Archive for the ‘Christian Petzold’ Category

Starke Schauspielerinnen in den Filmen der Berlinale 2012 – Eine kleine Auswahl

Freitag, Februar 17th, 2012

„Barbara“ von Christian Petzold mit Nina Hoss und Ronald Zehrfeld (Deutschland 2012, 105 min.) im Wettbewerb

Der Regisseur Christian Petzold ist seit 2003, als sein Film „Wolfsburg“ im Panorama lief, ein regelmäßiger Gast auf der Berlinale. Im letzten Jahr war er neben Christoph Hochhäusler und Dominik Graf mit dem „Dreileben”-Projekt im Forum vertreten. Sehnlichst erwartet wurde nun, nach „Gespenster“ 2005, „Yella“ 2007 und einem kurzen Ausflug mit „Jerichow“ 2008 nach Venedig, Petzolds dritter Anlauf im Berlinale-Wettbewerb. Und wieder ist Nina Hoss seine Hauptdarstellerin. „Barbara “ist bereits die fünfte Zusammenarbeit Petzolds mit der bekannten Film- und Theaterschauspielerin. Kein mystisch aufgeladenes Gegenwartsstück ist es diesmal geworden, Petzolds neuer Film führt ins Jahr 1980 zurück, in die Zeit vor der Wende, angesiedelt in der tiefsten DDR-Provinz. Es ist der Sommer der Olympischen Spiele in Moskau.

dsc06195.JPG Foto: St. B.
Wo sonst Busse die Vergnügungssüchtigen abladen, drängen sich nun die Cineasten. Der Friedrichstadtpalast zur Berlinale.

Die junge Kinderchirurgin Barbara ist nach einem Ausreiseantrag in ein Kinderkrankenhaus auf dem Lande nahe der Ostsee versetzt worden. Sie steht hier unter Sonderbewachung der örtlichen Stasi, ein Wagen ist fast rund um die Uhr zur Beobachtung abgestellt. In diesem paranoiden Klima misstraut sie jedem und „separiert“ sich zunächst auch, wie der ebenfalls noch recht junge Chefarzt feststellt und ihr offen davon abrät. Der von Ronald Zehrfeld, bekannt aus Dominik Grafs ebenfalls bereits auf der Berlinale gezeigtem Russenmafia-Mehrteiler „Im Angesicht des Verbrechens“, gespielte Andre versucht sich der kühl abwehrenden Frau zu nähern. Offen erzählt er seine eigene Geschichte, er wurde wegen eines medizinischen Fehlers in einer Klinik nahe Berlins ebenfalls strafversetzt. Andre ist nicht nur wegen der fachlichen Kompetenz Barbaras beeindruckt und versucht ihr Vertrauen zu erlangen. Sie lässt ihn aber wegen der von ihr vermuteten Stasikontakte zunächst abblitzen.

Barbara birgt ein Geheimnis, ihr Freund (Mark Waschke) aus dem Westen plant ihre Flucht über die Ostsee nach Dänemark. In Treffen mit ihm im Wald oder im Interhotel öffnet sich die bisher verschlossene Frau und zeigt erstmals ihre Gefühle. Wieder in der ihr zugewiesenen Wohnung wartet schon der Stasioffizier Schütz (Rainer Bock) auf sie. Fast regungslos lässt sie die entwürdigenden Durchsuchungen und Leibesvisitationen über sich ergehen. Barbara hat mit ihrem alten Leben abgeschlossen, sie scheint nur noch körperlich anwesend. Als emotionaler Katalysator wirkt dann die Einlieferung der aus dem Jugendwerkhof Torgau ausgerissenen Stella (Jasna Fritzi Bauer). Zu ihr entwickelt Barbara erstmals Zutrauen und fühlt sich verantwortlich. Leise Zweifel an dem neuen Leben mit ihrem Freund im Westen mischen sich mit dem Gefühl helfen zu müssen. Das ist ein Ansatzpunkt für Andre, über die Arbeit bekommt er erstmals einen Zugang zu Barbara. Als noch ein Junge mit inneren Kopfverletzungen nach einem Selbstmordversuch auf der Station liegt, drängt sie auf eine Operation, obwohl der Zeitpunkt der Flucht nahe ist.

Barbara und Andre erkennen nach und nach, dass sie einiges verbindet. Nicht nur über die Arbeit auch über die Kunst zeigt sich eine Art von Geistesverwandtschaft. Er würde gerne nach Den Haag fahren, um sich Rembrandts Bild „Die Anatomie des Dr. Tulp“ anzusehen, sie spielt Klavier. Andre schickt ihr daraufhin einen Klavierstimmer. Anfangs abwährend lässt sie sich darauf ein. Ihr unwirtliches Zimmer, für das sie kein Interesse zeigt, wird so erst zu einem Zufluchtsort. Schlüsselszene für die erste Annäherung ist das gemeinsame Kochen in Andres Wohnung. Barbara stöbert in seinem Bücherschrank und bleibt bei Turgeniews „Aufzeichnungen eines Jägers“ hängen. Er erzählt ihr die Geschichte vom „Kreisarzt“, der einer jungen Patientin die noch nie richtig geliebt hat nicht helfen kann. Diese Geschichte wirkt fast wie ein Symbol für beider Wünsche. Aber auch wenn man Petzolds fast unmerklich ausgestreute Zeichen nicht erkennt, funktioniert dieser Film allein durch seine geschickt aufgebaute Spannung, die fesselt und einen fast vergessen lässt, wo man sich eigentlich befindet.

