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Tschick – Fatih Akin hat den Jugendbuch-Bestseller von Wolfgang Herrndorf verfilmt

Mittwoch, September 28th, 2016

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tschick_filmposterDer 2010 erschienene und mittlerweile in 24 Sprachen übersetzte Jugendroman Tschick von Wolfgang Herrndorf hat lange auf eine Verfilmung warten müssen, obwohl der 2013 verstorbene Autor die Filmrechte bereits 2011 verkauft hatte. Zur gleichen Zeit kam die erste Bühnenadaption des Dramaturgen Robert Koall am Staatsschauspiel Dresden heraus. Es sollten viele weitere folgen. Mittlerweile ist Tschick das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen. Der posthum veröffentlichte Roman Bilder deiner großen Liebe (Dresden, Potsdam, Zürich) tut es dem Vorgänger nach. Das Theater, das sich gern in der Literatur und beim Film bedient, hat hier klar die Nase vorn. Auch weil Filmfinanzierungen immer etwas länger dauern oder andere Probleme ein Projekt in die Länge ziehen können.

So auch hier. David Wnendt (Kriegerin, Feuchtgebiete, Er ist wieder da), der zuerst als Regisseur vorgesehen war, sprang ab (aus Termingründen, wie es heißt) und Fatih Akin ebenfalls schon länger am Buch interessiert, kam doch noch zum Zug. Es folgten eine Drehbuchüberarbeitung zusammen mit Hark Bohm und die Umbesetzungen der Hauptrollen. Man geriet in Zeitdruck. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für den Erfolg eines so ambitionierten Projekts. Trotz allen Widrigkeiten lässt sich das Ergebnis (seit letzter Woche in den deutschen Kinos) durchaus sehen.

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Fatih Akin hat die Geschichte der beiden 14jährigen Jungen Maik und Tschick, die in einem geklauten Lada quer durch den Süden Brandenburgs unterwegs sind, recht behutsam adaptiert. Es ist kein krachiges Road-Movie geworden, obwohl es schon mit einem großen Knall beginnt und sich dann von Station zu Station wieder zum finalen Anfang hinbewegt. Auch wird neben der leiernden Richard-Clayderman-Kassette im Auto mit dem Gefühlsreißer „Pour Adeline“ noch so manch anderer zeitgemäßer Sound von K.I.Z., den Beginners, Betasteaks oder SEEED eingespielt. Und zu „Willkommen im Dschungel“ von Bilderbuch heizt man mit Begeisterung in Schleifen durchs Maisfeld.

Ein paar Nebenstränge sind gekappt, die Vorgeschichte ist sinnvoll gestrafft, und im letzten Teil der Reise hat Fatih Akin die Story etwas umgeschrieben. Ansonsten streift der Film alle wichtigen Orte. Etwa Maiks Heim mit der dauerbetrunkenen, Tennis spielenden Mutter, die zur Entziehung auf die „Beautyfarm“ fährt und dem Immobilien-Vater, der, bevor er mit seiner jungen Assistentin auf Geschäftsreise geht, dem Sohn noch zweihundert Euro rüberschiebt, nicht ohne den Hinweis, keinen Scheiß zu bauen. Oder die Schule, in der Maik nur der „Psycho“ ist und von der schönen Tatjana nicht bemerkt wird, bis er mit Tschick, dem „Asi“ und Spätaussiedler aus Russland, und einer Beyoncé-Zeichnung mit dem Lada-Niva auf der Geburtstagsparty der Angebeteten auftaucht, nur um diese mit quietschenden Reifen wieder zu verlassen.

 

Tschick - Foto (c) Studiocanal GmbH

TschickFoto (c) Studiocanal GmbH

 

Die beiden Außenseiter werfen Smartphone und Schnapspulle über Bord und machen sich ohne Landkarte auf die Suche nach Tschicks Großvater in der Walachei. Herrndorfs Buch beschreibt hier das unbekümmerte Lebensgefühl, jung zu sein. Eine Bandbreite der Gefühle von Himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Der Trick Herrndorfs ist, dass Maik und Tschick zwar die Welt der Erwachsenen fliehen, diese aber klug beobachtend immer wieder reflektieren, was Maik als Erzähler auch im Film manchmal tut. Akin hat einiger dieser Passagen fast im Wortlaut übernommen, auch viele tolle Dialoge der Jungen, in denen ein Stichwort das nächste gibt und ganze Reflexionsketten entstehen. So wird ein Blick in den Nachthimmel unter Windrädern und ein Gespräch über den Science-Fiction-Film Starship Troopers zur kleinen Philosophiestunde über die Unendlichkeit.

