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27. Film Festival Cottbus – Ein Fazit des Spielfilmwettbewerbs

Montag, November 20th, 2017

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Betrachtet man das diesjährige Angebot im Spielfilmwettbewerb des 27. FILMFESTIVALS COTTBUS, fällt auf, dass sich mehr als 25 Jahre nach dem Zusammenbruch des ehemaligen Ostblocks viele der Beiträge wieder mit den sozialen Verwerfungen der post-sozialistischen Gesellschaften in den Ländern Osteuropas beschäftigen. Die zum Teil radikal-ökonomischen Umwälzungen haben ihre Folgen hinterlassen. Nicht für jeden konnten sich die Träume von Freiheit und Wohlstand erfüllen.

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Besonders düster zeigen das zwei Spielfilme aus Albanien und Slowenien, die sich mit dem unmittelbaren sozialen Absturz ihrer Protagonisten beschäftigen. In Tagesanbruch / Daybreak von Regisseur Gentian Koçi kämpft die alleinerziehende Krankenschwester Violeta (Ornela Kapetani) um das tägliche Überleben. Sie ist nach einem Fall von Sterbehilfe aus der Klinik entlassen worden und verdingt sich nun als Pflegerin der ans Bett gefesselten Sophia, deren Tochter Ariana mit ihrem Mann in Frankreich lebt. Vom spärlichen Lohn kann Violeta ihre Wohnung nicht mehr bezahlen und wird von ihrem Vermieter kurzerhand vor die Tür gesetzt. Auch die Tagesmutter will den kleinen Sohn nicht mehr ohne Geld nehmen. Nachdem auch eine Freundin nicht mehr aushelfen kann, zieht Violeta ganz in Sophias Wohnung.

 

DAYBREAKFoto © OYMO

 

Als Ariana mit ihrem Mann bei einem Autounfall stirbt, ist Violeta ganz auf die schmale Rente der alten Frau angewiesen, von der nun auch noch die teuren Medikamente bezahlt werden müssen. In der beengten Wohnung steht die verzweifelte Frau zwischen dem neuen Leben ihres Sohns und einem, das sich dem Ende neigt. Zudem bittet Sophia um die Erlösung von ihren Leiden. Der Film zeigt die Ausweglosigkeit einer Frau, für die es keine Alternative oder soziale Sicherung gibt und sich jeder der Nächste ist. Violeta lässt sich schließlich auf eine folgenschwere Affäre mit dem Postmann, der jeden Monat die Rente bringt, ein. Der eindrucksvolle Film endet als verstörender Kriminalfall.

Den trostlosen Bildern von ghettogleichen Wohnburgen Tiranas stehen die einer zunächst noch relativ heilen Familienwelt im Film Die Familie / The Basics Of Killing gegenüber. Der slowenische Regisseur Jan Cvitkovič ist langjähriger Teilnehmer des Cottbuser Filmfestivals und hat schon einige Preise mitnehmen können. Mit seinem düsteren Sozialdrama, das die Auswüchse eines existenzvernichtenden Sozialgesetzes behandelt, konnte er allerdings bei der Jury nicht punkten. Eine gehobene Mittelklassefamilie aus Ljubljana fällt, nachdem beide Elternteile auf unglückliche Weise ihre Arbeit verlieren, ins sprichwörtlich Bodenlose. Sie sind, da für die Sozialleistungen Schätzungen ihres Gehalts von vor zwei Jahren herangezogen werden, nicht zuschussberechtigt. Cvitkovič malt den Abstieg in aller Dramatik aus. Der Zerfall der Familien, bedingt durch Streit der Eltern und Alkoholexzesse des Vaters, hinterlässt vor allem bei den Kindern seine Spuren, die schließlich damit beginnen, für die handlungsunfähig gewordenen Eltern Essen zu stehlen.

 

THE BASICS OF KILLINGFoto (c) Soul Food Distribution

 

Auch im aserbaidschanischen Spielfilm Der Granatapfelgarten / Pomegranate Orchad von Regisseur Ilgar Najaf führen ökonomische Zwänge zum familiären Drama. Der alte Shamil (Gurban Ismayilov) lebt mit seiner Schwiegertochter und deren Sohn von den Früchten seines Granatapfelgartens. Als nach 12 Jahren sein Sohn Gabil (Samimi Farhad) aus Russland wieder heimkehrt, gerät das sichere Gleichgewicht zwischen Natur und Familie aus den Fugen. Gabil hatte vor zwölf Jahren Frau und Kind verlassen, ohne je wieder von sich hören zu lassen. Durch Geschäfte angeblich reich geworden, will er nun seine Familie nach Moskau holen. Doch der Rückkehrer verheimlicht allen seine wahren Gründe. Regisseur Najaf ließ sich von Anton Tschechows Kirschgarten inspirieren und zeichnet in ruhigen Einstellungen eine Bild zwischen Tradition und Fortschritt, Einklang mit der Natur und rein wirtschaftlichen Interessen, denen nicht nur der Sohn sich gebeugt hat, sondern schließlich auch der Vater nachgeben muss.

Dass sich post-sozialistische Tristes auch ganz ohne Worte vermitteln lässt, zeigt der ukrainische Beitrag Black Level, der vom seelischen Verfall des Fotografen Kostya (Kostyantyn Mokhnach) handelt. In vielen stummen Einzelszenen führt Regisseur Valentyn Vasynovitch den eintönigen Alltag seines Protagonisten vor. Zwischen Auftragsarbeiten wie dem Fotografieren von Hochzeitpaaren und Kinderfesten sieht man Kostya bei langen Fahrten durch eine labyrinthartige Tiefgarage, beim Sex im Auto, dem Archivieren von alten Fotos und beim Klettertraining. Nachdem erst sein Vater und dann auch noch die Katze sterben, verfällt der schweigsame 50jährige immer mehr in eine stille Depression. Bilder von trüber Winterlandschaft, Plattenbauten und qualmenden Industrieanlagen erzeugen zusätzlich ein Bild der totalen Trostlosigkeit. Mitunter wirkt dieser semidokumentarische Stil allerdings schon etwas zu plakativ.

