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„Du bist Gott“ und ein „Frauentag“ aus Polen – Die Religionen der Regionen Osteuropas sowie starke Frauen und ganz große Emotionen beim 22. Filmfestival in Cottbus. Ein Rückblick.

Samstag, November 17th, 2012

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Ja, renn nur nach dem Glück
Doch renne nicht zu sehr!
Denn alle rennen nach dem Glück
Das Glück rennt hinterher.

„Das Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“ von Bertolt Brecht aus der Dreigroschenoper

Eine durchaus passende filmische Umsetzung dieser Zeilen aus einem der  bekanntesten Lieder der „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill konnte man nach fünf wieder sehr ereignisreichen Tagen bei der Abschlussveranstaltung des 22. Filmfestivals am letzten Samstag in Cottbus sehen. In dem schrägen, fast zynisch anmutenden Roadmovie „Ya Tozhe Khochu“ (Me too, Ich will auch) schickt der russische Kultregisseur Aleksey Balabanow (Brat, Brat 2) eine Gruppe von philosophierenden Gaunern, Säufern und anderen Verlierern auf die Suche nach dem Glück, das sie in einer radioaktiv verseuchten Zone ewigen Winters, in deren Zentrum ein verfallener Glockenturm steht, zu finden hoffen. Mit sehr viel Sarkasmus und auch einem Schuss Selbstironie blickt Balabanow nicht nur auf den unstillbaren Hunger der kleinen Leute nach dem großen Glück, sondern stellt sich auch noch selbst in einer kleinen Nebenrolle als gescheiterten Filmregisseur und Mitglied der europäischen Filmakademie dar, dem, wie dem kleinen Gauner, der Eintritt in den Glockenturm des Glücks versagt bleibt.

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Die Wettbewerber lockte das einzig wahre Glück in Gestalt der „lieblichen“ Lubina. Verliehen wurde sie am 10.11.12 in der Cottbuser Stadthalle.

Das Leben scheint oft ungerecht. Und so säumen viele buchstäblich auf der Strecke Gebliebene den Weg der rastlosen Glückssucher, die sich trotz allem durch nichts von ihrem Vorhaben abhalten lassen. Getrieben nur von dem einen Leitsatz: „Ich will auch!“ Neben seiner schwarz-humorigen Lakonie vermittelt dieser Streifen aber auch ein bitterböses Russlandbild ohne echte Hoffnung auf Gerechtigkeit. Mit seiner auch an Jarmusch und Kaurismäki erinnernden Melancholie schließt der Film fast nahtlos an das etwas novembrig ausgefallene 21. Filmfestival vom letzten Jahr an. So war dann „Ich will auch!“ fast symptomatisch für einige der über 150 Filme aus immerhin 36 Nationen, die beim 22. Festival des osteuropäischen Films 2012 in Cottbus im Wettbewerb um die begehrten Preise an den Start gingen. Neben harter Gesellschaftskritik und klaren Botschaften zeichnete diesmal viele Filme gerade auch eine erkennbare Fokussierung auf starke Frauenfiguren und der Mut zu großen Gefühlen aus. Und so hatte es die recht ausgewogen besetzte Wettbewerbsjury nicht gerade leicht, sich diesen starken Emotionen zu entziehen, um eine objektive Entscheidung treffen zu können. Wie in Balabanows eindrucksvoller Parabel auf das wirkliche Leben, ist auch jedes Urteil in der Kunst meist höchst subjektiv und ungerecht für die, die es letztendlich vom Glück des Gewinners ausschließt.

Zwei polnische Filme dominierten den Wettbewerb.

