Archive for the ‘Dominik Graf’ Category

Mit „Die Geliebten Schwestern” zeigt Filmregisseur Dominik Graf eine Dreiecksgeschichte aus den Zeiten des analogen Briefverkehrs jenseits schillernder Geschichtsverklärung.

Donnerstag, August 7th, 2014

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E-Bow the Letter
Look up, what do you see?
 All of you and all of me
 Florescent and starry
 Some of them, they surprise
The bus ride, I went to write this, 4:00 a.m.
 This letter
 Fields of poppies, little pearls
 All the boys and all the girls sweet-toothed
 Each and every one a little scary
 I said your name
I'll take you over, there
 I'll take you over, there...
aus: E-Bow the Letter von R.E.M. mit Patty Smith

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Wer könnte wohl ehrlichen Herzens von sich behaupten, in letzter Zeit mal einen Brief verfasst zu haben, eigenhändig geschrieben und höchst selbst bei der Post aufgegeben? Auch hat das mittlerweile zur Aktiengesellschaft mutierte Unternehmen, das einst noch per Pferdekutsche in den Landen deutscher Kleinstaaterei unterwegs war, längst seine Schwerpunkte auf Logistik und Geldgeschäfte verlegt. Das einstige Monopol der Briefbeförderung ist verloren bzw. stückweise outgesorced. Beschränkt sich doch die heutige Korrespondenz zumeist nur noch auf nüchterne Geschäftspost.

Die Geliebten Schwestern_(c) Senator Film VerleihJust in jenen schnelllebigen Zeiten also von E-Post und virtuellen sozialen Netzwerken bringt der deutsche Fernsehregisseur Dominik Graf einen Film ins Kino, der dem Kratzen der Feder auf weißem Bütten mit einer Intensität und Leidenschaft frönt, wie man sie hierzulande lange nicht mehr auf einer Leinwand erleben durfte. Und er verbindet seinen gesellschaftshistorischen Exkurs mit einer Liebesgeschichte um eine der bedeutendsten Persönlichkeiten, die der Kanon des deutschen Bildungsbürgertums zu bieten hat. Dem Dichter, Dramatiker und Gelehrten Friedrich Schiller, einem der Vertreter des freiheitlichen Kunstgedankens jener Zeit, der bis heute den Glauben an die nachhaltig heilenden Kräfte von Literatur und Theater nährt.

Das letzte sogenannte Biopic über den jungen Dichter des Sturm und Drangs stammt aus dem Jahr 2005. Es zeigt uns in Gestalt des Schauspielers Matthias Schweighöfer einen charismatisch jugendlichen Brausekopf, der sich neben seiner selbstzerstörerischen Arbeit am Werk durch die Betten adliger Damen und Hofschauspielrinnen schnupft. Ein Schillerbild, das auf das jugendliche TV-Publikum abzielt, mit seiner plakativ revoltierenden Attitüde aber sicher um einiges am wirklichen Schiller vorbeischießt. 1785 verliert der 26jährige Schiller seine Stellung als Theaterdichter in Mannheim wieder an August Wilhelm Iffland und ist finanziell so gut wie am Ende.

Hier nun in etwa schließt Dominik Grafs Film Die geliebten Schwestern zeitlich an. Der Regisseur führt uns in die Zeit der beginnenden Weimarer Klassik um 1787. Goethe weilt in Italien und der arme, mit erstem Dichterlorbeer bekränzte Schiller kommt auf der Suche nach neuen betuchten weiblichen Sponsoren aus Sachsen – wo ihn Körner, wie schon Henriette von Wolzogen oder seine verheiratete Geliebte Charlotte von Kalb, wieder finanziell aufgepäppelt hatte – nach Weimar. Er trifft hier im Vorbeigehen am Hause Charlotte von Steins auf die 22jährige Charlotte von Lengefeld. Graf stellt diese erste fiktive Begegnung zu Beginn als einen kleinen koketten Flirt außerhalb der herrschenden Konventionen dar, die Schiller wohl ob der Schlagfertigkeit der jungen Dame in guter Erinnerung bleibt. Charlotte, aus ländlich verarmtem Adel im thüringischen Rudolstadt, hat da schon ein paar fruchtlose Männerbekanntschaften zwecks erwünschter Eheanbahnung hinter sich, und ist ihrerseits vom wortgewandten Fremden fasziniert.

