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Das 24. Festival des osteuropäischen Films beging zwei Jahrestage, zeigte Filme aus der Ukraine und feierte einen Totgesagten. (Festivalbericht Teil 3)

Donnerstag, November 13th, 2014

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Wenn zu Heimat- und Glücksgefühlen der Wunsch nach unbedingter menschlicher Freiheit kommt, ist man bei einem Filmfestival schnell bei politischen Themen und historischen Ereignissen. So auch beim 24. Festivals des osteuropäischen Films in Cottbus, denn nicht nur der Beginn des Ersten Weltkriegs jährte sich zum 100. Mal, in Polen beging man Anfang August den 70. Jahrestag des Warschauer Aufstands, und (für die Deutschen natürlich fast noch wichtiger) der Fall der Berliner Mauer ereignete sich vor ziemlich genau 25 Jahren, was gerade am diesjährigen Film-Festival-Wochenende auch allerorten gefeiert wurde.

Stadthalle Cottbus_(c) Stefan Bock

Das 24. Festival des osteuropäischen Films in der Stadthalle Cottbus – Foto: St. B.

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In der Sektion „Heimat / Domownja“ zeigte das Festival einen Beitrag aus der vom RBB in Koproduktion mit Credo-Film und der Berliner Zeitung in Auftrag gegebenen Dokumentation Die Ostdeutschen – 25 Wege in ein neues Land. Ein Regiekollektiv unter Lutz Pehnert portraitiert in einem 5-teiligen Projekt ausgewählte Menschen, die ihre Wurzeln in der ehemaligen DDR haben, und befragt sie über ihre Lebenswege seit 1989. Zur Premiere kam in Cottbus ein 90minütiger Zusammenschnitt von sechs Portraits aus dem heutigen Bundesland Brandenburg.

In Die Kommunistin erzählt die 87-jährige ehemalige Lehrerin und Kunstwissenschaftlerin Ingrid Beyer aus ihrem ereignisreichen Leben. Sie räsoniert sehr reflektiert ihre ehemaligen Ideale wie Illusionen und was davon geblieben ist. Das Portrait zeigt eine wache, lebenslustige Frau, die sich immer noch sozial engagiert, einmischt und keineswegs resigniert hat. Die alleinerziehende Bibliotheksangestellte Anne-Katrin Scharlach hat wegen der fehlenden Arbeit ihre Geburtsstadt Weißwasser verlassen und ist mit ihrem Sohn nach Minden gezogen. Doch auch nach über zehn Jahren fühlt sie sich immer noch heimatlos im Westen und sehnt sich nach ihrer alten Heimat. Nachdem ihr Sohn erwachsen ist und eigene Wege einschlägt, will sie nun zurückkehren. Und so wird sie wieder zur Bewerberin.

Die Ostdeutschen - Filmstill (c) rbb

Die OstdeutschenFilmstill (c) rbb

Und schließlich erinnert sich ein Journalist noch anekdotisch in einem sehr witzig animierten Film an die recht kuriose Beschaffung zweier Schlauchboote für die Musiker des italienischen Sängers Angelo Branduardi. Und nicht nur dessen beliebtes „Alla fiera dell’est“ erklingt, die Portraits umspielt ein Best Of des ostdeutschen Liedguts von Renfts „Irgendwann werd` ich mal etwas ganz Großes tun“ über Gerhard Gundermanns kämpferische Version von „Old Dixie Down“ bis zu Hans-Eckardt Wenzels melancholischem „Herbstlied“.

Ob die Ringer im Traditionsverein Luckenwalde im Sport ihre Werte wie Disziplin hochhalten, eine Gruppe von Rappern und engagierten Sozialarbeitern aus Eisenhüttenstadt in ihren Texten die schrumpfende Heimatstadt besingen und in ihrer Jugendarbeit neue Perspektiven aufzeigen oder der Cottbuser Airbrush-Künstler Ingo Kühn über wichtige Freundschaften sowie den Glauben an sich und sein Werk spricht – was sie alle antreibt, ist nicht einfach Ostalgie, sondern die Liebe zur Heimat und der Stolz auf das, was sie selbst geschaffen haben. Wichtig ist ihnen dabei vor allem auch Träume zu haben, wie etwa Kühns Wunsch, einmal ein Werk von sich im Museum zu sehen. Zur Dokumentation ist auch eine 3er DVD-Box des RBB und ein Buch im Ch. Links Verlag erschienen.