Was natürlich nicht heißen soll, dass die Auswahl der Preisträger in diesem Jahr willkürlich erfolgte. Beeindruckt zeigte sich die Jury aber besonders von den polnischen Beiträgen im Wettbewerb. Den Spezialpreis für die beste Regie vergab sie dann an das musikalische Filmportrait über die legendäre Hip Hop Band „Paktofonica“ mit dem vielsagenden Titel „Du bist Gott“ (Jestem Bogiem). Der Regisseur Leszek Dawid, der bereits 2011 in Cottbus mit seinem Film „Ich heiße Ki“, über eine etwas exzentrische junge Frau, erfolgreich war, erzählt in schnellen Schnitten und witzigen Dialogen den schwierigen Weg der drei jungen Katowicer Magik, Rahim und Fokus von ihren ersten Sprechgesangversuchen 1998 bis zu ihrer ersten und leider auch letzten CD. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit und ist eine Hommage an den Bandleader Magik, der sich nach persönlichen Problemen und durch das tägliche Gerangel zwischen Familie, Geldverdienen und künstlerischer Selbstverwirklichung im Jahr 2000 völlig ausgebrannt das Leben nahm.

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Maria Sadowska aus Polen bei der Verleihung des Hauptpreises.

Ebenfalls nach Polen ging der Hauptpreis des Festivals, die Lubina für den besten Film, für das packende Drama um eine Frau, die von einer einfachen Verkäuferin zur Filialleiterin eines landesweit bekannten Billigdiscounters aufsteigt. In „Frauentag“ (Dzień Kobiet), dem Debütspielfilm der Sängerin, Komponistin und Musikproduzentin Maria Sadowska, zerreibt sich die alleinerziehende Halina zwischen marktwirtschaftlichen Prinzipien und dem immer schwieriger werdenden Verhältnis zu ihren früheren Kolleginnen, denen sie nun das Firmenmotto „Produktivität“ vermitteln muss. Da sie immer unsozialere Methoden umsetzen soll, gerät sie, trotz anfänglicher Freude über das etwas höhere Gehalt, schließlich in eine moralische Zwickmühle. Als nach zu vielen Überstunden eine der Kolleginnen eine Fehlgeburt erleidet, verliert Halina ihren Job und wird zudem noch gezwungen, den Vorfall zu vertuschen. Der Film zeigt den Kampf einer eigentlich sehr lebensfrohen Frau, die sich nur ihr Stück vom Glück nehmen will und schließlich gegen das unmenschliche System der Supermarktkette „Motylek“ (Schmetterling) vor Gericht zieht. Nach anfänglichen Einschüchterungsversuchen, die nicht einmal vor Drohungen und Brandstiftung halt machen, solidarisieren sich schließlich die Frauen, ermutigt durch das stete Beharren Halinas auf ihrem Recht. Der Film ist ein Zusammenschnitt von wahren Begebenheiten aus dem Leben einiger Frauen mit ähnlichem Schicksal und bezieht klar Stellung für die Rechte von Frauen in prekären Beschäftigungsverhältnissen, die es bekanntlich nicht nur in Polen gibt. Trotz des schweren Themas fehlt es dem Film nicht an nötigem Witz und Lebenskraft, was letztlich auch den Ausschlag für den Preis gegeben habe dürfte.

Retrospektive für die Regisseurin Helke Misselwitz

Besonders gefreut haben dürfte dies auch die ebenfalls geehrte Berliner Regisseurin und Professorin der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg Helke Misselwitz, die sich bei der Preisverleihung lobend über den hohen Frauenanteil im Wettbewerb gegenüber dem Festival in Cannes geäußert hatte. Zu ihrem 65. Geburtstag bedachte sie das Cottbusser Festival mit einer Retrospektive ihrer Dokumentar-, Kurz- und Spielfilme aus den 1980er und 1990er Jahren. Darunter der preisgekrönte Dokumentarfilm „Winter Adé“ (1986/88), eine Bahnfahrt von Zwickau nach Saßnitz durch eine winterliche DDR, in der ein ziemlich genaues und schonungsloses Lebensbild von sehr unterschiedlichen Frauen am Ausgang der sozialistischen Gesellschaft gezeichnet wird. Ein Wiedersehen mit der kürzlich überraschend verstorbenen Susanne Lothar gab es in dem Berliner Hinterhof-Drama „Engelchen“ von 1996. Die übersensible, verträumte Ramona (S. Lothar) begegnet endlich ihrer großen Liebe, dem polnischen Zigarettenverkäufer Andrzej (Cesary Pazura). Nur an den Wochenende können die beiden ihr Glück genießen. Nachdem Ramona schwanger wird, entschließt sich Andrzej endlich seine Frau in Polen zu verlassen. Inzwischen verliert Ramona aber ihr Kind und entführt aus Angst Andrzej zu verlieren ein fremdes Baby. Der Film ist eine gelungene, in s/w gedrehte Milieustudie der Gegend um den S-Bahnhof Ostkreuz, der ein typisches Berlinbild längst vergangener Zeiten wieder aufleben lässt. Bis in die kleinste Nebenrollen ist er mit bekannten Darstellern aus Film und Theater wie Kathrin Angerer, Sophie Rois, Ben Becker, Herbert Fritsch, Luise Wolfram, Christian Grashof, Barbara Dittus, Sven Lehmann und Ulrich Mühe glänzend besetzt. In einem Gastaufritt ist die Berliner Fotografin Helga Paris zu sehen. Ihre Fotos zu Filmen von Helke Misselwitz sind noch bis Anfang Dezember im Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus ausgestellt.