Dies ist der Beginn einer intensiven Korrespondenz zwischen beiden, die sich nach Schillers Vorstellung im Hause von Lengefeld in Rudolstadt auf eine weitere Person ausdehnt. Lottes Schwester Caroline verguckt sich ebenfalls in den sympathischen, leicht unbeholfenen Schlacks. Was Schiller durchaus gefällt, da er sich sowohl geistig als auch in Herzensdingen beiden Schwestern zugeneigt fühlt. Und so bildet sich ein verschworenes Dreieck, das sich täglich mit Boten heimliche Briefe hin- und herschickt, für die es eigens, um durch mögliche Indiskretion den jeweils anderen nicht zu kompromittieren, namensverschleiernde Zeichen erfindet. Denn Caroline ist bereits mit dem Freiherrn von Beulwitz verheiratet. Diese arrangierte Ehe sichert dem männerlosen Hausstand der von Lengefelds das finanzielle Überleben. Und so ist es auch für Charlotte vorgedacht. Der junge idealistische Literat Schiller im abgerissenen Rock wirkt da auf die Mutter der Lengefeld-Schwestern eher unpassend und fast schon wie ein Mitgiftjäger.

Die Geliebten Schwestern - Foto (c) Senator Filmverleih

Die Geliebten SchwesternFoto (c) Senator Filmverleih

Den nun folgenden Sommer 1788, den Schiller mit den beiden geliebten Schwestern in Rudolstadt verbringt, rollt Graf fast episch in etlichen Briefzeilen, langen Dialogen aber auch ganz alltäglichen Szenen vor uns aus. Die sonnendurchfluteten Bilder zeigen ein ländlich utopisches Naturidyll an der thüringischen Saale, in dem das Heu noch nach Heu duftet, sich Körper, Seele und Geist ganz langsam zu regen beginnen, dabei die schönsten freien Ideen entwickelnd. Jenes Arkadien, für das Goethe extra nach Italien reiste, schaffen sich die drei für einen Sommer im heimischen Rudolstadt, dessen Umgebung auch heute noch nicht ganz umsonst als Riviera bezeichnet wird. Schiller, der die deutschen Lande nie verlassen wird, entwickelt hier seine ganz eigenen Vorstellungen jenes Idealbilds, scheint ihm doch der Sehnsuchtsort Italien gänzlich unerreichbar. Erste Ernüchterung erlebt Schiller dann am Ende des Sommers nach der Rückkehr Goethes bei einem ersten Treffen mit dem großen Vorbild, das nicht ganz nach seinen Vorstellungen verläuft.

„Ich hätte nicht geglaubt, daß das Glück das eure Liebe, auch schon in fernen Ahndungen mir gewährt, in meiner Seele sich erhöhen könnte. Aber mit jedem Tage wird es reicher und unerschöpflicher – ach die Liebe ist das Einzige in der Natur, wo auch die Einbildungskraft selbst keinen Grund findet und keine Grenze sieht. Nur in euch zu leben, und ihr in mir – o das ist ein Daseyn, das uns über alle Menschen um uns her hinwegrücken wird. Unser himmlisches Leben wird ein Geheimniß für sie bleiben, auch wenn sie Zeugen davon sind.“

Schiller an Lotte v. Lengefeld und Caroline v. Beulwitz, 15. November 1789

Dass diese Idylle trügerisch sein könnte, ist sowohl Regisseur Graf als auch seinem Schiller durchaus bewusst. Zunächst jedoch schwelgt der Film mit der Ménages-à-trois noch in deren Vorstellungen vom Leben und der Liebe zu dritt. Schiller bekommt seine Professur an der Jenaer Universität, hält dort seine bekannte Antrittsrede Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?, bei der sich die Schwestern in Männerkleidung einschmuggeln und die Studenten mit Jakobiner-Kokarden am Revers als Zeichen der französischen Revolution Schiller zujubelnd die Hüte in die Luft werfen. Der junge Schiller ist diesen Ideen und dem allgemeinen Fortschritt durchaus zugetan. Durch die Revolutionierung des Buchdrucks erhofft er die schnelle Verbreitung seiner Werke und glaubt sich an der Schwelle einer ganz neuen Zeit.

Schiller, der nun vor allem auch bedacht ist, seine Liebesverhältnisse zu ordnen, entscheidet sich schließlich auf Drängen und nach Fürsprache Carolines bei der Mutter für die unverheiratete Charlotte, ist aber noch im guten Glauben, die Beziehung zu beiden Schwestern wie bisher fortsetzen zu können. Die verschworene Gemeinschaft bekommt erste Risse, als Schiller sich ohne Wissen der Verlobten auf eine Nacht mit Caroline einlässt. Der Film vollzieht hier eine Wendung hin zum bürgerlichen Alltag der Familie Schiller, dem Kinderkriegen und den ständigen finanziellen Nöten. Caroline, die nun ihr Leben mit eigenen Liebschaften lebt, ist da außen vor. Schiller verbindet aber weiterhin ein herzliches und kreatives Verhältnis mit Caroline. So arbeiten sie gemeinsam an ihrer literarischen Karriere. Schiller hilft ihr über den Freund Wilhelm von Wolzogen aus der ungeliebten Ehe mit Beulwitz. Und ein außereheliches Kind will sogar wesentlich mehr suggerieren.

