Archive for the ‘Filmfestival Cottbus 2015’ Category

25. FilmFestival Cottbus (2) – Ein Fazit des Spielfilmwettbewerbs

Donnerstag, November 12th, 2015

___

Die immer noch tiefsitzenden Wunden des schrecklichen Bürgerkriegs zwischen den Nationen des ehemaligen Jugoslawiens waren auch in diesem Jahr auf dem 25. FilmFestival Cottbus wieder Thema vieler Produktionen aus den Ländern der Balkanregion. Was sich auch im Wettbewerb Spielfilm mit Beiträgen aus Kroatien, Slowenien und Serbien niederschlug. Hierbei wurden vor allem die immerhin über 20 Jahre verdrängten Traumata der Menschen durch die Erlebnisse des Krieges aufgearbeitet.

 

Foto: St. B.

Foto: St. B.

 

So etwa in dem kroatischen Spielfilm Sauerkirschen (The Ungiven). Regisseur Branko Schmidt erzählt in ruhigen kammerspielartigen Szenen die Rückkehr eines alten Ehepaars in ihr vom Krieg zerstörtes Dorf. Der Alltag besteht aus immer wiederkehrenden Handlungen wie Wasserholen, Feuer machen und Kaffee trinken. Er fängt an das Dach der Scheune zu reparieren, sie träumt von einer neuen Kuh und einem Kirschbaum. Aber das Alltagsleben der beiden spielt sich nicht mehr richtig ein. Der Neuanfang wird durch die zunehmende Vergesslichkeit der Frau und die herrischen Reaktionen des Mannes darauf gestört. Das alte Paar ist unfähig sich neu aufeinander einzustellen und miteinander zu reden. Einzige Erinnerungen sind Fotos aus einer früheren, schöneren Zeit. Für dieses stille, überschattete Altersportrait bekam der Film den Preis der Ökumenischen Jury.

Auch der Hauptpreis des Spielfilmwettbewerbs ging an eine kroatisch-slowenisch-serbische Koproduktion. Der Film Mittagssonne (Zvizdan) des kroatischen Regisseurs Dalibor Matanić spannte in drei Episoden einen Bogen vom Beginn des kroatisch-serbischen Kriegs 1991 bis 2011 und erzählt dabei drei Liebesgeschichten zwischen einer jungen serbischen Frau und einem jungen kroatischen Mann. Dramatische Bilder des aufkommenden Hasses vor dem Krieg wechseln mit unsicheren Annäherungsversuchen nach dem Ende bei der Rückkehr in ein zerstörtes Dorf und enden mit einer traumatischen Beziehung, die an den seelischen Verletzungen, die der Krieg den Menschen zugefügt hat, zu scheitern droht. Der Regisseur hat in allen drei Episoden mit den gleichen Schauspielern gearbeitet. Für die Verkörperung der drei unterschiedlichen Frauenrollen bekam Tihana Lazović den Preis für eine herausragende Darstellerin.

 

Sauerkirschen - Foto (C) FilmFestival Cottbus

SauerkirschenFoto (C) FilmFestival Cottbus

 

Mittagssonne - Foto (C) FilmFestival Cottbus

MittagssonneFoto (C) FilmFestival Cottbus

 

Ein Preis, der sicher auch den durchweg guten Darstellerinnen in den Filmen Drei Tage im September (Mazedonien, Kosovo), Chemo (Polen), Mittwochskind (Ungarn, Deutschland) oder Das Land von Oz (Russland) gut zu Gesicht gestanden hätte. Alle diese Beiträge beschäftigen sich mit der Rolle der Frau in der osteuropäischen Gesellschaft, die sich nach der Wende nicht unbedingt immer nur zum Besten gewandelt hat. Machismen, brutale Männergewalt, der tägliche Kampf für ein selbstbestimmtes Bestreiten des Lebensunterhalts oder das Kämpfen für unbedingte Liebe und gegen eine tödliche Krankheit sind die Themen. Wirklich überzeugen konnte dabei allerdings nur Mittwochskind von der ungarischen Regisseurin Lili Horváth. Ein Film über eine junge Frau, die sich mit einem Mikrokredit ein eigenständiges Geschäft aufbauen will, um ihrem im Kinderheim lebenden Sohn eine bessere Zukunft bieten zu können. Dafür gab es den Spezialpreis für die beste Regie.