 

HEAD. TWO EARSFoto (c) Vitaly Suslin

 

Das den Wettbewerb in den letzten Jahren dominierende russische Kino war mit dem Spielfilm Ein Kopf. Zwei Ohren / Head, Two Ears von Regisseur Vitaly Suslin vertreten. Mit fast schon dokumentarischer Strenge zeigt Suslin zu Beginn den Alltag seines jungen Protagonisten auf dem russischen Land, der sich zwischen Viehstall, Suppe löffeln und Bier aus dem Dorfkonsum holen erschöpft. Ivan (Ivan Lashin) ist ein naiver, fast schon treudummer Kindskopf, der auf die Offerte eines Fremden ihn in die Stadt mitzunehmen, ohne lange zu überlegen eingeht. Dort wird er in einem schicken Konsumtempel neu eingekleidet, auf eine Kredit-Betrugs-Tour geschickt und schließlich in einem Edel-McDonald‘s allein zurückgelassen. Der Film begleitet Ivan nun dabei, wie er in stoischer Beharrlichkeit jeden noch so aussichtslosen Straßenverkaufsshop annimmt, um sich seinen Traum vom Glück, das in einem immer wieder eingespielten Naturidyll mit der Partnerin des Betrügers besteht, zu erfüllen. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit, die der Hauptdarsteller, der sich hier tatsächlich auch selbst spielt, dem Regisseur erzählt hat.

Wahre Begebenheiten sind immer wieder Inspirationsquellen für Filmemacher. So auch für den polnischen Regisseur Maciej Piepryza, der einen Kriminalfall aus den 1970er Jahren erst als Dokumentar- und nun als Spielfilm aufgegriffen hat. In I’m A Killer / Ich bin der Mörder verfilmte Piepryza die Suche nach dem berüchtigten „Vampir von Oberschlesien“. Der Mann hatte gedroht, zum 30. Jahrestag Volkspolens für jedes Jahr eine Frau zu ermorden. „Der Kommunismus ist rot wie Blut“, heißt es in einem Bekennerschreiben. Auf immerhin 12 Opfer hatte es der Serienmörder geschafft.

 

I’M A KILLERFoto (c) The Moonshot Company

 

Hauptakteur ist der junge Kommissar Janusz (Mirosław Haniszewski), der zur Lösung des Falls unverhofft zum Chef einer Sondereinheit ernannt wird. Da dem Killer auch die Schwägerin eines hohen Parteisekretärs zum Opfer fiel, müssen schnellstens Ergebnisse her, die Janusz mit Hilfe von psychologischen Profilen und neuester Computerauswertung erzielen will. Der Film zeigt nicht ohne Humor die graue Tristes des Katowicer Kohlereviers, seine prekären Gestalten und politischen Zwänge, denen das Team um den jungen aufstrebenden Kommissar ausgesetzt ist. Trotz dass bei einigen seiner Kollegen Zweifel an der Täterschaft des gefassten Verdächtigen aufkommen, bleibt Janusz hart und beginnt ein psychologisches Spiel mit dem Inhaftierten. Schließlich lässt er sich von den Vorgesetzen und politischen Machthabern korrumpieren und setzt alles daran, Zeugen, Gericht und sogar die Familie des Angeklagten zu manipulieren. Das ist spannend und glaubwürdig erzählt. Auch wenn der Film nach dem Mainstream und einer kommerziellen Verwertung schielt, mindert das die Regieleistung von Piepryza nicht und wurde von der Spielfilm-Jury sogar für preiswürdig erachtet. Mirosław Haniszewski bekam dazu noch den Preis für den besten männlichen Darsteller.

Auch der Preis für die beste Darstellerin geht nach Polen und komplettiert den polnischen Erfolg im Wettbewerb mit dem Spielfilm Wilde Rosen / Wild Roses der Regisseurin Anna Jadowska, was durchaus erfreulich ist, wird hier nicht nur das eindrückliche Portrait einer fragilen Frauenfigur prämiert, sondern geht der Hauptpreis für den besten Film endlich mal wieder an das Werk einer Regisseurin, wobei es in diesem Jahr tatsächlich nur ganze zwei Frauen mit ihren Filmen in den Wettbewerb geschafft hatten. Das konnte das Film Festival Cottbus durchaus schon besser.

 

WILD ROSESFoto (c) Ant!pode

 

Wilde Rosen führt aufs polnische Land, wo traditionell die katholische Kirche und geordnete Familienverhältnisse den Alltag bestimmen. Marta Nieradkiewicz spielt die junge Mutter Ewa, die sichtlich von dem Erwartungsdruck, der auf ihr lastet, überfordert scheint. Zudem fühlt sie sich von ihrem Mann, der lange Zeit auf Montage im Ausland war, alleingelassen und geht eine folgenschwere Affäre mit einem 16jährigen Jungen ein. Als ihr Mann zurückkehrt und von den Gerüchten im Dorf erfährt, bricht der Konflikt offen aus und drängt Ewa dazu, sich anzupassen, oder die Verantwortung für ihr Leben selbst zu übernehmen. Das ist eindrucksvoll gespielt und lässt einen nicht unberührt.

Wilde Rosen führt aufs polnische Land, wo traditionell die katholische Kirche und geordnete Familienverhältnisse den Alltag bestimmen. Marta Nieradkiewicz spielt die junge Mutter Ewa, die sichtlich von dem Erwartungsdruck, der auf ihr lastet, überfordert zu sein scheint. Zudem fühlt sie sich von ihrem Mann, der lange Zeit auf Montage im Ausland war, alleingelassen und geht eine folgenschwere Affäre mit einem 16jährigen Jungen ein. Als ihr Mann zurückkehrt und von den Gerüchten im Dorf erfährt, bricht der Konflikt offen aus und drängt Ewa dazu sich anzupassen oder die Verantwortung für ihr Leben selbst zu übernehmen. Das ist eindrucksvoll gespielt und lässt einen nicht unberührt.

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Mit Medienkritik beschäftige sich der rumänische Beitrag Breaking News von Regisseurin Julia Rugină. Der Film erzählt von der Recherche des Fernsehreporters Alex (Andi Vasluianu) für einen Nachruf auf seinen Kameramann, der bei einer gewagten Reportage in einer explodierten Fabrik ums Leben gekommen ist. Alex fühlt sich am Tod des Kollegen schuldig und beginnt dessen Tochter über das ihm unbekannte Leben ihres Vaters auszufragen.