Die Geliebten Schwestern - Foto (c) Senator Filmverleih

Die Geliebten SchwesternFoto (c) Senator Filmverleih

Jedoch selbst noch in Zorn und Eifersucht sind sich die Schwestern hier sehr nah. Da passt eigentlich kaum ein Blatt Briefpapier dazwischen, geschweige denn ein Mann. Vor den Augen des sterbenden Schillers verwischen sich dabei allerdings auch die Konturen der beiden Geliebten. Dominik Graf hat mit diesem Film kongenial Biografisches und gesellschaftliches Leben mit ganz persönlichen Wünschen und Empfindungen der Figuren verbunden. Mit unaufdringlicher Stimme kommentiert der Regisseur immer wieder aus dem Off das Geschehen, wobei es dieser Krücke eigentlich nicht zwingend bedarf. Das Vergangene verweist hier immer auch in die Gegenwart. Denn seit dem Scheitern der Ideale der französischen Revolution, was hier kurz mal das historische Pflaster rot färbt, bleibt die Frage der Menschheit nach dem, wie wir leben wollen, weiterhin aktuell. Parallelen lassen sich da durchaus zu den 68ern in der Bundesrepublik ziehen, oder auch zum real existierenden Sozialismus einer DDR.

Aus seinem 170minütigen Berlinale-Wettbewerbsbeitrag hat Graf fürs Kino eine um etwa 30 Minuten kürzere neue Schnittfassung erstellt. (Fürs Fernsehen wird es noch eine dreistündige Fassung in zwei Teilen geben.) Es wurde soweit möglich an Originalschauplätzen wie der Heidecksburg in und um Rudolstadt oder Weimar gedreht. Graf schöpft aus erhalten Briefen und bleibt nahe an den bekannten Fakten, lässt aber im geschriebenen Wort auch Platz für Fantasie und Spekulation. Diesem Film werden aber vor allem durch seine überzeugenden Hauptdarsteller (Henriette Confurius als Charlotte, Hannah Herzsprung als Caroline und Florian Stetter als Schiller) das erforderliche Leben und jene Leidenschaft eingehaucht, die Graf mit seinem, um einiges an Fiktion angereichertem Drehbuch behauptet. Und er ist dabei DEFA-Literaturverfilmungen wie Lotte in Weimar (1975), Die Leiden des jungen Werthers (1976)oder auch dem Hölderlin-Film Hälfte des Lebens (1984) näher als einer TV-Biofiction wie Goethe! aus dem Jahr 2010.

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DIE GELIEBTEN SCHWESTERN
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Dominik Graf
Kamera: Michael Wiesweg
Kostüm: Barbara Grupp
Musik: Sven Rossenbach, Florian van Volxem
Schnitt: Claudia Wolscht
Produzent: Uschi Reich, Grigoriy Dobrygin

Darsteller:
Charlotte von Lengefeld: Henriette Confurius
Friedrich Schiller: Florian Stetter
Caroline von Beulwitz: Hannah Herzsprung
Frau von Stein: Maja Maranow
Madame von Lengefeld: Claudia Messner
Wilhelm von Wolzogen: Ronald Zehrfeld
Charlotte von Kalb: Anne Schäfer
Friedrich von Beulwitz: Andreas Pietschmann
Knebel: Michael Wittenborn
Körner: Peter Schneider
u.a.

Länge: 139 min.
Kinostart: 31.07.2014
Verleih: Senator Film Verleih GmbH

Weitere Infos: http://www.senator.de/movie/die-geliebten-schwestern

Schiller und die Lengefeld-Schwestern in Rudolstadt - Foto: St. B.

Schiller und die Lengefeld-Schwestern in Rudolstadt – Foto: St. B.

Lass die Zeilen schwingen!
Seht auf, was erblickt ihr?
Von euch alles und von mir
Strahlend helle Sterne 
Manche davon wunderbar

Auf der Busfahrt ich nicht schlief, vier Uhr morgens
schrieb den Brief
Mohnfelder wie Perlenfädchen
Alle Jungs und alle Mädchen naschhaft
Wie ein jedermann bange aus der Ferne
sprach ich dich an

Ich bring dich rüber, dorthin
Werd‘ ich dich bringen, dorthin

Zuerst erschienen am 05.08.2014 auf Kultura-Extra.

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Das Tier und der menschliche Wahnsinn in den Filmen des Wettbewerbs auf der Berlinale 2011

Samstag, Februar 19th, 2011

Die diesjährige Berlinale scheint ihr Thema gefunden zu haben, es ist das Tier in allen möglichen Gattungen und seine Wirkung auf die menschliche Psyche. Mal beruhigend bei Trennungsschmerz, mal als Auslöser von Torschlusspanik bei Mitdreißigern, als Symbol für den Tod oder das Fremde und als mystisches Sehnsuchtswesen eines afrikaverrückten Arztes. Der Wahnsinn in seinen verschiedenen Spielarten ist allen diese Figuren in irgendeiner Weise eingeschrieben.