Christian Petzold zeigt die DDR nicht als düsteren starren Funktionärsstaat, sondern stellt die Menschen jenseits des Systems in den Vordergrund. Selbst der Stasimann vermag Schmerz und Leid zu empfinden, Andre spritzt seiner krebskranken Frau einmal Morphium. Er lebt sein Berufsethos ohne große Pose, Karriere ist ihm nicht wichtig. Petzolds DDR-Provinz ist nicht nur besonders detailgetreu nachgestellt, gedreht wurde in Brandenburg-Kirchmöser, sie gleicht auch einer Tschechow´schen Gesellschaftsstudie. Ein Land im Erstarren, mit sehnsuchtsvollen Menschen, die nach einer glücklicheren Zukunft Ausschau halten. Für die einen ist es der Quellekatalog, für die anderen ist es eine Liebe, ein sinnerfülltes Leben, oder der reine Traum von Freiheit. Auch Barbara muss sich entscheiden. Nina Hoss prägt diesen Film von Christian Petzold rein durch ihre Präsens, kaum eine Szene kommt ohne sie aus. So kann man die innere Zerrissenheit der Figur genauestens beobachten. Das Ende – ein kleiner und ein großer Findling am Meer, Blicke, ein geheilter Patient und zwei die leben und arbeiten werden, um irgendwann ihr Recht auf Glück einzufordern.

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„Captive“ von Brillante Mendoza mit Isabelle Huppert (Frankreich, Philippinen, Deutschland, Großbritannien 2011, 120 min.) im Wettbewerb

Dass eine große Schauspielerein auch relativ verloren wirken kann, zeigt der erste Film von Brillante Mendoza im Berlinale-Wettbewerb. Der bereits in Cannes preisgekrönte Regisseur von den Philippinen hat für sein aus Frankreich, Deutschland und Großbritannien koproduziertes Entführungsdrama „Captive“ nach wahren Begebenheiten den französischen Filmstar Isabelle Huppert, die bei der Spielzeit Europa 2011 in Berlin auch auf der Bühne zu sehen war, gewinnen können. Im Jahr 2001 entführten Rebellen der islamistischen Abu-Sayyaf-Bewegung eine Gruppe von Touristen und ausländischen Hilfskräften auf der philippinischen Insel Mindanao. Unter ihnen ist die französische Missionarin Thérèse Bourgoine, gespielt von Isabelle Huppert. Es beginnt eine über 377 Tage dauernde Odyssee der Geiseln und ihrer Entführer durch den Philippinischen Dschungel der Insel Basilan, Heimat und Rückzugsgebiet der muslimischen Minderheit auf Mindanao.

Mendoza geht wie bereits in seinen Filmen Kinatay (2009) und Lola (2009) sehr realistisch und fast dokumentarisch vor. Wackelnde Handkamera und der Befehlston, in dem die Entführer ihre Regeln verkünden, beherrschen den Großteil des Films. Eine Entwicklung von Handlung und Charakteren findet kaum statt. Mendoza setzt die brutale Gewalt, der die Geiseln ausgesetzt sind, in einen Kontext zur Naturgewalt. Die Flora und Fauna des Dschungels als stille Metapher der menschlichen Disparität. Der Mensch als Fremdkörper in einer mystischen, undurchdringlichen Umgebung. Von der philippinischen Armee verfolgt und beschossen, von unendlichen Fußmärschen und scheiternden Lösegeldverhandlungen zermürbt, verzweifeln die Geiseln. Erschöpfung und Tod sind ständiger Begleiter. In wenigen Szenen kommt es zu etwas wie Annährung und Dialog. Terror, Vergewaltigung und Zwangsheirat stehen neben dem Leid, das der muslimischen Bevölkerung Mindanaos in jahrelanger Unterdrückung zu teil wurde und den Hass befördert hat.

