einen gewissen Drive, der zum Ende hin in immer schnelleren Bildfolgen kulminiert. Man wird in diesem Portrait kaum kritische Stimmen finden oder etwas vom Einfluss auf nachfolgende Künstler wie etwa Christoph Schlingensief erfahren. Es zeigt aber einen Menschen, der Kunst als Kapital ansah, die kapitalistische Ökonomie verändern und das Geld als Ware abschaffen wollte. Darin ist Beuys nach wie vor aktuell.

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Beuys
von Andres Veiel
Deutschland 2017
Wettbewerb
Kinostart: 1. Juni 2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de

Zuerst erschienen am 18.02.2017 auf Kultura-Extra.

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Berlinale 2017 – Der osteuropäische Film triumphiert im Wettbewerb. Interessante Beiträge zeigten auch die Nebenreihen Panorama und Forum.

Donnerstag, Februar 23rd, 2017

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Das osteuropäische Kino triumphiert auf der 67. Berlinale. Das ist durchaus nichts Ungewöhnliches. Einen Goldenen Bären gab es auch schon 2013 für den Film Mutter und Sohn vom rumänischen Regisseur Călin Peter Netzer und auf der Berlinale 2015 teilten sich die polnische Regisseurin Małgorzata Szumowska (Body) und der rumänische Regisseur Radu Jude (Aferim!) einen Silbernen Regiebären. Aber in dieser Breite wie beim diesjährigen Wettbewerb der Berlinale ist die Präsenz guter Filme aus Osteuropa schon durchaus bemerkenswert. Und das liegt sicher nicht nur daran, dass bereits erprobte Berlinale-Regisseure und Regisseurinnen wie Thomas Arslan, Oren Moverman, Sally Potter, Sabu, Volker Schlöndorff oder Hong Sang-soo, der seine besseren Filme wohl lieber in Locarno zeigt, eher etwas schwächelten. Auch große Stars wie Kristin Scott Thomas, Bruno Ganz oder Richard Gere in den englischsprachigen Konversationsdramen The Party und The Dinner konnten nicht überzeugen.

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On Body and Soul von Ildikó Enyedi und Ana, mon amour von Călin Peter Netzer im Wettbewerb

Dafür gelang es der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi mit ihrem Spielfilm Testről és lélekről / On Body and Soul das Publikum wie auch die Kritiker und Wettbewerbsjury gleichermaßen zu berühren. Es holt sich damit nach 8 Jahren wieder eine Frau und nach 42 Jahren eine Ungarin den Goldenen Bären ab. 1975 gelang das überraschend der Regisseurin Márta Mészáros mit ihren Film Die Adoption. So überraschend war das diesmal allerdings nicht. Der Film wurde von Beginn an als Mitfavorit bei den Kritikern gehandelt. Und das durchaus zurecht. Ist es doch auch ein Beleg für die Wirkung von einfühlsamen Beziehungsdramen in einer zunehmend von Schnelligkeit, Brutalität und Gefühlsarmut gezeichneten Welt. Dass hier zwei leicht gehandicapte Außenseiter – die dazu noch in einem von emotionsloser, mechanisierter Gewalt bestimmten Schlachthof arbeiten – zunächst nur in einem gemeinsamen, friedlichen Traum als Hirsch und Hirschkuh zusammenfinden, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, was die Regisseurin auch mit Sinn für subtilen Humor inszeniert.

 

Testről és lélekről (c) Berlinale

 

Nach der Entdeckung dieses vermeintlichen Zufalls bei einer psychologischen Untersuchung wegen eines Diebstahls von Bullenpulver im Schlachthof beginnen die spröde Qualitätsprüferin Mária (Alexandra Borbély) und der Wirtschaftsdirektor Endre (Géza Morcsányi) über ihre Gefühle nachzudenken. In den anfänglich noch etwas ungelenken Annäherungsversuchen zwischen der leicht autistischen jungen Frau, die ihre Berührungsängste bei andauernden Sitzungen mit einem Kinderpsychologen analysieren lässt, und dem älteren Mann mit gelähmten Arm, der glaubte, mit der Liebe eigentlich schon durch zu sein, spielt der Film die Themen Sehnsucht nach körperlicher Nähe und Seelenverwandtschaft auf durchaus witzige Weise durch, ohne die beiden Träumer der Peinlichkeit preiszugeben. Während Mária die Treffen mit Endre mittels Salz- und Pfefferstreuer nachspielt, versucht auch Endre seine eingeübte Zurückhaltung gegenüber anderen abzulegen. Die wenigen drastischen Szenen zeigen nur den bestehenden Kontrast zwischen Traum und Wirklichkeit.