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Der Film Warschau 44 ist der polnische Beitrag im Wettbewerb für das Gedenken an den Aufstand der Polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa) gegen die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. Er dauerte 63 Tage, wurde von brutalen Wehrmachtsspezial- und SS-Einheiten blutig niedergeschlagen, was über 200.000 Warschauern vor allem aus der Zivilbevölkerung das Leben kostete. In der polnischen Hauptstadt blieb dabei kaum ein Stein auf dem anderen. Ein nationales Trauma der Polen bis heute. Der 33jährige Regisseur Jan Komasa, nicht von ungefähr auch der Tarantino Polens genannt, macht daraus eine Mischung aus Hollywood-Weltkriegs-Blockbuster und Liebesromanze mit jeder Menge Spezial- und Kameraeffekten, einschließlich Bildern, die wie aus einem Computergame generiert erscheinen. Die Emotionen kochen hoch, wenn die Panzer rollen, den Protagonisten jede Menge Kugel um die Ohren fliegen und es blutige Leichenteile regnet.

Warschau 44 beim 24. FilmFestival Cottbus | (C) FilmFestival Cottbus

Warschau 44 beim 24. FilmFestival Cottbus
(c) FilmFestival Cottbus

Der Film handelt dabei nicht nur von den tapferen Kämpfen der AK-Angehörigen und den deutschen Massakern an der Warschauer Zivilbevölkerung. Im Zentrum steht eine Gruppe befreundeter Jugendlicher, die sich, eben noch liebend und scherzend, nun idealistisch hoch motiviert angesichts der Unterdrückung und Demütigung der polnischen Bevölkerung in der besetzten Stadt den Aufständischen anschließen. Dass es beim Kämpfen auch gleich ans Sterben geht, erfahren sie im Folgenden nun am eigenen Leib. Der junge Stefan steht zwischen den beiden ganz unterschiedlichen Mädchen Kama und Alicja. In den Wirren des Aufstands verlieren sich die drei aus den Augen und suchen sich nun quer durch die historischen Schauplätze der umkämpften Stadtbezirke, wobei der Regisseur nach eigenen Angaben weniger Augenmerk auf die eigentliche Historie gelegt hat, und lieber eine Geschichte von Liebe und Kampf junger Menschen erzählen wollte.

Dabei kommt natürlich auch der Russe nicht besonders gut weg, der bekanntlich vor den Toren Warschaus das Ende des Schlachtens abwartete. „Der Aufstand war ein riesiges Netz. So etwas wie Facebook heute. Ein Netz von herausragend organisierten jungen Leuten, die bereit für alles waren“, wurde der nicht anwesende Regisseur zitiert. Nun ja, man hat von den revolutionären Auswirkungen des Internets gehört. Die politisch und historisch kurzsichtige Naivität der Filmemacher, die eine vermeintliche neue alte Gefahr für die Demokratie aus dem Osten ausgemacht zu haben scheinen, stimmt aber auch eher nachdenklich. In jedem zweiten Satz der jungen Schauspieler nach der Premiere folgte wie zur Rechtfertigung neben dem Wort Freiheit der Hinweis auf die Ukraine.

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Und da sind wir dann auch schon beim großen Special des Festivals zum Filmland Ukraine. In 10 Dokumentar-, Kurz- und Langspielfilmen wurde das aktuelle Werk ukrainischer Filmschaffender in Zeiten des demokratischen und gesellschaftlichen Umbruchs vorgestellt. Am eindrucksvollsten war da sicher der zum großen Teil direkt auf dem Kiewer Maidan entstandene Spielfilm Es war einmal in der Ukraine, den Regisseur Igor Parfenov noch mit dokumentarischem Schwarz-Weiß-Material von den Schüssen auf die Demonstranten ergänzt hat. Erzählt werden die dramatischen Erlebnisse der von der Krim geflohenen jungen Nina. Sie wurde dort von Polizisten vergewaltigt, ihre Freundin sogar umgebracht.

Es war einmal in der Ukraine beim 24. FilmFestival Cottbus - (c) FilmFestival Cottbus

Es war einmal in der Ukraine beim 24. FilmFestival Cottbus – (c) FilmFestival Cottbus

Ins Chaos der unterschiedlichen Gruppierungen auf dem Maidan mischen sich auch die beiden Polizisten und versuchen, Gewalt provozierend, die Situation für sich zu nutze zu machen. Parfenov zeigt dann in seinem Film auch ein inhomogenes Gemisch von jungen Idealisten, alten Afghanistanveteranen und Anarchisten mit verschrobenen Gewaltvorstellungen, die nur das gemeinsame Ziel, die korrupte Regierung zu beseitigen, eint, nicht aber die Wahl der Mittel. So mündet der Film mit viel pathetischer Musik und ukrainischer Nationaldichtung schließlich in einen fast unausweichlichen Showdown.