Retrospektive zum 65. Geburtstag auf dem 22. Filmfestival Cottbus. Helke Misselwitz im Interview. Veröffentlicht am 09.11.2012 von der Lausitzer Rundschau auf YouTube.

Auch russische Filme liefen erfolgreich im Wettbewerb.

Zwei starke Frauen wurden auch mit dem Preis für eine herausragende Darstellerin geehrt. Anna Mikhalkova and Yana Troyanova spielen im Film „Kokoko” der Moskauer Regisseurin Avdotya Smirnova ein sehr ungleiches Paar. Auf der Zugfahrt nach St. Petersburg begegnen sich die ernsthafte Museums-Kuratorin Lisa und Vika, eine lockere, lebenslustige Frau aus der Provinz, die in die große Stadt kommt, um erst mal ausgiebig Party zu machen. Sie werden beklaut und begründen ganz spontan eine Art Not-WG in Lisas Wohnung. Dort beginnt Vika das Leben der intellektuellen Lisa von Grund auf umzukrempeln, während sich Lisa wie eine fürsorgliche Glucke um etwas Bildung und einen Job im Kunstbetrieb für die flatterhafte Vika bemüht. Mit viel Witz erzählt Avdotya Smirnowa von den Schwierigkeiten im Zusammenleben dieser beiden so gegensätzlichen Charaktere und den schier unüberwindlichen Gräben zwischen der russischen Intelligentsia und dem einfachen Volk des modernen Russlands. Eine einfache Lösung für dieses Problem gibt es natürlich nicht, aber es macht Spaß diesen beiden tollen Schauspielerinnen bei ihren ehrlichen aber letztendlich vergeblichen Bemühungen für ein Miteinander dieser beiden Frauen zuzusehen.