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Zum Ende des Wettbewerbs legte sich die Berlinale noch mal auf die Couch. Es begann mit Nietzsches Jenseits von Gut und Böse und endete dementsprechend mit der Psychoanalyse nach Freud. Der rumänische Regisseur Călin Peter Netzer übt mit seinem neuen Film Ana, mon amour Kritik an den überkommenen Moralvorstellungen einer kranken Gesellschaft, die sich tief bis in die Psyche seiner Protagonisten eingegraben hat. Die junge Studentin Ana (Diana Cavalliotis) leidet seit ihrem 17. Lebensjahr an einer Angststörung und bekommt gleich beim ersten Treffen und besagtem Nietzschedisput mit ihrem Kommilitonen Toma (Mircea Postelnicus) eine Panikattacke. Aber Toma steht ihr ab jetzt fürsorglich bei. Aus den beiden wird schnell ein Paar, dessen Beziehung der Film nun die nächsten sechs Jahre verfolgt und dabei immer wieder in den Zeitebenen hin und her springt.

Ana, mon Amour 
© Real Fiction

Es ergibt sich dadurch ein vielschichtiges Psychogramm zweier Menschen, die aneinander hängen, sich dadurch aber immer mehr zu erdrücken drohen. Die Probleme Anas scheinen aus der Kindheit zu kommen. Ihr Vater hat sich ziemlich zeitig nach Frankreich abgesetzt, mit dem Stiefvater Igor (Igor Caras Romanov) musste sie lange Zeit in einem Bett schlafen. Missbrauchsahnungen schweben unausgesprochen in der Luft. In Tomas intellektuellem Elternhaus ist es nicht viel besser. Die Besuche des Paars enden in beiden Familien jeweils im Eklat mit Vorwürfen und Beschimpfungen. Tomas Vater (Vasile Muraru) ist ein dominanter Mensch, der seinem Sohn den Umgang mit einer Verrückten verbieten will. Die Mutter erweist sich als Glucke, die Toma ein zu großes Herz attestiert. Dass in der Beziehung seiner Eltern auch etwas verdrängt wird, erfahren wir erst in den Einblendungen, in denen Toma Jahre später seine verkorkste Ehe mit Ana analysieren lässt.

Bis dahin macht das Liebespaar gute und schlechte Zeiten durch, die zunächst durch Anas Attacken, ihre Psychopharmaka-Abhängigkeit und eine ungewollte Schwangerschaft gekennzeichnet sind. Hier erweist sich Toma als guter Samariter, der allerdings auch zunehmend in Anas Leben eingreift. „Moral ist nur die Konsequenz von Angst.“ hatte Ana beim ersten Treffen der beiden gesagt. Dass sie diese These selbst tief verinnerlicht haben, beweisen ihre ständigen Versuche neben der Psychoanalyse auch in der orthodoxen Religion der Eltern nach Erlösung und Buße für begangene Sünden suchen. Besonders skurril ist z.B. eine Beichte, bei der Toma vom Priester u.a. das für seine Zigarettensucht verschwendete Geld vorgerechnet bekommt. Hier fallen auch die Worte vom unter den Teppich gekehrten Dreck, der irgendwann wieder zum Vorschein kommt. Hier erweist sich der gestrenge Diener Gottes auf seine ganz spezielle Weise bereits als hellsichtiger Analytiker.

Bis zum bitteren Ende durchlaufen die mittlerweile Verheirateten allerdings weiter ihren fast schicksalhaft vorbestimmten Leidensweg, der sicher bis in alle Ewigkeit andauern würde, begänne Ana sich nach ihrer Therapie nicht aus dem mittlerweile paranoiden Kontrollzwang Tomas zu lösen. Aus der Abhängigen wird nicht ganz ohne Egoismus eine ihr Leben selbst bestimmende Frau. „Kein Gott, keine Moral“ ist Tomas Vorwurf. Er beginnt damit das Verhaltensmuster des eigenen Vaters zu kopieren. Einen Alptraum, bei dem auch ein Pyjama vom Anfang eine Rolle spielt, und ein wenig zu viel Traumdeutung später steht Toma mit seiner Vergangenheitsbewältigung immer noch am Anfang. Nach seinem Goldenen Bären für Mutter und Sohn bei der Berlinale 2013 hat sich Călin Peter Netzer mit Ana, mon amour mindestens für einen Regiepreis bei der Wettbewerbs-Jury empfohlen.

Zuerst erschienen am 18.02.2017 auf Kutura-Extra.