Die Lehren des Korans, die von den Entführern gepredigt werden, bilden einen Kontrast zur christlichen Botschaft der Hilfe und Nächstenliebe. Diese wird von Thérèse repräsentiert. Als Heldin stellt sie Mendoza aber nicht dar. Sie versucht trotz Angst und Verzweiflung menschlich zu bleiben und freundet sich mit einem Jungen an, der seit dem Tod seiner Familie bei den Kämpfern eine neue Heimat gefunden hat. In einigen Ausbrüchen stellt sich Thérèse offen gegen die Praktiken der Entführer, erzwingt eine Beerdingung ihrer Begleiterin, kann aber ansonsten nicht viel ausrichten. Isabelle Huppert ist hier zwar körperlichen und emotionalen Strapazen ausgesetzt, aber als Charakter eher unterfordert. Eine politische Botschaft verfolgt Mendoza ebenso wenig, wie er auch künstlerisch nicht überzeugen kann. Er lässt allein die Bilder sprechen, wertet das Geschehen kaum. Die Entführer kommen dabei ebenso schlecht weg, wie das philippinische Militär, das waffenstrotzend auffährt, sich aber sonst wenig um das Leben der Geiseln kümmert. In einer Szene hören alle die Nachricht über den Terroranschlag auf die New Yorker Twin-Towers. Das Allāhu akbar der muslimischen Kämpfer wirkt wie eine reine Pose. Sie haben ihre Ideale längst der Aussicht auf Lösegeld, das sie für rein persönliche Zwecke nutzen wollen, geopfert. Noch einmal bemüht Mendoza ein Naturgleichnis, wenn er Thérèse einen großen bunten Vogel mit breiten Flügeln und langem Schweif sehen lässt. Danach folgt der letzte Befreiungsschlag.

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„Francine“ von Brian M. Cassidy und Melanie Shatzky mit Melissa Leo (USA, Kanada 2012, 74 min.) im Forum

Ein großes Gesicht, wie das von Isabelle Hubert, kann einem gutgemeinten Film durchaus die nötige Aufmerksamkeit bringen. Es macht ihn dadurch aber nicht unbedingt besser. In „Francine“, dem Spielfilmdebut der US-amerikanischen Independentfilmer Brian M. Cassidy und Melanie Shatzky, ist es die Oscar-Preisträgerin Melissa Leo (The Fighter), die sich ganz den Intensionen des Autoren-Teams Cassidy / Shatzky unterordnet und diesem Film dennoch eine ganz besondere Note verleiht. Der Film ist sparsam mit Worten und im Gegensatz zu den 120 enervierenden Minuten von „Captive“ wohltuend kurz geraten. Das liegt sicher am schmalen Budget und wohl auch an dem nur 10 Seiten langen Skript des Films. Shatzky und Cassidy wollten die Geschichte vom Scheitern eines Lebens erzählen, was ihnen auch eindrücklich gelungen ist.

Francine (Melissa Leo) wird am Anfang des Films aus dem Gefängnis entlassen. In einer Duschsequenz sieht man ihren Körper, den das Leben gezeichnet hat. Ihr Blick sagt mehr als Worte es oft können. Sie bezieht ein kleines Häuschen in der Provinz nahe New Yorks. Sie ist einsam dort. In einer Szene lässt sich Francine vom wilden Sound einer Hardcore Metallband mitreißen, die am Parkplatz des Supermarkts spielt. Ansonsten ist sie eher scheu und wortkarg. In ihrem ersten Job als Verkäuferin in einem Geschäft für Haustiere wird sie wieder entlassen. Ersten Kontakt findet sie über eine Nachbarin (Victoria Charkut), die sie zu einer von der Kirche veranstalteten Party einlädt. Durch Linda lernt sie auch den trockenen Alkoholiker Ned (Keith Leonard) kennen, der ihr einen neuen Job in einem Gestüt besorgt. Sie verbringt mit ihm einen glücklichen Nachmittag, blockt aber seine Annährungsversuche strickt ab. Mit Linda schläft sie nach einer feuchtfröhlichen Party, aber mehr Nähe lässt Francine nicht zu.

Einen weiteren Job bekommt sie in einer Tierarztpraxis. Tiere sind auch die einzigen Lebewesen, die Francine in ihre Wohnung lässt. Dort haben mittlerweile mehrere Katzen, Hunde, und Mäuse ein Heim gefunden. Mit Ihnen kapselt sich Francine in ihre eigene Welt ein und scheint einige glückliche Stunden zu verbringen. Aber die Tierliebe wird zur Manie, die Wohnung verwahrlost zusehends. Man kann Francines Not nur erahnen, sie drückt sich schließlich in einer Verzweiflungstat aus. Der Weg scheint vorbestimmt. Der Kreis schließt sich wieder und so landet Francine letztendlich da wo der Film begann. Müde und leer sitzt sie auf dem Rücksitz eines Streifenwagens. Dieses Bild der Endgültigkeit brennt sich ein. Man muss also nicht unbedingt bis in den Urwald fahren, um physisches und psychisches Leid erfahrbar zu machen. Francine ist eine Frau die sich nicht aus ihrer Isolation zu selbstbestimmtem Handeln befreien kann, was wiederum den Bogen zu Petzolds Barbara schlägt, die dazu nach reiflicher Überlegung sehr wohl in der Lage ist.

Foto: St. B. dsc06186.JPG

Welche Schauspielerin kann morgen dieses nette Tierchen mit nach Hause nehmen?