Herrndorfs Roman ist eine Hommage ans Kino wie den Lesestoff ganzer Jugendgenerationen von Huckleberry Finn über den Steppenwolf bis zum Fänger im Roggen. Mit Goethe und Eichendorfs Entwicklungsromanen ist Herrndorfs Stoff verglichen worden. Superlative, die im Buch nie abheben und immer wieder schön lakonisch geerdet werden. Diesem Sprachstil müssen Fatih Akins Bilder einfach hinterherhinken. Der Film macht das mit zwei außergewöhnlichen Hauptdarstellern wett. Tristan Göbel als Maik und Anand Batbileg als Tschick, die nicht nur vom Äußeren her ihre Rollen bestens ausfüllen. Natürlich kommt auch der schräge Humor Herrndorfs nicht zur kurz. Er spiegelt sich in den zahlreichen skurrilen Nebenfiguren vom „Adel auf dem Radel“ über die Nachtisch-Quiz-Familie auf dem Land bis zu Eltern, Lehrern und Dorfpolizisten, alle hochkarätig besetzt.

Bleibt noch die wichtigste Nebenfigur. Isa von der Müllkippe (Mercedes Müller), der Herrndorf bekanntlich seinen letzten, unvollendeten Roman gewidmet hat. Sie ist das weibliche Pendant der beiden träumenden Jungs. Im Film leider etwas zu strength im Ton. Dass sie auch leisere, verletzliche Seiten hat, klingt in der kurzen Flirtszene mit dem unsicheren Maik an. Ein Charakter, der mehr Raum verdient hätte. Auch das Nilpferd mit dem Feuerlöscher oder der Rentner Horst Fricke, der vom Krieg und der Liebe erzählt, sind gestrichen. Den Fuß verletzt sich Tschick durch einen Splitter des schmalen Holzstegs, über den Maik dann erstmals selbst fahren muss. Dass Herrndorf hier immer wieder das Große im Kleinen spiegelt, schien Fatih Akin wohl etwas zu redundant. Das zieht dem guten Sound trotz geiler Mugge etwas den Stecker. Bleibt ein unterhaltsamer Road-Trip, an dessen Ende Maik gemeinsam mit seiner Mutter den Ballast der Vergangenheit in den Pool werfen kann.

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Tschick
Deutschland, 2016, 93 Minuten
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Lars Hubrich, Hark Bohm, Fatih Akin
Kamera: Rainer Klausmann
Produktion: Marco Mehlitz
Musik: Vince Pope
Schnitt: Andrew Bird
Szenenbild: Jenny Roesler
Kostüme: Anna Wübber
Maske: Kitty Kratschke
Besetzung:
Tristan Göbel: Maik Klingenberg
Anand Batbileg: Andrej „Tschick“ Tschichatschow
Mercedes Müller: Isa Schmidt
Aniya Wendel: Tatjana Cosic
Anja Schneider: Maiks Mutter
Uwe Bohm: Maiks Vater
Udo Samel: Herr Wagenbach
Claudia Geisler: Mutter Risi-Pisi-Familie
Marc Hosemann: Dorfpolizist
Alexander Scheer: Jugendrichter
Friederike Kempter: Anwältin

Infos: http://tschick-film.de/

Zuerst erschienen am 23.09.2016 auf Kultura-Extra.

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The Cut – Fatih Akins Armenier-Drama kommt nach den Filmfestspielen in Venedig jetzt auch in die deutschen Kinos.

Freitag, Oktober 17th, 2014

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the-cut_artwork_plakat-a4„Es war einmal, es war keinmal…“ beginnen alle türkischen Märchen, und auch Fatih Akin stellt diese Zeilen seinem neuen Film The Cut über den Leidensweg eines armenischen Schmieds aus der mesopotamischen Stadt Mardin voran. Das soll nicht heißen, dass dessen Geschichte etwa nur ein Märchen wäre. Akin will damit wohl eher ausdrücken, dass das Drama der im Ersten Weltkrieg vom Osmanischen Reich verfolgten und ermordeten Armenier für diese bittere Tatsache ist, wohingegen man in der Türkei auch heute noch nicht von einem Genozid sprechen will. Nach dem Scheitern eines Filmprojekts über das Leben des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink, der 2007 von einem jungen türkischen Nationalisten erschossen wurde, entschloss sich Fatih Akin, einen Film über den Völkermord an den Armeniern zu drehen.