Auch der bulgarische Beitrag Omnipräsent / Omnipresent von Regisseur Ilian Djevelekov behandelt mit einer ständig in der Öffentlichkeit präsenten Videoüberwachung ein gesellschaftliches Problem. Allerdings verlegt der Regisseur seinen Plot in den privaten Bereich, in dem der Werbemanager Emil (Velislav Pavlov) seine zur Entlarvung eines Diebs installierte Technik zunehmend für persönliche Zwecke ausnutzt und beginnt Gott zu spielen. Das führt neben dem Gefühl der absoluten Macht auch zu einigen unangenehmen Enthüllungen. Leider ist der recht geschwätzige Film auf die Dauer nicht wirklich interessant.

 

OUTFoto (c) Cercamon

 

Kommerzieller Erfolg sollte auch der slowakisch-ukrainischen Koproduktion Die Linie / The Line vom slowakischen Regisseur Peter Bebjak beschieden sein. Die tragikomische Mafia-Story über eine Bande Zigarettenschmuggler im Wandel der Zeit an der slowakisch-ukrainischen Grenze erinnert mit ihrem Soundtrack, den skurrilen Typen und einem guten Schuss schwarzem Humor an Balkanfilme von Emir Kusturica. Nebenbei behandelt der Film auch aktuelle Problemthemen wie durch skrupellose Schleuserbanden ausgenutzte Flüchtlinge, den Drogenschmuggel und korrupte Polizeibeamte.

Auch der ebenfalls breit koproduzierte Spielfilm Out vom ungarischen Regisseur György Kristóf ist ein filmischen Kleinod, das nicht unerwähnt bleiben sollte. Der Film folgt dem mit seiner Familie in der Slowakei lebenden Ungarn Ágoston (Sándor Terhes) auf Arbeitssuche nach Lettland. Schon sein Anstellungsgespräch auf einer Werft ist mehr als merkwürdig. Der gutmütige Anglerfreund Ágoston ist Ausländerfeindlichkeit ausgesetzt und muss sich nach seiner Entlassung durch die lettische Winterlandschaft schlagen, wo er ausgestattet mit einem ausgestopften Hasen ohne Ohren auf weitere skurrile Typen wie einen russischen Geschäftsmann mit seiner schönheitsoperierten Superfrau trifft. Was Ágoston antreibt, ist die Sehnsucht nach dem Meer. Mit seinem alkoholgeschwängerten aber sonst recht trockenen Humor atmet der Streifen ein gehörige Prise Kaurismäki-Flair.

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27. FilmFestival Cottbus
Festival des osteuropäischen Films
07. bis 12.11.2017
Infos: http://www.filmfestivalcottbus.de/de/

Zuerst erschienen am 14.11.2017 auf Kultura-Extra.

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Nationale Vergangenheitsaufarbeitung beim 27. Festival für den osteuropäischen Films in Cottbus

Montag, November 20th, 2017

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Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist immer wieder Thema vieler Filme auf dem 27. Cottbuser Festival des osteuropäischen Films. So auch in diesem Jahr, das an Jubiläen nicht arm ist. Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution in Russland gab es z.B. die deutsche Animations-Doku 1917 – Der wahre Oktober und einen georgischen Spielfilm über die letzten Tage des bis heute umstrittenen ersten, 1991 demokratisch gewählten Präsidenten Zviad Gamsakhurdia zu sehen. Khibula / Vor dem Frühling von George Ovashvili lief im offiziellen Wettbewerb. Der georgische Regisseur konnte bereits 2014 mit seinem poetisch stillen Filmdrama Die Maisinsel im Wettbewerb überzeugen. In Khibula kämpft sich ein erschöpfter Ex-Präsident (Hossein Mahjoub) mit ein paar getreuen Kämpfern von Unterschlupf zu Unterschlupf durch die verschneiten Wälder und Berge Georgiens.

Die Männer singen, halten patriotischen Reden zum Zusammenhalt des Landes. Doch den Präsidenten plagen sichtlich Selbstzweifel. Immer wieder träumt er von einer „Judas“ rufenden Menge. Auf die Frage nach seinen Plänen verweist der alte Mann nur auf Gott, den Allmächtigen, dessen Pläne er als sein Werkzeug ausführe. Immer wieder holt er eine Pistole aus seiner Aktentasche, was wohl auf die bis heute ungeklärten Todesursachen in einem verlassenen Haus im besagten Ort Khibula anspielen soll. Der Tod ist hier die ganze Zeit anwesend. George Ovashvili zeigt ein entthrontes Idol, das einst Hoffnung auf Einheit, Brüderlichkeit und Freiheit nun vom Sockel gestoßen nicht abzutreten vermag.

 

KHIBULAFoto © Pluto Film Distribution Network GmbH

 

Der Film verliert sich in den Weiten der Natur, deren Stille laut Regisseur ein Symbol für das alles umgebende Chaos sein soll. Es bricht hier mit Granateinschlägen und Hubschrauberlärm ein. Zur Wahrheitsfindung trägt dieser Film sicher nicht bei, dazu gibt es bis auf ein paar Radioeinspielungen kaum Informationen zu den Hintergründen des Putsches und der Rolle Gamsakhurdias, der von der Opposition auch als Diktator bezeichnet wurde. Ovashvili bleibt mit Khibula seinem poetischen Filmstil treu und konzentriert sich ganz auf die Natur und die Einsamkeit seines Protagonisten.

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Neben den postsozialistischen Umwälzungen liegt nach wie vor auch der Zweite Weltkrieg im Fokus der osteuropäischen Filmschaffenden. Nach Filmen zum Massaker an polnischen Offizieren durch die Rote Armee im Jahr 1940 und dem Warschauer Aufstand im Jahr 1944 ist nun die filmische Aufarbeitung des 1943-44 von der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) an der polnischen Zivilbevölkerung verübten Massakers von Wolhynien an der Reihe.

Kaum ein Landstrich in Europa ist dermaßen vom Wandel der Zeiten und Regime geprägt worden wie das im Osten der damaligen Republik Polen gelegene Grenzgebiet zur Ukraine. Die Herren wechselten hier immer wieder. Vor dem Ersten Weltkrieg gehörte Wolhynien wie das benachbarte Galizien zur Habsburger Donaumonarchie. Nach deren Auflösung fiel das Gebiet an die neu gegründete Republik Polen. Die erste Vertreibungswelle infolge des Ersten Weltkriegs traf die im 19. Jahrhundert dort angesiedelten Wolhynien-Deutschen. 1939 setzte sich die Bevölkerung Wolhyniens aus etwa 70 Prozent Ukrainern, 16 Prozent Polen und 10 Prozent Juden zusammen.