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Das Tier und der menschliche Wahnsinn in den Filmen des Wettbewerbs auf der Berlinale 2011

Samstag, Februar 19th, 2011

Die diesjährige Berlinale scheint ihr Thema gefunden zu haben, es ist das Tier in allen möglichen Gattungen und seine Wirkung auf die menschliche Psyche. Mal beruhigend bei Trennungsschmerz, mal als Auslöser von Torschlusspanik bei Mitdreißigern, als Symbol für den Tod oder das Fremde und als mystisches Sehnsuchtswesen eines afrikaverrückten Arztes. Der Wahnsinn in seinen verschiedenen Spielarten ist allen diese Figuren in irgendeiner Weise eingeschrieben.

Béla Tarr erzählt uns in seinem neuen Film einen vom Turiner Pferd

“Der Mensch als Gattung stellt keinen Fortschritt im Vergleich zu irgendeinem Tier dar. Die gesamte Tier- und Pflanzenwelt entwickelt sich nicht vom Niederen zum Höheren…” – Friedrich Nietzsche

Dieses Zitat Nietzsches muss der ungarische Regisseur Béla Tarr wörtlich genommen haben. Ausgehend von einem nicht näher belegten Ereignis in Turin des Jahres 1889, in dem Nietzsche dem von einem Kutscher misshandeltem Pferd weinend um den Hals fällt, erzählt er die unbekannte Geschichte dieses Kutschers und seinem Pferd als dumpfes Untergangsszenario in einem nie enden wollenden Sturm der in völlige Finsternis mündet. Nietzsche sah in dieser Begegnung seine Vision bestätigt, die er bereits 1888 in einem Brief an den Maler und Schriftsteller Reinhart von Seydlitz schilderte: „Winterlandschaft. Ein alter Fuhrmann, der mit dem Ausdruck des brutalsten Cynismus, härter noch als der Winter ringsherum, sein Wasser an seinem Pferd abschlägt. Das Pferd, die arme geschundene Creatur, blickt sich um, dankbar, sehr dankbar“. Nietzsche fällt daraufhin in eine geistige Umnachtung, die 10 Jahre andauern soll und mit seinem Tod endet.
Tarr ist ein Meister langer Einstellungen und harter Schwarz-Weiß-Bilder. In seinen Filmen stellt er in teils surrealen Bildern immer wieder die Unfähigkeit der Menschen zu Empathie und wahrer Liebe dar. In „Werckmeister Harmonies“ wird ein Wanderzirkus mit einem riesigen Wal zum Sinnbild für das Fremde, das Gefüge einer Kleinstadt störend, deren Bewohner sich in einem von einem Demagogen angestachelten Exzess von Gewalt Luft verschaffen. Dabei gab es aber immer auch einen Protagonisten, der sich diesen Bestrebungen mit Witz und dem naiven Glauben an die Menschlichkeit entgegenstellte. In „The Turin Horse” gibt es diese Figur nicht mehr. Der Stumpfsinn hat gesiegt, das Ende der Welt ist nahe. Innerhalb von 6 Tagen wird diese gewohnte Welt des Kutschers und seiner Tochter aus den Fugen geraten, jeder Ausbruchsversuch ist schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt. Der Wind heult unentwegt und die minimalistische Musik von Mihály Víg verdichtet diesen 2 1/2-stündigen Film zu einer Tour de Force für alle Zuschauer. Die Kamera von Fred Kelemen folgt zunächst stringent in langen Einstellungen dem immer gleichen Tagesablauf der Protagonisten, vom An- und Auskleiden, Wasserholen, dem obligatorischen Schnaps zum Frühstück, dem vergeblichen Anschirren des kranken Pferdes bis zum Abendmahl mit heißer Pellkartoffel. Diese eindrücklichen langsamen Bilder des deutschen Regisseurs und langjährigen Kameramanns von Béla Tarr erzählen von der Härte der Natur und der Verlorenheit des Menschen darin.
Nur wenige Variationen lässt Béla Tarr zu. Einmal kommt der Nachbar, dem der Palinka ausgegangen ist, durch den Sturm zum Haus der Beiden und erzählt vom Untergang der Stadt in Dekadenz und dem immer währenden Kampf zwischen Herrschaft und Unterwerfung. Das Drehbuch stammt wieder vom Schriftsteller László Krasznahorkai, viel gesprochen wird dennoch nicht. Der Alte (János Derzsi) knurrt nur und herrscht seine Tochter (Erika Bók) an. Sie muss ihn immer wieder an- und auskleiden, da er einen steifen Arm hat. Bisweilen trocken und mehlig, wie die Pellkartoffeln an denen sie still kauen, wirkt dieser Film. Da das Pferd nicht mehr frisst und nicht aus dem Stall will, bleibt die Hütte der Ort des weiteren Geschehens. Der Alte sieht müde aus dem Fenster in den Sturm. Ein Wagen mit Zigeunern kommt vorbei auf dem Weg nach Amerika, sie wollen aus dem Brunnen trinken. Der Alte verjagt sie wütend mit der Axt. Die Tochter liest zögerlich religiöse Verse aus einem Buch, das ihr einer der Zigeuner geschenkt hat. Am nächsten Tag ist der Sturm vorbei und der Brunnen versiegt. Es wird nicht mehr hell und das Feuer geht langsam aus. Dennoch bleiben sie bei ihrem Tagesablauf, der Alte beißt in die rohe Kartoffel und befiehlt seiner Tochter ebenfalls zu essen, doch sie hat wie das Pferd bereits aufgegeben.
Das Leben als sinnloser Kreislauf des Werden und Vergehens, das ist das filmische Vermächtnis des Béla Tarr, das sich in seiner ausweglosen Entgültigkeit gewaschen hat, auch ohne Wasser. Tarrs Nihilismus demontiert Nietzsches Theorie vom Übermenschen konsequent. „Die Schwachen und Mißratnen sollen zugrunde gehn: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.“ (Nietzsche aus „Antichrist“) Nach Tarr haben sie das nun gründlich selbst besorgt. Der Meister schickt uns nach dem Film mit einer knappen Geste nach Hause. Das Mitleiden hat für dieses Mal ein Ende.