Es ist dem in Hamburg aufgewachsene Regisseur mit türkischen Wurzeln eine Herzensangelegenheit gewesen. Das Projekt stand dann aber wohl von Anbeginn unter keinem besonders guten Stern. Schon im Vorfeld gab es Widerstand aus der Türkei. Und so wie Akin von dort wegen Verrats angefeindet wurde, ist auch die Kritik in Deutschland bisher nicht gerade zimperlich mit dem Regisseur umgegangen. The Cut lief bereits im September im Wettbewerb des Filmfestivals Venedig. Man warf Fatih Akin vor, sich mit dieser Mammutproduktion übernommen zu haben, gänzlich unpolitisch zu sein und Hollywoodkino in CinemaScope zu machen. Und das sicher nicht nur, weil er sich den aus Armenien stammenden Drehbuchautor Mardik Martin, einen ehemaligen Mitstreiter Martin Scorseses, mit an Bord geholt hatte.

The Cut - Foto: Gordon Muehle © bombero int. / Pandora Film Verleih 2014

The CutFoto: Gordon Muehle © bombero int. / Pandora Film Verleih

Noch zu Beginn, 1915 in seiner Heimatstadt Mardin, ist Nazaret Manoogian (Tahar Rahim) ein sehr religiöser Christ, dessen Namen nicht umsonst an die Geburtsstadt des Erlösers erinnert, wie sich später noch herausstellen wird. Aber schon hier in Nazarets glücklichem Familienidyll mit Frau und Töchtern beginnt sich bereits der Schatten des Kriegs über das bisher friedliche Zusammenleben von Armeniern und Türken zu legen. Es ist von Osterlämmern die Rede, und Kraniche am Himmel sind ein Zeichen für eine gemeinsame lange Reise. Wie über Nacht werden dann Minderheiten zu Fremden erklärt. Zuerst holen die türkischen Soldaten die armenischen Männer aus ihren Häusern, später wird Nazaret in der Wüste die Trecks von Frauen, Kindern und Alten vorbei ziehen sehen. Da ist er selbst mit den Männern seiner Stadt bei der Zwangsarbeit für die Bagdadbahn durch die Wüste. Man kann dies allerdings nur erahnen. Fatih Akin lässt zwar nichts aus, sein Held durchläuft alle Stationen des systematischen Völkermords an den Armeniern, der Film enthält sich aber fast durchweg jeder politischen Erklärung oder gar Stellungnahme.

Als Schlusspunkt seiner mit Gegen die Wand begonnen Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“ erzählt Fatih Akin in The Cut mittels hoch emotionalen Bilder vom Martyrium des Schmieds Nazarets, der in Folge fast seine gesamte Familie verliert, auf wundersame Weise selbst überlebt und bei einem Massaker nach einem halbherzigen Schnitt eines mit Skrupel behafteten türkischen Häftlings in seinen Hals nun stumm auf einen Leidensweg geht, der dem des gottgeprüften Hiob nahe kommt. Dieser Schnitt oder Cut durchtrennt ihm nicht nur die Stimmbänder, er ist ein nachwirkender Einschnitt in das Weltverständnis eines gottesfürchtigen Mannes, der schließlich zum Bruch seines gesamten Wertesystems führt.

The Cut - Foto: Gordon Muehle © bombero int. / Pandora Film Verleih 2014

The Cut Foto: Gordon Muehle © bombero int. / Pandora Film Verleih

Den Glauben an Gott verliert Nazaret spätestens im berüchtigten osmanischen Konzentrationslager von Raʾs al-ʿAin an der syrischen Grenze. Wie in einer Art verkehrten Pieta fleht ihn hier die Witwe seines getöteten Bruders Hrant an, sie zu erlösen. Bei dem Versuch, nach der Tat sich das tätowierte Kreuz vom Handgelenk zu kratzen, muss man unweigerlich an die Stigmata Christi denken oder an die Parallelen zum jüdischen Volk mit den eintätowierten KZ-Nummern. In Nelly Sachs Gedicht Hiob heißt es: „Und wenn diese meine Haut zerschlagen sein wird / so werde ich ohne mein Fleisch Gott schauen.“ Für Nazaret kann es diesen Gott nicht mehr geben. Oder [wieder Nelly Sachs:] „Zu den Würmern und Fischen ist deine Stimme eingegangen.“ Mit diesem Film versucht Fatih Akin den Ungehörten eine Stimme zu geben. Dass dies nicht zum Theodizeeschinken wird, verdankt der Film seiner Hauptfigur, die stoisch ihren Weg geht. Einzig von der Liebe zu seinen Töchtern angespornt weiterzuleben.