Der zweite Beitrag im Wettbewerb mit russischer Beteiligung und breiter Koproduktion mit Deutschland, Lettland, Niederlande und Weißrussland beschäftigte sich mit der Aufarbeitung der Geschichte und dem Mythos des Großen heldenhaften Vaterländischen Krieges. Der Film „V Tumane“ (Im Nebel) des in Berlin lebenden Regisseurs Sergei Loznitsa spielt 1942 im besetzten Weißrussland und basiert auf einer Erzählung des weißrussischen Schriftstellers Vasil Bykau (1924 – 2003) aus dem Jahre 1988. Der Gleisarbeiter Sushenya (Vladimir Svirski) wird mit drei Kollegen wegen eines spontanen Sabotageaktes von den deutschen Besatzern verhaftet, verhört und trotz Weigerung der Kollaboration wieder freigelassen, während die anderen drei gehängt werden. Das bringt ihn in den Verdacht des Verrats, und zwei Partisanen sind ausgesandt ihn zu liquidieren. Sushenja, der bereits unter quälenden Selbstzweifel leidet und trotzdem seine Unschuld beteuert, fügt sich schließlich fast fatalistisch in seinen Tod. Während er schon sein eigenes Grab schaufelt, werden die drei von weißrussischen Hilfspolizisten überrascht. Einer der beiden Partisanen wird bei dem folgenden Schusswechsel schwer verwundet. Es beginnt ein endloser Irrweg durch den nebligen Winterwald zur Einheit der Partisanen, bei der Sushenja den Verwundeten trägt und damit versucht, seine menschliche Würde zurück zu erlangen. In Rückblenden erzählt der Film die Geschichte der beiden Partisanen als ebensolches Schicksal zwischen Heldenmut, Angst, Tod und Verrat. Es geht um die Schwierigkeit im Krieg die richtigen Entscheidungen zu treffen, am Leben und gleichzeitig menschlich zu bleiben. Wie die Entscheidung auch fallen mag, letztendlich kennt der Krieg nur Opfer. Erst die Historie lässt die menschlichen Schicksale dahinter in mythischem Nebel verschwinden. Diesen Nebel will Loznitsa mit seinem Film wieder lichten. Dafür gab es den Preis der Ökumenischen Jury. Und der Preis für einen herausragenden Darsteller ging zu Recht an Vladimir Svirski, für sein eindrucksvolles Spiel. Der Film ist bereits in den deutschen Kinos angelaufen.

Nicht nur im offiziellen Wettbewerb gab es wieder bemerkenswerte russische Filme zu sehen. Als Gast des Leipziger DOK-Filmfestivals wurde der Dokumentarfilm „Zima, Ukhodi“ (Winter, geh weg) gezeigt. Zehn junge Regisseurinnen und Regisseure um die erfahrene Dokfilmerin Marina Razbežkina filmten im St. Petersburger Winter kurz vor den letzten Präsidentschaftswahlen 2012 die russische Opposition bei Anti-Putin-Demos mit ihren willkürlichen Verhaftungen durch die Polizei sowie bei politischen Meetings und Kunst-Aktionen, u.a. das Punkgebet der Gruppe Pussy Riot. Es werden einzelne Oppositionelle und schillernde Persönlichkeiten wie der Anwalt und Blogger Alexei Nawalny, der ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow, der Politiker Boris Nemzow und der Schriftsteller und Nationalbolschewist Eduard Limonow vorgestellt und zum Teil auch interviewt. Oder man begleitet den populären Präsidentschaftskandidaten und Unternehmer Michail Prochorow bei dessen pompösen Wahlkampfauftritten. Die verschiedensten Meinungen der Straße werden ungefiltert eingefangen und verzweifelte Wahlbeobachter bei ihrer schwierigen Tätigkeit gezeigt. Das tief gespaltene Russland aus Putin-Befürwortern und Putin-Gegnern („Putin, du Dieb“) meldet sich hier zu Wort. Die Parteigänger stehen sich dabei zuweilen unversöhnlich gegenüber. Selbst in intellektuellen Kreisen kann man sich in heiß geführten Diskussionen nicht auf einen Politiker verständigen. Zu links, zu rechts, zu nationalistisch oder antisemitisch, die Grabenkämpfe gehen quer durch die Bevölkerungsschichten. Und so vermittelt der Film nicht nur den Widerstand gegen eine schleichende Entdemokratisierung Russlands, sondern auch deutlich die innere Zerstrittenheit der oppositionellen Kräfte untereinander und somit die Ausweglosigkeit aus dem System Putin. In einer Rahmenhandlung mit zwei einfachen Arbeitern aus dem Volk kommt das am besten zum Ausdruck. Man lebt im Geiste noch in der sowjetischen Vergangenheit und wählt aus Mangel an echten Alternativen eben lieber Putin.

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Buntes Treiben beim Kinder-Rahmenprogramm vor der  Cottbuser Stadthalle

Bosnische, serbische und kroatische Filme beschäftigten sich mit dem Erbe des Krieges auf dem Balkan.