Im Sommer 1939 setzt auch der von Regisseur Wojtek Smarzowski gedrehte polnische Spielfilm Wolhynien ein. Der Streifen lief in Cottbus in der Sektion „Nationale Hits“, was das momentane nationale Interesse des bereits vor einem Jahr in den polnischen Kinos angelaufenen Films bestens wiederspiegeln dürfte. Die Massaker von Wolhynien sind eines der wohl traumatischsten Ereignisse der polnischen Geschichte und wurden während der Zeit des Ostblocks so gut wie totgeschwiegen. Auch jetzt noch sorgt dieses Thema für Unstimmigkeiten in den Beziehungen zum Nachbarland Ukraine. Bereits zum 70. Jahrestag 2013 sprach man von polnischer Seite über ethnische Säuberungen. Im Juli 2016 hat das polnische Parlament, in dem die PiS die absolute Mehrheit hat, eine Resolution verabschiedet, die das Massaker an ca. 100.000 Polen sogar als Genozid bezeichnet.

Der Film hat alte Wunden wieder aufgerissen und einen Streit über alten und neuen Nationalismus in Polen und der Ukraine entfacht, sind doch beide Seiten nicht frei davon. „Reinigen wir das Land von den Polen!“ predigt ein orthodoxer Priester im Film und segnet hochgereckte Äxte, Sicheln und Heugabeln. Das Blut der Polen soll die Flüsse tränken. Was dann auch im letzten Drittel des Films bildlich umgesetzt wird. Die Gräueltaten der Ukrainer kennen da keine Grenze mehr. Dabei lässt Regisseur Smarzowski seinen Film im sommerlichen Idyll einer polnisch-ukrainischen Hochzeit beginnen. Doch schon bei den traditionellen Feierlichkeiten kommt es immer wieder zu Sticheleien und dem Austausch offener Ressentiments zwischen den beiden Volksgruppen. Wolhynien zeigt den Konflikt anhand zweier ethnisch gemischter Liebespaare. Eines, das seine Liebe zunächst feiern kann und eines, das voneinander getrennt Krieg, Hass persönliches Leid erleben muss.

Die Zuschauer erleben die Niederlage der polnischen Armee gegen die deutsche Wehrmacht im September 1939, den Einmarsch der Roten Armee nach dem Stalin-Hitler-Pakt, bei dem die Ukrainer zumeist noch den neuen kommunistischen Machthabern zujubeln, während die als reiche Kulaken verschrienen Polen enteignet und nach Sibirien transportiert werden. Die Fahnen wechselt man wieder, als die Wehrmacht 1941 die Russen vertreibt und Hitler der neue Herr und Garant für die ukrainische Unabhängigkeit wird. Schikaniert stehen dazwischen immer wieder die Polen, sieht man mal vom systematischen Mord an der jüdischen Bevölkerung ab, der hier nicht ausgeblendet wird.

 

VOLHYNIAStill (c)Krzysztof Wiktor, Film it

 

Emotional packend ist die filmische Umsetzung gerade durch die Entscheidung, den Konflikt aus Sicht einer jungen polnischen Frau zu erzählen, die wider Willen einen älteren polnischen Witwer heiraten muss, ihrem ukrainischen Geliebten aber nicht vergessen kann. Zofia (Michalina Łabacz) erwartet ein Kind von ihm und zieht später auch noch die Kinder ihres von Ukrainern ermordeten Manns mit auf. Sie versteckt Juden und pflegt einen verwundeten polnischen Widerstandskämpfer. Ob nun Opferrolle oder Identitätsfigur für nationales Heldentum, dem aufkeimenden Nationalismus in Polen bieten sich hier natürlich viele Anknüpfungspunkte, auch wenn die Ressentiments der Polen gegenüber den Ukrainern und Racheaktionen von Polen an ukrainischen Familien nicht ausgespart werden. Spätestens wenn die Protagonistin durch die Nacht des Brandschatzens und der äußerst blutig geschilderten Mordtaten der Ukrainer an den polnischen Dorfbewohner geistert und wie durch ein Wunder überlebt, lassen einen die Bilder nicht mehr los.

Der ukrainische Nationalismus wird hier vor allem durch orthodoxe Würdenträger und fanatische Freischärler der UPA geschürt, auch wenn es durchaus mahnende Gegenstimmen im Film gibt. Einerseits feiert man die Mitglieder der UPA in der Ukraine wieder offiziell als nationale Helden, anderseits kniete Präsident Petro Poroschenko bei einem Polenbesuch vor dem Wolhynien-Mahnmal in Warschau. Auch von russischer Seite gab es ein reges Medieninteresse an den Filmarbeiten. Die Versuchung, das Thema propagandistisch auszuschlachten ist groß. Wojtek Smarzowski wehrt sich aber tapfer gegen jede Art der politischen Vereinnahmung und hat polnische Preisgelder für Projekte zur Völkerverständigung gespendet. Der Regisseur will mit diesem Film, wie er selbst betont, Brücken bauen. Ob diese Form der Aufarbeitung dazu taugt, wird sich noch zeigen müssen.

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Ganz anders geht der junge, in Deutschland lebende, polnische Regisseur Kristof Gerega an das schwierige Thema Wolhynien. In der Reihe „Specials“ zeigte das Festival seinen Dokumentarfilm Nicht mehr unsere Heimat / No longer our Homeland. Geregas Großeltern lebten vor dem Zweiten Weltkrieg im Dorf Hanaczów in Wolhynien. Nach deren Tod tauchten etliche Briefe und Fotografien aus der Zeit und noch mehr Fragen beim 1981 geborenen Regisseur auf. Er hat sich zunächst mit kleinem Filmteam auf eine Reise nach Radzimów an der deutsch-polnischen Grenze gemacht, wo die Familie seit der Umsiedlung nach dem Krieg lebte. Dort treffen sie zunächst Geregas Onkel Jan und weitere ehemalige polnische Bewohner Wolhyniens, die von ihren Kindheitserlebnissen berichten.