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Ein weiteres osteuropäisches Land mit einem vom Westen eher argwöhnisch beäugtem gesellschaftlichen Wandel ist Ungarn. Nach dem Versuch der Regierung Orban, Gesellschaft und Kulturinstitutionen weitestgehend politisch gleichzuschalten, war der ungarische Film für so gut wie tot erklärt worden. Nun feierte er in Cottbus fröhliche Urständ. Eröffnet wurde das Festival mit Underdog, dem neuen Spielfilm des Regisseurs Kornél Mundruczó, auch als Regisseur seines Proton-Theater-Ensembles bekannt. Der Film gewann bereits unter dem Titel White God den Hauptpreis der Sektion Un Certain Regard in Cannes. Der Hund eines jungen Mädchens, von ihrem Vater ausgesetzt, wird zum Anführer einer großen Hunderevolte, die durch die Straßen Budapests fegt. Eine Parabel auf die Angst der weißen Europäer vor einer Meute von Underdogs, die es auf ihren Wohlstand abgesehen haben. Eine Angst, die gerade auch in Ungarn furchtbare Blüten treibt.

Parabelhaft wirkt auch der ungarische Wettbewerbsbeitrag Freier Fall (SZABADESÉS) des in Cottbus bestens bekannten Regisseurs György Pálfi (u.a. mit Hukkle 2002 mehrfach preisgekrönt). Ein kleines Low-Budget-Werk, das der Meister des Abseitigen in nur drei Monaten fertigstellte. Setzt Mundruczó bei der Finanzierung seines Films auf Koproduzenten aus Deutschland und Schweden, konnte Pálfi ganz andere Quellen anzapfen. Neben Geld aus Frankreich bekam der ungarische Regisseur ein kleines Budget vom Jeonju International Film Festival in Südkorea zur Verfügung gestellt. In der Zeit des Drehs wartete Pálfi auf weitere Finanzierungsbescheide vom ungarischen Filmfond. Ein Kampf gegen bürokratische Mühlen, die wohl nur sehr langsam malen.

Freier Fall beim 24. FilmFestival Cottbus - (c) FilmFestival Cottbus

Freier Fall beim 24. FilmFestival Cottbus
(c) FilmFestival Cottbus

In Freier Fall springt eine alte Frau, vom Geiz und der Engstirnigkeit ihres Mannes erschöpft, vom Dach eines Budapester Mietshauses. Aber sie wird nicht erlöst und kämpft sich wegen des defekten Aufzugs wieder die sieben Geschosse bis zum Dach empor. Während ihres Aufstiegs sieht der Film in kleinen Episoden hinter die Flurtüren der Nachbarwohnungen, wo sich einiges an skurrilen und schrägen Dingen ereignet. Ein alter Yoga-Guru maßregelt die Höhenflüge eines Schülers, ein Geschäftsmann stellt seine Verlobte wie eine Trophäe zur Schau und ein flotter Dreier mit Dame und zwei konkurrierenden Herren wird im Stile einer Sitcom dargestellt. Es gibt gefährlichen Safer Sex in einer fast keimfreier Wohnung, die Rückführung einer sich nicht wie gewünscht entwickelnden Leibesfrucht oder regressive Erziehungsmaßnahmen und einen Bullen zu sehen. Es entspinnt sich ein Reigen aus Albträumen und Obsessionen in allen Altersstufen, bis die alte Dame wieder zum Sprung ansetzt. Pálfi zeigt eine Gesellschaft im freien Fall. Das war der Jury zumindest einen Preis für Piroska Molnár als beste Darstellerin wert.

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Die 25. Ausgabe des FilmFestivals Cottbus findet vom 03.11. bis 08.11.2015 statt.

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24. FilmFestival Cottbus
Festival für den osteuropäischen Film
4.-9.11.2014

Infos: http://www.filmfestivalcottbus.de/de/home/

Teil 1 des Festivalberichts

Teil 2 des Festivalberichts

Zuerst erschienen am 12.11.2014 auf Kultura-Extra.

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Das 24. Festival des osteuropäischen Films in Cottbus hatte einen queeren Schwerpunkt und stellte vor allem die Probleme Jugendlicher in den Fokus. (Festivalbericht Teil 2)

Mittwoch, November 12th, 2014

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Ein wirklich bemerkenswertes Special gelang dem 24. Cottbuser FilmFestival mit dem diesjährigen Fokus QUEER EAST, bei dem insgesamt 18 Produktionen aus 10 Ländern auf dem Programm standen. Eine herausragende Manifestation des Ringens um Akzeptanz in Ländern, in denen es durchaus noch gefährlich sein kann, sich offen zu seinen nicht der allgemeinen Norm entsprechenden sexuellen Neigungen zu bekennen. Besonders junge Menschen leiden unter dem Druck sich verstecken zu müssen. Auch fehlt es oft komplett am Willen der Älteren sich mit Toleranzfragen überhaupt nur zu befassen. In den meist noch patriarchal ausgerichtete Gesellschaften ist das nahezu ein Tabu und eine öffentliche Aufklärung somit nicht möglich.