Der Mensch ist nur ein Seil, gespannt zwischen dem Tier und dem Übermensch. Ein Seil über einem Abgrunde. – Friedrich Nietzsche aus „Also sprach Zarathustra“

Afrika for ever – In „Schlafkrankheit“ von Ulrich Köhler verliert sich ein Arzt im Dschungel seiner Sehnsüchte

Mit Ulrich Köhler ist in diesem Jahr wieder ein Vertreter der „Berliner Schule“ im Wettbewerb vertreten. 2009 gewann Maren Ade, Lebensgefährtin von Ulrich Köhler, mit „Alle anderen“ den großen Preis der Berlinale-Jury. Köhler dürfte das mit seinem Film wohl schwerlich gelingen. Er ist so etwas wie der Mystiker unter den Regisseuren der „Berliner Schule“, seine Figuren brechen aus gewohnten Bahnen aus und verlieren sich an unwirklich anmutenden Orten wie einem Ferienhaus in „Bungalow“ und einem surrealen Hotel in „Montag kommen die Fenster“.
In Schlafkrankheit geht es um eine Paar, das jahrelang Entwicklungshilfe in Afrika geleistet hat. Ebbo (Pierre Bokma, niederländischer Schauspieler, z.Zt. an den Münchner Kammerspielen) und Vera Velten (Jenny Schily, bekannt aus Inszenierungen der Schaubühne Berlin) wollen nun wegen ihrer Tochter nach Deutschland zurück kehren. Ebbo ist Arzt und leitet ein Projekt zur Bekämpfung der Schlafkrankheit in Kamerun. Auch Köhler hat mit seinen Eltern einige Zeit in Afrika verbracht. Ganz ruhig und unspektakulär erzählt er die Geschichte von verlorenen Illusionen und dem ewigen Kampf um Geld und die Zweckentfremdung von Fördermitteln. Dennoch hält Ebbo etwas in Afrika, er liebt das Land, die Arbeit hier füllt ihn aus, in Deutschland erwartet in nichts. Unter Tränen erklärt er seiner Frau am Telefon, dass er nicht zurückkehren wird.
Als nach Jahren Alex Nzila (Jean-Christophe Folly), ein junger französischer Arzt mit afrikanischen Wurzeln, zu einer Einschätzung des Schlafkrankheitsprogramms nach Afrika fährt, trifft er nach längere Fahrt in den Dschungel und einiger Wartezeit auf Ebbo, der sich häuslich eingerichtet hat, eine einheimische Frau besitzt, die schwanger von ihm ist und zweifelhafte Projekte wie ein Hüttendorf für Touristen betreibt. Ein Ähnlichkeit zu Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ ist nicht von der Hand zu weisen. Alex, der wegen seiner Hautfarbe und Homosexualität erst selbst noch in Frankreich diskriminiert wurde, bewegt sich wie ein ignoranter Europäer durch Afrika, voller Vorurteile und ständig auf der Hut übervorteilt zu werden. Er findet keine Beziehung zu Ebbo, alles ist ihm fremd. Ebbo dagegen gefällt sich in der Rolle des Wohltäters, herrscht seine Bediensteten an und hat sich an die Korrumpierbarkeit der Beamten und des Militärs gewöhnt. Mit einem Franzosen geht er zur Nilpferdjagd. Dieses mystische Tier Afrikas steht als Sinnbild für Kraft und ist gefürchtet für seine Gewaltausbrüche. Nach einem Streit verlieren sich die Jäger im Dunkel des Dschungels. Ein Schuss fällt, Alex sieht am nächsten morgen ein Nilpferd, das kurz durchs Bild läuft. Es bleibt offen, was mit Ebbo passiert ist. Der undurchdringliche Dschungel hat ihn verschluckt, er ist an seinem Sehnsuchtsort verloren gegangen.
Das wäre eine gute Story für den Mystiker unter den Dramatikern Roland Schimmelpfennig, der sich aber lieber mit einer Holzpuppe und dem Gesichts Gottes als Metapher für das unerklärbare Afrika beschäftigt hat. Ulrich Köhler weiß auch nicht so recht, was er dem Stoff anfangen soll, der Europäer als Fremdkörper und ewiger Kolonist, kann nicht von diesem Kontinent seiner Träume lassen. Es tun sich aber keine wirklichen Abgründe der Seelen wie bei Conrads Roman auf. „Der Mensch ist ein bösartiges Tier. Seine Bösartigkeit muss organisiert werden. Das Verbrechen ist eine notwendige Bedingung der organisierten Existenz. Die Gesellschaft ist ihrem Wesen nach kriminell, sonst würde sie nicht existieren (…) Wir gehen mit Worten Kompromisse ein. Es hilft uns auch nicht weiter. Es ist wie ein Wald, in dem niemand den Weg kennt. Man ist verloren, während man noch ruft: `Ich bin gerettet!`“ – Joseph Conrad