Béla Tarr erzählt uns in seinem neuen Film einen vom Turiner Pferd

“Der Mensch als Gattung stellt keinen Fortschritt im Vergleich zu irgendeinem Tier dar. Die gesamte Tier- und Pflanzenwelt entwickelt sich nicht vom Niederen zum Höheren…” – Friedrich Nietzsche

Dieses Zitat Nietzsches muss der ungarische Regisseur Béla Tarr wörtlich genommen haben. Ausgehend von einem nicht näher belegten Ereignis in Turin des Jahres 1889, in dem Nietzsche dem von einem Kutscher misshandeltem Pferd weinend um den Hals fällt, erzählt er die unbekannte Geschichte dieses Kutschers und seinem Pferd als dumpfes Untergangsszenario in einem nie enden wollenden Sturm der in völlige Finsternis mündet. Nietzsche sah in dieser Begegnung seine Vision bestätigt, die er bereits 1888 in einem Brief an den Maler und Schriftsteller Reinhart von Seydlitz schilderte: „Winterlandschaft. Ein alter Fuhrmann, der mit dem Ausdruck des brutalsten Cynismus, härter noch als der Winter ringsherum, sein Wasser an seinem Pferd abschlägt. Das Pferd, die arme geschundene Creatur, blickt sich um, dankbar, sehr dankbar“. Nietzsche fällt daraufhin in eine geistige Umnachtung, die 10 Jahre andauern soll und mit seinem Tod endet.
Tarr ist ein Meister langer Einstellungen und harter Schwarz-Weiß-Bilder. In seinen Filmen stellt er in teils surrealen Bildern immer wieder die Unfähigkeit der Menschen zu Empathie und wahrer Liebe dar. In „Werckmeister Harmonies“ wird ein Wanderzirkus mit einem riesigen Wal zum Sinnbild für das Fremde, das Gefüge einer Kleinstadt störend, deren Bewohner sich in einem von einem Demagogen angestachelten Exzess von Gewalt Luft verschaffen. Dabei gab es aber immer auch einen Protagonisten, der sich diesen Bestrebungen mit Witz und dem naiven Glauben an die Menschlichkeit entgegenstellte. In „The Turin Horse” gibt es diese Figur nicht mehr. Der Stumpfsinn hat gesiegt, das Ende der Welt ist nahe. Innerhalb von 6 Tagen wird diese gewohnte Welt des Kutschers und seiner Tochter aus den Fugen geraten, jeder Ausbruchsversuch ist schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt. Der Wind heult unentwegt und die minimalistische Musik von Mihály Víg verdichtet diesen 2 1/2-stündigen Film zu einer Tour de Force für alle Zuschauer. Die Kamera von Fred Kelemen folgt zunächst stringent in langen Einstellungen dem immer gleichen Tagesablauf der Protagonisten, vom An- und Auskleiden, Wasserholen, dem obligatorischen Schnaps zum Frühstück, dem vergeblichen Anschirren des kranken Pferdes bis zum Abendmahl mit heißer Pellkartoffel. Diese eindrücklichen langsamen Bilder des deutschen Regisseurs und langjährigen Kameramanns von Béla Tarr erzählen von der Härte der Natur und der Verlorenheit des Menschen darin.
Nur wenige Variationen lässt Béla Tarr zu. Einmal kommt der Nachbar, dem der Palinka ausgegangen ist, durch den Sturm zum Haus der Beiden und erzählt vom Untergang der Stadt in Dekadenz und dem immer währenden Kampf zwischen Herrschaft und Unterwerfung. Das Drehbuch stammt wieder vom Schriftsteller László Krasznahorkai, viel gesprochen wird dennoch nicht. Der Alte (János Derzsi) knurrt nur und herrscht seine Tochter (Erika Bók) an. Sie muss ihn immer wieder an- und auskleiden, da er einen steifen Arm hat. Bisweilen trocken und mehlig, wie die Pellkartoffeln an denen sie still kauen, wirkt dieser Film. Da das Pferd nicht mehr frisst und nicht aus dem Stall will, bleibt die Hütte der Ort des weiteren Geschehens. Der Alte sieht müde aus dem Fenster in den Sturm. Ein Wagen mit Zigeunern kommt vorbei auf dem Weg nach Amerika, sie wollen aus dem Brunnen trinken. Der Alte verjagt sie wütend mit der Axt. Die Tochter liest zögerlich religiöse Verse aus einem Buch, das ihr einer der Zigeuner geschenkt hat. Am nächsten Tag ist der Sturm vorbei und der Brunnen versiegt. Es wird nicht mehr hell und das Feuer geht langsam aus. Dennoch bleiben sie bei ihrem Tagesablauf, der Alte beißt in die rohe Kartoffel und befiehlt seiner Tochter ebenfalls zu essen, doch sie hat wie das Pferd bereits aufgegeben.
Das Leben als sinnloser Kreislauf des Werden und Vergehens, das ist das filmische Vermächtnis des Béla Tarr, das sich in seiner ausweglosen Entgültigkeit gewaschen hat, auch ohne Wasser. Tarrs Nihilismus demontiert Nietzsches Theorie vom Übermenschen konsequent. „Die Schwachen und Mißratnen sollen zugrunde gehn: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.“ (Nietzsche aus „Antichrist“) Nach Tarr haben sie das nun gründlich selbst besorgt. Der Meister schickt uns nach dem Film mit einer knappen Geste nach Hause. Das Mitleiden hat für dieses Mal ein Ende.