 

Das Mittwochskind - Foto (C) FilmFestival Cottbus

MittwochskindFoto (C) FilmFestival Cottbus

 

Den Darstellerpreis erhielt Karel Roden für seine Rolle als Vater in dem tschechischen Wettbewerbsbeitrag Familienfilm (Rodinný Film). Der Film bietet das traurige Bild des Zerfalls einer gutsituierten Prager Mittelstandsfamilie, die bei dem Versuch zwei einschneidende Ereignisse in ihrem Leben zu verarbeiten, auseinanderbricht. Verlorenes Vertrauen, fehlende Liebe, wohlstandsverwahrloste Kinder und ein Abenteuerurlaubstrip der Eltern in die Südsee, der im Chaos endet. Der Firnis der Zivilisation ist schnell ab. Man hat sich über die Jahre auseinandergelebt. Die Lüftung eines wohlbehüteten Geheimnisses gibt der Beziehung der Eltern den Rest. Leider verliert sich der Film des jungen Regisseurs Olmo Omerzu zunehmend in ästhetischen, symbolbeladen Bildern mit Hund Otto.

 

Fair Play - Foto (C) FilmFestival Cottbus

Fair Play – Foto (C) FilmFestival Cottbus

 

Dass der tschechische Film nach einer kleinen Durststrecke dennoch in Cottbus zurück ist, zeigt auch die tschechisch-slowakisch-deutsche Koproduktion Fair Play der Regisseurin Andrea Sedláčková. Hier geht es wie in den Beiträgen des Balkans um die Aufarbeitung der Vergangenheit, genauer gesagt um das systematische Doping junger Sportler im ehemaligen Ostblock. Die 200-Metter-Läuferin Anna will nach einem Zusammenbruch die Anabolika absetzen. Ihre Mutter, eine ehemalige Tennisspielerin, die nach der Teilnahme am Prager Frühling ihre Karriere beenden musste, sieht aber in der Teilnahme an der Olympiade 1984 in Los Angeles die Möglichkeit der Flucht für ihre Tochter und gibt ihr das Mittel als Vitamin B getarnt weiter. Ein System aus Angst, Misstrauen und Erpressung durch die Staatssicherheit, das sich bis in die Familien hinein auswirkt.

Einige Wettbewerbsfilme versuchten sich dann noch mit mehr oder weniger Erfolg am Genre Komödie. Den Publikumspreis des Filmfestivals erhielt hier der in Cottbus bestens bekannte slowenische Regisseur Jan Cvitkovič mit seinem witzigen Buddy-Movie Šiska deluxe über drei liebenswert durchgeknallte Looser, die in einem runtergekommen Plattenbauviertel von Lublijana eine Pizzeria der anderen Art eröffnen und sich bis zum Happy End mit den Unwägbarkeiten von Leben und Geschäft herumschlagen müssen. Leer ging dagegen das hochpromotetet und in Ungarn bereits mit ansehnlichem Publikumsresonanz gestartete, schwarzhumorig bunte Filmmärchen Liza, die Fuchsfee (Liza, a Rókatündér) von Regisseur Károly Ujj Mészáros aus. Eine etwas überproduzierte Story im 1970er Jahre Outfit um eine graue Maus, die sich durch das Lesen von fernöstlichen Groschenromanen in ihren Gedanken in eine dämonische Fuchsfee verwandelt. Aber selbst acht bizarre Todesfälle, japanische Schlager und ein abenteuerliches Showdown Happy End ließen die Spielfilmjury unberührt.

 

ŠIŠKA DELUXE - Foto (C) FilmFestival Cottbus

ŠIŠKA DELUXEFoto (C) FilmFestival Cottbus

 

Auch der polnische Wettbewerbsbeitrag Dämon (Demon)des kürzlich verstorbenen Regisseurs Marcin Wrona ist eine Mischung aus Genre und den Problemen einer unbewältigten Vergangenheit. Nachdem ein junger Mann mit seiner Braut in das ehemalige Haus einer jüdischen Familie zieht, fährt der Geist eines toten jüdischen Mädchens in ihn, was in einer polnischen Hochzeitsgesellschaft alte Ressentiments und Feindseligkeiten zu Tage fördert. Zunehmender Alkoholkonsum und der andauernder Regen lassen die vergessenen Toten aus dem Matsch wieder auferstehen. Regisseur Wrona bringt die alte Legende des jüdischen Totengeist Dibbuk aus einem alten polnischen Theaterstück in die moderne polnische Gesellschaft.

Zumindest ruhige, poetische Bilder von unberührter Natur im Einklang mit dem Menschen gab es noch im Film des kirgisischen Regisseurs Mirlan AbdykalykovNomaden des Himmels (Nomads of Heaven). Ein weiterer gelungener Beitrag über die voranschreitende Zerstörung der Landschaft, Traditionen und Familienbande in der postsowjetischen Zeit.