 

NO LONGER OUR HOMELAND Foto © Schuldenberg Films

 

Der Regisseur stellt seinem Film ein Zitat voran, das von der Erinnerung als einem kollektiven Prozess, der einer gewissen Evolution unterworfen ist, spricht. Ein alter polnischer Bauer möchte dann die Tragödie auch lieber ruhen zu lassen. Schlussstrichdebatten sind nicht unbekannt bei der Verdrängung schmerzhafter Ereignisse aus der nationalen Vergangenheit. Andererseits haben sich zwei Seiten der Wahrheit über die Ereignisse herausgebildet, was auch in den Befragungen von den heute in den Dörfern Wolhyniens lebenden Ukrainern zeigt. Es geht Gerega letztendlich aber nicht um die Suche nach einer endgültigen Wahrheit, sondern um das Reden über die Vergangenheit, was für ihn vor allem ein Prozess des Lernens ist.

Während sich in Polen immer mehr Leute dafür interessieren, es einen Rat für das Gedenken an die Opfer gibt und Pfadfindergruppen die alten Friedhöfe in der Ukraine säubern, tut man sich dort mit der Erinnerung eher schwer. Gerega lässt sich die Orte zeigen und die Menschen reden, fragt nur hin und wieder behutsam nach. Alte Frauen singen ukrainische Nationalweisen, bei einem Dorffest preist man die Heimat, aber ein Redner verweist auch auf die einstigen polnischen Mitbürger. Weitere Protagonisten sind Andrij, ein junger polnischer Historiker und der 87jährige Edward, der sich seit den 1970er Jahren für die Errichtung eines Denkmals am Ort des Massakers einsetzt und dem Regisseur seine Pläne dafür vorstellt. Später zeigt Gerega ihm sein Filmmaterial aus der alten Heimat, die der alte Mann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr besuchen kann.

Man erfährt auch von der Errichtung eines Kreuzes, das polnische Pfadfinder ohne Erlaubnis der ukrainischen Behörden dort aufgestellt haben. Wer seine Vergangenheit nicht bewältigt, riskiert, dass national eingestellte Kreise sich dieser bemächtigen. Gerega spricht davon, dass beide Seiten sich als Opfer sehen und gegenseitig beschuldigen. Eine dritte Seite zeigt der Regisseur mit der Vorstellung eines in Niederschlesien aufgewachsenen Deutschen, der Fahrten ins polnische Grenzgebiet organisiert, wo heute die Nachfahren der zwangsumgesiedelten Wolhynier in den Häusern der 1945 vertriebenen Deutschen leben, die ebenfalls noch lange die Hoffnung auf eine Rückkehr hatten. Der Krieg hat Tatsachen geschaffen, denen sich auch spätere Generationen stellen müssen.

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Khibula / Vor dem Frühling
Georgien, Deutschland, Frankreich, 2017, 99 Min
Regie: George Ovashvili
Drehbuch: Roelof Jan Minneboo, George Ovashvili
Kamera: Enrico Lucidi
Ton: Johannes Doberenz
Schnitt: Sun-Min Kim
Ausstattung: Ariunsaichan Dawaachu
Musik: Josef Bardanashvili
Darsteller: Hossein Mahjoob, Kishvard Manvelishvili, Nodar Dzidziguri, Lika Babluani, Zurab Antelava, Lidia Chilashvili, Galoba Gambarov
Produzent: George Ovashvili
Produktion: Alamdary
Co-Produktion: 42 film, Arizona Productions

Infos: http://www.plutofilm.de

Wołyń / Wolhynien / Volhynia
Polen, 2016, 150 Min
Regie und Drehbuch: Wojtek Smarzowski
Kamera: Piotr Sobociński jr.
Ton: Jacek Hamela, Katarzyna Dzida-Hamela
Schnitt: Paweł Laskowski
Ausstattung: Marek Zawierucha
Musik: Mikołaj Trzaska
Darsteller: Michalina Łabacz, Lech Dyblik, Arkadiusz Jakubik, Vasili Vasylyk, Adrian Zaremba, Jacek Braciak, Iza Kuna, Oleksandr Chesherov
Produzent: Dariusz Pietrykowski, Andrzej Połeć, Feliks Pastusiak
Produktion: Film It
Co-Produktion: National Audiovisual Institute, OXY Net, Polish Public Television TVP S.A., Canal+ Poland, Andrzej Łudziński Productions, Odra Film, National Centre for Culture

Infos: http://www.filmit.com.pl

Nicht mehr unsere Heimat / No longer our Homeland
Deutschland, 2017, 92 Min
Regie und Drehbuch: Kristof Gerega
Kamera: Fabian Altenried
Ton: Kristof Gerega
Schnitt: Kristof Gerega
Produzent: Kristof Gerega
Produktion: Schuldenberg Films
Co-Produktion: Weltfilm, Film Art Production

Infos: http://www.schuldenbergfilms.com

Weitere Infos siehe auch: http://www.filmfestivalcottbus.de/

Zuerst erschienen am 12.11.2017 auf Kultura-Extra.

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Revolutionsgedenken im Kino und Theater – „1917 – Der wahre Oktober“ von Katrin Rothe beim 27. Filmfestival Cottbus und „Lenin“ von Milo Rau in der Berliner Schaubühne

Montag, November 13th, 2017

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1917 – Der wahre Oktober – Regisseurin Katrin Rothe erzählt in ihrer Animations-Doku die russische Oktoberrevolution aus Sicht der Künstler

2017 jährt sich zum 100. Mal die sogenannte Oktoberrevolution, bei der die Bolschewiki gewaltsam die Macht über Russland an sich riss. Zu diesem Thema ist in unzähligen Geschichtsbüchern viel geschrieben worden. Fünf Jahre nach der Oktoberrevolution begann Lenin auch das Medium Film für Propagandazwecke zu nutzen. Bekanntestes Filmzeugnis der damaligen Ereignisse ist der 1927 von Sergei Eisenstein (Regisseur des berühmten Stummfilms Panzerkreuzer Potemkin über die gescheiterte Revolution von 1905) gemeinsam mit seinem Kollegen Grigorij Alexandrow gedrehte Revolutionsfilm Oktober, in dem der legendäre Sturm auf das Winterpalais im Stile eines Dokumentarfilms nacherzählt wird. Das sind nach wie vor die Bilder, die im Gedächtnis der Menschheit mit diesem die Welt erschütternden Ereignis in Verbindung gebracht werden.