Außer Polen und Russland war natürlich auch wieder die Balkanregion mit drei Beiträgen stark im offiziellen Wettbewerb vertreten. Die Länder des ehemaligen Jugoslawien setzen sich dabei ähnlich wie russische Filme mit dem 2. Weltkrieg immer wieder mit den Kriegen um den Zerfall des ehemals sozialistischen Balkanstaates in den 90er Jahren auseinander. Der serbische Film „Ustanička ulica“ (Straße der Erlösung) zeigt den Konflikt einmal aus Sicht der Täter. Dušan, ein junger Ermittler am Belgrader Gerichtshof zur Aufklärung von Kriegsverbrechen, wird auf eine ehemalige paramilitärische Einheit angesetzt und findet tatsächlich den letzten Überlebenden der Gruppe, die zur Zeit der Kriege in Kroatien, Bosnien Herzegowina und dem Kosovo etliche Kriegsverbrechen begangen hat. Beide geraten nun zwischen die Fronten ehemaliger serbischer Nationalisten und einflussreicher Kreise im Geheimdienst, die eine Aufklärung mit allen Mitteln verhindern wollen. Regisseur Miroslav Terzić hat einen spannenden, routinierten Thriller gedreht und mit Gordan Kičić als Produzent und Hauptdarsteller einen der populärsten serbischen Schauspieler für sein Spielfilmdebüt gewinnen können. Was den Erfolg des Films in Serbien und den anderen Balkanstaaten garantieren dürfte. Der Film erhielt dann auch den Preis für den besten Debütfilm von der Cottbuser Studentenjury.

Weniger reißerisch ist der zweite Film der bosnischen Regisseurin Aida Begić „Dejeca“ (Kinder von Sarajevo). Fast dokumentarisch verfolgt er den Alltag einer jungen Frau, die als Kriegswaise mit ihrem jüngeren Bruder Nedim in Sarajevo aufgewachsen ist und sich nun um den schwierigen 14-jährigen kümmern muss. Rahima trägt ein Kopftuch. Ihr Bruder wird dafür in der Schule gehänselt, was zu ständigen Prügeleien mit dem Sohn eines hochrangiger Politikers führt. Über die Motive Rahimas erfährt man wenig. Sie stößt nur ständig auf unverhohlene Ablehnung seitens der Lehrer, dem Jugendamt und der Polizei, die der Politiker auf sie angesetzt hat, da Nedim seinem Sohn das Handy zerstört hat. Während Rahima kurz vor Silvester immer wieder durch das nächtliche Sarajevo zu ihrer Arbeit in der Küche eines Nachtclubs läuft, explodieren Böller und werden wie in Rückblenden Originalaufnahmen vom vergangenen Bosnienkrieg eingespielt. Eine raue, feindliche Wirklichkeit, in der Rahima und ihr Bruder versuchen ihren Platz im Leben zu finden. Dieser Einsatz sparsamster filmischer  Mittel konnte allerdings niemanden in der Jury beeindrucken.

Auf ganz große Emotionen zielte dagegen der kroatische Regisseur Arsen Anton Ostojić mit seinem Drama „Halimin Put“ (Halimas Weg). Sein in Koproduktion mit Bosnien und Herzegowina gedrehter Film verbindet die Trauer einer bosnischen Mutter mit der Wucht einer griechischen Tragödie. Die Geschichte beginnt in den 70er Jahren in Bosnien. Die Muslima Halima kann keine Kinder bekommen. Sie adoptiert ein ungewolltes Kind ihrer Nichte Safija, die sich wegen einer Liebesbeziehung mit einem jungen Serben mit ihrem Vater überworfen hat und das Dorf mit ihrem Geliebten verlässt. 17 Jahre später werden Halimas Mann Salko und ihr Adoptivsohn Mirza von serbischen Paramilitärs verschleppt. Nach dem Bosnienkrieg können die sterblichen Überreste Salkos aber nicht die von Mirza identifiziert werden. Halima entschließt sich schweren Herzens die leibliche Mutter in Serbien aufzusuchen, um sie um eine Blutprobe zu bitten. Ihre Beharrlichkeit und der Mut sich der Vergangenheit zu stellen, vermögen schließlich ihre zerstrittene Familie wieder zusammenzuführen. Allerdings muss Halima dabei eine tragische Wahrheit entdecken, die den leiblichen Vater Mirzas betrifft. Sie erkennt in ihm auf einem Foto bei Safija einen der serbischen Milizionäre von damals wieder. Ein Zeichen dafür, dass sich die Gräuel des Krieges über alle religiösen Grenzen quer durch die Familien ziehen. Während Halima nun auch ihren Adoptivsohn begraben und ihren inneren Frieden wiederfinden kann, gibt es für den Täter im Angesicht seiner Schuld keine Erlösung. „Halimas Weg“ durchzieht eine tiefe Melancholie und der sehnsuchtsvolle „Atem der Liebe“ (bosnisch Sevdah). Diese grenzenlose Liebe und tiefe Menschlichkeit Halimas berührten die Cottbuser Zuschauer und Jury gleichermaßen, so dass der Film den Publikumspreis und eine lobende Erwähnung im Wettbewerb erhielt.