Der Mensch ist nur ein Seil, gespannt zwischen dem Tier und dem Übermensch. Ein Seil über einem Abgrunde. – Friedrich Nietzsche aus „Also sprach Zarathustra“

Afrika for ever – In „Schlafkrankheit“ von Ulrich Köhler verliert sich ein Arzt im Dschungel seiner Sehnsüchte

Mit Ulrich Köhler ist in diesem Jahr wieder ein Vertreter der „Berliner Schule“ im Wettbewerb vertreten. 2009 gewann Maren Ade, Lebensgefährtin von Ulrich Köhler, mit „Alle anderen“ den großen Preis der Berlinale-Jury. Köhler dürfte das mit seinem Film wohl schwerlich gelingen. Er ist so etwas wie der Mystiker unter den Regisseuren der „Berliner Schule“, seine Figuren brechen aus gewohnten Bahnen aus und verlieren sich an unwirklich anmutenden Orten wie einem Ferienhaus in „Bungalow“ und einem surrealen Hotel in „Montag kommen die Fenster“.
In Schlafkrankheit geht es um eine Paar, das jahrelang Entwicklungshilfe in Afrika geleistet hat. Ebbo (Pierre Bokma, niederländischer Schauspieler, z.Zt. an den Münchner Kammerspielen) und Vera Velten (Jenny Schily, bekannt aus Inszenierungen der Schaubühne Berlin) wollen nun wegen ihrer Tochter nach Deutschland zurück kehren. Ebbo ist Arzt und leitet ein Projekt zur Bekämpfung der Schlafkrankheit in Kamerun. Auch Köhler hat mit seinen Eltern einige Zeit in Afrika verbracht. Ganz ruhig und unspektakulär erzählt er die Geschichte von verlorenen Illusionen und dem ewigen Kampf um Geld und die Zweckentfremdung von Fördermitteln. Dennoch hält Ebbo etwas in Afrika, er liebt das Land, die Arbeit hier füllt ihn aus, in Deutschland erwartet in nichts. Unter Tränen erklärt er seiner Frau am Telefon, dass er nicht zurückkehren wird.
Als nach Jahren Alex Nzila (Jean-Christophe Folly), ein junger französischer Arzt mit afrikanischen Wurzeln, zu einer Einschätzung des Schlafkrankheitsprogramms nach Afrika fährt, trifft er nach längere Fahrt in den Dschungel und einiger Wartezeit auf Ebbo, der sich häuslich eingerichtet hat, eine einheimische Frau besitzt, die schwanger von ihm ist und zweifelhafte Projekte wie ein Hüttendorf für Touristen betreibt. Ein Ähnlichkeit zu Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ ist nicht von der Hand zu weisen. Alex, der wegen seiner Hautfarbe und Homosexualität erst selbst noch in Frankreich diskriminiert wurde, bewegt sich wie ein ignoranter Europäer durch Afrika, voller Vorurteile und ständig auf der Hut übervorteilt zu werden. Er findet keine Beziehung zu Ebbo, alles ist ihm fremd. Ebbo dagegen gefällt sich in der Rolle des Wohltäters, herrscht seine Bediensteten an und hat sich an die Korrumpierbarkeit der Beamten und des Militärs gewöhnt. Mit einem Franzosen geht er zur Nilpferdjagd. Dieses mystische Tier Afrikas steht als Sinnbild für Kraft und ist gefürchtet für seine Gewaltausbrüche. Nach einem Streit verlieren sich die Jäger im Dunkel des Dschungels. Ein Schuss fällt, Alex sieht am nächsten morgen ein Nilpferd, das kurz durchs Bild läuft. Es bleibt offen, was mit Ebbo passiert ist. Der undurchdringliche Dschungel hat ihn verschluckt, er ist an seinem Sehnsuchtsort verloren gegangen.
Das wäre eine gute Story für den Mystiker unter den Dramatikern Roland Schimmelpfennig, der sich aber lieber mit einer Holzpuppe und dem Gesichts Gottes als Metapher für das unerklärbare Afrika beschäftigt hat. Ulrich Köhler weiß auch nicht so recht, was er dem Stoff anfangen soll, der Europäer als Fremdkörper und ewiger Kolonist, kann nicht von diesem Kontinent seiner Träume lassen. Es tun sich aber keine wirklichen Abgründe der Seelen wie bei Conrads Roman auf. „Der Mensch ist ein bösartiges Tier. Seine Bösartigkeit muss organisiert werden. Das Verbrechen ist eine notwendige Bedingung der organisierten Existenz. Die Gesellschaft ist ihrem Wesen nach kriminell, sonst würde sie nicht existieren (…) Wir gehen mit Worten Kompromisse ein. Es hilft uns auch nicht weiter. Es ist wie ein Wald, in dem niemand den Weg kennt. Man ist verloren, während man noch ruft: `Ich bin gerettet!`“ – Joseph Conrad