***

FFC2015_celebrate_HAlle Preisträger des Festivals auf einen Blick.

25FilmFestival Cottbus
Festival des osteuropäischen Films
3. bis 8.11.2015

Infos: http://www.filmfestivalcottbus.de

Zuerst erschienen am 08.11.2015 auf Kultura-Extra.

———-

Logbook_Serbistan und Back Home – Zwei politische Dokumentarfilme auf dem 25. FilmFestival Cottbus (1)

Dienstag, November 10th, 2015

___

Seit seinem Start 1991 als von ortsansässigen Filmclubenthusiasten organisierte osteuropäische Filmschau hat sich das FilmFestival Cottbus kontinuierlich weiterentwickelt und bietet im 25. Jahr mit einem Programm von über 200 Produktionen aus mehr als 40 teilweise miteinander kooperierenden Ländern einen mittlerweile recht guten Überblick über das Filmschaffen in Ost- und Südosteuropa. Dazu vergeben durchweg prominent besetzte Festival-Jurys Preisgelder im Gesamtwert von immerhin fast 80.000 Euro. Neben dem jährlichen Spielfilmwettbewerb mit 12 Produktionen von 14 verschiedenen Kooperationsländern aus der unmittelbaren Nachbarschaft Deutschlands, den Ländern des Balkans über Russland bis ins ferne Kirgisistan bot das Festival auch eine Filmreihe zum Thema „Islam in Osteuropa“ und setzte den speziellen Fokus auf das „Osteuropa der Städte“.

 

Foto: St. B.

Foto: St. B.

 

Wie immer setzen sich dabei die FilmemacherInnen aus dem ehemaligen Ostblock auch mit der aktuellen Lage und Entwicklungsproblemen in ihren Ländern sowie geopolitischen Themen wie der europäischen Flüchtlingskrise auseinander. So hat sich das Cottbuser Festival in diesem Jahr verstärkt dem Dokumentarfilm geöffnet, der sehr viel schneller auf aktuelle Probleme reagieren kann als langwierig entwickelte und finanzierte Spielfilmproduktionen. Beispiel dafür ist der Dokumentarfilm Logbook_Serbistan (Destination_Serbistan) des serbischen Regisseurs und Chefs der diesjährigen Spielfilmjury Želimir Žilnik, der in einer Spezialaufführung gezeigt wurde. Er ist 2013 noch vor Beginn des aktuellen Stroms mit einem kleinen Filmteam auf der sogenannten Balkanroute Flüchtlingen aus Afrika und Syrien gefolgt und hat dabei ein eindrucksvolles filmisches Portrait dieser sehr unterschiedlichen Menschen erstellt. Ohne eingreifende Kommentare beobachtet der Film die Flüchtlinge auf ihrem langen Weg, nimmt ihre Gespräche auf, die sich um Ängste und Hoffnungen drehen sowie die Situation in ihren Ländern reflektieren und die Ziele ihrer Flucht beschreiben.

Es ist dabei aber auch ein sehr interessanter Beitrag zur europäischen Willkommenskultur entstanden. Žilnik hat entgegen anders lautenden Berichten aus den Medien ein über weite Strecken freundliches Bild seiner Landsleute zeichnen können. Am Beispiel zweier afrikanischer Flüchtlinge aus Ghana und einer Familie aus Somalia zeigt er, wie die Bewohner besonders in den ärmlicheren, ländlichen Regionen den Flüchtlingen auf ihrem Weg zur ungarischen Grenze immer wieder aufgeschlossen und hilfsbereit entgegenkommen. Der Regisseur drehte entlang der Reiseroute der Flüchtlinge in Aufnahmelagern oder bei Bauern der Umgebung, zeigt hilfreiche Taxifahrer, Dolmetscher und Lagermitarbeiter bei ihrer schwierigen Arbeit und ist zusammen mit den Flüchtlingen sogar auf einem serbischen Volksfest gewesen.

 

Logbook_Serbistan (Destination_Serbistan) - (C) FilmFestival Cottbus

Logbook_Serbistan (Destination_Serbistan)
(C) FilmFestival Cottbus

 

Žilnik begründet das Handeln der Serben auch mit ihrer Geschichte, die ganz ähnlich der syrischen mit Bürgerkrieg und Flucht während des Zerfalls Jugoslawiens zusammenhängt. Er geht dabei sogar bis in die Zeit der ersten Gastarbeiter in den 1960er und 70er Jahren zurück. Auch heute arbeiten noch sehr viele Serben in Westeuropa und unterstützen damit ihre Familien daheim. Sicher hat sich die momentane Situation auf der Flüchtlingsroute von Syrien über die Türkei, Mazedonien und Serbien weiter verschärft. Aber als Beispiel, dass ein Volk sich auch mit dem Schicksal der Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge identifizieren kann, und ihnen nicht nur wie in den Zielländern Westeuropas größtenteils ablehnend gegenübersteht, ist der Film letztendlich auch eine schöne europäische Utopie.