Noch 30 Tage bis Paw Paw – Eine Katze verändert das eingefahrene Leben zweier Mitdreißiger in „The Futur“ von Miranda July

Das Leben und dazu eine Katze, das gibt eine unglaubliche Summe. – Rainer Maria Rilke

So ist es auch im zweitem Spielfilm des US-amerikanischen Multi-Talents Miranda July, in dem sie auch wieder wie in „Ich und Du und Alle, die wir kennen“ (Goldene Kamera in Cannes 2005 für das beste Debüt) die weibliche Hauptrolle übernimmt. Die Katze heißt Paw Paw (Pfötchen) und ist einem Paar in den Dreißigern zugelaufen. Sie wollen es adoptieren, um mehr Verantwortung in ihrem Leben zu übernehmen. Sie bekommen aber noch mal 30 Tage Bedenkzeit, da die verletzte Pfote des Streuners erst im Tierheim gesund gepflegt werden muss. Dass die kranke Katze nicht nur ein paar Monate zu leben hat, sondern auch gut und gerne 5 Jahre, versetzt die beiden, die ihr Leben fast nur noch im Internet verbringen, in totale Torschlusspanik. In 5 Jahren ist man schließlich schon 40 und das ist ja fast schon 50. Sie wollen die letzten 30 Tage ohne Verantwortung dann auch voll nutzen, kündigen spontan ihre langweiligen Jobs als IT-Serviceberater und Tanzlehrerin für Kinder und stürzen sich in neue Projekte. Jason (Hamish Linklater) widmet sich dem Klimaschutz und zieht von Haustür zu Haustür, um Bäume zu verkaufen. Sophie will 30 Tänze kreieren, jeden Tag einen neuen und ins Internet stellen. Sie scheitern natürlich beide an ihren zu hoch geschraubten Zielen. Letztendlich sind das alles nur vergebliche Ausbruchsversuche aus ihrer lahm liegenden Beziehung.
Aus dem Off reflektiert die Katze mit der verfremdeten Stimme von Miranda July über das ungebundene Leben in der Wildnis, freut sich aber auf ein ruhiges Leben bei den Beiden, die sie nun aufnehmen werden und sie signalisiert schon mal durch Schnurren Bereitschaft. Bereit für einen gemeinsamen Neuanfang ist das Paar aber nicht wirklich. Sophie drängt es zu einem alleinerziehenden Schilderdesigner aus einer Vorstadtsiedlung und einer schnellen Affäre, Jason trifft einen bereits 60 Jahre verheirateten Mann, dem er einen alten Fön abkauft und sich seine Weisheiten über die Liebe und Paarbeziehungen im allgemeinen anhört. Seine erst 4 Jahre währende Beziehung zu Sophie erscheint Jason bereits ewig, ist aber in den Augen des Alten nur der Anfang und der ist ja bekanntlich schwer. Der Film ist auch eine Geschichte über das Vergehen von Lebenszeit und die unterschiedliche Wahrnehmung dessen. In einer albtraumhaften Sequenz sieht Sophie ihre Freundinnen vor sich, erst schwanger, dann mit Kindern und schließlich stehen diese dann vor ihr und wollen ihre Kind zum Tanzkurs anmelden. Die Zeit rast in ihren Augen und auch Jason versucht diese einfach anzuhalten, muss aber erkennen, das die gemeinsame Zeit nur in seiner Vorstellung fest steht und Sophie sich auch so längst von ihm entfernt hat.
Beide verpassen den Abholtermin für die Katze, die bereits voll Ungeduld gewartet hatte und sich die Länge von 30 Tage vorzustellen versucht. Sie stirbt am Ende, ob es einen Neuanfang für Sophie und Jason geben wird bleibt offen. Miranda July gelingt mit viel Selbstironie und Humor, der auch in seinen leicht kitschig melancholischen Momenten nie aufgesetzt wirkt, ein durchaus überzeugendes Porträt von zwei Menschen, die nicht so richtig zu wissen scheinen, worum es ihnen im Leben geht. Miranda July hat diesen Stoff, wie sie im anschließenden Gespräch erklärt, aus einer ihrer Kurzgeschichten entlehnt und die ihrer Meinung nach etwas langweilige Story durch entsprechend assoziative Bilder zu verstärken versucht. Durchaus sehr sympathisch dieser Versuch, leider aber auch etwas zu nett. Der Konfliktstoff bleibt bisweilen in diesen visuellen Fantastereien stecken.