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The Other Side of Hope von Aki Kaurismäki im Wettbewerb

Nach seinem Goldenen Bären bei der Berlinale 2013 empfahl sich Călin Peter Netzer mit Ana, mon amour aber auch für den Silbernen Regiebären, den die Wettbewerbs-Jury allerdings dem finnischen Altmeister Aki Kaurismäki nach dessen angesagtem Rückzug vom Filmgeschäft für seine Flüchtlings-Tragikomödie The Other Side of Hope sozusagen als Ehrengabe überreichte. Auch diese Entscheidung kann man akzeptieren, setzt Kaurismäki mit seinem Film doch auch ein wichtiges Signal für mehr Solidarität und Menschlichkeit.

 

The Other Side of Hope – © Sputnik Oy / Malla Hukkanen

 

Der finnische Sonderling unter den europäischen Regisseuren ist seiner Ästhetik aus 50er Jahre Interieur, lakonisch sparsamen Dialogen, alkoholgeschwängerter Melancholie und Rockabilly-Sound seit Jahren fast schon stoisch treu geblieben. Mit The Other Side of Hope spinnt er konsequent seine Geschichten von den einsamen aber unverwüstlichen Unterdogs aus Wolken ziehen vorüber, Lichter der Vorstadt, Der Mann ohne Eigenschaften oder Le Havre weiter. Die zwei zunächst parallel verlaufenden Handlungen um den älteren Hemdenverkäufer Wikström (Sakari Kuosmanen), der mit dem Gewinn aus einer Pokerparty seinen Traum vom eigenen Restaurant verwirklichen will und den syrischen Flüchtling Khaled (Sherwan Haji), der als blinder Passagier auf einem Kohlefrachter in Helsinki ankommt und in die Mühlen einer emotionslosen Einwanderungsbürokratie gerät, führt Kaurismäki auf gewohnt kuriose Weise zusammen.

Auch in diesem Film wimmelt es von skurrilen Typen, die rauchen, trinken und melancholische Lieder singen. Dabei versucht jeder nur irgendwie über die Runden zu kommen. Da fügt sich Khaled mit seinem Traum vom Glück und der Hoffnung, seine auf der Flucht verlorene Schwester irgendwann wieder zu finden, nahtlos ein. Es entspinnt sich ein utopisches Gesellschaftsmärchen von der Macht des Zusammenhalts kleiner Leute, die trotz eigener Probleme und gut gepflegter Eigenheiten ihren sympathischen Sinn für Gerechtigkeit auch jenseits von Legalität und staatlicher Autorität noch nicht ganz verloren haben. Dass das kaum der Realität entsprechen dürfte, aber immer auch denkbar bleibt, entspricht der einfachen und trotzdem wirkmächtigen Philosophie von Kaurismäkis Filmen.

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Insyriated von Philippe Van Leeuw und Inflame von Ceylan Özgün Özçelik im Panorama sowie My Happy Family von Nana & Simon im Forum

Die Berlinale bleibt das Festival der kleineren Produktionen auch in den Nebensektionen Forum und Panorama. Dort wurde zumindest der politische Anspruch des Internationalen Berliner Filmfestivals eingelöst. Und so kann es auch nur verwundern, dass der Gewinner des Panorama-Publikumspreises Insyriated von Philippe Van Leeuw, oder der äußerst ambitionierte türkische Spielfilm Kaygı / Inflame von Ceylan Özgün Özçelik nicht im Wettbewerb liefen. Während sich die Berlinale-Verantwortlichen auf der Abschlussfeier demonstrativ mit dem in der Türkei inhaftierten Journalisten und Welt-Korrespondenten Deniz Yücel solidarisierten, schob man den einzigen türkischen Filmbeitrag, der noch dazu von Zensur und Einschränkung der Pressefreiheit handelt, in die Nebenreihe Panorama Special ab.

Der im Libanon gedrehte Spielfilm Insyriated zeigt eine syrische Familie, bestehend aus Mutter, Kindern, Großvater, philippinischer Haushälterin und einem Paar mit Baby, die in einer Wohnung im umkämpften Damaskus festsitzen, in ständiger Bedrohung durch Bomben, Scharfschützen und marodierende Einbrecherbanden, die nach Wertsachen in den verlassenen Wohnungen suchen. Der belgische Regisseur Philippe Van Leeuw lässt die Zuschauer dieses klaustrophobischen Kammerspiels ziemlich unmittelbar am Alltag im Ausnahmezustand teilhaben. Die Entscheidung zu gehen oder zu bleiben, kann zu einer unmittelbaren Entscheidung über Leben und Tod werden. Der fast gefühllos erscheinende Pragmatismus der Mutter (dargestellt von der aus den Berlinale-Filmen Paradise Now und Lemon Tree bekannten israelisch-arabischen Schauspielerin Hiam Abbass) dient dabei allein dem Überleben der Familie während der Abwesenheit des Vaters.