„Solange der Mensch sucht, ist er nicht glücklich.“  Augustinus aus „De beata vita“ (Vom glücklichen Leben)

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Der frisch sanierte Weltspiegel. Seit zwei Jahren wieder feste Adresse beim Cottbuser Filmfestival.

Das Osteuropa der Religionen stand diesmal in Cottbus im Fokus.

„Halimas Weg“ hätte vom Thema her auch sehr gut in den diesjährigen Fokus des Festivals gepasst. Dort wurde nämlich in 16 Spiel- und Dokumentarfilmen das „Osteuropa der Religionen“ präsentiert. Neben dem Balkan war in Cottbus natürlich auch wieder das tief katholische Polen stark vertreten. Krieg, Identitätskrisen, kritische bis ironische Reflektionen und das alltägliche religiöse Leben oder auch die tiefe Spiritualität und innere Einkehr im Kloster bestimmten dabei die Themen. In einer Doppelaufführung konnte man zwei sehr unterschiedliche aber inhaltlich fesselnde Dokumentationen sehen. In dem Film „Ka Tev Klajas, Rudolf Ming?“ (Wie geht’s, Rudolf Ming?) von Roberts Rubin aus Lettland begleitet die Kamera den Jungen Rudolf, der ein bizarres Hobby pflegt. Er zeichnet akribisch kleine blutrünstige Horror-Filmchen auf Transparentpapierstreifen und zeigt diese mit selbsterfunden Dialogen im Familienkreis. Der Dorfpfarrer versucht den Jungen für ein Projekt in der Kirche zu begeistern, bei dem Rudolf Filme zur Bibel zeichnen soll. Doch auch die alttestamentarische Geschichte des israelitischen Helden Samson ist voll von blutiger Gewalt. Der Film porträtiert unkommentiert den Alltag eines phantasiebegabten Jungen auf dem Land zwischen Familie, Kirche und persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten.