Regisseurin Katrin Rothe wollte aber wissen, „wie die Revolution damals von Künstlern erlebt wurde“. Geschichten aus erster Hand sozusagen. Die Grimme-Preisträgerin hat anhand der Aufzeichnungen von 5 Protagonisten aus der St. Petersburger Künstlerszene, die in jener Zeit aktiv an den Umwälzungen beteiligt waren, eine ganz spezielle filmische Dokumentation aus Sicht der kreativen russischen Avantgarde und Intelligenzija auf das Jahr 1917 geschaffen. Rothe projiziert die Ereignisse ausgehend von der Februar-Revolution und der Abdankung des Zaren über die Zeit der Doppelherrschaft der Sowjets und provisorischen Kerenski-Regierung bis zum Sturm auf das Winterpalais durch die Bolschewiki im Oktober auf einem roten Zeitstrahl in ihrem Wohnzimmer.

Für ihren dokumentarischen Animationsfilm 1917- Der wahre Oktober benutzte die Regisseurin die konventionelle Legetricktechnik, bei der Figuren aus Papier, Pappe und Stoff in vielen Einzelaufnahmen vor einem gezeichneten oder auch realen Hintergrund bewegt werden. So entstehen recht kunstvolle und lebendige Bilder, die heraus aus den Salons der Künstler immer wieder die Stimmung auf den Straßen zeigen und reflektieren. So etwa in den Tagebuchaufzeichnungen der skandalumwitterten Dichterin Sinaida Hippius, die einen legendären Künstlersalon in Petersburger unterhielt und eng mit dem Chef der Übergangsregierung Alexander Kerenski befreundet war. Über damaligen Massenproteste gegen den Krieg und Hunger in Russland vor der Duma schrieb sie: „Gut wäre es, wenn man blind und taub wäre, einfach kein Interesse zeigte, Gedichte schriebe von Ewigkeit und Schönheit. Ach wenn ich das nur könnte.“ Aber sie weiß auch um bevorstehenden Zusammenbruch der alten Macht der Obrigkeit und ihrer erfolglosen Politik der immer weiteren Entfernung vom Volk. „Deshalb wird das, was kommen wird, nackt und bloß sein, von unten kommend“, prophezeit die düster aus ihrer Wohnung schauende Dichterin den kommenden Umsturz.

 

1917 – Der wahre Oktober(c) Katrin Rothe Filmproduktion

 

Dagegen ist die Begeisterung des jungen futuristischen Dichters Wladimir Majakowski, der bei den motorisierten Truppen in Petersburg stationiert ist, nahezu grenzenlos. Er schreibt eine Poetokronik der Revolution, beteiligt sich an Demonstrationen und Versammlungen und sieht die Bolschewiki der Kunst heraufziehen. Seine Aufritte mit Schiebermütze und roter Schleife am Reverse sind mit Beatboxing unterlegt. Ähnlich ist es mit dem avantgardistischen Maler und Soldaten Kasimir Malewitsch, der ein revolutionäres Manifest der Kunst nach dem anderen veröffentlicht und in einer farbig bunten, seine suprematistischen Kunst wiederspiegelnden Kleidung dargestellt ist. Allerdings blieb es nicht bei der anfänglichen Euphorie. Malewitsch wurde 1926 als avantgardistischer Künstler und Hochschullehrer von Stalin kaltgestellt. Majakowski nahm sich 1930 enttäuscht das Leben.

Nachdenklicher und reflektierten sind da die später in Paris geschriebenen Memoiren des Maler und Kunstkritikers Alexander Benois. Er engagiert sich zusammen mit dem Schriftsteller Maxim Gorki in einem marxistischen Künstlerkomitee, das zunächst in Gorkis Wohnung tagte, sich später nach der Oktoberrevolution aber wieder auflöste. Auch Gorki als Marxist und langjähriger Weggefährte Lenins ist skeptisch und glaubt nicht an den Sieg der Straße. Er schreibt viel in der Zeitschrift Nowaja Shisn, kritisiert Plünderungen und Kunstvandalismus, ist sogar für eine Weiterführung des Krieges. Mehr oder weniger aber werden diese kritischen intellektuellen Geister, wie auch die gegen die wachsende Agitation der Bolschewiki argumentierende Dichterin Hippius, vom Druck der Straße überrollt.

 

1917 – Der wahre Oktober(c) Katrin Rothe Filmproduktion

 

Was die unzufriedenen Massen eint, sind der Hunger und der Hass auf den Krieg und die nicht handelnde provisorische Regierung. Immer wieder schneidet die Regisseurin schwarze bewaffnete Kämpferreihen aus und lässt sie über blutrote Straßen marschieren. Die alte Macht bricht zusammen. Erste Struktur bekommt der Aufstand durch die Bildung der Arbeiter- und Soldaten-Räte. Das Volk aus Arbeitern, Bauern und desertierten Soldaten, dem die zumeist noch im Exil oder der Verbannung lebenden Führer fehlen, organisiert sich selbst. Dafür, wie diese revolutionäre Situation durch die zahlenmäßig gar nicht so bedeutende Bolschewiki unter Lenin und Trotzki ausgenutzt werden konnte, kann der Film zwar auch endgültige keine Erklärung bieten. Er bildet aber ein der Ästhetik der Zeit gerechtes filmisches Kunstwerk, das gut die schwierige Rolle der Kunst in der Revolution zeigt.

Erfreulich ist, dass der bereits im Mai angelaufene Film nun nochmal in der Reihe „Bruderkuss: Vision und Alltag – Sozialistische Realitäten im osteuropäischen Kino“ beim 27. Filmfestival Cottbus zu sehen war. Der 90minütige Streifen kann noch bis zum 1. Dezember in einer gekürzten Fassung in der Mediathek des koproduzierenden Senders arte gesehen werden.