Noch 30 Tage bis Paw Paw – Eine Katze verändert das eingefahrene Leben zweier Mitdreißiger in „The Futur“ von Miranda July

Das Leben und dazu eine Katze, das gibt eine unglaubliche Summe. – Rainer Maria Rilke

So ist es auch im zweitem Spielfilm des US-amerikanischen Multi-Talents Miranda July, in dem sie auch wieder wie in „Ich und Du und Alle, die wir kennen“ (Goldene Kamera in Cannes 2005 für das beste Debüt) die weibliche Hauptrolle übernimmt. Die Katze heißt Paw Paw (Pfötchen) und ist einem Paar in den Dreißigern zugelaufen. Sie wollen es adoptieren, um mehr Verantwortung in ihrem Leben zu übernehmen. Sie bekommen aber noch mal 30 Tage Bedenkzeit, da die verletzte Pfote des Streuners erst im Tierheim gesund gepflegt werden muss. Dass die kranke Katze nicht nur ein paar Monate zu leben hat, sondern auch gut und gerne 5 Jahre, versetzt die beiden, die ihr Leben fast nur noch im Internet verbringen, in totale Torschlusspanik. In 5 Jahren ist man schließlich schon 40 und das ist ja fast schon 50. Sie wollen die letzten 30 Tage ohne Verantwortung dann auch voll nutzen, kündigen spontan ihre langweiligen Jobs als IT-Serviceberater und Tanzlehrerin für Kinder und stürzen sich in neue Projekte. Jason (Hamish Linklater) widmet sich dem Klimaschutz und zieht von Haustür zu Haustür, um Bäume zu verkaufen. Sophie will 30 Tänze kreieren, jeden Tag einen neuen und ins Internet stellen. Sie scheitern natürlich beide an ihren zu hoch geschraubten Zielen. Letztendlich sind das alles nur vergebliche Ausbruchsversuche aus ihrer lahm liegenden Beziehung.
Aus dem Off reflektiert die Katze mit der verfremdeten Stimme von Miranda July über das ungebundene Leben in der Wildnis, freut sich aber auf ein ruhiges Leben bei den Beiden, die sie nun aufnehmen werden und sie signalisiert schon mal durch Schnurren Bereitschaft. Bereit für einen gemeinsamen Neuanfang ist das Paar aber nicht wirklich. Sophie drängt es zu einem alleinerziehenden Schilderdesigner aus einer Vorstadtsiedlung und einer schnellen Affäre, Jason trifft einen bereits 60 Jahre verheirateten Mann, dem er einen alten Fön abkauft und sich seine Weisheiten über die Liebe und Paarbeziehungen im allgemeinen anhört. Seine erst 4 Jahre währende Beziehung zu Sophie erscheint Jason bereits ewig, ist aber in den Augen des Alten nur der Anfang und der ist ja bekanntlich schwer. Der Film ist auch eine Geschichte über das Vergehen von Lebenszeit und die unterschiedliche Wahrnehmung dessen. In einer albtraumhaften Sequenz sieht Sophie ihre Freundinnen vor sich, erst schwanger, dann mit Kindern und schließlich stehen diese dann vor ihr und wollen ihre Kind zum Tanzkurs anmelden. Die Zeit rast in ihren Augen und auch Jason versucht diese einfach anzuhalten, muss aber erkennen, das die gemeinsame Zeit nur in seiner Vorstellung fest steht und Sophie sich auch so längst von ihm entfernt hat.
Beide verpassen den Abholtermin für die Katze, die bereits voll Ungeduld gewartet hatte und sich die Länge von 30 Tage vorzustellen versucht. Sie stirbt am Ende, ob es einen Neuanfang für Sophie und Jason geben wird bleibt offen. Miranda July gelingt mit viel Selbstironie und Humor, der auch in seinen leicht kitschig melancholischen Momenten nie aufgesetzt wirkt, ein durchaus überzeugendes Porträt von zwei Menschen, die nicht so richtig zu wissen scheinen, worum es ihnen im Leben geht. Miranda July hat diesen Stoff, wie sie im anschließenden Gespräch erklärt, aus einer ihrer Kurzgeschichten entlehnt und die ihrer Meinung nach etwas langweilige Story durch entsprechend assoziative Bilder zu verstärken versucht. Durchaus sehr sympathisch dieser Versuch, leider aber auch etwas zu nett. Der Konfliktstoff bleibt bisweilen in diesen visuellen Fantastereien stecken.