Ungewöhnlich ist auch die Wandlung von Pawel in dem polnischen Dokumentarfilm „Księżyc to Żyd“ (Der Mond ist jüdisch) von Michała Tkaczyńskiego. Durch eine Zufall erfährt der Legia-Warschau-Fan und ehemalige Hooligan, dass seine Familie jüdischen Ursprungs ist. Erst völlig aus der Bahn geworfen, beginnt Pawel sich schließlich für das jüdische Leben und die orthodoxen Riten zu interessieren und findet so zu einen neuen spirituellen Mittelpunkt. Konflikt bleibt für ihn aber weiterhin, die Liebe zum Fußball mit den Gesetzen des Sabbat in Einklang zu bringen. In religiös philosophischen Gesprächen mit seinem Rabbiner und vor der Kamera reflektiert Pawel sein früheres Leben und seinen Hass. Pawel ist ein Mensch auf der Suche, der von einer extremen Art zu leben zu einer anderen gewechselt und in dieser Art Religion auszuüben einen neuen Halt gefunden hat. Der Film zeigt die Schwierigkeiten jüdischen Lebens in Polen und spart dabei auch nicht die Meinungsverschiedenheiten Pawels mit seiner katholischen Mutter oder mit seiner Tochter zu Fragen freizügiger Bekleidung aus. Ein ähnliches Thema behandelt der Spielfilm „Moja Australia“ (Mein Australien) des polnisch-israelischen Regisseurs Ami Dozd. Im Polen der 1960er Jahre verprügeln die Brüder Tadek und Andrzej jüdische Schüler, bis sie erfahren, dass ihre Mutter selber Jüdin ist und mit ihnen nach Israel auswandern will. Der jüngere Tadek wird bis zur Überfahrt in dem Glauben gelassen es ginge nach Australien, bis er sich plötzlich im Kibbuz wiederfindet. Es beginnt ein innerer Kampf der Jungen zwischen tradierten Vorurteilen und langsamer Annäherung an neue Freunde und eine fremdes Land. Während bei Andrzej die Ablehnung zunächst steigt, versucht sich Tadek den neuen Gegebenheiten anzupassen, was bis zum eigenen Wunsch zur Beschneidung führt. Der Regisseur reflektiert in seinem durchaus witzig inszenierten Film eigene Erlebnisse seiner Emigration nach Israel.

Der vielleicht verstörendste Film zum Thema Religion war mit Sicherheit der rumänische Beitrag „După dealuri” (Jenseits der Hügel) von Regisseur Cristian Mungiu, der mit seinem Abtreibungsdrama „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ 2007 die Goldene Palme in Cannes erhielt. In seinem neuen Film geht es wieder um die Freundschaft zwischen zwei jungen Frauen. Alina und Voichita kennen sich aus dem Waisenhaus und haben sich dort einst als Kinder ewige Liebe geschworen. Nun kehrt Alina aus Deutschland zurück, um das Versprechen bei Voichita einzufordern. Diese lebt mittlerweile als Nonne in einem orthodoxen Kloster, fühlt sich aber immer noch für die Freundin verantwortlich und will ihr auch anfänglich nach Deutschland folgen. Unter dem Einfluss der Oberschwester des Ordens und dem Priester des Klosters, die sie als Waise wie Mutter und Vater verehrt, gerät Alina aber in einen großen Gewissenskonflikt. Voichita, die sich in Deutschland einsam fühlt und mit Alina zusammen leben will, fühlt sich mehr und mehr verraten und beginnt aggressiv zu reagieren, da sie auch die Abneigung der anderen Nonnen verspürt. Der Priester, der die Ruhe des Klosters gestört sieht, weiß sich nicht anders zu helfen, als an Voichita einen Exorzismus zu vollziehen. Und Alina muss sich entscheiden. Der Film zeigt ein tristes Rumänien ohne Perspektive, mit Menschen, die sich nach Geborgenheit und einem Lebenssinn sehnen. Mungiu lässt religiöse Tradition und europäische Moderne ungebremst aufeinander prallen, hält sich aber mit einem deutlichen Urteil weitestgehend zurück und lässt die Bilder für sich sprechen. Für ihr Spiel erhielten Cosmina Stratan als Voichita und Cristina Flutur als Alina bereits in Cannes den Darstellerinnenpreis.

Das mit fast 19.500 Zuschauern wieder bestens besuchte Filmfestival in Cottbus geht 2013 vom 5. bis 10. November in seine 23. Runde. Im Fokus werden dann laut Festivalchef Roland Rust die Minderheiten Osteuropas wie etwa die Sinti und Roma stehen.

„Das Glück ist ein Schmetterling. Jag ihm nach, und er entwischt dir. Setz dich hin, und er lässt sich auf deiner Schulter nieder.“ Anthony de Mello (1931 – 1987), indischer spiritueller Lehrer, aus: „Eine Minute Unsinn“

Übersicht der Preisträger des 22. Filmfestivals in Cottbus

Preisverleihung des 22. Festivals des Osteuropäischen Films am 10.11.2012 in der Stadthalle Cottbus. Veröffentlicht am 11.11.2012 von der Lausitzer Rundschau auf YouTube.

Fotos: St. B.

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