 

Insyriated© Altitude 100 / Virginie Surdej

 

Ähnlich düster und beklemmend ist auch der türkische Spielfilm Kaygı, der zunächst einer jungen Cutterin bei ihrem Arbeitsalltag in einem Fernsehsender in Ankara folgt. Hasret (Algı Eke) muss erleben, wie Inhalte von Nachrichten und Interviews auf Anweisung der Senderverantwortlichen manipuliert werden. Auch die Benutzung sozialer Netzwerke auf den Firmencomputern wird untersagt und die politisch interessierte und ihre Meinung engagiert vertretende Hasret verliert schließlich ihren Job. In der großen Wohnung, in der sie nach dem Tod der Eltern allein lebt, beginnt sie nun, deren 20 Jahre zurückliegenden Unfall auf dem Weg zu einem Musikfestival in Anatolien neu zu untersuchen. Auch hier scheint die Wahrheit verfälscht worden zu sein. In einer zunehmenden Paranoia vermischen sich immer mehr fremde Stimmen mit hochkommenden Erinnerungssplittern im Kopf der jungen Frau.

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Auch im Forum der jungen internationalen Films gab es einen Beitrag aus dem erweiterten osteuropäischen Raum, der im Wettbewerb durchaus hätte bestehen können. Nana Ekvtimishvili und Simon Groß waren bereits 2013 mit ihrem ersten gemeinsamen Spielfilm Grzeli nateli dgeebi / In Bloom zu Gast im Forum. Damals portraitierte das georgisch-deutsche Regiepaar zwei 14jährige Mädchen im postsowjetischen Georgien zwischen patriarchaler Tradition und Moderne. In der deutsch-georgisch-französischen Koproduktion Chemi bednieri ojakhi / My Happy Family beschäftigen sich Nana & Simon nun mit der Müttergeneration.

 

My happy Family© Tudor Vladimir Panduru

 

Die 52jährige Lehrerin Manana (Ia Shugliashvili) lebt mit ihrem Mann, Sohn und Tochter, die ebenfalls verheiratet ist, und ihren Eltern zusammen in einer Wohnung in Tiflis. Ein Dreigenerationenhaushalt, wie er in Georgien nicht unüblich ist. Es wird früh geheiratet. Das Glück der Frauen ist es, Kinder zu kriegen und sich allseits für die Familie aufzuopfern. An ihrem Geburtstag, der wie immer groß gefeierte werden muss, eröffnet die erschöpfte Manana der versammelten Großfamilie, dass sie eine kleine Wohnung gemietet hat und ausziehen wird. Daraufhin beruft der erweiterte Verwandtenkreis den großen Familienrat ein. Mutter, Bruder, Ehemann, Tanten und Onkel reden der Abtrünnigen unablässig ins Gewissen und in deren neues Leben hinein. Es steht das Ansehen der Familie auf dem Spiel. Davon bekommt die Großmutter Schnappatmung und Mananas Bruder sorgt sich um die Ehre seiner Schwester.

Natürlich haben auch die Kinder ihre ersten Liebesprobleme, was die Mutter immer wieder in den Kreis der Familie zurücktreibt. Ansonsten genießt Manana die Ruhe, trifft alte Schulfreunde und beginnt sich wieder um ihre eigenen Interessen zu kümmern, wie etwa dem Gitarrenspiel. Die Kamera wechselt beständig zwischen Großszenen, in denen geredet, getrunken und auch viel gesungen wird, und den ruhigen Bildern in Mananas neuem Refugium. Nana & Simon bringen der Frau auf Suche nach sich selbst viel Verständnis entgegen und lassen ihr jede Zeit zum Nachdenken. Ob sich die angeknackste Beziehung zu ihrem Ehmann Soso (Merab Ninidze) wieder kitten lässt der Film offen. My Happy Family zeigt neben einem eindrücklichen Gesellschaftsbild auch weiteres interessantes Frauenportrait, das ebenso gut auch den Wettbewerb hätte bereichern können.

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Testről és lélekről / On Body and Soul
von Ildikó Enyedi
Ungarn 2017
Wettbewerb

Ana, mon amour
von Călin Peter Netzer
Rumänien / Deutschland / Frankreich 2016
Wettbewerb

The Other Side of Hope
von Aki Kaurismäki
Finnland / Deutschland 2017
Wettbewerb
Kinostart: 30. März 2017

Insyriated
von Philippe Van Leeuw
Belgien / Frankreich / Libanon 2017
Panorama

Kaygı / Inflame
von Ceylan Özgün Özçelik
Türkei 2017
Panorama Special

Chemi bednieri ojakhi / My Happy Family
von Nana & Simon
Deutschland / Georgien / Frankreich 2017
Forum

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de

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