Letztendlich geht es Akin auch nicht nur um einen Helden, der stumm leidet, sondern darum, was ihm in Worten und Taten der Anderen widerfährt. Wobei diese Figuren dann immer wieder auch sehr eindimensional gezeichnet sind. Auf seiner Odyssee durch die syrische Wüste trifft Nazareth auf wohlmeinende türkische Deserteure, wird von Beduinen wieder aufgepäppelt und landet schließlich im Wagen eines hilfsbereiten arabischen Seifenmachers, versteckt in der Stadt Aleppo. Ein Anlaufpunkt und Asyl für viele weitere Überlebende. Hier bekommt der Film eine Atempause und andere freundlichere Bilder – z.B. wenn Nazaret in einem Freiluftkino sitzt und sich gebannt die ersten laufenden Bilder seines Lebens (Teufelswerk, wie eine arabische Frau versichert) ansieht. Es ist der Stummfilm The Kid mit Charly Chaplin (in der Rolle des Tramps) mit seiner Vaterliebe zu einem Waisenkind. Auch eine Hommage Akins an die Anfänge des Kinos und dessen empathische Wirkung großer Bilder.

The Cut - Foto: Gordon Muehle © bombero int. / Pandora Film Verleih 2014

The CutFoto: Gordon Muehle © bombero int. / Pandora Film Verleih

Als er nach dem Krieg erfährt, dass seine beiden Töchter noch am Leben sind, setzt Nazaret seine Reise auf der Suche nach ihnen durch syrische Huren- und libanesische Waisenhäuser, über Kuba, Florida und Minneapolis bis in den amerikanischen Westen nach North Dakota fort. Auch dort sind die Menschen leicht in Gut und Böse zu unterscheiden. Und auch Nazaret steht vor der Entscheidung, wie weit er für das Erreichen seines Ziels gehen will. Fatih Akin zeigt hier nun das schwere Schicksal eines illegalen Migranten zwischen harter Arbeit, Ausländerhass und der Schwierigkeit selbst Mensch zu bleiben.

Viel Herzblut hat Fatih Akin investiert, was man dem Film nun auch ansieht. Letztendlich sind dem Regisseur dabei wohl auch ein wenig die Distanz zum schwierigen Thema und das Vertrauen in die eigene Kunst des Erzählens abhandengekommen. Die Wucht seines früheren, direkten, ungeschliffenen Stils vertauscht er hier mit der fast erschlagenden Wucht emotionaler Bilder und Symbole. Akin will viel, vielleicht zu viel. Mit der rastlosen Zielstrebigkeit seines Helden verliert der Film irgendwann das eigentliche Ziel aus den Augen. Was Nazaret schließlich findet, ist zumindest ein spätes Glück und einen Ort für seine Trauer.

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The Cut
Deutschland, Frankreich, Polen, Türkei, Kanada, Russland und Italien 2014
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin, Mardik Martin
Kamera: Rainer Klausmann
Setdesign: Allan Starski
Kostüm: Katrin Aschendorf
Maske: Waldemar Pokromski
Schnitt: Andrew Bird
Musik: Alexander Hacke
Casting Director: Beatrice Kruger
Produzenten: Fatih Akin, Karl Baumgartner, Reinhard Brundig, Nurhan Sekerci-Porst, Flaminio Zadra
Besetzungsliste:
Nazaret Manoogian: Tahar Rahim
Krikor: Simon Abkarian
Omar: Nasreddin Makram J. Khoury
Rakel: Hindi Zahra
Hagob Nakashian: Kevork Malikyan
Mehmet: Bartu Küçükçağlayan
Arsinée und Lucinée: Zein und Dina Fakhoury
Leiterin Waisenhaus: Trine Dyrholm
Frau Nakashian: Arsinée Khanjian
Hrant: Akin Gazi
Levon: Shubham Saraf
Vahan: George Georgiou
Ani: Arévik Martirossian
Lucinée: Lara Heller
Peter Edelman: Moritz Bleibtreu

Kinostart: 16.10.2014

Infos: http://www.pandorafilm.de/filme/the-cut.html

O du Windrose der Qualen!
Von Urzeitstürmen
in immer andere Richtungen der Unwetter gerissen;
noch dein Süden heißt Einsamkeit.
Wo du stehst, ist der Nabel der Schmerzen.
(…)
Zu den Würmern und Fischen ist deine Stimme eingegangen.
Hiob, du hast alle Nachtwachen durchweint
aber einmal wird das Sternbild deines Blutes
alle aufgehenden Sonnen erbleichen lassen.
(…)
Und wenn diese meine Haut zerschlagen sein wird,
so werde ich ohne mein Fleisch Gott schauen
Hiob

(aus dem Gedicht Hiob von Nelly Sachs)

Zuerst erschienen am 16.10.2014 auf Kultura-Extra.

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