**

Eine weitere aktuelle Krisenregion am östlichen Rand Europas zeigt die russische Regisseurin Inna Denisova in ihrem Dokumentarfilm Heimkehr (Back Home), der im Fokus zu sehen war. Die 1977 in Simferopol (Krim) geborene Regisseurin beschreibt darin ihre kurzzeitige Rückkehr an die Orte ihrer Kindheit nach dem völkerrechtlich umstrittenen Anschluss der Krim an Russland. Dabei geht es ihr nicht vorrangig um eine antirussische oder proukrainische Position, sondern darum, das Leben der Menschen auf der Krim nach der in ihren Augen unrechtmäßigen Annexion Russlands im April 2014 zu dokumentieren. Sie trifft dabei auf alte Freundinnen, mit denen sie Erinnerungen an die Kindheit in der Sowjetunion austauscht, aber auch deren Ansichten zur heutigen Situation wiedergibt, über die die Frauen weitestgehend zerstritten sind, oder sich nicht direkt äußern wollen.

 

Heimkehr (Back Home) - (C) FilmFestival Cottbus

Heimkehr (Back Home) – (C) FilmFestival Cottbus

 

Inna Denisova beschreibt auch die vorwiegend positive Haltung der meisten Bewohner der Krim, die jetzt zu Russland zu gehören. Für die meisten Russen ist die Krim eben traditionell russisch, was sie vor allem mit der Geschichte der Angliederung durch Katharina die Große begründen. Immerhin auch eine Geschichte russischer Kolonisation. In Interviews kommen aber auch Bedenken zur momentanen finanziellen Situation der Menschen zum Ausdruck, die in den Urlaubsorten wie Jalta unter dem Wegbleiben der Touristen aus der Ukraine leiden. Die erste Euphorie nach dem Anschluss scheint zum Teil verflogen. Die Regisseurin trifft sich auch mit Künstlern und politischen Aktivisten, die die Annahme der russischen Staatsbürgerschaft ablehnen und sich nun staatlichen Repressionen ausgesetzt sehen. Der Film begleitet die Ausreise des ukrainischen Theatermachers Nikolay Lapunov, der 15 Jahre auf der Krim lebte und in dieser Zeit gut mit heute prorussischen Kollegen zusammengearbeitet hat. Deren Haltung gegenüber Lapunow oder auch den Krimtataren hat sich aber so weit verschärft, dass es ihm unmöglich geworden ist, weiter mit den Russen auf der Krim Theater zu machen.

Die Leiterin einer kleinen unabhängigen Galerie und eine ukrainische Bürgerrechtlerin beschreiben ebenfalls die zunehmend nationalistische Stimmung. In großen und von Russland subventionierten Shows stellen die Mitglieder der Rockergruppe Nachtwölfe einseitig Ereignisse der russischen Geschichte vom Großen Vaterländischen Krieg bis zu den Kämpfen auf dem Kiewer Maidan nach. Die Galerie in Simferopol ist mittlerweile geschlossen, und die beiden Frauen sind ebenfalls ausgereist. Was die Regisseurin vor allem kritisiert, ist die Haltung der Russen, die keine gegensätzlichen Meinungen zu den Ereignissen oder Opposition im Land dulden. Nebenbei streift der Film auch den Gerichtsprozess um den Filmregisseur Oleg Sentsov, der nach Anschuldigungen terroristische Anschläge geplant hätte, zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde. Inna Denisova beklagt aber vor allem, den Verlust eines Stücks Heimat und die Unerbittlichkeit, wie um die Zugehörigkeit der Krim gestritten wird. Sie hat ein kleines Modell ihrer Krim für ihre Tochter gebaut, das am Ende symbolisch auseinandergenommen wird. Eine große Zukunft, wie sie von Russland beschworen wird, sieht sie für die Krim nicht.

***

(C) FilmFestival Cottbus

Ein Fazit des Spielfilmwettbewerbs folgt.

*

25FilmFestival Cottbus
Festival des osteuropäischen Films
3. bis 8.11.2015

Infos: http://www.filmfestivalcottbus.de

Zuerst erschienen am 07.11.2015 auf Kultura-Extra.

__________