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So hat auch der 14jährige Beso im ländlichen Georgien kaum eine Vorstellung von den Wünschen und dem Leidensdruck seines schwulen Bruders. In Ich bin Beso von Regisseur Lasha Tskvitinidze kämpft er – allein gelassen von der Vätergeneration, der es nur um Ehre und Stärke geht – mit dem Erwachsenwerden und dem Erwachen der Sexualität.

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Unverständnis und Ablehnung haben auch die russischen Jugendlichen erfahren, die sich der Plattform „Deti 404“ (Kinder 404) anvertrauen. Das von der Journalistin und lesbischen Aktivistin Elena Klimova gegründete Internet-Forum bietet homosexuellen Jugendlichen die Möglichkeit sich anonym auszutauschen und Rat zu erhalten. Grund für ihre Hilflosigkeit ist das neue Gesetz, das „Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen in Anwesenheit von Minderjährigen“ unter Strafe stellt. Der russische Dokumentarfilm Children 404 von den Regisseuren Askold Kurov und Pavel Loparev stellt das Projekt und ihre Macherin vor und zeigt Ausschnitt aus den anonymen Internetbotschaften der Jugendlichen, die hier frei über ihre Probleme mit den Eltern und der homophoben Gesellschaft berichten, die sie für pervers oder satanisch erklärt. Und nicht nur deshalb ist die Selbstmordrate unter homosexuellen Jugendlichen in Russland überdurchschnittlich hoch. Sogar Psychologen und Sozialarbeiter reden den verunsicherten Jugendlichen ein, selbst an der wachsenden Homophobie schuld zu sein.

CHILDREN 404 - film still (c) FilmFestival Cottbus

CHILDREN 404film still
(c) FilmFestival Cottbus

Weiter begleitet das Filmteam den 18jährigen Pasha, der nach dem Abschluss der Schule, in der er wegen seines Outings ständigen Repressionen durch Schüler und Lehrer ausgesetzt war, nach Kanada auswandern will. Er hat keine Lust mehr sich zu verstecken und sieht daher auch keine Chance für sich in Russland. Den minderjährigen und von ihren Familien verstoßenen Jugendlichen bleibt oft nur die Straße oder ein Zufluchtsort auf dem Land. Durch das Gesetz sind Schwule und Lesben ständiger Verfolgung und Denunziation ausgesetzt, was die Dokumentation auch belegt. Trotz dass Elena Klimova ihren Job verloren hat und auch juristisch verfolgt wurde (das Verfahren gegen „Deti 404“ ist zwischenzeitlich eingestellt worden), gibt sie die Hoffnung nicht auf, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis sich in Russland alles zum Guten ändert.

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In Ungarn scheint das Thema erstaunlicherweise schon reif für einen Kino-Hit zu sein. Allerdings hat Regisseur Dénes Orosz hier zu einem Trick gegriffen. Wie im vor Kurzem gestarteten deutschen Kinofilm Coming In zeigt der schwule Radiomoderator Erik plötzlich ein unerklärbares Interesse für das weibliche Geschlecht. Allerdings bedarf es hier eines direkten Zusammenstoßes auf der Straße, um den Liebling der Budapester Schwulenszene und angehenden Vorsitzenden der Schwulen Liga umzupolen. Das soll ja tatsächlich bei einem britischen Jungen schon mal in die andere Richtung funktioniert haben. Ansonsten ist der Film eine ziemlich matte Komödie, die mit sexuellen Klischees, Vorurteilen und dem komischen Potential der Verwechslung spielt. Orosz nennt seinen Film dann auch ganz konventionell Coming out.

Coming out beim 24. FilmFestival Cottbus (C) FilmFestival Cottbus

Coming out beim 24. FilmFestival Cottbus
(C) FilmFestival Cottbus

Erik fühlt sich nun zu der taffen Motoradfahrerin und Neurologin Linda (Ursache des Zusammenstoßes) hingezogen. Kurz vor der Hochzeit mit seinem Freund Balázs in Amsterdam erfindet er sich einen Zwilling und beginnt erst zögerlich, dann aber mit voller Leidenschaft ein doppeltes Spiel. Dazu ist ihm noch eine Journalistin der reaktionären Zeitung „Die wandernde Rechte“ auf den Fersen. So läuft der Film zielsicher und vorhersehbar auf den titelgebenden Showdown zu, nach dem sich aber alles in allgemeinem Wohlwollen auflöst. Coming out ist sicher gut gemeint und wirbt auch für Verständnis und Toleranz, ist aber in dieser Konstellation für Ungarn im Moment vielleicht nicht ganz das richtige Signal. Trotzdem lockte der Film dort ein großes Publikum in die Kinos.