Der Film, der an diesem Abend in der Reihe „Berlinale goes Kiez“ im Kino Adria an der Steglitzer Schloßstraße lief, wurde von Maren Ade präsentiert, deren Lebensgefährte Ulrich Köhler seinen Film „Schlafkrankheit“ im Wettbewerb zeigte. Und so wurde der Abend noch zu einer Veranstaltung der „Berliner Schule“, mit der Miranda July auch persönlich verbandelt ist. Zum zweiten Film des Abends erschienen doch tatsächlich Dieter Kosslick und Christoph Terhechte und stellten mit Christian Petzold und seinem Film „Etwas Besseres als den Tod“ einen weiteren Vertreter dieser Richtung vor. Alle sprühten geradezu vor Witzigkeit und hatten sichtlich Spaß mal abseits des stressigen Berlinale-Alltags.
Der Film von Petzold ist ein Beitrag zu dem dreiteiligen Projekt „DreiLeben mit den Regisseuren Dominik Graf und Christoph Hochhäusler, das im Forum der Berlinale lief. Es erzählt mit jeweils anderen Protagonisten in den Hauptrollen, die Geschichte eines entlaufenen Frauenmörders (Stefan Kurt) und weiterer Figuren aus dem Umfeld einer kleinen Stadt im Thüringer Wald. Der erste Teil von Christian Petzold dreht sich um die Liebesgeschichte zwischen einem Medizinstudenten (Jacob Matschenz) der in einem Krankenhaus ein Praktikum macht und einem bosnischen Zimmermädchen (Luna Mijovic, bekannt aus dem Berlinalesieger von 2006 „Grbavica“). Die Liebe scheitert an Vorurteilen und den verschieden Vorstellungen über eine gemeinsame Zukunft. Das Mädchen wird schließlich dem Mörder zum Opfer fallen, es gibt eine kurze Horrorschockszene in Petzolds Film und unheimlich gefilmte Bilder des Waldes. Man kann sich sicher auf die Ausstrahlung im Herbst in der ARD freuen, zwischen Tagesschau, Wetter und Anne Will, wie Petzold gut aufgelegt witzelte. Aber vielleicht kommt ja auch ein Championsleaguespiel dazwischen.

Wie die Väter, so die Söhne und Töchter – Andres Veiel psychologisiert die 68er in seinem ersten Spielfilm „Wer wenn nicht wir“, einem Portrait von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper

Eine Katze steht auch im Mittelpunkt der Schlüsselszene des ersten Spielfilms des Dokumentarfilmers Andres Veiel. Veil wurde bekannt durch wunderbare Dokumentationen, wie etwa über junge Schauspielschüler (Die Spielwütigen, 2004), über den brutalen Mord an einem 16-jährigen Jungen im brandenburgischen Potzlow (Der Kick, 2006, nach seinem gleichnamigen Theaterstück am Gorki Berlin, 2001) und nicht zu letzt durch den 2001 gedrehten Dokumentarfilm „Black Box BRD“, in dem er die Biografien des von der RAF ermordeten Deutsche-Bank-Vorstandssprechers Alfred Herrhausen und die des bei seiner Festnahme in Bad Kleinen auf bisher ungeklärte Weise ums Leben gekommenen RAF-Terroristen Wolfgang Grams. Nun hat sich Veiel der Biografie des Paares Gudrun Ensslin und Bernward Vesper angenommen, beide Leitfiguren der 68er Studentenbewegung, deren Liebe letztendlich nicht nur an den unterschiedlichen Ansichten über den Weg zu notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen scheitern.
Der Film beginnt kurz nach dem 2. Weltkrieg im Elternhaus des 8jährigen Bernward im niedersächsischen Triangel. Die besagte Katze gehört dem Jungen. Der Vater erschießt die Katze, weil sie den Nachtigallen im Park nachstellt. Im ruhigen Verständnis heischenden Ton erklärt er Bernward, das Katzen nicht zum Menschen passen, da sie die Juden unter den Tieren sind. Diese Szene ist prägend für den jungen Vesper, er hat sie auch in seinem Drogentrip „Die Reise“, einer Abrechnung mit der Elterngeneration, beschrieben. Der Roman blieb Fragment, da sich Vesper im Jahr 1971 in der Psychiatrie das leben nahm. Der Vater Will Vesper, dargestellt vom Theaterschauspieler Thomas Thieme, war eine glühender Hitler-Verehrer und sogenannter Blut-und-Boden-Dichter, der gegen jüdische und liberale Schriftsteller und Verleger hetzte. Dennoch verehrte Bernward Vesper sehr seinen Vater auch noch nach dem Krieg und begann auf des Zuraten hin selbst zu schreiben. August Diel stellt ihn sehr schön zwischen selbstbewusstem politischem Verleger und schwankend in der Distanz zu seinem Vater dar. 1961 lernt er Gudrun Ensslin an der Uni Tübingen kennen, wo sie u.a. Germanistik studieren und Vorlesungen bei Walter Jens besuchen. Beide gründen einen Verlag, um die alten Bücher Will Vespers aber auch linke Schriften und ein Buch von Stokely Carmichael, einem der Führer der afroamerikanischen Black Panther Party, heraus zu bringen.
Der Film, der auf dem Buch „Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus“ des Publizisten und Historikers Gerd Koenen beruht, beschreibt das in allen Einzelheiten. Die Annäherung der beiden erfolgt erst zögerlich, dann aber um so heftiger. Sie ziehen zusammen, erst zu dritt mit einer Freundin Gudruns. Dann entsteht aber schnell, eine fast symbiotische Beziehung zwischen Bernward und Gudrun. Beide versuchen sich aber auch unabhängig von einander zu verwirklichen, eine ständiger Kampf um Anerkennung und Abgrenzung zu den Eltern beginnt. Vesper geht fremd und Ensslin verletzt sich aus enttäuschter Liebe selbst. Sie geht eine kurze Beziehung zu Klaus Roehler ein, der ihr bei ihrer Dissertation über Hans Henny Jahnn helfen soll. Schließlich mündet der Kampf doch in den bürgerlichen Akt der Verlobung. Es folgen Verbindungen zur SPD-nahen Gruppe 47, die aber nicht ihrem Streben nach radikaleren Forderungen entsprechen. Veiel spult den Film wie ein Biopic ab. Es werden dokumentarische Szenen aus Nachrichten und alten schwarz-weiß-Dokumentationen eingespielt, um den zeitgeschichtlichen Bezug herzustellen. Von den ersten Atombombenversuchen in den USA, über den Beginn der großen Koalition von CDU mit Kiesinger und derSPD, dem obligatorischen Schahbesuch mit den Prügelszenen in Berlin, bis zum Kaufhausbrandprozess in Frankfurt geht die Kette direkt zur Begegnung mit Andreas Baader. Alexander Fehling spielt ihn als zwischen androgynem Wesen und dem üblichen Revolutionsposer. Seine Fotzenrhetorik hat Veiel aber bewusst vermieden, Gudrun Ensslin darf auch mal zurückschlagen und so ist sein Film im Gegensatz zum Bader-Meinhoff-Komplex auch nicht so reißerisch inszeniert. Es geht Veiel eher um ein Psychogramm dieser Zeit.
Gudrun Ensslin ist eine Figur, die aus Ablehnung gegen den Opportunismus der Vätergeneration heraus, zu der Einsicht gelangt, das man etwas tun muss. Eine Entdeckung ist dabei die junge Lena Lauzemis, die Gudrun Ensslins große Emotionalität und ihre emanzipierte Entschlossenheit wirklich anschaulich rüberbringen kann. Ensslin ist Vesper in jedem Moment geistig und in ihrer Entschlossenheit überlegen. Er kann ihr nicht mehr Paroli bieten. Aus der Erkenntnis, dass die Bundesrepublik mit ihrer angeblich freiheitlichen demokratischen Grundordnung die Geschichte des Nationalsozialismus nicht wirklich aufarbeitet und das im Bewusstsein der Menschen nicht ankommt, stellt sie sich gegen ihre bürgerliche Familie und radikalisiert sich, um den Massen ein Beispiel zu geben. Man muss das in gewisser Weise auch psychologisch sehen. Der Druck für intellektuelle Leute wie Ensslin, Meinhoff und auch Vesper war so groß, das es nur zwei Möglichkeiten für sie gab, entweder zerbrechen wie Vesper oder, oder der Weg in den Terror der RAF, der andere Wahnsinn, wie ihn Baader propagierte. Ein dazwischen gibt es für sie nicht, entweder dafür sein oder dagegen. Das ist auch der Widerspruch, der sich für viele nicht lösen ließ. Radikale Forderungen lassen sich in einer Demokratie nicht so schnell umsetzten. Eine im Knast eingefügte Szene zeigt Ensslin im Gespräch mit der Anstaltsleiterin, die an ihr Gewissen appelliert, mit dem Verweis auf kleine Schritte der Veränderung, um sie vom bewaffneten Kampf abzubringen. Dennoch steigen die Protagonisten der RAF aus und bilden eine in ihren Strukturen klar hierarchisch und diktatorisch durchorganisierte Organisation. Sie sind damit aber wieder im System der Väter angekommen. Diesen Weg will Veiel mit seinem Film beschreiben, leider pathologisiert er damit auch die gesamte 68er-Bewegung. Die Geschichte hat keine passende Lösung parat, es bleibt ein ewiges Suchen nach der Wahrheit. Hier bietet der Film auch keinen Antworten.

„Die Hoffnung ist wie ein wildes Tier“ – aus dem Briefwechsel von Heinrich Böll mit Ernst-Adolf Kunz 1945-1953

alle Preisträger auf einen Blick