Der Film, der an diesem Abend in der Reihe „Berlinale goes Kiez“ im Kino Adria an der Steglitzer Schloßstraße lief, wurde von Maren Ade präsentiert, deren Lebensgefährte Ulrich Köhler seinen Film „Schlafkrankheit“ im Wettbewerb zeigte. Und so wurde der Abend noch zu einer Veranstaltung der „Berliner Schule“, mit der Miranda July auch persönlich verbandelt ist. Zum zweiten Film des Abends erschienen doch tatsächlich Dieter Kosslick und Christoph Terhechte und stellten mit Christian Petzold und seinem Film „Etwas Besseres als den Tod“ einen weiteren Vertreter dieser Richtung vor. Alle sprühten geradezu vor Witzigkeit und hatten sichtlich Spaß mal abseits des stressigen Berlinale-Alltags.
Der Film von Petzold ist ein Beitrag zu dem dreiteiligen Projekt „DreiLeben mit den Regisseuren Dominik Graf und Christoph Hochhäusler, das im Forum der Berlinale lief. Es erzählt mit jeweils anderen Protagonisten in den Hauptrollen, die Geschichte eines entlaufenen Frauenmörders (Stefan Kurt) und weiterer Figuren aus dem Umfeld einer kleinen Stadt im Thüringer Wald. Der erste Teil von Christian Petzold dreht sich um die Liebesgeschichte zwischen einem Medizinstudenten (Jacob Matschenz) der in einem Krankenhaus ein Praktikum macht und einem bosnischen Zimmermädchen (Luna Mijovic, bekannt aus dem Berlinalesieger von 2006 „Grbavica“). Die Liebe scheitert an Vorurteilen und den verschieden Vorstellungen über eine gemeinsame Zukunft. Das Mädchen wird schließlich dem Mörder zum Opfer fallen, es gibt eine kurze Horrorschockszene in Petzolds Film und unheimlich gefilmte Bilder des Waldes. Man kann sich sicher auf die Ausstrahlung im Herbst in der ARD freuen, zwischen Tagesschau, Wetter und Anne Will, wie Petzold gut aufgelegt witzelte. Aber vielleicht kommt ja auch ein Championsleaguespiel dazwischen.

Wie die Väter, so die Söhne und Töchter – Andres Veiel psychologisiert die 68er in seinem ersten Spielfilm „Wer wenn nicht wir“, einem Portrait von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper

Eine Katze steht auch im Mittelpunkt der Schlüsselszene des ersten Spielfilms des Dokumentarfilmers Andres Veiel. Veil wurde bekannt durch wunderbare Dokumentationen, wie etwa über junge Schauspielschüler (Die Spielwütigen, 2004), über den brutalen Mord an einem 16-jährigen Jungen im brandenburgischen Potzlow (Der Kick, 2006, nach seinem gleichnamigen Theaterstück am Gorki Berlin, 2001) und nicht zu letzt durch den 2001 gedrehten Dokumentarfilm „Black Box BRD“, in dem er die Biografien des von der RAF ermordeten Deutsche-Bank-Vorstandssprechers Alfred Herrhausen und die des bei seiner Festnahme in Bad Kleinen auf bisher ungeklärte Weise ums Leben gekommenen RAF-Terroristen Wolfgang Grams. Nun hat sich Veiel der Biografie des Paares Gudrun Ensslin und Bernward Vesper angenommen, beide Leitfiguren der 68er Studentenbewegung, deren Liebe letztendlich nicht nur an den unterschiedlichen Ansichten über den Weg zu notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen scheitern.
Der Film beginnt kurz nach dem 2. Weltkrieg im Elternhaus des 8jährigen Bernward im niedersächsischen Triangel. Die besagte Katze gehört dem Jungen. Der Vater erschießt die Katze, weil sie den Nachtigallen im Park nachstellt. Im ruhigen Verständnis heischenden Ton erklärt er Bernward, das Katzen nicht zum Menschen passen, da sie die Juden unter den Tieren sind. Diese Szene ist prägend für den jungen Vesper, er hat sie auch in seinem Drogentrip „Die Reise“, einer Abrechnung mit der Elterngeneration, beschrieben. Der Roman blieb Fragment, da sich Vesper im Jahr 1971 in der Psychiatrie das leben nahm. Der Vater Will Vesper, dargestellt vom Theaterschauspieler Thomas Thieme, war eine glühender Hitler-Verehrer und sogenannter Blut-und-Boden-Dichter, der gegen jüdische und liberale Schriftsteller und Verleger hetzte. Dennoch verehrte Bernward Vesper sehr seinen Vater auch noch nach dem Krieg und begann auf des Zuraten hin selbst zu schreiben. August Diel stellt ihn sehr schön zwischen selbstbewusstem politischem Verleger und schwankend in der Distanz zu seinem Vater dar. 1961 lernt er Gudrun Ensslin an der Uni Tübingen kennen, wo sie u.a. Germanistik studieren und Vorlesungen bei Walter Jens besuchen. Beide gründen einen Verlag, um die alten Bücher Will Vespers aber auch linke Schriften und ein Buch von Stokely Carmichael, einem der Führer der afroamerikanischen Black Panther Party, heraus zu bringen.
Der Film, der auf dem Buch „Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus“ des Publizisten und Historikers Gerd Koenen beruht, beschreibt das in allen Einzelheiten. Die Annäherung der beiden erfolgt erst zögerlich, dann aber um so heftiger. Sie ziehen zusammen, erst zu dritt mit einer Freundin Gudruns. Dann entsteht aber schnell, eine fast symbiotische Beziehung zwischen Bernward und Gudrun. Beide versuchen sich aber auch unabhängig von einander zu verwirklichen, eine ständiger Kampf um Anerkennung und Abgrenzung zu den Eltern beginnt. Vesper geht fremd und Ensslin verletzt sich aus enttäuschter Liebe selbst. Sie geht eine kurze Beziehung zu Klaus Roehler ein, der ihr bei ihrer Dissertation über Hans Henny Jahnn helfen soll. Schließlich mündet der Kampf doch in den bürgerlichen Akt der Verlobung. Es folgen Verbindungen zur SPD-nahen Gruppe 47, die aber nicht ihrem Streben nach radikaleren Forderungen entsprechen. Veiel spult den Film wie ein Biopic ab. Es werden dokumentarische Szenen aus Nachrichten und alten schwarz-weiß-Dokumentationen eingespielt, um den zeitgeschichtlichen Bezug herzustellen. Von den ersten Atombombenversuchen in den USA, über den Beginn der großen Koalition von CDU mit Kiesinger und derSPD, dem obligatorischen Schahbesuch mit den Prügelszenen in Berlin, bis zum Kaufhausbrandprozess in Frankfurt geht die Kette direkt zur Begegnung mit Andreas Baader. Alexander Fehling spielt ihn als zwischen androgynem Wesen und dem üblichen Revolutionsposer. Seine Fotzenrhetorik hat Veiel aber bewusst vermieden, Gudrun Ensslin darf auch mal zurückschlagen und so ist sein Film im Gegensatz zum Bader-Meinhoff-Komplex auch nicht so reißerisch inszeniert. Es geht Veiel eher um ein Psychogramm dieser Zeit.
Gudrun Ensslin ist eine Figur, die aus Ablehnung gegen den Opportunismus der Vätergeneration heraus, zu der Einsicht gelangt, das man etwas tun muss. Eine Entdeckung ist dabei die junge Lena Lauzemis, die Gudrun Ensslins große Emotionalität und ihre emanzipierte Entschlossenheit wirklich anschaulich rüberbringen kann. Ensslin ist Vesper in jedem Moment geistig und in ihrer Entschlossenheit überlegen. Er kann ihr nicht mehr Paroli bieten. Aus der Erkenntnis, dass die Bundesrepublik mit ihrer angeblich freiheitlichen demokratischen Grundordnung die Geschichte des Nationalsozialismus nicht wirklich aufarbeitet und das im Bewusstsein der Menschen nicht ankommt, stellt sie sich gegen ihre bürgerliche Familie und radikalisiert sich, um den Massen ein Beispiel zu geben. Man muss das in gewisser Weise auch psychologisch sehen. Der Druck für intellektuelle Leute wie Ensslin, Meinhoff und auch Vesper war so groß, das es nur zwei Möglichkeiten für sie gab, entweder zerbrechen wie Vesper oder, oder der Weg in den Terror der RAF, der andere Wahnsinn, wie ihn Baader propagierte. Ein dazwischen gibt es für sie nicht, entweder dafür sein oder dagegen. Das ist auch der Widerspruch, der sich für viele nicht lösen ließ. Radikale Forderungen lassen sich in einer Demokratie nicht so schnell umsetzten. Eine im Knast eingefügte Szene zeigt Ensslin im Gespräch mit der Anstaltsleiterin, die an ihr Gewissen appelliert, mit dem Verweis auf kleine Schritte der Veränderung, um sie vom bewaffneten Kampf abzubringen. Dennoch steigen die Protagonisten der RAF aus und bilden eine in ihren Strukturen klar hierarchisch und diktatorisch durchorganisierte Organisation. Sie sind damit aber wieder im System der Väter angekommen. Diesen Weg will Veiel mit seinem Film beschreiben, leider pathologisiert er damit auch die gesamte 68er-Bewegung. Die Geschichte hat keine passende Lösung parat, es bleibt ein ewiges Suchen nach der Wahrheit. Hier bietet der Film auch keinen Antworten.

„Die Hoffnung ist wie ein wildes Tier“ – aus dem Briefwechsel von Heinrich Böll mit Ernst-Adolf Kunz 1945-1953

alle Preisträger auf einen Blick