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Man muss in einigen Ländern Osteuropas als Jugendlicher nicht unbedingt schwul sein, um in große Schwierigkeiten zu gelangen. In mehreren Filmen des Wettbewerbs standen Jugendliche mit ihren ganz alltäglichen Problemen im Zentrum der Handlung. Wie etwa der junge spielsüchtige Lette Modris, der im gleichnamigen Spielfilm von Juris Kursietis wegen einer Diebstahlbagatelle zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt wird und infolgedessen nach vergleichsweise noch geringeren Delikten wie Schwarzfahren und Biertrinken in der Öffentlichkeit sogar im Jugendstrafvollzug landet. Im polnischen Spielfilm Hardkor Disko von Krzysztof Skonieczny gibt sich die aus begüterten Verhältnissen kommende Ola bei nächtlichen Partys Sex-, Alkohol,- und Drogenräuschen hin, während sich der gutaussehende Streuner Marcin zu einer brutalen und blutigen Rachetour gegen Olas Eltern aufmacht. Was in beiden Fällen nicht unbedingt schlüssig wirkte.

So sind die Regeln - (c) FilmFestival Cottbus

So sind die Regeln(c) FilmFestival Cottbus

Völlig aus der Bahn aber wirft ein kroatisches Elternpaar der gewaltsame Übergriff von Mitschülern auf ihren Sohn. Nachdem der im Koma liegende Junge gestorben ist, sucht der verzweifelte Vater nach Hilfe und Erklärung, trifft aber nur auf das Unverständnis unsensibler Ärzte und die langsame Bürokratie der Ermittlungsbehörden. In So sind die Regeln klagt Regisseur Ognjen Sviličić eine zunehmend verrohende und materiell orientierte Gesellschaft an, die sich an die Gewalt gewöhnt hat. Emir Hadžihafizbegović bekam für „die innere Kraft seiner unaufdringlichen Darstellung und seine feinfühlige Abbildung des Innenlebens eines Vaters“ den Preis für den besten Darsteller.

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Der aber vielleicht eindrucksvollste Spielfilm im Wettbewerb zum Thema Jugend und Schule, der russische Wettbewerbsbeitrag Corrections Class von Ivan I. Tverdovsky, überzeugte gleich drei Jurys. Für seine eindrucksvolle Studie über eine Sonderklasse an einer russischen Schule, in der psychisch wie physisch gehandicapte Schüler, um sie zu verstecken, in einen separaten Flur abgeschoben werden, erhielt der Regisseur neben dem Preis der Ökumenischen Jury und dem FIPRESCI-Preis der Filmkritiker auch den Hauptpreis für den besten Film.

Corrections Class - (c) FilmFestival Cottbus

Corrections Class(c) FilmFestival Cottbus

Die junge Lena, durch eine Muskelschwäche auf den Rollstuhl angewiesen, will unbedingt wieder zur Schule gehen. Aber es fehlt an behindertengerechten Zugängen und dem echten Willen der Verantwortlichen etwas daran zu ändern. Der Zusammenhalt der Klasse ist zunächst sehr groß, wird aber, nachdem zwischen Lena und dem Epileptiker Anton eine zarte Zuneigung aufkeimt, auf eine harte Probe gestellt. Eifersüchteleien, Vorurteile und die permanente Ausgrenzung durch die ignorante Umwelt bedingen schließlich auch in der Gruppe Gewalt und Intoleranz. Mit dem hervorragend und überzeugend spielenden Ensemble von Corrections Class hat sich zumindest ein Team aus Laien und professionellen Schauspielern gefunden, das man als ein geglücktes Projekt für eine gelungene Inklusion bezeichnen kann. Im Film muss da noch ein kleines Wunder für Hoffnung sorgen.

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Damit ging dann am Samstagabend bei der Preisverleihung in der Cottbuser Stadthalle auch ein sehr interessantes Festival mit einem insgesamt hochklassigen Wettbewerbsjahrgang zu Ende. Und die international besetzten Jurys haben bei der Verteilung der Preise diesmal auch wirklich alles richtig gemacht.

Ivan I. Tverdovsky (mitte)_Regisseur des Hauptpreisträger-Films Corrections Class mit seinem dt. Produzenten und Preistifterin GWFF-Geschäfstführerin Gerti Müller-Ernstberger _(c) Stefan Bock

Ivan I. Tverdovsky (Mitte), Regisseur des Hauptpreisträger-Films Corrections Class mit seinem deutschen Produzenten und der Preistifterin Gerti Müller-Ernstberger vom GWFF
Foto (c) St. Bock

(Fortsetzung folgt.)