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1917 – Der wahre Oktober
Deutschland/Schweiz (2017)
Buch & Regie: Katrin Rothe
Musik: Thomas Mävers
Montage: Silke Botsch
Storyboard: Caroline Hamann
Maximilian Brauer spricht Wladimir Majakowski
Hanns Zischler spricht Benois
Claudia Michelsen spricht Sinaida Hippius
Martin Schneider spricht Maxim Gorki
Arno Fuhrmann spricht Kasimir Malewitsch
Thomas Mävers, Komposition
Silke Botsch, Montage
Caroline Hamann, Storyboard
Jonathan Webber, Character Design
Werner Schweizer, Koproduzent, Dschoint Ventschr
Peter Roloff, Koproduzent für maxim film
Character-Design: Jonathan Webber
Schattenfiguren-Design: Nino Christen, Keti Zautashvili
Hintergrundzeichnung: Alma Weber, Caterina Wölfle
Siebdruck: Susann Pönisch
Farbgestaltung und Lettering: Tonina Matamalas
Figurenbau/Kostüm: Hélène Tragesser, Alma Weber, Lydia Günther, Doris Weinberger, Tamari Bunjes, Maria Steimetz
Animation: Lydia Günther, Lisa Neubauer, Caroline Hamann Gabriel Möhring Matthias Daenschel, Jule Körperich
Weitere Animationen: Karin Demuth, Kirill Abdrakhmanov, Caterina Wölfle, Donata Schmidt-Werthern, Thurit Antonia Kremer, Maria Szeliga
Lineproducing Animation: Katrin Rothe
Compositing: Matthias Daenschel, Rainer Ludwigs, Felix Knöpfle, Thorsten Pengel, Katrin Rothe
Kamera Animation: Björn Ullrich, Markus Wustmann
Assistenzen: Anna Maysuk, Gregor Stephani, Donata Schmidt-Werthern, Lara Czielinski, Lina Walde, Knut Rothe, Jenefer Flach
Kamera: Thomas Schneider, Robert Laatz
Ausstattung: Dennis Hannig
Standfotos: Thomas Funk
Sound Design: Anders Wasserfall
Beatbox-Artist: Das Friedl
Geräuschemacher: André Feldhaus, Urs Krüger
Sprachaufnahmen Deutsch: Klemens Fuhrmann, soundcompany berlin audiopost
Sprachaufnahmen Englisch: Ramon Orza, Tonstudios Z.
Musikaufnahmen: Stefan Ulrich, palais aux etoiles
Tonmischung: Oliver Sroweleit, Studio Nord Bremen

Infos: http://www.1917-derfilm.de/

Zuerst erschienen am 09.11.2017 auf Kultura-Extra.

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A schöne Leich – An der Berliner Schaubühne inszeniert Milo Rau einen Tag im Sterben des großen Revolutionsführers Lenin.

Ursina Lardi als Lenin von Milo Rau & Ensemble an der Schaubühne
Foto (c) Thomas Aurin

Wladimir Iljitsch Uljanow (1870-1924), genannt Lenin, ist eine unsterbliche russische Revolutionsikone, einbalsamiert und zur Schau gestellt in einem Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau. Man kann sein Konterfei auf T-Shirts kaufen, es ziert Fahnen und Bücher. Ähnliche Popularität genießen nur noch Männer wie Mao Zedong, Hồ Chí Minh oder Che Guevara. Alle samt Pop-Ikonen der kommunistischen Weltrevolution. Lenin könnte man aber als deren Vater bezeichnen. Der nach ihm benannte Leninismus ist eine an die Gegebenheiten des zaristischen Russlands angepasste Variante der politisch-ökonomischen Lehren von Karl Marx. Nach Lenins Tod nannte es sein Nachfolger Stalin dann auch ganz pragmatisch Marxismus-Leninismus. Bestimmend für diese Weltanschauung ist die Führung einer sogenannten kommunistischen Partei neuen Typus. Letztendlich kann man diese Parteiideologie auch als einen wissenschaftlich verbrämten Personenkult bezeichnen, womit wir dann wohl auch beim Thema des Theaterabends Lenin, den der Schweizer Recherchetheatermacher Milo Rau für die Schaubühne am Lehniner Platz inszeniert hat, wären.

Pünktlich zum 100. Jahrestag der von Lenin mitinitiierten Großen Sozialistischen Oktoberrevolution in Russland widmet man sich also an der Schaubühne – nach einem Ausflug in die Ursachen des Niedergangs der europäischen Linken mit der Ostermeier-Adaption von Didier Eribons vieldiskutiertem Sachbuch Rückkehr nach Reims – nun den Anfängen des Umsturzes bürgerlich-kapitalistischer Regierungssysteme und der Machtergreifung marxistisch-leninistischer Diktaturen des Proletariats. In Russland musste im Februar 1917 der Zar infolge einer bürgerlichen Revolution abdanken. Es kam zunächst zu einer Doppelherrschaft von Parlament (Duma) und Arbeiter- und Soldatenräten (Sowjets). Für Herbst war die Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung geplant. Im Oktober stürzten dann aber bewaffnete Teile der Sowjets unter der Führung der Bolschewiki die provisorische Kerenski-Regierung und ergriffen die Macht. Über die Fakten im Hintergrund des Streits um den Austritt Russlands aus dem Ersten Weltkrieg kann man viel diskutieren. Der revolutionären Situation in Russland gilt hier aber nicht vorrangig das Interesse Milo Raus.

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Das Stück setzt erst wesentlich später kurz vor Lenins Tod ein. Auf einer Datscha vor Moskau siecht der durch einen Schlaganfall gezeichnete Revolutionsführer vor sich hin. Auf der Bühne ist dazu eine recht detailgetreue Nachbildung des Hauses mit mehreren Zimmern und Veranda gebaut. Zwei Live-Kameramänner verfolgen das Geschehen im Inneren des sich beständig drehenden Bühnenbilds. Das Schaubühne-Ensemble sitzt am Beginn noch außerhalb auf Stühlen vor Schminktischen und lässt sich für den Abend vorbereiten. Eine kleine Einführung gibt der in Österreich geborene Schauspieler Felix Römer. Im breiten Wienerisch erzählt er über seinen Vater, der Trotzkist war und ihm ein Buch Trotzkis zum Lesen gab, was ihn bis heute tief beeindruckt. Römer wird an diesem Abend den Parteigenossen Lenins und Mitbegründer der Roten Armee spielen. Er referiert noch eine wenig über Wiener Kaffeehauskommunisten und dass Trotzki ja in Wien im Exil und viel im Theater war.