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24. FilmFestival Cottbus
Festival für den osteuropäischen Film
4.-9.11.2014

Infos: http://www.filmfestivalcottbus.de/de/home/

Zuerst erschienen am 11.11.2014 auf Kultura-Extra.

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Beim 24. FilmFestival Cottbus dominierten im Wettbewerb Menschen in der Natur auf der Suche nach Heimat und Glück. (Festivalbericht Teil 1)

Montag, November 10th, 2014

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Startseitenbilder2014Die 24. Ausgabe des Festivals für den osteuropäischen Film in Cottbus hatte sich in diesem Jahr thematisch wieder Einiges vorgenommen. Vom Autorenfilm über den epischen Blockbuster bis hin zur frechen Komödie reichte das Spektrum der immerhin 169 Produktionen aus 35 Ländern. Auffallend oft bewegten sich dabei zu Beginn die Protagonisten in der freien Natur, entweder beim Verlust oder auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Der Begriff Heimat ist ja etwas, was besonders den osteuropäischen Film – nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der beginnenden Migration in den Westen – prägt. Neben den Sektionen Spektrum und globalEAST beschäftigten sich auch einige Beiträge des mit 12 Filmen bestückten Spielfilm-Wettbewerbs mit diesem Thema.

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Die Archaik der Naturgewalten, das Gedeihen und Vergehen als Allegorie für das Erwachsenwerden und Leben mit der Natur thematisiert der georgische Regisseur George Ovashvili in seinem zunächst sehr ruhigen Film Die Maisinsel [ab 16. April 2015 in den Kinos], der bereits beim Filmfestival Karlovy Vary den Hauptpreis gewinnen konnte und hier in Cottbus den Publikumspreis verliehen bekam. Ein alter Abchase nimmt hier ein Stück Niemandsland in Form einer kleinen Insel im Grenzfluss zwischen Georgien und der abtrünnigen Teilrepublik Abchasien in Besitz und macht es für den Maisanbau urbar. Seine kurz vor dem Schulabschluss stehende Enkelin begleitet ihn dabei und hilft beim Aufbau einer kleinen Hütte und den täglichen Verrichtungen wie Fischfang und Pflege der wachsenden Maisansaat. Dabei wird der Zuschauer in langen Kameraeinstellungen auch Zeuge ihres Heranreifens zur jungen Frau.

Als latente Gefahr sieht man immer wieder Patrouillenboote mit Bewaffneten vorbeifahren. Es dauert aber gute 20 Minuten, bis das erste Wort und – einige Zeit später – auch der erste Schuss in der Stille fallen und die Natur-Idylle kippen lässt. Ein georgischer Soldat rettet sich angeschossen auf die Insel und wird nun von den abchasischen Grenzern gesucht. Großvater und Enkelin pflegen den Verwundeten, wobei sich eine von gegenseitiger Neugier geprägte, zunächst wortkarg unsichere Beziehung zwischen dem jungen Mann und dem Mädchen entwickelt, die der Alte beargwöhnt. Irgendwann ist der Soldat wieder weg, und das Feld reif zur Ernte. Die Natur fordert unbarmherzig ihr Recht, das Mädchen erfährt ihren ersten Liebesschmerz, und die Insel wird in einer Unwetterflut hinweggespült. Ein eindrückliches Bild und Gleichnis des menschlichen Lebens mit den immer wiederkehrenden Jahreszeiten und Abläufen der Natur.

Die Maisinsel gewann den Publikumspreis beim 24. FilmFestival Cottbus - (C) FilmFestival Cottbus

Die Maisinsel gewann den Publikumspreis beim 24. FilmFestival Cottbus – (c) FilmFestival Cottbus

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Vollends ohne Worte kommt der russische Wettbewerbsbeitrag Test von Regisseur Alexander Kott aus. In wunderschönen Natur- und surreal anmutenden Kunstbildern erzählt der Film die Geschichte vom Menschen als Teil der Natur, von seinen Träumen und deren Zerstörung. In der Weite der kasachischen Steppe lebt ein LKW-Fahrer mit seiner Tochter. Während er vom Fliegen träumt, erlebt sie ihre erste Liebe auf dem Rücken des Pferdes eines Nachbarjungen, einem Recken in traditioneller Tracht, und einem jungen Russen, als Überbringer des Fortschritts mit Fotografie und Lichtbild. Die beiden werden sich in einer Art Hahnenkampf messen.

Der Film (für den es den Regiepreis des FilmFestivals in Cottbus gab!) gießt die Steppe in poetisch leuchtende Farben, taucht den Himmel am Abend in tiefes Rot, das durch die Haare des Mädchens leuchtet, lässt die Sonne auf- und untergehen und den Mond im Mund des Vaters verschwinden. Aber auch ein bitteres Geheimnis birgt das karge Land. Hinter einem großen Zaun liegt die verbotene Zone, das sowjetische Versuchsgelände für Atomtests. Vermummte Gestalten gehen mit Geigerzählern durch das Gehöft des Lkw-Fahrers, der seinen Glauben an den Fortschritt mit dem Leben bezahlen muss. Das Mädchen hat mit Gräsern und Blättern seine Träume in ein Poesiealbum gepresst. Den unausweichlichen Untergang der Natur malt dann eine andere, von Menschenhand gemachte Naturgewalt als leuchtenden Atompilz in den Himmel über der Steppe, bis die Druckwelle alles mit sich fortreißt.

Der Test gewann den Regiepreis beim 24. FilmFestival Cottbus - (c) FilmFestival Cottbus

Der Test gewann den Regiepreis beim 24. FilmFestival Cottbus – (c) FilmFestival Cottbus

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Nicht viele Worte aber große Bilder macht zunächst auch der slowenisch-österreichische Beitrag von Regisseur Marko Naberšnik zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs. Es sind dies zumeist die Kommandos des Hauptmanns eines österreichischen Artilleriebeobachtungspostens in den schroffen Bergen der Julischen Alpen nahe der berüchtigten Isonzofront, die er mit zwei Soldaten von oben beobachten soll. Einzige Verbindung zum Tal ist das stetig schnarrende Feldtelefon, ansonsten gibt der Berg nur das Echo von Wind, Vögeln und weit her wehendem Granatdonner wieder. Als sich doch eine Granate in die Stellung verirrt, verliert einer der beiden Gebirgsjäger sein Leben und der jüdische Hauptmann Jan Kopetzky sein rechtes Bein. Der einfache 19jährige Kärntner Handwerkersohn Jakob Lindner muss nun allein die Stellung halten und den verwundeten Hauptmann pflegen, da ein Hilfstrupp aus dem Tal wegen des Beschusses nicht nach oben kommt.

Der Film Die Wälder sind noch grün ist nach Tagebucheintragungen von österreichischen Soldaten entstanden. Auch der junge Gebirgsjäger Lindner vertraut hier seine Gefühle und Ängste einem Tagebuch an. Es sind dies Beschreibungen von Tagen des Leids, der Stille vor dem Sturm und den heimatlichen Wäldern, die noch grün sind, was dem Film seinen Namen gab. Bevor Kopetzkys stirbt, erzählt der Hauptmann dem Soldaten von seiner Kindheit und dem Pessach-Fest mit dem leeren Stuhl für den Propheten Elias, der die Ankunft des Messias verheißt. In einer alptraumhaften Sequenz steht Lindner schließlich vor einem zynischen K & K-General, der ihm als sein einziges Zuhause Österreich-Ungarn und als besten Freund allein den Tod verkündet. Das ist für Lindner der Beginn des Umdenkens, dem die Trennung von Telefon und Auftrag wie eine vollzogene Abnabelung folgt.

Die Wälder sind noch grün beim 24. FilmFestival Cottbus - (c) FilmFestival Cottbus

Die Wälder sind noch grün beim 24. FilmFestival Cottbus – (c) FilmFestival Cottbus

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Von heimatlichen Gefühlen, Kriegsleid ganz anderer Art und patriarchalen Hierarchien einer Dorfgemeinschaft erzählen Wettbewerbsfilme aus Kasachstan und dem Kosovo. Im Spielfilm Drei Fenster und ein Strick kämpft die Lehrerin Lushe, die während des Krieges mit Serbien in ihrem Dorf im Kosovo vergewaltigt wurde, verzweifelt gegen die männliche Wand aus Schweigen und Verdrängung. Jahre später erst vertraut sie sich einer Journalistin an. Als die Männer des Dorfes den Artikel lesen, fühlen sie sich in ihrer Ehre verletzt und grenzen die junge Frau systematisch aus. Sie lebt allein und muss für ihren Sohn sorgen. Die anderen Frauen des Dorfes, von denen drei weitere damals auch vergewaltigt wurden, leiden ebenfalls unter dem Druck nicht darüber reden zu können. Die Frau eines der Männer, den die drückende Ungewissheit plagt, und der sich doch nicht zum offenen Gespräch mit seiner sichtlich traumatisierten Frau durchringen kann, wird sich sogar aus Scham erhängen.

Nachdem die Tochter des patriarchal regierenden Dorfvorstehers Uka, der sich gern Präsident nennen lässt und großzügig Hilfsgelder verteilt, die Familie verlässt, versucht als einzige seine Frau die Stimme gegen ihren Mann zu erheben. Doch dieser bleibt unerbittlich gegenüber der Schande, die seiner Ansicht nach die Frauen über ihn und die Gemeinschaft gebracht haben. Regisseur Isa Qosja beschreibt hier sehr einfühlsam die Not dieser Frauen, die durch das erzwungene Verschweigen erneutes Leid erfahren müssen. Ein Schimmer der Hoffnung setzt die Rückkehr des im Krieg verschollenen Mannes von Lushe, der sich nicht von seiner Frau abwendet und ihr zuzuhören beginnt. Für den Film gab es eine lobende Erwähnung der Wettbewerbsjury.