 

Ursina Lardi als Lenin von Milo Rau & Ensemble an der Schaubühne – Foto (c) Florian Baumgarten

 

Dagegen setzt der in Quedlinburg geborene Schauspieler Kay Bartholomäus Schulze (hier Lenins Leibarzt) die Verwunderung über die Leute im Westen, für die Lenin und Trotzki immer noch Idole sein können. Irgendwie beneidet er sie auch dafür, aber „ich hab’s 23 Jahre lang erlebt, den real existierenden Sozialismus und am Ende diese bleierne Schwere, das reicht mir!“ Damit sind zwei Positionen gesetzt, die nicht unbedingt ein reines Ost-West-Ding sind. Die Zu- und Abneigung gegenüber kommunistischen Thesen dürfte heute relativ gleich verteilt sein. Zwischen den beiden Darstellern sitzt Ursina Lardi. Sie wird Lenin verkörpern, zunächst noch ungeschminkt, später in realistischer Maske mit Spitzbart und Halbglatze. Das wächserne Gesicht der Revolution. Oder wie es Schulze von einem Besuch des Leninmausoleums berichtet, ein Heiligenbild, eine umstrahlte Ikone.

Der Abend beschreibt nun fast minutiös die fortschreitende Isolierung und beginnende Ikonisierung der Person Lenins und die Gleichschaltung eines ganzen Weltanschauungsapparats durch die Perfidie seines plumpen Nachfolgers Stalin (dargestellt von Damir Avdic), der später diesen Personenkult mit der Einbalsamierung Lenins beginnt und systematisch auf sich ausweitet, indem er alle weiteren Figuren aus dem Kreise Lenins kaltstellt, umbringen lässt und so nach und nach zu Randfiguren der Geschichte degradiert. Bemerkenswert hier sein Auftritt bei Lenins Frau (Nina Kunzendorf), der er ins Gesicht und die Augen greift, wie als wolle er plastisch die Einbalsamierung Lenins erklären. Eine brutale Besitzerklärung, ein Ansichreißen des Erbes noch zu Lebzeiten. Lenin bekommt keine Sitzungsprotokolle mehr, das Telefon ist abgeschaltet, und der Revolutionsführer wird rund um die Uhr bewacht. In einem Totenhaus der Revolution, das wie ein düsteres Spukfilmhaus seine Runden dreht.

 

Lenin in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (c) Thomas Aurin

 

Diese bleierne Schwere und Agonie der Szene überträgt sich natürlich auch unweigerlich auf das Publikum, das damit je nach eigener Konditionierung umgehen muss. Wer sich für das genaue Beobachten und Zuhören entscheidet, wird einiges Interessanten finden können, was in der Geschichte politische Machtapparate aller Couleur auszeichnet, verurteilt zum Siegen oder Scheitern zu müssen, zwischen Opportunismus, Kadavergehorsam, Brutalität und Gewissenlosigkeit. Der drohende körperliche Verfall Lenins geht mit einer Verzweiflung einher, etwas nicht beenden zu können, was man einmal angefangen hat. Ursina Lardi spielt ihren Lenin mal herrisch, abweisend und dann wieder anhänglich gegenüber seiner Frau, im Wissen, sich gegen das Ende nicht mehr wehren zu können. Neben ihm Komparsen, Bürokraten und Schlächter im Namen des „Neuen Menschen“. Die Totengräber einer Idee. Ein Riss trennt immer noch oben und unten, die politischen Eliten vom Volk. „Die Revolution hat und nichts gebracht. Die Menschen sind nur noch dreckiger und gemeiner geworden.“ sagt Lenins Leibwächter (Konrad Singer).

Mit aus verschiedenstem Recherchematerial destillierten Gesprächen und einzelnen Monologen baut Rau einen Tag, an dem der Kopf der Revolution dahindämmert und schlussendlich nach einer letzten Rede an die Umstehenden, in der er noch mal Bourgeoisie und „sogenannte Demokraten“ geißelt, zusammenbrechend über der Kloschüssel landet. Eine Ansprache an die Arbeiter, zu denen die Linke heute mehr denn je den Kontakt verloren hat. Das Ergebnis ist bekannt. Dazu lässt Rau viel Bach spielen, leise grollt Donner im Hintergrund, und das Ende markiert „Who by Fire“ von Leonard Cohen, ein Song über verschiedene Todesarten, inspiriert von einem jüdischen Gebet. Nichts ist hier Zufall, alles funktioniert als Kommentar oder Spiel mit den Mitteln des Films und Theaters.

„Wie würden sie Lenin darstellen?“ fragt Lardis Lenin einmal den Volkskommissar für Bildung Lunatscharski (Ulrich Hoppe). Ob nun als Mensch oder Ikone, die Inszenierung wird Lenin nicht vom Thron der geschichtlichen Verklärung stoßen können. Rau will sich auch nicht generell von den Zielen einer politischen Revolution verabschieden, sondern laut Programmbuch alles in einen größeren Zusammenhang setzen. Dazu gibt es weitere Veranstaltungen wie das von ihm Anfang November in der Schaubühne geplante Weltparlament „General Assembly“ oder ein Reenactment des Sturms auf das Winterpalais auf dem Platz vor dem Deutschen Bundestag. Wie man heute revolutionär denken und handeln könnte, verrät der Abend nicht. Das Sterben oder Weiterleben von Utopien dürfte davon auch weitestgehend unberührt bleiben.

 

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LENIN (Schaubühne, 21.10.2017)
von Milo Rau & Ensemble
Die Uraufführung war am 19.10.2017 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Regie: Milo Rau
Bühne und Kostüme: Anton Lukas, Silvie Naunheim
Video: Kevin Graber
Dramaturgie: Stefan Bläske, Florian Borchmeyer, Nils Haarmann
Recherche: Gleb J. Albert
Licht: Erich Schneider
Mit: Damir Avdic, Veronika Bachfischer, Iris Becher, Ulrich Hoppe, Nina Kunzendorf, Ursina Lardi, Felix Römer, Kay Bartholomäus Schulze, Konrad Singer, Lukas Turtur
Termine: 16., 17., 18., 19.11. / 05., 09., 10.12.2017

Infos: https://www.schaubuehne.de/

Zuerst erschienen am 23.10.2017 auf Kultura-Extra.

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