Der DIALOG-Preis für die Verständigung zwischen den Kulturen und eine lobende Erwähnung der Wettbewerbsjury ging an Drei Fenster und ein Strick (c) FilmFestival Cottbus

Der DIALOG-Preis für die Verständigung zwischen den Kulturen und eine lobende Erwähnung der Wettbewerbsjury ging an Drei Fenster und ein Strick – (c) FilmFestival Cottbus

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Wider dörfliche Verflechtungen, Korruption und staatliche Willkür ergreift der Film des jungen kasachischen Regisseurs Adilkhan Yerzhanov Partei. Drei Geschwister kommen nach dem Tod der Mutter aus der zu teuren Stadt in ihr Dorf zurück und ziehen in das geerbte Häuschen ein. Auf das hatte bereits auch der Bruder des Dorfpolizisten Anspruch erhoben und versucht sie nun mit Gewalt und Hilfe der korrupten Polizei wieder zu vertreiben. Die Eigentümer, wie sich der in teils brutalen, dann wieder kafkaesk surrealen Bildern gedrehte Film nennt, benutzt eine klare farblich angelegte Bildsprache. Die Bilder für die Natur, für Gut und Böse, werden mit den Farben grün, gelb und rot signalisiert. Der Maler Vincent van Gogh und seine farbigen Naturlandschaften standen dem Regisseur hier Pate.

Der große Bruder muss dann sogar wieder in Gefängnis, und der jüngere wird damit zur Herausgabe von Auto und Haus genötigt. Niemand kommt den Dreien zu Hilfe. Der Lauf der beiden Brüder gegen die polizeiliche Willkür, Korruption und Gewalt spiegelt sich im verträumten Blick der an einem Hirntumor leidenden kleinen Schwester als clownesk zirzensisches Treiben der Täter. Die Kasachische Provinz erweist sich hier als postkommunistischer Albtraum, dem der sich zu kurz gekommen fühlende Bruder des Polizeichefs in einer Hasstirade gegen die neue Zeit verbalen Ausdruck verleiht. Der wie in einem Western gestaltete Showdown auf dem Polizeirevier wird dann sogar zum grotesk surrealen Totentanz des jüngeren Bruders mit seinen Verfolgern.

Die Eigentümer beim 24. FilmFestival Cottbus (c) FilmFestival Cottbus

Die Eigentümer beim 24. FilmFestival Cottbus
(c) FilmFestival Cottbus

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Keine Toten, dafür aber einiges an Durcheinander verbreitet der serbische Beitrag Die Ungehorsamen. Die einzige Regisseurin im Wettbewerb, Mina Djukisch, führt den Zuschauer auf ein verwirrendes Roadmovie durch die sommerlich ländliche Provinz mit weiten Feldern, Wiesen und Flüssen. Leni und Lazar, die schon in ihrer Kindheit ein unzertrennliches Gespann waren, treffen sich nach einigen Jahren beim Begräbnis von Lazars Vater wieder. Lazar, der in Deutschland studiert, und Leni, die sich mit einem Businesstypen eingelassen hat und aus Langeweile auch andere Beziehungen pflegt, verfallen sofort wieder einander und gehen gemeinsam auf eine ausgedehnte Fahrradtour. Sie treiben zunächst ein fast wortlosen Spiel aus übermütigen Blödeleien und mischen gemeinsam einen Wochenmarkt auf oder sprengen eine fremde Hochzeitsparty.

Ihre wahren Gefühle füreinander können sie sich aber nicht eingestehen. Immer wieder versuchen sie auch voreinander zu fliehen. Die ungeklärte, obsessive Beziehung, die erst spät auch in eine sexuelle mündet, ist in ihrer ungezügelten Provokation Protest der Jugend gegen die Angepasstheit der älteren Generation, die noch im Sozialismus aufgewachsen ist, nach der Umwälzung aber in den Normen der neuen, materialistisch und chauvinistisch geprägten Gesellschaft aufgehen. Der Sturm der Jugend, der aber noch kein wirkliches Ziel kennt, bekommt seine Entsprechung in der zerstörerischen Naturgewalt eines Tornados, der vernichtend über die Felder fegt.

(Fortsetzung folgt.)

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Infos: http://www.filmfestivalcottbus.de/de/home/

Zuerst erschienen am 09.011.2014 auf Kultura-Extra.

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